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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Ereignis, das derart die Zukunft beeinflußte, traf ein, als Michael auf die unzweideutigste Art und Weise all und jedem seine Anwesenheit auf der Makambo kundgab. Im Grunde war die Nachlässigkeit Kwaques schuld, der die Kajüte verließ, ohne die Tür ordentlich hinter sich zu schließen. Als die Makambo auf einer leichten See rollte, schwang die Tür hin und her, wobei sie bald ganz offen stand, bald zuschlug, aber doch nicht so hart, daß das Schloß einschnappte.

Michael kletterte über die hohe Türschwelle in der unschuldigen Absicht, nur die nächste Nachbarschaft zu erforschen. Kaum war er jedoch drüben, als ein kräftigeres Schlingern das Schloß zuschnappen ließ, und jetzt wollte Michael sofort umkehren. Sein Gehorsam war stark entwickelt, denn es war ihm ein Herzenswunsch, sich dem Willen seines Herrn unterzuordnen, und aus der mehrtägigen Einsperrung verstand, erriet oder ahnte er, daß er nach dem Willen Stewards in der Kabine bleiben sollte.

Eine Weile saß er vor der geschlossenen Tür und betrachtete sie sinnend, war aber zu klug, einen so leblosen Gegenstand anzubellen oder gar anzureden. Schon als kleiner Welpe hatte er gelernt, daß nur lebendige Dinge sich durch Bitten oder Drohungen bewegen ließen. Hin und wieder trottete er den kurzen Quergang hinab, in den die Kabinentür mündete, und starrte den langen Gang, der sich zu beiden Seiten erstreckte, auf und nieder.

Fast eine Stunde lang unternahm er nichts anderes und kehrte immer wieder zu der Tür zurück, die sich nicht öffnen wollte. Dann aber hatte er einen bestimmten Einfall. Da die Tür sich nicht öffnen wollte und weder Steward noch Kwaque zurückkehrten, wollte er sie aufsuchen. Sobald diese Vorstellung ganz klar in seinem Kopfe stand, trabte er furchtsam zaudernd und unentschlossen durch den langen Gang nach achtern. Als er am Ende des Ganges rechts um die Ecke bog, stieß er auf eine schmale Treppe. Unter vielen anderen Spuren erkannte er die Kwaques und Stewards und erfaßte, daß sie hier hinaufgegangen waren.

Auf der Treppe und dem Hauptdeck begegnete er Passagieren. Da sie weiße Götter waren, nahm er ihnen nicht übel, daß sie mit ihm anzubandeln versuchten, ließ sich aber andererseits nicht aufhalten, sondern ging auf das offene Deck hinaus, wo mehrere der begünstigten Götter auf Deckstühlen lagen. Aber immer noch war kein Kwaque und kein Steward zu sehen. Von einer zweiten schmalen steilen Treppe verlockt, gelangte er auf das Bootsdeck. Hier lagen unter dem großen Sonnensegel noch mehr Götter – viel mehr, als er je in seinem Leben gesehen hatte.

Vorn wurde das Bootsdeck von der Brücke begrenzt, die, statt sich über das Deck zu heben, in gleicher Flucht mit ihm weiterlief. Als er um das Steuerhäuschen herum nach der schattigen Leeseite trottete, begegnete er seinem Schicksal, denn – um es gleich zu sagen – Kapitän Duncan hatte außer zwei Foxterriern noch eine große persische Katze an Bord, und diese Katze hatte gerade Junge geworfen. Zum Kinderzimmer hatte sie sich das Steuerhäuschen erkoren, und Kapitän Duncan hatte sich ihr gefügt, ihr eine Kiste für ihre Jungen gegeben und den Quartiermeistern alles Unglück der Welt angedroht, wenn sie einem von den Jungen auch nur auf die Zehen traten. Aber Michael wußte von alledem nichts, und ehe er die große Perserkatze sah, hatte sie ihn schon entdeckt. Er ahnte nichts, ehe sie ihm in der offenen Tür des Steuerhäuschens entgegensprang. Als er diese plötzliche Gefahr inne ward, hatte er sich durch einen Seitensprung gerettet, noch ehe er erfassen konnte, worum es sich handelte. Von seinem Standpunkt aus war der Angriff völlig unmotiviert. Er starrte die Katze mit gesträubten Haaren an und hatte sie gerade als das, was sie war, als eine Katze, erkannt, als sie auch schon wieder auf ihn losfuhr. Ihr Schwanz hatte einen Umfang wie der Arm eines dicken Mannes, und wie sie jetzt vor Wut und Rachgier fauchte, schien sie nur aus Krallen und Zähnen zu bestehen.

