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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eines Abends saß Dag Daughtry an einem Tisch in einem Wirtshaus. Er befand sich in einer tüchtigen Klemme; er hatte seine letzten Spargroschen verbraucht. Vor einer Weile hatte er den alten Seemann angerufen, der ihm insofern einen Fortschritt berichten konnte, als an eben diesem Tage ein Quacksalber, der seine Praxis aufgegeben hatte und von seinem Gelde lebte, ungewöhnlich kräftig angebissen hatte.

»Lassen Sie mich meine Ringe versetzen«, hatte der alte Seemann eindringlich, und nicht zum erstenmal, am Telephon gesagt.

»Nein, Herr«, hatte Daughtry geantwortet. »Die brauchen wir für das Geschäft. Sie sind die Warenlager. Sie geben den nötigen Duft von Schätzen und Reichtümern. Ich werde mir heute nacht den Kopf zerbrechen und morgen mit Ihnen reden, Herr. Behalten Sie ja die Ringe und halten Sie sie dem Doktor hin und wieder, wie zufällig, unter die Nase. Er muß Ihnen kommen. Das ist die einzige Möglichkeit. Machen Sie sich keine Kopfschmerzen, Herr. Dag Daughtry ist immer noch auf die Füße gefallen.«

Als er aber im »Rammbock« saß, erschien ihm sein Fall sehr nahe bevorstehend. In seiner Tasche war genau die Miete für die kommende Woche, die bereits vor drei Tagen fällig gewesen war. In der Wohnung befand sich noch gerade so viel Essen, daß es bei einiger Sparsamkeit für einen Tag genügte. Die bescheidene Hotelrechnung des alten Seemanns war seit zwei Wochen nicht bezahlt, und das war ein ungeheurer Betrag; dazu hatte der alte Seemann nur noch ein paar Dollar in der Tasche, um dem schatzgierigen Doktor gegenüber den reichen Mann zu spielen.

Das Schrecklichste von allem war indessen die Tatsache, daß Dag Daughtry noch drei Liter an seiner täglichen Ration fehlten und er sich nicht am Mietsgeld vergreifen wollte, dem einzigen Bollwerk zwischen ihm und seiner Familie einerseits und der Straße andererseits. Daher saß er jetzt am Tisch mit Kapitän Jörgensen, der gerade mit einer Ladung Heu aus dem Tiefland von Petaluma zurückgekehrt war. Er hatte schon zweimal Bier ausgegeben und verriet kein weiteres Anzeichen von Durst. Statt dessen gähnte er und sah auf die Uhr. Und Daughtry fehlten noch drei Liter. Dazu war Hanson noch nicht vertrimmt, so daß die Stellung als Koch auf dem Schoner noch in unabsehbar weiter Ferne lag.

In seiner Verzweiflung hatte Daughtry einen Einfall, durch den er zu einem neuen Glas Faßbier zu kommen hoffte. Er mochte Faßbier nicht, aber es war billiger als Lagerbier.

»Wissen Sie, Kaptän«, sagte er. »Sie ahnen gar nicht, wie pfiffig Killeny-Boy ist. Denken Sie, er kann ebensogut rechnen wie Sie und ich.«

»Hoho!« polterte Kapitän Jörgensen. »Ich habe das in Schaubuden gesehen. Das ist alles Humbug. Hunde und Pferde können nicht rechnen.«

»Dieser Hund doch«, beharrte Daughtry ruhig. »Sie können ihm nichts vormachen. Ich will auf der Stelle mit Ihnen wetten, daß ich so laut, daß er es hören und verstehen kann, zwei Bier bestelle, dem Kellner zuflüstere, daß er nur eines bringen soll, und wenn das eine dann kommt, wird Killeny-Boy Spektakel mit dem Kellner machen.«

»Hoho! Was gilt die Wette?«

Der Steward faßte nach einem Zehn-Cent-Stück in seiner Tasche. Wenn Killeny-Boy ihn enttäuschte, hieß das, daß er das Mietsgeld angreifen mußte, aber er sagte sich, daß Killeny-Boy ihn nicht enttäuschen würde, und antwortete: »Zwei Glas Bier.«

Nachdem der Kellner heimlich unterrichtet worden war, wurde Michael aus der Ecke, wo er zu Kwaques Füßen lag, gerufen. Als der Steward einen Stuhl für ihn an den Tisch rückte und ihn aufforderte, Platz zu nehmen, horchte er auf. Steward wollte offenbar etwas von ihm.

