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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Einmal hatte die Frau Ökonomierat Miele mit in die Kirche genommen. Das tat sie freilich nicht wieder. Sie ging nun wieder allein in die Kirche. Fast jeden Sonntag. Miele bekam aber von jetzt ab jeden Monat einmal Erlaubnis, in die Kirche gehen zu dürfen, und auch an jedem Festtag. Jedesmal fühlte Miele sich dort wie im Himmel, und es wurde ihr eine große Freude und ein festes, gewohntes Bedürfnis.

Wochen gingen nun wieder in der täglich gewohnten Weise hin. Wochen, in denen die Frau Ökonomierat und Miele nicht ein Wort über das Allernotwendigste hinaus wechselten.

In ihrer Freizeit strickte Miele nach wie vor von der Wolle, die sie dazu bekam, für ihre Herrin Strümpfe.

Eines Nachmittags geschah es, daß sie ihr ein wieder fertig gewordenes Paar sauber aufeinandergelegt in die Stube brachte. Die Frau Ökonomierat nahm 29 die Strümpfe in die Hand, betrachtete sie durch ihre große Brille sehr genau, zog sie in die Länge und Breite und prüfte, ob auch alle Maschen fest waren. Aber es gab nichts daran zu tadeln. Doch hatte sie, wie immer in solchen Fällen, für Miele kein Lob.

Aber in dem Augenblicke, wo Miele schon die Hand auf die Türklinke legte, rief die Frau Ökonomierat: »Na, wo willste denn hin?!«

»In die Küche!« antwortete Miele verwundert und nahm hastig die Hand von der Türklinke.

»In die Küche? – Na, das wer' ich wohl wissen! Hier sollste bleiben, mein' ich natürlich!«

Die Frau Ökonomierat war wieder mal sehr schlechter Laune. Aber sie war, während sie die Strümpfe prüfend in die Länge und Breite zog, auf eine Idee gekommen. Vielleicht könnte Miele ihr vorlesen. – Die Frau Ökonomierat las gern in einer illustrierten Zeitschrift, auf die sie abonniert war. Aber erstens strengte sie das jetzt bei Licht zu sehr an, und anderseits arbeitete sie seit ein paar Tagen an einer Weihnachtsstickerei. Ihr jüngster Sohn, der in Jena Oberlehrer an einer höheren Schule war, sollte diese Stickerei, ein Paar Hausschuhe, zu Weihnachten bekommen.

»Sage mal, kannst du denn lesen?«

»Ja–e?!«

»Kannste denn auch gut lesen?«

Miele schwieg. Denn das wußte sie ja selber nicht.

»Na, komm mal her un' probier' mal!«

Miele kam wieder zu dem Tischchen hin, wo ihr die 30 Frau Ökonomierat die Zeitschrift zuschob und mit dem Zeigefinger eine Stelle bezeichnete.

»Von da ab. Setz' dich dahin. Ordentlich vor die Lampe.«

Miele tat das und fing an zu lesen. Sie las etwas langsam und monoton, aber ohne zu stocken, indem sie, wie sich's gehörte, bei den Interpunktionszeichen die gehörigen Pausen machte. Wenn sie nun auch nicht zu verstehen schien, was sie las, und wenn ihr auch die Fremdwörter mißglückten, so daß die Frau Ökonomierat aushelfen mußte, so ging die Sache doch ganz gut.

»Gut! Du kannst dableiben und weiterlesen!« knurrte die Herrin, während sie sich wieder an ihre Hausschuhe machte.

Miele hatte die Stickerei schon vorhin gesehen und ließ, während sie jetzt las, ihre Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick von dem großmächtigen blaugrauen Stück Kanevas, das die Frau Ökonomierat in Händen hatte. Außerdem lag da ein ganzer Stoß prächtiger bunter Stickwolle von allen möglichen Farben. Miele beobachtete aufmerksam, wie die Frau Ökonomierat jetzt ein Muster auf den Kanevas legte und genau und sorgfältig nach der Linie des Musters die Schuhe auf den Kanevas zeichnete.

Miele mußte nun aber sogleich, wie sie dies wahrnahm, klopfenden Herzens an den Ofenschirm drin in der guten Stube denken. Es war schon lange ihr sehnlichstes Verlangen, auch solche schöne Sachen machen zu können, so sehr hatte sie sich in das Bild des Schirmes hineingelebt. Fortwährend grübelte sie in ihrer 31 Küche über den Schirm und das Bild. Und auch damals, als die Frau Ökonomierat sie mit in die Stadtkirche genommen hatte, hatten die großen bunten Kirchenfenster wieder ihre Begeisterung und Sehnsucht nur noch mehr genährt.

