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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Die Frau Ökonomierat war eine ganze Zeit krank und lag zu Bett. In all dieser Zeit war es allein Miele, die sie verpflegte. Manchmal kam ein Besuch, Frau Schulze oder die Hauswirtin oder sonst eine Bekannte.

Es nahm Miele gehörig mit, aber sie hielt mit ihrer ganzen Zähigkeit stand.

Sie hatte sich sehr gebangt; daß der Frau Ökonomierat etwas geschehen könnte. Denn sie stand ja nun schon dicht vor ihrem einundsiebzigsten Geburtstag, und Miele war nun so gescheit und überlegsam geworden, daß sie gar wohl wußte, was das zu bedeuten hatte. 61 Zugleich aber hatte sie auch empfunden, wie sehr sie sich an ihre Herrin gewöhnt hatte.

Sie pflegte die Frau Ökonomierat aufs beste und fürsorglichste und entwickelte dabei Fähigkeiten, die sie bisher noch gar nicht betätigt hatte. Sie kochte ihrer Herrin schöne kräftige Weinsuppen oder auch Suppen aus kräftiger Bouillon mit abgequirltem Ei. Sie brachte ihr Kakao, ein Glas Wein, machte ihr belegte Weißbrotschnitten zum Frühstück und Abendbrot zurecht und versorgte sie auch sonst in jeder erdenklichen Weise.

Nachmittags saß Miele später an dem Bett der Frau Ökonomierat und las ihr etwas vor. Und was ganz unglaublich und unerhört war: sie, die in der ganzen Zeit, die sie nun schon hier war, kaum mal ein Wort über das Notwendigste hinaus mit ihrer Herrin gesprochen hatte, zeigte sich mit einem Male gesprächig und mitteilsam und wußte ihr unermüdlich alles mögliche zu erzählen und mit ihr zu plaudern. – Es erwies sich bei dieser Gelegenheit, daß Miele, die eigentlich mit niemand Verkehr gehabt hatte, nicht allein mit allem, was im Hause geschah, sondern auch, was im ganzen Viertel passierte, ganz genau Bescheid wußte. So aufmerksam also paßte sie überall auf, horchte umher und behielt alles miteinander hübsch still für sich.

»Ach, Miele!« sagte die Frau Ökonomierat, die auch für ihr Teil noch niemals so viel und vertraulich mit Miele gesprochen hatte wie in dieser Zeit. »Ach, ich habe gehört,« klagte sie mit ganz matter und trübseliger Stimme, »die Frau Schulze hat mir gesagt, daß in der Regel von der Influenza was zurückbleibt. Un' 62 namentlich soll sie bei alten Leuten so gefährlich sein. Ach, Miele! Und ich gehe nun schon bald in mein Zweiundsiebzigstes! – Gesund bin ich ja nun, gottlob, soweit wieder geworden; aber ganz gewiß wird bei mir was zurückbleiben!«

»I nä, Frau Rat!« tröstete Miele eifrig. »Die Wirtin hot m'r gesa't, se hot 'n Dokter gefra't, un' dar hot gesa't, daß Sie enne gute Kon . . ., Konter . . ., ich weeß nich', wie e' glei' gesa't hot, enne gute Konterschtition oder so, ha'n. As bliebe, hot a' gesa't, bei Ihnen gar nischt nach.«

»So! So! Hat a' gesagt, Miele?« stöhnte die Frau Ökonomierat getröstet.

Eifrig nickte Miele. »Ja–e! Ganz gewiß! A' hot's ja oo' zu der Frau Schulzen gesa't! Un' se därften nu' oo' schune bahle widder ufschtieh!«

»So, so, so!«

Die Frau Ökonomierat lag jetzt eine ganze Weile schön still und nachdenklich da. »Ich mag auch un' will auch un' darf auch noch nich' sterben, Miele! Ich muß noch eine ganze Zeitlang leben,« sagte sie endlich leise und sehr ernsthaft und traurig.

Miele schwieg respektvoll.

»He, sag', gefällt's dir bei mir, Miele?« fing die Frau Ökonomierat nach einer Weile wieder an.

»Ja–e!«

Miele nickte auch noch.

»Gefällt's dir auch wirklich, oder sagst du nur so?«

»Nä!«

»So, so, so! – Du hast mich ja so schön gepflegt, 63 Miele! Wenn's dir gefällt, so wirst du ja wohl auch bei mir bleiben. Gelte? He?«

»Ja–e!« antwortete Miele, indem sie ihre Herrin ansah, und nickte wieder.

