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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 23
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Industrieritter

Als wir wieder in den Saal traten, wählten wir einen der Roulette-Tische zum Hauptquartier.

Buda war gerade sehr im Zuge. Wie üblich, spielte sie auf Nummern und setzte jedesmal etwa zwanzig Louisdors aus. Das hinderte sie nicht, gleichzeitig auch ein paar Silberstücke auf die Colonnes zu setzen, und sogar auf die simple chance. Ich fragte meine Begleiter, ob sie mir dieses sonderbare Verfahren erklären könnten, und erfuhr nun, daß dahinter ein tiefsinniges System verborgen sei.

Wir wissen schon, daß Budas Lieblingsnummer achtzehn war. Sobald diese Nummer öfter als einmal in den siebenunddreißig Nummern herauskam, mußte sie gewinnen. Oberflächlich betrachtet, hätte sie dann also einfach auf achtzehn ihr Geld setzen müssen. Aber nicht doch – dann hätte ja das »Schicksal« zu deutlich gesehen, was sie wollte, und hätte seine Nummer achtzehn für sich behalten. Sie setzte nun auch auf andere Nummern und brachte das Schicksal dadurch bös in Verwirrung, denn es konnte ja nicht wissen, auf welche Nummer sie am meisten gesetzt hatte. Nun fiel mir auch auf, daß sie oft mit einer scheinbar unabsichtlichen Bewegung ihre Goldstücke auf Nummer achtzehn mit einem unansehnlichen Fünffrankstück zudeckte!

Daß sie ein Silberstück auf Colonnes oder simple chance setzte, hatte denselben großen Zweck. Wenn das Schicksal sah, daß sie es auf das erste oder letzte Dutzend einlud oder auf die schwarze Farbe, so mußte es glauben, es hätte einen famosen Sieg erfochten, wenn es eine rote Nummer aus der Mitte ... vielleicht achtzehn! – herausbrachte. Man sieht, wie brillant das böse Schicksal gefoppt wurde. Es bekam bloß wertloses Silber und ein paar Louis, während es auf die eine gewinnende Nummer zwei- bis dreitausend Franken auszuzahlen hatte. So ein »Schicksal« kann wahrhaftig sich aus Wut vor die Stirn schlagen, und ich hoffe, es eines schönen Tages im Teich zu finden. Buda hat es dann auf ihrem Gewissen, wenn die Karpfen und Goldfische sich daran satt essen.

Horch, da wird gestritten:

»Mais m'sieur, je vous assure que ce florin est bien positivement à moi ...«

»Non, m'sieur!«

»Pardon, m'sieur!«

»J'en suis parfaitement sûr, m'sieur!«

»Au contraire, m'sieur! Le florin est à moi, m'sieur!«

»Madame ne l'a vu mettre ... n'est-ce pas, madame?«

»M'sieur m'en est temoin ... n'est-ce pas, m'sieur?«

»Tout le monde l'a vu ...«

»J'en apelle à tout le monde ...« »Aber ich versichere Ihnen, dieser Gulden gehört ganz bestimmt mir!« – »Nein!« – »Bitte!« – »Ich weiß es ganz genau!« – »Nein, er ist mein!« – »Diese Dame hat es gesehen« u. s. w.

Nun, Monsieur Allewelt – ein trauriger Zeuge – hält seinen Mund. Der Chef de partie, der Spielleiter, macht endlich dem Zank ein Ende. Er winkt dem Croupier, beiden Spielern ihren Gulden zu geben, mit dem Gewinn dazu:

»Calmez-vous, messieurs, la banque paye deux fois!« »Beruhigen Sie sich, die Bank zahlt zweimal!«

Unsere beiden Streitenden lassen sich die Freigebigkeit der Bank gefallen, aber sie brummen noch. Es ist ihnen lediglich um das Spielrecht zu tun, beileibe nicht um die paar Pfennige ... die sie doch nicht verschmäht haben. Jeder gibt sich Mühe, die Umstehenden zu überzeugen, daß eigentlich der andere der Beschenkte ist, und daß er selbst nur erhielt, was ihm zukam. »Il y a des individus si indélicats!« »Es gibt doch unfeine Kerle!« hört man auf beiden Seiten.

Gewiß.

Aber man würde fehlgehen, wenn man solche Streitigkeiten immer als ein Zeichen von böser Absicht ansähe. Oft sind beide Teile unschuldig, man müßte ihnen gerade ihr Skandalmachen um eine Kleinigkeit, die für sie vielleicht keine Kleinigkeit ist, als Sünde anrechnen.