Jetzt aber zog die Frau Ökonomierat unter ein paar Zeitungen ein schönes buntes Muster hervor, betrachtete es aufmerksam und tippte dabei mit ihrer Sticknadel genau auf jedes der kleinen Vierecke, aus denen die Vorlage bestand, und zählte sie leise vor sich hin.

Endlich nahm sie ihre Schere und schnitt das große Stück Kanevas in mehrere Teile. Das, was sie ausschnitt, legte sie vor sich hin auf den Tisch; das andere, und es waren ein paar ziemlich große Stücke dabei, wie Miele, die wie ein Luchs aufpaßte, wohl merkte, ließ die Frau Ökonomierat auf den Fußboden fallen. Es gab Miele ordentlich einen Stoß, und sie konnte sich kaum beherrschen, wie ein Stoßvogel gleich unter den Tisch zu fahren und sich die beiden Kanevasstücke aufzuheben.

Und nach einer Weile ereignete sich dann auch wirklich etwas mit Miele, was kaum glaublich und noch niemals dagewesen war. Die Frau Ökonomierat war nämlich für ein paar Augenblicke aufgestanden und nebenan in die gute Stube gegangen, wo sie etwas holen wollte. Miele zitterte. Mit jeder Fiber lauschte sie, steif und starr auf ihrem Stuhle sitzend, nach der guten Stube hin. Aber da, mit einem Male, bückte sie sich blitzschnell, raffte die beiden Kanevasreste auf und schob sie mit bebenden Händen in den Latz ihrer Schürze.

32 Als die Frau Ökonomierat zurückkam, fand sie Miele steif dasitzen, mit einem Gesicht, dem nicht das leiseste anzumerken war von dem, was sich ereignet hatte.

Die Frau Ökonomierat aber ging noch nicht sogleich wieder zu ihrem Sessel, sondern begab sich zu dem Ofen hin. Schon die ganze Zeit her hatten in der Röhre ein paar Äpfel gezischt und mit ihrem Duft die ganze Stube gefüllt.

Die Frau Ökonomierat schien jetzt in ganz behaglicher Laune zu sein. Sie langte sich einen von den Bratäpfeln aus der Röhre und kam mit ihm zu ihrem Sessel zurück. Ja, sie biß sogar unterwegs in den Apfel hinein. Und während sie aß, fuhr sie Miele an: »Na, was guckste denn?! Lies weiter!«

Und Miele las, während die Frau Ökonomierat, gegen das Fenster gewandt, draußen den Schneeflocken zuguckte und ihren Apfel recht behaglich zu Ende speiste.

Aber um den Apfel kümmerte sich Miele nicht einen Augenblick. Alles in ihr spannte bloß darauf, daß die Frau Ökonomierat zu sticken anfinge. Endlich fädelte diese denn auch ein, nahm den Kanevas auf und fing an.

Ganz genau verfolgte Miele, wie sie das machte. Die Frau Ökonomierat stickte eine Blume, eine weiße Winde mit spitz zulaufenden blauen Streifen drin und einem gelben Punkt in der Mitte. Miele achtete darauf, wie sie die Löcher in dem Kanevas kunstvoll dazu benutzte, wie sie den Faden zog und über Kreuz stach.

Bis zur Abendbrotzeit las sie nun der Frau Ökonomierat vor und lernte von ihr, ohne daß die Frau 33 Ökonomierat irgend etwas davon merkte, ganz heimlich und im stillen sticken.

Endlich aber hatte Miele sich denn doch heiser gelesen, und die Frau Ökonomierat sagte, sie sollte aufhören und in die Küche gehen. Ehe Miele ging, gab sie ihr aber noch Wolle, damit Miele ein neues Paar Strümpfe für sie anfange.

Aber obgleich sie die Wolldocke schon in der Hand hielt, blieb Miele noch stehen. Sie hatte nämlich vorhin beim Lesen und Aufpassen über alles mögliche nachgedacht und einen besonderen, resoluten Entschluß gefaßt. Sie hatte beschlossen, sich von der Frau Ökonomierat Geld geben zu lassen, um sich Kanevas, Nadeln und bunte Wolle zu kaufen. Zuerst hatte sie deshalb schon die beiden Stückchen Kanevas von vorhin wieder auf den Fußboden fallen lassen wollen, aber sie hatte nachher gedacht, sie wollte sie lieber auf alle Fälle behalten.

