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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einleitung

Buchschnuck

Der Verfasser der »Millionen-Studien« hat nie Millionen besessen. Im Gegenteil, sein Leben ist Sorge und Not gewesen, und selten hat ihm das Glück gelächelt.

Der am 2. März 1820 zu Amsterdam geborene Eduard Douwes Dekker ging schon mit 18 Jahren nach Niederländisch-Indien und trat dort in den Kolonialdienst. Er kam in eine Zeit der Kämpfe und des Aufruhrs und geriet auch bald in Zwistigkeiten mit einem Vorgesetzten, die zu seiner zeitweiligen Suspension führten. Später wieder in Dienst genommen, wurde er längere Zeit auf knappes Wartegeld gestellt, und als er sich im Jahre 1846 verheiratete, hatte er einen für seine Verhältnisse hohen Posten Schulden zu bezahlen. Es folgte dann eine glücklichere Zeit, zu Menado und Amboina; aber seine freigebige Natur, sein Wohltätigkeitssinn und seine Ehrlichkeit ließen ihn nicht zu Vermögen kommen. Als Dekker im Jahre 1856 von einem zweijährigen Urlaub nach Indien zurückkehrte, um die hohe Stellung eines Assistent-Residenten des Bezirks Lebak auf Java anzutreten, hatte er wieder Schulden. Er hoffte sich jetzt zu rangieren und infolge seines großen Arbeitseifers und seiner anerkannten Tüchtigkeit Carriere zu machen. Aber er hatte diese Stellung nur ein Vierteljahr inne. Sein Herz und sein Gewissen konnten es nicht ruhig mit ansehen, wie die unglückliche javanische Bevölkerung von ihren einheimischen Fürsten unter Duldung und Beteiligung niederländischer Würdenträger ausgesaugt wurde; er erhob seine Stimme gegen die Greuel, die er täglich vor Augen hatte. In einem Augenblick der Erbitterung und Entmutigung kam Dekker um seinen Abschied ein und kehrte 1857, da verschiedene Pläne, in Indien zu einer Selbständigkeit zu kommen, scheiterten, nach Europa zurück. Versuche, wieder angestellt zu werden, mißglückten, und er griff zur Feder, um in seinem sensationellen Buche » Max Havelaar« Bibliothek der Gesamt-Literatur Nr. 1396–1399, Preis geh. 1 M., geb. 1,25 M., im eleg. Geschenkbande 2 M. die Zustände in den holländischen Kolonien zu schildern. Das Buch trug ihm, wenn man so sagen will, einen hohen Dichterruhm ein, er wurde allgemein bekannt, Verehrer und Gegner stellten sich ein, aber das politische Ziel wurde nicht erreicht, und der materielle Erfolg blieb aus. Dasselbe gilt von den späteren Schriften, die er nach 1861 in die Öffentlichkeit schickte. Sein »Gebet des Unwissenden,« seine Skizze »Zeige mir den Platz, wo ich gesäet habe,« die »Japanischen Gespräche« und andere kleinere Schriften, die teils in Broschürenform, teils als Beiträge in Zeitschriften erschienen, trugen den Namen » Multatuli« – dieses Pseudonym hatte er gewählt – von Mund zu Mund. Der Dichter aber litt Not.

Dekker war ein Charakter, der immer zuerst an andere, an sich aber zuletzt dachte, und wenn er und seine Familie, meilenweit voneinander getrennt, in bitterster Not lebten, dann war er mit den kargen Erträgnissen seiner Feder noch ein Wohltäter fremder Menschen, recht oft auch wohl Unwürdiger.

