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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

Am übernächsten Tag kam ihr Vater über Apolda nach Weimar und brachte auf seinem Kuhwagen, die Gelegenheit einer andern Besorgung benutzend, Miele die Lade mit ihren Sachen. Er wurde von der Frau Ökonomierat in die Stube geholt, wo die beiden eine ganze Zeitlang miteinander sprachen.

Als ihr Vater nachher beim Abschied mit Miele allein war, sagte er ganz begeistert: »Daß du mer ja nich' etwan narr'sch bist! Das is hie' gar anne gute Stellung. Die mußt du dir warm halte, die Fra!«

13 An diesem Tag war Miele wunderlich zumute gewesen, und sie hatte es mit einem tüchtigen Heimweh gehabt; und als sie sich am Abend in ihr Bett legte, hatte es sie sogar so gepackt, daß sie in ihr Kopfkissen hinein weinte. Es sollte übrigens das letztemal gewesen sein, daß Miele ihren Vater sah.

Mit solchen Anfällen hatte es Miele in der nächsten Zeit noch ein paarmal. Aber dann hatte sie sich gewöhnt und eingelebt.

Bald kannte sie in der Wohnung jedes Eckchen und Fleckchen.

In der guten Stube aber gab es etwas Besonderes für Miele. Das war ein Ofenschirm mit einem vergoldeten Rahmen, der vor dem grünen Kachelofen stand. Er bestand aus einer großen Stickerei. Unter einem Busche mit vielen schönen Rosen lag eine Dame mit einer mächtig hochgebauschten weißen Haarfrisur, in der eine dunkelrote Rose stak. Die Dame hatte eine Wespentaille und ein mächtiges Bauschkleid, wie eine große Glocke mit lauter Falbeln, unter denen unten ein Paar zierliche Füßchen in rosafarbenen Schuhchen mit Rosetten auf dem Spann hervorsahen. Die Dame kraulte mit ihren zarten rosigen Fingern das schneeweiße Fell eines Lämmchens, das neben ihr stand. Sie blickte dabei aber über einen ausgespannten bunten Fächer weg zu einem Herrn in die Höhe, der zu ihr niederblickte und ihr etwas auf der Flöte vorspielte. Der Herr hatte einen dreieckigen Hut mit goldigem Spitzenbesatz auf einer ganz merkwürdigen weißen Haartour mit Ringellocken über den Ohren und einem 14 Zopf, der hinten auf einen orangegelben Schoßrock niederhing. Er hatte eine himmelblaue Kniehose an, lange weißseidene Strümpfe und Schnallenschuhe, und unter seinem weiten Rockschoß stak schräg ein schmaler Degen hervor. Über dem Busch, dem Herrn, der Dame und dem weißen Lämmchen aber spannte sich ein schöner blauer Himmel mit allerliebsten weißen Schäfchenwölkchen.

Wenn Miele in der guten Stube aufzuräumen hatte, so war es für sie ein Fest, sich vor den Ofenschirm hinzuhocken, das schöne Bild zu betrachten und ganz genau zu studieren und zu staunen, wie es aus unzähligen zierlichen kleinen Woll- und Seidenstichen zusammengesetzt war.

Der Schirm und diese Andacht, die Miele vor ihm hielt, sollte für sie später noch von großer Wichtigkeit werden.

Im übrigen war und blieb Miele hier bei ihrer Frau Ökonomierat mutterseelenallein. Von einem Ausgehen war gar keine Rede. Sie machte nur die täglichen Einkäufe und besorgte der Frau Ökonomierat hin und wieder in der Stadt eine Bestellung. Geld von ihrem Lohn bekam Miele nicht einen Pfennig zu sehen. Die Frau Ökonomierat tat den Lohn immer für sie weg.

Aber bei alledem war Miele weder bei guter noch bei schlechter Stimmung. Genau und regelmäßig und ohne jemals zu murren, verrichtete sie ihre tägliche Arbeit. Zuweilen aber kam es wohl vor, daß sie, wenn die Frühlingssonne nachmittags so recht schön hell und 15 warm in ihre saubere Küche schien, beim Geschirrwaschen sich ein Lied sang; entweder »Drei Lilien, drei Lilien«, oder »Im schönsten Wiesengrunde«, oder »Von der Wanderschaft zurück«, oder »Guter Mond«, »Wer hat die schönsten Schäfchen«, »Im grünen Gras, im weißen Klee«, oder sonst etwas derart.

