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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Staccate, der Verfasser und andere Ruinen

Indessen, meine lieben Mit-Reichen, ich habe euch nicht eingeladen, um euch das Liebesmenuett von Mosel und Rhein zu schildern; ihr könnt es euch ja auf jeder Eisenbahnkarte von Mittel-Europa ganz bequem selber ansehen. Ich will euch meine eben erst erworbenen Schätze zeigen und gleichzeitig andere veranlassen, in der Mine, die mir vor ein paar Nächten erschlossen wurde, mitzuschürfen.

Vor allem verlange ich aber ganz bestimmt unbedingten Glauben. Das wird euch um so leichter fallen, als meine Geschichte eine besondere theologische Färbung hat. Es kommt nämlich etwas von Erdmännlein und Kobolden drin vor, und solche Dinge sind leichter zu schlucken als Lügen, die auf der Hand liegen. Daß zweimal zwei fünf wäre, würde ich nicht wagen euch vorzureden, aber so ein bißchen Spuk wird euren gesunden Menschenverstand nicht in Aufruhr bringen. Wenigstens ...

Ich war damals in Wiesbaden, und zum erstenmal seit langer Zeit dehnte sich meine Brust wieder. Wenn nicht mein Geburtsschein über fünfzig Jahre alt wäre, könnte ich noch immer in Versuchung kommen, auf einen jungen Tod an romantischer Schwindsucht zu hoffen. Und wer weiß, was noch kommt. Aber ich glaube es kaum, wenn ich zu Wiesbaden bliebe, denn die Luft ist hier so milde, daß Totengräber und Leichenbitter ihre Patienten von anderswoher einführen müssen, um nicht genötigt zu sein, sich vor Armut selbst zu begraben.

Alle meine Leser kennen gewiß die Ruine Sonnenberg. Das ist ein Überbleibsel von einem Schlosse, an dessen Erbauung einer der vielen Adolfe von Nassau, der, der deutscher Kaiser gewesen ist – was, nebenbei gesagt, nicht viel sagen will – viel Arbeit seiner Untertanen gewendet hat. Die Ruine besteht aus einer Gruppe zerstreuten Mauerwerkes, hie und da noch im Kampf mit dem Pflanzenwuchs, der das parlamentarische »Mach Platz, ich will hin!« in Anwendung zu bringen scheint. Auf anderen Stellen, ja beinahe durchweg, ist die Opposition zum Siege gekommen, und es ist schwer, mit einiger Gewißheit festzustellen, wieviel Frondienst dieser nassauische Graf zu seiner Verfügung hatte, und wie dick die Mauern sein mußten, um ihn gegen die allzu aufdringliche Liebe seiner Untertanen zu beschirmen. Aber die Bruchstücke, die übrig blieben, sind genügend, um über das Fehlende zu urteilen.

Ein Teil des Ganzen, ein Turm, ist weniger verfallen als der Rest, und das ist bei vielen Ruinen der Fall. Vielleicht wohl, weil Moospflänzchen, Sträucher und Bäume – die eifrigen Vernichtungswerkzeuge der Zeit – mehr Mühe haben, neben, gegen, auf oder in Türmen festen Fuß zu fassen.

Und – o Greuel – wieder bei vielen anderen Ruinen, sind einige Brocken Mauer ... restauriert!

Diesen Unfug findet man überall. Ich kenne auch in unserem Lande Ruinen, die durch die väterliche Sorge vom Stadt- oder Dorfregiment nett verkleistert und geweißt sind. In Gottes Namen! Solche Leute muß es auch geben. Aber ich wünschte den Völkern Geschmack, Gefühl und Verstand genug, um ihnen keinen Ehrenplatz in der Gemeindeverwaltung zu übertragen. Sonst könnten sie überall als Maurer oder Steinträger und Stuckateure nützlich sein.