»Bleibst du aber auch wirklich gerne?«

»Ja–e!«

»Nu' gut, nu' gut! – Nu', Miele! dann sollst du auch ganz bestimmt mal was von mir erben. Ich setze dir ganz bestimmt 'ne Summe aus, wenn du, bis ich e' mal sterbe, bei mir bleibst. Ich versprech' es dir ausdrücklich. – Mei' Vermögen muß noch viele Zinsen bringen,« setzte sie seufzend hinzu. »Denn ich brauche noch viel Geld, sehr viel Geld.«

Miele schwieg. Sie wußte nicht, was sie dazu sagen sollte; sie wußte überhaupt kaum recht, was es bedeutete. Und doch hatte sie, wie die Frau Ökonomierat bei den letzten Worten geseufzt hatte, wieder gefühlt, daß diese etwas ganz Besonderes angedeutet hatte. Aber sie machte sich darüber weiter keine Gedanken.

Wieder blieb es eine Weile still. Die Frau Ökonomierat schien über alles mögliche nachzudenken. Miele für ihr Teil dachte in diesem Augenblick an gar nichts weiter, außer daß sie sich freute, nun bald wieder für die Frau Hoflieferant Weißbach sticken zu können.

»Miele, erzähle mir doch was von euch zu Hause. Dei' Vater is Kossäte, gelle?« fing die Frau Ökonomierat wieder an. »Du hast wohl auch noch Geschwister?«

»Ja–e! Achte sin' mer!«

Miele wunderte sich, daß die Frau Ökonomierat sich dafür interessierte.

64 »Achte?«

»Ja–e! – Zwee' sin' gestorb'n. Aber mer sin' noch ihrer sachse!«

»Sechse? – Ach was, sechse leben noch?«

»Ja–e!«

»Da wird dei' Vater auch seine liebe Not haben!«

Miele schwieg. Aber sie blieb ganz gelassen. Noch nie hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, ob ihr Vater oder ihre Mutter mit ihr oder ihren Geschwistern ihre »liebe Not« hätten.

»Seid ihr denn noch mehr Mädchen?«

»Noch eene! Barta! Die is aber schunn verheirat't.«

»Un' die andern sind also Jungens?«

»Ja–e!«

»So! – Sag' mal, bei Apolda bistu also her. Wie geht's denn jetzt in –,« die Frau Ökonomierat nannte den Namen eines Rittergutes in der Nähe von Apolda. »Das kennste doch?«

»Ja–e!« Miele konnte Bescheid geben.

»Da sind wir ja gewesen, mei' Mann un' ich,« fuhr die Frau Ökonomierat fort. Und nun fing sie mit einem Male an, Miele wie einer Erwachsenen ganz ausführlich ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Miele hörte aufmerksam und respektvoll zu, sagte aber nicht ein Wort.

Aber je mehr die Frau Ökonomierat sich erholte, um so mehr kam sie Miele gegenüber wieder in ihre frühere Tonart zurück. Sie wurde wieder mürrisch, kurz und brummig zu ihr und fing wieder an zu schelten und zu schimpfen, und Miele bekam eine 65 »Bauerntrine« und »Gackgans« nach der anderen zu hören.

Darüber freute Miele sich aber. Denn nun war's sicher und gewiß, daß die Frau Ökonomierat bald wieder aufstand. Es dauerte auch wirklich nicht lange, so saß sie wieder neben ihrem Krückstock drin in der Stube in ihrem schönen Sessel.

Miele glitt nun wieder still von ihr ab und war wieder für sich, war nun wieder bloß das Heinzelmännchen, das sie bis dahin gewesen war, und lebte in ihrer Küche. Vor allem indessen konnte sie nun wieder sticken.

Und trotzdem hatte sich etwas gegen vordem geändert. Miele hatte die ganze Zeit über gekocht, und zwar so vortrefflich, daß die Frau Ökonomierat sich von jetzt ab ganz abgewöhnte, das einzige zu tun, was sie in der Wirtschaft bisher immer besorgt hatte: zu kochen. Das Meisterstück Mielens war in dieser Zeit der Genesung eine schöne Hühnerpastete gewesen, die sie gelegentlich ihrer Herrin abgeguckt hatte und mit ihrer ganzen Akkuratesse aus ihrem erstaunlichen Gedächtnis herstellte.

Mit dieser Änderung aber hatte Miele tatsächlich im Hause das stille Kommando. Es zeigte sich nämlich, daß die Frau Ökonomierat von ihrer Influenza doch etwas zurückbehalten hatte, und zwar in Gestalt von gelegentlichen kleinen Nervenschwächen, die ihr besonders erschwerten, mit Zeitungsfrauen, Steuerbeamten, Kohlen-, Wein-, Bierhändlern und ähnlichen Leuten zu verhandeln, die in einer Wirtschaft ihre Rolle 66 spielen. So mußte sich denn Miele auch damit abgeben; und siehe da! es gelang ihr, und auch dies blieb in Zukunft ihr überlassen, so daß die Frau Ökonomierat jetzt tatsächlich weiter nichts zu tun hatte, als sich von Miele bedienen und pflegen zu lassen.

 

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