Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Multatuli >

Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/multatul/million/million.xml
typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111206
projectid688b5e3e
Schließen

Navigation:

Eins gegen Sieben.

»Jetzt achte einmal auf die Dame da beim Trente-et-quarante;« flüsterte mir einer meiner Freunde zu. »Ihr Mann braucht vierzigtausend Franken, um sein Geschäft weiter zu führen, und zwar schnell, sehr schnell. Sieh, wie sie arbeitet!« Ich hatte die Dame schon oft gesehen und auch ihren Mann, der übellaunig umherrannte, wenn sie verlor. Die beiden flößten mir durch ihr angenehmes Äußere Interesse ein. Es freute mich, wenn das Frauchen gewann, ich betrauerte ihren Verlust, als ob es mich selbst anginge. Überhaupt ist es schwer, den Lauf des Spiels zu verfolgen, ohne für oder gegen den Spieler Partei zu nehmen. Unwillkürlich nimmt man an den stummen Empfindungen teil, die die Folgen des Glückswechsels sind. Mancher coup hat den Wert eines Aktes im Drama.

Der Frau, die ich mir als Heldin ausgesucht hatte, ging es schlecht. Sie wechselte einen Tausendfrankschein nach dem anderen, und selten bekam sie einen zurück.

Seit vielen Tagen hatte ich gesehen, daß sie vier oder fünf von diesen Scheinen besaß. Lange ehe meine Gnomen es mir sagten, sah ich, daß sie eine bestimmte Summe brauchte ... die nicht kam. Sie spielte nicht wie einer, der gewinnen will, nein, wie einer, der gewinnen muß. Die paar Tausendfrankscheine, die ihr kleines Kapital ausmachten, barg sie in einem allerliebsten Damenportefeuille ... in ihrem Busen. Zwanzigmal in jeder Sitzung wurde das zusammengefaltete Päckchen daraus hervorgeholt, zum Teil gewechselt, bei etwas Glück wieder vollzählig gemacht, weggesteckt – jedesmal mit dem schweigenden Ausdruck: »So ist's gut ... ich reiße es nicht mehr an!« – und jedesmal wurde es wieder herausgeholt und in Louisdors umgewechselt, um den hartnäckigen Kampf fortzusetzen.

Der Mann schien ihr fortwährend zuzurufen: »Hör auf! Hör auf! Es nutzt nichts! Behalten wir um Himmels willen doch die fünftausend Francs!« Aber das Frauchen war eigensinnig, hartnäckig, vielleicht standhaft, mutig – es kommt auf den Erfolg an, welcher Ausdruck richtig ist.

Trafen ihre Augen den Blick des Mannes, so schien sie ihm zu versprechen, sie würde schon dafür sorgen, daß zwei-, drei-, viertausend Franken übrig blieben – ein andermal, wenn sie ihr Sümmchen wieder beisammen hatte, daß sie es nicht mehr anreißen wolle.

Aber auch ein anderer Ausdruck war auf ihrem Gesicht, besonders, wenn sie im Mißglücken einen neuen Schein wechseln mußte. »Bester Freund, was helfen uns die paar Tausend? Wir brauchen mehr! Hinauf oder hinunter!« Ängstlich, ärgerlich, mißvergnügt wandte er sich dann ab. Er litt offenbar mehr oder trug seinen Kummer nicht so mutig wie sie.

Vier Scheine hatte sie nun weggesteckt. Vor ihr lagen so zwanzig Louis.

Sie setzte unveränderlich – war es ein System? – drei Stücke auf Schwarz, ließ den Gewinn stehen, bis die Zahl einundzwanzig betrug, und setzte dann noch einen Louis dazu, um den Einsatz auf fünfhundert Franken zu ergänzen. Dazu waren drei Gewinne hintereinander nötig. Nach dem vierten Gewinne lagen tausend Franken da, so daß nach dem fünften ein Schein dazu gelegt wurde. Von diesen Scheinen brauchte sie vierzig, um nicht mit Mann und Kindern zu Grunde zu gehen ...

