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Michael und das Buch

Josef Kastein: Michael und das Buch - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJosef Kastein
titleMichael und das Buch
publisherLeo Baeck Institute
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20190320
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IV.

Da lag nun Michael auf dem weißen Sand, der noch ganz feucht war von der gewaltigen Welle. Er tastete vorsichtig seine Glieder ab. Sie waren alle heil, obgleich ihm ein bestimmter Teil seines Körpers heftig weh tat.

Er sah sich um. Da war das Meer, da war der weiße Strand, und dicht hinter ihm stieg das Land mit Felsen und Bäumen auf. Er hatte diese Gegend nie gesehen. Wenn ihm nur jemand hätte sagen können, wo er sich befand! Und wie er wieder nach Hause kommen könnte! Denn er hatte plötzlich den heftigen Wunsch, wieder bei seiner Mutter zu sein, und es läßt sich nicht leugnen, daß er Heimweh hatte.

Aber das dauerte nicht lange. Ehe noch die erste Träne richtig zu rollen begann, dachte er wieder daran, welche große Aufgabe er übernommen hatte, und er wäre ein Schwächling gewesen, wenn er sich von diesem ersten kleinen Unfall hätte stören lassen. Er mußte jetzt in Ruhe darüber nachdenken, was weiter geschehen sollte. Aber hier am Strand schien ihm die Sonne zu heiß auf den Kopf. Er wollte sich weiter oben in den Schatten setzen.

Er humpelte mühsam den Strand hinauf. Da sah er einen großen Charubenbaum, der mit seiner breiten Krone reichen Schatten gab, und dicht dahinter sah er die Öffnung einer Höhle, die in den Felsen hineinführte. »Da ist es still und schattig« dachte Michael. »Da werde ich ausruhen und nachdenken.«

Kaum war er in den Schatten des Charubenbaumes getreten, als sich plötzlich rings um ihn her ein grauenhaftes Jammern und Jaulen und Schreien erhob. Es klang, als ob Menschen in Todesangst und Verzweiflung schrien. Und es tönte von allen Seiten her, sodaß er stehen blieb und ihm vor Schrecken die Knie zitterten. Und dann kamen aus den Schatten und hinter den Felsen und Bäumen her Schakale angekrochen, viele räudige, zerzauste, schleichende, häßliche Schakale. Sie heulten vor Wut und winselten doch zugleich vor Angst. Sie klemmten feige den Schwanz zwischen die Beine, und doch war das Haar auf dem Nacken böse aufgerichtet. Sie rückten unaufhaltsam gegen Michael vor, in einem großen Kreis, der immer enger wurde, bis sie ihn endlich unter dem Charubenbaum vollkommen eingekreist und gefangen hatten.

»Er ist es gewesen! Er ist es gewesen!« zeterten viele Stimmen gleichzeitig, und sie rückten mit offenen Mäulern und blanken Zähnen näher.

»Was habe ich denn getan?« zitterte Michael.

»Du hast die große Überschwemmung gebracht. Du hast das Wasser in unsere Höhlen laufen lassen. Du bist Schuld daran, daß unsere Kleinen ertrunken sind!«

»Ich kann nichts dafür!« rief Michael. »Ich bin selbst auf der Welle an den Strand geworfen worden. Ich bin ein Schiffbrüchiger!«

Aber sie heulten und jaulten im Chor: »Ihr Menschen habt immer eine Ausrede! Ihr wollt uns ausrotten. Ihr habt uns immer gehaßt. Wir müssen von Abfällen leben, und wir dürfen uns nur in der Nacht aus unseren Höhlen wagen. Jetzt haben wir endlich einen von euch erwischt, und an dir werden wir Rache nehmen.«

Michael sah keinen anderen Ausweg als schnell auf den Baum zu klettern. Aber kaum hatte er den ersten Ast ergriffen, als er krachend abbrach und zusammen mit Michael auf den Boden flog. Die Schakale heulten vor Freude.

