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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Als Miele hinaus war und die Damen sich an ihre Stickerei gemacht hatten, war es natürlich Frau Schulze, die das Wort ergriff.

»Wissen Sie, Tanteken Rat!« fing sie an. »Was ich an Ihnen so jradezu reizvoll finde, das is Ihre 51 patriarchalische Art und Weise. – Das is noch die jute alte Zeit. Mir hat das, jrade seitdem ich hier in Thieringen wohne, als jroßherzoglich sächsisch naturalisierte, im iebrigen jeborne Berlinerin, so was Anheimelndes. Ich jlaube, deshalb hab' ich Sie auch mit so in mein Herz jeschlossen. – Was Patriarchalisches, sag' ich. Das macht das Land un' die Jutswirtschaft. Ich als Hotelrejentin wa' die neue Zeit. Jotteken, freilich 'ne andre Jacke! – Mit den Stubenmädels un' Köchinnen da. Aba was is zu machen? Die Welt jeht nu' mal vorwärts, un' wir leben im Zeitalter des Amerikanismus. Der Berliner is heite Yankee, anders jeht es schon jar nich' mehr! –– Aba hier is das noch alles patriarchalisch. Der Hof, die kleene Residenz. Mir hat das was Anheimelndes. Un' so leben Sie hier mit Ihrer Miele. So'n Meechen suchen Se erst mal in Berlin! – Jaja, Tanteken Rat, die halten Sie sich man wa'm!«

»Nu Gott behiete!« rief die Frau Ökonomierat ganz verblüfft und erschrocken.

»Aba jaja! Wir wer'n noch alle Amerikaner! Wir hab'n die Frauenemanzipation! Bis auf die Stubenmächens un' die Köchinnen. Un' jrade die! Sag' Ihnen, is 'ne janz infame Nation! –– Jawohl, Sie sind 'n Jlickspilz, Tanteken Rat, mit Ihrer Miele da!«

»Nu, ich möchte wissen!« rief die Frau Ökonomierat wie vorhin. »Das wäre noch schöner! Dienstbote is Dienstbote!«

Frau Schulze lachte bis in die höchsten Kichertöne hinauf, und bis ihr die Tränen in die Augen kamen.

52 »Na aba, nu Jotteken! Aba ich wer' mich ja hieten, un' wer' Ihnen Ihr scheenes Patriarchat revoluzionieren! Im Jejenteil, ich beneide Sie man! – Hier is so jar keine Maxime! Alles janz selbstverständlich, sozusagen, unbewußt, heechste Lust!« zitierte Frau Schulze als gebildete Frau und eifrige Theaterbesucherin, wobei sie übrigens von der Frau Ökonomierat sofort verstanden wurde, die als geborene Thüringerin gleichfalls eine Theaterliebhaberin war. »Das Meechen hat, was se braucht, braucht kein' Ausgang, Sie legen ihr ihren Lohn zurück. – Stille doch! Nu' bewahre! Ich weiß ja« – beschwichtigte Frau Schulze die Frau Ökonomierat lachend, die sich eben anschickte, entrüstet loszuwettern. – »Was braucht so'n Meechen Jeld, un' was braucht se auszujehn, da auf den Tanzböden 'rum un' so. Janz recht haben Se, Tanteken Rat, janz recht!«

Aber die Frau Ökonomierat wußte jetzt doch nicht, wie sie die Frau Schulze nehmen und verstehen sollte.

»Nu, ich dächte,« knurrte sie endlich.

»Was braucht se auszujehn, wenn se man jesund is!« Frau Schulze lachte wieder. »Se hat zu essen un' zu trinken; se kriegt ab un' zu ihrn Vers aufjebrummt, alles wie in der guten alten Zeit! Un' das Meechen is 'n Jemiet!«

»Nu', daß ich nich' wüßte! Mucken hat se!«

»Na, aba eins dürfen Se nich', Tanteken Rat! Das Schenie dürfen Sie nich' unterdrücken. Un' Miele is 'n Schenie. – Sehn Sie mal« – Frau Schulze nahm die Rose vom Tischchen auf – »sehn Sie mal, da ligt Jeduld un' Empfindung, Poesie liegt dadrin! Sehn 53 Se mal, wie jenau un' akerat das alles, Stich für Stich, jemacht is! Wundaba! – Ein richtiget Kunstwerk! Sagen Sie, was 'ne Sache is!«

Die Frau Ökonomierat warf einen brummigen Blick auf die Rose.