Aber ihre Herrin mochte das nicht leiden.

»Singe du doch deine ewigen, alten, mährigen Lieder da!« fuhr sie Miele eines Tages an. »Was ist denn das mit einem Male für 'ne neue Mode!«

Miele hatte darauf kein Wort erwidert. Aber sie sang von da an nicht wieder.

Doch fand sie eine andere Unterhaltung, wenn sie spätnachmittags eine freie Stunde hatte. Nämlich sie setzte sich an das Küchenfenster und beobachtete, was auf der Straße los war. Und da gab es immer etwas zu sehen. Es war für Miele ein richtiges Theater. – Wenn aber mal eine Dame, irgend so eine Engländerin, oder eine junge Malerin, wie sie hier in der Gegend wohnten, mit einem recht merkwürdigen Hutaufputz vorbeikam, dann konnte Miele sich in aller Stille über sie »scheck'g« lachen.

Es versteht sich, daß sie täglich bei ihren Einkäufen mit anderen Mädchen zusammentraf. Von denen erfuhr sie nun zwar alle möglichen interessanten Dinge. Was ihre Herrschaften für Leute wären, wie sie sie »beschummelten«, oder sie erzählten von ihren »Schätzen« und ihren Sonntagsausgängen, oder was sie alles zu Weihnachten verlangten, und wer weiß was alles dergleichen.

16 Miele hörte es sich ganz genau mit an. Alles. – Aber sie verstand nicht das mindeste davon. Sie hatte für ihr Teil bei alledem nur ihr »Ja–e« und »Nä«. – Sie fand die Mädchen dumm und alfanzerig. Wenn sie aber etwas hörte, was ihr interessant und wissenswert war, so behielt sie es ganz genau.

Was die Frau Ökonomierat anbetraf, so war sie tagaus tagein grob, polterte, war griesgrämig und schlechter Laune, war niemals freundlich, lobte niemals und schalt, wo und wie sie konnte; trotzdem aber fühlte Miele sich ganz und gar nicht unglücklich bei ihr.

Zuweilen ging die Frau Ökonomierat mit Miele einkaufen. Auf den Wochenmarkt, oder in ein großes Geschäft in der Stadt. Oder Miele mußte sie wohl auch mal begleiten, wenn die Frau Ökonomierat einen Besuch machte, oder mußte sie bei solcher Gelegenheit abholen.

Mitte Oktober gingen sie eines Sonnabends beide miteinander auf den Zwiebelmarkt. Vorauf die Frau Ökonomierat mit einer schwarzen Mantille und einem dunklen Strohhut, der dunkle Spitzen und eine violette Blumendolde hatte, hinterher getreulich Miele mit einem großmächtigen Einholekorb an ihrem dürren Arm.

Stumm schritten sie miteinander hinter dem Hoftheater weg und bogen dann um das gelbe Wittumspalais herum in die Schillerstraße ein, wo der Zwiebelmarkt jedes Jahr um diese Zeit stattfindet. Die Straßen waren noch feucht und grau von einem herbstlichen Vormittagsnebel.

An den äußeren Rändern der breiten, glatten Trottoirs bis auf den Fahrdamm hinab waren die 17 ganze Länge der Straße herunter, an dem Brunnen mit dem Gänsemännchen, wie an dem Schillerhause vorbei, große kunstvoll runde Pyramiden von gelben und dunkelroten Zwiebeln aufgeschichtet, auch Haufen von weißen Knoblauchknollen und grünen Schlotzwiebeln, braungraue Pyramiden von Sellerieköpfen mit ihrem dunkelgrünen Kraut, Haufen von Weißkohlköpfen, Meerrettichen, roten Mohrrüben und Majoranbündeln. Die ganze Straße war von der kräftig herzhaften Würze all der Gerüche erfüllt, die von Sellerie, Zwiebeln, und vor allem von den vielen Majoranbündeln ausgingen. Und morgen war Sonntag, der sogenannte »Zippelsonntag«, wo es in ganz Weimar Zwiebelkuchen gibt. Auch die Frau Ökonomierat wollte welchen backen.