Ich erkläre ausdrücklich, daß dieser Ausfall gegen Ruinenverderber absolut nichts zu tun hat mit Lahnstein, das durch einen reichen Engländer »auf Spekulation« wieder aufgebaut ist, auch nicht mit dem Stolzenfels, dem Schlosse, das der vorige König von Preußen »restaurieren« ließ, auch nicht mit den anderen Schlössern am Rhein entlang, an denen sich königlicher Ungeschmack übte, auch nicht mit der Fertigstellung des Kölner Doms – dem albernsten Anachronismus, den man sich denken kann – nein, ich will keinen beleidigen.

Warum auch, wo Auslachen genügt!

Ja, zum Lachen ist es, wie niedlich man diesen Sonnenbergschen Turm »restauriert« hat. Als ich ihn vor vierzehn Jahren zum erstenmal sah, hatte er etwas Ehrwürdiges, und es schauderte den Wanderer, daß die steinerne Treppe drinnen, und selbst die später für die Besucher angebrachte Außentreppe, unter seinem Tritt zusammenkrachen könnte. Jetzt ... keine Sorge, weder ums Halsbrechen noch um die Romantik!

Wenn es dem preußischen Staat einmal einfallen sollte – es ist ein Defizit in der Bundeskasse, und das wird auch nicht besser werden, nun Schwarzburg um Stundung seiner Matrikularbeiträge eingekommen ist – den Turm nutzbar zu machen und einen Zettel herauszuhängen »Hier sind möblierte Zimmer zu vermieten,« so braucht man das Einfallen nicht zu fürchten. Es gibt im Haag moderne Häuser, denen ich weniger zutraue.

Aber es wird von dem Mobiliar und dem Preise abhängen, ob die Sache überhaupt annehmbar ist.

Und dieser Portier muß hinaus.

Denn der preußische Staat hat einen Wächter hineingesetzt, seit er Nassau annektiert und den Turm, der früher der Gemeinde Sonnenberg gehörte, übernommen hat.

Der Mann hält sich im ersten Stockwerk auf. Da erzählt er euch, wie alt, wie hoch und wie dick die Mauern sind. Er öffnet eine Falltür und versichert, daß da drinnen früher die Gefangenen bewahrt wurden ... Gott bewahre uns vor solchem Bewahren! Er bemüht sich, euch ein paar sehr schlechte Photographien von Schloß und Dorf Sonnenberg zu verkaufen, und nimmt Trinkgelder. Kurz: ein vollkommener Führer, das will sagen: ein allerunvollkommenstes Möbel.

Zwischen den Bruchstücken von Mauerwerk, die hie und da aus dem Erdboden herausgucken wie die letzten übriggebliebenen Zähne einer noch nicht ganz zahnlosen Großmutter, hat der Pächter des umliegenden Terrains auf einige Flecken Tische und Stühle hingestellt, und man kann »Erfrischungen« bekommen.

Bei schönem Wetter wird Sonnenberg viel besucht, und das ist kein Wunder. Denn abgesehen von der wirklich schönen Aussicht, herrscht in diesem Winkel, wo Kaiser Adolf aus unergründlichen fortifikatorischen Gründen seine Burg bauen ließ, eine Ruhe, die angenehm von der Unruhe der Ganz-, Halb-, Viertel- (oder gar keine) Welt im Wiesbadener Kurhaus absticht.

