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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 25
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wert in Rechnung

Bald aber zeigte sich, daß ich weniger allein war als ich dachte.

Ein alter Mann mit freundlichem Gesicht richtete mich auf und fragte mich, ob ich viel verloren hätte.

»Alles,« sagte ich.

»Das ist sehr viel. Sie hätten nicht spielen sollen.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich gespielt habe? Im Gegenteil. Ich bin der Schreiber der Millionen-Studien, in denen so ernsthaft vor dem Spiel gewarnt wird, durch den Nachweis, daß alle Systeme Dummheit sind.«

»Und ... doch alles verloren?«

»Ja. Ich verlor die Hoffnung, jemals etwas über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu erfahren, und gerade diese Kenntnis brauche ich, um nicht zu Grunde zu gehen.«

»Mit Ihrer Schule?«

»Schule? Wieso?«

»Ich dachte, daß Sie Schulmeister wären, wegen all der Kinder, die eben noch bei Ihnen waren. Sie sprachen ganz verständig ...«

»Und ich sage Ihnen, daß weder Hund noch Katze aus dem Geschwätz klug werden kann!«

»Hunde und Katzen sind nicht sehr scharfsinnig. Ich verstehe alles sehr wohl. Mit Geld kann ich Ihnen nicht beistehen, aber mein Rat steht Ihnen zur Verfügung. Ich kenne Sie einigermaßen und habe Ihnen eine Schuld abzutragen ...«

Mir eine Schuld? Und das kam er selbst mir so treuherzig erzählen? Der Mann muß ins Museum! Ich sah ihn an:

» Adolf!« rief ich. »Aber ich weiß nichts von einer Schuld ...«

»Ich heiße Johann,« sagte er, »und ... Müller oder Meyer oder Schulze, wie Sie wollen. Von Beruf bin ich Müller, Maurer, Bäcker ... alles, was Sie wollen, wenn es nur menschlich ist. Ich bin im ... Dillenburgschen geboren.«

» Adolf!« rief ich noch einmal. Und beiseite: »Hört denn die Teufelei noch nicht auf?«

»Ich heiße Johann ...«

»Haben Sie nicht früher ... auf, in, unter dem Sonnenberg gewohnt?«

»Zu Sonnenberg wohnte in früheren Jahren ein Vetter von mir.«

»Dem Sie sehr ähnlich sehen?«

»Kann sein. Aber Sie können ihn nicht gekannt haben ... er ist tot, schon lange. Sagen Sie, was waren das für Kinder, mit denen Sie hier herumgegangen sind?«

»Meister ... Freund ... Herr, das waren Gnomen.«

»Was ist das?«

»Das Wort bedeutet Wisser, wie ich höre. Ach, ich habe wenig von ihnen gelernt!«

»Wird Ihre eigene Schuld sein. Sie sprachen deutlich genug. Ich verstehe nicht, wie ihre Sprache für Sie unverständlich sein konnte. Sind Sie etwa zu ... gelehrt, zu sehr Bücherwurm, für das Einfache? Dann lernen Sie etwas zurück, und lernen Sie verstehen, daß das konsequente Weiterbauen auf fester logischer Grundlage ...«

»Aber ... Sie können das nicht beurteilen, weil Sie meine Wünsche nicht kennen.«

»Sind Ihre Wünsche billig?«

»Ja.«

»Es sollte doch wunderbar sein, wenn die Befriedigung billiger Wünsche nicht auf gangbarem Wege erreicht werden könnte. So arbeitet die Natur ja auch. Sie schafft dauernd Neues durch unendliche Abwechslung in der Zusammenstellung, und jede neue Figur, die sie hervorbringt, ist die notwendige Folge der Eigenschaften der vorhergehenden. Und das zu verstehen, ist nur nötig die exakte Anwendung der Grundwahrheit ...« »Ja, ja, die Wahrheit, die mir bis zur Langenweile unter dem Erdboden verkündigt wurde! Sagen Sie mir lieber – wenn Sie in der Tat ... nicht Adolf sind –« ich sah ihn von der Seite an – »sagen Sie mir lieber, woher kennen Sie mich? Lesen Sie vielleicht meine Ideen

