Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

2.

Miele schlief in einem schmalen Kämmerchen neben der Küche, das durch eine kleine Tapetentür mit dieser verbunden war. Sie erwachte am nächsten Morgen gegen sechs Uhr. Das Kämmerchen war schon voller Morgensonne. Verbiestert und ganz erschrocken war Miele in die Höhe gefahren, hatte sich halb aufgerichtet und umhergestarrt. Sie dachte, sie wäre zu Hause in ihrem Heubodenkämmerchen und müßte an ihre tägliche Arbeit gehen. Aber da fühlte sie, daß sie ja nicht auf einem Strohsack, sondern auf einer Matratze lag, und kam zu sich.

»Frau Ökonomierat Behring!« flüsterte sie langsam und fast buchstabierend ausdrücklich vor sich hin. Und dann fuhr sie schnell mit ihren mageren Beinen aus dem Bett, setzte sich auf die Kante, ihre langen, dichten, aschblonden Haare, die sich ihr über Nacht aufgelöst hatten, aus ihrem mageren Gesicht, aus Schläfen, Augen und Stirn streichend und über ihre hageren, weißen Schultern hinter auf ihren schmalen Rücken werfend.

Bald war sie angekleidet und hatte sich gewaschen, auch eine Küchenschürze aus ihrem Bündelchen hervorgeholt und sich vorgebunden und betrat nun die Küche, wo sie sich sogleich an alles erinnerte, was die Frau Ökonomierat ihr gestern noch gezeigt und ihr über die Arbeit gesagt hatte, die den Tag über zu verrichten war.

Zunächst ging sie, leise, damit sie die Frau Ökonomierat drin in ihrem Schlafzimmer nicht störe, ins 9 Entree hinaus, wo sie die Tür öffnete. Hier fand sie am Türknopf den Frühstücksbeutel hängen, und unten lag die Zeitung und stand der Milchtopf. Mit alledem begab sie sich leise wieder in die Küche zurück. Hier machte sie im Herde Feuer an, ließ die Kaffeekasserole an der Wasserleitung voll Wasser laufen, deckte wieder ordentlich den Deckel drauf und setzte sie auf das Feuer. Dann war das Schuhwerk zu putzen, und dann ging's mit dem Schrubber an die Stube und das Entree. Gegen Ende dieser Arbeit, unter welcher sie auch auf den in der Küche werdenden Kaffee achtete, hörte sie, wie die Frau Ökonomierat, die selber schon jeden Morgen bald nach sieben Uhr sich erhob, drin in ihrer Schlafstube sich räusperte, gähnte, hustete und mit ihrer Baßstimme alles mögliche vor sich hinbrummte.

Als Miele ihrer Herrin nachher den Frühkaffee in die Stube gebracht hatte und wieder in ihrer Küche war, tat sie folgendes. Sie brühte sich von dem Kaffeesatz noch einmal zwei Tassen ab, zu denen sie eins von den Doppelbrötchen aus Weizen und Roggenmehl, die in Weimar »Ricklinge« genannt werden, in trocknem Zustand aß, während sie sich in ihren dünnen Kaffee etwas Milch zuschüttete. Sie nahm dabei auf dem Holzstuhl zwischen Küchentisch und Küchenschrank Platz, der für alle Zukunft ihr Platz blieb, wie diese Zurichtung ihr Frühkaffee.

Als Miele mit ihrem Frühkaffee zu Ende war, begab sie sich wieder nach vorn zu der Frau Ökonomierat, die jetzt bei der Lektüre ihrer Zeitung war.

10 Eine Weile stand sie bei der Tür, weil sie nicht stören wollte, aber dann faßte sie sich endlich ein Herz und fragte: »Sill ich Wage gieh?«

»Was?!« fuhr die Frau Ökonomierat gegen sie herum.

»Eb' ich Wage gieh sill? Einhole gieh?« wiederholte Miele ängstlich.

