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Michael und das Buch

Josef Kastein: Michael und das Buch - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJosef Kastein
titleMichael und das Buch
publisherLeo Baeck Institute
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20190320
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I.

Kommt, Kinder, und hört die Geschichte von Michael und dem Buche. Ich werde euch nicht verraten, wer dieser Michael ist. Er hat mich gebeten, es nicht zu tun, und das ist gut so; denn da ihr seinen Namen nicht wißt, kann ich alles sagen, was ich von ihm weiß. Und das erste, was ich von ihm weiß, ist keine besondere Ehre für ein Jungen: Michael war ein Feind von Büchern. Nicht, daß er dumm war oder nicht gut lesen konnte oder nicht verstand, was er las. Aber er haßte das Lesen. Und wer das Lesen haßt, liebt auch das Lernen nicht. Aber die Menschen haben in den vielen Tausend Jahren so viel gedacht und gesagt und geschrieben und erfunden, daß keine Schule lange genug dauert, um das alles zu lernen. Viele Dinge, die jeder vernünftige Mensch wissen muß, muß man lesen. Niemand sagt sie dir.

An dem Tage, als die großen Sommerferien begannen, hatte der Lehrer zu den Kindern der Klasse gesagt: »Ihr habt jetzt zwei Monate Ferien vor euch. Ihr sollt in dieser langen Zeit nicht alles vergessen, was ihr gelernt habt. Eine Stunde am Tage sollt ihr etwas Schönes und Nützliches lesen. Ich schreibe euch fünf Bücher an die Wandtafel. Notiert euch die Namen und lest recht fleißig darin.«

Die Schüler nahmen ihre Notizbücher hervor und schrieben sich getreulich auf, was der Lehrer auf die große schwarze Tafel schrieb. Auch Michael schrieb eifrig. Aber wenn ihm einer über die Schulter gesehen hätte, hätte er wahrscheinlich den Kopf geschüttelt. Denn Michael schrieb garnicht. Er kritzelte eifrig allerlei Figuren über das Papier: Saadja den Jeminiten, der morgens die Milch brachte, den Zeitungsmann mit dem langen Bart, der auf einem Motorrad daher gerast kam, einen Polizisten, dessen Arme viel zu lang waren. Und darunter schrieb er in schiefen Buchstaben, die einer über den anderen purzelten: »Der Lehrer soll seine Bücher selber lesen. Mit freundlichem Gruß Michael.«

So begann Michael die Ferien. Manche Stunde, während seine Kameraden in ihren Büchern lasen, trieb er sich auf Gassen und Plätzen und Feldwegen herum, und wenn es zuweilen auch rechtschaffen langweilig war, so war es doch immer noch besser, als still vor einem Buche zu sitzen und zu lesen, was andere Leute geschrieben hatte. Aber eines Abends fragte ihn sein Vater: »Hat euch der Lehrer nichts davon gesagt, daß ihr in den Ferien etwas lesen sollt?«

Michael bekam einen roten Kopf. Er begann zu stottern. Er wollte nicht lügen, denn er wußte, wenn Kinder lügen, dann steht ihnen die Lüge im Gesicht geschrieben, und wenn sie größer und älter werden und sich an das Lügen schon gewöhnt haben, bekommen sie so häßliche Gesichter, daß man ihnen im weiten Bogen aus dem Wege geht. Aber er konnte auch nicht die Wahrheit sagen, denn dann hätte er seinem Vater die Kritzeleien zeigen müssen, und er war nicht sicher, ob er nicht statt eines Lobs eine Ohrfeige bekommen würde. Und so mußte er doch lügen. »Ich habe mein Notizbuch verloren. Da stand alles drin.«

»So so« sagte der Vater und sah ihn von der Seite an. »Dann gehst du sofort zu deinem Freunde Baruch und schreibst dir die Liste ab. Ich warte auf dich.«

Michael war froh, daß er so gut davon gekommen war. Die Liste der Bücher abschreiben hieß ja noch lange nicht, sie auch zu lesen. Der Vater sah sich die Namen aufmerksam an. Dann hakte er mit einem Bleistift die ersten drei Bücher an und sagte: »Diese drei stehen bei mir im Bücherschrank. Die anderen beiden kannst du dir aus der Bibliothek entleihen. Immer, wenn du ein Buch ausgelesen hast, sag es mir und du bekommst einen Grusch.«