Während all der Tage traf sie nur einmal auf eine Gewinnserie von sechs Spielen und gerade genug Fünferserien, um ihr zusammengeschmolzenes Kapital immer wieder zu ergänzen. Beim siebenten Gewinner wollte sie »Moitié« sagen, nur die Hälfte von dem, was dann stand, sollte gelten – so war es mit ihrem Manne verabredet. Sie kam nicht einmal so weit!

O was kamen für Intermittenzen! Drei Louis wurden sechs, und sechs wurden ... nichts! Wieder drei gesetzt – wieder waren es sechs, wieder nichts. Und die scheußlichen Zweischläge! Drei gewesen, sechs geworden, zwölf ... wieder dahin, alle zwölf! Dann kommen wieder Unterbrechungen: gewonnen ... verloren! gewonnen ... verloren! Ach, es hilft nichts!

Ein Vierer! Drei – sechs – zwölf – jetzt geht's – vierundzwanzig – wahrhaftig, es geht. Schnell ein Louis dazu, um die fünfhundert voll zu machen ...

»Rouge gagne!«

Schwarz hat verloren, weg sind die fünfhundert.

»Madame aurait dû retirer la masse,« Sie hätten Ihr Geld zurücknehmen müssen!« sagt ein nachträglicher Prophet, der hinter ihr steht. Ja, wo stehen, sitzen, kriechen solche Wesen nicht herum, die nachher immer ganz genau wissen, was hätte geschehen müssen!

Aber sie hört nicht darauf, und setzt wieder drei Louis, um eine neue Serie aufzuspüren.

Eigensinn oder Mut?

Wer wird stärker sein, sie oder das Schicksal? Ach, ihr Sümmchen wird schon schwach, und das »Schicksal« ist unerschöpflich in Zweischlägen, Dreischlägen, in Intermittenzen, ja in Serien von Rot, wenn das dazu dienen kann, einen armen Teufel zu foppen, der nun einmal durchaus auf Schwarz spielen will.

Rot! Rot! Rot! Wahrscheinlich gewinnt auf dieser Farbe irgend ein Schlüngelhans ein Vermögen.

Und mein Schützling – das war sie schon geworden – wechselte ein Billet und wieder eins. Sie hatte nur noch eins. »Das wird aufgehoben!« nickte sie ihrem Manne zu.

Er war sehr traurig und konnte die Qual offenbar nicht mehr ansehen. Er ging hinaus, warf sich auf einen Stuhl an einem der Tische hinter dem Kurhaus, nahm eine Cigarre, die er nicht rauchte, bestellte ein Glas Limonade, die er nicht trank ...

»Der Mann ist gar nicht so dumm,« sagte Semi-ur. »Die Limonade wird ihm gut tun!«

Ich fand, daß er dann sehr falsch handelte, wenn er das Glas unberührt stehen ließ, und ich sagte das.

»Ach, das hat damit nichts zu tun,« rief das Krystallmännchen. »Alles ist in allem. Getrunken oder nicht, die Limonade wird sich schon hinein krystallisieren, wenn die Zeit da ist. Semi-ur hat recht, es wird ihm sicher gut tun!«

Der Mann sah ja freilich so aus, als hätte er es sehr nötig, daß ihm recht bald etwas gut täte! Mit starrem Blick sah er vor sich nieder und malte sonderbare Figuren in den Sand. Er versuchte zu lächeln, es gelang nicht. Man sah, daß er leise mit sich selber sprach. Was konnte es anderes sein, als daß er ruiniert war? Ruiniert, nicht um der fünftausend Francs willen, die seine Frau beinahe verloren hatte, sondern um das Scheitern der Hoffnungen, um das Nichtgewinnen der vierzigtausend, die er dringend brauchte!

Wir traten wieder in den Saal und beobachteten das Frauchen, das einen so schweren Kampf führte. Außer dem einen Schein in ihrem Busen blieben ihr bloß noch zwei Louis. Sie erhob sich und warf die beiden Stücke auf die Farbe, die sie so betrogen hatte.

Die erste Reihe der aufgedeckten Karten hatte eine sehr niedrige Nummer. Es stand also gut für Schwarz ...

Was half es auch, wenn die zwei Stückchen zu Vieren anwuchsen, selbst zu acht, zu sechzehn!