»Kellner«, rief Steward, und als der Kellner an ihren Tisch trat, sagte er: »Zwei Bier. Hast du verstanden, Killeny? Zwei Bier.«

Michael drehte und wand sich auf seinem Stuhl, legte eine eifrige Pfote auf den Tisch und streckte seinen Span von Zunge nach Stewards Gesicht aus, das sich dicht über ihn beugte.

»Er weiß Bescheid«, sagte Daughtry.

»Nicht, wenn wir reden«, lautete die Antwort. »Sie sollen sehen, wie wir Ihren Wauwau anführen. Ich sage also, daß Sie den Platz bekommen, sobald ich Hanson vertrimmt habe, und Sie sagen, daß ich Hanson jetzt vertrimmen soll. Aber ich sage, Hanson muß mir erst einen Anlaß geben. Und dann streiten wir uns wie zwei Blödsinnige und machen einen furchtbaren Spektakel! Einverstanden?«

Daughtry nickte, und nun folgte eine laute Diskussion, bei der Michael ernst von einem zum andern blickte.

»Ich habe Sie angeführt«, sagte Kapitän Jörgensen, als der Kellner mit nur einem Glas Bier ankam. »Der Wauwau hat es vergessen, wenn er es überhaupt je gewußt hat. Er glaubt, daß wir beide uns streiten, und unser Gerede hat in seinem Kopf die Erinnerung an das Bier ausgelöscht.«

»Ich erlaube mir zu glauben, daß er nicht zu rechnen vergißt, soviel Lärm wir auch machen«, sagte Daughtry laut, um sich Mut zu machen. »Passen Sie jetzt auf.«

Das große Bierglas wurde vor den Kapitän gestellt, und Michael, der wußte, daß man etwas von ihm wollte, stellte sich, wie eine Bogensehne gestrafft, auf die Zehenspitzen, um seinem Herrn zu dienen. Sich seiner alten Lehre von der Makambo erinnernd, spähte er vergebens nach einem Zeichen in Stewards unbeweglichem Gesicht, sah sich dann um und entdeckte nicht zwei, sondern nur ein Glas. So gut hatte er den Unterschied zwischen zwei und eins gelernt, daß es ihm sofort auffiel – wie, ja, das kann selbst der tiefsinnigste Psychologe ebensowenig erklären, wie er erklären kann, was ein Gedanke an sich ist –, daß es nur ein Glas war, obwohl zwei bestellt waren. Er sprang plötzlich hoch, legte beide Vorderpfoten auf den Tisch und bellte mit einer Stimme, die rauh vor Zorn war, den Kellner an.

Kapitän Jörgensen schlug mit der Faust auf den Tisch. »Sie gewinnen«, brüllte er. »Ich bezahle, Kellner, noch eins!«

Michael sah Steward an, als wollte er die Bestätigung erhalten, daß er seine Sache gut gemacht hatte, und Stewards Hand auf seinem Kopfe gab hinreichende Antwort.

»Wir versuchen es noch einmal«, sagte der Kapitän, der plötzlich wach geworden war und großes Interesse bezeigte, während er sich mit dem Handrücken den Bierschaum vom Bart wischte. »Eins und zwei mag er kennen. Aber wie steht es mit drei? Und mit vier?«

»Genau dasselbe, Schiffer. Er kann bis fünf zählen und sogar mehr als fünf unterscheiden, wenn er auch die Zahlen nur bis fünf bei Namen kennt.«

»He, Hanson«, brüllte Jörgensen durch die ganze Wirtschaft dem Koch der Howard zu. »He, Sie Dickschädel. Kommen Sie her und trinken Sie eins.«

Hanson kam und nahm sich einen Stuhl.

»Ich gebe aus«, sagte der Kapitän. »Aber Sie bestellen, Daughtry. Passen Sie auf, Hanson. Der Hund kann besser rechnen als Sie. Wir sind drei. Daughtry, bestellen Sie drei Bier. Der Wauwau hört drei. Ich halte zwei Finger hoch, daß der Kellner es sieht. So. Er bringt zwei. Aber der Wauwau macht einen Höllenspektakel mit dem Kellner. Passen Sie auf.«

Alles geschah. Michael war nicht zu beruhigen, ehe die Bestellung richtig ausgeführt war.