Michael hatte nie gewußt, daß man mit Bücherlesen sogar Geld verdienen konnte, und zwei Tage lang las er jeden Tag mindestens zehn Minuten. Am dritten Tage las er nur noch fünf Minuten. Am vierten Tage rechnete er sich aus, daß es bei diesem Tempo gewiß einen Monat dauern würde, bis er sich einen Grusch verdient hatte. Wenn der Aaron von nebenan am Freitag Nachmittag auch nur eine Stunde Blumen ausbrachte, verdiente er viel mehr und dabei brauchte er nichts zu lesen als die Adressen, die auf den kleinen Karten standen. Also beschloß Michael, auf den Grusch zu verzichten und das Lesen ganz aufzugeben.

Aber was sollte er seinem Vater sagen? Er dachte hin und her, aber was er sich auch ausdachte, war eine Unwahrheit, und er wollte nicht lügen. Da verfiel er auf eine Idee, auf die er sehr stolz war: er stellte die fünf Bücher recht breit und sichtbar auf seinem kleinen Schreibtisch auf, und jeden Morgen, ehe er auf die Gasse hinauslief, schlug er eines der Bücher irgendwo auf und legte es recht mitten auf den Tisch. Das sah sehr fleißig und eifrig aus, und wenn der Vater vom Büro heimkam, brauchte er nur einen Blick auf den Tisch zu werfen, um zu sehen, wie gehorsam Michael gelesen hatte. Dann würde er bestimmt nichts fragen und Michael brauchte weder zu antworten noch zu lügen.

Aber eines abends fragte der Vater doch. Zum Glück war es eine ganz einfache Frage, mit der man leicht fertig werden konnte. »Hast du Freude an deinen Büchern?«

Michael dachte einen Augenblick nach. Gewiß hatte er Freude an den Büchern, denn war das keine Freude, sie so hinzulegen, daß er sie garnicht lesen mußte? Und so sagte er strahlend und mit gutem Gewissen: »O ja, ich habe viel Freude daran.«

Der Vater sah die Mutter an, die Mutter sah den Vater an, aber sie sagten beide nichts. Michael hatte diese Blicke wohl beobachtet, denn wenn einer ein schlechtes Gewissen hat, muß er immer um sich schauen, ob man nicht etwas sagt oder tut, womit er gemeint ist. Er hätte gerne gewußt, was diese Blicke zu bedeuten hatten, aber sie sprachen beide nicht weiter mit ihm. Die Mutter nahm sich ein Buch und der Vater nahm seine Zeitung, und so oft Michael etwas fragen oder etwas erzählen wollte, hieß es: »Stör mich nicht. Ich will lesen.«

Ganz kleinlaut und bedrückt ging Michael in sein Zimmer und legte sich zu Bett. Er schlief sofort ein, denn er hatte den ganzen Tag lang in einem Wadi herumgestrolcht, wo es tiefe, schöne Höhlen gab, in denen man gut Räuberhauptmann und Gendarmen spielen konnte, und das Spielen hatte ihn müde gemacht. Aber mitten in der Nacht wachte er auf. Er hatte ein Geräusch gehört, als ob hundert große Vögel daher geflogen kämen. Er setzte sich im Bette auf und lauschte. Nichts war zu hören. Doch: da rauschte es, erst leise, dann stärker, ein Geräusch, wie wenn Vater die große Zeitung zusammenfaltet. Aber es war Nacht, und der Vater war nicht im Zimmer, und im Dunkel kann man nicht Zeitung lesen.

»Ach was« sagte Michael, »ich habe geträumt« und er legte sich wieder in die Kissen zurück.

