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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zu ebener Erde

Leser, die etwa meinen, daß Ton und Einkleidung der vorigen Kapitel Folgen freier Wahl sind, irren sich. Die Launenhaftigkeit des Geschriebenen ist das getreue, wenn auch immer noch unvollständige Abbild des Eindrucks, den eine aufmerksame Betrachtung des Spiels auf den Forscher macht, wenigstens wenn er mit der Gabe der Anpassung begabt oder geplagt ist, d. h. wenn er sich mit dem Thema so identifiziert, daß er sich das Wort durch die Tatsachen aus dem Munde nehmen läßt. Diese Tatsachen sind noch viel sonderbarer als die Art und Weise, wie ich sie beschreibe.

Die Spielerwelt wird beherrscht oder ausgefüllt durch Spuk, Laune, gesunden Verstand, Gemeinheit, durch alles, was zwischen Hans Schlüngel und dem guten Adolf liegen kann. Und über allem thront der unzerstörbare Logos.

Wer in bürgerlichen Verhältnissen sein täglich Brot mit täglicher Arbeit bezahlt, kann sich das Accidentelle, das Überraschende nicht vorstellen, das die Existenz des Spielers kennzeichnet, und auch den fremdartigen Einfluß nicht, den das Spiel sowohl auf gesellschaftliches Verhalten ausübt, wie auf Phantasie, Verstand, Charakter und Glauben.

Daß auch das Glauben sich nicht unbetätigt läßt, liegt in der Natur der Sache. Blieb das je aus dem Spiele, wo sich krankhafte Erscheinungen zeigen? Stand es nicht stets damit in der Wechselwirkung von Ursache und Folge? Der Gläubige, der nicht spielt, ist dumm und ein Heuchler. Dumm, weil er das einfachste Mittel verschmäht, sich und die Seinen zu Wohlstand zu bringen, er, der mit Hilfe seines Gottes ... natürlich, wenn er auf diese Hilfe nicht vertraut, ist sein Glaube nicht der rechte. Wozu dienen die Götter, o Götter, wenn sie nicht über den Lauf einer kleinen Roulettekugel bestimmen dürfen? wenn sie nicht die Macht haben, Serien in Trente-et-quarante zu schaffen? wenn sie keine »Intermittencen« beherrschen?

Und wer zum Spiele kommt, wird ein Gläubiger, so gut und so schlecht wie ein Müller, Jäger oder Seemann. Die Ursache ist dieselbe. Der Lauf von Hasen und Winden ist schwer zu berechnen. Warum sprang das Tier oder der Orkan plötzlich um? Man weiß es nicht ... also: das hat ein Gott oder ein Teufel getan, je nachdem der Wind auf Rahen und Segel fällt oder der Hase uns mehr oder weniger gefoppt hat. Schlüngelhans fühlte sich nach diesem famosen Glücksfall ganz intim mit seinem Herrgott. Als das Glück umschlug, ergänzte er seinen Katechismus durch ein paar Dutzend Teufel, und die Sache war wieder komplett.

Wenn man die Atmosphäre der Spielplätze schildern will, ist es also unmöglich, sich eines bißchens Teufelei zu enthalten. Daß ich meine Zuflucht zu heidnischen Gnomen nahm, geschah aus angeborener Scheu, die mich zurückhielt, zwischen Katholiken und Protestanten Partei zu ergreifen. Auch wäre jedenfalls meine gewohnte Unkenntnis ans Licht gekommen, wenn ich bei der Gelegenheit von christlich-national-historischen Prinzipien oder Standpunkten und anderen Dingen geredet hätte, die den Schlüngelhansen ganz klar sind, mir aber über die Begriffe gehen. Auch war ich nicht fest genug in der Kenntnis der Heiligen. Ich wußte nicht, wer das Rouge-et-noir in seinem Departement hatte, und fürchtete, mich zu irren.

Deshalb begnügte ich mich mit Gnomen. Ob ich von diesen Kerlchen etwas gelernt habe? Wer weiß! Vielleicht sehen wir sie noch wieder, und zwar über der Erde, gekleidet, sprechend und handelnd wie wir selber. Dieser Semi-ur mit seiner Krystallisation war nicht so dumm.

