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Michael und das Buch

Josef Kastein: Michael und das Buch - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJosef Kastein
titleMichael und das Buch
publisherLeo Baeck Institute
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20190320
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III.

Und dann saß Michael plötzlich wieder im Garten unter der großen Zypresse. Er rieb sich die Augen und sah um sich. Alles war wie sonst. Die Türe zum Schuppen war geschlossen. Frau Bülbül rief immer noch nach ihrem Manne, und die Spatzenfamilie Staubgrau zankte sich immer noch. Der Alte und das Buch waren nicht da. Also hatte er alles nur geträumt? Er wurde ganz traurig, denn er hatte sich schon so darauf gefreut, etwas für Shulamith und den Hirten tun zu können. Er stützte den Kopf in die Hände und hätte beinahe geweint.

Aber plötzlich horchte er auf. Er hörte Geräusche, die er bisher nie gehört hatte. Alles um ihn herum war voll von Stimmen. Zuerst wußte er nicht, woher sie kamen. Da war zum Beispiel dicht neben ihm eine Stimme, die aus dem Stamm der Zypresse zu kommen schien. Er sah genau hin. Da unten am Grunde, wo die Wurzeln in die Erde stoßen, war eine kleine Öffnung, und davor hockte ein Käfer, ein Skarabäus. Sollte die Stimme von ihm kommen? Michael neigte sein Ohr dicht zum Boden, und wirklich: der Skarabäus sprach. Er unterhielt sich mit einem anderen Skarabäus, der offenbar unten in der kleinen Erdhöhle saß. »Schlechte Geschäfte« schimpfte er. »Nichts als Automobile! Wenig Pferde, wenig Esel und noch weniger Kamele. Von was sollen wir unsere Dungpillen drehen und wie sollen wir unsere Jungen ernähren?«

Michael sprang erregt auf. Er hörte die Tiere sprechen und verstand sie. Nun war es klar, daß er wirklich in der Welt des Buches und bei dem Alten gewesen war. Vor Freude begann er zu springen und zu tanzen. Aber da rief eine empörte Stimme: »He, he! Bist du verrückt geworden? Du trittst mir ja meinen ganzen Bau ein!«

Michael stand still. Zu seinen Füßen streckte ein Maulwurf seine spitze Schnauze aus einem Erdhaufen und drohte ihm mit den breiten Grabschaufelpfoten. Michael mußte lachen. »Ach entschuldige nur. Das habe ich nicht mit Absicht getan. Aber gut, daß ich dich sehe. Ich muß dich etwas fragen. Du kommst doch weit im Lande herum, nicht wahr? Hast du irgendwo das Bild von der schönen Shulamith und dem jungen Hirten gesehen?«

»Ich sehe überhaupt nichts« knurrte der Maulwurf. »Ich bin blind. Unter der Erde brauche ich keine Augen. Ich brauche nur Ohren.«

»Gut. Dann wirst du sicher etwas davon gehört haben, nicht wahr?«

Der Maulwurf dachte eine Weile nach. »Wenn du mir ein schönes Stück Fleisch gibst, werde ich dir sagen, was ich gehört habe.«

»Gerne!« rief Michael. »Wart einen Augenblick.« Er rannte in das Haus und schnitt von dem Fleisch, das ihm die Mutter für das Mittagessen in die Küche gesetzt hatte, einen langen Streifen ab. Er kniete sich vor den Maulwurfshaufen hin und ließ das Fleisch vorsichtig zu der kleinen spitzen Schnauze hinunter. Der Maulwurf schnappte zu und war im Nu in seinem Erdgraben verschwunden. Michael wartete geduldig eine Weile. Dann klopfte er auf die Erde. »He, du wolltest mir doch sagen, was du gehört hast!«

Der Maulwurf rief: »Ich habe gehört, daß 296 Meter von hier entfernt ein Regenwurm kriecht. Auf Wiederhören!«

Michael stand verdutzt da. Alle Tiere im Garten begannen zu lachen. Die Spatzen zirpten, daß sie den Schnabel nicht wieder schließen konnten. Die Bülbül flöteten, daß sie ins Schwanken gerieten und immer mit dem Schwanz auf und ab klappen mußten, um nicht vom Zweig zu fallen. Die Taube gurrte, bis sie einen ganz dicken Kropf bekam, und gar ein Chamäleon, das oben auf dem Zaune lag, fauchte vor Vergnügen und streckte ihm lang und ungeniert die Zunge heraus.