So kam der Dichter um den Ertrag seiner » Minnebriefe,« während geschäftliches Ungeschick und Vertrauensseligkeit ihm z. B. den »Havelaar« und die »Ideen« raubten, die er im Jahre 1862 begann. Er war 1862 genötigt, seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären. Seine Frau mußte die Unterstützung von Freundinnen und Verwandten in Anspruch nehmen, und Dekker irrte in den nächsten Jahren, wie ein richtiger Vagabund, in den Rheinlanden umher. Im Jahre 1865 kam eine kurze bessere Zeit; aber da wollte es das Unglück und sein Temperament, daß er in Amsterdam im Theater einem Menschen, dessen Bemerkungen über eine angejahrte Schauspielerin ihn geärgert hatten, ein paar Ohrfeigen versetzte und deshalb zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Um dieser Strafe zu entgehen, begab Dekker sich schleunigst nach Deutschland zurück. Hier versuchte er u. a. auch in Homburg, wo damals eine Spielbank existierte, sein Glück im Hazardspiel, eine Zeitlang mit Erfolg, bis das Unglück nachkam. Damals schöpfte er einen guten Teil der Anregungen zu den » Millionen-Studien,« dem Werke, welches hier in deutscher Übersetzung vorliegt. Es ging ihm schließlich so schlecht, daß er schon die Idee hatte, sich in Holland zu stellen und seine Strafe abzusitzen! Die Strafe wurde später niedergeschlagen, als das Glück wirklich wiederzukehren schien; denn infolge der Ereignisse des Jahres 1866 und der großen Besitzausdehnung Preußens nach Westen hin herrschte in Amsterdam wirklich eine Zeitlang der Wunsch, den energischen Mann des eigenen Denkens und Handelns für ein hohes Staatsamt zu gewinnen. Dekker hatte sich zu jener kritischen Zeit mehrfach publizistisch betätigt und speziell in seinen Briefen an den »Haarlemschen Courant,« die uns noch beschäftigen werden, sowie in »Preußen und Niederland« (einer hauptsächlich polemischen Zeitbroschüre, die für uns wenig Interesse hat) den holländischen Standpunkt kräftig betont.

Der vielversprechende Plan scheiterte. Dekker kehrte aus dem Haag zurück, ohne Minister oder Geheimrat geworden zu sein, und widmete sich weiter seiner literarischen Tätigkeit. Auch frühere Versuche, wieder in den Staatsdienst zu treten, hatten nichts gefruchtet; an jeden neuen Generalgouverneur, der nach Batavia ging, hatte er sein Gesuch eingereicht, aber nie Antwort bekommen. Zudem erfolgte jetzt die Katastrophe in seinem Eheleben. Der gesunde Sinn der selbstlosen, hingebenden Tine, der Dekker in dem »Havelaar« und den »Minnebriefen« ein wunderbar anmutiges Denkmal gesetzt hat, konnte sich auf die Dauer mit der Naivetät nicht befreunden, die Dekker in einem Freundschaftsverhältnis mit einer Verehrerin seines Genies seit Jahren zur Schau trug. Sie sagte sich von ihm los und ist einige Jahre darauf in Italien gestorben. Während der Kriegsjahre 1870 und 1871 finden wir Dekker in Mainz und Wiesbaden, später zu Ingelheim.

Die siebziger Jahre gewährten ihm endlich auch materielle Erfolge; die Fortsetzung seiner » Ideen,« Neuauflagen älterer Schriften, das Drama » Fürstenschule« Bibliothek der Ges.-Literatur Nr. 1526, Preis geh. 25 Pf., geb. 50 Pf. und die » Millionen-Studien« brachten ihm bessere Einkünfte. Aber zu besonderem Wohlstande ist der Dichter der »Millionen-Studien« niemals gekommen. Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in stiller Zurückgezogenheit zu Nieder-Ingelheim. Er hatte noch die Absicht, seine »Ideen« weiterzuführen, besonders dem in ihnen enthaltenen humorvollen Roman ( »Abenteuer des kleinen Walther« und »Walther in der Lehre« Bibliothek der Gesamt-Literatur Nr. 1489–1492 und 1508–1511, Preis geh. je 1 M., geb. je 1,25 M., im eleg. Geschenkbande je 2 M. Beide Teile in einem eleganten Geschenkband gebunden, Preis 3 M. eine Fortsetzung zu geben, aber er hat leider diesen Plan nicht ausgeführt. Am 19. Februar 1887 ist er gestorben. Seine zweite Frau, Mimi, die ihn überlebte, hat seine Briefe in zehn Bänden herausgegeben und persönliche Erinnerungen hinzugefügt.

