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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 22
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid688b5e3e
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Rot verliert

Währenddessen hatten die Croupiers sich damit beschäftigt, die neue »Taille« vorzubereiten.

Die sechs Spiele Karten wurden aus dem Tischkasten, in den nach jedem coup die gebrauchten Karten gesteckt werden, hervorgelangt. Sie wurden in Päckchen abgeteilt, zwischen einander geschoben, von Hand zu Hand gereicht, durcheinander gemischt und endlich zu einem Päckchen zusammengelegt.

Nun bot einer der Croupiers jemand aus dem Publikum die »coupe« an. Das »Abheben« geschieht stets durch ein Mitglied der »Galerie,« das dadurch gewissermaßen der Bank gegenüber das ganze Publikum vertritt. Man steckt ein Stückchen weißen Carton zwischen die gemischten sechs Spiele, die dadurch in zwei Teile geteilt werden, von denen dann der unterste zu oberst gelegt wird. Selbstverständlich hat dies Abheben stets einen unbekannten, aber sicheren Einfluß auf die »Taille,« die durch die Lage der Karten bestimmt wird,

»Mais à qui donc la coupe« »Nun, wer hebt ab?« fragte der Croupier, nachdem verschiedene Anwesende es abgelehnt hatten, die Rolle des unbewußten Schicksalsbestimmers zu spielen.

Spieler sind nämlich beinahe ausnahmslos abergläubisch und meinen oft, daß »sie keine glückliche Hand haben.« Andere fürchten das »Schicksal« zu erzürnen, wenn sie sich zu dreist in seine Geschäfte einmengen. Seine Hoheit will respektvoll behandelt sein. Auch lassen sich manche durch den möglichen Groll von diesem oder jenem abschrecken, wenn die Taille nachher nicht nach dessen Sinn ist.

Unsere kleine Frau starrte vor sich nieder und stach Arabesken in ihr Spielkärtchen. So konnten die Blicke des Croupiers, die einladend im Kreis umherliefen, die ihren nicht treffen. Endlich aber blickte sie auf, erstaunt, was die lange Pause zu bedeuten hätte. Der Beamte bot ihr die Karten ...

»Komm' und leite meine Hand!« sauste es ihr in den Ohren. Wie hypnotisiert nahm sie das Kärtchen ...

»Gnade ... Gnade! Nein ... nein!«

Und sie steckte es zwischen die dreihundertzwölf Spielkarten. Sie selbst hatte die Taille bestimmt!

Ach!

Der erste Satz war Rot. Die beiden Louis, die da solange zum Ärger gelegen hatten, die die Ursache waren, warum sie am Ende der vorigen Taille nicht weggegangen war, wurden von einem der Beamten eingestrichen.

Nun war es Zeit, wirklich wegzugehen. Was sonst?

»Rouge perd!« wurde gerufen. Natürlich: Rot verliert, Schwarz gewinnt, wenn sie nicht gesetzt hat! Beim Ausrufen wird immer nur die rote Farbe genannt. Rouge perd oder Rouge gagne (Rot verliert oder Rot gewinnt). Warum nicht einfach die gewinnende Farbe genannt wird, ist ein Geheimnis. (Anm. d. Verf.)

Und wieder: rouge perd!

Und noch einmal!

Und noch einmal!

Schwarz gewann sieben-, achtmal hintereinander.

»Il paraît que la noire a une série cette fois. Madame aurait dû jouer à la noire« »Offenbar hat Schwarz diesmal eine Serie. Madame hätten auf Schwarz setzen sollen.« sagte hinter ihr einer der bekannten Propheten, die nachher immer alles vorher wissen, was geschehen ist.

Ach ja, sie hätte setzen sollen!

Sollte sie noch? Jetzt noch?

»Rouge perd!« – schon wieder Schwarz!

