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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12.

»Na, die kriegen wir nich' wieder zu sehen!« hatte August gestern abend noch gesagt. Aber er hatte sich geirrt. Es war so ziemlich das Unglaublichste, selbst Lina hatte es nicht gedacht: Miele stellte sich am nächsten Abend wieder ein. Und es verstand sich, daß sie August Pfannstiel, der spaßeshalber auch gekommen war, wieder zum Partner bekam.

Wieder gingen die vier, Lina mit ihrem Schatz voran, August mit Miele hinterdrein, in das freie Feld hinaus.

Aber diesmal stiegen sie zu dem »Silberblick« hinauf, wo das Wäldchen »Hasensruh« liegt, dicht bei einer alten holländischen Mühle, die wie ein altersgrauer Wachtturm, der von einer Ruine übriggeblieben ist, im Felde liegt.

August Pfannstiel merkte mit seinem Kennerblick ganz genau, daß Miele in aller Naivität bis über beide Ohren in ihn verliebt war. Hm! Sie schien also auftauen zu können! August erinnerte sich an das, was ihm Lina gestern abend noch über Miele gesagt hatte. Es erschien ihm jetzt sehr wahrscheinlich. Es war also 82 vielleicht doch was bei ihr zu holen. August dachte an seine Mansarde. – Er würde sicher auch seinen Spaß an ihr haben.

Mit solchen Gefühlen und Erwägungen stieg August mit Miele zu »Hasensruh« hinauf.

Miele aber war wirklich sehr angenehm zumute. Sie war ja so wenig aus ihrer Küche herausgekommen, daß sie in den ganzen zweiundeinhalb Jahren, die sie nun schon bei der Frau Ökonomierat war, noch nicht einmal die Gegend kennen gelernt hatte, die doch in unmittelbarster Nähe der Grunstedterstraße lag.

Wie sie da jetzt zu dem schönen Wäldchen hinaufstieg, kam sie sich wie verzaubert vor, wie in eine ganz neue, fremde Welt versetzt, die an das Weimar, das sie kannte, plötzlich wie von einem Zauberstabe aus einem Märchen herangezaubert wäre.

Sie hatte sich gegen gestern merklich verändert. Sie war ordentlich hübsch. Ihre Backen zeigten eine sanfte Röte, und ihre großen Grauaugen strahlten. Auch der saure Zug an dem einen Mundwinkel war von einem fast anmutigen Lächeln gleichsam verwischt. Und zu alledem kam eine gewisse Verschämtheit, die ihr etwas Reizendes gab und ihre Bewegungen allerliebst elastisch und doch zugleich auch wieder in einer gewissen Weise manchmal unbeholfen lebhaft machten. Sie hatte sich ja sogar ein weißes Halskrägelchen umgetan und ein buntes Schleifchen drumgeknüpft.

Vorderhand war sie übrigens nicht redseliger als gestern, und August hatte erst wieder die Unterhaltung in Gang zu bringen. Das Wetter war reichlich so 83 schön wie gestern abend. Und die Gegend war heute noch viel schöner.

Es ging an einem langen Garten hinauf, über dessen Staket blühender Flieder, Goldregen und Rotdorn hingen. Zur Rechten dehnte sich der Feldhügel mit seinen Kartoffelfeldern und wogenden Getreidebreiten. Und dann kam das Wäldchen »Hasensruh« mit seinen lauschigen Dämmerungen zwischen Birken, Buchen, Eichen und dunklen Tannen. Hier gab es auch Bänke, auf denen man sich gemütlich einrichten konnte. Und außerdem hatte man ein herrliches Panorama gegen den Ettersberg hin, den man von hier oben in seiner ganzen Länge von der Hottelstedter Ecke bis über Schöndorf hinaus, das über Tiefurt liegt, übersieht. Wie ein riesiger, buntfarbiger Drache liegt er zum Schutze der Stadt und ihres weiten, traulichen Muldentales ausgestreckt. Oben auf seinem Scheitel, wie Borsten, die dichte, langgestreckte, schön schwarzblaue Waldung.

Außerdem aber gab es einen prächtigen bunten Blick auf die Häusermassen der Stadt hinab mit ihren pittoresken Farben unter den schwarzblauen, von Ziegeldächern mit roter Farbe durchsetzten Flächen der vielen Schieferdächer. Die beiden Kirchtürme ragten in die weite, klare Kuppel des blauen Abendhimmels.

Die Abendsonne illuminierte diese ganze ausgedehnte Pracht mit lieblichen rosa, lilafarbenen und lichtvioletten Lichtern und verfing sich goldgleißend in den vielen Fenstern, die sie von ihrer westlichen Richtung her traf. Unten am Ettersberg fuhr ab und zu ein Eisenbahnzug 84 hin mit langgezogener, klarer Rauchfahne und aus seiner Ferne bis hierher herüberschallend.

Miele war ganz berauscht. Alles das bedeutete für sie hundert neue Herrlichkeiten; und gar in dieser Stimmung ihrer Verliebtheit, und so mit einem Male, so ganz unerwartet.

