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Johannes Schlaf: Miele - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMiele
authorJohannes Schlaf
year1920
firstpub1920
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleMiele
pages102
created20110614
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Der Mai war vorüber. Es war prächtiges Frühlingswetter. Unten der Garten stand in Flor und Düften, und die Reihen der hochgestengelten Rosen waren über und über in voller Blüte. Im klarsten Blau prangte der Himmel. In den Gärten der Nachbarschaft sangen die Meisen, Finken, Stare und Drosseln, und die Schwalben durchschossen unter jauchzendem Gezirp und Gezwitscher die reine, warme Luft und übten ihre schwippzierlichen Flugmanöver. Die Frau Ökonomierat war wieder völlig auf dem Damm.

Ganz prächtig hatte sie sich erholt und hatte ordentlich rote Bäckchen bekommen.

Sie saß täglich mit einer Handarbeit im Garten, wo sie fast alle Mahlzeiten einnahm und außerdem zu ihrem Nachmittagskaffee meistens Besuch hatte.

Miele war also jetzt viel in der Wohnung allein. In ihren Freistunden saß sie über ihrer Stickarbeit.

In den schönen Frühling kam sie freilich nur selten hinaus.

Aber sie entbehrte das auch weiter nicht so sehr. Sie war nichts weniger als eine Naturschwärmerin und fühlte sich schon wie im Himmel, wenn sie nachmittags mit ihrer Stickerei am weitoffenen 67 Küchenfenster sitzen konnte und unter ihren sauberen, sorgfältigen Stichen all die schönen Farben und Figuren entstehen sah. Wenn sie dabei mal in die Höhe sah, dann erblickte sie immerhin ein gut Stück blauen Himmel, sah unten im Garten die schönen Blumen, sah die Schwalben fliegen, hörte die Vögel singen, und außerdem gab's drüben an der Straße immer alles mögliche zu sehen und fast immer auch unten im Garten eine Unterhaltung, die in der Regel so laut geführt wurde, daß Miele an ihrem einsamen Plätzchen jedes Wort verstehen konnte.

Eines Nachmittags saß sie wieder so auf ihrem Fensterstuhl und stickte.

Die Frau Ökonomierat saß unten an ihrem Tisch, der weiß überdeckt war und zierliches Kaffeegeschirr trug und in der Mitte einen Kuchenteller mit allen möglichen Raritäten, zu denen es natürlich auch Schlagsahne gab. Denn die Frau Ökonomierat hatte wieder Kaffeebesuch.

Frau Schulze war da. Mit ihrer Tochter Paula diesmal, die aus Erfurt zu einem kleinen Besuch herübergekommen war. Außerdem saßen noch die Wirtsfrau mit am Tische und noch eine Cousine der Frau Ökonomierat, die auch schon in den Sechzigern stand.

Sie war eine alte Jungfer und hieß Fräulein Firnau, war Rentiere und lebte in guten Vermögensverhältnissen. Aber sie litt an einer Herzkrankheit; doch war sie dabei so robust, knochig und lebhaft, daß die Frau Ökonomierat sie der Frau Schulze gegenüber manchmal »den Dragoner« nannte.

68 Sie hatte schon ein paar so schwere Anfälle bestanden, daß die Ärzte sie bereits aufgegeben hatten. Aber, sieh da! die tapfere und unverwüstliche Rosalie hatte sich jedesmal prächtig wieder herausgemacht.

Sie verhielt sich bei diesen Anfällen, ohne auf die Ärzte zu achten, ganz, wie es ihr beliebte.

Heute schwärmte sie da unten, obgleich sie erst vor vierzehn Tagen wieder einen Anfall zu bestehen gehabt hatte, von ihrer diesjährigen Sommerfrische. Und zwar ganz mutterseelenallein, wie jedes Jahr, gedachte sie sie zu machen, ihre Sommerreise. In den Harz wollte sie reisen. Nach Schierke, und von da aus auf den Brocken hinaufpromenieren. Und jeder von den Kaffeegästen wußte, daß sie das wirklich tun würde.

»Was geht mich denn mein Herz an! Mir gefällt Gottes schöne Welt und damit basta! Und ich will sie genießen, solange, wie's nur irgend geht!«

Darauf entwarf sie eine lange, enthusiastische Schilderung, wie schön es im Harz wäre. Auch vom Thüringer Wald erzählte sie und von der Wartburg.