Aber nicht deshalb habe ich das Kapitel »Zu ebener Erde« benannt.

Der Leser wird nach den Millionen verlangen und da ich die nun einmal versprochen habe, muß ich einen kleinen Vorbereitungskursus abhalten über das Spiel im allgemeinen. Es wäre grausam, einen dem Irrtum auszusetzen, der einst einen gottesfürchtigen Jüngling um das Vertrauen zu der heiligen Morfondaria brachte.

Diese Geschichte wollte ich eben erzählen, um »zu ebener Erde« zu gelangen.

Ort der Handlung ist einstweilen ein Dampfschiff zwischen Koblenz und Mainz.

Die Fahrgäste langweilten sich. Selbst Engländer und Holländer fingen an, ihre Mitreisenden weniger von oben herab anzusehen. Warum das den ersteren so schwer fällt, weiß ich nicht, aber die Zurückhaltung der Niederländer verstehe und billige ich vollkommen. Man kompromittiert sich so leicht. Es gibt Reisende, die sich verräterisch sonntäglich herausmachen, und wenn man die Herren bann im lieben Vaterlande wiedersieht, ergibt sich, daß sie nicht in der richtigen Straße wohnen. Ich habe eine Dame gekannt, die sich von einem jungen Menschen zu der Unvorsichtigkeit verleiten ließ, auf die Bemerkung, die nächste Station wäre Breukelen, »ja« zu antworten. Diese Intimität beruhte auf der Idee, daß sie es mit einem Studenten zu tun hatte, der noch einmal Chefredakteur, Minister, Gesandter oder Pastor werden kann. Und siehe, dieser Hochstapler war ein Kaufmannsjüngling! Und dann der traurige Fall mit Mynheer Hebbelmann, der ein eigenes Geschäft hat ... er arbeitet mit Grönland, glaube ich. In einem unbedachten Augenblick ließ er es zu, daß ein Makler sein Töchterchen in den Wagen hob. Der arme Betrogene hieß sogar die kleine Iphigenie »Danke« sagen. Die ganze Hebbelfamilie hat darüber getrauert. Zum Überfluß wurde seine Frau bald darauf von einem Krämer angesprochen. So etwas ist mir auch passiert, und zwar von demselben Grönländer, und nun läuft der herum und renommiert, wie intim er mit mir wäre. Unerträglich!

Niemand ist immer weise, und so begannen denn ein paar Holländer – was die Langeweile macht! – diesmal etwas Menschliches zu zeigen. Sie sprachen!

»Und wohin geht die Reise?«

»Hm, ja, so ... Geschäfte! Und M'nheer?«

»Geschäfte.«

»Nach Frankfurt?«

»Ja, so ... hm. Vielleicht auch. Oder eigentlich nicht. Geht M'nheer auch nach Frankfurt?«

»Wohl möglich.«

Ich betrachtete die beiden Reisenden und wußte mehr von ihrer Reise, als sie sich vorstellten, daß irgend jemand wissen konnte. In Ermangelung anderer Ämter habe ich das Verstehen zum Handwerk erwählt, und wenn auch noch immer Anfänger, habe ich es doch so weit gebracht, daß ich aus den nicht gegebenen Erklärungen mir das Reiseziel der beiden Herren vorstellen konnte. Sie wollten beide nach Homburg und wollten spielen.

»Ein Schnäpschen?« schlug einer vor.

»Nun ja, ein Schnäpschen!«

Und sie tranken holländische Schnäpschen ... bis zur Offenherzigkeit. Das Reiseziel wurde preisgegeben und besprochen. Sie waren keineswegs Neulinge. Sie sprachen als Fachleute von Coups de deux, Coups de trois, von Paroli, von Maetingales ...

»Ja, sehen Sie, ich sage bloß, einer muß doch gewinnen! Und warum soll ich nicht der eine sein? Ich habe berechnet ...«

Folgte eine der vielen Berechnungen, auf die ich noch zurückkomme.

Der andere stimmte vollkommen zu, aber, wie damals minus a², behauptete er, – daß die richtige Art genau in dem Umgekehrten läge – eine Frontveränderung, die man auf die meisten Spielsysteme anwenden kann.

