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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Hätte der Passat sich nicht am zweiten Tage, nachdem der Kurs auf die Marquesas gesetzt war, gelegt; hätte Kapitän Doane nicht beim Mittagessen noch einmal gemurrt, weil er nur einen Chronometer hatte; wäre Simon Nishikanta nicht darüber erbost und wütend geworden und mit seiner Büchse an Deck gegangen, um möglichst irgendeinen Meeresbewohner zu erblicken, den er töten konnte; und wäre der Meeresbewohner, der sich ganz in der Nähe zeigte, ein Bonite, ein Delphin, ein Tümmler oder sonst irgendein Tier, nur nicht gerade eine große, fünfundzwanzig Meter lange Walkuh mit ihrem Kälbchen gewesen – hätte eines dieser Glieder in der Kette der Ereignisse gefehlt, so würde die Mary Turner zweifellos die Marquesas erreicht, ihre Wasserfässer gefüllt und die Schatzsuche wieder aufgenommen haben, und die Geschicke Michaels, Daughtrys, Kwaques und Cockys hätten sich ganz anders und möglicherweise weniger furchtbar gestaltet.

Aber im entscheidenden Augenblick fehlte eben kein Glied in der Kette der Ereignisse. Der Schoner rollte in der Windstille über die schweren, glatten Seen, und seine Schoten und Taljen krachten um die Wette mit dem großen, hohldonnernden Segel, als Simon Nishikanta dem kleinen Walkalb eine Kugel in den Leib jagte. Fast wie durch ein Wunder wurde es ein Zufallstreffer, der das Kalb tötete. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn man einen Elefanten mit einer Salonflinte getötet hätte. Das Kalb war nicht sofort tot. Es hörte nur augenblicklich mit seinen tollen Sprüngen auf und lag eine Weile zitternd auf der Oberfläche des Ozeans. In dem Augenblick, als es getroffen wurde, war die Mutter neben ihm, und an Bord, wo man sie deutlich sah, konnte man über ihre Sorge und Unruhe nicht im Irrtum sein. Sie berührte das Kalb mit ihrem ungeheuren Bug, umkreiste es immer wieder und legte sich dann, unter fortwährenden Berührungen und kleinen Püffen, daneben.

Auf der Mary Turner standen alle vorn und achtern in einer Reihe an der Reling und starrten ängstlich auf den Riesen, der ebenso lang wie der Schoner war.

»Wenn ihm nun einfällt, es mit uns ebenso zu machen, wie der andere Wal mit der Essex«, sagte Dag Daughtry zu dem alten Seemann.

»Dann würde uns recht geschehen«, lautete die Antwort. »Es war unnötig – leichtsinnig, grausam.«

Michael, der die Aufregung spürte, den aber die Reling hinderte, etwas zu sehen, sprang auf das Kajütsdach und bellte herausfordernd beim Anblick des Ungeheuers. Alle Blicke wandten sich in Schrecken und Entsetzen auf ihn, und der Steward beruhigte ihn, gebieterisch flüsternd.

»Das ist das letztemal«, murmelte Grimshaw Nishikanta mit leiser, vor Zorn zitternder Stimme zu. »Wenn Sie noch ein einziges Mal auf dieser Reise einen Wal schießen, drehe ich Ihnen Ihren dreckigen Hals um. Glauben Sie mir. Ich würge Sie, daß Ihnen die Augen zum Kopfe herausstehen.«

Der Armenier lächelte matt:

»Es geschieht nichts. Ich glaube nicht, daß die Essex überhaupt von einem Wal versenkt wurde.«

Von seiner Mutter angetrieben, machte das Kalb krampfhafte Anstrengungen, um zu schwimmen, aber vergebens, es vermochte sich nur von einer Seite auf die andere zu wälzen.

Während die Mutter das Kalb umkreiste, streifte sie zufällig die Mary Turner mit dem Bug Backbord unter dem Achterspiegel, und die Mary Turner krängte nach Steuerbord, während sich ihr Achterspiegel zwei Meter oder mehr hob. Aber es blieb nicht bei diesem unfreiwilligen, sanften Stoß. Im nächsten Augenblick schlug das Tier, erschrocken über die Berührung, mit dem Schwänze. Der Schlag traf die Reling gerade vor der Vorwant, schlug ein kräftiges Loch hinein, als wäre es eine Zigarrenkiste, und zerschmetterte die Decksplanken.

Das war alles, aber die ganze Besatzung starrte schweigend und furchtsam auf dieses Seeungetüm, das vom Kummer über sein sterbendes Junges überwältigt war.

Im Laufe einer Stunde, während deren der Schoner und die beiden Wale immer weiter auseinandertrieben, machte das Kalb mehrere vergebliche Schwimmversuche. Dann wurde es von einem starken Zittern gepackt, bis es sich schließlich wild herumwälzte und das Meer mit dem Schwänze peitschte.

»Das ist der Todeskampf«, sagte der alte Seemann gedämpft.

»Ja, verflucht, es ist tot«, sagte Kapitän Doane fünf Minuten später. »Wer sollte es glauben? Eine Büchsenkugel! Ich möchte nur, es wehte eine halbe Stunde, daß wir von hier wegkämen.«

»Vielleicht geht es«, sagte Grimshaw.

Kapitän Doane schüttelte den Kopf, während sein Blick besorgt über die schlaffen Segel und dann über das Meer schweifte, in der Hoffnung, das Wasser sich im Winde kräuseln zu sehen. Aber es war spiegelblank und still, jede große See in der regelmäßigen Folge der Dünung hob sich berghoch und rund wie eine Woge aus Quecksilber.

