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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

In größter Spannung trug Miele der Frau Ökonomierat am nächsten Morgen den Kaffee hinein. Sie machte sich hier und da in der Stube zu schaffen und wartete darauf, daß die Frau Ökonomierat etwas von dem Gelde sagen sollte.

Aber die Frau Ökonomierat sagte nicht ein Sterbenswörtchen vom Gelde. Sie schien es ganz und gar vergessen zu haben. In höchster Sorge und ganz unglücklich schlich Miele sich endlich hinaus und trank ihren Milchkaffee zu ihrem trocknen Rickling. Gewissenhaft aß sie den Rickling nach wie vor trocken und nahm auch keinen Zucker zum Milchkaffee, was sie auch immer von den anderen Mädchen über dergleichen Dinge mit angehört hatte.

Aber jetzt wurde Miele denn doch ärgerlich. Ja, zum erstenmal, solange sie nun schon hier war, wurde sie ärgerlich, so hatte sie ihre Begierde und Begeisterung für das Sticken zu einer anderen Miele gemacht. Es drückte ihr ordentlich in der Kehle und auf der Brust, und die Augen wurden ihr feucht.

»Se hot's vergasse!« sprach sie wütend vor sich hin. »Se hot's vergasse! – Das is aber nich' schiene! – Geiz'g is se! Das ha' ich schunn gemarkt! – Aber 's is doch mei' Gald! Ich wer'e mer doch Wulle zu mein' Strimpen koofe derfe!« Sie weinte. Aber mit einem Male merkte sie, was sie tat, und was sie da vor sich hin sprach. Der gewohnte Respekt vor der Frau Ökonomierat überkam sie, und erschrocken schwieg sie still.

40 Aber schließlich geriet sie in eine trotzige Verzweiflung. Die Rose war ihre fixe Idee geworden. Und das ganze natürliche Bedürfnis ihrer noch so jungen Jahre nach einer Zerstreuung hatte sich ja in diesem Trieb zum Sticken Luft gemacht und mußte nun seinen Willen haben.

»Un' ich sa' 's 'r duch noch emoll« rief sie endlich, mit von neuer, schon tollkühn erwachter Hoffnung, indem sie trotzig mit der Faust auf ihr Knie hieb.

Und sobald Miele die Wohnung in Ordnung gebracht hatte und nach täglicher Gewohnheit fragte, was sie einholen sollte, erinnerte sie die Frau Ökonomierat wirklich noch einmal.

»Ich sollte doch 's Geld kriege, Frau Rat?« fragte sie mit fast still stehendem Herzschlag, ganz heiser stammelnd.

»Was?! Geld?! Was denn für Geld?! Bist du denn wunderlich geworden? Wozu brauchst du denn mit einem Male Geld? Nu', du bist ja doch wohl wirklich ganz und gar nich' gescheit!«

Ja, die Frau Ökonomierat hatte Mieles Bitte wirklich vergessen.

Aber da geriet Miele in solche Verzweiflung, daß ihr die hellen Tränen aus den Augen stürzten. »Sie wollten mir doch gestern abend schunn Gald geben, daß 'ch mir Wolle kaufen könnte!«

»Was?! Wolle?! Was denn für Wolle? Was is denn das mit einem Male für'n Einfall? Ich habe dir doch gestern abend schon ein paar Fäden gegeben! Ich möchte übrigens wissen, was du überhaupt damit willst?«

41 Das war nun freilich eine nichtswürdige Situation. Miele wurde abwechselnd blaß und rot.

Aber da kam ihr der Gedanke an ihre Rose. Und sie beharrte: »Aber ich muß mir doch Strümpe stricke!«

Ach so! Ja, jetzt erinnerte sich die Frau Ökonomierat. »Na ja,« brummte sie. »Nu', das hat Zeit! Zunächst mache du nur erst deine Einkäufe!«

Wieder kriegte Miele eine mächtige Angst. Aber sie ließ nicht nach.

»Aber glei' neben 'm Bäcker in der Junkerstraße is ja e' Posamentengeschäfte, Frau Rat!«

»So! – Nu ja!«

Aber die Frau Ökonomierat beriet nun doch erst, was alles für Einkäufe für die Wirtschaft gemacht werden mußten.