Michael wollte böse werden. Aber er besann sich noch rechtzeitig darauf, daß er jetzt eine große Aufgabe übernommen habe, und da durfte er keine Dummheiten begehen und es mit den Tieren verderben, die so viel wissen. Darum zuckte er nur gleichmütig die Achseln. »Der arme Schlucker« sagte er so laut, daß die Tiere ihn hören könnten. »Es geht ihm so schlecht, daß er sich ein Stück Fleisch verdienen wollte. Sonst weiß er genau so wenig wie die Tiere über der Erde, was es mit Shulamith und dem Hirten auf sich hat.«

»Oho! Oho!« brach es von allen Seiten los. »Wir wissen sehr viel. Wir sind ja nicht blind. Wir kriechen ja nicht in der Erde herum. Oho oho, wenn du wüßtest, was wir wissen!«

Am lautesten schrie Herr Bülbül, denn er war Vorsitzender des Vereins für öffentliche Volkskonzerte. »Was weißt du denn?« fragte Michael.

Aber schon begann die Familie Staubgrau zu zetern. »Garnichts weiß er. Ein Bülbül weiß überhaupt nichts. Wir wohnen doch Tür an Tür mit ihnen. Wir hören doch alles, was sie sagen. Sie können nur Twit Twit sagen ...«

Aber da wurden die Bülbüls böse. »Ihr Allesfresser! Ihr Straßengesindel! Ihr wißt überhaupt nur, was andere Leute sagen. Von selbst wißt ihr garnichts, denn euer Kopf ist so klein, daß garkein Platz für ein Gehirn drin ist. Und ihr habt garkeine höheren Interessen. Von morgens bis abends redet ihr über Abfall und Müllkästen ...«

Die Taube schwang sich zu Michael herunter und setzte sich auf seine Schulter. »Tur tur« sagte sie, »da hörst du, was für ein ordinäres Volk das ist. Darum verkehre ich auch nicht mit ihnen. Ich bin aus einer sehr vornehmen Familie. Ich stamme in direkter Linie von der Taube ab, die Noah mit sich in die Arche genommen hatte. Genesis 8:8. Über meine Urahnen ist bereits im ersten Buch der Bibel ausführlich geschrieben, während Spatzen und Bülbüls nicht einmal erwähnt sind.«

»Also kannst du mir etwas sagen?« fragte Michael höflich.

Der Kropf der Taube schwoll ganz dick auf vor Stolz. »Gewiß!« Und dann schwieg sie hochmütig. Aber auch Michael schwieg, denn er wollte sich nicht wieder überlisten lassen. Und so schwiegen sie eben beide. Aber nach einer Weile begann die Taube wieder zu gurren. »Was ich sagen wollte ... hm, ja ... ich habe da heute morgen zufällig durch euer Küchenfenster gesehen. Wenn ich mich nicht geirrt habe, lagen da grüne Erbsen auf dem Küchentisch. Wenn du mir ein par davon geben könntest ...«

»Aber sehr gerne« sagte Michael und holte eine Handvoll Erbsen aus der Küche. Aber er hielt sie in der geschlossenen Hand. »Also was weißt du?« fragte: er.