»Was?!« rief die Frau Ökonomierat noch einmal. »Frau Rat heißt's, Frau Rat, Bauerntrine! Mer red't e' Menschen an, wie sich's gehört! Sag's noch mal!«

»Eb' ich Wage gieh sill, Frau Rat?«

»Eb' ich Wage gieh sill! Was ist denn das für 'ne Sprache, he? Hier sind wir in der Stadt; in der Residenzstadt sind wir hier, gefälligst! Hier wohnt der Großherzog! Hier red't der Mensch deutsch, aber nich' wie 'ne Kuhkatrinelche. Es heißt: Ich wollte fragen, Frau Rat, ob ich Wege gehn soll. – Noch mal!«

»Ich wollte fragen, Frau Rat, ob ich Wege gehn soll?« wiederholte Miele sofort und wie aus der Pistole geschossen.

»Hm! – Nu' merk dir das. Du hast doch in der Schule deutsch sprechen gelernt. Un' hibsch flink und deutlich und gescheit muß e' junges Mädchen sprechen, un' nich' so e' Gemähre da, so kimmste heite nich', denn kimmeste morgen! – Haste verstanden?«

»Ja–e!«

»Hm! – Na, denn paß auf. Beim Fleischer holst du zwei Hammelnieren. – Hammelnieren! Partout keine anderen! – Für die Suppe! – Und ein Pfund schieres – schieres!! – Rindfleisch. Ich lasse beim 11 Fleischer Müller in der Junkerstraße holen. Hier 'n Stick de Grunstedter 'nauf. – Dann gehste zum Gemüsemann, der gleich neben Müller wohnt, und holst für zwanzig Pfennig junge Karotten, für fünf Pfennig Petersilie, drei Bund Radieschen und zwei Pfund Kartoffeln. Haste gehört?«

»Ja–e!«

»Sag's noch mal!«

Und Miele sagte es noch mal und ließ nichts aus.

Darauf krabbelte die Frau Ökonomierat ihr Portemonnaie vor und reichte Miele einen Taler hin, mit dem Miele sich in ihre Küche zurückzog, wo sie den Einholkorb von der Wand nahm und sich auf den Weg machte.

Beim Fleischer, der sie für dumm hielt und ihr durchaus ein Stück Fleisch mit einem Fettstreif geben wollte, hielt Miele sich dermaßen hartnäckig an ihre Instruktion, daß nichts zu machen war. Sie starrte trotz aller Worte, die der Meister machte, und trotzdem er schließlich sogar grob wurde, nur immer steif und stumm, ohne es irgendwie zu berühren, das Stück Fleisch an, das vor ihr auf der Marmorplatte des Ladentisches lag, und sagte nur immer, wenn der Meister mal aufhörte: »Nä, schieres!«

Und so bekam sie richtig ein prächtiges, schieres Stück Fleisch.

Am Nachmittag mußte Miele den Kaffee kochen und ihn der Frau Ökonomierat hinunter in den Garten tragen, wo sie einen bestimmten Platz gemietet hatte. Hier saß die Frau Ökonomierat, häkelte und trank in 12 der schönen Frühlingssonne zwischen all den schönen Rosen und anderen Blumen ihren Kaffee.

Miele ihrerseits bekam von ihr Erlaubnis, auf die Post zu gehen und dort ihren Eltern eine Karte zu schreiben.

Mit großen, aber hübschen, gewissenhaft deutlichen und sauberen Buchstaben schrieb sie:

»Liebe Mutter, ich teile euch mit, das ich die Stelle bei der Frau Oeconomieräten Behring gekriegt habe und kennt ihr mir nun die Lade schicken mit meinen Sachen. Aber balde weil ich keine Sachen habe. Ich mus schliessen weil ich gleich wieder zu Hause mus, ich schreibe diesse Karte nemlich in der Post. Die Adresse ist Grunstedterstraße 26 die zweite Treppe bei Frau verwittwete Oeconomieräten Henerjette Behring, indem ich euch alle grüsse.

Deine Dich liebende Dochder

Emilie Zabel.«

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.