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Michael und das Buch

Josef Kastein: Michael und das Buch - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJosef Kastein
titleMichael und das Buch
publisherLeo Baeck Institute
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20190320
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VI.

Michael sank durch eine tiefe, tiefe Schlucht, und selbst noch als er schon festen Boden unter seinen Füßen fühlte, war alles rings um ihn in Dunkel und in Nacht getaucht. Er konnte nicht einen Schritt weit sehen. Er stand da wie an den Boden genagelt und wagte nicht sich zu rühren. Er wagte aber auch nicht, zu rufen, denn er wußte nicht, wo er sich befand. Vielleicht, dachte er, werde ich trotz des tiefen Dunkels etwas sehen können, wenn ich von Simons wunderbarem Honig esse. Aber o Schreck: der Topf war nicht da! Er tastete rund um sich. Aber er war eben nicht da. Gewiß stand er jetzt noch oben im Garten Eden, gerade neben dem Spalt, durch den er gesunken war.

Michael wollte schon mutlos werden, da sah er in einiger Entfernung einen hellen Funken aufblitzen und verschwinden. Er tauchte bald hier bald dort auf, als schwebe er durch die Luft. Michael rief ganz leise und schüchtern: »Hallo, hallo, Herr Funke!«

Der Funke schwebte näher, aufblitzend und erlöschend, bis er dicht über Michaels Kopf war, und da sah er, daß es ein Glühwürmchen war. »Guten Abend« sagte Michael, froh, daß er Gesellschaft gefunden hatte. Aber er bekam keine Antwort. Er sah nur, daß das Glühwürmchen heftig mit seiner Laterne winkte. Glühwürmchen können nämlich nicht sprechen. Sie können nur Lichtzeichen geben, und nun stellte es sich heraus, wie gut es war, daß Michael das Funk-Alfabet gelernt hatte.

»Ach bitte« sagte er, »können Sie mir nicht verraten, wo ich bin?«

»Sie sind in En-Dor« funkte das Glühwürmchen. »Was treiben Sie hier mitten in der Nacht? In ganz En-Dor steht außer Ruinen nur ein einziges Haus, und das gehört der großen Zauberin.«

»Eben dahin will ich« antwortete Michael erleichtert. »Ich muß sie unbedingt etwas fragen. Können Sie mir nicht den Weg zeigen?«

Das Glühwürmchen funkelte heftig auf und ab. »Das kann ich wohl, aber ich sage Ihnen von vornherein, daß ich jede Verantwortung ablehne. Bis an das Haus werde ich Ihnen gerne leuchten. Aber was drinnen geschieht, geht mich nichts mehr an. Also überlegen Sie sich die Sache.«

Michael sank der Mut. »Ist es denn so gefährlich, zu ihr zu gehen?«

»Das kommt ganz darauf an, was Sie von ihr wollen. Sie ist immer damit beschäftigt, in die Zukunft zu schauen, um zu erfahren, wann für die Welt bessere Zeiten kommen werden, und da will sie sich nicht gerne stören lassen.«

»Aber ich habe eine sehr wichtige Angelegenheit« sagte Michael. »Wenn Sie gestatten, erzähle ich Ihnen die Sache kurz.«

Das Glühwürmchen hockte sich auf Michaels Schulter und hörte sich den Bericht an. Sie war von der Erzählung so gerührt, daß ihr zwei große Tränen aus den Augen liefen, und beinahe, beinahe hätte es ein Unglück gegeben und die Tränen wären in die Laterne gelaufen und hätten sie ausgelöscht. Zum Glück fielen sie auf Michaels Rockkragen.