Miele merkte sich alles genau wie immer. Die Frau Ökonomierat gab ihr das Geld dazu, nur noch immer keins zur Wolle.

Miele aber wartete standhaft.

»Na lauf, lauf, marsch! Du willst hier wohl anwachsen?!«

Doch da geschah es, daß Miele, indem sie der Frau Ökonomierat stumm in die Augen blickte, anfing, leise vor sich hin zu weinen.

»Na nu' gar! Höre mal! Das wäre mir 'ne Mode! Wie?! – Na, marsch, geh derweile e' Augenblickchen in die Küche. Ich wer'e dir das Geld 'nausbringen. – Wieviel brauchste?«

»Wenn's drei Mark sein könnten, Frau Rat!« sagte Miele mit Augen, die jetzt unter Tränen strahlten.

42 »Na marsch, pascholl! Was stehste denn und gaffst? Ich bringe dir's gleich! Mußte denn immer bei allem zugaffen?«

O gar nicht! Wenn sie nur das Geld kriegte! – Und hurtig war Miele in ihre Küche hinaus, wo sie schnell den Einholekorb von seinem Nagel hakte und unter freudigstem Herzklopfen wartete.

Die Frau Ökonomierat, die um keinen Preis mochte, daß jemand sähe, wo sie ihr Geld aufbewahrte, kam, nach einer ziemlichen Weile freilich, endlich in die Küche gehumpelt und legte Miele brummend ein Talerstück auf den Küchentisch.

»Danke! Danke auch recht scheene, Frau Rat!« rief Miele selig vor Freude, raffte den Taler rasch an sich und wischte mit ihrem Einholekorb hinaus.

Kopfschüttelnd blickte die Frau Ökonomierat ihr nach und humpelte dann in ihre Stube zurück. Sie war eigentlich doch auch ein klein wenig verlegen, daß sie noch nicht daran gedacht hatte, daß Miele sich doch endlich auch mal selber Strümpfe stricken mußte. Sie sah das ein, dachte im übrigen aber nicht weiter darüber und über Miele nach.

In dem Posamentenladen ließ Miele sich Strickwolle zu einem Paar Strümpfen geben; nicht gerade besonders teuere. Sie dachte in ihrem Eifer gar nicht daran, daß die Frau Ökonomierat ihren Einkauf revidieren und nach dem Gelde fragen könnte. Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr die Verkäuferin Kanevas und mehrere Docken bunte Wolle und auch Sticknadeln vorlegte. Sie überlegte genau, was sie alles für Farben 43 nötig hatte. Auch Stickmuster ließ sie sich vorlegen und kaufte einige davon. Dann machte sie sich, ihre Schätze wohl geborgen, schnell auf den Heimweg. Sie wußte es so einzurichten, daß sie erst in die Küche ging, wo sie das Wollpaket schnell in ihrem Kämmerchen in Sicherheit brachte, um mit den übrigen Einkäufen dann in die Stube zu gehen und sie der Frau Ökonomierat zu zeigen.

Am Nachmittag mußte Miele der Frau Ökonomierat wieder bei der Lampe vorlesen und hatte von neuem Gelegenheit, beim Sticken zuzusehen und zu lernen.

Die Frau Ökonomierat stieß unter der Arbeit übrigens manch einen Seufzer hervor, und zuweilen wohl auch einen besonders schweren, dessen Ursache Miele zwar nicht wußte, der sie aber unwillkürlich ernsthaft stimmte und ihr ein respektvolles Mitleid mit ihrer Herrin erregte.