Der Anführer sprang mit einem Satz gegen Michael an. Aber jetzt hatte Michael eine Waffe in der Hand. Die Angst machte ihm Mut. Er stellte sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm und schlug im Kreise um sich. Aber das nützte nur eine zeitlang, denn wenn die Schakale auch einzeln feige sind, haben sie doch Mut, wenn sie in Haufen sind. Schon tauchten hinter dem Stamm in seinem Rücken offene Mäuler mit blanken Zähnen auf, die nach seinen Beinen schnappten. Er half sich, indem er nach rechts und links trat. Aber dann wurden ihm die Arme und die Beine müde. Seine Bewegungen wurden immer schwächer. Die scharfen Gebisse rückten immer näher heran. Und da mit einem male ...

Und da mit einem male wichen die Schakale zurück. Ihre Gesichter wurden wieder feige. Sie klemmten die Schwänze ein und winselten leise. Zwar gaben sie die Belagerung noch nicht auf, aber sie griffen doch nicht mehr an. Sie schauten alle furchtsam und geduckt nach dem Felsen hinauf, der sich hinter dem Baum erhob. Michael wagte es ebenfalls, einen verstohlenen Blick dahin zu werfen. Da sah er zu seinem Erstaunen, daß sich oben auf dem Felsen eine Gruppe von Füchsen versammelt hatte. Sie äugten alle zu ihm hin. Dann kamen sie einer nach dem anderen den Felsen herabgesprungen und näherte sich dem Charubenbaum.

Voran ging ein alter, ehrwürdiger Fuchs. Er war so alt, daß in seinem roten, buschigen Schweif schon graue Haare waren. Er warf den Schakalen einen Blick tiefster Verachtung zu. »Zurück, ihr Dreckfresser!« fauchte er, und die Schakale zogen sich scheu und ehrfürchtig in einem weiten Kreis zurück. Aber sie blieben mit gierigen Augen und offenen Mäulern da sitzen. Sie hätten gerne weiter gejault und gejammert, aber sie wagten es nicht angesichts der vornehmen Füchse, die sich jetzt in einem Halbkreis um den Charubenbaum herum setzten. Michael schöpfte wieder Mut, da er sah, daß ihm im Augenblick nichts geschah.

Aber er mußte sehr bald einsehen, daß er nur vom Regen in die Traufe gekommen war. Nachdem alle Füchse sich in den Halbkreis gesetzt hatten, die Schwänze um die Vorderpfoten geschlagen, als ob sie sich da für die Ewigkeit hinsetzen wollten, sagte der alte Fuchs mit vornehm lispelnder Stimme: »Ich eröffne die Gerichtssitzung. Bitte, der Herr Ankläger.«

Ein hagerer Fuchs mit ganz langer, spitzer Schnauze und einem leicht angesengten Schurrbart fuhr mit der Vorderpfote in den Pelz und zog eine alte Brille hervor, die keine Gläser mehr hatte, und setzte sie sich auf. Seine listigen Augen schielten aus dem leeren Gestell heraus. Er meckerte mit scharfer Stimme: »Herr Angeklagter, wollen Sie uns Ihren Namen sagen?«

Michael dachte angestrengt nach. Wenn er schon vor ein Gericht gestellt werden sollte, dann wollte er wenigstens nicht dümmer sein als die Füchse, von denen man ihm in der Schule gesagt hatte, daß sie sehr listig seien. Auf keinen Fall wollte er seinen richtigen Namen sagen. Im Gegenteil: er wollte sie einschüchtern mit einem großen und bedeutenden Namen. Wie wäre es, wenn er Bar Kochba sagte? Aber den stellte er sich immer mit einem langen Schwert vor, und da er nur einen abgebrochenen Ast in der Hand hatte, schien ihm der Name zu groß.

Da fauchte der Ankläger los: »Sie scheinen sich zu fürchten, Angeklagter! Wollen Sie uns jetzt Ihren Namen sagen oder nicht?«

Michael haßte diesen spitzschnäuzigen Kerl mit den Brillenrändern. Er trat unwillkürlich einen halben Schritt vor, schwang seinen Ast und sagte stolz: »Ich habe garkeinen Grund, mich zu fürchten, Herr Spitznase. Ich hoffe, Sie sehen mich richtig, obgleich in Ihrer Brille die Gläser fehlen. Mein Name ist nämlich Simson Richter 13:24. Und die Frau gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Simson. der Zweite.«