*

Die Werke Dekkers haben infolge ihrer Ursprünglichkeit und ihres geistigen Gehalts, ihrer unbegrenzten Aufrichtigkeit, einen gewaltigen Reiz für jeden, der eine tiefere Lektüre liebt. Freilich entfernen sie sich in der Form oftmals sehr von allem Gewohnten. Das war Absicht des Dichters; er wollte originell sein. Nichts freute ihn mehr, als wenn er von einem Werke sagen konnte: »es gleicht nichts,« d, h. es gibt nichts Vergleichbares. Diese Eigenwilligkeit, die mit dem Leser ganz nach Belieben schaltet, beeinträchtigt manchmal den Genuß, entschädigt aber durch andere Vorzüge des Gebotenen. Was in der Form der uns geläufigen Lektüre noch am meisten ähnelt, sind die beiden Bändchen vom »kleinen Walther«, aber man darf dabei nicht vergessen, daß Dekker sie nicht so geschrieben hat, sondern daß fremde Hand sie erst aus den »Ideen« excerpieren mußte. Die Witwe Dekkers hat diese Arbeit für eine holländische Ausgabe besorgt; die Bearbeitung der »Bibliothek der Gesamt-Literatur« rührt direkt aus dem Originalwerk »Ideen« her.

Die »Millionen-Studien« wird man am besten als eine Folge von Feuilletons bezeichnen, die durch eine Art von Handlung und durch die Materien selbst enger oder lockerer verknüpft sind. Von dieser Auffassung ausgehend, wird man diesen Blättern, die ganz wie Zeitungs-Feuilletons sich zwanglos hierhin und dorthin ergehen und tausend Seitensprünge und Nebenbemerkungen enthalten, stets interessant, stets amüsant, den richtigen Geschmack abgewinnen. Und man wird gern, nachdem man einmal von dem ganzen Werke Kenntnis genommen hat, beim späteren Durchblättern die einzelnen Abschnitte, wie es die Gelegenheit bietet, zwanglos wieder lesen. Deutsche Pedanterie lasse man beiseite. Es wäre z. B. komisch, Dekker, weil er hier von der Wahrscheinlichkeitsrechnung handelt, für einen großen Mathematikus anzusprechen u. a. m. Ueberhaupt regelt sich die Stellung zu Multatuli, daran muß festgehalten werden, immer danach, was der Leser selber schon früher gelernt oder nachgedacht hat. Je nach dieser Voraussetzung erscheint der Holländer mehr oder minder weltbewegend. Indessen, das alles kommt bei diesem Werke mit seinem ausgesprochen feuilletonistischen Gepräge erst in zweiter Linie in Betracht. Es handelt zum Teil von Zahlen, aber die Zahlen sind nicht trocken. Ein Buch voll Ziffern und Poesie ist es genannt worden, ein Buch vom Rheine könnte man es nennen. Es herrscht eine heitere Laune, ein frischer Humor, der vom harmlosen Scherz und übermütiger Selbstverspottung bis zu bitterer Satire alle Nuancen durchmacht. Man sieht es dem Werke an, daß es in einer froheren Periode von Dekkers Leben entstanden ist.

Eigene Erlebnisse haben ihm als Modell für vieles gedient, und manches davon ist für den Dichter so charakteristisch, daß es hier Platz finden mag.