Die alte Dame wußte, warum sie seufzte. Sie hatte vier Söhne und zwei Töchter. Die letzteren waren gut verheiratet. Die ältesten drei Söhne, gleichfalls verheiratet und Familienväter, waren Gutsbesitzer oder Beamte, lebten in guten Umständen und machten ihr keine Sorge. Wohl aber der jüngste Sohn. Der stand in der Mitte der Dreißiger und war Oberlehrer an einer höheren Schule in Jena, wo er im Französischen, in Mathematik und Physik unterrichtete. Er war ein hübsch gewachsener, schneidiger kleiner Herr mit hellblonden Haaren, hübschen fidelen Blauaugen und einem dicken, forschen Schnurrbart. Es hieß, daß er sehr begabt wäre. Aber auch, daß er keine Lust hatte, sich zu 44 verheiraten, und daß er ein flotter Lebemann wäre. – Darum war denn die Frau Ökonomierat auf den Einfall gekommen, ihm zu Weihnachten ein Paar Hausschuhe zu sticken, die sie ihm, wenn er von Jena herüberkäme und gewiß wieder Geld von ihr haben wollte, zum Präsent zu machen gedachte, in der Hoffnung, daß er den heimlichen Sinn dieses Präsentes verstände und eine Rührung von der mütterlichen Mahnung, häuslicher zu sein, verspüre.

Miele hatte den Herrn Doktor übrigens schon kennen gelernt. Er war im Herbst mal zu Besuch dagewesen und hatte drin in der Stube mit der Frau Ökonomierat eine lange Konferenz gehabt.

Als er Miele zu Gesicht bekommen hatte, hatte er sie mit seinen lustigen Blauaugen angeblickt, hatte laut gelacht und frei heraus gesagt: »Na, 'ne Venus bist du gerade nicht! Ich lass' dich schon gerne zufrieden!«

Das hatte er gesagt. Mieles Gesicht war davon noch dümmer geworden, als es schon erst gewesen war. Sie hatte noch eine ganze Zeit darüber nachgedacht, was eine »Venus« wäre, hatte es sich aber nicht zurechtzulegen gewußt.

Eine Venus war Miele freilich wirklich nicht. Sie blieb nach wie vor ein mageres Ding mit einem bläßlichen, schmalen Gesicht, das sogar ein Fältchen in die Stirn hinein hatte und um den einen Mundwinkel einen Zug, als ob sie da mal Essig eingesogen hätte. Im übrigen war sie ja zäh und gesund.

Über eins nun aber hatte Miele sich erstaunt und gefreut und hatte es nie wieder vergessen. – Nämlich, 45 als der Herr Doktor jene Worte zu ihr gesprochen hatte, da hatte die Frau Ökonomierat, die ihn gerade zur Entreetür begleitete, mit einer so sonderbaren Stimme, daß es der dummen Miele durch und durch gegangen war, gesagt: »Laß nur gut sein. Wenn Miele keine Venus is, so is sie doch ein gutes und rechtschaffenes Mädchen.«

Das war das einzige Lob, das Miele, und gar bei einer so besonderen und wunderlichen Gelegenheit, von der Frau Ökonomierat je zu hören bekommen hatte und zu hören bekam.

So saßen sie denn beide, die Frau Ökonomierat unter manchem Seufzer an ihren Schuhen stickend, Miele ihr aus der Zeitschrift vorlesend und aufmerksam darauf achtend, wie die Frau Ökonomierat stickte, beieinander.

Als die Frau Ökonomierat nachher aber zu Bett gegangen war, schlich Miele sich sofort wieder wie gestern in die gute Stube, hockte sich beim Küchenlämpchen vor dem Ofenschirm nieder und arbeitete, ungeachtet der nächtlichen Einsamkeit und daß es in der ungeheizten Stube empfindlich kalt war, an ihrer geliebten Rose weiter.

Das trieb sie von jetzt ab jede Nacht mehr als eine Stunde, bis sie endlich eines Tages die Rose zu ihrer unbeschreiblichsten Freude ganz genau auf dem stibitzten Stückchen Kanevas kopiert hatte; bloß so bei dem trüben Schein des Küchenlämpchens.

Miele fand wohl auch mal bei Tage Gelegenheit, in die gute Stube zu kommen und ihre Rose zu vergleichen. Sie merkte gar wohl, daß ihre Farben 46 etwas anders waren, als die auf dem Ofenschirm; aber sie fand auch ganz selbständig die Ursache: nämlich deshalb, weil ihre Wolle frisch und die auf dem Schirm schon verblichen war.