»Gott bewahre mich! Lesen tue ich nie. Ich bin ein praktischer Mann, der seinen eigenen Ideen nachgeht. Und... was meine Schuld betrifft, ich bin ein Oheim von Staccata. Sie haben sie im Jahre 56 nett behandelt, als sie noch nicht gesetzt war, wie jetzt. Warum wollten Sie sie unlängst nicht kennen? Sie hätte Ihnen gern die Hand gedrückt.«

Es ist wahr. Ich erinnerte mich, daß Staccata zu der kleinen Zahl von Mädchen gehörte, die ich unglücklicherweise unverführt gelassen hatte. Und ihr Oheim schien besser als ich zu wissen, was ich auf dem Turme mit ihr gesprochen hatte...

Der Leser erinnert sich wohl, daß ich damals von einem Anfall von Zahnschmerz oder Krämpfen gequält war?

»Indessen das ist nicht der einzige Berührungspunkt,« sagte ... Johann. »Ich habe Sie noch einmal gesehen, bei Nacht, nur einen Augenblick. Auch damals waren Sie damit beschäftigt, etwas aufzurichten, was nach einem ärgerlichen Fall noch zu retten war.«

Ja, ja, dachte ich. Das wird wieder so eine tugendhafte Zahnschmerzgeschichte sein. So sind wir nun einmal, daß wir nicht gern etwas Verkehrtes verleugnen, wenn es irgendwie anders zu schieben geht.

»Nein, Zahnschmerzen hatten Sie nicht ...«

»Ich habe noch kein Wort von Zahnschmerzen gesagt...«

»So? Ich dachte, Sie beriefen sich darauf als Entschuldigung für eine gute Tat. Das ist nicht nötig. Im Jahre 66 wohnte ich am Rhein, zwischen Ehrenbreitstein und Lahnstein, nicht weit von Pfaffendorf...«

»Habe ich Sie da gesehen?«

»Nein, aber ich Sie. Ich beobachtete Sie, als Sie eines Abends dabei waren, die preußische Majestät zu beleidigen. Ich rief Ihnen aus der Höhe meines Hauses zu: ›Wert in Rechnung!‹ Sagen Sie mir nun, was kann ich für Sie tun?«

Jetzt ging mir ein Licht auf.

Bei einer besonderen Gelegenheit hatte ich in der Tat geglaubt, diese sonderbaren Worte zu hören. Und ... wieder war alles in allem. Mein guter neuer Freund berührte einen Punkt, der ebenso wie seine Gesichtszüge mich an den Adolf meines Traumes erinnerte, oder was war es?

Wirklich, im Jahre 66 hatte ich ...

Ich will die kleine Geschichte erzählen, die zugleich erklärt, warum ich in der Unterwelt so ausnehmend freundlich empfangen worden war. O, scharfsinnige Fancy!

Im Sommer jenes Jahres wohnte ich zu Koblenz ... wenn man das Wohnen nennen kann, wozu ich durch die Niedrigkeit meiner Landsleute verurteilt war. Der Krieg brach aus, und ich war Augenzeuge des Einzugs der Preußen in Nassau. Ein Teil der Truppen marschierte von Ehrenbreitstein über die Dörfer Arzheim und Fachbach nach Ems. Ein anderer Zug marschierte am rechten Rheinufer entlang, an Pfaffendorf und ein paar anderen Dörfern vorbei, auf Lahnstein zu. Ich war mitgegangen, nicht um zu helfen, sondern um zu sehen, wie man in Europa ein Land erobert. In anderen Erdteilen hatte ich so etwas schon öfter gesehen. Die Sache war sehr einfach und lohnte der Mühe nicht, es zu beschreiben. Auf dem Marsche kamen wir an dem blau und gelb angestrichenen Pfahl vorbei, der durch Wappen und Aufschrift ankündigte, daß hier das Gebiet von Nassau anfing. Einer unserer Helden beging die Heldentat, diesem Pfahl mit dem Gewehrkolben einen Puff zu geben. Natürlich: es war kein nassauischer Soldat in der Nähe! Bei solchen Heldentaten ist gewöhnlich eine der beiden Parteien abwesend, was die Sache der anderen Partei sehr bequem macht. Nieder- und Ober-Lahnstein und auch andere nassauische Plätze, ließen sich ebenso geduldig knuffen und puffen wie dieser Pfahl und sogar einnehmen. Der Leser kennt die Geschichte. Es schmerzte mich. Nicht wegen der Nassauer, sondern wegen der Enttäuschung der armen tapferen Preußen, die nirgends einen Feind zu Gesicht bekamen. Das ist sehr hart ... selbst für kriegskundige Generale, die doch gern einmal eine kleine Liste von Verwundeten melden wollen, und wäre es nur einer auf die Tausende, die stundenlang so unüberwindlich im Kugelregen standen.

