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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111206
projectid688b5e3e
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Simple chance!

Der Leser entgeht hier einer großen Gefahr, und ich wünsche ihm von Herzen Glück dazu.

Ich fühlte mich versucht, dies Kapitel mit dem feierlichen: »Sei gegrüßt, einfache Chance!« zu beginnen. »Schön und lieblich bist du unter allen Chancen, die den grünen Tisch umgeben! Sei gegrüßt mit deinen Serien und Intermittenzen, mit deinen Zweischlägen und coups de trois! Sei gegrüßt ...«

Nun, es wird nicht so schlimm.

Der Leser sieht, daß ich ihm vorläufig die schwere Aufgabe erspare, über eine Sache, die ihm allzu einfach erscheint, in Entzücken zu geraten. Ich erwarte aber als Zeichen seiner Dankbarkeit, daß er auf dem Tableau sechs Fächer gemerkt haben soll, – und zwar die größten, von denen ich noch nichts gesagt habe.

Sie zeichnen sich vor allen anderen Teilen der Zeichnung aus durch die herrliche Eigenschaft ihrer Aufnahmefähigkeit. Man kann viel Geld darauf setzen.

Und es geschieht auch.

Es sind die braven »simples chances«, die einfachsten Begriffe von Gewinn und Verlust. Der gewinnende Einsatz a empfängt a. Wenn a verliert, ist einmal a verloren. Auf diesen Fächern wird der Streit geführt zwischen Nichtsein und Doppeltsein, zwischen objektiv und subjektiv, zwischen Plus und Minus, zwischen Ja und Nein. Hier ist keine ausgeklügelte Gegenüberstellung einer Anzahl Chancen gegen den Betrag des möglichen Gewinns. Keine Finessen, um den durchgehenden Unterschied zwischen 36 und 37 wegzugaukeln. Hier ist einfach – wie der Name sagt: die Chance ist simpel.

Achtzehn rote Nummern verkünden den Triumph von Rouge (Rot). Achtzehn schwarze rufen das Noir (Schwarz) als Kaiser aus. Zu Homburg waren 1, 3, 5, 7, 9, 12, 14, 16, 18, 19, 21, 23, 25, 27, 30, 32, 34, 36 rot, die anderen schwarz. Zu Wiesbaden waren die Ziffern anders verteilt, aber das tut nichts zur Sache (Anm. d. Verf.). Die Zahlen von 19 bis 36 gehören zu Passe (»drüber«). Was unter 19 ist, heißt Manque (»drunter«).

Auch die Ungeraden – die göttlichen Nummern – haben ihr Fach (»Impair«). Die Geraden auch (»Pair«).

Ach, nichts ist vollkommen! Mit großer Genugtuung sehe ich auf die Zurückhaltung, mit der ich das Kapitel begann. Wie beschämt stände ich jetzt da, wenn ich die simple chance zu herzlich bewillkommnet hätte, und müßte nun zugeben, daß auch sie, die einfache, aufrichtige, ungeschminkte, an dem Übel leidet, das nur allzusehr verbreitet ist.

Ja, auch die einfachen Chancen – achtzehn gegen achtzehn – haben ihr besonderes Pech.

Denn da ist noch eine siebenunddreißigste ... das Zero, die Null!

O du niedrige Null! Doppelnatur, Unnatur, Zwitter, Mittelstraße, Nichts!

Du bist nicht Rot, nicht Schwarz! Welche Farbe hast du denn, Freudenverderber, Gewinndieb, Verlustbringer, Systemqual, Säulentermite?

Du bist nicht Passe, nicht Manque, nicht Grade, nicht Ungerade. Du bist verflucht. Du bist ein Satan, ein ganzer ... nein, ein halber, und also nicht einmal als Teufel vollkommen.

Denn, in Abweichung von der früheren radikalen Bestimmung, daß die Null alle auf simples chances gesetzte Gelder der Bank verfallen ließ, hat die freundliche Direktion – sie wußte wohl, was sie tat – diese vernichtende Wirkung der Null halbiert. Wenn die Null herauskommt, so bestimmt der folgende Gang, ob man verliert oder, richtig gesagt, nicht gewinnt. Und die verdrießliche Unsicherheit zwischen diesen beiden Hoffnungen kann man für die Hälfte des Einsatzes abkaufen, in der Spielersprache: partagieren.

Dies »Partagieren« ist, nimmt man einmal die halbe Wirkung der Null an, ganz korrekt, da der durch eine Null getroffene Einsatz genau auf die Hälfte seines Wertes herabgesetzt ist.

Zuerst sah ich das nicht ein, weil es mir nachteilig schien, eine Summe, die nicht gewinnen kann, der Gefahr der Besteuerung, die auf der Gewinnchance lastet, preiszugeben. Eine richtige, aber doch unrichtige Betrachtung. Der Einsatz wird durch die Null wirklich auf seine Hälfte reduziert, und die Bank nimmt an, daß die Hälfte auf das folgende Spiel gesetzt ist. Sie läßt ihre Hälfte stehen, um, wenn der Ausgang dem Spieler günstig ist, ihren Verlust damit zu bezahlen. Die Hälfte einer »en prison« (»in Haft«) gesetzten »Mise« (Einsatz) teilt also diese selbe allgemeine Chance wie alle Sätze auf »simples chances.«.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß der Spieler das Recht hat, den Platz zu wählen, wo sein Geld in Haft geht. Er kann es von Rot auf Schwarz, von Schwarz auf Manque, von Passe auf Pair schieben u. s. w.