»Ich werde dir helfen« blinzelte das Glühwürmchen. »Oder richtiger gesagt: ich werde der schönen Shulamith helfen, und wenn ich dafür auch mein ganzes Leben lang im Dunkeln herum fliegen muß.«

»Wieso solltest du im Dunkeln fliegen?« wunderte Michael sich. »Du trägst doch deine eigene Laterne immer mit dir herum.«

»Aber nicht mehr lange. Ich will dir sagen, was ich beabsichtige. Die große Zauberin sitzt in ihrem Hause vor einem Feuer, und im Spiegel dieses Feuers kann sie alle Dinge sehen, die waren oder sein werden. Aber einmal alle Siebenzig Jahre erlischt das Feuer. Dann sind das Haus und der ganze Ort in Dunkel gehüllt, und keine Sonne und kein Mond können dieses Dunkel durchdringen. Dann muß die große Zauberin warten, bis ein Glühwürmchen kommt und ihr seine Laterne schenkt, damit sie das Feuer wieder anzünden kann. Dann kann sie wieder die geheimen Dinge schauen. Aber das Glühwürmchen lebt fortan im Dunkel. Und diesesmal werde ich mein Licht opfern, damit du den beiden Menschen im Bilde Hülfe bringen kannst.«

Michael war sehr froh, und so ging er hinter dem Lichtschein her durch das Dunkel, bis sie an ein niedriges, aus schweren Felsblöcken gebautes Haus kamen. Wie sie sich näherten, hörten sie einen eintönigen, traurigen Singsang aus dem Hause kommen: »Ich wohne im Dunkel, und die Welt wohnt im Dunkel. Wer gibt mir Licht, daß ich die Flamme des Zaubers anzünden kann? Wer gibt mir einen Funken, daß ich die Zukunft sehen kann?«

Da flog das Glühwürmchen vor das Fenster und ließ seine Laterne ganz hell aufstrahlen. »Ich will dir meine Laterne schenken« funkte es, »wenn du dem kleinen Jungen hilfst, der hier vor deinem Hause steht.«

»Was will der Junge?« fragte die Alte.

Michael antwortete: »Ich möchte zwei Menschen helfen, die sich lieben.«

Da streckte die Alte verwundert den Kopf zum Fenster hinaus. »Gibt es so etwas noch auf der Welt?« fragte sie. »Dann will ich dir helfen. Kommt beide herein.«

Sie gingen in den niedrigen, dunklen Raum. Eine Weile war nichts zu erkennen als das Funkeln des Glühwürmchens. Es schien sich in einen Winkel gesetzt zu haben, denn vom Boden her sah man das kleine, grünliche Licht aufschimmern. Aber dann wuchs das Licht und breitete sich aus und erhob sich und wurde ein Schein, der den Raum aus seinem Dunkel erlöste und in Halbdämmer tauchte. Die Alte kniete sich in die Ecke hin und blies vorsichtig in die Helle hinein, bis mit einem male eine große, blau-grüne Scheibe von Licht auftauchte, und in der Helligkeit, die jetzt den ganzen Raum erfüllte, sah Michael das Glühwürmchen hinaus fliegen, grau und unscheinbar und ohne Licht. Er winkte ihm nach: »Ich bin sicher, du wirst dafür belohnt werden.«

Dann wandte er sich der großen Zauberin zu. Aber er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Sie hatte ein großes, rotes Tuch über den Kopf geworfen und kniete vor dem Feuer, den Rücken Michael zugewandt. »Tritt hinter mich« sagte sie. »Was soll ich für dich tun?«

»Ich möchte dich bitten, mir den Weg zu Adam und Eva zu zeigen.«

»Das kann ich nicht« erwiderte die Alte. »Ich kann dir nur Dinge und Menschen im Spiegel des Feuers zeigen.«

»Was ist mir damit gedient?« fragte Michael bekümmert.

»Vielleicht sehr viel, mein Kind. Vielleicht sparst du dir einen langen und mühsamen Weg.«

Sie blies sachte in das Feuer hinein. Die blau-grüne Scheibe wurde größer und stand wie ein blanker, runder Spiegel da. Schatten schienen darüber zu huschen. Bald glaubte Michael eine Wolke darin zu erkennen und bald einen Baum und bald ein großes Meer. Aber dann wurden die Schatten klarer und bekamen festere Formen. Wie wenn man von einem Bild einen Schleier nach dem anderen wegzieht, trat jetzt eine Landschaft hervor, und dann war es Michael, als sähe er durch ein Fenster die Dinge lebendig vor sich.