Trotz meines Mitleids mit solchen Generalen tat mir doch auch dieser Pfahl leid. Das stumme Ding bedeutete etwas ... nein, so war es eigentlich nicht. Ich selber halte nichts von Grenzen und will dafür nicht Partei nehmen ...

»Logos ist kein Nassauer,« hatte Adolf gesagt.

Je weniger Grenzen, desto besser. Aber wenn man solch ein Symbol so rauh mißhandeln sieht, das seit tausend Jahren dreißig Geschlechtern teuer war – wie es auch sei, sentimental oder nicht, ich war auf diesen tapferen Soldaten böse. Und auch auf die paar tausend anderen, die bei der Heldentat Hurra riefen.

Der arme Pfahl war wacklig, als ob er die Gicht hätte. Auch ohne den Soldaten wäre er bald ...

Nimm es nicht übel, verständiger Leser, in aller Stille habe ich diesen Pfahl wieder eingepflanzt und rings herum die Erde festgetreten. War es ein Fehler? war es zu loben?

Nun, ich tat es. And das wußte mein neuer Bekannter, ein Nassauer Patriot allem Anschein nach. Denn er hatte »Wert in Rechnung!« gerufen.

»Der Pfahl ist nicht ganz verschwunden,« sagte er. »Er wird ... irgendwo aufbewahrt. Man muß nie alte Grenzpfähle wegwerfen. Alles, was einmal war, kann wiederkommen, und vieles wird sogar wiederkommen. Ihre Tat nützte keinem, aber sie gab Zeugnis von einem Gefühl, das ich gern sehe, und darum: Wert in Rechnung! Kann ich Ihnen irgendwie gefällig sein? Sprechen Sie frisch von der Leber.«

»Zunächst möchte ich gern die Rechnung des Herrn Prellmayer bezahlt sehen.«

»Wie hoch ist sie? Nur nicht ängstlich, denn wenn ich auch selber kein Geld habe ...«

Dann hilft mir seine angebotene Hilfe bitterwenig, dachte ich. Und ärgerlich, wie ich nun einmal war, nannte ich eine ganz unmögliche Summe ... Tausende von Millionen.

»Da müssen Sie zuerst mit der ersten Million anfangen,« sagte jener sehr ruhig. »Alle Tausende zählen von Eins an. Die größten Dinge sind von geringer Abkunft ... Emporkömmlinge, wie Sie und ich. Es kam eine Zeit, da brauchte man ein Mikroskop, um uns zu sehen.«

Es klang wie Spott in diesen Worten. Er wollte merken lassen, daß ich meine Forderung bloß aus Ärger so hoch stellte.

»Ja, ja,« fuhr er fort, »diese Prellmayers machen hohe Rechnungen! Das ist ihr Geschäft. Nun, bezahlen Sie den Mann!«

Ich wandte mich brummend ab. Was hatte er mich zum Narren zu haben? Was hieß denn nun sein »Wert in Rechnung«?

»Hören Sie,« sagte ich, »als ich den Pfahl stützte ...« »Das Ding war faul. Es mußte fallen,«

»Da hoffte ich die letzten Lebenslage des Symbols zu versüßen.«

»Gewiß! wie einer, der dem Sterbenden noch einmal die Kissen aufschüttelt, weiß er gleich, daß der arme Kerl sterben muß. Darum sagte ich: Wert in Rechnung! Was du dem geringsten meiner Pfähle getan hast ...«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief ich. »Die Prellmayers setzen mir schon genug zu. Ist es Ihnen vielleicht, wie vorhin dem Grafen, um eine Mahlzeit zu tun? Haben Sie gespielt?«

»Nein, ein Spieler bin ich nicht. Ich bin ein Denker. Und gegessen habe ich. Seien Sie doch nicht böse, weil Sie mich nicht verstehen. Dafür kann ich doch nicht!«