»Na, was stehste denn noch? Was is denn los?«

Hochrot vor Aufregung, Spannung, Angst und Mut brachte Miele endlich folgendes hervor, wobei sie ganz sonderbar und fast wie wütend aussah: »Ich will mir auch Strümpfe stricken!«

Zuerst starrte die Frau Ökonomierat Miele eine ganze Weile völlig sprachlos an. Dann aber brach sie los: »Na gucke doch mal! Das is ja 's Allerneueste! Die Mamsell hat's wohl hinter den Ohren?! He?! Du?! – Die Jungfer wird wohl unverschämt?!«

Ganz entgeistert starrte Miele die Frau Ökonomierat an. Sie verstand gar nicht. Sie hätte in ihrer 34 Unschuld noch niemals auch nur einen Augenblick darüber nachgedacht, daß sie ja nur immer für die Frau Ökonomierat und nicht auch mal für sich selbst Strümpfe hatte stricken müssen. Wie alles andere, was sie tat, war ihr das immer ganz selbstverständlich gewesen. Sie hätte auch so bald gar nicht daran gedacht, daß sie ja eigentlich schließlich auch selber ein Paar Strümpfe vonnöten hätte, und sich von der Frau Ökonomierat einiges Geld dazu geben zu lassen, wenn sie es vorhin nicht als Ausflucht gefunden hätte, um sich Kanevas und Stickwolle zu kaufen. Jetzt war sie natürlich gründlich in der Klemme. Am liebsten hätte sie gar nichts mehr gesagt, sondern gleich kehrtgemacht und wäre in ihre Küche hinausgelaufen.

Aber sieh da! Es geschah etwas anderes. Nachdem sie eine ganze Weile mächtig gedruckst hatte, kam es endlich heraus, ohne Bedenken eine Lüge für ihre Sache: »Nä! – Ich wollte mir doch Wolle koofen! Ich – ich habe keine Strümpfe mehr!«

Vor Angst, Verzweiflung und festem Willen rollten ihr zwei Tränen aus den Augen, die sie fest und starr und ganz entgeistert auf ihre Herrin gerichtet hielt.

»Kaufen! Kaufen!« korrigierte die Frau Ökonomierat, die sich inzwischen beruhigt hatte; denn mochte es sein, wie es wollte, ein bißchen war sie von der unbeabsichtigten »Spitze« Mielens doch berührt. »So! Na! – Wolle willste dir kaufen! Kaufen!« Sie merkte jetzt, daß Miele vorhin ihre Worte nur aus Unbehilflichkeit so hervorgebracht hatte. »Mit einem Male? Warum haste denn das nich' schon lange gesagt?«

35 Miele schwieg.

»Nu gut, gut! Mache nur, daß de 'naus kömmst! Ich bringe dir nachher das Geld in die Küche!« brummte die Frau Ökonomierat.

Miele atmete auf. Sie war von weiter nichts erfüllt, als daß sie nun doch und wirklich Geld bekommen sollte.

Eilig huschte sie mit der Wolle, die ihr die Frau Ökonomierat gegeben hatte, in ihre Küche hinaus.

Als sie etwas später das Abendessen hineintrug und auf dem Tischchen die bunte Wolle sah, hatte sie in ihrer Begierde, zu sticken, einen neuen Einfall.

Und wieder geschah etwas Unerhörtes und noch nie Dagewesenes.

Miele mußte durchaus ein paar von den bunten Wollfaden haben.

Feuerrot vor Wagemut schmeichelte, ja, schmeichelte sie mit einem Male: »Könnt' ich nich' e paar von den bunten Wollfaden kriegen, Frau Rat?«

Ja, wirklich – sie sagte sogar »Frau Rat«!

Die Frau Ökonomierat horchte auf, sie traute ihren Ohren nicht. Aber sie war nicht gerade unwillig. »Bunte Wolle? Was willst denn du mit bunter Wolle?«

Miele schwieg.

»He?«

»Ach nur so, Frau Rat!«

»Kannstu denn sticken?«

»Nä!« stammelte Miele.

»Na, was willste denn da mit Wollfaden?«

Aber Miele schwieg.

36 »Na, meinetwegen.«

Die Frau Ökonomierat zog, nach einem kleinen Besinnen, wirklich ein paar Faden hervor. Es waren zufällig ein paar grüne, die Miele gerade gut gebrauchen konnte. Gierig griff sie zu und nahm die Faden.