»Es geht gut«, sagte Grimshaw ermutigend. »Jetzt schwimmt sie weg.«

»Selbstverständlich ist gar keine Gefahr, es war überhaupt keine«, rief Nishikanta herausfordernd, während er sich den Schweiß von Gesicht und Hals wischte und mit den anderen dem fortziehenden Wale nachsah. »Ihr seid mir ein paar schöne Helden, euch vor einem Fisch zu fürchten.«

»Ich sah, daß Ihr Gesicht weniger gelb war als gewöhnlich«, lächelte Grimshaw spöttisch. »Die gelbe Farbe ist Ihnen wohl ins Herz gesunken?«

Der Kapitän seufzte tief. Er fühlte sich so erleichtert, daß er sich nicht überwinden konnte, an dem Gezänk teilzunehmen.

»Sie sind gelb«, fuhr Grimshaw fort, »durch und durch gelb.« Er nickte dem alten Seemann zu. »Sehen Sie, das ist ein Mann. Er hat nicht mit den Augen geblinzelt, obwohl ich annehme, daß er sich über die Gefahr klarer war als Sie. Wenn ich auf einer öden Insel Schiffbruch erleiden und wählen sollte, ob mit ihm oder mit Ihnen, so möchte ich es tausendmal lieber mit ihm. Wenn –« Aber ein Ruf der Matrosen unterbrach ihn.

»Barmherziger Gott«, stöhnte Doane laut.

Die große Walkuh war umgekehrt und stürmte, auf der Oberfläche liegend, gerade auf sie los. Ihre Schnelligkeit war so groß, daß sich vor ihrem Maul eine Woge erhob, ganz wie ein Dreadnought oder ein großer Ozeandampfer sie auf dem Meere hervorbringt.

»Festhalten, alle Mann!« brüllte Kapitän Doane.

Jeder straffte sich, um den Stoß zu erwarten. Henrik Gjertsen, der Rudergast, spreizte die Beine, krümmte sich, straffte Schultern und Arme und packte die Speichen des Rades gerade vor sich. Mehrere Mann von der Besatzung flohen zur Achterhütte, andere wieder sprangen in die Haupttakelung. Daughtry, der sich mit der einen Hand an die Reling klammerte, umschlang den alten Seemann mit seinem freien Arm.

Alle hielten sich fest. Der Wal traf die Mary Turner gerade achtern von der Vorwant. Zehn bis zwanzig Dinge ereigneten sich gleichzeitig. Ein Matrose fiel, eine Want in der Hand, kopfüber aus der Großtakelung, wurde aber von einem Kameraden am Fuß gepackt und gerettet, während der Schoner an Backbord hochgehoben wurde, krachte und zitterte und an Steuerbord niedergepreßt wurde, daß das Meer über die Reling hereinströmte. Michael, der auf dem glatten Kajütsdach stand, glitt die steile Schräge nach Steuerbord hinab und verschwand, mit den Krallen scharrend und knurrend, im Gang. Die Backbordwanten zerrissen an der Pütting, und die Vormarsstenge taumelte wie ein Betrunkener nach Steuerbord.

»Donnerwetter!« sagte der alte Seemann. »Das haben wir gespürt.«

»Herr Jackson!« befahl Kapitän Doane dem Steuermann. »Wollen Sie den Pumpenschacht auspeilen?«

Der Steuermann gehorchte, behielt aber ängstlich den Wal im Auge, der sich plötzlich ostwärts entfernte.

»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben«, fauchte Grimshaw Nishikanta an.

Nishikanta nickte, während er sich den Schweiß abwischte, und murmelte: »Und ich bin zufrieden. Ich hab' genug. Ich glaubte nicht, daß ein Wal dazu imstande wäre. Ich werd' es nie wiedertun.«

»Vielleicht werden Sie auch nie wieder Gelegenheit dazu haben«, antwortete der Kapitän. »Wir sind noch nicht fertig mit dem Biest. Der Wal, der die Essex versenkte, griff immer wieder an, und ich glaube nicht, daß sich die Wale in den paar Jahren sehr verändert haben.«

»Knochentrocken«, meldete Herr Jackson das Ergebnis seines Peilens.

»Jetzt kehrt sie um«, rief Daughtry.

Eine halbe Meile entfernt machte der Wal scharf kehrt und kam wieder auf das Schiff los.

»Mach', daß du wegkommst, da vorn«, rief Kapitän Doane einem Matrosen zu, der eben, seinen Seesack in der Hand, aus der Back kam, und über dem jetzt die Vormarsstenge, die jeden Augenblick herabzustürzen drohte, hin und her schwang.

»Der hat schon gepackt«, murmelte Dag Daughtry dem alten Seemann zu. »Wie eine Ratte, die das sinkende Schiff verläßt.«

»Wir sind alle Ratten«, lautete die Antwort, »soviel hab' ich jedenfalls gelernt, als ich selbst eine Ratte unter den räudigen Ratten im Asyl war.«

Jetzt war auch Michael von der Aufregung und Angst aller an Bord Befindlichen angesteckt worden. Er sprang auf das Kajütsdach, um sehen zu können, und knurrte die Walkuh an, als er sie sich nähern sah, während die Leute sich wieder festklammerten und Schutz vor den drohenden Stößen suchten.

