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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

So kamen dann die vier von jetzt ab jeden Abend um diese Zeit zusammen. Und zwar immer hier oben in und bei »Hasensruh«.

Lina pflegte mit ihrem Schatz eine Bank drin im Wäldchen aufzusuchen, und August promenierte mit Miele den Feldweg hin, wo er ihr Polka, Polka Mazurka, Rheinländer, Galopp, Walzer, Tirolienne und wer weiß was alles für Tänze beibrachte.

Er war ein perfekter Tänzer und Miele eine erstaunlich gelehrige und geschickte Schülerin.

Sie war überhaupt ganz wie ausgetauscht.

Sie ahnte nun schon, was sich Lina und ihr Schatz anzuvertrauen hatten, kümmerte sich nicht mehr weiter 91 um sie und ging ganz in ihrem Tanzunterricht auf. Es war dann aber auch wieder sehr hübsch, wenn sie sich alle vier wieder zusammenfanden und, miteinander plaudernd und spaßend, langsam durch die Abenddämmerung den Berg hinunter und nach Hause gingen.

Zuweilen sangen sie auch. Wenigstens August, der eine hübsche Tenorstimme hatte, und Lina, die einen hübschen hellen Sopran sang. Miele und Linas Schatz konnten nicht so gut oder gar nicht singen. Aber es war schon ganz schön, wenn sie den anderen beiden zuhörten, die Volkslieder, Tanzlieder und Operettenstücke sangen, in welch letzteren sich namentlich August Pfannstiel sehr bewandert zeigte.

Manchmal sprach August mit Miele, wenn sie miteinander allein waren, auch über ganz ernsthafte Sachen. Entweder erzählte er ihr von seinem Dienst oder von seinen Kameraden oder von seinem Leutnant, auch davon, wie knapp es ihm ginge; Berichte, die in der Regel so gruselig dick aufgetragen waren, daß die gefühlvolle Miele sehr mitleidig wurde und, wenn schon ganz unbewußt, den Wink mit dem Zaunpfahl fühlte.

Oder August zeigte Miele die Umgegend. Drüben in der Ferne den dunklen Park von Belvedere mit dem gelben Schlößchen dazwischen und die Dörfer, die im Umkreis der schönen, weiten, hügeligen Fernsicht umherlagen. Der Waldrücken fern am Horizont war das Ilmtal, wo Tiefurt lag. Dort, aus der Ilmtalgegend, stammte August her. Hinter Berka, aus einem Dorf bei Blankenhain. Sein Vater war gleichfalls Kossäte, und auch August hatte noch mehrere Geschwister 92 und mußte später mal zusehen, wie er durchkam. Aber er hatte keine Bange. Er würde bald die Gefreitenknöpfe bekommen, hatte sogar beste Hoffnung, es zum Unteroffizier zu bringen und, wenn's Glück gut war, dann später eine gute Zivilstelle zu bekommen.

Miele hörte das alles sehr andächtig mit an. Im übrigen war sie so verliebt wie nur möglich.

Auf Gegenseitigkeit beruhte das freilich ganz und gar nicht. Dennoch ging August jetzt resolut auf seine besonderen Zwecke los.

Es dauerte nicht mehr lange, und Miele erlebte den glücklichsten Augenblick dieses Verkehrs und ihres Lebens.

Eines schönen Abends war August mit Miele gleichfalls in die traulichen Schatten von »Hasensruh« eingetreten und hatte sich mit ihr, versteht sich zu einer anderen Ecke wie Lina und ihr Schatz begeben, aber an eine Stelle, wo es zwischen Buchen und Büschen eine ebenso schöne, gemütlich verschwiegene Bank gab.

August war nun freilich zu Miele bei dieser Gelegenheit sehr manierlich, aber die Entscheidung fiel, und von diesem Abend an sollte Miele sein Schatz sein.

August hatte Miele auf jener Bank eine ernsthafte, sehr gefühlvolle, ein wahres Meisterstück von Erklärung gemacht, und Miele hatte in der reizendsten Weise von der Welt und glückselig bis in den siebenten Himmel hinein ihr »Ja!« geflüstert.

Darauf hatte August den Arm um ihre Taille gelegt, hatte den Mund zu ihr niedergebeugt und ihr den Verlobungskuß gegeben. Und da hatte Miele sich 93 an ihn angedrückt und ihm einen Kuß gegeben, der August durch Mark und Bein gegangen war und ihn wirklich ganz aus dem Konzept gebracht hatte.

Er war still geworden und war ganz verdutzt und erstaunt und verlegen und doch für den Rest des Abends sogar fast verliebt gewesen.

So innig und fest hatte Miele sich an ihn angeschmiegt, daß er ordentlich ihr heißes Herz an seiner Brust gefühlt hatte. Und wie sie ihm beständig mit ihren großen, leuchtenden Augen fest in die seinen sah, das konnte er schließlich kaum noch aushalten. Es war ihm fast bang. Er fühlte, daß selbst das schönste Mädchen nicht mit so einer Liebe lieben könnte, wie Miele liebte.