Und doch blieb sie erwartungsvoll stehen und hielt die Hand auf der Stuhllehne, als ob sie das Äußerste abwarten wollte. Wenn sie den Platz verließ, und den Tisch, und den Saal ... dann war es ja aus – und das mußte sie ihm dann sagen, sie, die so übermütig ihr Wünschen und Hoffen zur Sicherheit emporgeschraubt hatte!

System? Berechnung? Ach nein, das hatte sie nicht. Was wußte sie noch vor acht Tagen vom Spiel? Aber sie hatte Mut und Willenskraft. Das war alles, wenn es auch offenbar nicht genug war.

Sie wartete.

Es war ja doch möglich, daß diese zwei Louisdors, diese beiden letzten Stücke ...

Nun, ihre letzten waren es ja eigentlich nicht. Sie hatte ja immer noch einen Kassenschein. Nein, den hatte sie nicht. Es war wenigstens so gut, als ob sie ihn nicht hätte. Sie hatte sich ja vorgenommen, den nicht zu wechseln. Vielleicht war es auch nicht nötig ... die erste Reihe hatte ja eine niedrige Nummer ... gewiß, Schwarz wird gewinnen ...

»Et trente points!« »Dreißig!« rief der Croupier, indem er die letzten Karten hinlegte. Die »Taille« war aus. Der coup galt nicht, einunddreißig war das Mindeste.

Da lagen nun die zwei Louis, das »Schicksal« wollte sich um sie nicht bemühen.

Was nun?

Wäre der letzte Satz verloren gewesen, so wäre sie weggegangen, wahrhaftig! Aber jetzt? Auf die neue Taille warten? Nicht warten? Was war nach all dem Unglück von den zwei Stückchen noch zu hoffen? Von den zwei letzten ...

Zwar ... der Schein! Auch der letzte ...

Nein, nein, sie hatte dem Mann versprochen ...

Ihr Herz klopfte.

Weggehen?

Sie konnte die vierzig Franken nicht der Bank schenken?

Nein! Aber ... es war ja doch ihr Geld? War es so gleichgültig, ob sie die zwei Louis hatte, um zu essen, zu wohnen, zu leben? Sollten die fremden Menschen wissen, wie arm sie war?

Indem sie sich nicht entschließen konnte, entschloß sie sich. Ihr Zögern war Bleiben, und Bleiben war Entscheidung. Immerhin konnte sie ja abwarten, was in der nächsten Taille aus den zwei Louis werden würde, und dann »aber auch wirklich nicht mehr!«

Und was die fremden Menschen anging – warum sollte sie den Schein nicht wechseln? Sie konnte ja dann mit fünfzig Louis aufstehen und jeder konnte sehen, daß sie »nicht blank war,« wenn sie mit ihrer Börse voll Gold abzog!

Gewiß. Aber sie hatte ihrem Manne versprochen ...

Versprochen? Ja, nicht mit dem letzten Schein zu spielen. Aber ... wechseln? Das konnte sie immer. Damit war ja nichts riskiert. Sie tat es ja bloß, damit die »Menschen« gut sahen, daß sie nicht »blank« war.

Ach, wie gern hätte sie ihren Mann mit einem glücklichen Ausgang ihres Wagnisses überrascht! Die Rettung aus der Not selbst kam ihr nicht so begehrenswert vor, als die Freude, ihm zu sagen, daß er gerettet war und ... durch sie! Wie würde er sie schön finden und lieben ...

Weg mit den Illusionen! Zu dumm, von den zwei Louis noch etwas zu erhoffen! Und die anderen fünfzig ... nein, nein, keinen einzigen würde sie dazu tun. Sie wußte ja aus wiederholter Erfahrung, wie schnell man einen Schein verspielen konnte mit Einsätzen von je sechzig Franken!

Überdies, es mußte ja Geld sein für die Hotelrechnung, die schon ziemlich angelaufen war, denn ... sie hatte ja so fest darauf gerechnet, zu gewinnen. Und für die Heimreise ...