Die Taube schielte auf die Erbsen. Sie ruckte vor Gier hin und her, »Von Shulamith und dem Hirten kann ich dir leider nichts sagen ... das heißt: nicht direkt. Ich weiß nur, daß eine Verwandte von mir, aber eine sehr entfernte Verwandte, mit der ich garkeinen Verkehr habe – du verstehst: man muß doch auf seine Abstammung achten. Eine Turteltaube ist doch schließlich keine Taube, wenigstens keine aus dem ersten Buch der Bibel ...«

Michael ließ die Erbsen durch die Finger rollen. »Gewiß nicht« pflichtete er bei. »Arche-Noah-Tauben sind ja als vornehm bekannt. Aber was weiß diese arme Verwandte?«

»Sie sagte einmal, sie wäre dabei gewesen, wie ein Mädchen namens Shulamith, das sich in einen Hirten verliebt hatte ... denk mal an: in einen ganz gewöhnlichen Hirten, und dabei hätte sie in die David-Familie hineinheiraten können. Sie hätte eine direkte Schwiegertochter von David werden können ...«

Michael ließ eine Erbse zu Boden fallen. Die Taube pickte sie sofort auf und schielte auf seine Hand. »Wenn du jetzt nicht zuende erzählst« sagte Michael streng, »gebe ich den Rest Erbsen an die Bülbüls.«

»Um Gottes willen nicht!« rief die Taube. »Solche Leute mit schwarzen Köpfen und gelben Bäuchen ... entschuldige. Also: jene mit mir kaum verwandte Turteltaube sagte einmal, Shulamith habe ein Lied gesungen, in dem etwas vom Wasser vorkam, das die Liebe nicht löschen konnte. Hohelied 8:7. Mächtige Wasser sind nicht in der Lage, die Liebe auszulöschen, und Ströme schwemmen sie nicht fort. Wenn einer den ganzen Besitz seines Hauses für die Liebe geben wollte, man würde ihn nur verachten. Ich verstehe diese Worte so – ich bin nämlich sehr klug, mußt du wissen. Meine Abstammung aus der Arche Noah ...«

Michael stand auf und tat, als wolle er wieder ins Haus gehen. Aber die Taube kam ihm nachgeflogen und setzte sich auf seine Schulter. »Sei doch nicht so ungeduldig! Ich wollte sagen: meiner Meinung nach hat die ganze Sache etwas mit dem Wasser zu tun. Also müßte man jemanden fragen, der sich im Wasser auskennt. Als meine Urahnin aus der Arche Noah flog, um nachzuschauen, ob alles Wasser schon wieder von der Erde abgelaufen war, hat sie mit dem Walfisch Bekanntschaft gemacht. Der Walfisch hatte sich nämlich sehr dumm benommen. Er hatte sich in einen kleinen Tümpel hineingerettet und konnte nicht darin schwimmen. Da hat er meine Urahnin gebeten, sie möchte doch mal hoch fliegen und schauen, wo genügend Wasser für ihm zum Schwimmen sei. Und da hat sie ihm den Weg ins Meer gezeigt. Und seitdem sind wir mit ihm befreundet.«

Michael verbiß sich das Lachen. »Aber wie kann jemand aus so vornehmer Familie sich mit einem dummen Tier abgeben.«

»Er ist nicht mehr dumm!« sagte die Taube. »Du muß wissen, er hat einmal Besuch vom Propheten Jona bekommen. Jona 2:1. Und der HERR bestellte einen großen Fisch, Jona zu verschlingen; und Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches. Der hat eine zeitlang bei ihm gewohnt, und da es in seinem Bauch so dunkel war, hat Jona sich selber immer Geschichten erzählt. Er war sehr klug, denn er trägt ja unseren Familien-Namen. Die hebräische Version des Namen Jona bedeutet Taube. Und der Walfisch hat alle diese Geschichten gehört, und seitdem muß er immer denken, und von lauter Denken wird ihm das Gehirn heiß, und dann muß er ins Wasser hinunter, um sich abzukühlen – und darum steigt von Zeit zu Zeit eine große Dampfsäule vom Walfisch auf ...«

Michael mußte so lachen, daß er alle Erbsen zu Boden fallen ließ ließ. Die Taube stürzte sich sofort darauf und vergaß Hören und Sehen darüber samt der vornehmen Abstammung.

Aber Michael war doch nachdenklich geworden. Wenn der Walfisch vielleicht doch Dinge wußte, die ihm nützlich sein könnten? Aber wie konnte er zu ihm gelangen? Er hatte auf dem Meere wohl große und kleine Schiffe gesehen, und einmal auch einen Delphin, aber noch nie einen Walfisch. Aber er beschloß doch, für alle Fälle einmal zum Meer hinunter zu gehen.