Das alles hörte Miele Wort für Wort, und sie hatte davon die schönste Unterhaltung. Besonders gefiel ihr, was Fräulein Firnau von der Wartburg erzählte. Sie sah alles ganz deutlich vor sich. Es war so schön, als wenn ein Märchen erzählt würde. Von Luther erzählte Fräulein Firnau, vom Sängerkrieg und von der heiligen Elisabeth, von der Frau Holle und von Wagners »Tannhäuser«, denn auch Fräulein Firnau war wie ihre Cousine und Frau Schulze eine eifrige Theaterbesucherin.

69 Alles behielt Miele im Gedächtnis, besonders das von der heiligen Elisabeth.

Die Frau Ökonomierat ihrerseits war bei sehr guter Laune. Sie hatte den Besuch ihrer Cousine gern. Rosalie, die herzkrank war und doch immer wieder durchkam, beruhigte sie über die Nervenanfälle, die ihr von der Influenza zurückgeblieben waren.

Auch das Fräulein Paula mischte hin und wieder ihr spitzes Stimmchen mit in die Unterhaltung. Sie hatte ein weißes Frühlingskleid mit bunten Schleifen und einem elastischen Bronzegürtel an und trug auf ihrem schwarzen Haar einen wunderschönen lichten Strohhut.

Sie sprach davon, daß »Mama« dies Jahr mit ihr und ihrem Bruder nach Rügen fahren würde. Von Stettin aus würden sie den Dampfer nach Saßnitz benutzen. Dort würden sie in einer Villa gerade über dem Meere wohnen und Partien nach dem Königsstuhl und nach Stubbenkammer machen. Dort gäbe es einen »himmlischen Buchenwald« und ganz spitze, schneeweiße, hohe Kreideberge. Das mache sich zu dem dunkelblauen Meer »so romantisch«.

Miele spitzte die Ohren. Das war wieder etwas Neues. Noch nie in ihrem Leben hatte sie davon gehört. Und sie wußte für den Augenblick nicht, was nun schöner und »himmlischer« wäre: die Wartburg und die heilige Elisabeth oder der »himmlische Buchenwald«, das blaue Meer und die spitzen, weißen Kreideberge. – O, ganze Berge, Berge! – aus richtiger, weißer Kreide, wie sie Meister Hebestreit, der Krämer 70 in ihrem Dorfe, verkaufte, und mit der sie in der Schule auf die große schwarze Tafel geschrieben hatten? Ohren, Mund und Augen sperrte Miele auf vor Erstaunen.

Aber plötzlich erschrak sie, daß sie feuerrot wurde und schnell den Fensterflügel halb zumachte, um sich hinter ihm verstecken zu können.

»Tanteken Rat!« hatte nämlich Frau Schulze angefangen. »Sagen Sie mal, warum lassen Sie das Meechen, die Miele, nich 'n bißchen mit hierher? Die arme Deern verputtet ja janz un' jar da oben in ihrer Küche. – Sie is ja doch 'ne Kinstlerin un' beträjt sich ja doch auch janz angenehm un' manierlich. Sie müssen 'n bißchen auf ihr Selbstbewußtsein wirken. Man muß an den Dienstboten 'ne jewisse Pädajojik üben.«

Um Gottes willen, dachte Miele. Nicht um alles in der Welt hätte sie sich da unten mit an den Tisch setzen mögen!

»Sie sollten sie 'n bißchen mit an jebildeter Unterhaltung teilnehmen lassen. Es is wirklich schade um das Meechen.«

Aber die Frau Ökonomierat widersetzte sich diesmal mit aller Entschiedenheit.

»Dienstboten sind Dienstboten!« entschied sie sehr hochdeutsch, sehr würdig, sehr betont und vielleicht sogar etwas kühl. »Und Dienstboten gehören nicht an den Herrschaftstisch!«

Tief erleichtert und ihrer Herrin herzlich dankbar, atmete Miele auf.

Frau Schulze schien jetzt einen besonderen Narren an Miele gefressen zu haben. Und eines Tages sollte 71 Miele einen förmlichen, wenn schon im übrigen vielleicht ganz vorteilhaften Anschlag von ihr zu bestehen haben.

Die Sache stand so, daß Frau Schulze sehr stolz darauf war, Mieles Genie entdeckt zu haben, und daß sie sich's in den Kopf gesetzt hatte, aus Miele einen diesem Genie angemessenen kultivierten Menschen zu machen.