Der Tisch ist, besonders beim Roulette, mit kleinen Einsätzen bedeckt, sodaß die Spieler selber oft nicht genau wissen, welches Geldstück das ihre ist. Auch wird einer, der sich lange in solcher Umgebung aufhält, schließlich etwas faselig, und es kommt wohl vor, daß man, wenn das Spiel ein bißchen schnell geht, einen früheren Satz mit dem jetzigen Spiel, bei dem man zu setzen versäumt hat, verwechselt. Es wäre beschränkt, da immer gleich an Schwindelei zu denken.

Die Bank will nicht gern durch ärgerliche Scenen ins Gerede gebracht werden, sie macht dann der Sache durch Generosität ein Ende. Sie kann das umso eher, als der Streit gewöhnlich um sehr kleine Beträge geht, meist gerade um den geringsten Satz. Das Eigentumsrecht an den höheren Sätzen fällt mehr ins Auge und wird selten bestritten.

Daß sich in einem so gemischten Publikum Leute finden – schlimmer noch, daß sie sich nicht finden lassen – die sich auf Diebstahl legen, versteht sich. Wie sollte es anders sein, da doch der Spielsaal ein kleines Abbild der Welt ist, ein Mikrokosmus? Man muß indessen anerkennen, daß gerade dadurch die Angestellten der Bank oft ein Maß von Menschenkenntnis bekommen, das sie instandsetzt, gutgläubigen Irrtum von minder unschuldiger Industrie zu unterscheiden.

Auch in anderer Hinsicht wird man dem Blick und Urteil der Croupiers eine gewisse Unfehlbarkeit zuschreiben können. Man behauptet, daß sie, ohne zum Aufschneiden ihre Zuflucht zu nehmen, eine Marquise von einem öffentlichen Frauenzimmer zu unterscheiden wüßten. Aber die hierbei angewendete Methode ist durch die Direktion verboten, weil dazu eine so kolossale Anstrengung nötig ist, daß der Pensionsfonds für die im Dienst zu schaden gekommenen Gehirne nicht ausreichen würde.

Diese sonderbare Mischung von Stand, Rang und Moral ...

Genau genommen kommt es oft nur auf den Unterschied zwischen Miete und Kauf heraus!

Diese Buntheit also gab einmal Stoff zu einem französischen Schwank, dem ich nachher etwas Witz entlehnen will, weil das Geschreibe eines Holländers doch zu trocken ist.

Wir waren Zeuge eines Zankes am grünen Tisch. Es liegt etwas Naives darin, und als Industrie kann ich es nicht empfehlen. Ich zweifle auch, daß irgend einer sein Auskommen dabei gefunden hat, und in lukrativer Hinsicht kann man es lange nicht mit dem sehr einträglichen Taschendiebstahl vergleichen, dessen bessere Vertreter aus England kommen.

Aus dem Wiesbadener Blättchen erfährt man hin und wieder, daß der Fürstin Soundso das Portemonnaie und dem Grafen Soundso das Portefeuille stibitzt ist. Wer wenig in der Welt herumgekommen ist, der wird sich vielleicht wundern, wieso die Polizei, die so mutig gegen frei umherlaufende Hunde auftritt, und die wegen einer abgepflückten Blume in Wut gerät, gegen solche englische Vertraulichkeiten keinen Rat weiß. Taschendiebe abzufassen kommt mir leichter vor als der Taschendiebstahl selbst. Indessen werden die Bestohlenen reichlich entschädigt durch Versicherungen, daß die Untersuchung eingeleitet werden wird.

Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß die Polizei in den Badeorten im allgemeinen schlecht ist. Man müßte gerade die Seltenheit der brutaleren Diebstähle – mit Einbruch, Mißhandlung, Mord – der schlappen Geisteskraft der heutigen Annexions-Industrieritter zuschreiben. Semi-ur sagte mir, daß diese Herren sich zur Zeit mehr auf höhere Banksachen, Staatsanleihen, Aktiengesellschaften, Unternehmungen mit Prämien – für die Gründer und die nicht sehr seßhaften Kassierer – verlegen.

Jedenfalls müssen besondere Gründe vorhanden sein, warum man so wenig von der älteren Manier hört.