Als er so da am Strande saß und angestrengt über das Wasser schaute, ob nicht doch irgendwo ein Walfisch auftauchte, hörte er, wie sonst, die Wellen rauschen. Aber darüber hinaus vernahm er etwas, was er nie zuvor gehört hatte: die Stimmen der Wellen. Unmittelbar zu seinen Füßen kam immer eine große, grüne Welle angerannt. Sie war offenbar sehr böse, denn sie hatte weißen Schaum vor dem Mund. Sie warf ihm kalte Tropfen ins Gesicht und fauchte: »Scht, geh da weg! Scht, geh da weg!«

Michael trotzte: »Warum soll ich weggehen? Du bist im Wasser und ich bin auf dem Land. Was störe ich dich?«

Die Welle wurde tiefgrün und bekam vor Ärger schwarze Flecke. »Schweig, schweig!« fauchte sie. »Gib mir meine Rauschmuschel wieder!«

»Du hast ja Muscheln genug im Meer. Laß mich zufrieden. Ich weiß von nichts.«

»Ich will die große rosa Muschel wieder haben« schäumte die Welle. »Die Muschel, auf der ich mein Nachtlied blase. Geh da weg! Schschschtt!«

Michael sah sich um, und richtig: dicht neben ihm lag eine große, glänzende Tigermuschel. Der Rücken war gefleckt wie bei einem richtigen Tiger, aber innen, wo der schmale Spalt war, schimmerte sie hell rosa. Er nahm sie auf und betrachtete sie entzückt. »Die werde ich behalten« sagte er. »Die stelle ich mir zuhause auf den Tisch.«

Da hörte er eine feine Stimme, fast mehr ein Wehen als eine Stimme. Er hielt die Muschel dicht an das Ohr. Sie hauchte ganz zart: »Bitte nimm mich nicht mit nach Hause. Da vertrockne und verstaube ich und ich werde meine schöne Farbe verlieren. Und niemand wird mehr auf mir spielen. Bitte wirf mich doch wieder ins Meer zurück.«

»Gut« sagte Michael. »Aber was gibst du mir, wenn ich es tue?«

Die Muschel sagte: »Ich werde dir alle Wege im Meere zeigen.«

»Kannst du mir auch den Weg zum Walfisch zeigen, in dem der Prophet Jona einmal gewohnt hat?«

»Natürlich kann ich das« sagte die Muschel. »Wenn du willst, werde ich die Welle bitten, daß sie dich dahin bringt.«

»Aber ich kann doch nicht übers Wasser laufen« sagte Michael.

»Natürlich nicht. Ich werde dich fahren« sagte die Muschel schlicht. »Leg mich nur mit dem Rücken auf die grüne Welle, und dann steigst du durch den Spalt in mich hinein. Du wirst sehen, es wird eine schöne Fahrt werden.«

Michael war schon so an den Umgang mit Tieren gewohnt, daß er daran nichts Ungewöhnliches mehr fand. Er legte die Muschel sorgfältig mit dem Rücken auf die Welle, daß sie wie ein Boot schwamm, und sprang hinein. Allerdings war die Muschel nicht sehr tief und sein Kopf schaute noch aus dem Spalt heraus. Aber das war gut so, denn so konnte er die Fahrt recht genießen. Die grüne Welle war plötzlich garnicht mehr ärgerlich. Sie begann vor lauter Freude hell und blau zu leuchten wie der Himmel. Sie machte sich ganz glatt und lang und trug die Muschel mit Michael darin schnell und sanft dahin.