Eine ungewöhnliche Aufregung bemächtigte sich der Füchse. Ihre Haare sträubten sich und es erhob sich ein mächtiges Wedeln mit den Schwänzen. Michael dachte schon, er hätte sie mit dem Namen eingeschüchtert. Da nickte der alte Fuchs bedächtig mit dem Kopfe: »Das habe ich mir in meiner Weisheit gedacht! Fahren Sie fort, Herr Ankläger.«

Der Ankläger meckerte vor Vergnügen. »Also Sie geben zu, daß Sie Simson heißen. Wollen Sie uns bitte sagen, was Sie hier zu suchen haben?«

Michael wurde trotzig. »Was geht Sie das an? Gehört das Land Ihnen? Sie sind hier überhaupt nur geduldet. Sie sind dafür bekannt, daß Sie Hühner morden und anderen Leuten die Weintrauben stehlen ...«

Die Füchse jaulten vor Wut und Haß, und die Schakale im Hintergrunde jaulten vor lauter Ergebenheit und Angst mit. Nur der alte Fuchs jaulte nicht. Er schwang nur seinen ergrauten Schwanz hin und her und sagte die geheimnisvollen Worte: »Ganz wie Dein Vater!«

Der Ankläger sagte mit vor Erregung zitternder Stimme: »Wollen Sie uns jetzt sagen, woher Sie kommen, oder nicht?«

Michael hielt es jetzt für das beste, die Wahrheit zu sagen. »Ich bin in einem Walfisch gereist und er hat mich hier ans Land gespien.« Jona 2:11. Und der HERR befahl dem Fisch, und er spie Jona auf das trockene Land aus.

Ein allgemeines Gelächter erhob sich. Dem Ankläger rutschte die Brille herunter. Der alte Fuchs hielt sich den Schwanz vors Gesicht, damit man nicht sah daß ein so ernster und weiser Fuchs wie er lachte. Und die Schakale lachten aus Höflichkeit mit, daß einem die Ohren gellten.

»Ausgezeichnet!« prustete der Ankläger. »Ans Land gespien! Wenn das keine Lüge ist, bin ich ein Kamel und kein echter Fuchs.«

»Das können Sie halten, wie Sie wollen« sagte Michael ärgerlich. »Jedenfalls bin ich hier, und damit Punktum.«

»Gut« sagte der Ankläger. »Dann möchte ich wissen, wohin Sie wollen.«

Das wußte Michael wirklich nicht. Er hätte sagen können: ich möchte sehr gerne nach Hause zu Mutter. Aber das hätte feige geklungen. Oder er hätte die ganze Geschichte von Shulamith und dem Hirten erzählen können. Aber das hätten die Füchse sicher nicht verstanden. Und so sagte er aufs Geratewohl: »Ich will da in die Höhle hinein.«

Wieder bemächtigte sich der Füchse eine ungeheure Aufregung. Sie wedelten mit den Schwänzen und konnten fast nicht auf ihren Plätzen bleiben. Selbst der alte Fuchs sprang auf und rief: »Da haben für es! Das habe ich mir in meiner Weisheit gedacht!«

Der Ankläger setzte seine Brille wieder auf. »Weiter habe ich nichts zu fragen« meckerte er. »Der Tatbestand ist vollkommen klar. Es kommt ein Mann zu uns, der Simson der Zweite heißt. Natürlich muß er der Zweite heißen, denn den Ersten kennen wir ja schon lange. Und wenn es einen ersten und einen zweiten Simson gibt, so muß der zweite doch der Sohn des ersten sein, nicht wahr?«

»Sehr richtig!« riefen alle Füchse.

»Ausgezeichnet!« jaulten die Schakale im Hintergrund.