Ich hörte nun einige Auseinandersetzungen an, über die Logos gewiß die Schultern in die Höhe gezogen hätte.

Und auch der gottesfürchtige Jüngling, den ich jetzt die Ehre habe, als Helden dieser Episode vorzustellen, schien die Ausführungen der beiden Spieler ganz lächerlich zu finden.

Unsinn!

Er sprach das Wort zwar nicht aus, aber die Ansicht war so deutlich auf seinem Gesicht zu lesen, daß die beiden Holländer sich getroffen fühlten.

Nun ist die Begegnung mit Weisen, die alle Spielberechnung für etwas Unsinniges ansehen, nichts Auffallendes, und unter diesen finden sich viele, deren Unglaube auf ebenso schlechter Grundlage ruht wie das Vertrauen der anderen. Höhnische Ablehnung ist die billigste Manier, um mit dem Schein der Intelligenz zu prunken. Das läßt sich auch sonst beobachten.

Die beiden Reisenden fragten den Jüngling, ob er vielleicht meine, daß alle Sicherheit des Gewinns in das Gebiet der Unmöglichkeiten gehöre?

»Keinesfalls, meine Herren. Aber Sie wandeln nicht den richtigen Weg!«

Den kannte nämlich er.

Nun fingen die beiden Spieler an, ihre Systeme zu verteidigen. Diese Aufgabe ist mehr oder weniger schwer, je nach dem Verständnis der Zuhörer. Unter zehn Personen, beliebig herausgegriffen, gibt es neun, denen man auf hundert Arten weismachen kann, daß nichts einfacher ist als täglich ein paar Kapitalien zu gewinnen. Aber ebenso leicht kann man denselben neun Leuten klarmachen, daß jeder Spieler verlieren muß, und daß also alle Systeme Unsinn sind. An allen Orten, wo gespielt wird, finden sich Spielprofessoren, Leute, die sich in einigend Dutzend Carrieren den Hals gebrochen haben und jetzt dem Neuling mit ihrer Schicksalskenntnis zu Hilfe kommen. Als ich das erste Mal, vor vielen Jahren, von so einem Hexenmeister angesprochen wurde, beantwortete ich seinen Vorschlag, seiner unfehlbaren Wissenschaft dreitausend Franken anzuvertrauen, mit der Frage, wo er seine Equipage einzustellen pflege? Er hatte nichts derart, kaum ein Hemd auf dem Leibe. Bei einem Mann, der solchen Beruf zum Millionärtum hatte, fiel mir das sehr auf.

Der junge Mensch auf dem Dampfer war immer noch kein Millionär, aber er wußte ganz genau, daß er einer werden würde; das kommt auf eins heraus. Er blieb also dabei, bei den armseligen Berechnungen der anderen die Nase zu rümpfen, behielt aber verständigerweise sein eigenes System für sich.

Dadurch bekam ich einigen Respekt vor ihm. Seine Verschlossenheit stach sehr günstig ab von dem unbedachten Ausplaudern kostbarer Geheimnisse, dessen sich die anderen schuldig machten. Das sieht doch jeder ein, ein allgemein bekanntes Spielsystem kann kein System sein.

Jeder? Ach nein!

Keine Torheit ist so plump, daß das Publikum sich nicht damit versündigte. Die Hunderte von Handbüchern, »um die Bank zu sprengen,« Büchlein, die für wenige Groschen zu kaufen sind, liefern den Beweis. Ein Mensch, der die echte, wahre, untrügliche Methode gefunden hat, Schätze zu gewinnen, stürmt damit nicht – wie zu erwarten – in den Spielsaal, um seine Entdeckung in eigenem Interesse auszubeuten, o nein! er sperrt sich in sein Zimmer ein und schreibt ein Büchelchen, in dem er seine Entdeckung dem ersten besten mitteilt, der fünf armselige Groschen übrig hat. Das nenne ich Menschenliebe!

Wir kamen nach Mainz.

Den Tag darauf trieb mich der Wunsch, etwas mehr von den Spielern und ihren Systemen zu erfahren, nach Homburg.

