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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Wieder war ein Jahr vergangen, und es war wieder Frühling und wieder um dieselbe Zeit.

Miele stand jetzt in ihrem Achtzehnten. Sie war immer noch ein kleines, mageres Ding. Doch hatte sie sich körperlich ein wenig vervollkommnet. Sie war etwas runder geworden, hatte weichere Hüften bekommen und einen Busen.

74 Kurz, sie war in das Alter gelangt, wo ein junges Mädel seinen Schatz zu haben pflegt, und in dem Männlein und Weiblein für gewöhnlich ihr erstes Erlebnis haben.

Auch Miele sollte denn wirklich ihr Erlebnis bekommen. Und dieses »Erlebnis« sollte ein ehrenwerter Soldat, namens August Pfannstiel, werden.

August Pfannstiel diente bei den Neunundsechzigern, oben in der Kaserne über der Stadt und der Kögelbrücke, auf der Höhe der Wilhelmsallee, in der Nähe des Stadtwaldes, der »das Webicht« heißt. Er fungierte aber als Bursche bei einem Leutnant, der ganz in der Nähe der Frau Ökonomierat wohnte.

Miele, die zu Hause der ganzen Wirtschaft vorstand, genoß jetzt immerhin mehr Bewegungsfreiheit. Und so kam es, daß sie ab und zu auch mal abends bei dem schönen Wetter ins Freie ging.

Da standen denn nun oder promenierten die jungen Burschen mit ihren Schätzen in der schönen Abenddämmerung umher, oder sie gingen in die Felder hinaus, die hier ganz in der Nähe waren.

Der Zufall wollte, daß Miele setzt auch einen Umgang hatte. Eine Landsmännin und sogar Schulfreundin von ihr, die Meinerts Lina hieß, war seit vergangenem Herbst in der Nähe bei einer Herrschaft als Stubenmädchen in Stellung. Sie war ein hübsches und lustiges Mädchen. Miele hatte sie sehr gern. Mit ihr traf sie sich abends öfter; sie spazierten miteinander ins Feld hinaus und plauderten sich etwas. Es schadete nichts, daß seit einem Monat Linas Schatz 75 mit von der Partie war, ein herrschaftlicher Diener. Sie gingen jetzt eben zu dreien. Er wußte die beiden Mädels so gut zu unterhalten, daß Miele ordentlich aufgekratzt wurde.

Eines solchen Abends aber trat das »Erlebnis« an Miele heran..– Linas Schatz brachte seinen Freund August Pfannstiel mit.

Es versteht sich, daß er in gut gebürsteter Uniform kam, mit der Kommißmütze auf seinem hellblonden Kopf. Ein Kraushaar war August. Und ein adretter und munterer Kerl, mit einem aufgezwirbelten, hübschen blonden Schnurrbärtchen über einem hübschen roten Mund, der immer lachte. Braunrote Backen hatte er und ein Paar gescheite braune Augen, deren untere Lider sich immer etwas in die Höhe wulsteten, was sich sehr lustig, gescheit, gutmütig, schlau und gemütlich ausnahm.

Auf den ersten Blick gefiel er Miele. Sie wurde freilich insofern wieder die frühere Miele, als sie gleich in sich selbst hineinkroch und furchtbar dumm und blöde wurde. Aber diesmal wirklich nur deshalb, weil August ihr gefiel.

Er war übrigens gleich in seiner munteren Weise – etwas tastend und sich orientierend zunächst noch – sehr artig.

Lina ging mit ihrem Schatz voran, August mit Miele folgte nach. Und so wanderten sie in das abendliche Feld hinein, am Zaun einer Baumschule entlang, die zu einer Großgärtnerei gehörte und am Fuße eines langen Feldhügels hinlief.

76 Auf den schon hochstehenden Getreidestrecken lag die Dämmerung unter einem letzten Abendrot, in das die liebliche Scheitellinie des Hügels ihre Silhouette zeichnete. Eine letzte Lerche sank mit schrägem Fall trillernd in die hohen, wispernden Getreidewogen, und im Weggras sangen die Grillenchöre ihr unermüdliches Abendlied.

Miele hatte ihr schmuckes Kattunkleidchen an. Sie war im bloßen Kopf, und ihre aschblonden Zauslocken hingen über ihre etwas hohe Stirn, an den Schläfen herunter und in die Backen hinein.