Die Mary Turner wurde achtern von der Besanwant getroffen. Sie wurde nach Steuerbord geschleudert – dasselbe schmähliche Schicksal widerfuhr Michael –, und man hörte deutlich das Krachen des zersplitternden Holzes. Henrik Gjertsen, der mit aller Kraft das Rad gepackt hatte, wurde mit dem Rade selbst, das der Bewegung des Ruders folgte, durch die Luft gewirbelt. Er stieß gegen Kapitän Doane, der seinen Halt an der Reling verloren hatte. Beide wurden hart auf das Deck geschleudert und vermochten kaum zu atmen. Nishikanta fluchte, gegen die Kajütswand gelehnt, weil ihm die Nägel an beiden Händen aus dem Fleisch gerissen waren, als er die Reling loslassen mußte.

Während Daughtry eine Leine um den alten Seemann und die Besantakelung schlang und ihm das Ende in die Hand gab, um sich daran zu halten, kroch Kapitän Doane, nach Atem ringend, zur Reling und kam wieder auf die Füße.

»Das hat getroffen«, flüsterte er heiser dem Steuermann zu, während er die Hand gegen die Seite preßte, um seine Schmerzen zu beherrschen. »Peilen Sie wieder den Schacht aus.«

Mehrere Matrosen benutzten die Pause, um nach vorn unter die Vormarsstenge, die jeden Augenblick herabstürzen konnte, zu stürmen, in der Back zu verschwinden und eiligst ihre Seesäcke zu packen. Als Ah Moy mit seinem eigenen runden Seesack aus dem Zwischendeck auftauchte, schickte Daughtry Kwaque, um auch ihr Eigentum zusammenzupacken.

»Knochentrocken, Herr Kapitän«, meldete der Steuermann.

»Peilen Sie weiter, Herr Jackson!« befahl der Kapitän, dessen Stimme kräftiger wurde, da er sich allmählich von dem Zusammenstoß mit dem Rudergast erholte. »Peilen Sie weiter. Jetzt kommt das Viech wieder, und der Schoner ist nicht so gebaut, daß er ein solches Hämmern aushalten kann.«

Daughtry hatte jetzt Michael unter den einen Arm genommen und war im Begriff, sich in die Takelung zu schwingen, um der nächsten Katastrophe zuvorzukommen.

Die Walkuh machte einen Kreis, um zurückzukommen, verlor dabei aber ihre Orientierung in dem Maße, daß sie zwanzig Fuß hinter dem Achterende der Mary Turner vorbeischoß. Dennoch hob die Wassermasse, die ihr Körper verdrängte, den Schoner sanft in die Höhe und ließ den Bug mit einer majestätischen Verneigung ins Meer tauchen.

»Wenn das getroffen hätte –« murmelte Kapitän Doane, hielt aber gleich wieder inne.

»Dann hätte es gute Nacht geheißen«, vollendete Daughtry den Satz für ihn. »Sie hätte uns den ganzen Achterspiegel abgeschlagen, Herr Kaptän.«

Der Wal machte wieder kehrt, diesmal in einer Entfernung von nur vierhundert Meter, stürmte wieder an, vollendete aber den Halbkreis nicht genau und kam dadurch von Steuerbord gegen den Bug des Schoners. Der Rücken des Tieres traf den Steven, und obwohl es aussah, als hätte er nur leicht den Stampfstock berührt, setzte sich die Mary Turner doch so hart nieder, daß die See über die Reling des Achterspiegels spülte. Aber das war nicht alles. Stampfstock, Wasserstag, alles ging zum Teufel, und ebenso alle Steuerbordstags bis zum Bugspriet, von dem ein Stück nach Backbord im rechten Winkel zum Rundholz des Marsstengenstags gehoben wurde. Die Marsstenge schwankte eine Weile in der Luft, krachte dann aber auf das Deck nieder, wodurch das Bugspriet in die See getaucht wurde und längsseit mitschleifte, da es mit dem dicken Ende von der Back klar kam.

»Stopfen Sie dem Köter das Maul«, sagte Nishikanta gebieterisch zu Daughtry. »Wenn Sie es nicht tun ...« Michael, der in Stewards Armen lag, fletschte die Zähne und knurrte zu Schreck und Warnung nicht nur die Walkuh, sondern alles Feindliche und Drohende an, das Schrecken unter den zweibeinigen weißen Göttern seiner schwimmenden Welt verbreitet hatte.

»Jetzt lasse ich ihn gerade heulen«, fauchte Daughtry. »Sie haben schuld an der Geschichte, und wenn Sie die Hand gegen meinen Hund erheben, werden Sie nicht erleben, wie die Geschichte ausgeht, die Sie angerichtet haben, Sie dreckiger Pfandleiher.«

»Sehr richtig«, sagte der alte Seemann beifällig.

»Sagen Sie, Steward, könnten Sie nicht eine Bahn Segelleinen oder eine Decke, oder sonst etwas Weiches und Breites bekommen, das diese Leine ersetzen könnte. Sie schneidet zu stark ein an der Stelle, wo mir die drei Rippen fehlen.«

Daughtry drückte dem Alten Michael in die Arme.

»Halten Sie ihn«, sagte der Steward. »Wenn der Pfandleiher einen Finger gegen Killeny-Boy hebt, dann spucken Sie ihm ins Gesicht, beißen ihn oder sonst irgendwas. Ich bin im Augenblick zurück, ehe er Ihnen etwas tun und ehe der Wal uns wieder treffen kann. Und lassen Sie Killeny-Boy nur soviel Lärm machen, wie er will. Ein Haar an ihm ist mehr wert als alle stinkenden Wucherer der ganzen Welt.« Daughtry stürzte in die Kajüte, kam mit einem Kopfkissen und drei Laken zurück, band den alten Seemann gehörig fest, indem er das Kissen als Unterlage benutzte und die Laken mit Weberknoten zusammenknüpfte, und konnte Michael wieder nehmen.