Ich fand sie im Spielsaal, auf einem der Sofas, die dazu da sind, die Enttäuschten aufzunehmen. Es ist etwas Eigenartiges in der Art, wie diese Ruheplätze mit den »Ausgebeutelten« besetzt sind. »Weg, futsch, verloren, bankerott ... schön! Dann will ich wenigstens für mein Geld sitzen.« So steht es auf den Gesichtern. Lieber Himmel, ein teures Sitzen, wenn man dafür auch den prachtvollen Stuck der Wände bewundern darf, die schönen Leuchter angaffen, das Publikum betrachten, das nachher auch ein Plätzchen auf denselben Sofas suchen wird! Ich weiß wohl, daß manche nach dem Verlust ihres letzten Geldstückes die hübschen Sitzplätze und die schimmernden Säle verlassen und die Alleen zum Schauplatz ihrer Monologe über die Dummheit des Schicksals machen ... auch, daß einige sich totschießen oder ertränken – das erfuhren wir schon – aber der wahre Liebhaber bleibt in der Nähe. Spielt er auch selbst in dem Augenblick nicht mehr mit, so flößt ihm doch der Ruf des Croupiers Interesse ein und er kann seine Gedanken darüber das nächste Mal verwenden. Meistens kommt es dem Ausgebeutelten so vor, als ob das Glück sich gerade gewendet hat, jetzt hätte er gewonnen ... wenn er nur hätte weiterspielen können. Leider, das letzte Stück ist weg, und auf »Ehrenwort« setzen gilt nicht. Eine Vorsicht, in der ich der Bank nicht unrecht geben kann, und die im Interesse des Spielers selbst liegt.

So saßen also nun meine beiden Landsleute auch auf dem Sofa.

Ich sprach sie an.

Wäre ich ein Spieler gewesen, so war es ein Fehler, vor dem ich den Leser warne. Der Grund liegt diesmal nicht in der Möglichkeit, sich zu kompromittieren. Wäre man auch ganz sicher, mit einem Reeder, der mit Grönland arbeitet, zu tun zu haben, oder mit einem rechtgläubigen Pfarrer, es ist immer falsch, sich mit einem, der verloren hat, einzulassen. Die Berührung mit dem Unglück bringt »Pech.« Dieses Spielervorurteil – wie viele Aberglauben eine mystische Einkleidung praktischer Erfahrung – ist keineswegs grundlos. Unglück ist ansteckend, weil seine Betrachtung Begeisterung und Selbstvertrauen schwächt. Napoleon I. rechnete bei seinen Generalen das Glück unter die guten Eigenschaften und tat darin wie gewöhnlich sehr menschenkundig. Wenn wir nun doch einmal nicht imstande sind, alles zu berechnen – besser: da wir einmal sehr wenig berechnen können – müssen wir den Ausgang unserer Unternehmungen zum großen Teile dem sogenannten Zufall überlassen. Dazu gehört ein gewisser Mut, der nicht bloß bei öfterem Fehlschlagen eigener Bestrebungen, sondern auch bei Beobachtung der Folgen der Kühnheit anderer verloren geht. Möglich, daß einmal der Bedarf an Vorsicht zunehmen wird, und dann wird es nützlich sein, sich die Nachteile zu großen Vertrauens vor Augen zu führen. Vorläufig ist das Gegenteil wahr. In Spiel und Welt ist die Zahl der guten Gelegenheiten, die ungenutzt vorbeigehen, viel größer als das Schlimme, das wir infolge der Vorsichtigkeit zu tragen haben.

Ich fragte also die beiden Herren, wie es gegangen wäre, und erfuhr, was ich schon wußte, denn diese Geschichten sind immer dieselben.

»Stellen Sie sich vor!« sagte der eine, und er zeigte mir ein paar zerstochene Karten Derartige Kartonblättchen wurden und werden noch jetzt von den Spielbanken an die Spieler abgegeben. Sie sind mit einem Schema bedruckt, und die Spieler markieren durch Stecknadelstiche, was gewonnen hat, um daraus schließen zu können, was möglicherweise später gewinnen wird. Das weitere Spieltechnische aus diesem Gespräch wird später noch erklärt. – »in fünfhundertdreißig Sätzen keine einzige Serie über fünf! Und ich, der ich immer Paroli auf die »gagnante« spiele. Lauter »intermittances« ... unerhört.«

Darin hatte der Mann recht. Die fünfhundertdreißig Sätze, die er jetzt gespielt hatte, unterschieden sich von allen anderen Sätzen, die er je studierte. Unerhört war es also, aber das ist immer so. Dachte er, daß jemals zwei Gruppen von fünfhundert Sätzen einander gleichen? Der Fehler lag also darin, daß er auf das Unerhörte nicht gefaßt war.

