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Michael und das Buch

Josef Kastein: Michael und das Buch - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJosef Kastein
titleMichael und das Buch
publisherLeo Baeck Institute
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20190320
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V.

Michael stand wieder vor der Höhle. Es war ein Glück für ihn, daß er keinen Spiegel bei sich hatte, denn sonst hätte er feststellen können, daß er ein sehr dummes Gesicht machte. »Da wäre ich also zum zweiten male hinausgeworfen« sagte er ärgerlich. »Jetzt bin ich genau so weit wie vorher. Wenn ich nur wüßte, wie ich weiter komme. Und vielleicht sind noch die Füchse und die Schakale in der Nähe.«

Er kletterte auf den Felsen über der Höhle und sah sich um. Soweit der Blick reichte, waren nur Steine und niedrige Bäume zu sehen. Er setzte aufatmend seinen Honigtopf nieder. Dabei rann ein wenig über den Rand. Er wischte es sorgfältig mit dem Finger ab und steckte den Finger in den Mund. Und mit einem male veränderte sich die ganze Landschaft. Er sah jede Einzelheit so deutlich, als stände sie unmittelbar vor seinen Augen. Er sah jede Eidechse, die sich auf einem Stein sonnte. Er sah jeden Käfer, der ein Blatt hinaufkroch, und ganz ganz weit am Horizont sah er das Rudel der Füchse ärgerlich und bellend hinter den Schakalen herrennen, die jetzt nicht nur hungrig waren, sondern auch einen Rekord im Schnell-Laufen aufstellen mußten.

Da lachte Michael. Es war keine Gefahr mehr in der Nähe. Aber er hielt sich schnell die Hand vor den Mund. Vielleicht hörte ihn Simson, und dann würde er meinen, daß er sich wieder über ihn lustig machte. Michael faßte einen Entschluß. Er sprang wieder den Felsen hinunter und ging an den Eingang der Höhle heran. »Simson« rief er mit lauter Stimme. »Ich danke dir schön für den Honig. Er macht wirklich helle Augen.«

Aus der Höhle kam keine Antwort, aber Michael war überzeugt, daß Simson ihn gehört hatte, und beruhigt stieg er wieder den Felsen hinauf. Auf dem Honigtopf hatte sich inzwischen eine große, goldgelbe Biene niedergelassen, und als sie ihn sah, wollte sie davonfliegen. Aber Michael sagte: »Laß dich nicht stören. Guten Appetit. Es ist für uns beide noch genug darin.«

Die Biene sah ihn mit ihren großen Spiegelaugen an und sagte: »Wenn du erlaubst, nehme ich mir noch etwas Vorrat für die Reise mit. Ich habe nämlich einen sehr langen Weg vor mir, und unterwegs gibt es sehr wenig Blüten in dieser Jahreszeit.«

»Darf ich fragen, wohin die Reise geht?« erkundigte sich Michael.

»Das ist kein Geheimnis« erwiderte die Biene. »Unsere Königin da unten in der Höhle ist nämlich schon recht alt. Sie ist in letzter Zeit fett und träge geworden, und des nachts schnarcht sie so, daß die Arbeitsbienen nicht richtig ausschlafen können. Und so haben wir beschlossen, uns eine neue Königin zu holen. Und es gibt nur einen Ort in der Welt, wo so vornehme Bienen wie wir eine passende Königin finden können: im Garten Eden.« Genesis 2:8. Und Gott, der HERR, pflanzte einen Garten in Eden im Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte.

Michael hätte beinahe vor Überraschung den Topf fallen lassen. »Aber das ist ja ausgezeichnet!« rief er. »Ich will nämlich auch dorthin. Ich habe etwas dringendes mit der Schlange zu besprechen, die damals mit Adam und Eva dort gewesen ist. Genesis 3:1. Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Glaubst du, daß sie überhaupt noch lebt?«

»Ich bin sicher« antwortete die Biene. »Unsere letzte Königin hat uns noch von ihr erzählt. Wir könnten eigentlich zusammen reisen. Was meinst du?«