Jeden Abend verlassen Hunderte von Personen, die eben noch vor dem ganzen Publikum große Summen zu sich steckten, den Kursaal, und viele haben einen einsamen Weg nach Hause zurückzulegen. Nehmen wir nun an, daß sie sich vorsichtshalber Gesellschaft suchen oder daß sie einen Wagen nehmen, so ist es immer noch merkwürdig, daß die Diebe ihnen nicht in die Wohnung folgen oder sie schon da ablauern, was doch nicht schwer sein kann. Die meisten Häuser in solch einem Badeorte sind für jeden Gaudieb zugänglich, der Lust hat, sich zum Nachbaren irgend eines Menschen zu machen, um ihn zu bestehlen oder im Notfalle zu ermorden.

Außer dem Taschendiebstahl gibt es an den Spielplätzen, und zwar am grünen Tische selbst eine andere Art von Spitzbüberei, deren Beobachtung sehr ergötzlich ist. Man könnte sie das »Antreten herrenloser Erbschaften« nennen. Die Franzosen sagen auch wirklich »faire les héritages.«

Der Vertreter dieses Faches trachtet sich in den Besitz von »masses,« von Spielgewinnen zu setzen, deren Eigentümer unbekannt ist. Er geht zwar auf Diebstahl aus, aber er sucht die Sache so zu schieben, daß kein Bestohlener da ist und also auch kein Kläger. Das verlangt einige Erklärung.

Ebenso wie manche Spieler Ansprüche erheben auf einen Einsatz, der ihnen nicht gehört und dabei wirklich glauben, daß sie da gesetzt haben, ebenso kommt es vor, daß der wirkliche Eigentümer sein Geld aus dem Auge verliert. Das scheint auffallend, da man denkt, es werde doch jeder aufpassen. Aber die Ursachen solchen Irrtums sind mannigfach.

So kommt es vor, daß ein Spieler, der in der hintersten Reihe der Umstehenden steckt, sein Geldstück auf eine bestimmte Chance zu werfen glaubt, die er dann gleich als die verlierende ausrufen hört. Nun ist aber das Geldstück auf ein anderes Feld gerollt, und er hat gewonnen, ohne es zu wissen.

In solchen Fällen ist es sehr hübsch, zu beobachten, wie der Wunsch, sich das herrenlose Geld anzueignen, bei einigen in Kampf gerät mit der Furcht, daß der wirkliche Eigentümer, oder an seiner Stelle ein anderer, von seinem Anspruche Kenntnis hat.

Die Croupiers haben nun zwar nur mit den Einsätzen auf dem Tisch abzurechnen und sich um die Eigentümer nicht zu kümmern. Aber sie wissen doch fast immer mehr von der Herkunft des Geldes, als manchem lieb ist. Und oft wenden sie ihr Wissen zum Vorteil des ehrlichen Spielers an.

Ich sah einmal, wie einer ein Geldstück auf impair, ungerade, warf. Es wurde ausgerufen: neuf, impair, manque (neun, ungerade, unter 19). Der Spieler schien aber deux und infolgedessen pair (zwei und gerade) verstanden zu haben. Er drehte sich um und verließ den Tisch, wie einer, der nach dem Verluste eines Stückes keine Lust zum Weiterspielen hatte. Es war sehr voll, und ich hielt es nicht der Mühe wert, mich durch die Menge zu drängen und ihn zu unterrichten. So etwas wird leicht falsch aufgefaßt. Es gibt Spielprofessoren, die sich an einen Fremden mit einem kleinen Dienst heranmachen, und dann kommt gewöhnlich eine Schnorrerei um ein Mittagsessen heraus. Selbstverständlich machen sie dann den Versuch, ihr unfehlbares System an den Mann zu bringen.

Also ich warnte den Mann nicht und verlor die Sache aus dem Auge. Einige Augenblicke später war er wieder da und warf ein Geldstück auf pair (gerade).

»Comment?« sagte der Croupier mit der Ehrlichkeit, die an der Bank wirklich herrscht, »vous jouez les deux côtés à la fois?« »Wie? Spielen Sie gleichzeitig auf beiden Seiten?«

Es zeigte sich, daß die inzwischen gespielten coups alle ungerade gewesen waren. Sein ursprünglicher Einsatz war zu einer nicht unbeträchtlichen Summe angewachsen, und man hatte Mühe, dem Manne klar zu machen, daß das Geld wirklich sein war. Wären »Erbschaftsjäger« am Tische gewesen, hätten sie es gewiß dem braven Croupier sehr krumm genommen, daß er dem Manne aus dem Traume half.

