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Michael Kramer

Gerhart Hauptmann: Michael Kramer - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleMichael Kramer
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170113
projectidfa8c470d
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Erster Akt

Berliner Zimmer in der Wohnung Kramers. Zeit: Ein Wintervormittag gegen neun Uhr. Auf dem Tische in der Ecke am großen Hoffenster steht die noch brennende Lampe und das Frühstücksgeschirr. Die Ausstattung des Raumes zeigt nichts Außergewöhnliches. Michaline, interessantes, brünettes Mädchen, hat den Stuhl ein wenig vom Tische abgerückt, raucht eine Zigarette und hält ein Buch auf dem Schoß. Frau Kramer kommt durch die Tür der Hinterwand, wirtschaftlich beschäftigt. Sie ist eine weißhaarige Frau von etwa sechsundfünfzig Jahren. Ihr Wesen ist unruhig und sorgenvoll.

Frau Kramer. Bist du noch immer da, Michaline? Mußt du jetzt nicht fort?

Michaline, nicht gleich antwortend. Nein, Mutter, noch nicht. – Es ist ja auch noch ganz vollständig finster draußen.

Frau Kramer. Na, wenn du nur nichts versäumst, Michaline.

Michaline. Bewahre, Mutter.

Frau Kramer. Denn wirklich ... das magst du dir wirklich sehr wahrnehmen: es bleibt sowieso genug Sorge übrig.

Michaline. Ja, Mutter, gewiß! Sie raucht und sieht ins Buch.

Frau Kramer. Was liest du denn da? Das ewige Schmökern!

Michaline. Soll ich nicht lesen?

Frau Kramer. Wegen meiner lies! – Mich wundert bloß, daß du die Ruhe hast.

Michaline. Wenn man darauf warten wollte, o Gott! Wann käme man dann überhaupt zu was?!

Frau Kramer. Hat Papa nicht noch etwas gesagt, als er fortging?

Michaline. Nein!

Frau Kramer. Das ist immer das schlimmste, wenn er nichts sagt.

Michaline. Ja richtig! Das hätt' ich beinah vergessen. Arnold soll um Punkt elf Uhr bei ihm im Atelier sein.

Frau Kramer schließt die Ofentür und schraubt sie zu; als sie sich aufrichtet, seufzt sie. Ach je ja! Du mein Gott, du, du!

Michaline. Mach es doch so wie ich, Mutter: lenke dich ab! – Das ist ja nichts Neues, das kennen wir doch. Arnold wird sich auch darin nicht ändern. –

Frau Kramer nimmt am Tisch Platz, stützt ihren Kopf und seufzt. Ach, ihr versteht ja den Jungen nicht. Ihr versteht ihn nicht! Ihr versteht ihn nicht! Und Vater: – der richtet ihn noch zugrunde.

Michaline. – Das find' ich nicht recht, wenn du so was behauptest. Da bist du doch bitter ungerecht. Papa tut sein Allerbestes an Arnold. Auf jede Weise hat er's versucht. Wenn ihr das verkennt, Mutter, um so schlimmer.

Frau Kramer. Du bist Vaters Tochter, das weiß ich schon.

Michaline. Ja, deine Tochter und Vaters bin ich!

Frau Kramer. Nein, Vaters viel mehr, als du meine bist. Denn wenn du mehr meine Tochter wärst, so würd'st du nicht immer zu Vater halten. –

Michaline. – Mutter, wir wollen uns lieber nicht aufregen. – Da versucht man ganz einfach gerecht zu sein, gleich heißt es: Du hältst es mit dem oder dem. – Ihr macht's einem schwer, das könnt ihr mir glauben.

Frau Kramer. Ich halte zu meinem Jungen, basta! Und da mögt ihr schon machen, was ihr wollt!

Michaline. Wie man so was nur über die Lippen bringt!

Frau Kramer. Michaline, du bist eben gar keine Frau! Du bist gar nicht wie 'ne Frau, Michaline! Du sprichst wie'n Mann! Du denkst wie'n Mann! Was hat man denn da von seiner Tochter?

Michaline, achselzuckend. Ja, Mutter, wenn das wirklich so ist ...! Das werd' ich wohl auch nicht ändern können.

Frau Kramer. Du kannst es ändern, du willst nur nicht.

Michaline. Mama ... ich muß leider gehn, Mama. Sei gut, Mutter, hörst du, reg dich nicht auf. Du meinst das ja gar nicht, was du jetzt sagst.