Das Ergebnis ist, daß einmal in siebenunddreißig Spielen die Hälfte der Einsätze auf einfache Chancen der Bank verfällt, d. h. 1/74 oder 1 13/37 Prozent alles Geldes, das auf einfache Chancen gesetzt wird.

*

Trotz des großen Unterschiedes zwischen dieser Besteuerung und der, welche beim Nummernsetzen erhoben wird, werden diese großen Fächer der Roulette nicht sehr stark besetzt.

Der wahre Spieler, der das Nummernsetzen verschmäht – »weil man ihren Lauf nicht berechnen kann« – sucht seine simple chance an einem anderen Tische, in einem anderen Spiel, dem Trente-et-quarante (»dreißig und vierzig«).

Spieltisch

Fig. 3

Das Spiel verhält sich zur Roulette wie ein Frack zum Umschlagetuch, wie ein Herr von der Börse zu einer Reinmachefrau. Keine Gräfin oder Fürstin kann die Mißachtung nachfühlen, die der rechte und echte »Simplechance-Spieler« für das »alberne Wetten auf elfenbeinerne Kügelchen« empfindet. Später werden wir sehen, ob diese Mißachtung begründet ist.

Das Trente-et-quarante ist ein Spiel, das von Einfachheit glänzt. Man hat hier bloß zwischen zwei Chancen die Wahl – Rot oder Schwarz – und man kann bloß auf zwei Arten wetten. Man kann sein Geld auf Rouge (Rot) oder Noir (Schwarz) und auch noch auf Couleur oder Inverse setzen (»Farbe« oder »Verkehrt« – Erklärung später). Das ist alles. Setzt man auf die Linie, die Schwarz oder Rot von Couleur oder Inverse scheidet, so bedeutet das einfach, daß man die Hälfte auf jede der beiden Chancen wettet. Es wird dadurch nicht verwickelter. Sie können sogar beide gewinnen, was beim »à cheval« im Nummernfetzen nicht möglich ist.

Die Felder R und N stellen Rot und Schwarz vor. Die Buchstaben I und C bedeuten Inverse und Couleur. Die punktierten Linien bezeichnen die Stelle, wo die infolge eines »Refait« – einer Art Null – en prison, in Haft gesetzten Summen den Beschluß über ihr Schicksal abwarten, d. h. ob sie bloß nicht gewinnen, ob sie verloren sind. Gewinnanspruch haben sie dann nicht mehr.

Das Verfahren ist nun so:

Einer der Croupiers hat ein Pack von sechs Spiel Karten vor sich zu liegen. Diese werden angesichts des Publikums gemischt, und jemand aus dem Publikum hebt ab, so daß also die 6 x 52 = 312 Karten in einer Reihenfolge liegen, die keiner kennt.

Hellseherinnen und Somnambulen nehme ich selbstverständlich aus. Aber ich will diese Damen doch bei dieser Gelegenheit der allgemeinen Bewunderung empfehlen. Jeder andere würde, wenn er mit seinem geistigen Auge acht, zehn, zwölf Karten durchbohren könnte, diese Gabe mißbrauchen, um alle Banken der Welt zu sprengen, d. h. auszurotten. Jede Hellseherin, die nicht Millionärin ist, verdient ihren Platz unter den Engeln. Goethe sagte zwar, nur die Lumpe seien bescheiden, aber da hat er an sie nicht gedacht.

Aber ... das Publikum sieht nun einmal nicht durch die mit dem Rücken nach oben daliegenden Karten, und weiß nicht, wie sie folgen. Wenn der Uneingeweihte an die Möglichkeit eines falschen Spiels denkt, so zeigt er eben, daß er ... uneingeweiht ist. Er urteilt nach den Eindrücken der profanen Welt, die er vielleicht kennt ... aber die Spielbanken kennt er nicht. Überall ist Falschheit möglich, denkbar, vielleicht wahrscheinlich, die Bank aber ist ein Tempel der Redlichkeit. Nirgends auf der Welt zeigt sich das, was ich einmal das Schicksal nennen will, so rein, so sauber, so unkorrigiert, wie an den grünen Tischen. Wenn die wahre Treue mit Schimpf und Schande aus den Herzen der Menschen vertrieben wäre, am grünen Tisch zu Homburg oder Wiesbaden fände die Ärmste ihre letzte, aber sichere Zuflucht. Da wird sie, wie sonst nirgends, geachtet, geehrt, respektiert, da wird ihr gedient, gehorsamt wie nirgends. Und das muß so sein! Sie hat da den Rang von Zweimalzwei. Sie ist die tyrannische, majestätische Notwendigkeit. Schelme, Diebe, Spekulanten, Aktienschwindler, Anleihe-Ausschreiber ... errichtet eine Spielbank und werdet ehrlich!