»Ich dank' auch scheene!« rief sie erfreut. Aber dann blieb sie doch stehen, als wenn sie noch etwas wollte. Und endlich wagte sie leise und schmeichelnd zu fragen: »Könnt' ich denn nich' auch 'n paar rote kriegen, Frau Rat?«

»Nu gar auch noch rote!« knurrte die Frau Ökonomierat. Aber sie gab Miele wirklich auch noch ein paar lange rote Faden. Wieder griff Miele hastig zu und rannte dann eiligst in ihre Küche hinaus, wo sie die Faden in das Kämmerchen zu den beiden Kanevasstückchen steckte, die sie vorhin schnell in ihrem Bette untergebracht hatte. Eine Stopfnadel hatte sie, und nun konnte sie schon heute abend anfangen zu sticken.

Sie nahm sich vor Aufregung kaum Zeit, ein paar Bissen von ihrem Abendessen zu nehmen. Voller Ungeduld wartete sie, bis die Frau Ökonomierat zu Bett gegangen war. Dann zog sie sich schnell ihre Schuhe aus, nahm mit zitternden Händen die Stopfnadel, die Wollfäden und die Kanevasstückchen und schlich sich mit dem Küchenlämpchen unter angehaltenem Atem in die gute Stube.

Hier angekommen, stellte sie das Lämpchen auf den Fußboden ein Stück von dem Ofenschirm ab und kauerte 37 sich vor diesem nieder. Schon vorhin, als sie der Frau Ökonomierat vorlas, hatte sie an eine von den Rosen gedacht, die an dem Busch saßen, unter dem die Dame lag. Die Rose rot und die Blätter grün.

Zunächst zählte sie mit der Stopfnadel geduldig die Stiche, aus denen die Rose, die sie wählte, bestand. Und dann studierte sie mit zäher Geduld, wie die Fäden und jeder einzelne Stich gezogen waren. Und als sie das getan hatte, fing sie an. Sie fand, daß es ungefähr so wäre, wie wenn man Strümpfe stopft. Und das konnte sie. – Peinlich genau sah sie Stich für Stich ab und machte sie zuerst ganz, ganz langsam und unverdrossen, mühevoll nach. Denn es verstand sich, daß die Rose ganz genau so werden mußte, wie sie auf dem Ofenschirm war. Sonst hätte es keinen Zweck.

Und Miele stickte und stickte. Eigentlich hockte sie ja hier wie auf Kohlen. Mit allen Fibern lauschte sie in die Nachtstille hinein. Aber kein kleinster Laut rührte sich. Sie hörte nur, wie ihr von ihrem fortwährend angehaltenen Atem das Blut in den Ohren sauste, wallte und brauste. Höchstens gab es manchmal in den alten Möbeln, die stumm und dunkel in der Finsternis um den blassen Lichtkreis ihres Lämpchens herumstarrten, einen geheimnisvollen kleinen Krach und Knacks, und draußen wehte der Herbstwind feine, prickelnde Schneewehen gegen die Fensterscheiben.

Es war am Tage in der guten Stube nicht geheizt worden, und daher war es ziemlich kalt. Aber Miele merkte das kaum in ihrem Eifer. Zu allem freilich hatte sie auch noch eine tüchtige Angst über den 38 Frevel, daß sie die beiden Stückchen Kanevas stibitzt hatte und außerdem noch ohne Erlaubnis zur Nachtzeit hier in die gute Stube eingedrungen war. Denn Miele war ja mit einem Schlage fast eine ganz andere geworden . . .

Endlich, nach langer, zähgeduldiger Arbeit, war es Miele aber wirklich gelungen, ein großes Blütenblatt mit umgebogenem Rand von der Rose genau so wie auf dem Schirm fertigzustellen.

Aber plötzlich, wie sie es betrachtete, dachte sie nach und verglich. Es war ja auf dem Schirm verschiedenes Rot, und sie hatte nur das eine. Das war aber doch nicht richtig.

Vor Ärger und plötzlicher Niedergeschlagenheit weinte sie. Aber es war nichts zu machen. Sie mußte schon warten, bis die Frau Ökonomierat ihr das Geld gegeben hatte.

Betrübt und ärgerlich und noch dazu voller Angst schlich sie mit allem wieder in ihre warme Küche zurück. Schließlich tröstete sie sich damit, daß ihr alle Stiche genau gelungen waren, und sie war darüber so erfreut, daß sie das Gestickte mit in ihr Kämmerchen nahm und es, als sie sich zu Bett legte, neben sich am Kopfende auf das Fensterbrett legte. Als sie schon lag, blickte sie noch lange auf den dunklen, kleinen Fleck, der sich in dem hereindunstenden, bleichen Schneelicht auf dem Fensterbrett abzeichnete, bis ihr endlich die Augen zufielen und sie in einen festen Schlaf sank. 39

 

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