Frau Kramer. So wahr wie ich hier stehe, Wort für Wort!

Michaline. Dann tut es mir leid für uns alle, Mutter!

Frau Kramer. Wir leiden auch alle unter Papa.

Michaline. Sei doch so gut, ein für allemal. Ich habe nie unter Vater gelitten, ich leide auch jetzt nicht unter ihm. Ich verehre Vater, das weißt du ganz gut! Das wäre die allerverfluchteste Lüge ...

Frau Kramer. Pfui, Michaline, daß du immer fluchst.

Michaline. ... wenn ich sagte, ich litte unter ihm. Es gibt keinen Menschen in der Welt, dem ich so über die Maßen dankbar bin.

Frau Kramer. Auch mir nicht?

Michaline. Nein. Es tut mir sehr leid. Was Vater ist und was Vater mir ist, das verstehen Fremde eher als ihr, ich meine: du und Arnold, Mutter. Denn das ist geradezu das Verhängnis: die Nächsten stehen Vater am fernsten. Er wäre verloren allein unter euch.

Frau Kramer. Als ob ich nicht wüßte, wie oft du geweint hast, wenn Vater ...

Michaline. Das hab' ich. Geweint hab' ich oft. Er hat mir zuweilen weh getan, aber schließlich mußt' ich mir immer sagen: er tat mir weh, aber niemals unrecht, und ich hatte immer dabei gelernt.

Frau Kramer. Und ob du gelernt hast oder nicht: du bist doch nicht glücklich geworden durch Vater. Wenn du deinen gemütlichen Haushalt hätt'st, einen Mann und Kinder ... und alles das ...

Michaline. Das hat mir doch Vater nicht geraubt!

Frau Kramer. Jetzt plagst du dich, wie Papa sich plagt, und es kommt nichts heraus als Mißmut und Sorge.

Michaline. Ach, Mutter, wenn ich das alles so höre, da wird mir immer so eng! So eng! So eng und beklommen, du glaubst es kaum. Bitter wehmütig. Wenn Arnold nicht eben Arnold wäre – wie dankbar würde er Vater sein.

Frau Kramer. Als Fünfzehnjährigen schlug er ihn noch!

Michaline. Daß Vater hart sein kann, bezweifle ich nicht, und daß er sich manchmal hat hinreißen lassen, beschön'ge ich nicht und entschuld'ge ich nicht. Aber, Mutter, nun denke auch mal daran, ob Arnold auch Vater Anlaß gegeben. Damals hatte er Vaters Handschrift gefälscht.

Frau Kramer. Aus Seelensangst! Aus Angst vor Papa.

Michaline. Nein, Mutter, das erklärt noch nicht alles.

Frau Kramer. Der Junge ist elend, er ist nicht gesund, er steckt in keiner gesunden Haut.

Michaline. Das mag immer sein, damit muß er sich abfinden. Sich abfinden, Mutter, ist Menschenlos. Sich halten und zu was Höh'rem durchwinden, das hat jeder gemußt. Da hat er an Vater das beste Beispiel. – Übrigens, Mutter, hier sind zwanzig Mark, ich kann diesen Monat nicht mehr entbehren. Ich habe die Farbenrechnung bezahlt, das machte allein dreiundzwanzig Mark. Das Winterbarett mußt' ich auch nun mal haben. Zwei Schülern habe ich stunden müssen.

Frau Kramer. Na ja, da quälst du dich ab mit den Frauenzimmern, und dann prellen sie dich um dein bißchen Verdienst.

Michaline. Nein, Mutter, sie prellen mich wirklich nicht, 'ne arme, schiefe Person ohne Mittel! Die Schäffer spart sich's vom Munde ab. Die Entreeklingel geht. Es hat eben geklingelt, wer kann denn das sein?

Frau Kramer. Ich weiß nicht. Ich will nur die Lampe auslöschen. – Ich wünschte, man läge erst anderswo.

Bertha geht durchs Zimmer.

Michaline. Fragen Sie erst nach dem Namen, Bertha.

Frau Kramer. Der junge Herr schläft noch?

Bertha. Der hat sich erscht gar nicht erscht niedergelegt.

Bertha ab.

Michaline. Wer kann denn das aber bloß sein, Mama?

Bertha kommt wieder.

Bertha. A Maler Lachmann mit seiner Frau. A war frieher beim Herrn Professor uff Schule.

Michaline. Papa ist nicht Professor, das wissen Sie ja, er will, daß Sie einfach Herr Kramer sagen. Sie geht in das Entree hinaus.