Ich würde mit meiner Geschichte nie zuende kommen, wenn ich euch alle die Wunder erzählen würde, die Michael auf dem Meere sah. Aber das größte Wunder war, daß sie sich plötzlich vor einer großen Insel befanden, die auf keiner Landkarte der Welt eingezeichnet steht, denn diese Insel können überhaupt nur diejenigen Menschen sehen, die die Sprache der Tiere verstehen. Und ich glaube nicht, daß das viele sein werden. Diese Insel war nichts als ein einziger, riesiger Fels, der steil aus dem Meeresboden aufstieg, aber nur so viel, daß sie gerade eben über das Wasser hinausragte. Quer über die Insel zog sich eine tiefe und breite Rille, und in dieser Rille lag – Michael sperrte die Augen vor Erstaunen ganz weit auf – eine riesige, schwarzblaue, glänzende Masse. Sie sah aus wie ein Fisch und schien doch für einen Fisch viel zu groß und zu gewaltig. Und rings um diese Masse herum flatterten mit großem Geschrei Schwärme von Möven, und vorne, wo eine riesenhafte Öffnung klaffte, schwirrten kleine, bunte, schillernde Vögel aus und ein.

»Was ist denn das?« fragte Michael erstaunt und ein wenig ängstlich.

»Das ist der Walfisch« rauschte die Muschel. »Wir haben Glück gehabt. Er ist gerade auf Erholung und Reparatur hier.«

»Das verstehe ich nicht« sagte Michael.

»Nun, du weißt doch, daß der Walfisch immer so viel denken muß, und viel Denken macht schrecklich müde, und einmal im Jahr muß er sich gründlich ausschlafen. Das tut er hier auf der Insel, und darum heißt sie Leergehirn. Aber wer so viel denkt, wird auch leicht zerstreut und unaufmerksam. Schau dir einmal seinen Rock an. Er ist voll von Muscheln und kleinen Krebsen und Wasserpflanzen. Sehr unordentlich sieht das aus, nicht wahr? Der Walfisch muß so viel denken, daß er immer wieder vergißt, sich von Zeit zu Zeit zu kratzen. Und so läßt er sich hier auf der Insel Leergehirn von der Reinigungs-Kooperative der Möven den Rock abkratzen.«

Das verstand Michael. »Aber was tun da vorne die bunten Vögel?«

»Das sind Königsfischer« sagte die Muschel. »Sie arbeiten hier als Dentisten. Du weißt, daß der Walfisch ganz besondere Zähne hat, lange, schwarze, biegsame Stangen, die wie ein Gitter neben einander stehen. Und er ist so zerstreut, daß er immer wieder seine große Zahnbürste verliert. Verlierst du deine Zahnbürste auch immer?«

Diese Frage war Michael unangenehm, denn er hätte beim besten Willen nicht sagen können, wo sich seine Zahnbürste gerade herumtrieb. Darum tat er, als habe er nichts gehört. »Ich verstehe« sagte er. »Und was geschieht dann?«

»Dann muß er sich einmal im Jahr das Zahngitter gründlich ausputzen lassen. Das machen die Königsfischer, weil sie einen so spitzen Schnabel haben. Und siehst du da den Pinguin? Das ist der Oberaufseher. An ihn mußt du dich auch wenden, wenn du mit dem Walfisch sprechen willst. Und jetzt steig aus. Ich muß weiter fahren.«

Michael sprang auf den Felsen, bedankte sich bei der Muschel und der Welle und ging auf den Pinguin zu. Als der ihn sah, verbeugte er sich mehrmals und schlug sich mit seinen kurzen Händen auf die Brust. »Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr? Zahnputz gefällig? Oder chemische Reinigung? Oder die Haut mit Bimsstein abreiben, mein Herr?«

Die Anrede ‚mein Herr‘ gefiel Michael ausnehmend gut. Er sagte höflich: »Vielleicht ein andermal. Heute habe ich es zu eilig. Ich muß nämlich unbedingt den Walfisch sprechen. Könnten Sie mich bei ihm anmelden? Ich glaube, er ist so groß, daß er mich garnicht sieht.«

»Ja, seine Augen sind bedauerlich klein« sagte der Pinguin. »Und seine Ohren kann überhaupt nur ein Fachmann finden. Aber ich werde das schon machen.« Und mit einem Satz sprang er auf den dicken Schädel hinauf und schlug mit seinen Handflügeln dagegen, so als ob er Morsezeichen gäbe. Nach einer Weile kam Leben in den Koloß. Ein großer Luftstrom kam aus der Mundöffnung, sodaß die Königsfischer weit in die See hinausgeschnoben wurden. Und dann kam eine Stimme, die für ein so gewaltiges Tier erstaunlich dünn und hoch war. »Was willst du mein Sohn?«