»Er kann nicht zählen«, meinte Hanson. »Er sieht einen Mann, der kein Bier hat. Das ist alles. Er weiß, daß jeder Mann sein Bier haben soll, deshalb bellt er.«

»Er kann noch viel mehr«, prahlte Daughtry. »Wir sind drei. Wir wollen vier bestellen. Dann hat jeder Mann sein Glas, aber Killeny-Boy wird dem Kellner doch Bescheid sagen.«

Und richtig, Michael, der jetzt wußte, worum es sich handelte, ließ dem Kellner keine Ruhe, bis er das vierte Glas gebracht hatte. Jetzt umstanden viele Menschen den Tisch. Und alle wollten Bier ausgeben, um Michael auf die Probe zu stellen.

»Gott sei Dank«, sagte Dag Daughtry bei sich. »Das ist eine merkwürdige Welt. Den einen Augenblick ist man durstig, und den nächsten ersäufen sie einen geradezu in Bier.«

Mehrere wollten sogar Michael kaufen und boten lächerliche Summen, fünfzehn oder zwanzig Dollar.

»Jetzt will ich Ihnen etwas sagen«, sagte Kapitän Jörgensen leise zu Daughtry, den er in eine Ecke gezogen hatte.

»Geben Sie mir den Wauwau, dann vertrimme ich Hanson sofort, und Sie kriegen den Platz – und treten morgen die Arbeit an.«

Der Wirt des »Rammbocks« zog Daughtry in eine andere Ecke und flüsterte ihm zu:

»Kommen Sie jeden Abend mit Ihrem Hund her. Das gibt ein Geschäft! Ich gebe Ihnen Freibier, soviel Sie wollen, und fünfzig Cent bar jeden Abend.«

Dieser Vorschlag gab Daughtry die Idee ein, die er Michael anvertraute, als sie wieder zu Hause waren und Kwaque ihm die Schuhe aufschnürte:

»Sieh, die Sache ist die, Killeny: Wenn du dem Wirt jeden Abend fünfzig Cent und Freibier wert bist, dann bist du es mir auch. Und mehr als das, mein Junge. Denn er sieht bei dir nur auf seinen Gewinn. Und du, Killeny-Boy, hast nichts dagegen, für mich zu arbeiten, das weiß ich. Wir brauchen Geld. Da sind Kwaque, Herr Greenleaf und Cocky, von dir und mir ganz zu schweigen, und wir essen schrecklich viel, und es ist schwer, das Geld für die Miete, und noch schwerer, Arbeit zu finden. Was meinst du dazu, mein Sohn, wenn wir beide morgen herumziehen und sehen, wieviel Geld wir zusammenkriegen?«

Und Michael, der auf Stewards Schoß saß, während Stewards Hände ihm die Schnauze gepackt hielten, drehte und wand sich vor Freude, ließ die Zunge spielen und wedelte mit der Rute. Was es nun auch sein mochte, es mußte gut sein, denn Steward hatte es gesagt.

 

Der grauhaarige Schiffssteward und der rauhhaarige irische Terrier wurden schnell bekannte Gestalten im Nachtleben des San Franziskoer Hafens. Daughtry verlieh dem Zahlenkunststück noch eine besondere Note, indem er Cocky daran teilnehmen ließ. Brachte ein Kellner zum Beispiel nicht die richtige Zahl Gläser, so blieb Michael ganz still sitzen, bis Cocky, auf einen heimlichen Wink Stewards, auf einem Bein stehend Michael mit der freien Kralle um den Hals griff und ihm scheinbar etwas ins Ohr flüsterte, worauf Michael die Gläser auf dem Tisch ansah und wie gewöhnlich dem Kellner Vorwürfe machte.

Der entscheidende Schlag aber fiel, als Daughtry und Michael zum erstenmal »Fahr mit mir nach Rio« sangen. Das geschah in einem Tanzlokal für Seeleute in der Pazifikstraße, und alles hörte auf zu tanzen und verlangte ungestüm weitere Leistungen von dem singenden Hund. Der Wirt setzte auch kein Geld dabei zu, denn niemand ging, und die Zuhörerschar wuchs so, daß die Leute stehen mußten, während Michael sein ganzes Repertoire heruntersang.

Als Daughtry sich zum Gehen wandte, drückte ihm der Wirt drei Silberdollar in die Hand und bat ihn, am nächsten Abend mit dem Hund wiederzukommen. »Dafür?« fragte Daughtry und sah das Geld an, als wäre es ein verächtliches Angebot.

Der Wirt beeilte sich, noch zwei Dollar zuzulegen, und Daughtry versprach, zu kommen.