»Sie zieht Wasser, Herr Kaptän«, rief der Steuermann. »Sechs Zoll – nein, sieben Zoll, Herr Kaptän.« Die Matrosen bahnten sich ihren Weg durch die Trümmer der Vormarsstengen in die Back, um ihre Seesäcke zu packen.

»Schwingen Sie das Steuerbordboot aus, Herr Jackson«, kommandierte der Kapitän und starrte auf die schäumende Bahn des Wals, der zu einem neuen Angriff heranbrauste. »Aber fieren Sie es nicht hinunter. Halten Sie es in den Taljen, sonst zerschmettert das verfluchte Vieh es. Schwingen Sie es nur aus, daß es bereit ist, und lassen Sie die Leute ihre Seesäcke und Proviant und Wasser darin verstauen.«

Die Zurringe waren kaum vom Boot abgeworfen und die Taljen eingehakt, als die Leute auch schon fliehen mußten, um sich in Sicherheit zu bringen, denn der Wal kam wieder. Er traf die Mary Turner mittschiffs an Backbord, so daß man von der Hütte aus ihre lange Flanke wie einen elastischen Stoff sich biegen und wieder zurückspringen sah. Die Steuerbordreling wurde beim Überkrängen des Schoners in der See begraben, und als er sich mit gewaltsamer Anstrengung wieder aufrichtete, überschwemmte das Wasser das Deck, daß es den Matrosen am Boot bis zu den Knien reichte, und spritzte zu den Backbordspeigatten hinaus.

»Hievt los!« befahl Kapitän Doane von der Hütte aus. »Hoch damit! Ausschwingen! Festmachen!«

Das Boot befand sich außenbords, sein Rand ruhte auf der Reling der Mary Turner.

»Zehn Zoll, Herr Kaptän, und steigt schnell«, meldete der Steuermann, während er mit dem Peilstock maß.

»Ich muß mein Werkzeug holen«, bemerkte der Kapitän und schritt nach der Kajüte. In der Tür blieb er stehen und fügte mit einem spöttischen Lächeln, zu Nishikanta gewandt, hinzu: »und meinen einzigen Chronometer.«

»Anderthalb Fuß, und steigt immer noch«, rief ihm der Steuermann nach achtern zu.

»Wir tun wohl am besten, auch zu packen«, sagte Grimshaw, der dem Kapitän folgte, zu Nishikanta.

»Steward«, sagte Nishikanta. »Gehen Sie hinunter und packen Sie mein Bettzeug. Das übrige werde ich selbst besorgen.«

»Herr Nishikanta, Sie können zum Teufel gehen, und alle anderen meinetwegen auch«, antwortete Daughtry ruhig, wandte sich aber im selben Atemzug zu dem alten Seemann und sagte ehrerbietig: »Wollen Sie Killeny-Boy halten, Herr. Ich werde mich Ihrer Sachen annehmen. Wünschen Sie etwas Besonderes zu retten, Herr?«

Jackson schloß sich den vieren an, die hinuntergingen, und während die fünf Mann schnell und zitternd allerlei Gebrauchsgegenstände zusammenpackten, wurde die Mary Turner wieder getroffen. Ohne Warnung überrascht, wurden alle, die sich unten befanden, heftig nach Backbord geschleudert. Aus Nishikantas Kabine ertönten jammernde Flüche, die verkündeten, daß der Kojenrand ihm einen tüchtigen Rippenstoß versetzt hatte. Aber alles das ging unter in einem ungeheuren Krachen an Deck.

»Brennholz – das ist alles, was hier übrigbleibt«, bemerkte Kapitän Doane in der jetzt folgenden Stille, während er vorsichtig mit seinem Chronometer den Kajütsniedergang hinaufkroch.

Nachdem er ihn einem Matrosen anvertraut hatte, ging er wieder hinunter und brachte mit Hilfe des Stewards seine Seekiste heraus, dafür half er Daughtry, die Seekiste des alten Seemanns heraufzuschaffen. Dann ließen beide sich mit Hilfe eifriger Matrosen durch die Luke im Kajütsboden in den Proviantraum hinuntergleiten und begannen Kisten aufzubrechen und einen Berg von Proviant hinaufzureichen – Dosen mit Lachs und Ochsenfleisch, Marmelade und Biskuits, Butter und kondensierte Milch und allerlei getrocknete, eingemachte und kondensierte Büchsenkonserven, wie man sie heutzutage an Bord zur Verpflegung der Besatzung verwendet.

Als Daughtry und der Kapitän schließlich aus der Kajüte auftauchten, starrten beide einen Augenblick auf die Lücke in der feinen, himmelanstrebenden Oberkreuzbramtakelung, wo noch vor wenigen Minuten Großstenge und Besanmarsstenge gesessen hatten. Einen zweiten Blick warfen Sie auf die Trümmer dieser Dinge an Deck – die Besanmarsstenge, die durch das Segel gegangen war, wurde von dem starken Leinen in senkrechter Stellung gehalten und schlug bei jedem Klatschen des Segels hin und her; die Großstenge lag quer über dem zertrümmerten Zwischendecksniedergang. Während die Walmutter, die ihrem Kummer durch Vernichtung Ausdruck verlieh, auf die zu einem neuen Angriff notwendige Entfernung zurückschwamm, scharten sich alle Leute auf der Mary Turner um das Steuerbordboot, das ausgeschwungen war und zum Herabfieren bereit hing. Ein ansehnlicher Berg von Kisten, Wassertonnen und persönlichem Gepäck war neben dem Boot auf dem Deck aufgeschichtet. Ein Blick hierauf und auf die vielen Leute vorn und achtern bewies, daß das Boot bedenklich überlastet werden mußte.