»Herzlich gerne. Aber ich fürchte, ich werde zu langsam für dich sein. Du fliegst, und ich muß den Honigtopf tragen und langsam gehen.«

»Das tut nichts« erwiderte die Biene. »Es gibt ein sehr einfaches Mittel, daß wir beide zusammen reisen, und zwar sehr schnell. Man muß nur den Westwind ein wenig ärgern.«

Michael sperrte die Augen auf. »Was heißt das: den Westwind ärgern?«

»Das wirst du bald sehen« lachte die Biene, »Komm, wir wollen uns da hinten an den Kreuzweg stellen. Da muß er vorbei kommen. Und dann laß mich nur machen und red mir nicht darein, verstanden?«

Sie setzten sich an den Kreuzweg im Schatten einer kleinen Eiche, und siehe da: nach kurzer Zeit kam der Westwind daher gegangen. Er war ein steifer, hagerer Bursche, und seine Kleider waren noch feucht, denn er war über das Meer gekommen. Er bewegte sich sehr unregelmäßig. Einmal sprang er ein par Schritte laut blasend vorwärts, dann blieb er stehen und hielt den Atem an, dann drehte er sich langsam um und blies ein wenig nach rückwärts, so, als ob er nur sein Spiel treibe.

Die Biene saß auf Michaels Schulter, und als der Westwind nahe heran war, sagte sie so laut daß er es hören mußte: »Stell dir vor, Michael: er behauptet, er sei ein Westwind und ginge nach Osten. Dabei ist er ein Ostwind und geht nach Westen.«

»Hui hui!« rief der Westwind, »sprechen Sie etwa von mir?«

Die Biene tat, als habe sie nichts gehört. Sie wischte sich sehr vornehm die Hinterbeine ab und fuhr fort: »Er weiß nämlich nicht genau, wohin er eigentlich will. Jeden Mittag schauen die Leute zur Türe hinaus und sagen: O wenn doch etwas kühler Westwind käme, und dann stellt sich heraus, daß er ein Ostwind ist.«

Jetzt wurde der Westwind ganz böse: »Sie meinen doch mich, nicht wahr?«

Die Biene sah mit unschuldigen Augen auf, als hätte sie ihn eben erst entdeckt. »Ach verzeihen Sie« sagte sie höflich. »Ich wußte garnicht, daß Sie in der Nähe sind. Wie geht es Ihnen? Habe Sie lange nicht gesehen. Sie wollen wohl nach dem Westen, nicht wahr?«

»Nein« heulte der Wind. »Ich komme vom Westen. Ich will nach dem Osten!«

»Ach, Sie spaßen nur« lächelte die Biene. »Sie kommen doch vom Osten. Ich habe eben ganz deutlich Ihren Rücken gesehen.«

»Ich werde es Ihnen beweisen!« rief der Wind, und machte sich daran, fortzurennen.

»Oho« sagte die Biene, »daß Sie weglaufen, ist noch garkein Beweis. Denn wie kann ich wissen, was Sie hinter dem nächsten Felsen tun? Wenn Sie wirklich etwas beweisen wollen, dann nehmen Sie diesen kleinen Knaben hier auf die Schulter und tragen ihn ein Stück nach Osten. Dann will ich Ihnen glauben und aller Welt erzählen, daß Sie ein richtiger Westwind sind.«

»Einverstanden! Einverstanden!« rief der Westwind. »Ich werde Ihnen schon beweisen, wer ich bin und was ich bin und woher ich komme und wohin ich gehe. Kommen Sie, junger Mann. Setzen Sie sich auf meine Schulter. Keine Angst. Ich fliege schnurgerade. Sie brauchen mir nur zu sagen, wann Sie genug haben.«

