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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Das war Mielens großes Erlebnis. Sie war von jetzt ab wieder die alte.

Aber sie hatte ein Geschehnis hinter sich, das ihr Wesen viel zu plötzlich und viel zu glückselig aus ihr hervorgetrieben hatte, als daß Miele sich bei ihrem selbständigen Charakter nicht noch weit tiefer als vorher in sich selbst zurückgezogen hätte. Miele war jetzt vielleicht noch ein viel wunderlicheres Mädchen als vorher. Und was die Hauptsache war: sie blieb es auch.

Sie hatte nun nichts mehr und bekümmerte sich um nichts weiter als um ihre Herrin und um ihre Stickerei. Aber gerade in dieser letzteren machte sie von 97 dieser Zeit an ganz besondere und auffallende Fortschritte, so daß sie bald die schwierigsten und feinsten Seidenstickereien anzufertigen imstande war.

Um das Geld, das sie dafür bekam – und das wurde mit den Jahren ein recht ansehnliches Stück Geld – bekümmerte sie sich nicht im mindesten. Sie gab alles der Frau Ökonomierat, die es mit einem Interesse und Eifer verschloß, als ob es ihr eigenes Geld wäre.

Von dieser Zeit an lebte Miele noch zwölf und ein halbes Jahr, bis zu ihrem dreißigsten und bis zum gesegneten fünfundachtzigsten ihrer Herrin, bei der Frau Ökonomierat und verkehrte so gut wie ausschließlich Tag für Tag nur mit ihr. Sie ging fast gar nicht aus in dieser Zeit, außer ihre gewohnten Einholegänge. Und dabei bekam sie ein merkwürdig elfenbeinbleiches Gesicht mit frühzeitigen Falten. – Ein einziges Mal war sie in dieser Zeit, zur Kirmes, in ihrer Heimat. Aber ihre Eltern waren inzwischen gestorben, und so blieb es das einzige Mal, daß sie wieder in ihre Heimat kam.

Bei der Frau Ökonomierat, die mit der Zeit immer grilliger wurde, stand Miele allem bis ins geringste vor.

Im fünfzehnten Jahr von Mieles Dienst fing es an, mit der Frau Ökonomierat zu Ende zu gehen. Schon ein paar Jahre war sie ziemlich hinfällig gewesen. In rauher Frühjahrszeit erkältete sie sich gelegentlich und wurde bettlägerig. Der Arzt, der gerufen wurde, wußte weiter nichts Bestimmtes zu sagen. Doch bereitete er Miele auf alles vor.

98 Miele wurde sehr wunderlich zumute. Sie hatte sich so mit ihrer alten Frau Ökonomierat zusammengelebt, daß sie nie daran gedacht hatte, daß es mit ihr doch auch einmal zu Ende gehen mußte. Miele hatte übrigens auch noch nicht das mindeste für ihre Zukunft bedacht. Sie wußte noch nicht mal, wie viel Geld sie liegen hatte, und wußte tatsächlich, wenn sie daran dachte, nur von ihrem Lohn. Nicht ein einziges Mal hatte sie mit der Frau Ökonomierat davon gesprochen. Diese war freilich in den letzten Jahren so gut wie unzurechnungsfähig gewesen. Sie hatte nur instinktiv wie eine Elster mit einem eifrigen, halb spielerischen Interesse das Stickgeld weggeschlossen, wohl ohne dabei etwas zu denken und zu überlegen.

Es wurde nun mit der Frau Ökonomierat einen Monat lang wieder besser. Sie konnte noch einmal aufstehen, in der Wohnung umherhumpeln und in ihrem Sessel am Fenster sitzen, hatte sogar wieder einen Anfall ihrer gnatzigen Laune bekommen, was immer ein gutes Zeichen gewesen war.

Aber dann gelangte die Altersschwäche doch zu ihrem Sieg, und diesmal sollte es wirklich zu Ende gehen.

Es wurde noch eine schwere Zeit für Miele. Tag und Nacht mußte sie bei ihrer Herrin sein und beständig bei ihr wachen und auf sie aufpassen. Schließlich hatte Miele fast zwei Wochen hindurch kaum ein Auge zugetan und war bis zum Zusammensinken erschöpft.

99 Es war eine fröstelnd kalte Nacht, in der ein heftiger Landregen trübselig gegen die Fensterscheiben prasselte. Mutterseelenallein, fröstelnd und zitternd saß Miele beim Schein eines trüben, verhängten Lämpchens am Bette der Frau Ökonomierat. Es war schon weit nach Mitternacht, als diese mit Stöhnen und Ächzen aufhörte und endlich in Schlaf sank.

Aber nun war Miele erst ganz allein. Bis dahin hatte sie wenigstens mit dem Brummen und Stöhnen ihrer Herrin ein paar lebendige Laute in ihrer Nähe gehabt.

