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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Priester, Trüffeln und Spielbanken

»... ne sont pas ce qu'un vain peuple pense« – ... »sind nicht, was ein dummer Pöbel denkt.«

So sagte der naive Tartüff, und weil anderthalb Versfuß fehlten, ließ ihn Molière anfangen mit: les prêtres, »die Priester.«

Ludwig XIV. war ein Feinschmecker oder ein Vielfraß. Er liebte auch Trüffeln. Doch ach, der Doktor hatte ihm die Leckerei verboten, weil Majestät überfüttert waren. Als nun der wohlmeinende Arzt eines Tages seinen Patienten bei einer stark getrüffelten Leberpastete erwischte und sich gerade zu einer ärztlichen Tadelrede anschickte, schloß ihm Ludwig den Mund mit einem Citat – wer nichts selbst zu sagen weiß, muß citieren. »Die Trüffeln,« sagte er, »sind nicht, was ein dummer Pöbel denkt!«

Der Doktor war entwaffnet.

Lieber Leser, sei nun ebenso nachsichtig wie jener Doktor und glaube es mir auf mein Wort: Auch das öffentliche Spiel an den Badeorten ist nicht ce qu'un vain peuple pense.

Diese Frau soeben, die ihr Näschen rümpfte, das sie gar nicht mehr besaß ... glaube mir, diese Frau hatte unrecht. Der gute Gott bewahre mich vor der Unschicklichkeit, alle meine Leser und Leserinnen so bis auf die Knochen auszukleiden, wie ich es mit ihr tat. Aber ein Zipfelchen von dem Mantel will ich doch aufheben, mit dem die Welt viel Häßliches zudeckt. Ich wünschte, daß der Abscheu, mit dem man anstandshalber das Glücksspiel betrachtet, einen vernünftigen Grund hätte. Daraus könnte man dann doch schließen, daß außerhalb des Spielsaals ein Maß von Ehrlichkeit und Gesetzlichkeit vorhanden wäre, das die Geringschätzung dessen, was da drinnen vorfällt, rechtfertigte. Aber ... das ist nicht so! Ebenso wie der geringste meiner Leser habe ich viel Erfahrung, und stehe ich auch an Scharfsinn und Urteil etwas unter meinen Landsleuten – Haagscher Kammerpegel – so wird man mir doch etwas Urteil über Dinge, denen ich ein richtiges Studium gewidmet habe, zuerkennen, also über das Spiel ... und etwas anderes auch.

Es scheint mir, daß die offenen Spielbanken sehr ehrliche, gesetzmäßige Einrichtungen sind.

Seit einiger Zeit ist es Mode geworden, auf diese Banken zu schimpfen. Moralisierende Zeitungsblätter wetteifern darin mit bankerotten Spielern. Die ersteren greifen das Prinzip an, die letzteren behaupten, »daß es bei dem großen Kladderadatsch unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein kann.«

Redensarten der letzten Art will ich zuerst beantworten.

Jeder Spieler bildet sich ein, daß er eine Art von Mittelpunkt für das Schicksal ist. Der Wahn ist kindisch, hochmütig, beschränkt, aber ... er herrscht überall. »Daß gerade mir so etwas passieren mußte!« heißt es. In dem »gerade mir« liegt der Schwerpunkt des Irrtums. Wer sein persönliches Interesse beiseite stellen kann und mit philosophischer Gleichgültigkeit das Ganze übersieht, wird finden, daß das »Schicksal« nicht die mindeste Notiz von einem »Ich« nimmt, daß es mit kalter Rechtfertigkeit seine Schläge und seine Gunst rechts und links nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung austeilt. Der Lauf der Chancen geht zum Gleichgewicht, aber dies kann nur hergestellt werden durch genaue Verrechnung endloser Abweichungen. Wenn nun solche Abweichung einen Spieler benachteiligt, kommt es ihm erst vor, daß gerade er so besonders unglücklich ist, und dann beschuldigt er die Spielbank der Unehrlichkeit. Aber sowohl das Schicksal wie die Spielbank sind völlig unschuldig.