Mit einem Satz hockte Michael sich auf die Schulter des Westwindes, und die Biene hockte sich auf Michaels Schulter unter seinen Kragen, damit sie nicht davon geweht würde, und hui hui ging es nach dem Osten, daß alle Büsche und Bäume erschreckt den Kopf auf die Erde drückten und der Staub entsetzt in großen Wolken davonlief. Michael verging bei dieser Fahrt Hören und Sehen. Hätte er nicht seinen Honigtopf vor das Gesicht gedrückt, er hätte keine Luft mehr bekommen. Ein par Minuten lang ertrug er es, und er wollte gerade darum betteln, daß der Wind ihn wieder auf die Erde setze, als er ein herrliches Tal mit einem wunderbaren Garten erblickte. Vier große Ströme gingen davon aus Genesis 2:10. Und ein Strom geht von Eden aus, den Garten zu bewässern; und von dort aus teilt er sich und wird zu vier Armen. und blitzten in der Mittagssonne. Das mußte der Garten Eden sein. Und schon hörte er auch die Biene rufen: »Jawohl, Herr Westwind, Sie haben Recht. Sie sind wirklich kein Ostwind. Ich werde es allen Leuten ausrichten.«

Der Westwind grinste zufrieden. »Na also. Das freut mich, daß Sie endlich zur Vernunft kommen. Jetzt werde ich Sie wieder dahin zurücktragen, woher Sie gekommen sind.«

Michael erschrak, denn nun war die ganze Reise vergebens gewesen. Aber die Biene rief: »Um Gotteswillen nicht! Dann wären Sie ja ein Ostwind!«

»Ach richtig« sagte der Westwind. »Daran habe ich garnicht gedacht. Dann müssen Sie schon hier aussteigen und auf den Ostwind warten.« Und mit einem freundlichen Fauchen blies er zufrieden davon.

Michael und die Biene winkten ihm nach, und als er ganz weit fort war, lachten sie aus vollem Halse, daß ihnen die List so gut geglückt war. Das war eine schnelle und billige Reise nach dem Garten Eden gewesen! Aber als Michael sich umdrehte, riß er enttäuscht die Augen auf. Der schöne Garten, den er aus der Luft her gesehen hatte, war verschwunden. Da war nur eine unendlich hohe, dichte Dornenhecke, die sich erstreckte, soweit das Auge reichte. »Wo ist der Garten Eden?« fragte er ganz bange.

»Da drüben jenseits der Dornenhecke« sagte die Biene, und plötzlich wurde sie ganz verlegen: »Ach, das habe ich vergessen, dir zu sagen: in den Garten Eden kommt man nur vom Himmel her hinein. Ich selber fliege immer ganz hoch, bis mich fast die Sonne versengt. Dann lasse ich mich an einem Sonnenstrahl mitten in den Garten hinunter. Aber wie du hineinkommst, habe ich mir garnicht überlegt.«

»O weh, was machen wir da?« fragte Michael. »Gibt es keinen Weg, der durch die Hecke hindurchführt?«

»Ich weiß es nicht« gestand die Biene. »Wenn der Storch da wäre, könnte man ihn fragen. Der kommt zuweilen in den Garten.«

»Was tut der Storch im Garten Eden?« fragte Michael verwundert.

»O, er hat dort wichtige Geschäfte. Du weißt doch, daß es auf der Welt zu jeder Zeit 36 Gerechte Talmud, Sanhedrin 97b. gibt, und wenn sie sterben, gehen ihre Seelen geradewegs in den Garten Eden. Und da der Storch so weit umher reist und alles hört und sieht, rufen sie ihn gelegentlich, daß er ihnen etwas von der Welt erzählt. Aber natürlich müßte es schon ein Zufall sein, wenn er jetzt käme.«

Sie sahen sich um. Aber da war weit und breit nichts von einem Storch zu sehen. »Wie wäre es« sagte Michael, »wenn ich etwas von meinem Honig äße? Vielleicht kann ich ihn dann sehen?«

Er nahm einen großen Löffel voll Honig aus dem Topf, und die Biene aß das, was am Rande hängen blieb, und dann hielten sie nach allen Seiten Ausschau. Lange Zeit sahen sie garnichts. Dann entdeckte Michael ganz in der Ferne, gerade über dem Jordan, ein schwarz-weiß geflecktes Etwas, das daher geflogen kam. »Das ist der Storch!« rief er. »Er kommt hierher geflogen!«