»Killeny-Boy, mein Sohn«, sagte er zu Michael, als sie zu Bett gingen. »Ich glaube, wir beide sind mehr wert als fünf Dollar den Abend. Ein wirklich singender Hund, der bald jede Melodie mit mir zusammen und ein halbes Dutzend Lieder allein singen kann. Es heißt, daß Caruso tausend für den Abend kriegt, nun, und du bist der Hundecaruso. Wenn wir nicht jeden Abend ein Zwanzigdollarstück verdienen können – ja, mein Sohn, dann müssen wir in eine bessere Gegend ziehen. Und der alte Herr im Bronxhotel soll ein feines Zimmer zur Straße hinaus haben, und Kwaque soll vom Kopf bis zu den Füßen neu eingekleidet werden. Killeny-Boy, mein Junge, wir wollen so reich werden, daß wir, wenn er keine Goldvögel fängt, selbst das Geld auf den Tisch legen, ihm einen Schoner kaufen und ihn für eigene Rechnung auf die Schatzsuche schicken können.«

Die »Barbarenküste« San Franziskos – in den Tagen, als San Franzisko für den berüchtigtsten Hafen der sieben Meere galt, die alte Seemannsstadt – hatte sich gleichzeitig mit der Geschäftsstadt entwickelt und bezog die Hälfte ihrer Einnahmen von den Bummlern, die sie besuchten und viel Geld ausgaben. In den besseren Kreisen war es üblich, sich nach dem Essen einige Stunden damit zu vertreiben, im Automobil von Tanzlokal zu Tanzlokal und von einem billigen Kabarett zum anderen zu fahren, namentlich wenn es galt, neugierige Gäste aus den Oststaaten zu unterhalten. Kurz, die Küste war eine Sehenswürdigkeit wie das chinesische Viertel und »Cliff House«.

Es dauerte nicht lange, so bekam Dag Daughtry seine zwanzig Dollar den Abend für zwei Nummern zu je zwanzig Minuten und mußte mehr Bier ausschlagen, als ein Dutzend Männer mit einem Durst, der sich mit dem seinen messen konnte, hätten trinken können. Noch nie hatte er so viel Glück gehabt, und man kann nicht leugnen, daß auch Michael sich darüber freute. Er freute sich hauptsächlich aber Stewards wegen, er diente Steward, und dieser Dienst war sein höchster Herzenswunsch.

Michael war jetzt tatsächlich der Versorger einer ganzen Familie. Kwaque blühte auf und glänzte mit rotbraunen Schuhen, steifem Filzhütchen und einem grauen Anzug mit tadellos gebügelten Hosen. Er liebte es, Kinos zu besuchen, opferte täglich zwanzig bis dreißig Cent darauf und ließ keine Wiederholung des Programms aus. Daughtry legte nicht viel Beschlag auf seine Zeit, denn sie hatten die Gewohnheit angenommen, in Restaurants zu essen. Der alte Seemann war nicht allein in ein teureres Zimmer nach der Straße hinaus im Bronxhotel gezogen. Daughtry wollte ihm auch durchaus mehr Taschengeld aufdrängen, damit er hin und wieder einen Bekannten in ein Theater oder Konzert einladen und im Taxameter heimfahren könnte.

»Das machen wir nicht in alle Ewigkeit so weiter, Killeny-Boy«, sagte Steward zu Michael, »nur bis der alte Herr eine neue Bande goldschnüffelnder Schatzjäger geangelt hat, länger nicht, dann – wuppdich, aufs blaue Meer hinaus, mein Sohn, ein gutes Schiff unter unseren Füßen schlingern spüren, die Seen auf Deck planschen hören und sie hin und wieder durch die Speigatten springen sehen.

Wir können ebensogut nach Rio fahren wie davon vor einer Versammlung blöder Gesellen singen. Laß sie ihre faulen Städte behalten, wir brauchen das Leben auf See – du und ich. Killeny, mein Sohn, und auch der alte Herr und Kwaque und Cocky. Wir sind nicht für die Städte geschaffen. Die sind nicht gesund. Nein, du glaubst es vielleicht nicht, mein Sohn, aber ich verliere meine Elastizität. Das Pulver geht mir aus, ich bin so merkwürdig matt und müde davon, den ganzen Abend auf einem Stuhl zu hängen, ohne etwas zu tun. Ich werde ganz krank bei dem Gedanken, noch einmal den alten Herrn sagen zu hören: ›Ich glaube Steward, jetzt, vor dem Essen, würde mir einer von Ihren ausgezeichneten Cocktails gut tun.‹ Auf die nächste Reise wollen wir eine kleine Eismaschine mitnehmen und ihnen zeigen, was wir können.