Um von dem ersten überzeugt zu sein, braucht man bloß etwas Kenntnis arithmetischer Verhältnisse. Das arme »Schicksal« kann nicht rechtschaffen sein, ohne zeitweise den einen zu benachteiligen, und da nun jeder für sich die Rolle dieses einzelnen spielt, um sein billig Teil zur Harmonie des Ganzen zu liefern, meint jeder, daß gerade er der ausgewählte Prügelknabe des sogenannten Zufalls ist.

Diese Meinung verrät wohl Mangel an Einsicht, aber sie ist lange nicht so töricht wie die Klage über Unehrlichkeit der Bank. Man verliert aus dem Auge, daß die Bank mit dem Vorteil und Nachteil des einzelnen Spielers, für sich betrachtet, absolut nichts zu tun hat. A setzt auf Rot, B auf Schwarz. Eine der beiden Farben – von zéro und refait abgesehen – kommt heraus. Die Bank hat also die Einsätze von A und B nur zusammenzuschieben und dem hinzureichen, der gewonnen hat. Es ist ihr ganz gleichgültig, wer dieser ist.

Daß dies nicht jedem klar wird, hat seinen Grund in dem fortwährenden Wechsel der Personen, die zusammen das vorstellen, was ich der Einfachheit halber A und B nannte. Die Summe der Einsätze auf der roten Seite beträgt, auf die Dauer, genau so viel wie die Summen der Einsätze auf der schwarzen Seite, und da nun – ebenso: auf die Dauer – Rot ebenso oft gewinnt wie Schwarz, so ist die Bank lediglich die Zwischenperson, die entweder die anfänglich verlorenen Einsätze aufbewahrt, um sie späteren Gewinnern auszuzahlen, oder – falls der Spieler mit Gewinn anfängt – das Nötige vorschießt, bis verlierende Spieler ihr das ersetzen. Daß die Abrechnung manchmal einige Stunden, Tage, ja manchmal vielleicht Wochen dauert, versteht sich; daß sie aber früher oder später stattfindet, ist gewiß.

Nehmen wir an, ein Spieler, der ein Goldstück setzte, gewinnt neunmal hintereinander, ohne etwas von dem dadurch jedesmal verdoppelten Einsatz wegzunehmen. Dann hat er 5110 Gulden gewonnen. Da das Maximum des Einsatzes 4000 Gulden beträgt, muß er jetzt, wenn er so hoch wie möglich weiterspielen will, 1110 Stücke an sich nehmen. Lassen wir ihn dann noch zwanzigmal gewinnen, dann hat die Bank rund achtzigtausend Gulden verloren, d. h. vorgeschossen. Das Glück des einen Spielers wird allmählich wieder wett gemacht, sei es, daß er selber durchspielt, sei es, daß ein anderer oder viele andere an seine Stelle treten. Es kommt auch vor, daß solche »veines«, solche Glücksserien, statt sofort durch Gegen-veines neutralisiert zu werden, aufeinander folgen, aber das ändert am allgemeinen Verlauf der Sache nichts. Das Kapital der Bank ist groß genug, um allen Glücksfällen, die innerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit liegen, die Stirn zu bieten. Sie braucht nur die Zeit abzuwarten, die Liquidation kommt von selbst.

Diese Liquidation wäre aber unmöglich ohne das »Pech« von einigen Spielern. Die sehen dann nicht ein, daß sie nur die Rückzahlung liefern für das, was die Bank anderen – vielleicht auch ihnen selbst in glücklicheren Augenblicken – vorgeschossen hat. Und, umgekehrt, wo solche großen Gewinne, wie wir sie schilderten, nicht stattgefunden haben, muß das scheinbar unregelmäßige, außerordentliche Pech der Spieler dazu dienen, den Ausgleich späterer glücklicherer Chancen herbeizuführen. Daß solche glücklichere Chancen nicht gerade immer, oder auch selten, an dieselben Personen fallen, die zu der Bezahlung beitrugen, ändert an den Verhältnissen des Spieles im allgemeinen gar nichts. Wer mit Gewinn anfängt, kann später verlieren. Die Aussicht auf Gewinn dagegen ist für einen, der mit Verlust anfing, viel kleiner. Er verlor manchmal den Mut, fast immer aber die nötigen Mittel, um weiterzuspielen und den Ausgleich abzuwarten. Darin liegt denn auch die durchgehende Übermacht der Bank. Ihre Dividenden wären wahrscheinlich geringer, wenn sie sich mit dem Kassiererlohn aus dem zéro oder refait begnügen müßte. Das beträchtlich kleinere Kapital des Spielers hält nicht stand gegen nachteilige Abweichungen, die jeden treffen müssen, während die Bank immer weiterspielen kann und sicher ihr Verlorenes früher oder später zurückgewinnt.