»Es ist der Storch« sagte die Biene. »Aber er kommt nicht hierher geflogen. Das sehe ich mit meinen Spiegelaugen besser als du. Er fliegt nach den Hule-Sümpfen hinauf. Wahrscheinlich will er gerade zu Mittag essen.«

»Wie schade« sagte Michael. »Könntest du ihn nicht rufen?«

»Ich will es versuchen« erwiderte die Biene. Sie schwang sich ganz hoch in die Luft, sog sich voll mit dem reinen Äther, der über dem Garten Eden liegt, ließ dann die Luft durch die kleinen Öffnungen an ihren Seiten ausströmen und schlug so schnell mit den Flügeln dagegen, daß man sie nicht mehr sehen konnte. Es entstand ein ganz hohes, silberfeines Summen, ein Ton, der wie ein hauchdünnes Glasröhrchen durch die Luft zog. Michael zweifelte, ob der Storch den Ton überhaupt hören könnte, aber nach ganz kurzer Zeit gewahrte er, wie der schwarz-weiße Fleck größer wurde und sich näherte. Mit mächtigen Flügelschlägen kam der Storch daher gebraust, und aus sehr großer Höhe ließ er sich plötzlich wie ein Stein herunter fallen. Er spreizte die langen Beine vor, bremste heftig mit den Flügeln, hüpfte noch zwei, drei mal auf und ab und stand dann unmittelbar vor Michael still.

Er schien sehr außer Atem zu sein, aber in Wirklichkeit schnaufte er vor Zorn. Er klapperte Michael heftig an. »Warum hast du so laut gepfiffen? Was fällt dir ein, mich kurz vor dem Mittagessen zu stören? Man hat sowieso schon Arbeit genug, seinen täglichen Frosch zu finden, denn diese neuen Menschen im Lande trocknen alle Sümpfe aus und nehmen unsereins die Nahrung. Ich werde dir schon beibringen, was Höflichkeit ist.«

Michael zog erschreckt die Mütze. »Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe überhaupt nicht gepfiffen ...«

Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick die Biene herunter gesurrt kam, denn sonst hätte der Storch ihn noch mit seinem langen Schnabel verprügelt. »Hum sum!« rief sie. »Reg dich nicht auf, Alter! Ich habe gepfiffen. Ich wollte dich sprechen.«

Der Storch war schon ein wenig besänftigt. Er brummte: »Aber so kurz vor dem Mittagessen!«

»Nun ja« sagte die Biene, »an wen soll ich mich denn wenden, wenn ich einmal einen wirklich weisen Rat brauche?«

Der Storch warf sich in die Brust. »Da hast du natürlich Recht. Also was willst du?«

Die Biene erzählte ihre Begegnung mit Michael und fragte: »Kannst du ihn nicht auf deine Flügel nehmen und über die Hecke in den Garten tragen?«

»Das darf ich nicht« sagte der Storch. »Ich darf nur in den Garten hinein, wenn ich bestellt bin. Aber im Augenblick scheinen die da drinnen nicht wissen zu wollen, was in der Welt vor sich geht.«

»Gibt es denn keinen Weg durch die Hecke?« fragte Michael, »Nicht irgend ein kleines Loch?«

»Das gibt es« lachte der Storch. »Aber die Sache ist nicht ungefährlich, denn die Dornen um den Garten Eden herum sind nicht einfache Dornen, wie sie überall wachsen. Sie sind lebendige Wesen, wie alles in diesem Garten. Sie können sehen und sprechen und fühlen und denken. Und sie sehen sich jedes Kind genau an, das hindurch will, und wenn sie dem Kinde ansehen, daß es gelogen hat, lassen sie es nicht hinein.«

Der Storch schwieg, die Biene schwieg, und auch Michael schwieg. Es war eine verlegene Pause des Schweigens. Michael starrte nachdenklich in seinen Honigtopf. Dann sagte er schüchtern: »Was machen sie mit den Kindern, die gelogen haben?«

»Sehr einfach« lachte der Storch. »Sie halten sie fest und kratzen sie so lange, bis sie davonlaufen und nie wieder kommen.«

»So so« sagte Michael und fühlte sich sehr unbehaglich. »Aber ... aber wenn ein Kind nur ... sagen wir: ein ganz klein wenig gelogen hat ...«

»Lüge ist Lüge« sagte der Storch.