Auch in der Nähe war's schön. Da stand gleich bei dem Wäldchen »Hasensruh« die romantische, graue, alte Holländer Mühle mitten in einem schönen, langgestreckten Obstgarten. Und dann gab's hier oben so viele schöne Feldwege. Und die Heimchen schrillten. – In den Gärten lagen hübsche Berghäuschen. Und die großen, dunklen Silhouetten der Feldscheunen weit draußen im freien Feld hoben sich gegen den schönen, blauen, rötlichen, gelben und apfelgrünen Abendhimmel. In den Wipfeln von »Hasensruh« zwitscherten noch die Meisen, eine Drossel sang, ein Specht pochte und lachte in das leise, gemütliche Raunen und Rauschen hinein, das die Wipfel rührte.

Lina und ihr Schatz, die jetzt ein größeres Stück voraus waren, bogen in das heimische Dunkel von »Hasensruh« ein. Miele wollte, als sie mit August Pfannstiel gleichfalls herangekommen war, auch in »Hasensruh« einbiegen, aber August tat ein paar Schritte weiter nach dem Feldweg hin, der am Rand von »Hasensruh« hin in das freie Feld hineinführte.

Ein bißchen ängstlich blieb Miele stehen und blickte in das Dunkel von »Hasensruh« hinein. »Lina?!« rief sie.

Aber von den beiden war kaum etwas zu sehen. 85 Außerdem hatte Miele nicht laut genug gerufen. Niemand antwortete.

August Pfannstiel, der ein Stück ab schon auf dem Feldweg stand und sich mit seiner Uniform recht hübsch gegen den Abendhimmel abhob, lachte: »Komm'n Sie nur, Fräulein! Die hab'n sich was zu erzählen! Wir wer'n se nachher schon wieder finden!«

Noch einen Augenblick zögerte Miele. Dann aber schritt sie, wenn auch langsam, auf August Pfannstiel zu und trat mit einem etwas bangen Blick nach seinen fidelen Augenriesen hinauf an seine Seite, um mit ihm den Feldweg hin in die abendliche Feldeinsamkeit hineinzuschreiten.

»'s geht sich doch scheene hier?« August lachte. »Nich'?«

Miele sagte nichts.

»Sagen Sie mal,« rief August, »warum sind Sie denn gestern abend ausgerissen?«

»Nä! – Ich bin doch gar nich' ausgerisse! Ich mußte doch heeme!« antwortete Miele, die rot geworden war.

»Nu, un' ich hatte schon Angst, Sie käm'n heute gar nich' wieder.«

Miele kicherte. – Ja, sie kicherte.

»Nä! Sie hann jä gar keene Angst gehabt!«

»Nee? Wirklich nich'?« machte August, indem er den Kopf zu ihr niederbeugte, leise, indem er ihr mit einem komischen Blick in die Augen sah.

»Nä!« machte Miele und kicherte wieder.

»Ich dachte schon, Sie träfen sich heute mit Ihrem Schatze!«

86 »Mit meinem Schatze!« rief Miele. Und die stumme Miele lachte jetzt plötzlich, so herzhaft und schön wie ein Silberglöckchen, recht aus ihrer Brust hervor. Sie konnte sich nicht mehr halten vor Vergnügen. Aber sie blickte August nicht an, sondern machte mit ihrem Körper und ihrem Kopf eine allerliebste ausgelassen schwippe und flinke Wendung beiseite, so recht wie ein naiver Backfisch sie zu machen pflegt, und dabei wehten ihr ihre blonden, von der Abendsonne angestrahlten Zauslocken.

»Nu', Sie woll'n mir doch nich' weismachen, daß Sie kein' Schatz hab'n?«

»Nä!«

»Na! Bei welcher Kompagnie steht er also?«

»Ich weeß doch nich'!«

Miele zog den Kopf zwischen die Schultern vor Vergnügen und wollte sich wieder ausschütten vor Lachen.

»Was?! Das hat er Ihn' noch nich' mal gesagt?!«

»Ich habe doch gar keen'?!«

»Was, Sie haben wirklich keen'!«

August Pfannstiel blieb wie angewurzelt stehn, fixierte sie mit großen Augen und schien starr vor Erstaunen.

»Ich kann doch nich' tanze!«

»Sie könnten nich' tanzen!«

»Nä–e!«

»Na, das wär' mer 'ne Ausrede! – Da lern' Se's!«

»Nä!« kicherte Miele. »Wo 'ann?«

»Na, passen Se mal auf! So werd das effektuiert!« rief August Pfannstiel.

87 Er war stehn geblieben. Auch Miele. Kichernd und in ausgelassenster Neugier blickte sie ihn an.

August aber, die Kommißmütze schief aufs Ohr gerückt, daß ihm ein Busch seiner krausen blonden Haare über den roten Mützenrand ragte, legte jetzt den Kopf auf die Seite, breitete die Arme, als wenn er eine Dame zum Tanz umfaßt hielte, und fing mitten auf dem Feldweg an, sehr zierlich um Miele herumzutanzen. Dabei aber sang er mit seiner hübschen Tenorstimme und sehr gebildetem Ausdruck:

»Ja so ein Walzer, der ist mein Leben.
Da liegt, da liegt Musik darin!
Ja, so im Walzer möcht' ich schweben
Durchs irdische Dasein dahin.«

»Na?!« rief er. »So wird's gemacht! Is' nich' scheene?!«

»Wohl schunn!« gab Miele Bescheid, indem sie August mit strahlenden Augen ansah und lachte.