»En voilà dix,« sagte der Prophet. »Je vous l'ai bien dit ... c'est une série de la noire. Pourvu qu'elle ne s'épuise pas trop tôt, il y en aura davantage.« »Zehn! Ich hab's ja gleich gesagt: es ist eine Serie Schwarz. Wenn sie sich nicht zu schnell erschöpft, kommen noch mehr.«

Sehr richtig. Wenn noch mehr Schwarze kommen, wird die Serie noch größer. Wenn die Serie größer wird, kommen noch mehr Schwarze. Der Mann war zum Politikus geboren.

»Rouge perd!« rief der Croupier.

»Que vous ai-je dit?« »Hab' ich's nicht gesagt?« prahlte der Seher.

»Treize noires! Eh ... eh ... eh ... je l'ai bien dit! Ne l'ai-je pas dit? Voyez, m'sieur. Madame, voyez. C'est une série de treize et ... peut-être d'avanatge! Qui sait! Quand la noire persiste, il y aura ... voyons ... attendez ...« »Dreizehn Schwarze! Eh – eh – ich hab's ja gleich gesagt! Hab' ich's nicht gesagt? Sehen Sie, sehen Sie. Es ist eine Serie Schwarz. Dreizehn und ... vielleicht noch mehr! Wenn Schwarz Stange hält, dann ... passen Sie auf! Warten Sie's ab!«

Mit vorgestrecktem Halse folgte er, leise mitzählend, den fallenden Karten, und er war der einzige nicht. Das ganze Publikum war gespannt. Viele standen auf und beugten sich vor, um das neueste Neue doch zuerst zu genießen.

Nur Lord Ci-Devant machte das Erstaunen nicht mit.

»Rouge perd!« rief der Croupeur.

»Quatorze! Ne l'ai-je pas dit, m'sieur? Madame, ne l'ai-je pas dit? C'est qu'une couleur ... une fois en train ... et pourvu qu'elle continue ...« »Vierzehn! Hab' ich's nicht gesagt? So eine Farbe – wenn sie erst im Zuge ist – und wenn sie's aushält ...«

»Rouge perd!«

»En voilà encore une! Quinze noires! C'est prodigieux, n'est-ce pas? Voyez ...« »Schon wieder! Fünfzehn Schwarze! Wunderbar, wie? Sehen Sie!«

Der Schwatzmichel zeigte den Umstehenden das Kärtchen, auf dem er den Lauf der Sätze einstach, und er tat das mit einer Genugtuung, als ob das Spiel sich nach seinem Kärtchen reguliert hätte. Wie die Zeitung: »haben wir nicht gesagt, daß Krieg wird, wenn der Friede nicht gestört wird?«

»Rouge perd!«

»Eh ... eh ... seize! C'est extraordinaire, en vérité. Mais ... on aurait dû en profiter! C'est qu'on n'a pas voulu me croire!« »Ach, ach, sechzehn! Wirklich toll! Aber – man hätte es sich zu nutze machen sollen! Wenn man mir gefolgt wäre!«

Ja, warum hatte er es denn nicht selber getan?

»Il y avait là une fortune à gagner!« »Ein Vermögen war da zu gewinnen!«

Das kann man freilich von jeder Gruppe von Sätzen auch sagen.

»C'est incroyable! Voyez, m'sieur! Voyez, madame! Il y en a seize déjà! Eh ... eh ... voilà ce qui s'appelle une série! Et il se pourrait que ... peut-être ... qui sait! Attendons encore ce coup-là! Vouz verrez que ... peut-être ... Ne l'ai je pas dit! En voilà dix-sept! C'est ...« »Unglaublich. Sehen Sie bloß! Sechzehn! Ah, ah ... das nenne ich eine Serie! Und möglicherweise ... wer weiß! Warten wir ab. Sie werden sehen ... vielleicht ... Hab' ich's nicht gesagt? Jetzt sind's siebzehn. Das ist ...!«

»Zu kolossal!« rief jetzt unser alter Freund, der Herr Friedrich Plump, der Wissenschaften Zögling, der diesmal ein ganzes Zweiguldenstück auf Rot gesetzt hatte.