Bei jedem der Stände saßen Bauersfrauen oder Bauern, die die Gemüse und Zwiebeln verkauften. Stroh lag umher und abgeschnittenes Mohrrüben und Selleriekraut. Und der Fahrdamm und die Trottoirs wimmelten von Käufern, so daß man ordentlich ins Gedränge kam. Da waren Gastwirte und Fleischer, Gemüsekleinhändler. Da waren unter kleinen Leuten und Bürgersfrauen selbst vornehme Damen, von ihrer Bedienung begleitet, um hier Einkäufe zu machen; genau so, wie auch alle Welt den zu gleicher Zeit stattfindenden Topfmarkt besucht, der seinen Stand bei der Stadtkirche und auf dem unteren Anger hat.

Die Frau Ökonomierat tauchte mit Miele sogleich in diesen Trubel hinein. Sie humpelte das Trottoir hinunter und ließ ihre strengen, grauüberbuschten 18 Eulenaugen sachverständig und mürrisch prüfend an all den Gemüsestapeln und Pyramiden hingehen. Dann trat sie an einen der Stände heran und betrachtete abwechselnd den Weißkohl und die mächtige Zwiebelpyramide. Endlich reckte sie ihre Hand aus und kniff in einen der Kohlköpfe hinein und dann in einen anderen und wieder in einen anderen.

Miele, die das so verwundert wie respektvoll beobachtete, richtete einen besorgten Blick auf die Verkäufer.

Das waren zwei dicke Frauen. Die eine saß auf einem Schemel, die andere auf einer umgekippten Tragekiepe. Die auf der Kiepe saß, hielt einen Topf mit warmem Milchkaffee mit beiden Händen umschlossen, aus dem ihr ein warmer Rauch gegen ihr wampiges, blaurotes Gesicht aufstieg. Auf ihrem dicken Schoß lag ein großer Kant von dickem Kuchen. Den nahm sie jetzt und stippte ihn langsam in den Topf.

Endlich, als die Frau Ökonomierat immer noch an den Kohlköpfen herumkniff, blickte aber die andere Frau dann doch herüber. Eine Weile guckte sie der Frau Ökonomierat zu, erst ganz phlegmatisch. Mit einem Male aber lachte sie und fragte: »Die Köppe sin' nur scheene! Will die gnäd'ge Frau was koofe?«

Miele blickte ängstlich ihre Herrin an.

Die antwortete nicht ein Wort, machte ihr griesgrämiges Gesicht und kniff erst noch einmal in einen von den Weißkohlköpfen hinein; plötzlich aber machte sie einen langen Hals, lugte mit streng prüfenden Augen eine Weile nach einem Stand auf der anderen Seite der Straße hinüber und zwängte sich dann auf 19 den Fahrdamm hinab, den sie überschritt, um sich zu dem Stand hinüber zu begeben.

Miele folgte, förmlich zitternd und scheuen Blickes, mit ihrem großen Korbe ihrer Herrin genau auf dem Fuße.

Jetzt wurde Schau und Prüfung bei dem neuen Stand fortgesetzt.

Hatte bisher ein prächtiger Blumenladen und das Schaufenster einer Buch- und Kunsthandlung zugeschaut, so hier das Fensterchen des Schillerhauses gleich links neben dem Eingang, hinter dessen Scheiben eine große Gipsbüste Friedrich Schillers, eine Gipsminiatur des Doppeldenkmals vor dem Hoftheater, eine Maske Schillers und eine Goethes, gruselig abgeschnitten auch ein paar weiße Gipshände von Goethe und Schiller und die Hand Schillers mit Lottens Händchen verschränkt in die Majorandünste, in das Schleifen, Trappeln, Summen, Schwatzen, Schreien und Lachen der Marktmenge hineinblickten.

Bei diesem Stand saß diesmal eine hübsche, freundliche und manierliche junge Bäuerin in einem sauberen Kleid, die der Madame höflich aufmerksam entgegenblickte. Die Frau Ökonomierat machte sich sogleich wieder an die Kohlköpfe.

»Sie sind diesmal sehr schön un' billig, gnäd'ge Frau,« sagte das Frauchen.