Mit aller Macht kniff sie sich förmlich in sich selbst hinein. Denn ein Gefühl war ja über sie gekommen, das sie noch nie in ihrem Leben gekannt hatte. Sie hatte mit einem Male Gedanken, allerlei krause, wunderliche Gedanken, vor denen sie erschrak, deren sie sich schämte, weil ihr war, als könnte jeder sie ihr vom Gesicht ablesen. – Außerdem fühlte sie, wie August jeder Fiber in ihr angenehm war. Der Klang seiner frischen, munteren, hübschen Tenorstimme, seine lustigen, gutmütigen und gescheiten Augen, seine hübsche, kräftigschlanke Figur und seine intelligenten Bewegungen taten es ihr ganz und gar an und versetzten sie in solch einen sonderbaren Rausch.

Sie bekam schließlich direkte Anwandlungen, ohne jeden Abschied auszureißen und spornstreichs nach Hause zu laufen.

Und doch war es merkwürdig, daß Miele das auch wieder nicht fertigbringen konnte, so sehr sie beständig mit der Absicht rang.

77 Denn August hatte fortwährend etwas zu fragen und zu sagen. Und es war merkwürdig, daß Miele ihm immer wieder darauf antworten und Bescheid geben mußte. Ganz gewiß nicht aus Höflichkeit; denn Miele wußte gar nicht, was Höflichkeit war. Und auch gewiß nicht mit ihrem Willen. Aber gerade dadurch wurde sie immer verwirrter, weil sie sich selber so sonderbar vorkam.

»Sie sind also bei der Frau Ökonomierat Behring, Fräulein?« fragte August.

»Ja–e!« antwortete Miele hastig und aus ihren Gedanken aufgeschreckt.

August lächelte ein bißchen, als er dies »Ja–e!« vernahm. Aber Miele, die sonst alles sah und merkte, nahm das gar nicht wahr.

»Feine Stellung bei so 'ner alten Dame!« fuhr August höflich fort. »Wenn se noch a paar Jährchen lebt, denn hat se ihr Testament gemacht. Muß sich einer warmhalten. Feine Sache, Fräulein!«

Miele wußte nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie hatte sich noch niemals um die Vermögensverhältnisse und um ein etwaiges Testament der Frau Ökonomierat bekümmert.

»Sind Sie schon lange dort?« fragte August Pfannstiel weiter.

»Zwei und e' halbes Jahr,« antwortete Miele leise und blöde.

August Pfannstiel stellte aus dieser Art zu antworten fest, daß er einen entschiedenen Eindruck auf Miele machte. Das befriedigte ihn natürlich. Im 78 übrigen aber fand er es kurios. Los ist mit ihr nicht viel, dachte er. Er fand, daß es ein Kunststück wäre, die Unterhaltung weiterzuführen. Es entstand denn auch eine ziemliche Pause, in der August sogar leise vor sich hinpfiff.

Lina wandte sich, über die Schulter ihres Schatzes weg, mit einem erstaunten Lächeln nach dem Paare um.

August Pfannstiel aber grinste Lina mit so einem gewissen Blicke an, daß Lina etwas verlegen wurde und sich wieder abwandte, als habe sie nicht gerade das beste Kompliment über ihre Schulfreundin erhalten. Miele für ihr Teil war beim Ausreißen, wie noch nie vorher.

Trotzdem machte August natürlich mit der Höflichkeit eines Offizierburschen einen weiteren Versuch, die Unterhaltung in Fluß zu bringen.

»Ich habe Sie schon öfters gesehen, Fräulein,« fing er wieder an und wulstete seine fidelen, schlauen Augenlider noch höher und runder, so daß seine Augen jetzt zwei rosige Riesen waren. »Auf der Straße. Aber ich mißte mich sehre irren, wenn ich Sie nicht letzten Sonntag ooch in Ehringsdorf tanzen gesehen hätte.« August lachte, wie er das sagte.