Frau Kramer. Ja, wart nur! Ich will nur ein bißchen abräumen. Fix, Bertha! Ich komme dann später mal rein. Sie und Bertha, einiges Tischgeschirr mit sich nehmend, ab.

Die Geräusche einer Begrüßung im Entree dringen herein. Hierauf erscheinen Maler Ernst Lachmann, seine Frau Alwine und zuletzt wiederum Michaline. Lachmann trägt Zylinder, Paletot und Stock, sie dunkles Federbarett, Federboa usw. Die Kleidung der beiden ist abgetragen.

Michaline. Wo kommst du denn her? Was machst du denn eigentlich?

Lachmann, vorstellend. Alwine – und hier: Michaline Kramer!

Frau Lachmann, stark überrascht. I! Ist das denn möglich? Das wären Sie?

Michaline. Setzt Sie das wirklich so in Erstaunen?

Frau Lachmann. – Ja! Offen gestanden! Ein bißchen, ja. Ich habe Sie mir ganz anders gedacht.

Michaline. Noch älter? noch runzliger, als ich schon bin?

Frau Lachmann, schnell. Nein, ganz im Gegenteil, offen gestanden. Michaline und Lachmann brechen in Heiterkeit aus.

Lachmann. Das kann ja gut werden. Du fängst ja gut an.

Frau Lachmann. Wieso? Hab' ich wieder was falsch gemacht?

Lachmann. Wie geht's deinem Vater, Michaline?

Michaline. Gut. Ungefähr wie's ihm immer geht. Du wirst ihn wohl kaum sehr verändert finden. – Aber bitte, nimm Platz! Bitte, gnädige Frau! Sie müssen uns schon entschuldigen, nicht wahr? Es sieht noch ein bißchen polnisch hier aus. Alle setzen sich um den Tisch. Du rauchst? Sie bietet ihm Zigaretten an. Oder hast du dir's abgewöhnt? – Entschuldigen Sie nur, ich habe gequalmt. Ich weiß zwar, daß das nicht weiblich ist, aber leider ... die Einsicht kommt mir zu spät. Sie rauchen wohl nicht? Nein? Und stört Sie's auch nicht?

Frau Lachmann, verneinendes Kopfschütteln. Ernst lutscht ja zu Hause den ganzen Tag.

Lachmann, aus Michalinens Etui eine Zigarette nehmend. Danke! – Davon verstehst du nun nichts.

Frau Lachmann. Was ist denn dabei zu verstehen, Ernst?

Lachmann. Viel, liebe Alwine.

Frau Lachmann. Wieso? Wieso?

Michaline. Es spricht sich viel besser, sobald man raucht.

Frau Lachmann. Da ist es man gut, Fräulein, daß ich nicht rauche. Ich quatsche ihm sowieso schon zu viel.

Lachmann. Es kommt immer darauf an, was man redet.

Frau Lachmann. Du redest auch manchmal Stuß, lieber Ernst.

Lachmann, gewaltsam ablenkend. Ja! Was ich doch sagen wollte! ... Ja so: Also deinem Vater geht's gut, das freut mich.

Michaline. Ja. Wie gesagt: es geht ihm wie immer. Im großen und ganzen jedenfalls. Du kommst wohl hierher, deine Mutter besuchen?

Frau Lachmann, geschwätzig. Er wollte sich nämlich mal'n bißchen hier umschaun: ob nicht irgend vielleicht hier was zu machen wär'. In Berlin ist nämlich rein gar nichts los. Ist denn hier auch nichts zu machen, Fräulein?

Michaline. Inwiefern? Ich weiß nicht ... wie meinen Sie das?

Frau Lachmann. Na, Sie haben doch, denk' ich, 'ne Schule gegründet. Bringt Ihnen das nicht hübsch was ein?

Lachmann. Du! Wenn du fertig bist, sag mir's. Ja?

Michaline. Meine Malschule?! Etwas! O ja! Nicht viel. Aber immerhin etwas, es geht schon an. Zu Lachmann. Willst du mir etwa Konkurrenz machen?

Frau Lachmann. Ach wo denn! Bewahre! Wo denken Sie hin! Mein Mann schwärmt ja von Ihnen, kann ich Ihn sagen. Das würde mein Mann doch gewiß nicht tun. Aber irgendwas muß der Mensch doch anfangen. Man will doch auch essen und trinken, nicht wahr? Mein Mann ...

Lachmann. Mein Mann! Ich bin nicht dein Mann. Der Ausdruck macht mich immer nervös.