Als ich, nach vierzehn Jahren wieder zum erstenmal, vor einigen Wochen die Sonnenbergsche Ruine besuchte, war es grimmig kalt. Kalender und Zeitungsreklame hatten verkündigt, daß die Sommersaison begonnen hätte, aber der dickköpfige Wirt, der nach allerlei Zwischenregierungen Kaiser Adolfs Nachfolger geworden war, dachte darüber anders. Die grünen Tische und Stühle – wahrhaftig, sie waren einmal gestrichen worden – die des Sommers die Stellen zieren sollten, auf die die schöne Aussicht Besucher lockten mußte, steckten noch zusammengestapelt unter einem halb eingestürzten Dach, das sich mit Mühe an den Trümmern der Burgkapelle festklammerte, oder lagen auch hie und da wie tote Spatzen mit den Beinen in der Luft. Es sah melancholisch aus. Und die Wirtschaft trug überall Zeichen der Verwahrlosung. Es ist möglich, daß der Eigentümer sich um sein Hauptquartier wenig Mühe zu geben braucht, da die Sommergäste meistens doch nicht dort, sondern auf den höheren Punkten der Ruine Platz nehmen, aber dann zeigte sich doch immerhin, daß der »Herr Sonnenwirt« und die Seinen sich mit Schönheitsgefühl nicht viel abgegeben und keinen Handgriff mehr taten, als das »Geschäft« gerade verlangte. Bloß zwei halbverwitterte, aus unbehobelten Brettern zusammengenagelte Tische, mit ein Paar ebensolchen schmutzigen Kneipbänken luden den Besucher – nicht sehr dringend – ein, Platz zu nehmen.

Nun, wer ein wenig von der Wanderung ermüdet war, wie ich, nahm es nicht so genau. Ich setzte mich und bestellte »einen Holländer.«

Ich wette drei gegen vier, daß zwischen Schelde und Dollart ein paar Millionen Individuen wohnen, die sich einbilden zu wissen, was ein Holländer ist.

Jeder hat darüber seine eigenen Gedanken. Ich auch. Ich habe die Kenntnis teuer bezahlt!

In der Gegend von Mainz bedeutet dies Wort ein Stück Schwarzbrot mit Senf und Käse. Man bezahlt dafür eine Kleinigkeit, so sechs bis acht Kreuzer, je nach der Vornehmheit der Stelle, wo es »serviert« wird. An sehr würdevollen Stellen wird solch Ding überhaupt nicht serviert.

Bedenkt man nun, daß ein anderer Holländer bei seiner Geburt einen negativen Besitz mitkriegt, der ein Dreimillionstel der imposanten niederländischen Staatsschuld beträgt ... vergleicht man ferner die sechs oder acht Kreuzer mit den Tarifen unserer Kosthäuser – nicht ohne auf die Zubußen acht zu geben, die von den bezeichneten Kostgängern höchst billig gefunden werden – dann muß man zugeben, daß so ein Holländer von Brot, Mostrich und Käse unbegreiflich wohlfeil ist.

Und in der Überzeugung aß ich ihn auf.

Kaiser Adolfs Nachfolger, ein alter Mann, lief hin und her, als ob er etwas täte. Zwei minderjährige junge Leute mit so etwas wie Mützchen auf dem Kopf, die in Farbe und Größe an rote Oblaten erinnerten, wollten drei Kreuzer weniger zahlen, als eins der dienenden Mädchen für das Genossene forderte. Sie fluchten und schimpften. Das arme Mädchen wurde mit Donnerwettern zugedeckt.

»Das ist nun wirklich zu kolossal!«

Der Leser wird gebeten, das »zu« scharf zu betonen, denn darin liegt der Schwerpunkt der Phrase. Cuvier baute ein ganzes Mastodon aus dem kleinen Restchen einer Flechte auf, die seine letzte Mahlzeit gewesen war. Ein Seelen-Cuvier muß, wenn er sein Fach versteht, einen vollständigen Studenten von Göttingen oder Heidelberg zusammenstellen können aus einem bloß einmal gehörten »zu.«

Also!

»Ich, Friedrich Plump, der Wissenschaften Zögling ...«

Bitte, nicht etwa: Säugling!

»Ich, Sohn der Almamater von Bierstadt, Ritter von Pfeife, Kneipe und Straßenradau, ich, der ich mich im ersten Jahre zweimal geschlagen habe, ich, den die Füchse fürchten und die bemoosten Häupter achten, ich, der ich das ganze Kommersbuch auswendig kann, ich, der ...«

Folgt die ganze Qualifikation des rotbemützten Ich.

»Ich habe viel Kolossales gesehen. Sudavi et alsi ...«

O Gott, ich wurde ärgerlich. Kerl, hättest du das erste Wort dieses Verses ausgesprochen, ich hätte mich an dir vergriffen! Der Vers fängt an: Multa tulit facitque puer und hiervon stammt das Pseudonym des Verfassers.