Ein treffendes Beispiel liefert, nach den Zeitungen, ein gewisser Garcia, ein Spieler, der durch anhaltende »veine« – zeitweise Abweichungen zum Nachteile der Bank – einige Millionen gewonnen hatte. Der Mann spielte weiter, und endlich wandte sich das Blatt. Es ergab sich, daß die Bank ihm die Millionen bloß auf einige Monate geliehen hatte. Die Abweichung nach der anderen Seite stellte die Gleichheit wieder her, indem das Glück sich ebenso hartnäckig auf Seite der Bank stellte, und der Mann verließ Homburg, wie man versichert, ohne das mindeste Vermögen. Ich las kürzlich, daß dieser Schlüngelhans im großen jetzt Kellner in Monaco ist. So geht es.

Bei einem so natürlichen Verlauf der Dinge ist nicht der geringste Grund, an Unehrlichkeit zu denken. Wenn die Bank Einfluß auf die coups ausübte, hätte sie ja den Gewinn dieses Garcia nicht so hoch anlaufen lassen, auf die Gefahr hin, daß er sich mit seiner Beute schleunigst empfehlen könnte.

Sobald man die Spielbank einfach als die Vermittlung zwischen den Spielern untereinander betrachtet, fällt jeder Verdacht der Unehrlichkeit. Dieser Garcia – der Lump wurde später in Paris wegen Diebstahls im Cercle des Herzogs von Grammont-Caderousse verurteilt – behauptet vielleicht, daß der Verlust der – von ihm erst gewonnenen – Millionen auf unehrliche Weise zustande kam. Das ist Spielerart. Aber warum ließ ihn denn die Bank gewinnen? Und noch mehr. Zugegeben, wirklich, man ließ ihn ans unehrliche Weise verlieren, – wo oder was hinderte denn das übrige Publikum, gegen Garcia zu setzen und auf diese Art soviel oder noch mehr von der Bank herauszuholen, als jener in seiner Gewinnperiode von ihr zog?

Übrigens, die Art, wie die Karten vor den Augen des Publikums gemischt, abgehoben und gelegt werden, läßt gar keinen Betrug zu. Bei der Roulette kann man sogar noch setzen, nachdem Cylinder und Kügelchen in Umlauf gebracht sind; wenn also ein Croupier damit beauftragt wäre, auf den Fall der kleinen Kugel einen unehrlichen Einfluß auszuüben, so kann er nicht zeitig genug wissen, wie dieser Einfluß gelenkt werden muß, um den Spieler zu benachteiligen. Man kann sogar kurz vor dem Fall der Kugel noch den Einsatz nach Willkür von einem Platz auf den andern schieben.

Und – wäre das alles nicht, könnte die Bank ihre Leute wirklich zum Betrug abrichten, dann wäre sie selbst das erste Opfer. Liegt es nicht auf der Hand, daß die Angestellten durch Helfershelfer ihr gefährliches Geschick mißbrauchten? Ein Croupier, der die Kunst verstände, das Publikum hineinzulegen, müßte ja ein komisches Tier sein, wenn er diese Kenntnis nicht zum eigenen Vorteil ausbeutete.

Strengste Ehrlichkeit ist für die Banken Existenzbedingung. Soviel über die Loyalität der Einrichtungen, für sich selbst betrachtet.

Und vergleichsweise?

Es ist mir ein Rätsel, wenn man den Zustand der Welt im allgemeinen betrachtet, wie man sich da noch über die Existenz der Spielbanken entrüsten kann! Ist es Kurzsichtigkeit? Dummheit? Oder ist dieses Mückenseihen und Kameledurchlassen bloße Heuchelei?