Für das Spiel hat Dekker immer viel Sympathie gehabt. Als er nach dem unglücklichen Ende seiner indischen Beamtenlaufbahn nach Europa zurückkam, versuchte er in Homburg sein Glück. Das Geld fing an knapp zu werden, und er hoffte so seine Barschaft zu verbessern. Aber er hatte kein Glück damit und konnte schließlich seinen Hotelwirt nicht bezahlen. Der Mann wurde »lästig.« Da fiel Dekker ein Mädchen, namens Eugenie, ein, deren Wohltäter er geworden war. Er hatte sie in Frankreich aus einem Hause, »in dem zu weilen sie als ein Unglück ansah«, losgekauft. Eugenie war, erzählte er, weder jung noch sehr schön, aber anständig in Aussehen und Manieren. Er hatte sie bis Straßburg mitgenommen; dort hatte er, weil sie lieber in Frankreich bleiben wollte, sich von ihr getrennt, und ihr eine Summe Geldes zurückgelassen, – er, der selber mit Sorgen in die Zukunft sah! So war er. Als er nun in Verlegenheit geriet, telegraphierte er nach Straßburg. Eugenie war noch da und hatte fast noch alles Geld; sie kam sofort nach Homburg und warf dem Wirte das Geld hin: » Payez-vous – machen Sie sich bezahlt!« Dekker erzählte diese Scene später gern; natürlich wurde ihm die ganze Sache von den Verwandten seiner Frau sehr verdacht. Nach Jahren traf er Eugenie in Brüssel wieder, wo auch seine Frau Tine sie schätzen lernte. Er erging sich öfters in Phantasien, Eugenie aufzusuchen und ihr Gutes zu tun; aber es ging ihm ja immer selber schlecht ...

Auch später scheint Dekker in Spaa und an anderen Orten das Spiel geübt zu haben. Im Winter 1865–66 suchte er durch dies Mittel geradezu Rettung, Er hatte sich, wie es viele tun, die Chancen ausgerechnet und ein »System« zusammengestellt, mit dem er gewinnen »mußte.« Noch jetzt gibt es bekanntlich in Monte Carlo u. s. w. derartige Spielprofessoren. Er setzte das System seiner Freundin Mimi, die ihn in Köln traf, ausführlich auseinander, und diese hat es auch schriftlich niedergelegt. In der Tat bewährte sich das System am grünen Tische zu Homburg. Etwa vierzehn Tage lang konnte Dekker täglich eine Hundertfrancsnote nach Brüssel an Tine schicken, die damit einige Schulden bezahlte. Da aber schlug das Glück um, das System versagte, wie alle solche Systeme, und seine Lage war schlimmer wie je. Als Dekker nach einiger Zeit von einem Verleger Vorschuß auf ein Werk bekam, ging er wieder zur Spielbank, diesmal wohl nach Wiesbaden, verlor wieder und flüchtete schließlich, arm wie eine Kirchenmaus, mit Mimi nach Koblenz ...

»Ja, wir waren sehr arm in Koblenz,« schreibt Mimi, »aber trotz dieser Armut ist der Eindruck, der mir von dieser Zeit geblieben ist, ein Eindruck von Reichtum und Herrlichkeit! Wir wohnten in einem Zimmerchen in der Rheinstraße, über einem Bäcker, Namens Werner. Das Zimmerchen war freundlich und reinlich, aber äußerst einfach. Wir hatten es für sechs Taler monatlich gemietet. Aber auf dem Sofachen an dem wackligen Tische saß er – Multatuli! Seine Lage war elend, aber das konnte nicht so bleiben, und wenn er sagte: dich wenigstens kann mir keiner nehmen! – dann war ich zufrieden. Ich hatte auch Sorgen und Schmerz, aber die Größe seines Unglücks hielt mich aufrecht und machte mich mutig. Wie aus einer ewig frischen Quelle sprudelten die Betrachtungen, Gedanken, Einfälle aus seinem Kopfe. Sie färbten und belebten die Ereignisse, die schon für sich so merkwürdig, und auch in dem Seitenlicht, in dem wir sie ansahen, so besonders und pikant waren ...«

Diese Ereignisse – es sind die Ereignisse von 1866 – spielen ihre Rolle auch in diesem Buche. Als die Werke Dekkers in Deutschland bekannt wurden, hat man die Auffassung, die er von diesen Dingen hatte, vielfach getadelt. Teils mit Recht – er erkannte, wie viele andere, nicht, was vorging und sich vorbereitete. Teils aber auch mit Unrecht – Mimi trifft das Richtige, wenn sie von dem »Seitenlicht« spricht, in dem er das alles sah. Es war die holländische Beleuchtung, von der sich Dekker trotz allem Kosmopolitismus nicht frei machen konnte.