Frau Lachmann. Na haben Sie so was schon gehört!

Lachmann. Ernst heiß' ich, Alwine! Merk dir das mal! Meine Kohlenschaufel, das kannst du sagen. Mein Kaffeetrichter, mein falscher Zopf, aber sonst: Sklaverei ist abgeschafft!

Frau Lachmann. Aber Männe ...

Lachmann. Das ist auch'n Hundename.

Frau Lachmann. Nu sehn Se: da hat man nu so einen Mann. Tun Sie mir nur den einzigen Gefallen: heiraten Sie um keinen Preis. Die alten Jungfern haben's viel besser.

Michaline lacht herzlich.

Lachmann. Alwine, jetzt hat die Sache geschnappt. Du wirst dir gefälligst die Boa umnehmen und irgendwo auf mich warten. Verstanden? –? Sonst hat ja das alles gar keinen Zweck. – Du nimmst dir die Boa um und gehst – dein höchst geschmackvolles Lieblingsmöbel. Fahre gefälligst zu Mutter hinaus oder setz dich hier drüben ins Café, ich will dich meinswegen dann wieder abholn.

Frau Lachmann. Nein so was! – Sehn Sie, so geht's einer Frau. Man darf nicht piep sagen, gleich –: Herrje!! –

Lachmann. Es ist auch nicht nötig, daß du piep sagst, es steckt ja doch immer 'ne Dummheit dahinter.

Frau Lachmann. So klug wie du bin ich freilich nicht.

Lachmann. Geschenkt! Alles Weitere wird dir geschenkt.

Michaline. Aber bitte, Frau Lachmann, bleiben Sie doch.

Frau Lachmann. Ums Himmels willen! Wo denken Sie hin! Sie brauchen mich wirklich gar nicht bedauern. Er läuft mir schon wieder über den Weg. Adieu! – An der Ecke hier drüben ist ein Konditor. Also Männe: Verstehst du? Dort trittst du an. Ab, von Michaline geleitet.

Lachmann. Da iß nur nicht wieder dreizehn Spritzkuchen.

Michaline kommt wieder. »Die alten Jungfern haben's viel besser«; sie ist wirklich ein bißchen gradezu.

Lachmann. Sie sprudelt alles so durcheinander.

Michaline, wieder Platz nehmend. Du machst aber wirklich kurzen Prozeß. Das läßt sich nicht jede bieten, Lachmann.

Lachmann. – – Michaline, sie drückt mich bös an die Wand. – Sie wollte dich eben doch nur kennenlernen. Sonst hätt' ich sie gar nicht mitgebracht. Wie geht's dir übrigens?

Michaline. Danke! Gut! Und dir?

Lachmann. Auch ebenso lila.

Michaline. Na ja, mir ja auch. – Du wirst aber auch schon grau um die Schläfe.

Lachmann. Der Esel kommt immer mehr heraus. Beide lachen.

Michaline. Und willst du dich also hier niederlassen?

Lachmann. Ich denke ja nicht im Schlafe daran. Sie phantasiert sich so Sachen zusammen und behauptet dann absolut steif und fest, ich hätte wer weiß was alles gesagt. Pause. Wie geht's deinem Bruder?

Michaline. Danke, gut.

Lachmann. Malt er fleißig?

Michaline. Im Gegenteil.

Lachmann. Was tut er denn sonst?

Michaline. Er bummelt natürlich. Er bummelt, was sollte er anders tun?

Lachmann. Warum ist er denn nicht in München geblieben? Da hat er doch das und jenes gemacht.

Michaline. Traust du dem Arnold noch irgendwas zu?

Lachmann. Wieso? Das verstehe ich eigentlich nicht. Das ist doch ganz außer Frage so ziemlich.

Michaline. Na, wenn er Talent hat ... dann ist er's nicht wert. – Übrigens, um auf was anderes zu kommen: Vater hat öfter nach dir gefragt. Er wird sich freuen, dich wiederzusehen. Und abgesehen von mir natürlich, freut's mich im Hinblick auf Vater sehr, daß du wieder mal rübergekommen bist. Er kann nämlich eine Auffrischung brauchen.

Lachmann. Ich auch. Wahrscheinlich ich mehr wie er. Und – ebenfalls abgesehen von dir! – was mich sonst ausschließlich gezogen hat – alles andere hätte noch Zeit gehabt! –, das ist ausschließlich der Wunsch gewesen, mal wieder bei deinem Vater zu sein. Allerdings sein Bild möcht' ich auch mal sehn.