Es kam also darauf hinaus, daß seine rotbedeckelte Ichheit nie etwas so Kolossales gesehen hatte als diese drei Kreuzer zu viel. Ich wünsche ihm ein langes Leben, um mehr zu sehen. Es dürfte gelingen.

Das ausgezankte Mädchen zeigte verlegen auf den Prinzipal, der bei dem Rest der Burgkapelle – mit viel Mühe, denn er war sehr alt – einige Steine verlegte. Der gute Kerl wankte dem Feinde entgegen und schien dem Donnerwetter Trotz bieten zu wollen. Aber auf halbem Wege bedachte er sich und ging ins Haus, wohl um Hilfe zu holen – gleich darauf erschien eine Frauensperson, die ganz tapfer auf die Schreier zustiefelte.

Sie war mager und sah unvorteilhaft aus. Allein die Augen sprachen von etwas Besserem als das baumwollene Röckchen, das sie so anspruchslos kleidete. Das sah ich aber erst später, als ich sie wiedererkannte. Denn, Leser – ich liebe die Überraschungen nicht – ich will es nur sofort erzählen, daß ich vor vierzehn Jahren, als ich noch etwas weniger müde war als jetzt, eine ganze Stunde mit ihr auf den Zinnen des Sonnenberger Turmes verlebt hatte. Und – wiederum, weil ich nicht viel von Schriftstellertricks halte – denke nicht, daß das Zusammensein sehr interessant war. Ich hatte sie nicht einmal verführt, was ich sonst bei solchen Gelegenheiten sofort tue. Vielleicht hatte ich Zahnschmerz oder so etwas, im Sommer 1856.

Was mich an ihr fesselte – jetzt spreche ich von meinem letzten Besuch – war ihr Gang. Auch daraus könnte ein Cuvier etwas zusammenstellen. Dieser Schritt sagte:

»Ich habe alles gehört, was da gesprochen wurde. Diese zwei Jungens ...«

Buben wird sie wohl gedacht haben. Solch Herbergskind hat keine Ahnung von akademischer Würde.

»Diese zwei Buben haben das Mädchen ausgeschimpft. Der Vater ... der Vater ist alt und fürchtet sich. Ich nicht!«

Das war ein hübscheres Ich als das von der roten Oblate.

So war ihr Schritt.

Da ich am grünen Tisch drei Gulden verloren hatte und deshalb gern etwas zurückgewinnen wollte – wäre es auch nur für ein paar Kreuzer Cuvierismus – horchte ich scharf hin.

Langsam, aber sehr abgemessen, als wollte sie die Schritte zählen, um den Weg zu messen, nahte sie den beiden donnernden Ajaxen:

»Meine Herren ... Sie haben gehabt? ...«

»Gottssakraments Donnerwetter ...«

»Sie haben gehabt?«

»Kolossal! Auf Ehre, zu kolossal, Donnerwett...«

»Fürs Wetter schulden Sie gar nichts, junger Herr – Sie haben gehabt?«

»Omelett, Schwarzbrot, Schinken, Bier, Gottsdonner...«

»Omelett, Schwarzbrot, Schinken, alles zweimal. Bier ... drei Flaschen. Sie zahlen ...«

So und so viel! Ich weiß den Betrag nicht, es wird wohl auch keinen interessieren. Aber wohl erinnere ich mich noch der Handbewegung, mit der sie jetzt gewissermaßen einen Punkt auf den Tisch setzte, einen Punkt, der Ozeanen von Donnerwettern gegenüber standhielt. Staccata!

Die jungen Leute ... zahlten, und sie wagten nicht, gehörig loszufluchen, ehe die Frau oder das Mädchen – das weiß ich nicht – weggegangen war.

»Zu kolossal!« versicherten beide Freunde um die Wette, als sie den Ort verließen. Und sie schienen sich gegenseitig aufs Wort zu glauben, mit einer Beruhigung, die ich bei Philosophen nicht lobenswert finde.