Da war rechts ein steiler, dürrer Felsen, und nach links hin ein Acker, mit Steinbrocken übersät. Am Fuße des Felsens war eine Höhle, und vor der Höhle lagen zwei Kinder, die mit Steinen spielten. Über den Acker ging ein merkwürdiges Gespann. Ein Mann, nur mit einem Fellschurz bekleidet, zog an Stricken einen Pflug hinter sich her, und eine Frau führte den Pflug. Der Mann sah dumpf und verdrossen zur grauen Erde nieder, als wäre er ein Zugtier und kein Mensch. Der Pflug riß die Dornen um, die auf dem Acker wuchsen, aber kaum war die Furche beendet, als die Dornen wieder ihr Haupt erhoben und den Acker zu füllen begannen. Genesis 3:17-18. Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum, von dem ich dir geboten habe: Du sollst davon nicht essen! – so sei der Erdboden deinetwegen verflucht: Mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen!

Die Frau hinter dem Pfluge hatte den Kopf in den Nacken geworfen und sah in den Himmel hinein. So achtete sie nicht auf den Pflug, und er stieß immer wieder gegen Felsbrocken, sodaß der Mann in den Seilen fast gestrauchelt wäre. Dann grollte er böse vor sich hin: »Bist du nur zum Essen gut und nicht zum Arbeiten?«

Die Frau erwiderte bitter: »Wären wir noch im Paradies, brauchten wir nicht durch Steine und Dornen zu pflügen.«

»Wer ist Schuld daran?« rief der Mann. »Wer hat sich von der Schlange betören lassen? Wer konnte seine Gier nicht bezähmen?«

Und die Frau erwiderte: »Wer hat vor Gott alle Schuld von sich gewälzt, statt mich zu verteidigen?« 3:12. Da sagte der Mensch: Die Frau, die du mir zur Seite gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß.

So kämpften sie bitter und ohne Liebe gegen einander an. Da fuhr die Alte mit ihrem roten Tuch über den Feuerspiegel und löschte das Bild aus. Sie fragte: »Glaubst du, daß diese beiden Menschen dir helfen können?«

Michael schüttelte den Kopf. »Ich glaube es nicht.«

»Sie können es nicht« sagte die Alte, »weil sie nicht gut zu einander sind.«

»Aber wer wird mir helfen können?« fragte Michael.

»Dir kann nur einer helfen« sagte die große Zauberin, »der viel von Liebe weiß, weil er selber viel in seinem Leben geliebt hat. Und das ist der König Salomo, denn er hat tausend Frauen gehabt.«

»Tausend Frauen!« rief Michael erstaunt. »Der Milchmann Saadja hat zwei Frauen, und Vater sagt, das wäre schon zu viel.«

»Aber Saadja ist auch kein König« erwiderte die Alte.

»Das ist richtig« meinte Michael. »Aber glaubst du, daß König Salomo sich um so kleine Dinge wie einen Hirten und die Shulamith kümmern wird?«

Die große Zauberin lächelte. »Vielleicht wird er sich darum kümmern, wenn du zur richtigen Stunde zu ihm kommst. Es ist nur die Frage, wie du zu ihm gelangst. Denn kein Mensch auf Erden weiß, wo er sich aufhält. Auch ich kann es dir nicht sagen, obgleich ich sonst alles weiß.«

»Und du kannst ihn auch nicht im Spiegel des Feuers erscheinen lassen?«

»Nein. Er hat den Tempel gebaut, und darum ist er der einzige, den ich in meinem Spiegel nicht aufsteigen lassen kann.«

»Aber wer weiß, wo er sich aufhält?«

»Auch das darf ich dir nicht sagen. Du mußt es schon selber raten. Drei mal darfst du raten, dann ist es aus.«

Michael dachte tief nach. »Weiß es der Wind?«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Einmal falsch geraten.«

Michael fragte: »Weiß es die Sonne?«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Zweimal falsch geraten.«

Michael wurde ängstlich. »Weiß es ... ein Geist?«

Da nickte die große Zauberin. » Erraten. Nur ein Geist weiß es, und zwar nur einer unter ihnen, Asmodäus, der Fürst der Geister.«Im Talmud: Salomo bemächtigt sich dieses Geistes, um durch ihn in Besitz des Wurms Shamir zu gelangen. Außerdem will Salomo sich das geheime Wissen des Ashmodai aneignen, aber der befreit sich durch eine List, beseitigt Salomo zeitweilig und regiert an seiner Stelle. Bei Salomos Rückkehr von der Wanderschaft verschwindet er, aber Salomo fürchtet sich vor ihm und läßt sich nachts durch Helden bewachen.