»Und ich,« sagte der andere, »habe auf Nummern gespielt. Ich setzte mehr als das halbe Tableau voll und als ob der Teufel drin steckte, gewöhnlich falsch! Unmöglich, etwas zu gewinnen. Mein Geld ist alle.«

Ja, warum besetzte er nicht lieber die Nummern, die er ausließ? Denn wäre sein Teufel ein Gott gewesen. Als ich ihn danach fragte, erklärte er wieder sein System, von dem ich schon auf dem Dampfer etwas gehört hatte. Auf Schwanznummern folgten immer Zahlen, die, wenn man drei Achtel der Summe der fünf vorhergehenden Nummern dazu gezählt hatte, teilbar waren durch ... ich weiß nicht was. Die Berechnung beruhte auf einer Grundwahrheit ...

Da trat unser gottesfürchtiger Jüngling in den Saal.

»Zehn Groschen auf vierzig!« rief er dem Bankhalter zu, der mit der ganzen Zuschauerschaft in Lachen ausbrach.

Zehn Groschen werden nämlich nicht als Einsatz angenommen, das Niedrigste ist ein Gulden. Und Nummer vierzig gibt es auf der Roulette überhaupt nicht.

Dies prachtvolle Spielsystem war dem gläubigen Jüngling durch die heilige Morfondaria im Traum offenbart worden – sie bekam nach diesem Beweise von Sachkenntnis ihren Abschied.

Da es mir leid tun würde, den Leser einem ähnlichen Irrtum preiszugeben, will ich hier eine Beschreibung der beiden Spiele geben, die an Badeorten im Schwange sind.

Die Roulette ist eine Art Drehteller, um dessen äußerstem Rande siebenunddreißig kleine Fächer mit den Nummern von eins bis sechsunddreißig angebracht sind, und ein Fach mit einer Null. Diese letztere ist farblos, die anderen Nummern sind achtzehn rote und achtzehn schwarze. Anm. d. Verf. Der Einfachheit halber lasse ich die Art unberücksichtigt, wo mit zwei Nullen (zéros) gespielt wird; es gilt dann eine für rot, die andere für schwarz. Bei den jetzt folgenden Betrachtungen wirb lediglich die Homburger Art berücksichtigt. Sie stehen ohne die geringste Regelmäßigkeit durcheinander, eine Vorsorge, die man sich hätte sparen können, weil auf diese Reihenfolge doch keine Berechnung zu gründen ist. Wäre das anders, wie manche Systemerfinder behaupten, so wäre es nicht viel schwerer, sich die jetzt vorhandene Unregelmäßigkeit in den Kopf zu prägen, als es wäre, wenn die Zahlen in gewöhnlicher Reihenfolge angebracht wären.

Die ganze Scheibe von etwa zwei Fuß im Durchmesser ist mit einer messingnen Platte bedeckt, die in der Mitte in schwacher Steigung kegelförmig ausläuft. Das Centrum trägt einen messingnen Ständer mit einem horizontalen Kreuz.