Aber mit einem male raschelte und flatterte und rauschte es ganz laut, und Michael sah etwas, was ihm die Gänsehaut über den Rücken trieb: drüben auf dem Schreibtisch hatten sich die fünf Bücher aufgerichtet, hatten sich in einen Kreis mitten um das ausgetrocknete Tintenfaß herum gestellt und sprachen eifrig auf einander ein. Michael konnte nicht verstehen, was sie sagten. Aber es war kein Zweifel daran, daß sie sprachen. Sie beugten sich vor und zurück, sie wedelten mit den Umschlagsdeckeln, sie schlugen die Blätter auf und wieder zu, und zuweilen raschelten und schwätzten sie alle zur gleichen Zeit, wie es die Erwachsenen tun, wenn sie ihre großen Versammlungen abhalten. Eigentlich sah es sehr lustig aus, und Michael beschloß, sich nicht mehr zu fürchten, sondern lieber darüber zu lachen.

Aber da wandten sich alle Bücher plötzlich um und starrten ihn an. Das große Buch, in dem von den Kämpfen der Makkabäer erzählt wurde, klappte ärgerlich mit dem Deckel. »Was lacht der Knirps?«

Michael wurde es unbehaglich zumute. Er zog sich etwas tiefer in die Kissen zurück. »Ich habe nicht gelacht« verteidigte er sich.

Das Buch, in dem alle Tiere des Landes abgebildet waren, sprang vor Zorn auf und ab. »Was, du hast nicht gelacht? Ich habe es gehört. Ich habe feine Ohren. Ich habe die Ohren der Maus, die die Katze hört, und die Ohren der Katze, die die Maus hört. Ich habe dich lachen hören, noch ehe du gelacht hast.«

Das Buch, in dem von den großen Erfindungen erzählt wurde, kreischte: »Und er hat über uns gelacht! Über uns! Er macht sich über uns lustig!«

Michael zog sich ganz in die Ecke des Bettes zurück. »Ich habe garnicht gelacht« stammelte er, und er war dem Weinen sehr nahe.

»Jetzt lügt er schon wieder!« rief das Buch, in dem vom Himmel und von den Sternen erzählt wurde. »Ich dulde keine Lügen!« Und mit einem großen Satz sprang es vom Tisch auf das Bett hinüber, und Klatsch Klatsch versetzten ihm die schweren blauen Deckel rechts und links Ohrfeigen.

Michael begann zu schreien und zog sich die Decke über den Kopf. Aber das Buch von den Tieren hatte nicht nur feine Ohren, sondern auch scharfe Augen. Es sah, daß Michaels Haarschopf aus der Decke hervorsah. Es packte mit seinen Blättern ein Büschel davon und zog kräftig daran. Michael rutschte tiefer unter die Decke, aber am unteren Ende des Bettes lag das Makkabäerbuch im Hinterhalt und stach mit den Ecken seines Einbandes kräftig gegen seine Füße. Das Buch der Erfindungen kroch unter das Bett und machte ganz schnell eine neue Erfindung: es stieß mit seinem breiten Rücken immer von unten gegen die Matratze, daß es Michael schien, er fahre in einem kleinen Boot über das stürmische Meer, und er war der Seekrankheit sehr nahe. Er riß sich die Decke vom Kopf, um Luft zu bekommen, aber da fuhr ihm das Buch vom Himmel und den Sternen in die Augen, daß die Funken nur so stoben.

Michael hielt es nicht länger aus. Er sprang stöhnend aus dem Bette und rannte zur Türe, um sich zu der Mutter hinüber zu retten. Aber vor der Türe hielt das Makkabäerbuch Wache und ließ ihn nicht hinaus. Er wollte durch das Fenster hinaus in den Garten springen, aber das Buch der Erfindungen hatte die Fensterläden so erfinderisch zusammengeklemmt, daß man sie nie wieder öffnen konnte. Er wollte unter den Tisch kriechen. Aber da hatte das Tierbuch schnell alle Stacheln der Mücken und Bienen und Skorpione herausgestreckt. Er wollte auf den Schrank klettern, aber da schlug ihm das Sternbuch mit einem Kometen auf den Kopf. Und wie er sich wieder in das Bett retten wollte, kam das ganz große Buch mit dem bunten Umschlag, das Buch der Abenteuer, und trieb ihn immer im Kreise um den Tisch herum.

Es ist garnicht auszudenken, was aus Michael geworden wäre, wenn nicht in diesem Augenblick die Morgendämmerung hereingebrochen wäre. Als der erste schwache Lichtstrahl durch die Fensterläden schimmerte, sprangen alle Bücher wieder an ihren Platz und standen ganz ruhig und unschuldig da, als sei garnichts geschehen.