Sagte ich schon, daß sie mager war und häßlich? Nun ja, das war sie. Was mich an ihr fesselte, war die einfache Mennonitenfestigkeit, mit der sie die Sache behandelte, und noch einige Augenblicke später klang mir ihr »Sie haben gehabt?« – sprich: »das ist die Sache, euer Gefluch geht mich nichts an!« – in den Ohren, und es kam mir vor wie ein schwaches Echo eines früher gehörten Liedes. Sie muß wohl 1856, wie wir zusammen auf dem Turm saßen, etwas Ähnliches gesagt haben, wenn ich mich auch nicht besinnen kann, mit ihr gedonnerwettert oder um Kreuzer gezankt zu haben.

Daß sie aber mich nicht erkannt hatte, war klar. Am Ende wäre das der Fall gewesen, wenn ich in einer gewissen Stimmung gesprochen hätte. Aber mein Schweigen und das Aufkrümeln eines trocknen »Holländers« konnte sie unmöglich an eine halbvergessene Melodie erinnern. Und wer weiß, wieviel Lieder sie auf diesem Turm schon hat anhören müssen, in jenen Tagen, da sie weniger häßlich war und noch an fahrenden Sängern Geschmack fand!

Nun war sie »gesetzt«, das kann ich versichern. So gesetzt, daß sie sich mehr denn je zum Turmwächter zu eignen schien. Aber die Moralisten, die es anstößig fanden, daß ein immerhin junges Mädchen einem Fremdling einen alten Turm zeigte und die sie erst dann dazu geeignet hielte, wenn es durch Gesetztheit auf den ausgetretenen Stufen der Wendeltreppe fester steht – rechneten ohne den Wirt vielleicht, sicher aber ohne Bismarck.

Ohne den Wirt. Das will ich nicht untersuchen. Ich lasse es unentschieden, ob ein Zusammenhang war zwischen dem Geschäft des Vaters und den wirklich schönen Augen und dem Turmklettern von Fräulein ... ich will reformiert werden, wenn ich ihren Namen weiß!

Ohne Bismarck. Sieh, wie dieser böse Landwehr-Kürassier-General – er ist auch Diplomat und sogar Staatsmann – den Moralisten einen Possen gespielt hat.

Fräulein Staccata muß, wenn ich nachrechnen soll, im Jahre 1856 etwa dreißig Jahre gewesen sein. Seit zehn, zwölf Jahren, vielleicht auch länger, hatte sie sich als Führerin von allerlei Fremden auf der schmalen Wendeltreppe des Sonnenberger Turmes bewegt. Mit Angst sahen die Moralisten ihr gefährliches Auf- und Absteigen, hauptsächlich das Aufsteigen. Denn wer den Weg zeigt, geht voran – man denke! Sie spionierten nach jeder Falte, die sich gütigst auf Staccatas Gesicht zeigte. Sie führten Buch über die Muttermale und Sommersprossen, die der Sittlichkeit nach und nach zu Hilfe kamen. »Noch ein Halbjahr!« riefen sie, »und das Alter der steifen Frömmigkeit ist angebrochen! Bald werden wir ohne Entsetzen den jungen Wandersmann auf dem Turm sehen, im dritten Stock, im zweiten Stock, ja, wenn es sein muß, im Keller! Noch ein bißchen Anmut verloren, und Staccata ist die unsrige. Dann ist sie...«

Und die Moralisten rechneten, daß man aus Staccatas üppig sprossender Häßlichkeit Holz schneiden würde. Ich glaube, sie dachten schon daran, in dem Gewölbe, in dem Kaiser Adolf seine Untertanen gegen schlecht Wetter beschirmte, ein Seminar zu errichten.