Ihr, die ihr so sehr schaudert vor dem Rouge et Noir, wißt ihr denn nicht, was täglich in eurer nächsten Nähe vorfällt?

Die Spielleitung und die Aktionäre wollen verdienen. Das haben sie mit anderen Unternehmern gemein. Aber findet man irgendwo so viel Aufrichtigkeit?

Welche finanzielle Unternehmung man auch zum Vergleiche heranziehen mag, nirgends wird jeder, der damit in Berührung kommt, sich so sicher auf die Erfüllung des Programms verlassen können. Nirgends werden die Rechte der Geldgeber so deutlich und bündig erklärt. Die Bank lockt nicht durch Vorspiegelung von Gewinn. Im Gegenteil, sie verspricht den Aktionären hohe Dividenden und zahlt sie auch wirklich, sie warnt also jeden Spieler, er muß ja verlieren! Sie bemäntelt nicht – wie die Ausschreiber von Staatsanleihen – die einfache arithmetische Wahrheit mit einem Schwarm von Bedingungen, die das Publikum verwirren. Jeder kann genau wissen, was er zu erwarten hat. Wer so und so viel aufs Spiel setzt, wird diesen Einsatz entweder verlieren, oder soviel gewinnen. Man kann es tun und man kann es lassen. Zugeredet wird keinem. Hintertüren gibt es nicht.

Mehrfach hat man die Bank auch der ... Gefühllosigkeit beschuldigt! »Diese Croupiers streichen das verlorene Geld mit eisiger Gleichgültigkeit ein,« heißt es. Ja, sollen sie denn ein Interesse dabei fühlen oder zeigen? Für was, für wen? Für den Spieler, der Schwarz gesetzt hatte, als Rot gewann? Dann müßten sie sich ja gleichzeitig über den Gewinn der anderen freuen, die Rot gewettet hätten! Bei jedem Gewinn müßten sie das verlangte »menschliche Gefühl« so komisch spalten, daß die Ausführung lächerlich und unmöglich wäre.

Bist du, Leser, denn so gefühlvoll? Dann mach dich nur auf eine lange Kette von Gefühlen gefaßt, traurigen und frohen, meist aber traurigen. Tausende, Millionen mußten sterben, um deine Existenz möglich zu machen. Es ist nun einmal so, wir sind wie Kirchhofsblumen, die Säfte, Blüte, Duft und Farbe aus der Verwesung aufsaugen.

Wahrend der Zeit, die du brauchst, um eine Seite dieser Studien zu lesen – ein paar Minuten – hauchen Hunderte deiner Mitmenschen den letzten Atem aus. Trauerst du nicht? Zwar werden in denselben Augenblicken ebensoviel, und noch mehr, geboren, was gleichfalls ohne das Sterben der anderen unmöglich wäre. Freust du dich nicht?

Oder verrechnest du dies Debet und Kredit an Gefühlen »mit geschlossener Börse«? Gewiß! Kein Gemüt könnte alle die Gefühle verarbeiten, die die Welt ihm aufdrängt. Meist sind wir schon zu schwach, das zu besorgen, was uns selbst angeht. Wo sollte es hin, wenn wir dazu noch ...

Warum willst du dem Croupier übelnehmen, daß er den Einsatz des A gleichgültig in den Besitz des B übergehen sieht? Er kennt beide so wenig, wie du den Chinesen kennst, der in diesem Augenblick ...

Da stirbt ja wahrhaftig auch ein Neger ... und ein Ungar auch ... und ein Deutscher ... ein Franzmann ... ein Holländer ... noch einer ... noch einer ...

Lieber Himmel, ich wollte über den Tod dieses Chinesen etwas erzählen ... er ist schon vergessen und wird von der Flut von Toten begraben, die schneller wächst, als die Feder folgen kann. Trauerst du nicht?

Seien wir aufrichtig, und verlangen wir nicht, daß sehr gewöhnliche Menschen mit sehr gewöhnlicher Beschäftigung – was sind sie denn anderes als Angestellte auf einem Kassencomptoir? – vor Gefühlsseligkeit aus der Haut fahren sollen, wie sie uns selbst lächerlich scheinen würde.