Und da tat sich die Türe auf und die Mutter kam herein. »Was ist denn hier für ein Lärm?« fragte sie.

Michael konnte sich gerade noch zum Bett hin retten. »Ich ... ich ... bin aus dem Bett gefallen« stammelte er. Aber die Mutter bemitleidete ihn garnicht. »So so« nickte sie. »Ja, so ist es: Kinder, die ein böses Gewissen haben, haben auch böse Träume.« Und damit ließ sie ihn wieder allein.

Michael rieb sich nachdenklich den Kopf. Er sah zu den Büchern hinüber, denn es war ihm, als habe eines von ihnen ganz deutlich gekichert. Aber sie standen ganz ruhig da. Sie taten nichts und sagten nichts. Aber das dünnste unter ihnen, das Buch der Erfindungen, sah ihn mit einem blanken, listigen Auge an, als wollte es sagen: warte nur, Bursche, es wird heute noch allerhand geschehen!

Der Blick war so unangenehm, daß Michael beschloß, dieses Buch wegzuschaffen. Er wollte es heute morgen noch zur Bibliothek zurückgeben, und obgleich Ferien waren und er länger schlafen durfte, stand er frühzeitig auf, so früh, daß der Vater noch nicht ins Büro gegangen war und noch am Frühstückstisch saß.

Das hatte Michael nicht erwartet. Er hatte das Buch der Erfindungen in der Hand und wollte es schnell verstecken. Aber der Vater sah gerade über den Rand der Zeitung und nickte ihm zu: »So früh auf, Michael? Und schon mit einem Buch in der Hand? Das ist ja ein Wunder.«

»Ich will es in die Bibliothek zurücktragen« sagte Michael.

»Gefällt es dir nicht? Oder hast du es schon zuende gelesen?«

Michael wurde rot bis unter den Haarschopf. Wie konnte er sich jetzt herauswinden? Er beschloß, nur ein ganz klein wenig die Unwahrheit zu sagen. »Ich habe nicht alles gelesen. Nur den Anfang ... und das Ende.«

Der Vater nahm ihm das Buch aus der Hand. Seine Augen funkelten blank und schlau. »Den Anfang und das Ende? Das ist immerhin etwas. Also können wir jetzt gehen?«

Michael riß die Augen auf. »Gehen? Wohin denn?«

Der Vater schlug das Buch auf. Zwischen der vorletzten und der letzten Seite lag ein Zettel, den Michael garnicht bemerkt hatte. Der Vater nahm ihn heraus und hielt ihn seinem Sohn unter die Augen. »Lies das einmal, du Freund der Wahrheit.«

Alle Buchstaben tanzten Michael vor den Augen. Er las langsam und stockend: »Wenn mein Sohn dieses Buch zuende gelesen hat, darf er zur Belohnung einen Ausflug an das Tote Meer machen. Vater.«

Zum ersten male, solange Michael denken konnte, fiel ihm nichts ein, was er hätte antworten können. Aber diesesmal verlangte auch niemand eine Antwort von ihm. Der Vater nahm schweigend den großen Rucksack, der auf dem Stuhl lag. Den kleinen, der daneben stand, legte er oben auf den Schrank. »Den brauchen wir heute nicht« sagte er zu sich selbst. Die Mutter nahm das schöne blaue Kopftuch und band es sich um. Sie sagte zum Vater: »Da wir doch schon die Fahrkarte haben, könnten wir eigentlich den kleinen Baruch von nebenan fragen, ob er mit uns fahren will.«

»Das ist eine gute Idee« sagte der Vater.

Um Michael kümmerten sie sich mit keinem Wort und keinem Blick. Er hätte gerne gesagt: »Ich bitte euch um Verzeihung ...« Aber er war zu sehr verstockt und die Worte gingen ihm nicht über die Lippen. Und dann war es auch zu spät. Die Haustüre klappte zu und wurde von außen geschlossen.

Von nebenan, vom Schreibtisch her, auf dem die Bücher standen, kam ein ganz leises, aber ganz deutliches Kichern. –

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