»Die Matrosen müssen wir jedenfalls mitnehmen – die können rudern«, sagte Nishikanta.

»Aber brauchen wir Sie?« fragte Grimshaw finster. »Sie nehmen zuviel Platz weg und sind auf alle Fälle eine Bestie.«

»Ich glaube schon, daß man mich braucht«, meinte der Pfandleiher, und indem er sein Hemd mit einer solchen Heftigkeit aufriß, daß vier Knöpfe ausgerissen wurden, zeigte er einen automatischen Colt-Revolver, Kaliber vierundvierzig, der im Halfter um seinen bloßen Leib unter dem linken Arm festgeschnallt war, so daß er den Kolben der Waffe mit einem Griff seiner Rechten fassen konnte. »Ich bin sicher, daß man mich braucht. Aber wir können weniger wünschenswerte Personen entbehren.«

»Wenn Sie durchaus Ihren Willen haben wollen«, höhnte der Weizenfarmer, obwohl er unwillkürlich seine riesigen Hände zur Faust ballte, als würge er eine Kehle. »Im übrigen werden Sie, wenn wir Proviantmangel leiden sollten, willkommen sein – wegen Ihres Umfangs, meine ich, aus keinem anderen Grunde. Nun, so lassen Sie uns hören, wen Sie als weniger wünschenswert betrachten – den schwarzen Nigger? Er hat keinen Revolver.«

Aber seine Späße wurden unvermittelt durch den nächsten Angriff des Wals unterbrochen – ein neuer, gewaltsamer Schlag gegen den Achterspiegel riß das Ruder fort und zerstörte das Steuergerät.

»Wieviel Wasser?« fragte Kapitän Doane.

»Drei Fuß, Herr Kaptän, ich habe gerade gepeilt«, lautete die Antwort. »Ich glaube, Herr Kaptän, es wäre ratsam, das Boot teilweise zu beladen und es, sobald der Wal uns das nächste Mal getroffen hat, hinunterzufieren, den Rest der Sachen und uns selbst hineinzuschmeißen und klar vom Schiff zu kommen.«

Kapitän Doane nickte. »Das ist ein Stück Arbeit, das rasch gehen muß«, sagte er. »Haltet euch alle bereit. Steward, springen Sie zuerst hinein, dann reiche ich Ihnen den Chronometer.«

Nishikanta schob sich mit seinem breiten Körper kriegerisch neben den Kapitän, öffnete sein Hemd und entblößte den Revolver.

»Es sind zu viele für das Boot«, sagte er, »und der Steward ist einer von denen, die nicht mit sollen. Verstehen Sie? Und hüten Sie sich, es zu vergessen. Der Steward ist einer von denen, die nicht mit sollen.«

Kapitän Doane betrachtete ruhig den großen Revolver, während er gleichzeitig vor seinem inneren Auge in einer blendenden Vision sein Haus in San Franzisko sah.

Er zuckte die Achseln. »Mit all diesem Gepäck wird das Boot unter allen Umständen überladen sein. Lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen, wenn Sie aber irgend etwas dabei im Sinne haben, so vergessen Sie nicht, daß ich der einzige bin, der was von Seefahrt versteht, und daß Sie, wenn Sie Ihre Pfandleihe wiedersehen wollen, am besten tun, darauf zu achten, daß mir nichts geschieht. – Steward!«

Daughtry trat näher.

»Es ist kein Platz für Sie – und für einen oder zwei andere; es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen.«

»Gott sei Dank«, sagte Daughtry, »ich fürchtete schon, daß Sie mich mitnehmen wollten, Herr Kaptän. Kwaque, du nehmen fella Gepäck gehören mir, tun in ander fella Boot an der Seite.«

Während Kwaque gehorchte, peilte der Steuermann zum letztenmal und meldete dreieinhalb Fuß Wasser; dann warfen die Matrosen die leichtere Ladung in das Steuerbordboot.

Ein hochgewachsener, junger skandinavischer Matrose mit hängenden Schultern, zwei Meter groß und schlank wie eine Bohnenstange, mit hellen Augen vom blassesten Blau und Haut und Haar von entsprechend hellen Tönen, schloß sich Kwaque an und half ihm bei seiner Arbeit.

»He, du, Großer John«, sagte der Steuermann. »Dies ist dein Boot. Du arbeitest hier.«

Der schlanke Bursche lächelte verlegen und erklärte zögernd: »Ich glaube, ich gehe am liebsten mit dem Steward.«

»Ja, natürlich, lassen Sie ihn, desto leichter wird das Boot«, sagte Nishikanta, der die Führung in die Hand nahm. »Hat sonst noch jemand was zu bemerken?«

»Aber sicher«, sagte Daughtry und blickte ihm mit spöttischem Lächeln ins Gesicht. »Ich nehme an, daß der Rest vom Bier mit in mein Boot kommt, wenn Sie sich nicht mit mir über die Sache streiten wollen.«

»Wenn Sie auch nur für zwei Cent –« fauchte Nishikanta wütend. »Nicht für zwei Milliarden Cent würden Sie einen Streit mit mir riskieren, Sie alter Wucherer«, antwortete Daughtry. »Großer John, bring' die Kiste Bier und die kleine dazu und schaff' sie in mein Boot. Nishikanta, legen Sie es mit mir an, wenn Sie es wagen.«

Nishikanta wagte es nicht und wußte auch nicht, was er tun sollte. Aber er wurde aus seiner Verlegenheit gerettet durch den Ruf: »Jetzt kommt er!«

Alles stürmte fort, um sich festzuhalten, während der Wal noch einiges Holz zertrümmerte und die Mary Turner tot und träge von einer Seite auf die andere rollte.