Michaline. Wer hat dir denn was gesagt von dem Bilde?

Lachmann. Es heißt ja, die Galerie hat's gekauft.

Michaline. Direktor Müring ist hier gewesen, aber ob er's gekauft hat, weiß ich nicht. Papa ist zu peinlich. Ich glaube kaum. Er wird's wohl erst wollen ganz fertigmachen.

Lachmann. Du kennst doch das Bild? Natürlich doch?

Michaline. Es war vor zwei Jahren, als ich's sah. Ich kann es gar nicht mehr recht beurteilen. Papa malt eben schon sehr lange daran.

Pause.

Lachmann. Denkst du, daß er mir's zeigen wird? Ich weiß nicht, ich habe das Vorgefühl, es müßte was Exorbitantes sein. Ich kann mir nicht helfen, ich glaube daran. Ich habe ja manchen jetzt kennengelernt, aber keinen, bei dem man so den Wunsch hatte, man möchte ein Stück seines Inneren sehn. Überhaupt, du, wenn ich nicht ganz versumpft bin – denn wirklich, ich halte mich immer noch –, hauptsächlich verdank' ich das nur deinem Vater. Was er einem gesagt hat und wie er's tat, das vergißt sich nicht. Einen Lehrer wie ihn, den gibt's gar nicht mehr. Ich behaupte, auf wen dein Vater einwirkt, der kann gar nie gänzlich verflachen im Leben.

Michaline. Das sollte man meinen, Lachmann, ja, ja.

Lachmann. Er wühlt einen bis zum Grunde auf. Man lernt ja von manchem so das und jen's, mir sind auch ganz wackere Leute begegnet. Doch immer, dahinter erschien mir dein Vater, und da hielten sie alle nicht recht mehr stand. Er hat uns alle so durchgewalkt, uns Schüler, so gründlich, von vornherein, von innen heraus alles umgekrempelt! Die Kleinbürgerseele so ausgeklopft. Man kann darauf fußen, solange man lebt. Zum Beispiel, wer seinen Ernst gekannt hat, seinen unabirrbaren Ernst zur Kunst, dem erscheint zuerst alles da draußen frivol ...

Michaline. Nun siehst du – und Vaters großer Ernst ... du sagst es ... du spürst ihn noch im Blut, mir ist er mein bester Besitz geworden. Auf fadeste Dummköpfe machte er Eindruck, auf Arnold nicht, der nimmt ihn nicht an. Sie hat sich erhoben. Ich muß nun zum Korrigieren, Lachmann. Du lachst, du denkst, sie kann selber nichts Recht's.

Lachmann. Du bist ja doch deines Vaters Tochter. Nur wollt' ich da immer gar nicht ran. Ich denke mir das ganz besonders trostlos, sich so mit malenden Damen herumschlagen.

Michaline. – Immerhin, es läßt sich schon auch etwas tun. Die ehrlichste Mühe geben sie sich. Das allein schon versöhnt doch. Was will man mehr? Ob sie schließlich und endlich was wirklich erreichen –? Im Ringen danach ist ja schon was erreicht. Und außerdem geht es mir ähnlich wie Vater: auf Menschen zu wirken macht mir Spaß. Man verjüngt sich auch an den Schülern, Lachmann: das tut einem mit der Zeit ja auch not. Sie öffnet die Tür und ruft in die hinteren Räume. Adieu, Mama, wir gehen jetzt fort.

Arnolds Stimme, nachäffend. Adieu, Mama, wir gehen jetzt fort.

Lachmann. Wer war denn das?

Michaline. Arnold. Er tut das nicht anders. Es ist weiter nicht erquicklich. Komm! Lachmann und Michaline ab.

Arnold kommt. Er ist ein häßlicher Mensch mit schwarzen, feurigen Augen unter der Brille, dunklem Haar und dünnem Bartansatz, mit schiefer, etwas gebeugter Haltung. Die Farbe seines Gesichts ist schmutzigblaß. Er schlürft in Pantoffeln bis vor den Spiegel, sonst nur noch mit Hose und Rock bekleidet, nimmt die Brille ab und betrachtet, Grimassen schneidend, Unreinlichkeiten seiner Haut. Die ganze Erscheinung ist salopp. Michaline kommt zurück.

Michaline, leicht erschreckend. Ach, Arnold! – Ich hab' meinen Schirm vergessen. – Übrigens weißt du: Lachmann ist hier.