Nun wieder zu ebener Erde.

Der Croupier nimmt ein Päckchen Karten in die Hand und kehrt eine nach der anderen um, die er vor sich auf den Tisch legt. Er zählt die »Points«, wobei das Aß für Eins und die Bilder für Zehn gerechnet werden.

Wenn die Reihe Karten mehr als dreißig Points zählt, beginnt er die zweite zu legen, bei der dann die Points genau so gezählt werden.

Hat die erste Reihe den niedrigsten Point, so gewinnt die schwarze Farbe. Im umgekehrten Falle die rote.

Die Bestimmung, ob Couleur oder Inverse, hängt ab von der Farbe der zuerst umgelegten Karte im Zusammenhang mit dem Ausschlag der Points. Gewinnt Rot und hat die erste Karte des »Coup« dieselbe Farbe, so zählt der Coup als Couleur. Das Umgekehrte heißt Inverse.

Die Punktzahl der beiden Reihen wird einfach nach den Einern über dreißig gezählt: un, deux, trois ... bis neuf (1 bis 9). Vierzig, das Maximum, heißt quarante.

Ist die Anzahl Punkte in beiden Reihen gleich – das »Refait« ausgeschlossen – ist der Coup null. Es ist nichts geschehen, jeder kann sein Geld zurückziehen.

Da die sechs Spiele Karten zusammen 2040 Points enthalten, so sind sie gewöhnlich in 25–28 Coups erschöpft. Diese Gruppe heißt Taille. Ist eine Taille abgelaufen, so werden die Karten neu gemischt und durch jemand aus dem Publikum »coupiert« (abgehoben).

Als Refait wurde ursprünglich gerechnet: das Zusammentreffen von un und un. Zugleich mit dem Halbieren des Zero auf der Roulette ist auch diese Besteuerung auf die Hälfte herabgesetzt. Nur wenn die letzte Karte schwarz ist, wird das »Eins und Eins« noch respektiert. Laßt uns sehen, wie viel das ausmacht.

Diese Berechnung gebe ich nicht als mathematisch genau. Wollte ich den Möglichkeiten nachgehen, wie die 312 Karten aufeinander folgen können, und wie also die 2040 Points verteilt sein können, so würde mich das weiter führen als nötig ist. Für diesmal genügt es, die letzte Karte jeder Reihe zu betrachten, und den Einfluß, den sie ausübt.

Die letzte Karte wird

als Eins gezählt 24 mal
" Zwei " 24 "
" Drei " 24 "
" Vier " 24 "
" Fünf " 24 "
" Sechs " 24 "
" Sieben " 24 "
" Acht " 24 "
" Neun " 24 "
" Zehn " 96 "

Die Aussicht, daß eine Reihe mit einer Karte von zehn Points (Zehn oder Bild!) schließt, ist also höher, als daß sie mit einer der anderen Karten endigt, die im übrigen mit einander an Chance gleichzustehen scheinen.

Auch dies ist aber nicht so.

Das Aß kann bloß die Reihe schließen, die schon dreißig Punkte hatte. Die Zwei macht der Reihe ein Ende, die 29 oder 30 Punkte zählte. Die Drei hat 28, 29 oder 30 nötig, ehe sie als Endkarte dienen kann. Die Zehn beendet jede Reihe, die vor dem Niederlegen der letzten Karte mehr als zwanzig Punkte betrug. Es ergibt sich, daß die höchsten Schlußkarten die meiste Chance haben, einen niedrigen Point hervorzubringen, oder daß die Chance des Points im Verhältnis steht zur Frequenz der Karten, die eine Reihe schließen können.

Nehmen wir einmal an: eine Reihe, die auf dreißig stand, wird geschlossen durch ein Aß. Da nun eine Zwei die doppelte Zahl der Reihen schließen kann, indem sie das »Point« auf 31 oder 32 bringt, so hat die Schlußkarte zwei Chancen für un (eins) und nur eine für deux (zwei). Rechnen wir nun so weiter, so stellt sich heraus:

un (1) ist möglich bei allen Schlußkarten, und kommt also vor

        13 mal
deux (2) bei allen weniger eins, also 12 "
trois (3) " zwei, " 11 "
quatre (4) " drei, " 10 "
cinq (5) " vier, " 9 "
six (6) " fünf, " 8 "
sept (7) " sechs, " 7 "
huit (8) " sieben, " 6 "
neuf (9) " acht, " 5 "

Die Frequenz von un wird also ausgedrückt durch den Bruch 13/82 und die Chance, daß zweimal un hintereinander kommt, mit 13²/82² = 169/6724. Da nun das Refait bloß gilt, wenn die letzte Karte rot ist, beträgt die durchgehende Besteuerung aller Summen, die man auf die Trente-et-quarante-Tafel legt, 169/13448 oder etwa 1 ¼ Prozent.

Das macht mit dem Tribut, den die simple chance der Roulette beansprucht, keinen nennenswerten Unterschied. Dort zahlt man 1/74, hier 1/79 seines Geldes.

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