Michael war dem Weinen nahe. »Aber wenn er eigentlich garnicht lügen wollte!« rief er, »und wenn es ihm leid tut ...«

Der Storch und die Biene blinzelten sich an. »Das ist etwas anderes« sagte der Storch. »Dann geht es vielleicht mit einem Kratzer ab. Also ich werde dir das Loch in der Hecke zeigen und bei den Dornen ein gutes Wort für dich einlegen, ich meine für den Fall, daß du ein klein wenig gelogen hast.«

Michael nickte heftig. Sie gingen die Hecke entlang und kamen bald an eine schmale Öffnung dicht über dem Boden. Es konnte gerade ein Kind hindurchkriechen. »Nun, geh nur voran« sagte der Storch ermunternd.

»Aber du wolltest doch vorher mit den Dornen sprechen« bat Michael ängstlich, »und du wolltest doch sagen, daß es mir leid tut ...«

Aber da packte ihn der Storch blitzschnell von rückwärts am Rockkragen, ruckte den Hals vor und stieß ihn eins zwei drei durch die Lücke hindurch, ehe die Dornen sich noch recht besinnen konnten, was geschah. Nur der letzte Dornenstrauch wachte noch rechtzeitig auf, schwang seine Arme und versetzte Michael einen langen Kratzer ... wohin, das sage ich euch nicht. Es genügt, wenn ihr wißt, daß Michael jetzt drinnen im Garten war, sich die schmerzende Stelle rieb und schnell, schnell zu laufen begann, um möglichst weit von den Dornen wegzukommen.

Aber er war nur wenige Schritte gelaufen, als er plötzlich merkte, daß seine Bewegungen sich verlangsamten, denn es klammerte sich etwas um seine Beine und hielt ihn fest. Es war der Tageswind, der im Garten Eden weht. Er sagte leise zu Michael: »Hier darf man nicht laufen. Hier gibt es keine Eile, weil es hier keine Zeit gibt. Hier geht man langsam einher.«

Michael nickte erstaunt und ging behutsam weiter. Aber er wäre auch wohl ohne die Warnung des Windes bald langsamer gegangen, denn es gab zu viel zu schauen und anzustaunen. Alles um ihn her war Farbe und Bewegung. Alle Bäume standen in voller Blüte und hatten doch gleichzeitig Frucht. Wenn sie reif waren, fielen sie in das Gras, und die Tiere kamen und aßen sie. Keines tat dem anderen etwas zuleide und keines fürchtete sich vor Michael. Im Gegenteil: sie lachten, als sie merkten, daß er sich vor ihnen fürchtete, besonders vor den großen Tieren, welche die Menschen Raubtiere nennen. Aber die Biene kam zu ihm herunter geflogen und summte ihm ins Ohr: »Tiere werden nur böse, wenn die Menschen zu ihnen böse sind. Da hier keine Menschen wohnen, ist hier noch Friede. Komm, ich werde dich jetzt zur Schlange geleiten.«

Sie gingen tief in den Garten hinein, da wo er am dichtesten war und die Bäume wie uralte Riesen standen, daß man die Gipfel nicht sehen konnte. Von dem dichten Laub war das Licht gedämpft. Man sah keine Sonne, sondern nur einen hellen Schimmer, der sich von goldenen Wänden zu spiegeln schien. Dann kamen sie an eine Stelle, auf der nur ein einziger Baum ganz für sich alleine stand. Sein Laub war dunkel und schwer, und jedes Blatt war ein Gesicht, und jedes Gesicht war hell und dunkel zugleich und hatte ein Auge, das ruhig schaute, und ein Auge, das böse schaute. Das war der Baum des Erkennens von Gut und Böse.