Der Ankläger fuhr fort. »Wir haben also den Sohn des berüchtigten Räuberhauptmanns Simson vor uns, und wir alle wissen, daß wir mit diesem Simson noch eine alte Rechnung auszugleichen haben. Es ist für uns alle eine beschämende Erinnerung, daß dieser Simson einmal 300 unserer angesehensten Urahnen gefangen hat, denen er die Schwänze zusammenband und Fackeln hineinsteckte und sie in dieser schrecklichen Verfassung in die Weizenfelder der Philister jagte. Richter 15:4-5. Füchse Palästinas! Diese nationale Schande muß endlich aus unserem Volke ausgetilgt werden!«

Es erhob sich brausende Zustimmung, und es klang so viel Haß daraus, daß Michael doch wieder ängstlich wurde. Er rief: »Was für einen Unsinn reden Sie da? Wie soll ich der Sohn des Simson sein? Er wurde vor mehr als zweitausend Jahren geboren und ich vor 14 Jahren.«

Der Ankläger machte eine verächtliche Gebärde. »Das geht uns nichts an. Die Menschen leben sehr viel länger als die Füchse, so viel länger, daß wir es nicht nachrechnen können. Und sehen Sie weiter, meine Herren: hat er nicht offen zugegeben, daß er da in die Höhle hinein will, in die Höhle seines Vaters Simson?«

»Jawohl jawohl« schrien alle Füchse im Chor. Aber Michael horchte auf. Die Füchse waren also doch nicht so schlau, wie man dachte. Jedenfalls hatten sie ihm jetzt verraten, daß er sich vor der Höhle des Simson befand, und dieser Gedanke gab ihm Mut. Er war überzeugt, daß irgend etwas geschehen würde, um ihn zu retten. Inzwischen horchte er auf das, was der Ankläger weiter zu sagen hatte. »Um es kurz zu machen, meine Herren: der Sohn des Simson ist gekommen, um seinen Vater zu besuchen. Genau wie sein Vater benimmt er sich wie ein ganz gemeiner Räuber, und als erstes wirft er so viel Wasser auf den Strand, daß unseren armen Polizisten, den Schakalen, die Jungen ersaufen.«

Die Schakale erhoben ein großes Weinen, aber der Ankläger winkte nur mit dem Schwanze, und da schwiegen sie. »Meine Herren, wir haben endlich Gelegenheit, den schwarzen Flecken aus unserer Vergangenheit auszuwischen. Ich beantrage die Todesstrafe gegen Simson den Zweiten. Ich beantrage ferner, unsere Polizisten mit der sofortigen Exekution zu beauftragen.«

Der Lärm, der sich erhob, war riesenhaft. Aber Michael achtete nicht mehr darauf. Er horchte auf eine andere, ganz feine Stimme, die plötzlich hörbar wurde. Sie kam aus seiner Rocktasche, wo irgend etwas gegen seinen Körper schlug, und jedesmal war es wie ein kleiner elektrischer Schlag. »Hör zu, hör zu, Michael!« flüsterte es aus seiner Tasche. »Ich habe dir etwas zu sagen!«

Michael griff in seine Tasche und fand da zu seiner Überraschung einen Fisch, einen von jenen, die ihm die Königsfischer als Proviant für den Weg gefangen hatten. »Ich möchte wieder ins Meer zurück« flüsterte der Fisch. »Ich werde dir dafür einen Rat geben, der dich retten wird. Horch genau hin.«

Michael ließ den Kopf tief sinken, als sei er sehr traurig und bedrückt. Aber in Wirklichkeit lauschte er sehr aufmerksam auf das, was der Fisch ihm erzählte. Es leuchtete ihm sehr ein, aber er hatte doch noch ein Bedenken. »Aber dann werden dich doch die Schakale fressen, ehe du im Wasser bist« sagte er.

»Keine Angst« antwortete der Fisch. »Ich bin nämlich ein Wels, und ich kann sehr starke elektrische Schläge austeilen. Soll ich es mal versuchen, nur so zur Probe?« Und plötzlich fühlte Michael einen elektrischen Schlag, daß er beinahe in die Knie sank.

Die Füchse hatten es gesehen und lachten. »Jetzt bricht der mutige Held Simson zusammen!« höhnten sie. »Auf, laßt uns auf den Felsen steigen, damit wir bequem zuschauen können, wie der Sohn des großen Räubers stirbt.« Und mit Lärm und Geschrei kletterten sie alle den Felsen hinauf und kauerten gerade oberhalb des Eingangs der Höhle.