»Zu kolossal ... auf Ehre! So 'ne Seerje ist mir mein Lebtag nicht vorgekommen!«

Sein Lebtag!

Verehrter Friedrich Plump, allen Respekt vor deinen Lebtagen, aber wenn eine Serie von siebzehn Schwarzen zu kolossal ist – also unmöglich, denn es gibt kein »zu« in der Natur – warum setztest du denn nach dem sechzehnten Schwarz nicht dein ganzes Vermögen, die sechs Gulden, die du im Sack hast, auf Rot?

»Rouge perd!« klang es wieder.

»Dix-huit! Eh ... eh ... qu'ai-je dit?« »Achtzehn! Na, was hab' ich gesagt?«

»Zu kolossal!«

»Rouge perd!«

»Eh ... eh! dix-neuf! N'est-ce pas que c'est inouïe? C'est fabuleux, m'sieur! Madame, c'est incroyable!« »Ha! Neunzehn! Ist das nicht unerhört? Das ist ja fabelhaft, unglaublich!«

»Aber nein! So etwas ist noch nicht dagewesen! Das ist nun aber wirklich zuuuu ...«

»C'est ... énorme!« Das ist ... beispiellos!«

»Großartig! Kolossal!«

Hier kann der scharfsinnige Leser sehen, wie Philosophie die Menschen verbrüdert. Herr Friedrich Plump hatte sich nie viel mit Französisch abgegeben, und der Franzmann verstand kein Wort Deutsch, aber die Seelen der beiden begegneten sich so auf dem breiten Wege des Erstaunens, daß sie einander sofort verstanden.

Und, mit wenig Ausnahmen, tat das ganze Publikum mit.

Das langgezogene »Ah!« das jeder kennt, der einmal einem Feuerwerk beigewohnt hat, ergänzte alle die Ausrufe, die ich dem Leser noch erspare. Noch beredter war die Stille, die jedesmal vorausging. Es war, als fürchte man das »Schicksal« in der Erlösung aller der Schwarzen zu stören. Die Wöchnerin braucht Ruhe. Aber wenn dann wieder ein neuer Sproß zur Welt gekommen und verkündigt war, dann tönte das »Ah« um so besser. Es war ein Seufzer, ein Laut zwischen beginnender Ohnmacht und dem Aufatmen nach Befreiung von schwerer Last.

Man denke nicht, daß das Interesse mit Gewinn oder Verlust in Zusammenhang stand. Fast niemand spielte. Selbst Friedrich Plump war aus dem Felde geschlagen. Er drückte die drei Zweiguldenstücke in der Tasche zusammen, aber er wagte keins zu setzen. Bei solchen Gelegenheiten sind die Spieler alle befangen. Von Neuangekommenen, die in die Krisis nicht eingeweiht waren, wurden ein paar geringe Einsätze gemacht. Die Zurückhaltung der übrigen beruhte auf der Furcht: »die schwarze Farbe müsse nun doch wohl erschöpft sein.« Und auf Rot setzen ... gegen die siegreiche Farbe ... »sehr gefährlich, sehr gefährlich!«

Auch unser Lord Ci-Devant spielte nicht. Das lag an der Zeit. Es war die letzte Woche des Vierteljahres. Aber nichts deutete darauf hin, daß er etwa diese Taille sonderbarer fand als andere. Ich glaube es wohl. Er war ausstudiert und wunderte sich über nichts mehr. Er beschäftigte sich mit dem Zahnstocher, der heute sein ganzes Mittagsmahl ausmachte.

Die zwanzigste Schwarze war gekommen.