»Nä!« sagte Miele. – Sie strahlte förmlich und war dabei feuerrot geworden. Vor Freude, daß August ihr zutraute, sie wäre zu Tanze gewesen. Sie warf ihm jetzt sogar einen Blick zu. »Ich bin ja gar nich' in Ehringsdorf gewese!«

August erwiderte ihren Blick sehr amüsiert mit seinen beiden rosigen Riesen und kicherte. »Nu, das 79 woll'n Se doch bloß nich' Wort hab'n!« fuhr er fort. »Aber ganz gewiß hab' ich Sie gesehn. Und Sie haben getanzt. Mit ein'm Soldaten hab'n Sie getanzt.«

»Nä! – Ich kann ja gar nich' tanze!« sagte Miele wie vorhin.

»I, sin' Se nur stille!« August lachte jetzt ganz laut. »Wenn ich's nich' gesehn hätte!«

Tanzen? – Ehringsdorf? dachte Miele. Sie wußte ja noch gar nicht mal, was Ehringsdorf war, und wo das lag, obschon es dicht bei Weimar an der Belvederer Allee liegt. – Und mit einem Soldaten!

Sie konnte das jetzt nun doch nicht mehr recht mit anhören, so sehr es ihr vorhin auch geschmeichelt hatte. »Nä!« wehrte sie leise und verlegen ab.

»Nee, sagen Sie mal: Sie können wirklich nich' tanzen?« August Pfannstiel wußte das natürlich von Anfang an. Er zog die gute Miele ja nur auf! »Na, dann müssen Se's aber lernen!«

»Ich geh' ja gar nich' aus!« sagte Miele.

Diesmal verstummte August ganz und gar. Er dachte bloß noch: Ach herrjeh! – Er blickte sogar beiseite und zog ganz kurz ein paarmal hintereinander die Luft in die Nase ein.

Nun riß Miele wirklich aus. Mit einem Male huschte sie lautlos nach vorn an Linas Seite, krabbelte, fast ohne zu wissen, was sie tat, nach Linas Hand und flüsterte hastig und mit einem ganz sonderbaren Lächeln: »Ich muß gieh'! Ich darf nich' meh' wagbleibe!«

Lina wollte was sagen und ein erstauntes Gesicht machen, aber Miele war schon von ihr fort und wollte 80 eben ohne weiteres auch an August Pfannstiel vorbeilaufen, da rief August sie an: »Nanu?! – Un' ich krieg' nich' mal 'ne Hand, Fräulein?!«

Miele blieb sogleich, aber halb mit dem Rücken gegen ihn, gesenkten Blickes und feuerrot stehen. Aber dann kam sie wirklich zu August hin und gab ihm ein einziges Augenblickchen die Hand. August lachte lustig, und auch die beiden anderen lachten, Miele aber rannte spornstreichs den Weg zurück nach Hause.

August Pfannstiel wollte sich ausschütten vor Lachen. So eine hatte er noch nicht erlebt. Er schlug sogar mit beiden flachen Händen vor innigem Vergnügen mehrmals auf die Schenkel.

»Hihihihi! – Sie reißt aus! Sie reißt aus!«

Aber Lina, die wohl merkte, was für ein Kompliment das für Miele bedeutete, nahm ihre Freundin in Schutz.

»Se is bluß bleede! – Halten Se sich die nur ja warm, August! Die is gar gut! Die hot Charakter! Die hot ihr'n Kupp fer sich! Wan die garne hot, dar hot's nich' schlacht! Die arwet oo' noch a' mol Gald! Un' dann verdient die oo' gar viel schienes Gald mit 'm Kunststicken!«

August kniff die Augen zusammen, machte ein etwas langes Gesicht und hörte aufmerksam zu. Aber er sagte nichts. Er lachte bloß.

Immerhin, er mochte sich die Sache wohl überlegen. Denn er saß da oben in der Mansarde bei seinem jungen Leutnant nicht gerade im Fette.

Miele ihrerseits war also spornstreichs nach Hause gelaufen. Sie fand die Frau Ökonomierat bei dem 81 schönen, warmen Wetter noch im Garten. Die unvermeidliche Frau Schulze war bei ihr.

Sie drückte sich an den beiden vorbei und huschte schnell in ihre Küche hinauf. Und dann saß sie noch lange stumm und starr auf ihrem Fensterplatz und hatte viel neue, angenehme, schmerzlichsüße und ganz erstaunte Gedanken . . .

 

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