Noch ein halbes Stündchen hielt Miele sich. Dann aber beutelte die Kälte sie dermaßen, daß sie's nicht mehr aushielt. So kam sie auf den Einfall, in das mächtige, zweischläfrige Bettgebäude zu kriechen, so wie sie war, in ihren Kleidern, und ein paar Stunden in dem warmen Bett zu schlafen und sich zu erholen.

Im trüben Zwielichtsgrauen aber schreckte sie plötzlich in die Höhe.

Ihr hatte lebhaft geträumt, sie hätte einen Eisklumpen berührt. Und wie sie sich aufraffte und in ihrer Schlaftrunkenheit und ihrem Schreck um sich herumtastete, fühlte sie wirklich etwas Eiskaltes. – Die gute Frau Ökonomierat lag starr und steif neben ihr und war tot.

Miele fuhr vor Schreck aus dem Bett heraus und beugte sich über ihre Herrin. Sie lauschte, behorchte sie, das Ohr an ihre Brust gelegt, betastete sie und fühlte nach ihrem Herzen und ihrem Pulse.

100 Aber sie war tot. Starr und tot.

Da brach Miele, wohl zum erstenmal in ihrem Leben, in ein heftiges Weinen aus. Aber dann beugte sie sich wieder über ihre Herrin, drückte ihr langsam die Augen zu und sprach fromm ein Gebet.

* * *

Am Vormittag besorgte Miele mit ihrer gewohnten Umsicht alles, was vonnöten war. Vor allem telegraphierte sie auch gleich an die Kinder der Frau Ökonomierat.

Wer als der erste, und zwar noch an demselben Nachmittag, kam, war der Jenenser Doktor, der sich dann den ganzen Tag über in der Wohnung zu schaffen machte. – Er fand denn auch allerlei, was ihm recht erwünscht war.

Den Lohn zwar, der Miele zukam, händigte er ihr ein. Die Frau Ökonomierat hatte ihn in eine besondere Schachtel getan mit einem geschriebenen Vermerk, daß er Miele zu eigen gehöre. Es waren etwa tausend Mark. – Miele war wie aus den Wolken gefallen, als sie eine so große Geldsumme in Händen hielt, die wirklich ganz ihr eigen war.

Das Geld aber, das sie mit der Stickerei in diesen fünfzehn Jahren verdient hatte – und das war eine Summe von nahezu viertausend Mark – hatte die gute Frau Ökonomierat leider besonders gelegt, und sie hatte außerdem später vergessen, einen ausdrücklichen geschriebenen Vermerk dazuzulegen. Also ging 101 Miele diese ganze Summe auf Nichtwiedersehn durch die Lappen.

Aber Miele, die, trotzdem sie nun auch schon in ihr reifes Alter eingetreten war, immer noch nichts von Geld und Geldeswert verstand, empfand diesen Verlust nicht einmal. Die tausend Mark, die sie jetzt hatte, erschienen ihr als eine so mächtige Summe, daß sie es für sündlich gehalten hätte, wenn sie auch noch mehr Geld hätte haben sollen.

Am andern Tag stellten sich auch die anderen Kinder ein. Die Frau Ökonomierat wurde standesgemäß beerdigt, und die gute Miele weinte ihr herzliche Tränen nach.

Als dann das Testament geöffnet wurde, fand sich, daß die Frau Ökonomierat übersehen hatte, ihr, ihrer früheren Zusage gemäß, etwas auszusetzen. Aber Miele wußte ja ebensowenig wie mit Geld mit Testamenten Bescheid. Und jene Zusage ihrer Herrin hatte sie in all diesen Jahren schon längst wieder vergessen.

Die Möbel und allerlei sonstige Gegenstände in der Wohnung wurden zum Verkauf annonciert, der sich über einen Monat hinzog. So lange mußte Miele, die dafür von dem ältesten Sohne der Frau Ökonomierat fünfzig Mark bekommen hatte, in der Wohnung bleiben.

Aber es konnte nicht fehlen, daß sie Glück hatte. Man wußte im Viertel von ihrer Kunstfertigkeit im Sticken und auch von ihren sonstigen Fähigkeiten.

Noch ehe der Monat vergangen war, hatte sie schon eine neue Stellung. Wieder bei einer älteren Dame, 102 die auch schon die Siebziger angetreten hatte. Das war eine sehr reiche und vornehme Dame. Ihr diente Miele bis zu ihrem Tode, und das waren auch wieder acht Jahre. Diesmal aber war ihr wirklich für treu geleistete Dienste eine Summe vermacht, die wohl ausreichen mochte, um Miele vor einem Alter in Armut zu bewahren, wenn sie hinzutat, was sie sich in diesen Jahren wieder mit ihrer Kunststickerei verdient hatte.

 


 

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