»Hinunterfieren! Los!«

Kapitän Doanes Befehl wurde augenblicklich befolgt. Das Steuerbordboot hob sich und fiel dann aufs Wasser, während die Matrosen es klar vom Schiff hielten und den Rest des Gepäcks und Proviants hineinschafften. »Ich kann Ihnen auch gut helfen, Herr Kaptän, weil ich sehe, daß Sie solche Eile haben«, sagte Daughtry, indem er Kapitän Doane den Chronometer aus der Hand nahm, um ihn ihm zu reichen, sobald er im Boot war.

»Kommen Sie, Greenleaf«, rief Grimshaw dem alten Seemann zu. »Nein, danke schön«, lautete die Antwort. »Ich glaube, es ist mehr Platz im andern Boot.«

»Wir wollen den Koch mithaben«, rief Nishikanta vom Achtersitz. »Los, du gelber Affe. Spring!«

Der kleine alte, eingeschrumpfte Ah Moy überlegte. Man sah, daß ihm Gedanken durch den Kopf schossen, obwohl niemand sie kannte, während seine Blicke zwischen dem Revolver des dicken Pfandleihers und dem Aussatz Kwaques und Daughtrys hin und her schweiften. Er wog eines gegen das andere ab und warf schließlich noch die leichte Ladung des einen Bootes und die schwere Ladung des anderen mit in die Waagschale.

»Mich gehen ander Boot«, sagte Ah Moy und begann seinen Seesack über das Deck zu schleifen.

»Loswerfen«, kommandierte Kapitän Doane.

Als Scraps, der junge Neufundländer, der während der ganzen bewegten Szene herumgespielt und getanzt hatte, so viele von den menschlichen Bewohnern der Mary Turner in dem Boot neben dem Schiff sah, sprang er über die Reling, die niedrig, dicht über dem Wasserspiegel lag, und landete zappelnd auf den vielen Seesäcken und Proviantkisten. Das Boot schaukelte, und Nishikanta rief, den Revolver in der Hand: »Zurück mit ihm! Schmeißt ihn wieder an Bord.«

Die Matrosen gehorchten, und der verblüffte Scraps landete nach einer kurzen Luftreise rücklings auf dem Deck der Mary Turner. Aber das hielt er jedenfalls nur für einen derben Spaß, rollte sich begeistert herum und wand sich wie ein Wurm, während er darüber nachdachte, welche neuen Späße seiner warteten. Mit einschmeichelndem Knurren, das gute Kameradschaft ausdrücken sollte, versuchte er sich mit Michael einzulassen, der jetzt frei an Deck herumspazierte, erhielt aber zur Antwort nur ein unbehagliches, mürrisches Knurren.

»Ich denke, wir werden ihn unserer Sammlung einverleiben müssen, nicht wahr, Herr«, sagte Dag Daughtry, während er einen Augenblick den Kopf des Hündchens streichelte und dadurch gleichsam sein Versprechen besiegelte, wofür das junge Tier ihm eifrig die Hand leckte.

Alle erstklassigen Stewards besitzen ungewöhnliche administrative Fähigkeiten. So war auch Dag Daughtry ein erstklassiger Steward. Nachdem er den alten Seemann in einen geschützten Winkel gebracht und den Großen John beauftragt hatte, das letzte Boot loszuzurren und die Taljen einzuhängen, schickte er Kwaque in den Raum, um die Wassertonnen aus dem spärlichen Vorrat zu füllen, und Ah Moy in die Kajüte, um Lebensmittel zu holen.

Das Steuerbordboot, das mit Leuten, Proviant und Besitztümern in bunter Mischung gefüllt war und schnell von dem gefährlichen Punkt, das heißt der Mary Turner, weggerudert wurde, war kaum zweihundert Meter fort, als der Wal, der den Schoner verfehlt hatte, in voller Fahrt umkehrte und so nahe durch das schäumende Wasser vorbeischoß, daß das Boot mit Mühe und Not einer Kollision mit ihm entging. So nahe kam er, daß die Ruderer auf der dem Wale zugekehrten Seite die Riemen einzogen. Die Bugwelle, die er erzeugte, ließ das schwerbeladene Boot so weit überkrängen, daß ein gut Teil Wasser überkam, ehe es sich wieder aufrichtete. Nishikanta, der, immer noch den Revolver in der Hand, auf dem Achtersitz stand, vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Bei seinem instinktiven krampfhaften Versuch, das Gleichgewicht zu bewahren, ließ er den Revolver ins Wasser fallen.