Und wieder hatte er's mit dem sonderbaren Gefühl, daß sie ganz wie ein Fräulein wäre.

Ja, Miele war mit einem Male wirklich schön gewesen und sonderbarer, als man's sagen konnte.

Und diesmal war es August, der sich nachher beim Nachhausegehen ganz verwirrt von Miele verabschiedete, während Miele ihm heiß und fest die Arme um den Nacken schlang – auf offener Straße, ohne weitere Rücksicht! August blickte ordentlich ängstlich nach allen Seiten umher – und da drückte sie ihm noch einen tüchtigen Kuß auf den Mund.

Dann, als sie gegangen war, wandte sie sich noch einmal gegen August herum und rief: »Auf Wiedersehn!« Und noch einmal wandte sie sich dann um und winkte ihm zu. Auf eine Art, dachte August in seiner Verwunderung, wie es eigentlich nur vornehme Leute tun.

94 Ganz kopfverdreht begab sich August, verlegen, beschämt, fast verdrießlich – zu seinem Leutnant und seiner Mansarde? – nein, sondern zu seinem eigentlichen Schatz . . .

Es war an einem Sonnabend nach diesem Ereignis, das sich in der ersten Hälfte der Woche vollzogen hatte. August und Miele hatten sich wieder, diesmal aber ohne die beiden anderen, getroffen. Er verabredete, daß sie nach Ehringsdorf zum Tanz gehen wollten. »Aber morgen noch nich', Miele! Nächsten Sonntag! Morgen kann ich nich'!«

Aber Miele konnte diesen Sonntag auch nicht kommen. Denn die Frau Ökonomierat hatte einen größeren Kaffeebesuch, und Miele mußte aufwarten. So verabredeten sie sich denn auf den nächsten Sonntag. Für ganz gewiß.

Doch August hatte noch ein Anliegen. Er war überhaupt so zerstreut, eilig und gedrückt, daß Miele ängstlich und besorgt wurde.

Kurz und gut: er erzählte ihr wer weiß was für eine heikle, verzwickte Mordgeschichte, weshalb er auf der Stelle fünf Mark brauche.

Oh, wenn's weiter nichts war! Ganz beglückt sagte Miele ihm auf der Stelle das Geld zu. Und zwar verabredeten sie, daß August es am nächsten Morgen früh zu einer bestimmten Stunde an einer bestimmten Straßenecke haben sollte. Darauf hatte August sie dankbar, aber eilig umarmt und war davongelaufen.

Miele war zwar sehr bang wegen der Frau Ökonomierat. Aber die Liebe macht erfinderisch. Kurz und 95 gut, sie erzielte von der Frau Ökonomierat das Geld, und zwar nicht bloß fünf, sondern zehn Mark. Auf das Gebrumm der Frau Ökonomierat achtete sie diesmal gar nicht weiter.

Am nächsten Morgen zur verabredeten Zeit bekam August zwei schöne, blanke, große Fünfmarkstücke in die Hand gedrückt.

Am Nachmittag war dann bei der Frau Ökonomierat große Kaffeevisite.

Unter den Gästen befand sich auch eine gute Freundin der Frau Ökonomierat, die in der Windischengasse wohnte, in der Nähe des Marktes, und die ihren Arbeitsbeutel vergessen hatte.

Miele bekam den Auftrag, ihn ihr aus ihrer Wohnung zu holen.

Es war gegen vier Uhr, als Miele aufbrach, um diesen Auftrag auszuführen.

Am Hoftheater vorbei bog sie in die Schillerstraße ein, um von hier zum Markt und der Windischengasse zu gelangen.

Plötzlich aber, wie sie eilig die Straße hinuntergeht, sieht Miele drüben auf dem anderen Trottoir einen Soldaten in schmucker Sonntagsmontur, der, den Arm um ein Mädchen gelegt, langsam das Trottoir hinunterschlendert, eine forsche Zigarre im Mundwinkel. Das Mädchen ist fein angeputzt. Sie hat eine mächtig runde Brust, breite, runde Hüften und schöne rote Backen und ein Paar schöne, große, schwarze Augen und guckt dem Soldaten immer ganz selig in die Augen.

Der Soldat aber ist – August Pfannstiel! . . .

96 Kreidebleich, wie vom Blitz getroffen, bleibt Miele stehen.

Lange, lange starrt sie hin, wie durch einen Nebel starrt sie da hinüber.

Und mit einem Male bricht sie, die kleine Miele, in ein ganz sonderbares, hartes Lachen aus und ruft mit so einem sonderbaren Hohn: »Ach so, ums Gald!!«

Noch einen Augenblick steht sie und starrt vor sich nieder. Ihr Mund ist dabei wieder fest geschlossen und hat wieder an der einen Seite den merkwürdigen sauren Zug, und ihre Augen sind ganz groß und starr. Dann rafft sie sich auf, eilt in die Windischengasse, holt den Arbeitsbeutel, rennt wieder nach Hause, übergibt ihn und huscht da oben in ihre stille, einsame Küche hinauf . . .

 

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