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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Noch an demselben Tage, gleich nach dem Mittagessen, buk die Frau Ökonomierat einen Zwiebelkuchen, den Miele gegen Abend auf einem großen runden Kuchenblech in die Bäckerei tragen mußte. Sie hatte der Frau Ökonomierat zur Hand gehen müssen und hatte so genau aufgepaßt, daß sie sich nun selbst Zwiebelkuchen zu backen getraute, ohne daß sie nur ein Wort miteinander darüber gesprochen hatten.

Am nächsten Morgen, der ein Sonntagmorgen war, holte Miele in aller Frühe den noch heißen Kuchen aus der Bäckerei. Sie bekam von ihrer Herrin ein schönes Stück davon, das sie mit großem Vergnügen in ihrem Winkel zwischen Tisch und Schrank zu ihrem Morgenkaffee verzehrte.

23 Ein Monat verging. Nachmittags saß Miele manchmal, wenn sie freie Zeit hatte, am Küchenfenster und genoß ihr Straßentheater. Eines Tages aber hatte die Frau Ökonomierat gesagt: »Was sitzt du denn da eigentlich an dem Fenster 'rum? Tu was! Beschäftige dich!«

Miele hatte ein erschrockenes und zugleich ratloses Gesicht gemacht.

»Kannst du stricken?« hatte die Frau Ökonomierat weiter gefragt.

»Ja–e!«

»Na, da stricke Strümpfe, wenn du hier sitzst! Ich habe Wolle.«

Und seitdem hatte Miele getreulich und auch wirklich sehr sauber und geschickt in ihren Freistunden, und zwar für die Frau Ökonomierat, nicht für sich, Strümpfe gestrickt.

Noch in demselben Monat nun aber ereignete sich wieder etwas Besonderes.

Eines Sonntagmorgens nämlich sagte die Frau Ökonomierat zu Miele: »Du lebst ja hier wie ein Heide! Du bist ja noch nicht e' einz'ges Mal in die Kirche gekommen, he?«

Schuldbewußt und tieferschrocken starrte Miele die Frau Ökonomierat an.

»Na, zieh dich an! Du kannst heute mal mit mir in die Kirche gehen!«

Miele war erst ganz verdutzt und kopfverdreht. Mit der Frau Ökonomierat sollte sie in die Kirche gehen? Mit ihr selber, als ob sie ihresgleichen wäre?

24 »Na, mache, mache, mache! Steh nich' erst lange da, wie 'ne Gans, wenn's donnert!«

Sofort machte Miele eilig kehrt und begab sich in ihr Kämmerchen. Sie hatte ihr schwarzes Konfirmationskleid da und besaß auch einen Sonntagshut. Sie zog das Kleid an, setzte den Hut auf und versäumte auch nicht, ein weißes Kräuschen um den Hals zu tun. Sie nahm sich in diesem Staat wirklich recht schmuck und ordentlich stadtmäßig aus.

Schweigend und in andächtiger Haltung humpelte die Frau Ökonomierat darauf durch die sonntäglich stillen Straßen mit Miele zur Stadtkirche.

Solch eine große Kirche hatte Miele wohl gelegentlich schon in Apolda gesehen, aber nur von außen. Auch stand dort nicht so ein schönes, großes, schwarzes Denkmal davor wie hier; so ein großer Mann mit einem langen, faltigen Mantel übergeworfen und eine Papierrolle in der Hand.

Miele wußte gar nicht, wie sie sich vorkam. Auch ihre Herrin machte sie ganz benommen. Sie hatte ihren besonderen Sonntagsstaat angetan und hatte eine schöne goldene Brosche vorn am Halskragen. Und vor allem hatte sie heute so ein ernstes und nachdenkliches Gesicht, während sie sonst immer so brummig und grillig aussah.

Als sie dann aber in die Kirche eintraten, stand Miele vor Staunen, Ehrfurcht und Benommenheit fast der Atem still. Das war wahrhaftig ganz was anderes als die kleine Dorfkirche zu Hause! Das Genick tat einem weh, wenn man bis oben an die runde 25 Decke und an den mächtigen Steinwänden hinaufsehen wollte. Und wie still und kühl und schattig es war! – Aber durch Fenster, so hoch und feierlich, wie Miele noch nie in ihrem Leben welche gesehen hatte, und die von oben bis unten eine einzige Pracht von buntem Glas in verschiedenen herrlichen Farben mit Ranken, Blumen und großen Figuren waren, drang von draußen die Sonne herein, so daß sich lauter lange bunte Lichtstreifen in den feierlichen kühlen Schatten und die andachtsvolle Stille legten.