»Ha–ah!« höhnte Daughtry. »Was kostet es jetzt, Nishikanta? Jetzt habt ihr ihn. Und wenn es dazu kommt, daß ihr euch gegenseitig auffreßt, dann nehmt ihn zuerst. Er ist allerdings ein Stinktier und wird dementsprechend schmecken. Aber manch braver Mann hat schon Stinktiere gefressen, wenn er in der Klemme saß. Das beste ist, ihr legt ihn die ganze Nacht in Salzwasser.«

Grimshaw, dessen Platz auf dem Achtersitz nicht gerade gut war, erkannte die Situation gleichzeitig mit Daughtry, erhob sich schnell, streckte die Hand aus, packte schnell den dicken Pfandleiher am Kragen und warf ihn von seinem Sitz herunter, dann nahm er selbst, ohne sich jedoch zu übereilen, den bequemeren Platz ein.

»Möchten Sie mitkommen?« rief er Daughtry zu.

»Nein, vielen Dank, Herr«, lautete die Antwort. »Wir sind zu viele und nehmen besser das andere Boot.«

Jetzt legten sie sich in die Riemen und ruderten mit wahnsinniger Schnelligkeit fort, während Daughtry mit Ah Moy in den Vorratsraum unter der Kajüte ging, wo sie weiteren Proviant auspackten und hinaufreichten.

Während sie unten beschäftigt waren, streifte der Wal den Schoner ungefähr mittschiffs an Backbord, schlug mit seinem mächtigen Schwanz, tauchte und riß Pütting und Schanzbekleidung der Besanwant vollkommen weg. Beim nächsten Schlingern in der schweren, spiegelblanken See stürzte der Besanmast über Bord.

»Das ist ein Wal, das muß ich sagen«, meinte Daughtry zu Ah Moy, als sie den Kajütsniedergang heraufkamen und die Bescherung sahen.

Ah Moy hielt es für das beste, weitere Lebensmittel aus der Kajüte zu holen, während Daughtry, Kwaque und der Große John sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Läufer, je einen Läufer auf einmal, stemmten und das Backbordboot erst mit dem einen, dann mit dem andern Ende über die Reling hißten, um es dann auszuschwingen.

»Wir warten den nächsten Stoß ab, dann fieren wir es hinunter, werfen alles hinein und stoßen schnell ab«, sagte der Steward zu dem alten Seemann. »Wir haben noch viel Zeit.«

Schon jetzt befanden sich die Speigatten in Höhe des Meeres, der Schoner schlingerte merkwürdig tot in der hohen See.

»He!« rief er mit einem plötzlichen Einfall Kapitän Doane hinüber. »Wie ist der Kurs nach den Marquesas, Herr Kaptän?«

»Nordnordost«, lautete die undeutliche Antwort. »Werdet Nuka-Hiva treffen. An zweihundert Meilen. Dreht in den Südost-Passat. Am Wind, dann wird's schon gehen.«

»Danke, Herr Kaptän«, rief der Steward, lief dann nach achtern und holte den Kompaß.

Der Wal zögerte, seine Angriffe zu erneuern, und sie begannen schon fast zu glauben, daß er genug hätte. Doch während sie seine Bewegungen beobachteten, sank die Mary Turner beständig.

»Wir könnten wohl den Versuch machen«, sagte Daughtry zum Großen John, aber im selben Augenblick mischte sich eine neue Stimme in die Unterhaltung.

»Cocky, Cocky«, tönte es klagend den Kajütsniedergang herauf. »Teufel auch! Teufel auch!« klang es kurz darauf in gereiztem, zornigem Tone. »Teufel auch! Teufel auch!«

»Selbstverständlich soll er nicht hierbleiben«, sagte Daughtry bei sich, lief über das Deck, kroch durch die Reste der Vormarsstenge und ihrer vielen Stags, die wirr durcheinander den Weg versperrten, und fand das kleine, weiße Geschöpf auf einem Kojenrand, wo es saß, sich aufplusterte, seinen rosenroten Schopf hob und senkte und in ehrlicher Menschensprache die Launenhaftigkeit der Welt, der Schiffe sowie auch der Menschen auf dem Meere verfluchte. Der Kakadu setzte den Fuß auf Daughtrys Zeigefinger, kletterte schnell seinen Hemdärmel hinauf, setzte sich ihm auf die Schulter, lehnte dann seinen Kopf gegen das Auge Stewards und sagte dankbar und erleichtert: »Cocky, Cocky!«

»Du Spitzbube«, brummte Daughtry.

»Gott sei Dank«, antwortete Cocky in einem Tonfall, der dem Daughtrys so glich, daß er ganz verblüfft war.

»Du Spitzbube«, wiederholte Daughtry und legte zärtlich Wange und Augen gegen den befiederten und beschopften Kopf des Kakadus. »Und da glauben die Menschen, daß nur sie etwas wert sind.«

Der Wal zögerte immer noch, und da das Meer buchstäblich seine Zehen auf dem Deck, das sich in Höhe des Wasserspiegels befand, wusch, befahl Daughtry, das Boot hinunterzufieren. Ah Moy sprang eifrig und schnell in den Bug. Aber Daughtrys Annahme, daß die Furcht, mit dem Schiff zu versinken, ihn so antrieb, stimmte nicht. Ah Moy erstrebte den Platz im Boot, der am weitesten von Kwaque und dem Steward entfernt war.

Nachdem sie abgestoßen hatten, schoben sie in aller Eile Proviant und Gepäck von den Sitzen und nahmen ihre Plätze ein. Ah Moy am ersten Riemen vorn, hinter ihm der Große John und Kwaque und dann, am Achterriemen, Daughtry, dem immer noch Cocky auf der Schulter saß. Vom Achtersitz oder auf dem Gepäck starrte Michael sinnend auf die Mary Turner und knurrte Scraps, der dumm genug war, spielen zu wollen, streitlustig an. Der alte Seemann stand aufrecht an der Ruderpinne und gab, als alles bereit war, Befehl, die Riemen auszulegen.

