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Miks Bumbullis

Hermann Sudermann: Miks Bumbullis - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Reise nach Tilsit
authorHermann Sudermann
year1989
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen
isbn3-7844-2278-0
titleMiks Bumbullis
pages51-104
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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VII.

Es war eines Abends um die Weihnachtszeit, da wurde Miks Bumbullis auf einem seiner Wege zum Walde von einer Frauensperson angerufen, die bis zur Nase eingemummelt auf dem Grabenrande im Schnee saß.

Er schrak hoch auf. Er hatte die Stimme gleich erkannt.

»Es ist gut, daß du da bist, Alute Lampsatis«, sagte er. »Ich habe schon immer einmal zu dir kommen wollen.«

»Du hast dir drei Monate Zeit gelassen«, erwiderte sie, »und hätte ich dir nicht aufgelauert, so wären auch noch drei weitere verstrichen.«

»Das ist wohl möglich«, meinte er. »Was man nicht gern tut, verschiebt man immer wieder.«

»Sagst du mir das ins Gesicht?« knirschte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Ich sage, was wahr ist«, erwiderte er.

»Dann will ich dir auch sagen, was wahr ist!« schrie sie. »Daß du den Hegemeister erschossen hast – daß deine Flinte da, mit der du's getan hast, meine Flinte ist – und daß ich meine Seele dem ewigen Verderben verkauft habe – und Madlynens Seele dazu, die meine Schwestertochter ist und die mir zuliebe schwur, was ich wollte. Das ist die Wahrheit.«

»Und dann ist die Wahrheit«, fuhr er fort, »daß du mir die Flinte in die Hand gegeben hast und zu mir gesagt hast: ›Mein Seliger hat es schon tun wollen, da hat ihn die Krankheit gehindert. Nun tu du es, sonst hast du keine Ehre im Leibe‹. Das ist die Wahrheit.«

»Und ferner ist die Wahrheit«, nahm sie ihm die Rede aus dem Munde, »daß ich einen Tag und eine Nacht lang nachgesonnen habe, wie ich dich am besten vor der Leibesstrafe bewahren konnte, denn wenn ich einfach ausgesagt hätte: ›Er ist zu der Zeit bei mir gewesen‹, dann hätte mir keiner geglaubt. Darum hab' ich der Madlyne eingegeben, sie habe dich aus dem Stubenfenster steigen sehen, während ich alles bestritt. Darum habe ich dir zehnmal vorgesprochen – alles –, auch was du zu sagen hast, wenn ich die Schwurfinger erhebe. Denn du bist ja so dumm wie ein Deutscher.«

»Und du bist so klug wie der Teufel«, erwiderte er.

»Es ist gut«, sagte sie, in die Runde schauend, »daß uns hier niemand hören kann außer den Krähen, sonst wäre es um uns alle dreie geschehen. Aber man weiß nie, was noch werden kann, wenn sich einer im Zorn vergißt. Darum frage ich dich zum ersten und zum letzten Male: Willst du dein Versprechen halten?«

»Ich weiß von keinem Versprechen«, stöhnte er.

»Natürlich weißt du von keinem Versprechen, aber ich weiß, daß seit zwei Jahren die Menschen mit Fingern nach mir zeigen und daß sich kein Freiwerber mehr bei mir sehen läßt – nicht für mich und auch nicht für die Madlyne, und seit Michaeli treffe ich keinen, der nicht speilzahnig fragt: ›Weißt du, wer in Wiszellen bei den Kibelkas den Knecht spielt?‹ Darum frage ich dich zum überletzten Mal: Wann wirst du einen schicken, der die Heirat zwischen uns in Ordnung bringt?«

Er wand sich wie ein Aal unter dem Messer.

»Laß mir Zeit bis nach Fastnacht«, bat er.

»Jawohl«, höhnte sie, »erst bis nach Fastnacht – und dann bis zum Palmsonntag – und dann immer so weiter. – Aber es soll gut sein. Bis nach Fastnacht werd' ich warten. Schickst du dann keinen, dann weiß ich, woran ich mit dir bin.«

Und es klang noch fast wie ein Schöndank, was er da stammelte. Schon im Gehen, kehrte sie sich noch einmal um und sagte: »Die Leute erzählen sich, daß du das Kind, das bei den Kibelkas in Pflege ist, hältst wie eine Prinzessin. Laß das lieber sein. Deine Seele kaufst du doch nicht los, und der Gendarm wird aufmerksam, wenn er es hört.«

Damit schritt sie von dannen.

Miks Bumbullis war von dem allen zumute, als hätte er mit der Axt eins vor den Kopf bekommen. Er stand erst eine Weile ganz still, dann taumelte er in den Wald hinein. Aber er schoß nichts, und er sah auch nichts. Er dachte bloß immer das eine: »Ich bin bis heute sehr glücklich gewesen und habe es nicht gewußt.«

Dann packte ihn ein heißes Verlangen, das Kind in der Nähe zu haben. Er sicherte die Flinte und wußte nicht, wie rasch er nach Hause kommen konnte. Und als er auf seiner kalten Schlafstatt lag und die leisen Schritte nähertappten und das weiche Gesichtchen sich in seinen Arm hineinschob, da war er wieder wie im Himmel. Er fing so bitterlich zu weinen an, wie ein Mann sonst nur in der Kirche tut.

Da weinte auch das Kind und wußte doch gar nicht, warum. Er tröstete sie, und sie streichelte ihn. Und ihm war beinahe, als hätte er es nicht getan.

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