»Na, lassen Se man jut sein, Tanteken! Ich weiß ja: nich' für tausend Taler verkaufen Sie Miele. Un' das Meechen weiß es nich' anders un' fühlt sich wohl. Hauptsache!«

Die Frau Ökonomierat, vor deren Augen sich Miele so plötzlich in ein Wundertier verwandelt hatte, war froh, als das Gespräch jetzt eine andere Wendung, und zwar zum rein Ästhetischen und Theater hin bekam.

»Wissen Sie iebrijens schon, Tanteken Rat, daß das neu engagierte Fräulein Hofsängerin Binge ein Jlasauge hat?« fragte Frau Schulze.

»Fräulein Uecker! Fräulein Uecker!« korrigierte die Frau Ökonomierat wichtig. »Fräulein Uecker hat ein Glasauge!«

»Nein, Tanteken Rat!« entgegnete Frau Schulze, respektvoll, nachsichtig, aber mit dem ihr eigenen Nachdruck. »Für diesmal is es wirklich un' jewiß das neue Fräulein Binge! Wette?«

»Nu', die hat doch, unberufen, ein Paar Augen wie 'n Eckerchen!«

»Ja, un' eins davon is ein Jlasauge! Wenn Se mal nächstens in ›Carmen‹ jehn, achten Se mal drauf. – Sie singt iebrijens die Carmen wundaba, wuuundaba! Sie hat da so 'ne jewisse Wendung, wenn se sich die Nelke in den Mund steckt. Denn fällt jrade so'n Strahl 54 vom elektrischen Licht in das Jlasauge, un' das jlitzert denn wie 'n Brilljant. Was doch janz sicher un' jewiß nur 'n Jlasauge kann, Tanteken Rat! Macht iebrigens 'n jroßa'tijen Effekt!«

Es blieb der Frau Ökonomierat nichts anderes übrig, als zuzugestehen, daß Fräulein Binge wirklich ein Glasauge hätte. »Wette?« hatte übrigens Frau Schulze gesagt. Und die Frau Ökonomierat, die ein bißchen genau war, machte sich nichts aus Wetten . . .

Nach ein paar Tagen kam Frau Schulze wieder und wußte es richtig durchzusetzen, daß »Tanteken Rat« Miele mit ihr zu der Frau Hoflieferant Weißbach gehen ließ. Dort erregte die Rose denn auch wirklich die Bewunderung von Frau Weißbach, und diese gab Miele sofort einen leichteren Auftrag, mit dem sie überglücklich nach Hause eilte.

Was die Frau Ökonomierat anbetraf, so zeigte sie Miele gegenüber jetzt eine Zeitlang insofern ein seltsames Benehmen, als sie über eine Woche lang mit ihr kein Wort sprach. Miele, die davon ganz niedergedrückt war, war heilfroh und ganz erlöst, als ihre Herrin endlich eines Tages sie eine »maulfaule, tick'sche Trine« nannte, die anderthalb Wochen kein Wort mit ihr gesprochen hätte.

Im übrigen arbeitete Miele, ohne indessen im geringsten ihre täglichen Pflichten zu versäumen, an ihren Stickereien. Die Frau Ökonomierat bekam nicht die geringste Ursache, Miele auszuzanken. Als dann aber Miele gar für ihre Arbeit ein gut Stück Geld mit nach Haus brachte und gleichzeitig neue, nun schon 55 schwierigere Aufträge, machte die Frau Ökonomierat große Augen und interessierte sich für die Sache. Sie hatte Miele sofort nicht etwa vorgeschlagen, sondern hatte sie aufgefordert, ihr das Geld auszuhändigen, damit sie es für sie aufbewahre. Miele, die gar nicht daran dachte, daß das anders sein könnte, hatte es ihr auch gleich gegeben, und die Frau Ökonomierat hatte es irgendwohin weggeschlossen. Es wurde von jetzt ab der Frau Ökonomierat eine unentbehrliche Gewohnheit, mit einem Interesse, als verschließe sie eigenes Geld, alles, was Miele von Frau Weißbach erhielt, unter Verschluß zu tun.

Dann kam Weihnachten. Mit ihm erschien der Jenenser Doktor und bekam seine gestickten Hausschuhe unter dem kleinen Lichterbaum, den die Frau Ökonomierat für sie alle drei zugerichtet hatte. Aber er lachte und machte ein paar Witze über die Schuhe. Was er sonst, als er am nächsten Tage wieder abreiste, mit nach Jena hinübernahm, war gewiß wieder ein ansehnliches Stück Geld, mit dem er seine »Löcher« zustopfen konnte.

Miele ihrerseits bekam ein neues Kleid, eine Schürze, fünf Mark und etwas Nüsse, Äpfel und Pfefferkuchen, worüber sie sich mächtig freute. Die fünf Mark legte ihr die Frau Ökonomierat sogleich zu ihrem aufbewahrten Lohn zurück.

 

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