Michael machte gegen die Mundöffnung hin eine höfliche Verbeugung. Er sagte: »Verzeihen Sie, Herr Professor, wenn ich Sie in Ihrer Erholung störe.«

Der Walfisch fühlte sich durch die Anrede Professor so geehrt, daß er vor Vergnügen große Tropfen Tran ausschwitzte. »Bitte sehr, ich stehe ganz zu deiner Verfügung.«

»Dann möchte ich Ihnen als Einleitung eine kleine Geschichte erzählen« sagte Michael, und er berichtete, was er über Shulamith und den Hirten gehört hatte. Der Walfisch war tief gerührt, und obgleich seine Augen so klein waren, liefen doch ganz große Tränen in einem ununterbrochenen Strom heraus. »Das ist ja schrecklich« schluchzte er. »Da muß man unbedingt etwas tun! Unbedingt!«

»Gerade darum bin ich hier, Herr Professor. Mir sagte die Taube aus der Arche Noah, daß Sie alleine wüßten, was man tun könnte.«

Der Walfisch hörte auf zu weinen und begann heftig zu denken. Und schon stiegen kleine Dampfwölklein aus seinem Schädel auf. »Ich hab’s!« sagte er. »Ich bin ein guter Denker. Du hast von zwei Menschen gesprochen, einer weiblich, einer männlich, nicht wahr? So weit ich weiß, waren Adam und Eva auch zwei Menschen, und wenn ich recht erinnere, war Adam eine Frau und Eva ein Mann, nicht wahr?«

»Genau so war es« sagte Michael höflich. »Und was raten Sie mir, Herr Professor?«

Aber der Walfisch antwortete nicht. Er hatte die kleinen Augen geschlossen und den großen Mund zugeklappt. Der Pinguin sagte leise zu Michael: »Er muß jetzt erst eine Weile schlafen. Ein Walfisch kann nicht so lange hinter einander so schwer denken.«

Nach einer viertel Stunde hatte sich der Walfisch wieder erholt. Er sagte: »Und wenn dem so ist, so muß man die Schlange fragen, die damals mit Adam und Eva im Paradies war. Denn die weiß, was es mit einem Mann und einer Frau auf sich hat.«

Das leuchtete Michael ein. Er fragte: »Aber wer zeigt mir den Weg zur Schlange?«

»Ich werde dich hinbringen« sagte der Walfisch, »denn es gefällt mir, daß du dich für die beiden jungen Menschen bemühst. Aber ... aber ich verlange eine Gegenleistung. Du weißt ja, daß der berühmte Prophet Jona einmal eine zeitlang bei mir gewohnt hat. In meinem Magen steht noch die Bank, auf der er gesessen hat. In letzter Zeit habe ich häufiger Magenschmerzen, und mein Hausarzt, der weise Seeelefant, hat mir dringend geraten, die Bank zu entfernen. Sie ist nämlich schon alt, mußt du wissen, und so altes Holz im Magen ist nicht gut für die Verdauung.«

»Sehr gerne helfe ich Ihnen, Herr Professor« sagte Michael, »Sobald Sie mich an den Ort gebracht haben, wo die Schlange ist, befreie ich Sie von der Bank. Wann können wir reisen?«

»Sofort! Sofort!« rief der Walfisch.

Der Pinguin schlug empört seine Flügel zusammen. »Aber Herr Professor, Sie können doch den jungen Herrn nicht so ohne Vorbereitungen mit auf die Reise nehmen! Man muß doch Lebensmittel besorgen, einige Fische und ein par Seeigel und einige Schnecken ...«

Michael bat erschreckt: »Bitte nur Fische. Meine Mutter hat mir Igel und Schnecken verboten.«

»Gut« sagte der Pinguin. »Und dann müssen Sie noch Holz mitnehmen, denn drinnen beim Herrn Professor ist es sehr dunkel und Sie müssen ein Feuer anzünden.«