Er, der seinem Volke so viel Bitteres zu kosten gegeben hatte, hat zu jener Zeit für eine holländische Zeitung Berichte »vom Rhein« geschrieben, in denen er seinen Lesern ganz aus der Seele sprach. Und die Broschüre des Mannes, der ein Jahrzehnt lang auf den »Raubstaat an der See, zwischen Ostfriesland und der Schelde« den Fluch des Menschengeschlechts herabgerufen hatte, endete mit den Worten: »Es lebe der König!«

Die Geschichte seiner damaligen journalistischen Tätigkeit ist übrigens ungemein drollig und paßt ganz in die Stimmung der »Millionen-Studien.«

Büsken Hüet, mit dem Dekker damals befreundet war, redigierte in jenen Jahren die auswärtige Politik des »Haarlemschen Courant.« Er forderte Dekker auf, Berichte an das Blatt zu schicken. Dieser lehnte erst ab, weil es ihm bei seinem Elend schwer wurde, regelmäßig Zeitungen zu bekommen; er war auf die Gutmütigkeit von Stubenmädchen und Kellnern angewiesen ... schließlich aber tat er es doch. Die Berichte »vom Rhein« erschienen von 1866–69 und wurden sehr gern gelesen; sie sprachen durchaus den holländischen Standpunkt zu der bedrohlichen preußischen Entfaltung aus. Das war nicht so leicht. Der Verleger Enschedé wollte ein reines unparteiisches Nachrichtenblatt. Eigene Meinung war verpönt; man sollte nur referieren, was die anderen dachten, speziell was die deutschen Blätter schrieben. Selbstverständlich hielt das Dekker nicht lange aus. Aber er wußte sich zu helfen. Wenn er lange genug die »Kölnische«, die »Kreuzzeitung« u. s. w. ausgeschrieben hatte und nun einmal seine eigene Ansicht äußern wollte, citierte er einfach den »Mainzer Beobachter.« Dies Blatt existierte gar nicht, es bestand wie ein »Arizona-Kicker« nur in Dekkers Phantasie! Dieser »Mainzer Beobachter« sprach die holländischen Leser kongenial an, und wenn Holländer von einer Rheinreise heimkamen, wunderten sie sich, daß sie dies »vernünftige« Blatt unterwegs nie gesehen hatten. Allmählich kamen Nachfragen; Büsken Hüet, der eingeweiht war, machte Ausflüchte, so lange es ging. Vermutlich hatte aber Dekker selbst in lustiger Gesellschaft gelegentlich den Scherz zum besten gegeben, die Zunge ging ja wohl öfters mit ihm durch – jedenfalls, die Sache kam heraus, und mit Dekkers Mitarbeiterschaft am »Haarlemschen« war es zu Ende.

Ein paar Proben aus »den Berichten vom Rhein« mögen hier angeführt werden. In einem Artikel vom 11. Januar 1867 tritt Dekker lebhaft für die Erhaltung der Spielbanken von Homburg, Ems, Nauheim, Wiesbaden u. s. w. ein, welche die preußische Regierung und der Norddeutsche Bund nicht mehr dulden wollten, und die dann 1872 tatsächlich auch aufgehoben worden sind. Es heißt da:

Aus Wiesbaden wird uns geschrieben: Zur Ehre unserer Stadt muß es ausgesprochen werden, das Gerücht, daß eine Adresse an den König wegen Beibehaltung der Spielbanken von dreitausend ehrenwerten Bürgern der Stadt unterzeichnet sein soll, ist falsch! Wie viel Unterschriften das Schriftstück gefunden hat, wissen wir nicht. Aber das ist gewiß, daß es nur von Angestellten der Bank, Bedienten, Schulkindern und Marktweibern unterschrieben sein kann. Der » Mainzer Beobachter,« der diesen Bericht mitteilt, meint, er könne nicht glauben, daß keine »ehrenwerten« Bürger den Aufruf unterzeichnet haben sollten. Ehrenwert, so sagt das Blatt, in sozialer Hinsicht – nur das kann gemeint sein, da eine Gewissensuntersuchung nicht in Frage kommen kann – ehrenwert ist jeder, der ein hübsches Haus bewohnt, ein nützliches Gewerbe ausübt, pünktlich seine Steuern zahlt. Da nun fast alle Besitzer und Bewohner von Häusern in Wiesbaden die Mittel zur Bestreitung ihrer »Ehrenwertheit« aus dem Verkehr schöpfen, den die Spielbank schafft, so gehörte dazu ein starkes Maß von Selbstverleugnung, der Aufhebung der Spielbank so ruhig zuzusehen. Es wäre gewiß ein seltenes Schauspiel in der Weltgeschichte, eine ganze Stadt voll lauter Catos! Den allzu willfährigen Marktweibern müßte ja ganz angst werden vor so viel Tugend!