»C'est excessivement, dangereux maintenant,« versicherte der Prophet. »Vous comprenez que la noire ... quand elle se déclare si opiniâtrement ... c'est pyramidal! Vingt noires! Tenez, m'sieur, je vous expliquerai ce que c'est. Il faut connaître le jeu, tout est là! C'est une taille qui ... qui ... contient une série énorm de noires ... voilà ce que c'est! Et la raison en est ... voyons ce coup-ci ...« »Sehr gefährlich jetzt. Verstehen Sie – wenn das Schwarz sich so hartnäckig hervortut – es ist pyramidal! Zwanzig Schwarze. Ich werde es Ihnen erklären. Man muß das Spiel kennen, das ist alles. Das ist eine Taille, die eine enorme Zahl von Schwarzen hat ... sehen Sie. Und der Grund davon ... sehen sie doch ...!«

»Rouge perd!«

»Ne l'ai-je pas dit? Vingt-et-une, m'sieur, vingt-et-une! C'est ... une série de la noire! Il faut connaître le jeu. La noire était en retard, m'sieur, et elles se rattrape. Voilà la raison! C'est madame qui a fait la coupe. Une couleur en retard ... cela se rétablit toujours, et vous verrez que ... cette fois-ci ... à moins que la rouge ne reprenne la dessus ...« »Hab' ich's nicht gesagt? Einundzwanzig, einundzwanzig! Das ist ... eine Serie von Schwarz! Ja, das Spiel, das muß man kennen. Schwarz war zurück, und es will jetzt wieder vorwärts. Sehen Sie, das ist der Grund. Die Dame hier hat abgehoben! Eine Farbe, die zurück ist ... das gleicht sich immer aus, und Sie werden sehen ... diesmal ... das heißt, wenn nicht Rot wieder die Führung übernimmt ...«

»Rouge perd!«

»Qu'ai-je dit? Ne l'ai-je pas dit? N'est-ce pas que c'est ...« »Was hab' ich gesagt? Hab' ich's nicht gesagt? Ist das nicht ...«

»Das ist nun aber wirklich zuuuu ...«

Weder der Prophet noch der andere Philosoph hatten noch Adjektiven. And auch die Feuerwerks-Verwunderung der anderen klang gedämpft, wie unter Vorbehalt. Wenn nun das »Schicksal« mehr Schwarze in Vorrat hatte als man wunderbar zu finden imstande war!

»Rouge perd!«

»Vingt-deux! Que vous ai-je dit? C'est la noire qui ...« »Zweiundzwanzig! Ich hab's ja gesagt. Schwarz ist ...«

Und unser armes Frauchen saß da noch immer mit ihrem ungewechselten Schein!

Bitter, bitter, bitter war es für sie, alle diese schwarzen Siege ausrufen zu hören, für sie, die schon so lange auf einen kleinen Teil einer solchen Serie gehofft hatte!

Ach, wie grausam, wie falsch, wie quälend! War es nicht als spotte ihrer das Schicksal? »Siehst du, ich habe schwarze Serien genug, aber nicht für dich!«

Jetzt hätte sie gern aufstehen wollen, aber sie hatte die Kraft dazu nicht mehr.

Warum hatte sie nicht gleich den Schein gewechselt, gleich nach dem Verlust ihrer beiden Louisdors? Kein Satz wäre ihr dabei vorbei gezogen! In wenig Schlägen wäre ihr Ziel erreicht gewesen! Jauchzend vor Freude hätte sie den Marterstuhl verlassen können ...

»C'est madame qui a fait la coupe,« hörte sie den Allerweltspropheten, der noch immer hinter ihrem Stuhle stand. Sie fühlte, wie er auf sie hinwies, wie der Künstler, der das angestaunte Wunder geschaffen hat. »Mais madame a eu le tort de n'en profiter pas! Eh ... eh ... eh ... si madame voulait me procurer une nouvelle taille pareille ... eh ... eh ... eh ... parole d'honneur ... je saurais parfaitement ce que j'aurais à faire ... eh ... eh ...« Die Dame hier hat abgehoben. Aber schade, sie hat sich's nicht zu nutze gemacht. Haha, wenn die Gnädige mir noch eine solche Taille abheben wollte ... haha ... Donnerwetter, ich wüßte, was ich täte ... haha!«

Dies geistvolle Lachen bedeutete wahrscheinlich, daß er Schwarz spielen würde, wenn er wüßte, daß solche Serie in den Karten lag. Und wieder schien er unsere arme Gequälte als die Urheberin von soviel Wunderbarem vorzustellen.