Ein paar Tage nach jener Kaffeevisite traf Miele bei ihren Vormittagseinkäufen zufällig an einer Straßenecke mit Frau Schulze zusammen und wurde von dieser sogleich angehalten. »Kiek da! Miele! – Jut, daß ich Sie mal so hibsch alleine treffe! – Meechen! Sehn Sie mal! Is das das Weihnachtskleid?!«

»Näh!« antwortete Miele zurückhaltend, denn sie machte sich eigentlich nicht viel aus Frau Schulze. »'s is jä bloß mei' Kattunkleid.«

»So! Man Ihr Kattunkleid!« – Frau Schulze lachte. »Steht Ihnen aber sehr propper! – Na, un' was macht die Stickerei? Jeht's jut?«

»Ja–e!«

»Na, ich weiß! Ich habe schon mit Frau Weißbach drüber jesprochen,« fuhr Frau Schulze gönnerhaft fort. »Sie is sehr zufrieden mit Ihnen! Da machen Sie ja denn janz jute Jeschäfte. Nich'?«

Miele schwieg.

»Haben Se mir zu verdanken, Miele!«

Miele schwieg.

Ihr Schweigen gab der redseligen Frau Schulze eine kleine Bremse. Freilich eine mehr unbewußte. Denn im übrigen ließ sie nicht locker.

72 »Na, aber sagen Sie mal, Meechen! Wie wäre denn das, wenn ich Ihn' ein' Vorschlag machte? Wie?«

Miele starrte Frau Schulze an. Sie hatte keine Ahnung, was diese meinte.

»Die Tante Rat is ja jewiß 'ne jroßartige alte Dame. Sie is jewiß auch jut. Aba erstens hat sie kein Verständnis für Ihr Schenie, außerdem aba verputten Sie bei ihr, Miele! Sie sollten eigentlich 'n bißchen mehr an sich selber denken. Sagen Se mal, wie wär' denn das, Meechen, wenn Sie z. B. zu mir kämen? Als Jesellschafterin, oder als Stubenmeechen? Ich jeb' Ihn' 'n hibschen Lohn, un' Sie können sticken, soviel Sie wollen. Auch Ausjang soll'n Sie haben, wie sich's jeheert. Sie kommen ja jar nich an die frische Luft! Ich bitt' Sie, e' Meechen in Ihr'm Alter! Sie sind ja doch noch im Wachsen. Na? – Ich wer' der Tante Rat schon 'n andres ordentliches Meechen verschaffen. Ich hab' mir nu' mal in Kopp jesetzt, daß ich was aus Ihn'n machen will. 's is mein Ernst, Miele! Jreifen Sie zu! Ich jeb' Ihnen achtzig Mark 's Jahr. Ich hab's dazu. – Na?«

Miele hatte das alles Wort für Wort mit offnem Mund und Augen mit angehört. Aber kein Wort hatte sie davon verstanden. Lange verhielt sie sich schweigend, Frau Schulze mit einem sonderbaren Blick von oben bis unten anguckend.

Endlich brachte sie in ihrer mißtrauisch bedachten Bauernart ihr »Nä!« hervor.

»Nä! – Nä!« machte ihr Frau Schulze nach. »Miele, Sie sin' 'ne alte Bauersche! Na, un' warum also nich'?«

73 Aber Miele schwieg nur.

»Na, allons!« lachte Frau Schulze. »Warum also nich'! Sind Sie meschugge?! Ich will Ihn' achtzig Mark jeben, Sie können sticken, so viel wie Sie wollen, Sie soll'n leben wie'n Fräulein: un' das Meechen sagt: Nä! – nä! – Hat der Mensch denn zu so was Worte?!« schrie Frau Schulze. »Denken Sie etwa, der Tante Rat is es nich' janz ejal?! Die braucht 'n Meechen, ob Sie oder 'ne andere: janz ejal. Lassen Sie mich man machen! Na?«

Wieder schwieg Miele lange. Und wieder brachte sie endlich nichts über die Lippen, als ihr kurzes, sonderbar gedehntes »Nä!« – Nur huschte ihr diesmal blitzschnell ein kleiner Schatten über die Stirn. Denn das hatte sie gekränkt, daß Frau Schulze gesagt hatte, der Frau Rat wäre es egal, ob sie Miele oder ein anderes Mädchen hätte.

Kurz, Frau Schulze brachte von nun an überhaupt kein Wort mehr aus Miele heraus und mußte sie stehen lassen und kopfschüttelnd und lachend ihrer Wege gehen.

 

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