Der letzte Artikel »vom Rhein,« den Dekker für das Haarlemer Blatt geschrieben hat, datiert vom 24. Juli 1869, und zielt auf die preußische Annexionspolitik:

Der »Mainzer Beobachter« behandelt einen Artikel der »Kreuzzeitung«, in dem eine Erinnerung an den hessischen Obersten Emmerich aufgefrischt wird, der vor sechzig Jahren unter der Regierung des Königs von Westfalen zum Tode gebracht wurde, weil er sein Vaterland von der Fremdherrschaft befreien wollte. All das Sonderbare, das wir täglich sehen – so drückt das erstgenannte Blatt sich aus – könnte es beinahe fertig bringen, unser Urteil über die einfachsten Dinge zu verwirren. Wer uns vorgespiegelt hätte, daß wir in der alten Hauptstadt des großen hessischen Stammes uns täglich würden über Mutwillen und Betrunkenheit fremder Soldaten beklagen müssen, die doch nicht als Eroberer in die Stadt eingerückt sind, der wäre als verrückt ausgelacht worden. Die Geschichte berichtet von Freistaaten und eroberten Staaten. 1807 war ein groß Teil Hessenland unter fremder Herrschaft. Ein mutiger Kriegsmann, Hesse und Patriot erhob die Hand, um sein Vaterland zu befreien. Er wurde von den damaligen Gerichten zum Tode verurteilt. Das befremdet nicht. Wir brauchen nicht sehr weit zurückzugehen, um Beispiele zu finden, wie auch andere Gerichte im Namen anderer Eroberer strenge Urteile fällten über Missetaten, die in mehr oder minder hohem Maße mit dem Verbrechen Emmerichs auf eine Linie gestellt werden können. Ist nicht erst dieser Tage ein Bäcker in Hannover, zwar nicht mit dem Tode, aber doch schwer genug bestraft worden, weil er gewagt hat, Leinwand zu trocknen, die die Farben seines Vaterlandes zeigte! Hören wir nicht täglich, wie diejenigen, die in den annektierten Ländern ihren angestammten Einrichtungen treu blieben, als Bösgesinnte beschimpft werden? Erhebt sich irgendwo eine Stimme für den Frankfurter Bürgermeister Fellner, der, wie ein alter Römer, die Unabhängigkeit seiner Vaterstadt nicht überleben wollte?

Man kann die »Millionen-Studien« für eine direkte Fortsetzung dieser »Briefe vom Rhein« ansehen. Als die Arbeit für den »Haarlemschen Courant« plötzlich aufhörte, schrieb Dekker für das damals in Leeuwarden erscheinende Blatt »Het Noorden«. Das waren die ersten Kapitel der »Millionen-Studien.« Darauf spielt die Vorrede an, die Dekker der Buchausgabe beigegeben hat:

Ich halte es für nötig, dem Leser mitzuteilen, daß diese Millionen-Studien zunächst als Feuilleton in dem Tageblatt »Het Noorden« erscheinen sollten. Ich sah mich aber bald genötigt, aufzuhören, weil die Leser dieses Blattes, nach Versicherung der Redaktion, »nichts davon verstanden.« Ich hoffe diesmal glücklicher zu sein.

Die »Millionen-Studien« sind angefangen 1870; die Hauptarbeit scheint 1872 in Wiesbaden geleistet zu sein. Im Druck erschienen sie zuerst 1873. Auffällig ist, daß die Ereignisse von 1870 und 1871 in dem Buche fast gar keine Rolle spielen, während 1866 immer und immer wiederkehrt.

K. M.

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