Unter dem Baum lag eine ungeheure Schlange. Sie hatte sich in vielen Windungen um den Stamm des Baumes geschlungen, sodaß es aussah, als wachse der Baum aus dem Körper der Schlange heraus. Ihr Kopf lag wie ein großer, rechteckiger Felsbrocken in den Blumen. Die Augen schauten geradeaus, schwarze, blanke, unruhige Augen. Michael fühlte ein Unbehagen, als er sie sah. Er hatte Angst, weiter zu gehen. Aber die Biene sprach ihm Mut zu. »Du vergißt, daß du im Garten Eden bist. Hier kann keiner einem anderen ein Leid antun. Geh nur zu ihr und sprich mit ihr.«

Michael raffte sich zusammen. Er setzte seinen Honigtopf nieder, grüßte höflich und sagte: »Ich komme von weit her, um dir eine Geschichte zu erzählen und einen Rat von dir zu erbitten.«

Die Schlange sah ihn nicht an. Sie hatte den Kopf ein wenig zu dem Honigtopf hin geschoben und zog begierig den süßen Duft ein. Ein listiges Blinzeln kam in ihre Augen. Sie lächelte freundlich. »Setz dich nieder und erzähl mir. Nein, nicht dorthin. Da kann ich dich nicht gut sehen. Setz dich weiter nach links.«

Michael nahm den Honigtopf auf und setzte sich an die Stelle, die die Schlange ihm bezeichnet hatte. Aber da begann die Schlange böse zu zischen. »Warum schleppst du diesen alten Topf mit dir herum? Meinst du etwa, ich werde ihn dir wegnehmen?«

»O keineswegs« sagte Michael ängstlich. »Meine Mutter hat mich gelehrt ich sollte keine Sachen herum stehen lassen. Nur darum ...«

Die Biene kicherte hell. »Ein kluger Junge!« sagte sie; aber die Schlange warf ihr nur einen bösen Blick zu. Dann wandte sie sich wieder freundlich an Michael. »Ist schon gut. Erzähle jetzt deine Geschichte.«

Michael erzählte alles, was geschehen war und was ihr schon wißt. Die Schlange hörte sehr aufmerksam zu. Als er geendet hatte, fragte sie: »Womit soll ich dir nun helfen, Michael?«

»Wenn du die Freundlichkeit haben wolltest, mir den Weg zu dem Ort zu zeigen, wo Adam und Eva wohnen, dann wäre ich sehr froh.«

Die Schlange nickte bedächtig vor sich hin, als wollte sie sagen, daß das wohl zu machen sei. In Wirklichkeit dachte sie an etwas ganz anderes. »Wie gut« dachte sie bei sich, »daß er ein so kleiner dummer Mensch ist, denn sonst müßte er wissen, daß ich mit Adam und Eva in ewiger Feindschaft lebe und daß ich keine Ahnung habe, wohin sie gegangen sind und wo sie sich aufhalten.«

Aber von alle dem sagte sie Michael nichts. Sie nickte bedächtig. »Das will wohl überlegt sein. Laß mich einen Augenblick nachdenken. Ruh dich inzwischen von deiner langen Reise aus und iß diese Frucht. Sie wird dich wunderbar für deinen weiteren Weg stärken.«

Sie hielt ihm eine Frucht entgegen. Sie hatte ein Aussehen, wie Michael es noch bei keiner Frucht gefunden hatte. Sie schillerte in allen Farben, und wenn man sie drehte, drehten sich alle Farben mit. Ein süßer und zugleich herber Duft ging von ihr aus. Die Form und die Farbe und der Duft waren so fremd, daß Michael zögerte, sie zu nehmen.

»Nimm sie nur hin« sagte die Schlange. »Es wird dir nichts böses geschehen. Ich schwöre es dir.«

Michael nahm sie in die Hand. Aber da überkam ihn eine merkwürdige Unruhe. »Darf ich sie mir für später aufsparen?« sagte er. »Ich habe jetzt garkeinen Hunger.«

Die Schlange antwortete nicht. Sie sah ihn nur starr mit den blanken, bösen Augen an. Sie ließ ihren Blick nicht eine Sekunde von ihm ab. Sie sah ihm immer starr in die Augen, und von ihrem Blick ging eine Kraft aus, die Michael langsam, langsam gefangen nahm und ihn lähmte. Er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Der Blick hielt ihn fest wie mit Zangen. Er fühlte, daß er seinen Arm aufhob, und wollte es doch garnicht. Er sah, daß er die bunte Frucht seinem Munde näherte, und wollte sie doch garnicht essen. Die Biene summte erregt um seinen Kopf herum. »Iß von dem Honig!« flüsterte sie. Aber Michael konnte nicht einmal den Kopf wenden, geschweige denn nach dem Honigtopf greifen. Er war der Sklave der Schlange geworden und gehorchte ihren stummen Befehlen. Er führte die Frucht an die Lippen.