Knurren und Haarsträuben Michaels zeigte ihnen an, daß der Wal sich näherte. Aber er griff nicht an, statt dessen umkreiste er langsam den Schoner.

»Ich möchte wetten, daß das Vieh von all dem Losdonnern Kopfschmerzen gekriegt hat«, grinste Daughtry, um seine Kameraden zu ermutigen.

Sie waren kaum ein Dutzend Schläge gerudert, als ein Ausruf des Großen John sie seinem Blick folgen ließ, der nach der Back des Schoners gerichtet war, wo die Schiffskatze eine große Ratte jagte. Sie sahen auch andere Ratten, die offenbar von dem steigenden Wasser aus ihren Schlupfwinkeln vertrieben waren.

»Wir können die Katze nicht zurücklassen«, sagte Daughtry laut und energisch.

»Natürlich nicht«, antwortete der alte Seemann, und er stemmte sich gegen die Ruderpinne und steuerte das Boot zurück.

Zweimal schaukelte der Wal sie ein wenig, während er sie ruhig umkreiste, ehe sie sich über die Riemen beugten und auslegten. Der Wal schien keine Notiz von ihnen zu nehmen. Das große Ding, der Schoner, war es, der sein Junges getötet hatte, und an dem Schoner ließ er seine Wut aus.

Gerade, als sie wegruderten, machte der Wal kehrt und schwamm geradeaus übers Meer. In einer Entfernung von einer halben Meile bog er ab und kehrte zu einem neuen Angriff zurück.

»Mit all dem Wasser in sich wird der Schoner es ihm ordentlich wiedergeben, wenn er getroffen wird«, sagte Daughtry. »Mein Gott, ruht auf den Riemen und paßt auf.«

Der Stoß, der genau mittschiffs traf, war der schwerste, den die Mary Turner erhalten hatte. Stags und Splitter der Schanzbekleidung flogen in die Luft, und der Schoner krängte so stark, daß die Hälfte seiner Kupferbekleidung sichtbar wurde und naß und funkelnd in der Sonne leuchtete. Als er sich träge wieder aufrichtete, schwankte der Großmast wie ein Betrunkener, fiel aber nicht.

»Eine tüchtige Ohrfeige«, rief Daughtry beim Anblick des Wals, der das Wasser ziel- und zwecklos aufrührte. »Sie müssen beide mächtig eins abgekriegt haben.«

»Schoner ganz fertig«, sagte Kwaque, als die Reling der Mary Turner verschwand.

Sie sank schnell, und einige Augenblicke später war die Spitze des Großmasts verschwunden. Nur der Wal wälzte sich noch auf der Oberfläche des Meeres.

»Damit ist nicht zu prahlen«, lauteten Dag Daughtrys letzte Worte über dem Grabe der Mary Turner. »Niemand wird uns glauben. Ein kräftiges, kleines Schiff wie sie, versenkt, mit Überlegung versenkt von einer Walkuh! Nein, mein Herr, ich glaubte dem alten Seebären in Honolulu nicht einen Augenblick, als er behauptete, daß er einer der Überlebenden der Essex sei. Und mir werden die Leute nicht mehr glauben als ich ihm.«

»Schöner Schoner, das schöne, gute Schiff«, sagte der alte Seemann betrübt. »Nie gab es elegantere und prächtigere Marsstengen auf einem Dreimastschoner, und nie gab es einen Dreimastschoner, der so wie sie kreuzen konnte.«

Dag Daughtry, der stets frei, ungebunden und unverheiratet gewesen war, blickte alle Insassen des Bootes an, für die er jetzt die Verantwortung trug – da waren Kwaque, das schwarze Papua-Ungetüm, das er vor dem Bauch seiner Kameraden gerettet hatte; Ah Moy, der kleine Schiffskoch; der alte Seemann, der erhabene, geliebte, geachtete; der langaufgeschossene Große John, der junge Skandinavier, ein Riese mit dem Herzen eines Kindes; Killeny-Boy, der Wunderhund; Scraps, das empörend dumme, dicke, ungeschickte Hündchen; Cocky, der kleine, weißgefiederte Vogel, hart wie eine Stahlklinge, aber einschmeichelnd verführerisch wie ein reizendes Kind; und endlich die Katze aus der Back des Schoners, der geschmeidige, rotgelbe Rattentöter, der warm und gut zwischen Ah Moys Knien lag. Und dabei waren es zweihundert Meilen bis zu den Marquesas, vorausgesetzt, daß der Passat ihnen erlaubte, am Winde zu segeln, der Passat, der jetzt ruhte, der sich aber, so sicher wie die Morgensonne am Himmel, wieder erheben mußte.

Der Steward seufzte, und merkwürdigerweise tauchte in seiner Seele eine Erinnerung aus seiner Fibel auf, das Bild einer alten Frau, die in einem Schuh wohnte. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und bemerkte wieder die Hautverdickung, die den runden, gefühllosen Fleck zwischen seinen Brauen umgab, und dabei sagte er:

»Ja, Kinder, mit den Riemen werden wir nicht nach den Marquesas kommen. Wir brauchen ein bißchen Wind. Zunächst aber gilt es, ein paar Meilen zwischen uns und die brummige alte Walkuh zu legen. Vielleicht lebt sie wieder auf, vielleicht nicht, auf alle Fälle aber fühle ich mich in ihrer Nähe nicht recht behaglich.«

* * *

 

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