Heim? Sollte man sich wirklich heim wagen, wo Wechselproteste, Scham und Schande, Bankerott, Elend, Verzweiflung warteten? Wenn sie aber nicht nach Hause gingen – was dann?

Und der fatale Augenblick nahte. Die vierzigtausend Franken mußten heute gewonnen werden, heute, oder ...

Sie würde aber nicht mit den fünfzig Goldstücken weiter spielen, wenn sie wechselte.

Sie holte den sechsmal zusammengeknifften Schein heraus ... er war warm und feucht. Lord Ci-Devant hätte, in seiner guten Zeit, gern tausend Pfund dafür gegeben. Ach, der Fetzen Papier konnte bezeugen, wie dieses Herz klopfte!

Mit einem mißglückten Versuch, gleichgiltig auszusehen, faltete sie ihn auseinander ...

Die Hand zitterte ...

»Nun, o Glück, auf deine Laune,« klang die Musik aus den Anlagen hinter dem Kursaal.

Und um ihr Zittern in eine andere Bewegung umzusetzen, klopfte sie mit dem Schein die Melodie aus »Robert der Teufel« mit: »Setze ich mein Lebenslos ...«

»Das Gold ist nur Chimäre,« antworteten Roberts Kameraden im Chor.

Die hatten gut sprechen. Sie hatten nie mit Wechselprotesten und Bankerott zu tun. In ihrer Zeit kam man mit einen bißchen physischen Mut aus.

»Versteht es zu brauchen fein ...« ging die Arie weiter.

Was? Mut? den hatte sie! Geld? das hatte sie fast nicht mehr.

Ihre Knie knickten.

»Gnade ... Gnade!« flehte ... oder versprach? ... die Musik.

»Nein, nein, nein, nein!« schrie Robert.

Wenn sie nun doch einmal wartete, konnte sie es ebensogut im Sitzen wie im Stehen. Sie nahm den Platz auf ihrem verlassenen Stuhl wieder ein ... nein, nicht ganz! Es war der Mühe nicht wert, fand sie, sich wieder an den Tisch zu setzen, als ob sie noch so unbescheiden wäre, etwas zu hoffen. Sie schob ... sie ließ sich gleiten ... sie sah nieder, und saß ... nun ja, sie saß, wie Molière bei Ludwig des Vierzehnten Frühstück, auf der Stuhlecke ... gerade, gerade auf dem Eckchen. Beinahe saß sie nicht, aber ... sie saß doch. Und sie wartete.

»Warten ist die schwerste Arbeit, die ihr Menschen zu verrichten habt,« sagte Semi-ur. »Wer das kann, ist stark.«

»Wird sie wechseln?« fragte ich.

»Nein.«

»Wird sie weiterspielen?«

»Nein.«

»Wird sie aufhören?«

»Nein.«

»Wird sie fortgehen?«

»Nein.«

»Ruiniert?«

»Nein.«

»Aber ... wie ist das möglich?«

»Krystallisation, Mensch! Sie wird warten. Wer das kann!«

Ich brummte vor mich hin: »Was hilft es, daß ihr rennt und jagt und euch erhitzt? Fortuna geht zu dem, der wartend stille sitzt ... Ist's das?«

»Unsinn! Es steckt in der Limonade!«

»Aber – er trinkt sie nicht.«

»Ist auch nicht nötig.«

»Und wenn ein Beruhigungsmittel nötig ist,« sagte ich, »braucht sie es viel eher. Sieh, wie sie zittert.«

»Blinder ... Mensch!« rief das Krystallmännchen mit einer Geringschätzung, die zu schildern über mein Schriftstellertalent geht. Blinder Mensch, erzblinder Mensch, Mensch!

Diese Gnomen haben schreckliche Schimpfworte. Ich hätte mich sehr geschämt, hätte mir nur meine Neugier dazu Zeit gelassen.

Nebenbei will ich nur sagen, zu Nutz und Frommen des wißbegierigen Lesers, daß das Wort »Mensch« in der Gnomensprach »ein Ding, das nicht recht klug ist« zu bedeuten scheint.

In Gottes Namen!

Nein, nicht in Gottes Namen. Denn ich kann mich dabei doch nicht beruhigen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.