Dieses Erbschleichen verlangt einen gewissen Scharfsinn. Der Jäger muß jeden Einsatz mit Miene und Benehmen der Anwesenden vergleichen, um festzustellen, ob Gelder da sind, um die sich keiner kümmert. Spieler, die mit der Hand oder dem Rechen ihr Geld erreichen können, geben gewöhnlich bei jeder Zahlung ein Zeichen ihres Eigentumsrechts, indem sie das Geld berühren oder zusammenschieben. Geschieht dies nun irgendwo bei einem lange fortgesetzten Paroli nicht, so wittert der Jäger eine Spur. Er sucht in den Augen der Umstehenden festzustellen, ob die Erbschaft, die er beschleicht, wirklich herrenlos ist. Ehe er zugreift, sondiert er erst noch einmal das Terrain, indem er eine Kleinigkeit daneben auf den Tisch legt, ganz in der Nähe der Beute, die ihn lockt. Gewinnt diese »Masse« noch einmal, so schiebt er seinen Einsatz, der in diesem Falle auch verdoppelt ist, dazu. Erst wenn dies ohne Einspruch geschehen ist, glaubt er beim folgenden coup seiner Sache sicher zu sein und tritt die Erbschaft an. Keine Miene seines Gesichts verrät, daß er weniger auf Chancen spielt als außerhalb derselben.

Aber – immer glückt es nicht und selbst nicht nach der letzten Probe.

Einmal sah ich, wie solch ein Industrieritter sehr hübsch abgefaßt wurde.

Er saß am Trente-et-quarante-Tisch, nahe dem Croupier und notierte eifrig die Spiele auf seinem Kärtchen, als warte er, bis eine »Figur« nach seinem Sinne heraus wäre. Selten setzte er, und dann nur den kleinsten Einsatz, und blickte lauernd in die Runde.

Ein preußischer Offizier, der spielen wollte und nicht setzen mochte – das ist den Offizieren streng verboten – hatte sich hinter den Spielleiter gestellt und diesem einen Friedrichsdor in die Hand gedrückt mit der Bitte, ihn auf Rot zu setzen. Das war das Feld, das unser Jäger gerade vor sich hatte. Der Spielleiter gab den Friedrich dem Croupier, wahrscheinlich mit dem Auftrage, es eine bestimmte Zahl von coups stehen zu lassen. Das schloß ich aus dem, was nun folgte.

Der Croupier mischte gerade die Karten zu einer neuen Taille, und legte den Friedrich ruhig neben sich, dicht neben anderes Goldgeld, das der Bank gehörte. Nur wenige, die wie ich das kurze Geflüster zwischen dem Offizier und dem Spielleiter gehört hatten, konnten wissen, daß dies Stück zu einem Einsatz bestimmt war. Erst vor dem ersten Spiel schob der Croupier es mit einer Bewegung seines kleinen Fingers auf die angewiesene Farbe, Unser Erbschleicher hatte nichts davon bemerkt. Auch das Flüstern und die Pantomime hinter seinem Rücken war ihm entgangen ... schade!

Rot gewann zweimal, und das Tableau stand sehr voll, besonders das rote Fach, weil die meisten Spieler ganz oder teilweise Paroli hielten. Einige ließen den ganzen Gewinn stehen. Andere nahmen ein paar Stücke weg und gaben dadurch ein Zeichen ihres Eigentumsrechts. Auch die, die nichts zurückzogen, rührten mit derselben Absicht ihr Eigentum eben an. Nur die vier Friedrichs standen wie verwaist.

Ich stand gegenüber und hatte also das kleine Drama gerade vor Augen.

Der Offizier, der immer hinter dem Leiter stand, tat, als bewundere er die Decke. Aber ich merkte, daß er doch auf die »Masse,« die ihm gehörte, wohl acht gab. Leiter und Croupier hatten dasselbe gleichgültige Gesicht wie sonst. Aber der Erbschleicher! Seine Augen suchten den Eigentümer dieser vier Friedrichs. Er musterte aufmerksam die Runde, konnte aber keinen entdecken, der diese Goldstücke bewachte. Zögernd warf er ein Zweiguldenstück auf Rot, unweit der erhofften Beute. Dann sah er wieder forschend um sich, und da er nichts wahrnahm, was ihn in seinen Plänen hindern konnte, schob er seinen Einsatz noch etwas näher, sodaß er fast das Gold berührte.

Unwillkürlich dachte ich, als ich das sah, an die Vorsicht der Diebe auf Java. Ehe diese in das Zimmer hineinkriechen, zu dem sie durch Unterwühlung sich Zutritt verschafft haben, stecken sie einen nachgemachten Menschenkopf an einen Stock durch das Loch. Wenn etwa durch ihre Arbeit Aufmerksamkeit erweckt worden ist, meinen sie, steht im Zimmer einer bereit, um den Kopf, der sich zeigen wird, mit einem Säbelhieb zu empfangen. Sie machen diese Blitzableiter aus einer Kokosnuß mit den schwarzen Fasern eines Palmstammes aufgeputzt.