Kaum hatten sie sich entfernt, als die Schakale näher rückten. Jetzt hatten sie Mut, denn jetzt wußten sie, daß ihre Meister und Herren, die Füchse, sie nicht mehr vertreiben würden. Aber die alte Angst, die ihnen im Blute lag, brachte sie doch zum Jammern und Jaulen. Da rief Michael: »Halt, ich will euch einen Vorschlag machen!«

Sie blieben mit offenen Mäulern stehen. Michael sagte: »Ich sehe unter euch große und kleine Polizisten, schwache und starke. Wenn ihr mich jetzt auffressen wollt, werden die Starken die Schwachen und die Jungen die Alten vertreiben, und es wird nur Streit und Zank unter euch geben. Einige werden satt werden und andere werden hungrig bleiben.«

»Sehr richtig!« riefen alle Alten und Schwachen, »wir müssen immer zuschauen, wenn die Starken fressen!« Und sie jammerten, als hätten sie drei Tage gefastet.

»Da ich doch sterben muß« rief Michael, »werde ich euch einen Vorschlag machen. Seht her: ich habe hier einen Fisch in der Hand. Ich werde den Fisch unter euch werfen, und wer ihn zuerst packt, der darf mich auch zuerst angreifen.«

Er hielt den Fisch hoch in der Hand, und als die Schakale den silbrigen, vor Leben zappelnden Fisch sahen, lief ihnen das Wasser im Munde zusammen. Sie dachten garnicht mehr darüber nach, ob der Vorschlag gut sei oder nicht. Sie sahen in ihrer Gier und ihrem Hunger nur, daß es wieder einmal etwas zu essen gab, und an mehr als Essen denken Schakale überhaupt nicht. Alle Blicke hingen an dem Fisch und Michael war beinahe vergessen. Er holte mit einem großen Schwung aus und warf den Fisch auf den Strand hinunter, beinahe bis an den Rand des Wassers. Sofort stürzte sich das ganze Rudel in einem wilden Knäul auf den Fisch. Aber als der erste ihn kaum mit seiner Schnauze berührt hatte, schlug ihm der Fisch mit seinem Schwanz auf die Nase, und er sprang heulend vor Schmerz zurück. Einem zweiten, der es versuchte, ging es nicht besser. Der Fisch zappelte und zuckte und teilte seine Schläge aus, und mit jedem Schlag schnellte er ein Stück näher an das Wasser heran. Michael schrie: »Faßt ihn! Faßt ihn! Fürchtet euch doch nicht vor einem Fisch!« Und wie alle Schakale sich in einem dichten Rudel noch einmal auf den Fisch stürzten, drehte er sich blitzschnell um und lief in großen Sprüngen auf die Höhle zu.

»Haltet ihn! Haltet ihn!« schrie der alte Fuchs. »Ihr Idioten! Ihr Schakalsgehirne! Daß ihr euch von einem Menschen überlisten laßt!« Er sprang mit allen seinen Füchsen vom Felsen herunter und auf die Höhle zu, um ihm den Weg abzuschneiden. Aber es war zu spät. Michael war schon drinnen. Er warf noch einen Blick nach draußen und sah gerade noch, wie der Wels mit einem schillernden Sprung ins Wasser klatschte, wie alle Schakale enttäuscht und mit hängenden Zungen dastanden und wie die Füchse mit bösen Augen gegen die Höhle stürmten. Dann schob sich ein Stein, der dicht neben dem Eingang gelegen hatte, plötzlich ganz von selber vor die Öffnung und schloß sie ab.

Michael atmete tief auf. Er war für den Augenblick gerettet. »Aber was nun?« sagte er laut vor sich hin. Da dröhnte plötzlich aus der Tiefe der Höhle ein Lachen, so breit und gewaltig, daß die steinernen Wände bebten, und eine mächtige Stimme fragte aus dem Dunkel: »Ja, was nun, mein Herr Nachfolger?«

Michael stand zitternd und verlegen da. Er sah in die Richtung, aus der die Stimme kam, aber er konnte in dem Dunkel nichts erkennen. Er hörte wieder das mächtige Lachen. »Keine Angst. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Kinder gefressen. Komm nur mit mir!« Und eine Hand so groß wie ein Laib Brot faßte ganz sanft seinen Arm und führte ihn durch einen langen, dunklen Gang. Am Ende des Ganges schimmerte Licht, und als sie um eine Biegung gegangen waren, standen sie plötzlich in einer hohen, hell erleuchteten Höhle. Michael sah zu seinem Begleiter auf. Zunächst sah er nichts als einen riesenhaften Körper und oben drauf einen Wald von Haaren, die in langen Locken herunter fielen. Aber dann beugte sich der Haarwald zu ihm herunter und er sah zwei helle, vergnügte Augen daraus hervorleuchten. Und das war Simson persönlich.