Und sieh dir Kwaque an, Killeny, mein Junge. Das Klima hier ist nichts für ihn. Er kränkelt ja geradezu. Wenn er noch lange in den Kinos herumsitzt, kriegt er Tuberkulose.« Mit Kwaque, der nie klagte, ging es in Wirklichkeit schnell bergab. Eine Schwellung in seiner rechten Armhöhle, die sich anfangs langsam entwickelte und nicht schmerzte, war allmählich der Sitz eines leichten, aber anhaltenden Schmerzes geworden. Er konnte nicht mehr ungestört die Nacht durchschlafen. Obwohl er auf der linken Seite schlief, weckte der Schmerz ihn häufig. Wäre Ah Moy nicht längst von den Einwanderungsbehörden nach China zurückgeschickt worden, so hätte er ihm erzählen können, was die Schwellung bedeutete, wie er auch Dag Daughtry das Geheimnis der beständig an Umfang zunehmenden Hautverdickung auf der Stirn hätte erzählen können, wo die kleine senkrechte Löwenrunzel immer mehr hervortrat. Er hätte ihm auch erzählen können, was mit dem kleinen Finger seiner linken Hand los war. Daughtry hatte es zuerst für eine Sehnenzerrung gehalten, später stellte er die Diagnose auf chronischen Rheumatismus, eine Folge des feuchten nebligen Klimas San Franziskos. Dies war einer der Gründe, daß er wieder zur See gehen wollte, damit die Tropensonne den Rheumatismus aus ihm heraustriebe.

Als Steward war Dag Daughtry gewohnt, mit Männern und Frauen aus höheren Kreisen zu verkehren, aber zum erstenmal in seinem Leben stand er hier, in der Unterwelt San Franziskos, mit derartigen Leuten auf gleichem Fuße. In jedem prangenden Kabarett, wo Michael auftrat, umschmeichelten sie ihn, um aufgefordert zu werden, an seinem Tische Platz zu nehmen und Bier für ihn auszugeben. Sie würden den teuersten Wein für ihn bezahlt haben, wenn er sich nicht eigensinnig an sein Bier gehalten hätte.

Unter den vielen Menschen, die sie in ihrem Kabarettleben kennenlernten, waren zwei bestimmt, sehr bald eine wichtige Rolle im Leben Daughtrys und Michaels zu spielen. Der erste, ein Politiker und Arzt namens Dr. Emory – Walter Merritt Emory –, hatte mehrmals an Daughtrys Tisch gesessen, wo Michael wie gewöhnlich auf einem Stuhl neben ihm saß. Emory gab Daughtry in seiner Dankbarkeit für diese Freundlichkeit auch eine Karte mit der Adresse seiner Klinik und erbat sich die Gunst, Hund oder Herrn behandeln zu dürfen, falls sie je krank werden sollten. Daughtrys Ansicht nach war Dr. Emory ein scharfsinniger und tüchtiger Mann, aber selbstsüchtig wie ein hungriger Tiger. Das sagte er ihm denn auch mit der brutalen Aufrichtigkeit, die er sich jetzt unter so veränderten Verhältnissen erlauben konnte.

»Doktor, Sie sind ein Wunder. Das kann man mit halbem Auge sehen. Wenn Sie sich etwas wünschen, verschaffen Sie es sich ohne weiteres. Nichts kann Sie halten, außer ...«

»Außer«?

»Ach, außer, es wäre vernagelt oder abgeschlossen, oder ein Polizist stände daneben. Ich möchte wahrhaftig nichts haben, was Sie sich wünschten.«

»So, aber Sie haben etwas«, versicherte der Arzt ihm mit einem bedeutungsvollen Blick auf Michael, der auf dem Stuhl zwischen ihnen saß.

»Brrr«, sagte Daughtry schaudernd. »Sie lassen es mir kalt über den Rücken laufen. Wenn ich glaubte, daß es Ihr Ernst sei, würde ich keine zwei Minuten länger in San Franzisko bleiben.« Er grübelte einen Augenblick, in sein Bierglas starrend, lachte dann aber beruhigt. »Keiner kann mir den Hund nehmen. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich den Betreffenden vorher totschlagen würde. Sie wissen, daß es mein Ernst ist. Und das würde er auch verstehen. Denn sehen Sie, der Hund ...«

Dag Daughtry, der ganz außerstande war, seine tiefe Bewegung auszudrücken, stockte mitten im Satz und ertränkte ihn in seinem Bierglas.