Arnold macht abwehrende und sie zur Ruhe weisende Gesten. Der Biedermann ist mir ganz hochgradig Wurstsuppe.

Michaline. Sag mal, was hat dir denn Lachmann getan?

Arnold. – – Er hat mir mal seinen Kitsch gezeigt.

Michaline, achselzuckend, ruhig. Vergiß nicht, um elf Uhr bei Vater zu sein. Arnold hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Sag mal, Arnold, hältst du das etwa für anständig?

Arnold. Ja. – Pump mir mal lieber eine Mark.

Michaline. Ich kann's dir ja borgen, warum denn nicht. Ich muß mir nur schließlich Vorwürfe machen, daß ich ...

Arnold. Schieb ab! Kratz ab, Michaline! Eure Knietschigkeit kennt man ja doch.

Michaline will etwas erwidern, zuckt mit den Achseln und geht. Ab. Arnold schlürft an den Frühstückstisch, ißt ein Stückchen Zucker und streift nur flüchtig seine Mutter, die eben hereintritt. Hernach tritt er wiederum an den Spiegel.

Frau Kramer trocknet ihre Hände an der Schürze und läßt sich auf irgendeinen Stuhl nieder, zugleich schwer und sorgenvoll seufzend. I Gott, je ja!

Arnold wendet sich, schiebt die Brille mehr nach der Nasenspitze zu, zieht die Schultern hoch und nimmt die dem Nachfolgenden entsprechende komische Haltung an. Mutter, seh' ich nicht aus wie'n Marabu?

Frau Kramer. Ach, Arnold, mir ist ganz anders zumut! Ich kann über deinen Unsinn nicht lachen. – Wer hat dir denn aufgeschlossen heut nacht?

Arnold, sich ihr nähernd und immer noch die marabuhafte komische Gravität festhaltend. Vater!

Frau Kramer. Die drei Treppen ist er heruntergekommen?

Arnold, noch immer komisch über die Brille schielend. Ja!

Frau Kramer. Nee, Arnold, das ist mir ganz widerlich! So hör doch nu endlich auf mit dem Unsinn. Du kannst doch mal ernst sein. Sei doch vernünftig. Erzähle doch mal, was Papa gesagt hat.

Arnold. – Euch ist immer alles widerlich. Ihr seid mir auch widerlich, derbe mitunter.

Frau Kramer. War Vater sehr böse, als er dir aufschloß? Arnold geistesabwesend. Was hat er dir denn gesagt?

Arnold. Nichts!

Frau Kramer nähert sich ihm zärtlich. Arnold, bessere dich doch. Tu mir's doch zuliebe! Fang doch ein andres Leben an.

Arnold. Wie leb' ich denn?

Frau Kramer. Lüderlich lebst du! Faul! Nächtelang bist du außerm Hause. Du treibst dich herum ... o Gott, o Gott! Du führst ein entsetzliches Leben, Arnold!

Arnold. Spiel dich doch bloß nicht so schrecklich auf, Mutter! Was du für 'ne Ahnung hast, möcht' ich bloß wissen.

Frau Kramer. Das ist ja recht schön, das muß man wohl sagen: wie du mit deiner Mutter verkehrst. –

Arnold. Dann laßt mich doch bitte gefälligst in Ruh'! Was kläfft ihr denn immer auf mich ein! Das ist ja reinwegs gradezu zum Verrücktwerden.

Frau Kramer. Das nennst du in dich hineinkläffen, Arnold? – wenn man zu dir kommt und dein Bestes will? Soll deine Mutter nicht zu dir kommen? – Arnold, Arnold, versündige dich nicht!

Arnold. Mutter, das nutzt mir ja alles nichts! Das ewige Gemähre nutzt mir ja nichts. Übrigens habe ich scheußliche Kopfschmerzen! Gebt mir ein bißchen Geld in die Hand, dann will ich schon sehn, wie ich weiterkomme ...

Frau Kramer. So? Daß du noch völlig zugrunde gehst.

Pause.

Arnold, am Tisch, Semmel in die Hand nehmend. Semmel! Das Zeug ist wie Stein so hart!

Frau Kramer. Steh zeitiger auf, dann wirst du sie frisch haben.

Arnold, gähnend. Ekelhaft öde und lang ist so'n Tag.