Sie war so voller Freude, daß sie in ihrer Küche die Rose mit beiden Händen auf das Herz drückte und ein paarmal in die Höhe sprang.

Bei alledem war aber eins interessant: Miele dachte nicht einen Augenblick daran, ihr Kunstwerk der Frau Ökonomierat zu zeigen. Und nicht etwa, weil sie hinter deren Rücken den Kanevas stibitzt und abends immer heimlich in die gute Stube gegangen wär, sondern sie hatte es gar nicht nötig, ihr Kunstwerk jemandem zu zeigen. Sie freute sich ganz für sich selbst an ihrem künstlerischen Erstling und suchte in ihrem Stickmusterheft eifrig nach einer neuen Vorlage.

Eines Tages aber kam die Frau Ökonomierat ganz von selbst hinter die Sache.

Miele, die abends beim Zubettgehen die Rose immer neben sich auf das Fensterbrett legte, um sie frühmorgens gleich beim Aufstehen noch einmal betrachten zu können, hatte diesmal vergessen, die Rose vom Fensterbrett wegzunehmen und zu verstecken.

Nun war aber die Frau Ökonomierat gerade an diesem Morgen, während Miele einholte, in das Kämmerchen gekommen, um mal ein bißchen zu inspizieren. Und da hatte sie die Rose gefunden und hatte sie mit in ihre Stube genommen.

Als Miele dann von ihren Einkäufen zurückkam, wurde sie gründlich ins Gebet genommen.

47 »He, sage mal, Jungfer! Wo hastu denn hier den Kanevas her? Wie?!«

Miele hätte beinahe ihren Korb fallen lassen vor Schreck.

»Na?! Raus mit der Sprache!«

»Das . . . Das ist doch eins von den Stücken, die Sie selber weggeworfen han, Frau Rat!« stotterte Miele.

»So?« Die Frau Ökonomierat beruhigte sich etwas.

»Aber wo hastu die Wolle her?«

»Sie . . . Sie ha'n se mir doch selber gegeben!« stotterte Miele, der es bald heiß, bald kalt wurde.

»Aha! Nee, Jungfer! Das is mehr, als ich dir gegeben habe! Wo hastu also die Wolle her, wie?! – I, un' gucke nur da! Das is ja doch wohl ganz un' gar von dem Ofenschirm?! – Da bistu, he! egal heimlich in der guten Stube gewesen?!! – Herrgott, mei' Ofenschirm!! Mei' schöner Ofenschirm!!«

Die Frau Ökonomierat fuhr aus ihrem Sessel in die Höhe und humpelte spornstreichs nebenan in die gute Stube, um nach dem Ofenschirm zu sehen.

»Nä!« stotterte Miele hinter ihr her. »Ich ha' jä gar nischt an'n Ofenschirm gemacht! E' is jä ganz heile!«

Na ja! Dem Ofenschirm fehlte nichts. Die Frau Ökonomierat kam gleich wieder, durchaus beruhigt, zurückgehumpelt.

»Na, aber die Wolle? He?!«

»Ich . . . Ich ha' se gekauft! Von . . . Von den drei Mark!« stotterte Miele nach einer Weile.

»Ach so! Ach, gucke mal! Also Heimlichkeiten hastu vor mir?!«

48 Und nun ließ die Frau Ökonomierat ein gründliches Donnerwetter niedergehen, bis die arme Miele wie ein begossener Pudel sich mit ihrem Korb hinaustrollte.

Ihre Rose hatte sie auch nicht wiederbekommen. Die hatte die Frau Ökonomierat auf ihrem Fenstertischchen behalten.

Nun bekam die Frau Ökonomierat aber am Nachmittag einen Besuch von einer Freundin.