»Du bist also mein Nachfolger?« sagte er.

»Verzeihen Sie vielmals« sagte Michael. »Mein Name ist eigentlich Michael. Aber ich wußte nicht recht ...«

»Macht nichts, macht nichts« lachte Simson. »Es gefällt mir, wenn junge Menschen sich alte Vorbilder suchen. Setz dich und ruh dich aus. Möchtest du etwas essen?«

Michael nickte eifrig. Er hatte den ganzen Tag nichts richtiges gegessen, und Abenteuer machen hungrig. »Wie wärs mit etwas Honig?« fragte Simson. »Den habe ich immer frisch hier.« Er griff in eine Felsenspalte, in der es summte und brummte wie von unzähligen Bienen, und zog einen Krug mit Honig hervor. Er steckte einen Löffel hinein, der aus gebleichtem Knochen geschnitzt war, und sagte: »Wohl bekomms. Honig macht helle Augen. 1. Samuel 14:27. Jonatan aber hatte nicht gehört, daß sein Vater das Volk mit einem Schwur belegt hatte. Und er streckte die Spitze seines Stabes aus, den er in seiner Hand hatte, und tauchte sie in die Honigwabe und führte seine Hand wieder zu seinem Mund, und seine Augen wurden wieder hell. Und spar dir etwas auf für den Weg. Du wirst es brauchen können.«

Michael fühlte sich bei dem freundlichen Riesen sehr zu Hause. Während er den goldbraunen Honig langsam vom Löffel in den Mund rinnen ließ, sagte er: »Ich habe nie im Leben so schönen Honig gegessen.«

»Das glaube ich« lachte Simson. »Er stammt auch von meinen eigenen Bienen. Du wirst wohl wissen, daß ich damals, als ich noch jung war, bei den Weinbergen von Timnah mit einem Löwen zusammentraf, der sehr unhöflich war und mich ganz laut anbrüllte. Da habe ich ihn ein bischen in Stücke gerissen. Und wie er dann da lag, haben sich die Bienen darin angesiedelt. Richter 14:5-8. Dafür sind sie mir noch bis heute dankbar, und ein par Familien bleiben immer hier in der Höhle.«

»Bist du denn die ganze Zeit hier in der Höhle?« fragte Michael verwundert.

»Freilich. Ich muß auf mein Museum acht geben. Ich habe hier nebenan nämlich ein Museum.«

»Kann ich das einmal sehen?« fragte Michael zaghaft.

»Sehr gerne« sagte Simson. »Ich habe es schon lange niemandem gezeigt, denn es kommt nur alle hundert Jahre einmal ein Besucher.«

Er öffnete eine schmale Türe im Felsen, durch die er sich mit seinem mächtigen Körper kaum hindurchzwängen konnte, und Michael ging hinterdrein. Sie standen in einer anderen Höhle, und darin befanden sich in drei verschiedenen Abteilungen allerhand seltsame Sachen. In der ersten Abteilung stand ganz vorne an das Gerippe eines jungen Löwen. Simson tippte ihm mit dem Finger auf den Schädel. »Das ist der Löwe von Timnah. Du weißt schon.« Dann sah Michael dreißig bunte Kleider, alle an plumpen eisernen Haken aufgehängt. »Die stammen von den Leuten aus Askalon« Richter 14:19. erklärte Simson. »Ich brauchte damals gerade dreißig Hemden und dreißig Mäntel, weil ich eine Wette verloren hatte, und woher sollte ich die so schnell nehmen?«

Und so zeigte und erklärte er eines nach dem anderen: die Fackeln, die er damals den Füchsen zwischen die Schwänze gebunden hatte; Richter 15:4-5. den Strick, mit dem die Judäer ihn einmal in Etam gebunden hatten, um ihn an die Philister auszuliefern; Richter 15:11-13. den Eselskinnbacken, mit dem er bei dieser Gelegenheit tausend Philister geschlagen hatte. Richter 15:15.