Michael fing es an zu gruseln. »Ist das nicht sehr gefährlich, sich mit ihm einzulassen?«

»Nein« sagte die Alte. »Früher einmal war er sehr gefährlich, und da hatten die Menschen große Angst vor ihm. Aber seit einigen Jahrhunderten hat er so recht nichts mehr zu tun. Die Menschen wollen nichts mehr von ihm wissen und fürchten ihn nicht mehr. Und er langweilt sich grenzenlos, so sehr, daß ihm die Haare grau geworden sind und seine Zähne ihm vor lauter Langerweile ausfallen. Und vor lauter Langerweile schläft er immer ein, und wenn er aufwacht, wirft er sich ärgerlich auf die andere Seite und schläft weiter. Dann sagen die Menschen, es sei ein Erdbeben gewesen.«

»Wenn du ihn jetzt rufst« wandte Michael ängstlich ein, »dann wird es doch wieder ein Erdbeben geben.«

»Nur ein ganz kleines« tröstete ihn die Alte. »Denn ich werde ihn ganz langsam aufwecken. Du wirst schon sehen.«

Sie wandte sich wieder dem Feuer zu und blies hinein. Größer und größer wurde der blau-grüne Feuerspiegel, viel größer als zuvor, da Michael die ersten beiden Menschen darin gesehen hatte. Er füllte die ganze Rückwand des Raumes aus. Aber bald verstand er, warum der Spiegel diesesmal so groß sein mußte. Zuerst war schwer etwas zu erkennen. Es schien so, als ob der Spiegel einen großen, ovalen Hügel zeigte, und quer über den Hügel zog sich ein Graben, an dessen Seiten rechts und links dunkle Stäbe aufragten. Die Alte rief leise: »Asmodäus, Asmodäus, erwache! Ich bin es, die dich ruft: die Alte von En-Dor!«

Der Graben auf der Hügelkuppe klaffte langsam auseinander, die Stäbe legten sich nach oben und unten um, und es erschien eine große, ovale Fläche von Weiß mit einer riesigen, braunen, kreisrunden Scheibe in der Mitte. »Siehst du« flüsterte die Alte Michael zu, »jetzt macht er das rechte Auge auf.«

Michael bekam einen gewaltigen Schrecken. Wenn das eine Auge des Asmodäus so groß war, daß es die ganze Rückwand des Hauses ausfüllte, wie groß mußte erst der ganze Körper sein! Dagegen war ja der Riese Simson ein lächerlicher Zwerg. Aber die große Zauberin schien garkeine Furcht vor Asmodäus zu haben. Sie sagte freundlich: »Guten Morgen, Söhnchen. Hast du gut geschlafen?«

Asmodäus gähnte, daß es wie ein gewaltiges Donnern durch das Innere der Erde ging und das Haus in seinen Grundfesten erbebte. »Guten Morgen, Großmutter« sagte er brummend. »Warum weckst du mich schon wieder auf?«

»Schon wieder, Söhnchen? Das letzte mal habe ich dich vor 365 Jahren aufgeweckt.«

»Nun eben« erwiderte Asmodäus weinerlich. »Ich war gerade ein bischen eingenickt. Jetzt habe ich Hunger. Hast du nichts für mich zu essen?«

»Vielleicht findet sich etwas Gutes« sagte die Alte geheimnisvoll. »Komm nur her zu mir. Wir wollen sehen, was sich tun läßt.«

Asmodäus greinte. »Nein, bei dir ist es so dunkel, und ich habe Angst, daß ich mit meinem Bart an dein Haus komme und dann fällt es zusammen, und du schimpfst mit mir.«

»Keine Angst, Söhnchen. Es ist schon wieder hell bei mir. Steh nur ganz langsam auf, und vor allem: leg deine Bettdecke behutsam zur Seite, damit es nicht so viel Lärm macht.«