»En voilà une qui sait couper!« »Die versteht das Abheben!« mußte sie noch einmal hören, und der zeigende Finger des ekelhaften Schwätzers brannte ihr in den Rücken.

Sie saß wie leblos. Aufstehen konnte sie nicht. Sie fühlte, daß sie umfallen würde, sobald sie den Stuhl verließ. An das Wechseln des Scheins dachte sie nicht mehr. Außerdem, weiterspielen? Jetzt? Welche Farbe? Diese Serie Schwarz, auf die sie soviel Hoffnung gesetzt hatte, diese Serie, »die kommen mußte«, die war nun dagewesen, und größer, als nötig war. Was sie für eine Hoffnung gehalten hatte, war Wirklichkeit geworden ... aber für sie ein Hohn!

Was nun?

Sie verlangte weg, weg ... tot vielleicht!

Und nach dem Mißglücken des Planes, das sie so quälte, erwartete sie noch eine andere Marter. Sie mußte ihm sagen, daß alles, alles vorbei war, und daß nun er, sie, die Kinder ...

Um die fünftausend Franken zusammen zu bekommen, hatten sie ...

Nein, denken konnte sie nicht, das Übermaß des Schmerzes machte sie gefühllos. Sie war wie vernichtet.

Da klopfte ihr einer der Saaldiener sanft auf die Schulter und bat um »einen Louis für den Herrn Gemahl, der draußen sitzt.«

Das war wohl schon öfter vorgekommen, wenn sie die gemeinschaftliche Börse bei sich trug und er im Restaurant eine kleine Zeche zu bezahlen hatte. Er hatte, wie wir wissen, ein Glas Limonade bestellt.

Die Alltäglichkeit dieser Botschaft brachte sie zur Besinnung. Seit Stunden hatte sie von Tausenden geträumt, von den vierzigtausend Franken, die sie so nötig hatte, und der Wert des Geldes im täglichen Verkehr kam ihr ganz verändert vor. Die drei, sechs, zwölf Louis, die wiederholt als ihr Einsatz auf dem Tische gestanden hatten, schienen ihr nur Spielmarken, Eintrittskarten zu dem Hause der bewußten Vierzigtausend zu sein, aber kein Geld, das an sich Wert hatte. Nun kam auf einmal eine Bitte ihres Mannes um ein Stück Geld, das zur Zahlung einer kleinen Schuld reichen sollte, und weckte sie aus ihrer Träumerei, die noch jeden Gast am grünen Tische erfaßt hat. Sie verstand wohl, daß ihr Mann nicht gerade einen ganzen Louisdor brauchte, aber »er konnte doch solchen Bedienten nicht um ein paar Groschen oder Kreuzer schicken.« Und dann ...

O Gott, das war es vielleicht! Er wollte wissen, ob sie überhaupt noch einen Louis besaß!

Sie mußte ihn schleunigst darüber beruhigen.

Schnell warf sie dem Croupier den Schein zu und wollte bitten, dafür Gold zu geben, aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Sie konnte keinen verständlichen Ton von sich geben.

Schon lange war die famose Serie geschlossen, und auch die von ihr abgehobene Taille war durch eine andere abgelöst. Die Liebhaber hoben das Kärtchen, auf dem die vorige eingestochen war, als Seltenheit auf, die noch jahrelang als Beispiel der Launenhaftigkeit des Schicksals dienen mußte.

»Der Herr läßt um nur einen Louisdor bitten,« wiederholte der Diener, der glaubte, daß man ihn nicht verstanden hätte.

»Natürlich,« murmelte Semi-ur, »die Limonade muß bezahlt werden ...«

»Und Krystalle ansetzen,« sagte ein anderer.