Aber jetzt protestierte der Walfisch. »Nein, ich dulde kein Feuer in meinem Bauch. Davon wird mir zu heiß, und wenn ich dann noch denken soll, wird mir so heiß, daß der Ozean zu kochen beginnt.«

Der Pinguin wußte einen Ausweg. »Dann sollen ihm die Möven etwas leuchtenden Seetang holen. Das gibt Licht und macht nicht warm.«

Und so geschah es. Die Königsfischer hatten eins zwei drei einige fette Fische aufgespießt. Die Möven schleppten lange Büschel Tang herbei, und dann rutschte Michael auf dem langen Zahngitter vorsichtig in das Innere des Walfisches hinein. Erst war es recht dunkel, und rings war alles feucht und warm. Aber bald fand er sich beim Schein des Seetangs zurecht und erreichte glücklich die Bank, auf der Jona gesessen hatte. Er nahm behutsam darauf Platz und wartete gespannt, was nun geschehen würde.

Er verspürte ein leises Zittern und Schwanken, und dann hörte er fern irgendwo Wasser rauschen. Da wußte er, daß der Walfisch ins Meer geglitten sei. Und nun hörte er auch seine Stimme: »Nun, bist du gut untergebracht?«

»Danke« sagte er höflich. »Ich fühle mich sehr wohl. Werden wir lange reisen?«

»Höchstens einen Tag lang. Ich reise sehr schnell. Mach es dir inzwischen bequem.«

Michael dachte darüber nach, wie er es sich wohl bequem machen könnte. Was ihn störte, war, daß der Tang, der ihm als Lampe diente, unten auf dem Boden lag und ihm immer in die Augen schien. Eine ordentliche Lampe muß man an die Decke hängen, dachte er. Dahin gehört sie. Aber wie sollte er sie dort befestigen? Er war ein geschickter Junge und hatte bald einen Ausweg gefunden. Die Bank war mit hölzernen Nägeln zusammengefügt. Er nahm sein Taschenmesser heraus und begann, an der Bank zu schnitzen, bis ein Nagel locker war. Dann zog er ihn ganz heraus. Und nun wollte er diesen Nagel oben in die Decke des Magens einschlagen und die Tanglampen daran hängen. Aber so hoch er sich auch streckte, er konnte die Decke nicht erreichen.

Da sprang er kurz entschlossen auf die Bank. Aber kaum war er oben, als sie mit einem lauten Krach zusammenbrach. Das wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, denn der Walfisch wollte ja die Bank so oder so los werden. Das Schlimme war, daß ein Splitter von Armeslänge dem Walfisch gerade in die Magenwand fuhr und dort feststak, und so sehr Michael auch daran zog, konnte er ihn nicht wieder herausbekommen.

»Au! Au!« schrie der Walfisch. »Was machst du da? Du Trottel! Du Dummkopf! Du Idiot! Ist das der Dank dafür, daß ich mir den Schädel heiß denke? Jetzt kann ich deinetwegen wieder an den Nordpol reisen und den See-Elefanten konsultieren. Mach, daß du fort kommst. Ich hab genug von dir!«

Plötzlich rauschte es rings um Michael. Gewaltige Wasserfluten kamen angeschossen und füllten das ganze Innere aus. Sie hoben ihn hoch und wirbelten ihn rund herum, bis ihm Hören und Sehen verging. Dann entstand plötzlich eine Strömung. Sie faßte Michael, hob ihn hoch und riß ihn wie ein Stück Holz mit sich, und ehe er es sich noch versehen hatte, schoß er inmitten einer gewaltigen grünen Welle über einen sandigen Strand und fiel endlich ganz betäubt und benebelt zu Boden. Als er wieder die Augen zu öffnen wagte, sah er den Walfisch gerade mitten im Meere wieder untertauchen.

Das geschah in dem Jahre, als an der Küste unseres Landes irgendwo zwischen Gaza und Ras en Nakura die große Überschwemmung war, und die Menschen konnten sich nicht erklären, woher sie eigentlich kam. Ihr wißt es nun, aber sagt es niemandem weiter. –

 

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