Unser Herr A, der Tränen über seinen verlorenen Einsatz sehen will, ... laßt ihn doch einmal seinen Partner B fragen, ob er wohl zufrieden wäre, wenn ihm sein Gewinn nicht ausbezahlt oder beschnitten würde. Gewiß nicht. Aus welcher Quelle sollte denn der Gewinn bezahlt werden, wie soll man die Gewinner befriedigen, wenn keine Verlierer sind?

Die Klage über die Hartherzigkeit der Bank ist nicht nur kindisch – Spieler sind kindisch – nein, man hätte sogar Grund zur Klage, sogar zur Anklage, wenn sie Zeichen von Interesse gäbe! Gerade, indem sie sich dessen enthält, ist sie der rechte Repräsentant dessen, was wir Zufall nennen, der Natur selbst. Auch diese läßt den notwendigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht durch Mitleid stören, durch Vorliebe für den einen oder anderen, aus schwacher Nachgiebigkeit gegen unsere Wünsche, was ja auch nie ohne Ungerechtigkeit gegen andere geschehen könnte. Sie tut, was sie tun muß. Ohne Ansehen der Person läßt sie jedes Ding den Weg gehen, den es durch die gegebenen Vorbedingungen getrieben wird. Alte Philosophen fanden »dies Nichtansehen der Person« so erhaben, daß sie darin eine göttliche Eigenschaft sahen, und mit Recht!

*

Wer sich die herrschenden Begriffe über Moral genau ansieht und sie an den Handlungen der Menschen prüft, der macht eine traurige Erfahrung. Ebenso wie wir uns, wenn wir Bücher schreiben, von der gewöhnlichen Volkssprache entfernen, werden auch in der Schreiberei sowohl wie in »würdiger« Rede gewisse konventionelle Begriffe hingestellt, die entweder nicht existieren oder sehr selten praktisch werden. Ich wage nicht zu behaupten, daß man das immer der Heuchelei zuschreiben muß. Diese Untugend verlangt Talente, die nicht vielen gegeben sind, und eine gewisse Anstrengung, woraus folgt, daß es weit weniger Heuchler gibt, als man gewöhnlich denkt. Die wahre Ursache des sich überall zeigenden Unterschiedes zwischen Reden und Handeln wird darin liegen, daß man sich ganz unbewußt zu schlechten Handlungen verleiten läßt. Und wenn es auch nicht ganz unbewußt geschieht, so kann man sich doch in einiger Zeit glauben machen, daß der rechte Weg nicht verlassen ist, oder man kann doch mehr oder weniger mutwillig dagegen die Augen verschließen. Etwas Falsches geradeswegs zu billigen, das müßte in einem Augenblick geschehen, und es beansprucht daher eine brutalere, weniger bequeme Negierung des Guten.

Ein Diebstahl beispielsweise kann, was ersten Antrieb, Absicht und Ausführung betrifft, über viele Tage und Wochen verteilt sein, während das Wort »Stehlen ist erlaubt« eine bestimmte augenblickliche Vergewaltigung des Sittlichkeitsgefühls beansprucht, zu der wenige fähig sind. Deshalb klingt denn auch das Wort »Du bist ein Dieb« dem so Angeredeten stets wie eine Beleidigung im Ohr, und es gilt dafür in allen Gesellschaftsklassen, selbst im Zuchthause.

Wenn wir uns gewöhnen könnten, den alten Wappenspruch »Fays ce que dis« – handle, wie du sprichst – umzukehren, und alles zu sagen, was wir ruhig tun, wäre schon viel gewonnen. Dann wäre auch erst eine nützliche Debatte über Ansichten möglich. Jetzt sind wir über Bravheit und Tugend vollkommen einig – in den Büchern, und es wird viel zu wenig die Frage aufgeworfen: ob alle die Schreiberei mit der Wirklichkeit übereinstimmt? Wir sind durch klingende Worte und Phrasen verdorben und lassen unser Urteil durch den Klang in Schlaf wiegen, und der Klang braucht nicht einmal wohllautend zu sein, wenn er nur durch fortwährende Wiederholung mit unserer durch gläubiges Hinnehmen vorbereiteten Aufnahmefähigkeit gleichen Schritt hält.