Als das Zweiguldenstück vorgeschoben wurde, merkte ich auf einmal Leben auf dem Gesicht des Spielleiters. Er hatte wohl öfter mit solchen Kokosnüssen zu tun gehabt, und er war nicht gewohnt zuzuschlagen, ehe er sicher war, den richtigen Kopf vor sich zu haben.

Er sah den angehenden Delinquenten einige Augenblicke scharf an, als ob er feststellen wollte, zu welcher Art von Spielern der gehörte. Dann beugte er sich ein wenig vor und flüsterte dem Croupier etwas zu. Dieser warf scheinbar achtlos ein Silberstück zwischen die vier Friedrichs und bezahlte dann das gewonnene Goldgeld aus. Der Offizier machte eine Bewegung, als wollte er die Integrität seines Geldes wahren, aber der Leiter gab ihm einen Wink, und er schwieg. Der Croupier sah wo anders hin. Man wollte unserem Jäger das Wild gut zu Schuß bringen. Mit einer Gleichgiltigkeit, deren Gemachtheit mir ins Auge fiel, die aber den anderen ganz echt scheinen konnte, schob dieser nun das von ihm selbst gesetzte Silberstück mitten unter die »Masse«. Die Annexion war, um politisch zu sprechen, vollzogene Tatsache.

So schien es auch der Offizier aufzufassen, denn er zeigte wieder einige Unruhe. Der Spielleiter legte den Finger auf den Mund, verließ seinen Stuhl und stellte sich mit erhobener Hand hinter den Jäger, der keine Ahnung hatte, wie bald er zum gefangenen Wild degradiert werden sollte. Er sah auf das daliegende Geld mit einem Ausdruck, als ob er es doch unvorsichtig fände, die Summe den Glückszufällen des folgenden Spiels auszusetzen, und streckte die Hand aus, um den Raub in Sicherheit zu bringen. Ehe er aber dazu kam, packte ihn der Spielleiter am Handgelenk und drückte so fest zu, daß jener die bereits ergriffenen Stücke wieder fallen ließ.

Der Croupier suchte die zwei Silberstücke aus der Masse und reichte sie hin.

»Das ist Ihr Geld,« sagte der Leiter, und betonte das »Ihr« so scharf, daß es wie »Dieb« klang. »Und nun ...«

Er winkte ein paar Diener heran.

»Der Herr verlangt seinen Hut und wünscht nicht wieder eingelassen zu werden. Man soll ihm die Bitte gewähren. Merkt euch sein Signalement!«

Das versprachen die Diener. Sie führten den Ertappten mit Grandezza nach der Tür und empfahlen sein »Signalement« der gütigen Aufmerksamkeit der dort postierten Polizisten.

Einige Tage später hörte ich den Kerl loszetern gegen die Unmoral des Spiels. Er saß mit ein Paar Galgenvögeln an einem Tisch in einem Wirtshause und versicherte auf sein Ehrenwort, solche Spielbank ...

»C'est un repaire de voleurs, messieurs! Un antre de brigands! Un bouge infect! Un enfer d'immoralité! Un gouffre de perdition! Pour tolérer ces institutions-là, il faut être d'une perversité accomplie ... comme tous ces maudits! Allemands du reste. Non contents de nous avoir pillé en France, il nous égorent ici dans leur infâmes tripots! Ah la revanche!« »Das ist eine Räuberhöhle, meine Herren! ein Pestloch! eine Hölle der Unmoral! ein Strudel der Verderbtheit! Und so etwas wird geduldet! Das ist vollkommene Verderbnis. So sind sie alle. Überhaupt die Deutschen! Nicht genug, daß sie uns in Frankreich ausgeplündert haben, schneiden sie uns auch hier noch den Hals ab in ihren gemeinen Spelunken! Ha, Rache!«

Man kann sicher sein, jeder Franzose, der auf Diebstahl ertappt ist, wirft sich auf die Politik. Manche, auch ohne ertappt zu sein, und sie stellen dann ihre Industrie unter den Schutz der -ismen des Tages.

Unter den Industriezweigen, die weniger auf das Spiel selbst Bezug haben als daneben oder dadurch – »blühen« ist das rechte Wort nicht, wie soll ich sagen? – nun also, es gibt in den Badeorten noch andere Industrien, und eine davon will ich, so gut es geht, noch schildern.

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