Frau Kramer. Das ist kein Wunder, so wie du's treibst. Schlafe die Nacht durch gehörig aus, so wirst du auch tagsüber munter sein. – – – Arnold, so lass' ich dich heute nicht los! Meinetwegen fahre mich an, wie du willst. Ich kann das länger nicht mehr ansehn. Er hat sich an den Tisch gesetzt, sie gießt ihm Kaffee ein. Schneide Gesichter, soviel du willst, ich muß hinter deine Schliche kommen. Du hast was! Ich kenne dich doch genau. Du hast irgendwas, was dich drückt und besorgt. Denkst du, ich hab' dich nicht seufzen gehört? Das geht doch in einem fort mit dem Seufzen, du merkst es ja gar nicht mehr, wenn du seufzt.

Arnold. Herr Gott, ja! das Aufpassen! Teufel noch mal. Wieviel man geniest hat, und so was Gut's. Wie oft man ausspuckt, seufzt und noch was. Zum auf die Bäume Klettern ist das!

Frau Kramer. Sag, was du willst, das ist mir ganz gleichgiltig. Ich weiß, was ich weiß, und damit gut. Irgendwas, Arnold, lastet auf dir. Das merkt man auch schon deiner Unruhe an. Etwas unruhig bist du ja immer gewesen, aber nicht so wie jetzt: das weiß ich genau.

Arnold schlägt mit der Faust auf den Tisch. Mutter, laßt mich zufrieden, verstehst du? – Sonst jagt ihr mich gänzlich zum Tempel naus. – – – Was geht euch das an, was ich treibe, Mutter!? Ich bin aus den Kinderschuhen heraus, und was ich nicht sagen will, sage ich nicht. Die Malträtagen hab' ich satt. Ich bin lange genug von euch malträtiert worden. Für euren Beistand bedank' ich mich auch. Ihr könnt mir nicht helfen, sag' ich euch ja. Ihr könnt höchstens zetermordio schreien.

Frau Kramer, weinend, aufgelöst. Arnold, hast du was Schlimmes getan? Barmherziger Gott im Himmel, Arnold, was hast du um Gottes willen gemacht?

Arnold. Einen alten Juden erschlagen, Mama.

Frau Kramer. Spotte nicht! Treibe nicht Spott mit mir! Sage mir's, wenn du etwas gemacht hast. Ich weiß ja, du bist kein böser Mensch, aber manchmal bist du gehässig und jähzornig. Und was du in Wut und im Jähzorn tust ... wer weiß, was du da noch für Unheil anrichtest.

Arnold. Mama! Mama! Beruhige dich! Ich habe den Juden nicht erschlagen. Nicht mal'n gefälschten Pfandschein verkauft, trotzdem ich sehr nötig 'n bißchen Geld brauchte.

Frau Kramer. Ich bleibe dabei, du verhehlst uns was! Du kannst einem nicht in die Augen sehn. Du hast auch früher was Scheues gehabt, jetzt aber, Arnold – du merkst es nur nicht –, jetzt ist es, wie wenn du gezeichnet wärst. Du trinkst! Früher mochtest du Bier nicht sehn. Du trinkst, um dich zu betäuben, Arnold.

Arnold hat am Fenster gestanden und an die Scheibe getrommelt. Gezeichnet! Gezeichnet! Und was denn nun noch? – Meinshalben redet doch, was ihr wollt. – Gezeichnet bin ich, da hast du ja recht, aber daran bin ich doch wirklich, scheint's, unschuldig.

Frau Kramer. Immer stichst du um dich und schlägst und schneidest und schneid'st einem manchmal recht tief ins Herz. Wir haben doch unser Bestes getan. Daß du so geworden bist, wie du jetzt bist ... das muß man tragen, wie Gott es gibt.

Arnold. Na also! Dann tragt es mal auch gefälligst.

Pause.

Frau Kramer. Arnold, hörst du, verstock dich nicht! Sage mir doch mal, was du hast. Man muß sich ja ängstigen Tag und Nacht. Du weißt gar nicht, wie Papa sich herumwälzt. Ich schlafe auch schon viele Tage nicht mehr. Befreie uns doch von dem Alp, der uns drückt, Junge. Vielleicht kannst du es doch durch ein offenes Wort. Du bist ja gebrechlich, das weiß ich ja ...

Arnold. Ach, Mutter, brich die Geschichte doch ab. Ich schlafe sonst künftig im Atelier, auf meinem Heuboden, wollt' ich sagen, und gefriere lieber zu Stein und Bein. Es ist was! Na gut. Das bestreit' ich ja gar nicht. Aber soll ich deswegen etwa Alarm schlagen? Die Geschichte wird bloß noch böser dadurch.