Aber siehe da, gerade wie der Spaß anfangen sollte, kommt dieser Bismarck mit seiner Annexion. König Georg... weg! Kurfürst von Hessen... weg! Frankfurt... weg! Ach das arme Frankfurt! Es hatte gerade mit viel Gepränge sein Jubelfest ob der fünfzigjährigen Wiederherstellung als freie deutsche Reichsstadt gefeiert! – und schließlich: Herzog Adolf von Nassau... weg damit!

Die Preußen nahmen das Land. Sie nahmen die herzoglichen Lusthöfe, Schlösser, Gärten, Orangerien. Sie nahmen alles.

Auch schlugen sie hie und da etwas kurz und klein, z.B. den jetzt herrenlosen und verwahrlosten botanischen Garten und die Bilder auf der Zinne des Schlosses zu Biebrich.

Die Preußen nahmen auch Sonnenberg, Dorf und Ruine.

Der Grund und Boden, auf dem die Ruine steht, scheint der Gemeinde gehört zu haben, die dann auch wahrscheinlich die Pachtgelder von dem »Sonnenwirt« empfing.

Aber wer etwas besitzt, muß es auch instandhalten, und dieser Turm, die Hauptsache dieser Speisekarte, machte sich schlecht. Er nahm sich heraus, vernachlässigt auszusehen. Ich für mein Teil behaupte, daß der Sonnenberger Gemeinderat unrecht hatte, wenn er ihm das übel nahm, und ich gestatte mir den ehrsamen Schulzen zu fragen, was für eine Figur er wohl machen würde, wenn man ihn sechshundert Jahre in Wind und Wetter hätte stehen lassen?

Jedenfalls, der preußische Staat kaufte den Turm. Und ich – ehemaliger Adjunkt eines Rechnungshofes – ich möchte gern wissen, auf welchem Etatsposten dieser finanzielle Seitensprung gebucht worden ist.

»Ankauf, Restauration, Erhaltung, vaterländische Denkmäler?«

Wie, vaterländisch? Die gekrönten Vorgänger von Staccatas Papa waren Nassauer und das Wort »Preußen« (Borussia) war, denke ich, nicht anders bekannt als wie eine Abart von Ruß, Bruß (Boreas), etwas ganz Unchristliches im fernen Norden, dem man eigentlich keinen richtigen Namen zu geben wußte.

»Ankauf?« Gut. Das wissen wir, was einmal von Preußen genommen oder gekauft ist, das wird auch bewahrt und erhalten.

Aber ... »Restauration?«

Richtig! Jetzt kommen wir auf die Stuccateur-Episode. Und das hätte die Moralisten nicht gehindert. Aber die im Jahre 1866 in voller Reife prangende Staccata wurde gerade in dem Augenblick, da sie einen moralhaften Eindruck zu fühlen und mitzuteilen begann, ersetzt durch einen alten preußischen Unteroffizier mit Civilversorgungs-Berechtigungsschein.

Siehst du, lieber Leser – ich hoffe, daß du lesen kannst ... es gibt auch welche, die es nicht können – sieh, wie ich auf echt horazische Manier das Nützliche mit dem Angenehmen verbinde. Ich gebe dir da, ohne Preiserhöhung, in gemütlicher Unterhaltung, beim Nachtisch, die Lösung der Annexionspolitik. Die ganze Wirtschaft von 1866 hatte keinen anderen Zweck, als preußische Unteroffiziere zu versorgen. Man jagt einen König oder Herzog weg, man nimmt sein Land, man kauft die alten Türme, läßt sie ausflicken und weißen, setzt einen alten Sergeanten hinein, und fertig ist die Arbeit. Ich muß doch sofort an Bismarck einen Brief schreiben und ihm mitteilen, daß die Abtei zu Wyk bei Duurstede nett geweißt ist, und also fertig, um einen alten abgedankten Feldwebel mit gelbem Knebelbart, weißen Augenbrauen und halbzugekniffenen Schweinsaugen – siehe gewisse germanische Fürstenbilder, – ordentlich unterzubringen. Zu Brederode wäre wohl Platz für einen Korporal. Aber da sitzt noch hie und da etwas Moos zwischen den Ritzen – weg mit dem Zeug!

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