Der Schein, den sie wechseln wollte, war auf Schwarz gefallen.

»Tout?« »Alles?« fragte der wohlwollende Croupier, der seit lange beobachtet hatte, daß sie gewöhnlich niedriger setzte.

Sie wollte zu verstehen geben, daß sie den Kassenschein lediglich hingeworfen habe, um zu wechseln. Aber die zugeschnürte Kehle versagte ihr den Dienst. Nun griff sie nach dem »râteau,« dem Rechen, um das kostbare Papier aus seiner gefährlichen Lage wegzuschieben, aber den hatte gerade ein anderer Spieler. Und als sie ihn, endlich frei bekam und mit zitternder Hand gefaßt hatte, rief der Croupier, ärgerlich, daß er keine Antwort bekam:

»Tout va au billet! Rien ne va plus!« »Der Schein gilt ganz. Jetzt nichts mehr!«

Mit seiner Harke schlug er jetzt die ihrige beiseite, mit der sie endlich ihr letztes Eigentum den Klauen des entsetzlichen Spiels entreißen wollte.

»Pardon, madame, c'est trop tard. Le point est connu.« »Entschuldigen Sie, es ist zu spät. Es ist schon aufgelegt.«

Wahrhaftig. Schon war quarante, vierzig, ausgerufen für die erste Reihe. Vierzig, das Höchste, und wieder für Rot!

»N'ai-je pas dit? C'est excessivement dangereux maintenant de jouer à la noire. Vous comprenez ... après une taille comme la dernière ... la noire est épuisée! C'est la rouge qui dominera cette fois ... à moins que ... ce coup-ci ... eh ... eh ... eh ... que vous ai-je dit?« Hab' ich's nicht gesagt. Sehr gefährlich, jetzt auf Schwarz zu halten. Sie begreifen ... nach so einer Taille! Schwarz ist eben erschöpft, diesmal hat Rot die Herrschaft ... das heißt, wenn nicht ... dieser Satz ... eh ... eh ... hab' ich's nicht gesagt?«

Wahrhaftig, auch die zweite Reihe zählte vierzig. Das Spiel galt nicht.

»Na, diesmal ist's durch ein Nadelöhr gekrochen,« sagte eine junge Dame aus Amsterdam zu dem dicken und wohledlen Herrn, der ihr Papa zu sein schien in Kaffee und Zucker. Auch machte er in Verwerfung des Spieles. Er riskierte wohl einmal ein paar Gulden, »bloß zum Spaß, wissen Sie!« aber immer, wenn seine Töchter nicht dabei waren. Und die jungen Damen spielten auch, wenn es Papa nicht sah. Eine Familie von Grundsätzen und protestantischer Konfession, die sehr gut verstand, sich vor allem Ungehörigen zu entsetzen. Die junge Dame war eben dabei, ihren Papa im Gespräch an dem Kartentische festzuhalten, damit ihr Schwesterchen derweile ein bißchen an Roulette setzen konnte. Und um das recht angenehm zu tun, machte sie den Alten liebenswürdig auf unsere Freundin aufmerksam.

»Sieh bloß, wie komisch sie aussieht. Sie schwitzt dabei. Wäre auch besser, sie ginge nach Hause!«

Ja, die Tropfen perlten ihr von der Stirn. Und totenbleich war sie. Ob Schwarz so »erschöpft« war, wie der Spielprofessor ihr bezeugte, weiß ich nicht, aber sie war erschöpft, unsere verzweifelte Kämpferin.

Sie hörte nicht, was um sie geschwatzt wurde, oder wenigstens verstand sie es nicht. Alles, was sie wahrnahm, löste sich in einem ermüdenden Getöse auf. Sie begriff mit knapper Not, was das »Vierzig« und »nochmal Vierzig« bedeutete, und daß es nicht galt. Auch hatte sie nicht den Mut, ihren Einsatz jetzt zurückzuziehen. Sie fühlte sich wie vernichtet und wäre umgesunken, wenn nicht die Menge an jeder Seite sie auf ihrem Stuhle festgehalten hätte.