Frau Kramer. Arnold, du bist ... Ist es immer noch das? – Vor Wochen hast du dich mal verraten! Da hast du es dann zu vertuschen gesucht. – Ist es immer noch das mit dem Mädchen, Arnold?

Arnold. Mutter, bist du denn ganz verrückt?

Frau Kramer. Junge, tu uns doch das nicht noch an! Verwickle dich nicht noch in Liebesgeschichten. Häng du dein Herz noch an so ein Weibsbild, da wirst du durch alle Pfützen geschleift. Ich weiß ja, wie groß die Verführung hier ist. Diese Fallgruben gibt's ja auf Schritt und Tritt. Man hört ja die Rotten, wenn man vorbeigeht. Die Polizei, die duldet ja das! – Und wenn du auf deine Mutter nicht hörst, so wirst du auch sonst mal zu Schaden kommen. Verbrechen geschehen ja täglich genug.

Arnold. Es soll mich mal einer anrühren, Mutter! Mit einem Griff in seine Hosentasche. Für den Fall hätt' ich doch vorgesorgt.

Frau Kramer. Was heißt das?

Arnold. Daß ich auf alles gefaßt bin. Da gibt's, Gott sei Dank, ja heut Mittel dazu.

Frau Kramer. Ekelt dich das nicht von außen schon an, das Klaviergepauk und die roten Laternen und der ganze gemeine, eklige Dunst! Arnold, wenn ich das denken sollte, daß du dort ... ich meine, in solchen Höhlen ... solchen Schmutzlöchern! deine Nächte verbringst, dann lieber wollt' ich doch sterben und tot sein.

Arnold. Mutter, ich wünschte, der Tag war' rum. Ihr macht mich ganz dumm, mir tettern die Ohren. Ich muß immer an mich halten, wahrhaftig, sonst führe ich oben zum Schornstein raus. Ich wer mir'n Rucksack kaufen, Mama, und euch alle immer mit mir herumschleppen.

Frau Kramer. Gut. Aber das eine sag' ich dir, du gehst heute abend nicht aus dem Hause.

Arnold. Nein! Denn ich gehe jetzt gleich, Mama.

Frau Kramer. Um elf zu Papa, und dann kommst du wieder.

Arnold. Ich denke nicht dran! Das fällt mir nicht ein.

Frau Kramer. Wohin gehst du denn dann?

Arnold. Das weiß ich noch nicht.

Frau Kramer. Du willst also nicht zu Mittag nach Haus kommen?

Arnold. Mit euren Gesichtern an einem Tisch? Nein. Und ich esse ja doch nichts, Mama.

Frau Kramer. Den Abend willst du dann auch wieder fortbleiben?

Arnold. Ich tue und lasse, was mir beliebt.

Frau Kramer. Gut, Junge, dann sind wir geschiedene Leute! – Und außerdem komm' ich dir auf die Spur! Ich ruhe nicht eher, verlaß dich drauf! Und wenn ich so'n Frauenzimmer ausfindig mache, das schwör' ich dir zu, und Gott ist mein Zeuge: die übergeb' ich der Polizei!

Arnold. Na, Mutter, tu das nur lieber nicht.

Frau Kramer. Ich sag' es Vater. Im Gegenteil. Und Vater, der wird dich schon zur Vernunft bringen. Laß den was merken: er kennt sich nicht mehr.

Arnold. Ich kann dir nur sagen, tu's lieber nicht. Wenn Vater Moral donnert, weißt du ja wohl, so halt' ich mir bloß noch die Ohren zu. Im übrigen macht es mir keinen Effekt. Herr Gott, ja! Ihr seid mir so fremd geworden ... Sag mal: wo bin ich denn eigentlich hier? –

Frau Kramer. So?!

Arnold. Wo denn? Wo bin ich denn eigentlich, Mutter? Die Michaline, der Vater, du, was wollt ihr? Was habt ihr mit mir zu schaffen? Was geht ihr mich alle im Grunde an?

Frau Kramer. Wie? Was?

Arnold. Ja, was denn? Was wollt ihr denn?

Frau Kramer. Was das für empörende Reden sind!

Arnold. Ja, ja, empörend: meinswegen auch das. Aber wahr, Mutter, wahr, diesmal! Nicht gelogen. Ihr könnt mir nicht helfen, sag' ich euch. Und wenn ihr mir's etwa noch mal zu bunt macht, dann passiert vielleicht was ... irgendwas mal, Mama, daß ihr alle vielleicht 'n verdutztes Gesicht macht! – Da hat dann die liebe Seele Ruh'!

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