»Aber ... ich bin auch ein Denker.«

»Nun dann befriedigen Sie Prellmayer.«

»Ich verstehe den Zusammenhang nicht.«

»Das ist ja der Fehler, Ihre Pflicht und Ihr Beruf ist es, Zusammenhänge zu begreifen, und die Millionen zusammenzudenken, die Sie für die Prellmayers nötig haben. Ein Pferd verdient seinen Hafer mit Schultern und Pfoten, eine Kuh ihr Gras mit der Milch, die sie gibt. Und Sie, Mensch, d.h. Denker, können und müssen mit Gedanken bezahlen.«

»Aber seit Jahren schreibe ich meine Ideen! Wäre ich ein Franzmann, ein Engländer oder ein Deutscher, so wäre ich reicher als alle Prellmayers der Welt. Aber Holland ist ein kleines Land und kann seine Schriftsteller mit Mühe am Leben erhalten. Man zahlt mir nicht den hundertsten Teil von dem, was im Ausland Schriftsteller von niedrigerem Range haben.«

»Ist es anders möglich?«

»Wohl nicht. Aber dieselben Landsleute haben Millionen übrig für einen Krieg, dessen Ursachen ihnen unbekannt sind. Dieselben Landsleute verschleudern Schätze in Eisenbahnen, über Amerika und Rußland ... nach dem Monde. Dafür ist Geld im Lande.«

»Solche Dummheiten sind ihr eigener Schaden, und das ist ihre Sache. Denken Sie Ihre eigenen Millionen zusammen. Sie selbst haben gesagt: wer denkt, siegt! Siegen Sie!«

War das nun die Hilfe, die er mir zusagte? Und woher kam bei ihm dies Wort, das er aus meinen Werken geschöpft hatte. Er, der doch nicht las, wie er sagte.

»In Ihrem Gedankengange muß ein Fehler sein,« fuhr er fort, »ein Rechenfehler. Sagen Sie, womit haben Sie sich die letzte Zeit beschäftigt?«

»Soweit die Prellmayers es zuließen, mit ... Denken.«

»Wenn Sie gut gedacht hätten, würden Sie meine Hilfe nicht brauchen und mit der Familie der Prellmayer keinen Ärger haben. Ein Denker ist kein halbvergangener Grenzpfahl, der sich durch den ersten besten umwerfen läßt! Was taten Sie mit Ihren Gedanken? Wie haben Sie sie angewendet? Verse an den Mond doch nicht?«

»O nein! Ich schreibe Millionen-Studien für Millionäre und solche, die es werden wollen.«

»Und kommen darin Resultate, praktische Resultate vor?«

»Ach nein! Darauf wartet gerade die letzte Lieferung. Ohne einen Schluß – mit Resultaten! traue ich mich den Lesern nicht vor Augen zu treten.«

»Lassen Sie mich die Studien mal lesen. Es sind gewiß Fehler drin. Ich habe noch nie gesehen, daß einer, der klar denkt, sein Ziel nicht erreicht.«

Wir gingen zusammen nach dem »Gelben Adler«. Da gab ich ihm ein Heft, und er ging damit ab.

»Wert in Rechnung!« rief er noch im Weggehen. »Passen Sie auf und ... denken Sie!«

Am Mittag sollte er mich abholen kommen. Aber er zeigte sich nicht.

»Man muß nie einem Unbekannten etwas leihen,« sagte der verständige Prellmayer. »Der Mann hat Sie zum besten gehabt. In ganz Pfaffendorf wohnte nie ein Mann, der Johann Meyer oder Müller oder Schulze hieß. Die Menschen in dem Dorfe schreiben sich Mayer oder Möller oder Schultz, verstehen Sie!«

Nun war also auch noch ein Exemplar meiner Millionen-Studien futsch! Das nenne ich Chance! Es lebe das ehrliche Roulette, bei solchem »Wert in Rechnung«! Ob Wohl je ein unfehlbares System so falsch gewesen ist wie ein ... Mensch?

Und der Mann sah so gutmütig aus. Er hatte wirklich Ähnlichkeit mit dem Adolf im Gewölbe, und wenn ich mich recht besinne, auch mit dem Maurergesellen in den »Minnebriefen« ...

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