Der Prophet wagte jetzt ... es war das erste Wagstück an diesem Tage.

»Je fréquente les jeux depuis trente ans« versicherte er den Umstehenden, »et j'ai toujours remarqué que ...« Ich besuche seit dreißig Jahren die Spielsäle, und habe nimmer gesehen, daß ...«

Na ja, aus dem einen oder anderen Grunde setzte er ein Zweiguldenstück auf Rot, was sehr edel von ihm war. Er, der durch seine tiefen Kenntnisse in den Geheimnissen des Spiels nur zuzugreifen brauchte, begnügte sich, als er es nun endlich doch tat, mit dem kleinsten Satze. Er wollte die Bank nicht plündern.

»C'est un coup sûr ... à moins que ...« »Das ist ein sicherer Satz ... wenigstens ...«

»Rouge perd!« rief der Croupier.

»Sacré nom dieu! De tels contretemps n'arrivent qu'à moi! Faut-il être déveinard pour avoir une chance pareille! Voyez, m'sieur ... madame, voyez, moi qui ai prédit correctement – mais cor.rec.te.ment! – tous les coups, ne voilà-t-il pas que le premier que je joue … mon dieu, quelle tuile! Voyez un peu, je vous en prie … voyez, madame!« Donnerwetter! So'n Pech kann auch bloß ich haben! So ein Pechvogel zu sein! Ich, sehen Sie, der alle Spiele ganz genau, ganz genau vorhergesagt hat – und den ersten Satz, den ich spiele – Himmel, so ein Pech! Sehen Sie bloß, sehen Sie!«

Und aus sechs vollgestochenen Kärtchen bewies er, daß er diesmal nach allem göttlichen und menschlichen Recht hätte gewinnen müssen.

Da lagen nun wirklich zwei Scheine zu tausend Francs auf Schwarz. Die Eigentümerin war leblos, ohnmächtig. Sie wußte vielleicht nicht einmal, daß diese Papiere ihr gehörten … desto besser. Denn:

»Rouge perd!« rief der Croupier.

Es wurden zwei Scheine hinzugelegt.

»Ich tät' sie wegnehmen, wenn ich sie wäre!« erklärte die Amsterdamerin. »Siehst du, Papa, wenn sie jetzt wieder verliert, dann hat sie nichts, und 's ist ihre eigene Schuld.«

Sehr richtig. Aber sie verlor sie nicht. Es kamen noch vier Scheine dazu. Da lagen nun acht ... das Maximum der simple chance! Es folgte noch viermal Schwarz …

Jedesmal wurde ein Maximum dazugelegt ...

»Combien y a-t-il de billets maintenant?« »Wieviel Scheine sind es jetzt?« fragte sie stotternd, als ob sie aus einem bösen Traume erwache.

»Quarante, madame!« antwortete der Croupier. »Voulez-vous retirer la masse?« »Vierzig! Wollen Sie das Geld an sich nehmen?«

»O Gott, ich danke dir!« rief sie plötzlich auf Holländisch, denn auch sie war eine Holländerin und vergaß in ihrer Herzensfreude alle anderen Sprachen, in denen sie so brünstig um Hilfe gebetet hatte. »Ja, ja, geben Sie her, geben Sie alles her, alle vierzig. O Gott, ich danke dir!«

»Hm!« brummte Semi-ur. »Gott hat damit nichts zu tun. Es war die Limonade. Hätte ihr Mann nicht einen Louis haben wollen …«

Der Croupier lächelte ihr freundlich zu. Es schien ihm Freude zu machen, daß er eine so schöne Summe auszahlen durfte. Er wickelte fünf und wieder fünf Scheine um das Querstück seines Rechens und langte ihr achtmal den flatternden Schatz hinüber. Sie faßte die Zettel, drückte sie zu einem formlosen Klumpen zusammen und stürmte, die Umstehenden zur Seite schiebend, zum Saal heraus.