Michael betrachtete ihn ehrfürchtig. »Der ist aber groß!« sagte er.

»Ja ja« sagte Simson beinahe wehmütig. »So große Esel gibt es heute garnicht mehr.«

In der zweiten Abteilung des Museums standen nur zwei ungeheure, mit Erzplatten beschlagene Tore. Simson schlug mit den Knöcheln der Faust dagegen, daß sie hell aufklangen. »Die beiden stammen von Gaza« lachte er. »Schön geschwitzt habe ich damals, als ich die auf den Berg bei Hebron trug.« Richter 16:3.

Und dann kamen sie in die dritte Abteilung. Aber da gab Simson nicht viele Erklärungen ab. Er zeigte nur mürrisch mit der Hand auf einen Haufen zerrissener Stricke. Richter 16:6-12. Daneben stand ein alter, schwerer Webebaum, Richter 16:13-14. und daneben hing an einem Pflock eine riesenhafte Scheere, Richter 16:19. die schon leicht rostig war. Den Schluß bildeten eine große steinerne Kornmühle Richter 16:21. und einige Säulenstümpfe, Richter 16:25-30. und man konnte noch sehen, daß sie von einer gewaltigen Kraft in der Mitte durchgebrochen waren.

Simson war nachdenklich geworden und drängte Michael wieder in die große Höhle zurück. »Genug gesehen« sagte er. »Jetzt erzähle mir, wie du überhaupt hierher gekommen bist.«

Michael erzählte, was zu erzählen war. Simson saß sehr nachdenklich da und sagte lange Zeit garnichts. Michael fragte ihn endlich: »Könntest du mir in der Sache nicht einen Rat geben?«

Da sagte Simson: » Ja, ich kann dir einen sehr guten Rat geben: laß die Finger von der Sache!«

»Unmöglich!« rief Michael. »Ich habe dem Alten vom Buche gesagt, daß er sich auf mich verlassen kann. Ich werde ihn nicht enttäuschen. Und außerdem ... außerdem habe ich Mitleid mit ... ich meine ...« er stotterte und wurde rot: »Der arme Hirte tut mir leid ... na ja, und das Mädchen ... schließlich ist sie ja ein sehr schönes Mädchen ...«

Simson sprang auf: »Siehst du, da haben wir es! Es ist wieder ein Mädchen im Spiel! Und darum sage ich dir: die Finger davon! Ich habe meine Erfahrungen mit den Mädchen gemacht, drei mal sogar. Die eine in Timnah hat mein schönes Rätsel an die Hochzeitsgäste verraten. Richter 14:1-20. Die andere in Gaza wollte mich an die Philister verkaufen. Richter 16:1-3. Und die dritte, die D’lilah, hat mich ins Unglück gestürzt. Richter 16:4-22. Ich will nichts mehr mit Mädchen zu tun haben und ich rate dir dasselbe.«

Michael schüttelte den Kopf. »Versprochen ist versprochen. Und ich werde mich schon in Acht nehmen.«

»Wie willst du dich vor Mädchen in Acht nehmen?«

Ohne sich etwas böses dabei zu denken, sagte Michael: »Ich werde mich nicht so lange beschwätzen lassen, bis sie alles aus mir herausbekommen haben, was sie wollen.«

Simson stand drohend auf. »Du willst also sagen, ich hätte mich beschwätzen lassen?«

Michael wurde angst und bange zumute. Er stotterte eine lahme Entschuldigung. Aber Simson hörte nicht darauf. Er ging mit großen Schritten zur Öffnung der Höhle, wälzte den Stein zurück und wies mit dem Finger gebieterisch nach draußen. »Mach daß du hinauskommst. Gäste, die mich in meiner eigenen Wohnung verspotten, kann ich nicht gebrauchen.«

Michael schlich sich ganz eilig und kleinlaut hinaus. Den Topf mit dem Rest Honig darin hatte er eng gegen seine Brust gedrückt. –

 

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