Die Alte schwenkte das rote Tuch über den Feuerspiegel. Nun wurde er ganz klein, und Michael konnte wie durch die Linse eines Fernrohres hindurchschauen. Er sah eine kahle Steppe, und ganz im Hintergrunde einen gewaltigen, flachen Berg. Am Fuße des Berges entstand plötzlich ein Spalt und der ganze Berg wurde in die Höhe gehoben, daß er in den Wolken zu schweben schien. Aus dem Spalt kroch ein ungeuerliches Etwas hervor. Erst schien es ein Wald zu sein. Aber es waren nur die Haare auf dem Kopf des Asmodäus. Hinterdrein krochen ungefüge Massen von Gliedern und schoben sich über die Ebene. Der Asmodäus wandte sich um und legte den Berg, seine Bettdecke, behutsam wieder zurück. Es gab nur ein kleines Erdbeben.

»Jetzt ist er aufgestanden« lachte die große Zauberin. »In zehn Schritten wird er hier sein.«

Während die Erde leicht schwankte, fiel ein großer Schatten über das Haus. Das war der Körper des Asmodäus, der die Sonne verfinsterte. Aber als er gerade den letzten Schritt tun wollte, blieb er plötzlich stehen und sah sich mißtrauisch nach allen Seiten um. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »Großmutter« sagte er klagend, »es ist jemand hier gewesen!«

»Wie willst du das wissen?« fragte die Alte vorsichtig.

»Weil ich sehe, daß ein Spalt im Felsen ist.«

»In welchem Felsen, Söhnchen?«

Asmodäus weinte beinahe, »In dem großen Felsen, den ich selber vor langer, langer Zeit über die Wohnung des Königs Salomo gewälzt habe. Kein Mensch kann ihn aufheben, und jetzt ist jemand gekommen, der ihn gespalten hat, und der Spalt führt gerade bis zum Tor der Wohnung. Großmutter, schau in den Feuerspiegel und sag mir, wer das gewesen ist. Dann will ich ihn zwischen Daumen und Zeigefinger zu Staub zerdrücken.«

Michael kroch ganz in sich zusammen. Die große Zauberin machte ein verlegenes Gesicht. Sie durfte Asmodäus nicht die Unwahrheit sagen, denn sie wußte: wenn sie ein einziges mal in ihrem Leben etwas sagte, was nicht der Wahrheit entsprach, war es mit ihrer Kunst zuende, und sie würde sterben wie jede andere alte Frau. Aber sie wollte Michael auch nicht in Gefahr bringen, denn sie liebte Kinder sehr. So sagte sie: »Wer weiß, vielleicht ist der Fels von selber gespalten.«

Asmodäus schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Der Fels muß zehntausend Jahre halten. Das hat er mir damals versprochen. Ich sage dir, es ist jemand hier gewesen.«

Da sah die große Zauberin Michael zum ersten male an. Sie hatte große blaue Augen, die sehr gütig und weise dreinschauten. Sie sagte nichts, aber Michael las aus ihrem Blick, daß er sich jetzt zur Wahrheit bekennen müsse. Er trat an das Fenster und rief hinaus: »Ja, ich bin hier, der Michael!«

Der Asmodäus legte die mächtige Hand an das mächtige Ohr und fragte: »Hat da jemand gesprochen?«

»Ja!« schrie Michael ganz laut. »Ich, der Michael!!«

Da raunte ihm die Alte ins Ohr: »Er hört nicht, wenn man schreit. Man muß flüstern. Er hört nur, was die Menschen ganz leise vor sich hin sagen. Früher hörte er sogar, was die Menschen garnicht sagten, sondern was sie nur dachten. Aber inzwischen ist er schwerhörig geworden.«

Da flüsterte Michael ganz vorsichtig und leise. »Guten Morgen, Herr Fürst. Hier ist Michael. Und ich kann Ihnen auch sagen, wer den Felsen gespalten hat. Ich bin es nicht gewesen.«

Der Asmodäus kam mit seinem Auge dicht an das Haus heran. Als er Michael sah, lächelte er, daß es dröhnte. »So ein kleines Spielzeug! Dir glaube ich, daß du den Felsen nicht gespalten hast. Wer ist es denn gewesen, Püppchen?«

»Es war der Wurm Shamir.«

»Ha!« rief Asmodäus, »der Bundesgenosse von Salomo! Weh ihm, wenn ich ihn erwische. Aber er versteckt sich vor mir, weil er Angst hat. Genau so wie Salomo sich vor mir versteckt.«

»Warum sollte er sich denn verstecken, Herr Fürst?« flüsterte Michael.