»Na, renn' mich nur nicht um!« schalt die Landsmännin, ärgerlicher als es eigentlich für den unbedeutenden Puff erlaubt war. »Sie ist ja wie toll! Und was für'n Holländisch. Wer weiß wo sie her ist, da so hinten 'rum! Ist wirklich schade um's Geld. Wer weiß, was sie mit tut!«

»Very nice, indeed!« »Sehr hübsch, wahrhaftig!« sagte Lord Ci-devant zu sich selber, – der einzigen Person, die er seines Umganges für würdig hielt – und zum erstenmal nahm ich eine Art Gefühl auf seinem Gesicht wahr. Es war die adlige Freude über das Glück eines anderen. Wahrscheinlich würde er sich im anderen Falle geschämt haben, ein banales Mitleid zu zeigen, den allzu billigen Ausdruck von Gutherzigkeit.

»Et moi qui croyais la noire épuisée!« »Und ich dachte, Schwarz wäre erschöpft!« wimmerte der Prophet. Aber sofort erklärt er allerdeutlichst, warum Schwarz ... wenn es erschöpft war ... und wenn es doch eigentlich nicht erschöpft war ... kurz, er hatte es vorhergesehen, und er hätte sicher darauf gesetzt, wenn ...

»Zu kolossal!« rief Friedrich Plump.

»Limonade,« sagte Semi-ur.

»Krystallisation,« sagte das Krystallmännchen.

Und »Alles ist in allem!« jubelte meine ganze Leibwache von Gnomen durcheinander.

Sogar die Musik tat mit:

»Heil dir im Siegerkranz!«

Zum erstenmal in meinem Leben hörte ich diese öde Melodie mit Genuß.

Ich folgte meiner Heldin. Mit gehofft und mit gelitten – mit genießen! War das nicht billig?

Ihr Mann saß noch immer auf der Stelle, wo wir ihn vor einer Stunde verlassen haben. Sie flog auf ihn zu, warf den eroberten Schatz auf den Tisch und fiel ihm um den Hals:

»Gerettet, gerettet! Da sind sie ... alle vierzig! Zähle sie, zähle! O Gott, gerettet! Gott, ich danke dir! Und jetzt ... nie, nie wieder einen Fuß in diese schreckliche Hölle!«

»Hm! Sehr dankbar ist sie nicht,« brummte Semi-ur. »Da wirft sie wahrhaftig das Glas Limonade um, das ihr soviel Gutes getan hat. Töricht Volk, die Menschen! Nun bekommt Gott, der sie unbarmherzig zappeln ließ, die Ehre davon, und die armen Scherben tritt sie zu Müll. Das kommt davon, wenn man Ursache und Wirkung nicht zusammenzubringen versteht. Dumm!«

»Sie hat um ihr golden Fließ tapfer gekämpft,« legte ich mich ins Mittel.

»Kann sein, aber erobert hat sie es erst, als sie nicht kämpfte. Sie ließ den Arm sinken, sie konnte nichts erobern. Was wäre aus dem Heldenstück geworden ohne die Limonade?«

»Gewiß – – aber sage, warum mußte ich das vorige Kapitel »Eins gegen sieben« nennen?«

»Die einfachste Sache von der Welt. Sie wollte mit fünf Scheinen fünfunddreißig gewinnen, sie mußte sieben Feinde aus dem Felde schlagen. Das glückt in acht Fällen einmal. Wir Gnomen führen darüber Buch. Und als sie bloß noch einen hatte, stand es sogar eins zu neununddreißig. Sie hat Erfolg gehabt, aber ... wer es nach ihr probieren sollte, hat nicht viel Gutes zu erwarten: erschöpft! Sag's ihr, wenn du sie wiedersiehst. Oder noch besser, schreib's in deine Millionenstudien ... auch eine Krystallisation!«

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