»Na, woll'n Se's etwa nich' lernen?!«

»Wo sill ich's denn larne?« kicherte Miele.

»Hier! – Los!« ermunterte August forsch.

»Aber ich weeß ja nich', wie's gemacht werd!«

»Na, zuerst mal 'ne Polka! Die is leichter! – Also so!«

Und wieder setzte August sich wie vorhin in Positur, tanzte und sang:

»Siehste wohl, da kimmt er!
Große Schritte nimmt er!
Siehste wohl, da is er schon,
Der verrückte Schwiegersohn!«

88 Diesmal knickte Miele vor Lachen ordentlich zusammen, drehte sich nach der Seite und fast im Kreise um sich selbst herum, daß ihr der Rocksaum flog, und juchzte regelrecht auf, so gefiel ihr August Pfannstiel, und so viel Spaß machte er ihr.

»Na?! Allons! Komm' Se, Fräulein! Keine Müdigkeit vorschützen!«

Und schon tänzelte er auf Miele zu, machte vor ihr eine zierliche Verbeugung und streckte die Arme wieder in Tanzpositur aus.

Einen Augenblick zauderte Miele noch, den Kopf eingezogen und die Hand mit gekrümmtem Zeigefinger am Mund, mit der anderen Hand an ihrem Kleide herumzwirbelnd.

»Oder soll ich einen Korb bekommen?« machte August mit gut gespielter Betrübnis.

Aber da blickte Miele ihm in die Augen, strahlend, fragend und zugleich so tanzbegierig, wie ein junges Mädel von achtzehn Jahren nur sein kann, kam auf ihn zu, ließ sich von August um die Taille nehmen und bei der Hand fassen.

»Also Polka! – Los!«

Und wieder sang August den »Verrückten Schwiegersohn« und tanzte mit Miele los.

Und, sieh' da! Miele tanzte richtig und noch dazu so leicht wie eine Flaumfeder.

Ganz enthusiastisch und halb und halb erstaunt machte August Halt und blickte sie an: »Aber Zucker, Zucker!« rief er begeistert und küßte seine Fingerspitzen. »Und da woll'n Sie mir weismachen, Sie könnten 89 nicht tanzen? Na, warten Sie nur, Sie haben mich angeführt!«

»Nä! – Ich kann doch wirklich nich' tanz'n! Ich ha's doch nich' gelarnt!« kreischte Miele vor Vergnügen.

August Pfannstiel war jetzt aber wirklich ganz aus dem Konzept. Er wurde aus Miele wirklich nicht gescheit. Er war sich ja gut bewußt, daß er sie gestern und heute mehr als einmal aufgezogen hatte, und jetzt war es am Ende gar sie, die sich über ihn lustig gemacht hatte? Er wurde verlegen. Er fand mit einem Male, daß sie eigentlich wie ein Fräulein aussähe. Jedenfalls: wie ein Lenzlüftchen hatte Miele ihm im Arme gelegen, und getanzt hatte sie wie eine Fee.

»Ja, aber Sie können ja doch tanzen?« sagte er mit ganz veränderter Stimme, höflich und ganz verlegen ernsthaft.

Miele wurde sofort still und ängstlich. Sie verstand ihn gar nicht und dachte, sie hätte irgend etwas nicht richtig gemacht.

So gingen sie denn eine Weile schweigend miteinander den Feldweg weiter.

Endlich aber sagte August, und zwar wieder in seinem früheren munteren Ton, der zeigte, daß seine »Psychologie« sich inzwischen auf irgendeine Weise wieder zurechtgefunden hatte: »Polka jedenfalls können Sie!«

»Nä!« Miele wurde rot. »Ich hab' es wirklich nich' gelarnt. – Ich mißte mich doch vor den annern Mächens schame.«

»Na, ich mache Ihn' n' Vorschlag. Wir probieren jetzt abends immer n' Tanz ein. Gelte?«

90 Miele schwieg.

»Na?«

»Ich weeß nich'.«

»Un' dann gehn mer e' mal n' Sonntag nach Ehringsdorf oder zum Tanze.«

»Ich weeß doch nich'. Wenn nu' de Frau Ökonomierat nich' will?«

»Sie wird schon wollen, wenn Sie nur wollen. Na?«

Aber Miele blieb doch ängstlich.

»Nä, ich weeß noch nich'. – Ich will's mer irscht mal ieberlegn,« entschied sie endlich, aber doch kichernd.

»Na gut! Überlegen Se sich's. – Stehe mit Vergnügen zur Disposition!« erklärte August galant und gebildet, schlug die Hacken zusammen und legte salutierend die Hand an die Mütze. »M. W.! Machen wir!«

 

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