»Gott ist ...« wer da nun fortführe: »klein, eigensinnig, unangenehm, grün, viereckig, witzig oder Abracadabra« – der würde uns sofort vor den Kopf stoßen, uns ärgern, uns Schmerz bereiten. Die unerwartete Abweichung von dem uns bekannten Tone verursacht dieselbe unangenehme Empfindung wie ein plötzlicher Schreck, der uns zwingt uns umzudrehen, oder ein Aufhalten im schnellen Lauf. Das Ganze kommt auf unsere Abneigung gegen brüske Störung unserer Trägheit heraus.

»Das abscheuliche Spiel« ... »das leidige Spiel« ... »das verdammte Spiel« ... das sind alles so geeichte Ausdrücke, weniger unrichtig übrigens – das will ich gern zugeben – als die Bestimmung der Größe Gottes, dessen Eigenschaften uns unbekannt sind. Aber daß der Abscheu gegen das Spiel zum großen Teil dem Einfluß des Tones zuzuschreiben ist, auf den die ganze Sache nun einmal gestimmt ist, ist sicher.

Es wäre zu wünschen, daß wir das Recht hätten, auf eine Verkehrtheit, die vergleichsweise recht unschuldig heißen kann, so herniederzusehen. Unsere Moralität nimmt puritanische Lappen vor, um eiternde Wunden zu verbergen.

Merkwürdig ist es, wie weit das Sichberuhigen bei dem einmal angenommenen Tone sich erstreckt. Wir wissen, daß die meisten Menschen durch Verwahrlosung ihres Denkvermögens ihren eigentlichen Beruf verfehlen. Aber Führer, Philosophen, Gesetzgeber, Dichter, sie, die doch das Wahrheitsuchen zu ihrer Aufgabe machen? Von denen wäre doch etwas Besseres zu erwarten. Statt dessen stößt man überall auf schändliche Oberflächlichkeit. In alten wie in neuen Zeiten herrschte die bequeme Neigung, sich mit einem Machtspruch um aufgeworfene Fragen herumzudrücken, und es ist traurig anzusehen, wie die nicht allzu wißbegierige Gemeinde sich dauernd damit zufrieden gibt.

Auch Sokrates, der selbst so gut seine Gegner durch Fragen zu entwaffnen wußte, hätte mehrfach schlecht abgeschnitten, wenn man seine Methode auf seine eigenen Behauptungen angewendet hätte. Was hätte wohl Jesus geantwortet, wenn man ihn gefragt hätte – und das war doch die Hauptsache –: Rabbi, was ist denn des Kaisers? Oder: wer soll rechtsprechen, wenn nur der Sündenlose dazu befugt ist? u.s.w.

Solche Fragen kann man hunderte stellen. Es hat beinahe den Anschein, als wäre es zu allen Zeiten den Führern der Völker weniger darum zu tun gewesen, den Menschen klarere Begriffe beizubringen, als sie zur Gewöhnung an Düsterheit zu erziehen. Bei unseren neueren Moralisten ist es nicht besser. Seit Jahren suche ich vergebens nach Lösung des Widerspruchs, wie man gleichzeitig Werke schreiben kann über exakte Wissenschaften – wobei das 2 x 2 = 4 vorausgesetzt wird – und sogenannte moralische Betrachtungen, die der logischen Wahrheit brutal ins Gesicht schlagen?

Vielleicht findet sich später ein geeignetes Beispiel von falscher Moral, aus denen man zugleich wird sehen können, daß ich unter den Dingen »die nicht so sind, wie ein dummer Pöbel sie sich denkt« neben Trüffeln, Priestern und Spielbanken auch ganz gut den Schriftstellern ein Plätzchen geben könnte.

Vorläufig beliebe der Leser mit einer kleinen Geschichte vorlieb zu nehmen. Sie wird ihn in Berührung bringen mit einem Bundesgenossen im Abscheu gegen das verderbliche Spiel.

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