Dieser Cylinder ist umgeben von einem unbeweglichen emporstehenden Rande aus poliertem Holze, an dessen innerer Seite, etwas höher als die sich darin befindende Scheibe, eine Aushöhlung entlang lauft. In dieser Höhlung wird das Elfenbeinkügelchen durch einen geschickten Fingerdruck des Croupiers in Bewegung gebracht. Augenblicklich dreht man durch einen Griff an einem der Arme des Kreuzes auch den Cylinder herum, stets aber in umgekehrter Richtung wie das Kügelchen. Während dieses nun mehrmals den Umkreis der hölzernen Einfassung surrend durchläuft, eilt es an den Nummernfächern, die den Rand der drehenden Scheibe bilden, mit großer Geschwindigkeit vorbei. Sobald nun die centrifugale Kraft, die das Kügelchen in der Aushöhlung festhielt, erschöpft und durch die Schwerkraft überwunden ist, fällt es über die Fächerchen hinweg auf die Messingplatte, mit einem Anprall, der es einige Augenblicke hin und her springen läßt, und zwar, bis die Bewegung des Cylinders sich dem kleinen Dinge mitgeteilt hat. Dann fällt es die Wölbung entlang in eins der kleinen Fächer, wobei es manchmal noch durch vorbedacht angebrachte Hindernisse gestört wird. Auf der Platte sind nämlich hie und da kleine Erhöhungen (vgl. S. 126 auf der Zeichnung a a a a) angebracht, durch die das Kügelchen, wenn es auf sie stößt, gezwungen wird, die Richtung zu ändern. Mehrmals springt es so wild hin und her, daß es endlich ein Fach nahe dem Orte erreicht, wo es zuerst auf den Cylinder nieder fiel, nachdem es erst gerade gegenüber geflogen ist. Manchmal entsteht auch zwischen Scheibe und Kügelchen, nachdem der Unterschied in der Beharrung sich aufgelöst hat, eine so gleichartige Bewegung, daß der kleine Körper, wenn er auf einer der hervorstehenden dünnen Messingplättchen anlangt, die die Fächer voneinander trennen, viele Sekunden unentschlossen liegen bleibt. Das ist dann ein Fall, in dem vermutlich so etwas wie unsere Elefantengeschichte den Ausfall bestimmt, d. h. die Ursachen, die diesen Ausgang beherrschen, entziehen sich unserem Wahrnehmungsvermögen.

Niemand kann berechnen, an welchem Punkte die Centrifugalkraft erschöpft sein wird. Die Kraft des Wurfes ist unbekannt und ebenso die Geschwindigkeit der Bewegung des Cylinders, auf dem sich die kleinen Fächer befinden. Hierzu füge man die Launenhaftigkeit der Sprünge des Kügelchens, bevor es seine Wahl trifft, wo es nach dem Rande herabrollen will, als ob es im Zweifel wäre, auf welcher Nummer es sich nach soviel Gedrehe zur Ruhe setzen soll. Um alle diese Unsicherheiten noch zu vermehren, wird das Kügelchen öfters durch ein anderes ersetzt, das natürlich, weil es keine zwei ganz gleichen Dinge gibt, stets leichter oder schwerer ist, und der kleinste Unterschied ist hier von Einfluß. Auch wechselt der Arm des Kreuzes, an dem der Cylinder gedreht wird, in unregelmäßiger Weise ab. Und endlich verändert man manchmal die Richtung, die durch diese Vorrichtung, und dementsprechend auch die, die dem Kügelchen mitgeteilt wird.

Die Anzahl der Einflüsse, durch die der Ausgang schließlich bestimmt wird, ist unendlich, und wir haben es hier also mit etwas zu tun, was wir aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit »Zufall« nennen.

Soweit wir sehen können, hat jede der siebenunddreißig Nummern, sowohl bei jedem einzelnen Wurf als auch während des ganzen Spieles, genau dieselbe Chance, und der Ausgang straft diese Vermutung nicht Lügen. Wenn wir auch annehmen müssen, daß jeder Wurf durch besondere und stets verschiedene Einflüsse geregelt wird, so verschwindet der Unterschied dieser Einflüsse doch in ihrer Unendlichkeit, und so wird wieder die vollkommene Gleichheit gewährleistet.

Wir werden seinerzeit sehen, daß die geringste Abweichung davon die Existenz der Spielbanken unmöglich machen würde. Hiervon möchte ich den Leser überzeugen. Wer an dieser Wahrheit zweifelt, fällt in Hirngespinste, wie die, an denen ich mich im vorigen Kapitel versündigte, und wahrscheinlich wird er mir dankbar sein, daß ich ihm durch die Schilderung meiner Enttäuschungen die Mühe solcher fruchtlosen Tüfteleien sparte.

Das ist aber etwas anderes, als die Ursachen überhaupt zu leugnen. Sie sind in der Tat vorhanden. Es ist unsere Aufgabe, zu untersuchen, ob wir davon etwas erfahren können, ohne unseren Weg über Konstantinopel oder Neger-Idyllen zu nehmen.

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