Die Frau Ökonomierat starrte das Frauchen einen Augenblick mit ihren buschischen Eulenaugen an. Dann aber wandte sie sich, ohne ein Wort zu erwidern, zu der Zwiebelpyramide, nahm eins von den langen 20 Strohgebinden in die Höhe, hielt es steif vor sich hin und musterte es, indem sie es langsam sich im Kreise drehen ließ.

»Da fehl'n aber e' paar!« rief sie.

Miele guckte sofort erschrocken nach dem Gebinde hin. Ja! Ganz oben. – Ein paar ganz kleine. Denn oben waren die kleinen, in der Mitte die größeren und unten die ganz großen Zwiebeln.

»Ach, nur oben! – E' paar ganz kleene!« entschuldigte das Frauchen mit einem begütigenden Lächeln. »Das kömmt vor. – Aber 's sin' ja gottlob noch genung andere da!« scherzte sie.

Die Frau Ökonomierat brummte etwas vor sich hin und nahm, nachdem sie das Gebinde wieder auf die Pyramide gelegt hatte, ein anderes. »Un' was kosten se?« fragte sie streng, ohne das Frauchen anzublicken, das neue Gebinde nur nach allen Seiten beguckend.

»Ganze fünfundvierzig Pfenn'ge zwei Gebinde, gnäd'ge Frau.«

»Fünfun'vierz'g?! Was ist denn das für e' Preis?

»Vierz'g!«

Die junge Frau schwieg, indem sie die Frau Ökonomierat lächelnd und belustigt anblickte. Aber diese packte das Gebinde und dann noch drei andere ohne weiteres Mielen in den Korb und knurrte: »Na, halt' ordentlich!« Worauf Miele ihr den Korb mit respektvollem Eifer hinhielt.

Die junge Frau, die das alles lächelnd beobachtet hatte, sagte: »Na, dann woll'n mer denn meintwegen vierz'g sagen.«

21 »Hm!« brummte die Frau Ökonomierat, ohne dabei eine Miene zu verziehen. »Also die viere zusammen fünfun'siebz'g Pfenn'ge.«

»Nee, gnäd'ge Frau, das könnt'ch denn schon beim besten Willen nich!«

Na, da war denn nun doch nichts zu machen. Also die Frau Ökonomierat kaufte die vier Gebinde zu dem verlangten Preis. Miele atmete auf. Diesmal kauft sie, dachte sie ganz ernsthaft und erleichtert. Deswegen, weil die Frau gut is.

Es wanderten jetzt nach und nach, nach genauester Prüfung und Auswahl, noch vier Weißkohlköpfe, drei Meerrettichstangen, zwei große Sellerieköpfe, ein Bund Mohrrüben und je ein Bündchen Schwarzwurzel und Majoran in den Korb zu den vier Zwiebelgebinden.

Der Handel war abgeschlossen, und die Frau Ökonomierat humpelte jetzt durch das Menschengetriebe langsam wieder die Straße hinauf auf das Wittumspalais zu, um den Heimweg anzutreten.

Miele schleppte stumm und blaß vor Anstrengung, mit weiten Augen starrend und von ihm ganz schief gezogen, den schweren Korb hinter ihrer Herrin her.

Sie mochten nun aber etwa zwanzig Schritte gegangen sein, als dennoch etwas Unerwartetes geschah. Nämlich die Frau Ökonomierat blieb plötzlich stehen und blickte sich mit ihrem mürrischen Gesicht nach Miele um, die, ganz verschieft und ein bißchen wankend und den schweren Korb mit beiden Armen krampfhaft vor sich herschleppend, ankam und die Augen aufmerksam und 22 angestrengt fragend auf ihre Herrin richtete, weil sie dachte, die Frau Ökonomierat wollte ihr etwas sagen.

Aber da sagte diese, nachdem sie Miele bis zu sich hatte herankommen lassen: »Na, nimm 'n mal runter!«

Miele guckte. Sie verstand gar nicht.

»Den Korb!! Vom Arme sollst 'n 'runter nehm'n!«

Miele tat's und setzte ihn auf das Trottoir. Die Frau Ökonomierat aber rief: »Faß drüben an!«

Miele tat es. Und die Frau Ökonomierat faßte an der anderen Henkelseite an. Sie hoben den Korb und trugen ihn nun zusammen bis nach Hause.

Die Frau Ökonomierat hilft mir mit tragen? dachte Miele ganz verwundert und verwirrt.

 

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