In dem Augenblick schwang sich die Biene durch die Luft gegen den Baumstamm hin und stach der Schlange mit aller Kraft in den Schwanz. Sie zuckte zusammen und wandte erschreckt den Kopf. Und damit war der Zauber ihres bösen Blicks gebrochen. Mit einer raschen Bewegung griff Michael in den Honigtopf hinein und aß ein wenig davon. Da wurden seine Augen hell. Er sah die Frucht an, und siehe da: mitten in der Frucht war ein großer, grau-schwarzer Wurm. Schon wollte Michael die Frucht angewidert zu Boden werfen, als er den Wurm flüstern hörte: »Wirf die Frucht nicht weg. Ich bin kein gewöhnlicher Wurm. Rette mich, dann werde ich auch dich retten.«

»Was soll ich tun?« fragte Michael leise.

»Vor allem schau die Schlange nicht an. Schließ die Augen und ich werde dir die Richtung sagen. Und vergiß den Honigtopf nicht.«

Michael tat, wie der Wurm ihm gesagt hatte. Er hörte die Schlange dicht vor seinem Ohre zischen. »Aber lieber Michael, willst du mir denn nicht auf Wiedersehen sagen?«

Michael kniff die Augen zusammen. »Auf Wiedersehen und schönen Dank.«

»Schau her, ich gebe dir ein schönes Abschiedsgeschenk« schmeichelte die Schlange. Aber der Wurm raunte: »Geh weiter, geh weiter! Sonst ist es um dich geschehen. Diesesmal wird die Biene dir nicht helfen können.«

Michael stolperte mit geschlossenen Augen weiter. Der Wurm trieb ihn zur Eile an. »Geh nur immer gerade aus. Du wirst nirgends anstoßen, denn alle Tiere und Pflanzen werden dir ausweichen.« Und so war es auch. Erst als sie eine ganze Strecke vom Baum des Erkennens fort waren, durfte Michael die Augen öffnen.

»Jetzt zerbrich die Frucht und laß mich heraus« befahl der Wurm.

Michael zerbrach die Frucht. Der Wurm fiel in das Gras. Da lag er und dehnte sich gemächlich. »Jetzt sind wir in Sicherheit« sagte er.

»Die Biene auch?« fragte Michael besorgt.

»Sei nicht traurig« sagte der Wurm, »aber die Biene ist tot. Denn sie hat die Schlange gestochen, und im Garten Eden darf niemand einem anderen ein Leid antun.«

»Aber die Schlange wollte mir doch etwas zu Leide tun, und die Biene hat mich nur verteidigt« rief Michael empört.

»Das ist nicht ganz richtig« sagte der Wurm. »Sie hätte dich nur dazu verführt, die Frucht zu essen ... und dann hättest du mich getötet. Denn das war es, was sie wollte. Ich werde dir erzählen, wie alles gekommen ist. Ich sagte dir schon: ich bin kein gewöhnlicher Wurm. Ich bin der Wurm Shamir. Das Wort bedeutet »Dorn« oder »diamant-hart«. Im Aggadoth ist er ein sagenhafter Wurm, der von König Salomo zum Spalten der Steine für den Tempel benutzt wurde. Ich bin schon in den ersten Tagen der Schöpfung geschaffen worden, am selben Tage, an dem auch die Schlange geschaffen wurde. Damals ging sie noch aufrecht, und sie rühmte sich dessen. Dann, als sie die Menschen ins Unglück gestürzt hatte, verdroß es sie, daß sie so kriechen mußte wie ich. Und es verdroß sie noch mehr, als der König Salomo mich eines Tages bat, ihm beim Bau des Tempels zu helfen.«