Sie hieß Frau Schulze und war eine große, stattliche, dunkelhaarige Frau in der Mitte der Vierziger. Ihr Mann war in Berlin Hotelbesitzer gewesen. Er hatte das Hotel dann verkauft, war nach Weimar gezogen, um hier zu privatisieren, hatte sich ein schönes Haus mit einem großen Garten und einer Bienenzucht gekauft, wo er mit seiner Frau, die eine geborene Berlinerin war, einer Tochter und einem Sohn lebte. Vor ein paar Jahren war er gestorben, und zwar zufällig an demselben Tage, wo auch der alte pensionierte Herr Ökonomierat Behring gestorben war. Und es traf sich außerdem, daß Herr Schulze und Herr Behring dicht beieinander beerdigt wurden. Auf dem Friedhof nun aber hatten sich Frau Schulze und die Frau Ökonomierat dann kennen gelernt und gute Freundschaft miteinander geschlossen.

Jetzt nun kam Frau Schulze, von der die Frau Ökonomierat »Tanteken Rat« tituliert wurde, seit einigen Tagen jeden Nachmittag nach der Kaffeezeit ein paar Stunden zu der Frau Ökonomierat, um bei ihr ungestört gleichfalls eine Stickerei anfertigen zu können, die 49 sie ihrer Tochter zu Weihnachten schenken wollte. Die Tochter Paula war sechzehn Jahre alt und in Erfurt in einer Pension, während der vierzehnjährige Robert in Weimar die Realschule besuchte.

Als nun Frau Schulze heute bei der Frau Ökonomierat eintraf, zeigte ihr diese, unter vielen Scheltworten auf Miele, die Rose. Frau Schulze aber brach sofort in laute Lobeserhebungen aus.

»Was?! Das hat die kleine, mickrige Miele jemacht?!« rief sie. »Aba sagen Sie doch, Tanteken Rat! Das is ja wundaba! Aba wundaba! Rufen Se se doch mal rein! Aba wundaba! Wundaba!«

Die Frau Ökonomierat wollte etwas sagen, aber da war Frau Schulze schon selber zur Tür gerauscht, hatte sie aufgerissen und rief mit ihrer lauten, metallischen Stimme, daß die ganze Wohnung schallte: »Miele?! Miele?!! Komm' mal rein, Meechen! Na los, los! Komm!«

Nach einem Weilchen kam Miele angeschlichen. Sie hatte schon die ganze Zeit in ihrer Küche die größte Pein ausgestanden und dachte jetzt nicht anders, als daß sie fortgejagt werden sollte.

»Nee, sag' mal! Meechen! Das hast du jestickt?! Wie?! – Du kannst überhaupt sticken?! – Aber das is ja jroßa'tig! Du bist ja 'ne Kinstlerin! Verstehste?!« – Frau Schulze starrte Miele mit ihren lustigen Schlitzaugen an und lachte, daß die Stube schallte. »Na, du wi'st jrade wissen, was 'ne Kinstlerin is! Unbewußtes Jemiet! – Sticken kannstu also ooch?!«

50 »Nä!« machte Miele. Sie lächelte jetzt, und ihre Augen blitzten.

»Was?! Du kannst nich' sticken?! Dann hastu das also bloß so aus dem Stejreife jemacht?! I, das is ja um so jroßa'tiger! Sieh mal! Ich erstaune! Tanteken Rat, was sagen Sie? – Hier, sehn Sie doch mal, Tanteken! Wie se das abjeteent hat, der Racker! Hier die jelbbraunen Rippen auf den jrien'n Blättern, un' hier die Purpurschattierung in der Rose! Aber Zucka! Zucka sag' ich bloß! – Un' – mir steht der Verstand schtille! Haste Worte?! – I, aba bewahre, Tanteken Rat! Da dürfen Sie ja doch nich' schelten! – Was?! Von den drei Mark, für die sie hat Strickwolle kaufen wollen?! Jotteken, was is da weiter! Das is der Trieb des Schenies! Was 'n Schenie is, bricht durch, coûte que coûte!! – Nee, jetzt wer' ich dir mal was sagen! Die Frau Hoflieferanten Weißbach is meine jute Freundin. Jetzt wer' ich mal die Rose mitnehm'n un' wer' mit 'r sprechen, un' denn sollste Jeschäfte machen! So steht die Sache! Un' das sollste janz sicher un' jewiß!«

Im siebenten Himmel schwebend und mit freudezitterndem Herzen huschte Miele wieder in ihre Küche hinaus.

 

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