Die Frau Ökonomierat ging andächtig, ernst und still, gesenkten Hauptes mit Miele zwischen den langen Reihen der braunen Kirchstühle hin, bis sie in einen von den Stühlen einbog und sich still mit Miele niederließ. Darauf faltete sie die Hände, an denen sie schwarze Glacéhandschuhe trug, um ihr Gesangbuch, bog den Kopf nach vorn und betete, wobei sie die Lippen bewegte.

Vor lauter Verwirrung und Benommenheit konnte Miele zwar nicht beten, aber sie faltete dennoch, ihre Herrin nicht aus dem Auge lassend, gleichfalls die Hände und blickte so lange auf sie nieder, bis sie hörte, wie die Frau Ökonomierat ein langsames deutliches »Amen!« flüsterte, worauf die Frau Ökonomierat sich räusperte und mit ihrem schneeweißen Taschentuch, das nach Eau de Cologne duftete, an ihrer großen krummen Nase schnaubte, um dann hierhin und dorthin nach den Leuten umherzublicken und ein paarmal jemandem still zuzunicken.

Miele aber richtete jetzt ihre Blicke gerade nach vorn, wo sich, von goldgelben Sonnenstrahlen und langen 26 regenbogenbunten Streifen beschienen, mächtig und feierlich der Altar erhob, mit einem großen, dunklen, ehernen Kruzifix und einem großen, schönen Bilde, aus dem der Heiland am Kreuz hervorsah mit vielen bunten Gestalten unten um das Kreuz herum, unter denen auch ein schönes, schneeweißes Lamm war. Und auf beiden Seiten knieten gemalte Ritter und Rittersfrauen.

Plötzlich aber zuckte Miele, die sich ganz in den Anblick des schönen großen Bildes verloren hatte, zusammen. Hinter ihr, hoch oben auf dem Chor, hatte eben gewaltig die mächtige Orgel eingesetzt. Und die jubelte und brauste durch die ganze großmächtige Kirche hin, an den hohen Steinsäulen, Pfeilern und Wänden hin widerhallend. Und dann wurde der Choral gesungen.

Als der Choral gesungen war, trat der Herr Pastor in seinen schneeweißen Haaren und seinem mächtigen schneeweißen Vollbart, der ihm vorn auf seinen schwarzen Talar niederfiel, an den Altar, und die Liturgie begann.

So etwas Wunderbares aber hatte Miele noch nie gehört. Es war gerade so, als ob mit einem Male die Engel im Himmel selber sängen. Denn plötzlich wurde oben auf dem Chor ein ganz unbeschreiblich schöner Gesang von Männerstimmen und Jungensstimmen angestimmt. So hell, klar und deutlich, daß es gar nicht zu sagen war. Dieser herrliche Gesang drang Miele so tief zu Herzen, daß sie ihn von da an nie wieder vergaß.

Auch auf die Predigt merkte sie dann ganz genau auf.

27 Als sie später wieder zu Hause waren und Miele der Frau Ökonomierat beim Sonntagsbraten zur Hand ging, hatte sie dann auch richtig ein Examen zu bestehen.

»Nu, he? Sage mal, du!« fing die Frau Ökonomierat an. »Mit biste ja nun gewesen. Haste denn aber auch was behalten? Wie?«

Miele schwieg.

»Na, guck ein'n nur nich' immer so dumm an! Ob du was behalten hast? Haste denn nich' verstanden?«

»Ja–e!« machte Miele zaghaft.

»Na, was haste denn behalten?«

»Das Lied.«

»Was denn für e' Lied?«

»Was sie gesungen haben, oben bei der Orgel.«

»Ach so! – Die Motette. – Motette heißt das. – Na, und wie hieß denn der Text?«

Miele schwieg erst wieder ein Weilchen. Sie traute es sich nicht zu sagen. Sie konnte es gar nicht aus der Kehle herauskriegen.

Aber die Frau Ökonomierat wurde ungeduldig. Und nun betete Miele den Text her wie eine Schullektion.

»Na, und über was hat der Herr Pastor gesprochen?«

»Über die sieben klugen und sieben törichten Jungfrauen.«

Und auch darüber wußte Miele genauen Bescheid zu geben. Sie hatte sogar ein paar Stellen aus der Predigt behalten.

28 Da geschah etwas, was noch nie geschehen war. Die Frau Ökonomierat lachte. Und dann sagte sie: »Nu? Un' was bist du denn für 'ne Jungfrau?«

Miele schwieg. Sie blickte die Frau Ökonomierat nur an und lächelte unsicher. Die aber rief mit ihrer Baßstimme, mit einem Male wieder ganz brummig und zornig: »'ne törichte natürlich! 'ne törichte, 'ne törichte! Beileibe! – Verstehste?«

Hu, was sie für ein Paar Augen machte!

Miele merkte, daß man nicht mitlachen durfte, wenn die Frau Ökonomierat bei guter Laune war.

 

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