Michael hätte beinahe gelacht. »Du hast beim Tempelbau geholfen? Bei den großen, schweren Steinen?«

»Ja« sagte der Shamir bescheiden. »Ich habe die Eigenschaft, Felsen zu spalten, und du weißt: über den Steinen des Tempels darf kein Eisen geschwungen werden. Exodus 20:25. Wenn du mir aber einen Altar aus Steinen machst, dann darfst du sie nicht als behauene Steine aufbauen, denn du hättest deinen Meißel darüber geschwungen und ihn entweiht. Und als ich zu dieser Arbeit berufen wurde, verdroß es die Schlange noch mehr. Sie schlich sich zum Steinplatz hin und versteckte sich unter einen unbehauenen Stein, denn sie wollte mit in den Tempel hinein kommen und dort wieder die Menschen verführen. Und als ich den Stein spaltete, ging der Riß sehr tief und spaltete auch die Haut der Schlange mit. Seitdem spaltet sich bei allen Schlangen alljährlich die Haut, und sie müssen sie abwerfen. Und seitdem haßt mich die Schlange.«

»Aber wenn sie dich haßt« sagte Michael erstaunt, »warum bist du dann wieder in den Garten Eden gegangen?«

Der Shamir erwiderte: »Als der Tempel zerstört wurde, hatte ich keinen anderen Platz mehr auf der Welt. Da mußte ich wieder in den Garten gehen. Die Schlange war sehr freundlich zu mir und sagte, sie habe allen alten Haß vergessen. Und sie bot mir an, mir ein Haus zu geben und mir ein Lager zu machen, auf dem ich weich und behaglich liegen könnte. Und sie gab mir die Frucht da. Aber kaum war ich drinnen, als sie den Ausgang mit einem schwarzen Siegel verschloß, und ich war gefangen.«

»Aber wenn du Felsen spalten kannst, warum nicht auch Früchte?« ereiferte sich Michael.

Der Shamir lächelte: »Weil ich nur Sprödes spalten kann, aber nicht Weiches. Das wußte die Schlange, und das sollte mir zum Verderben werden. Sie selber durfte mir kein Leid antun, aber sie hoffte, daß du es unbewußt tun würdest.«

Michael war sehr erleichtert. »Wie gut, daß ich dich noch im letzten Augenblick gesehen habe. Aber ...« er wurde sehr nachdenklich: »Aber jetzt bin ich eigentlich so weit wie zuvor.«

»Nicht ganz« sagte der Shamir. »Ich habe alles gehört, was du der Schlange erzählt hast, und da du mir geholfen hast, will ich dir helfen.«

»Du willst mich zu Adam und Eva bringen?« freute sich Michael.

Der Shamir schüttelte den Kopf. »Dahin kann ich dich nicht bringen. Die Beiden leben auf einem Acker und ich kann nichts Weiches spalten. Aber ich werde dich an einen anderen Ort bringen, wo du vieles erfahren kannst: nach En-Dor, wo die große Zauberin wohnt. 1. Samuel 28:7. Da sagte Saul zu seinen Knechten: Sucht mir eine Frau, die Tote beschwören kann, damit ich zu ihr gehe und sie befrage! Und seine Knechte sagten zu ihm: Siehe, in En-Dor ist eine Frau, die Tote beschwören kann. Leg mich auf ein Stück Felsen und stell dich neben mich.«

Michael gehorchte, obgleich ihn das neue Abenteuer erschreckte. Aber er hatte eine Aufgabe übernommen und hatte sie noch nicht beendet. So trug er den Shamir zu einer großen Felsenplatte, legte ihn auf den Boden und stellte sich daneben. Eine ganze Weile war Stille. Dann zog ein dünnes, scharfes Knacken durch den Fels. Ein schmaler Riß war entstanden. Er wurde zu einem Spalt, der sich mit jeder Sekunde erweiterte. Michael sank langsam hinein, tiefer, immer tiefer, wie durch einen unendlichen Berg. –

 

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