»Das weißt du nicht? Aber wie solltest du es wissen, du kleiner Erdenwurm. Du hast ja noch nicht gelebt, als Salomo regierte.«

»Nein, ganz gewiß nicht« versicherte Michael.

»Also dann werde ich es dir sagen. Der große König Salomo ist garnicht weise gewesen. Alle Weisheit, die er hat, hat er von mir gelernt. Auch die Sprache der Tiere hat er von mir gelernt. Die Herrschaft über die Tiere hat er mir abgelistet. Auch den Wurm Shamir, der mir gehörte, hat er mir durch eine List weggenommen. Aber jetzt habe ich den weisen König in seiner Höhle eingesperrt, und er kommt nie wieder heraus, wenn er mir nicht meine Weisheit wieder gibt.«

Michael dachte nach. Er entwarf schnell einen Plan. Da er wußte, daß der Wurm Shamir im Garten Eden war und ihm dort niemand etwas zuleide tun konnte, sagte er: »Ich kann Ihnen verraten, Herr Fürst, wo sich der Wurm Shamir im Augenblick befindet.«

»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Asmodäus. »Wo ist er denn?«

Michael fragte: »Wenn ich es Ihnen sage, werden Sie mir dann einen Gefallen tun?«

»Alles was du willst!« rief der Dämon erfreut.

»Gut« sagte Michael, »versprochen ist versprochen. Also ich bitte Sie um die Erlaubnis, die Höhle des Königs Salomo betreten zu dürfen.«

Asmodäus machte eine Weile ein ganz dummes Gesicht. Aber dann blinkte ein listiges Lächeln in seinen Augen auf. »Jawohl Püppchen« lachte er. »Ich gebe dir die Erlaubnis. Geh nur hinein. Schau nur, wie du hineinkommst. Und viel Vergnügen. Und jetzt sag mir, wo der Shamir ist.« Michael flüsterte ihm zu: »Da oben, wo der Spalt anfängt, liegt der Shamir. Ich habe gesehen, wie er den Felsen spaltete. Du brauchst nur vorsichtig die Hand auszustrecken.«

Asmodäus brummte zufrieden. Dann richtete er sich auf, näherte sich dem Spalt im Felsen und steckte seinen gewaltigen Kopf hinein. Darnach verschwanden die Schultern. Darnach verschwand der gewaltige Brustkasten, und dann verschwand auch der ganze Rumpf. Aber weiter ging es nicht. Die Beine blieben draußen. Man sah sie zappeln und stampfen, daß der Boden zitterte. Und wie von den Eingeweiden der Erde her kam ein dumpfes Rufen: »Hülfe! Hülfe! Ich kann nicht weiter. Ich bin fest geklemmt! Großmutter, hilf mir wieder heraus!«

Michael und die große Zauberin lachten sich heimlich an. Die Alte steckte den Kopf zum Fenster hinaus. Aus dem Felsenspalt rannen zwei muntere Bächlein. Das waren die Tränen, die Asmodäus vergoß, weil er so in der Klemme saß und darüber so unglücklich war.

Die Alte rief: »Verzage nicht, Söhnchen. Versuche nur weiter zu kommen.«

»Es ist zu eng!« rief Asmodäus.

Michael beugte sich zum Fenster hinaus und sagte: »Das kommt nur davon, weil oben ein großer Topf mit Honig steht. Wenn du den beiseite schiebst, wirst du hindurchkönnen.«

Augenblicklich hörten die Beine zu zappeln auf. »Honig?« fragte Asmodäus. »Das ist schön. Ich habe seit 365 Jahren nicht gefrühstückt.«

»Du kannst ihn essen« rief Michael, »Er gehört mir, und er macht helle Augen.«

Sie sahen, wie die Füße des Asmodäus zappelten und sich ein klein wenig von der Erde abhoben. Aber dann schien er endgültig festzustecken. Die große Zauberin gab Michael einen Wink. »Lauf schnell, Kind, und geh in die Höhle des Königs Salomo, ehe Asmodäus wieder hier unten ist.« –

 

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