Ein ganz andrer Typ war die zweite verhängnisvolle Person. Sie nannte sich Harry Del Mar; und Harry Del Mar war der Name, der auf dem Programm stand, wenn er im Orpheum auftrat. Der Mann lebte von der Vorführung dressierter Tiere, was Daughtry allerdings nicht wußte, weil Del Mar zur Zeit Ferien hatte. Auch er schmiß manche Runde an Daughtrys Tisch. Er war jung, nicht über dreißig, von dunkler Hautfarbe und hatte lange Wimpern und große braune, seiner Meinung nach magnetische Augen, dazu hatten sein Mund und die andern Gesichtszüge einen engelhaften Ausdruck; aber sein Äußeres entsprach sehr wenig dem rücksichtslosen, geschäftsmäßigen Ton, in dem er sprach.

»Sie haben aber nicht Geld genug, ihn zu kaufen«, antwortete Daughtry, nachdem der andre sein erstes Angebot auf Michael von fünfhundert auf tausend Dollar erhöht hatte.

»Die Tausend habe ich, wenn Sie das meinen.«

»Nein.« Daughtry schüttelte den Kopf. »Ich meine, daß er um keinen Preis zu kaufen ist. Was wollen Sie übrigens mit ihm?«

»Er gefällt mir«, antwortete Del Mar. »Ich wünsche ihn eben zu besitzen, und zwar für einen Preis von tausend Dollar. Sehen Sie den großen Diamanten an der Hand der Frau drüben. Ich bin ziemlich sicher, daß er ihr gefiel, daß sie ihn sich wünschte, und daß sie ihn bekam, ohne Rücksicht auf den Preis. Der Preis bedeutet für sie nicht soviel wie der Diamant. Und Ihr Hund ...«

»Dem gefallen Sie nicht«, unterbrach Daughtry ihn. »Was übrigens merkwürdig ist. Ihm gefällt fast jeder, aber wenn Sie kommen, sträuben sich ihm die Haare. Und es will doch niemand einen Hund haben, der ihn nicht leiden kann.«

»Das kommt hier nicht in Frage«, sagte Del Mar ruhig. »Er gefällt mir. Ob er mich leiden kann oder nicht, ist ja meine Sache, und die Schwierigkeit, glaube ich, werde ich noch überwinden.«

Daughtry schien es, als fühlte er hinter dem unerschütterlich heiteren Ausdruck des andern eine stahlharte, bodenlose Grausamkeit, die allerdings vom Verstand im Zaum gehalten wurde. Daughtry verlieh diesem Gefühl keinen Ausdruck. Es war ja nur ein Gefühl, und Gefühle bedürfen keiner Worte, um gespürt und verstanden zu werden.

»Es gibt eine Bank, die die ganze Nacht geöffnet ist«, fuhr der andere fort. »Wir können hingehen, ich erhebe einen Scheck und im Laufe einer halben Stunde haben Sie das Geld.«

Daughtry schüttelte den Kopf.

»Selbst als nur einleitendes, vorläufiges Gebot ist es unannehmbar«, sagte er. »Sehen Sie, der Hund verdient zwanzig Dollar den Abend. Sagen wir, daß er fünfundzwanzig Tage im Monat arbeitet. Das macht fünfhundert monatlich oder sechstausend jährlich. Nehmen wir nun, der leichten Rechnung halber, fünf Prozent an, so sind das die Zinsen eines Kapitals von hundertzwanzigtausend Dollar. Setzen wir die Ausgaben und das Honorar für mich auf zwanzigtausend an. Dann wäre der Hund also hunderttausend wert. Um aber nicht den Mund zu voll zu nehmen, wollen wir die Hälfte abziehen und sagen, daß der Hund fünfzigtausend wert ist. Und Sie bieten mir tausend.«

»Sie glauben vermutlich, daß er ewig dauert, wie ein Stück Land für dasselbe Geld«, lächelte Del Mar ruhig. Daughtry erkannte sofort den Kern der Sache.

»Sagen wir, er arbeitet fünf Jahre – das macht dreißigtausend. Sagen wir, er arbeitet ein Jahr, das macht sechstausend. Und Sie bieten mir tausend statt sechstausend. Das ist weder ein Geschäft für mich – noch für ihn. Und noch eins: Wenn er nichts mehr tun kann und nicht einen Cent wert ist, dann ist er für mich gerade eine ganze Million wert, böte mir aber jemand eine Million, so würde ich den Preis erhöhen.«

* * *

 

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