Das war denn doch zuviel für das Selbstgefühl eines irischen Terriers. Sein Zorn brauste auf, und als sie jetzt wieder auf ihn lossprang, entging er ihren Krallen durch einen Sprung und drang seitwärts auf sie ein; während sie noch in der Luft schwebte, schnappten seine Kiefer schon über ihrem Rückgrat zusammen. Im nächsten Augenblick lag sie mit zerbrochenem Rückgrat, zappelnd und sich krümmend auf dem Deck. Für Michael aber war das nur der Anfang. Ein schriller Laut, eher ein Heulen als ein Kläffen, von mehreren Feinden veranlaßte ihn, sich halb umzudrehen, aber er war nicht schnell genug. Durch den Flankenangriff eines erwachsenen Foxterriers wurde er kopfüber auf das Deck geschleudert.

Als Michael wieder auf die Beine kam, war er ernstlich zornig. Tatsächlich regnete es Backpfeifen, und dieser ganze kriegerische Überfall war ja nicht von ihm veranlaßt, denn er hatte den Streit nicht angefangen, ja, nicht einmal etwas von der Existenz seiner Feinde geahnt, ehe sie ihn angriffen. Die Foxterrier waren trotz ihrer hysterischen Wut tapfer und gingen, sobald er wieder auf den Füßen stand, auf ihn los. Die Zähne des einen stießen gegen die seinen, wobei beider Lippen zerbissen wurden, und der leichtere Hund zog sich zurück. Dem andern glückte es, Michael in der Flanke zu packen und ihm mit seinen Zähnen Wunden und Bisse beizubringen. Sich blitzschnell krümmend, befreite Michael seine Flanke, wobei der andere das Maul voller Haare behielt, und packte im selben Augenblick das Ohr seines Feindes so kräftig, daß er es vollkommen durchbiß. Mit einem schrillen Schmerzensgeheul sprang der Foxterrier zurück, so daß Michaels Zähne sein Ohr wie ein Kamm durchpflügten.

Jetzt machte der erste Terrier kehrt und ging auf ihn los, und Michael drehte sich blitzschnell um, um ihm zu begegnen, als er Gegenstand eines neuen und ebenso unmotivierten Angriffs wurde. Diesmal war es Kapitän Duncan, der beim Anblick seiner getöteten Katze vor Wut entbrannte. Er schob Michael den Fuß unter die Brust, trat ihm fast den Atem heraus, hob ihn hoch in die Luft und ließ ihn niederstürzen, so daß er schwer auf die Seite fiel. Sofort fielen die beiden Terrier wieder über ihn her, bohrten die Zähne in ihn und bekamen die Fänge voll von seinem glatten, dichten Haar. Im Begriff, wieder auf die Beine zu kommen, schlug er, immer noch auf der Seite liegend, seine Kiefer über dem Bein des einen der Hunde zusammen, der vor Schmerz aufheulte und sich auf drei Beinen zurückzog, das vierte, ein Vorderbein, das Michaels Zähne fast zerbrochen hatten, hochhaltend. Zwei scharfe Bisse versetzte Michael dem zweiten vierbeinigen Feind und verfolgte ihn dann im Kreise, während er seinerseits wieder von Kapitän Duncan verfolgt wurde.

Michael übersprang eine Sehne des Bogens, den der fliehende Hund beschrieb, und seine Zähne schnappten in den Hals des anderen. So mitten im Sprunge von dem schweren Hund festgehalten, verlor der Foxterrier das Gleichgewicht und taumelte krachend auf das Deck. Im selben Augenblick traf Kapitän Duncans zweiter Fußtritt Michael.

Jetzt wandte Michael sich gegen den Kapitän. Aber wenn das nun ein weißer Gott war? In seiner Wut über so viele Angriffe seitens so vieler Feinde ließ Michael sich nicht Zeit zu näherer Überlegung. Außerdem war dies ein merkwürdiger weißer Gott, den er nie zuvor gesehen.

Anfangs hatte er die Zähne gefletscht und geknurrt. Aber einen Gott anzugreifen, war eine ernstere Angelegenheit, und als er gegen das Bein sprang, das ihm in einem neuen Tritt entgegenflog, gab er nicht einen Laut von sich. Er sprang nicht gerade auf das Bein los. Seine Methode war, auszuweichen, sich zu krümmen, und im Augenblick, wenn es vorbeifuhr, drauf loszuspringen. Diesen Kniff hatte er unter den Wilden in Meringe und an Bord der Eugénie gelernt, und er glückte ihm ebenso oft, wie er ihm mißlang. Seine Zähne faßten nur die weiße Leinenhose. Der aufgeregte Seemann verlor dadurch das Gleichgewicht. Er fiel beinahe auf die Nase, kam mit einer gewaltsamen Anstrengung wieder auf die Füße, stolperte über Michael, der sich zu einem neuen Biß anschickte, taumelte und setzte sich auf das Deck.

Wie lange er dort hätte sitzenbleiben können, um wieder zu Atem zu kommen, ist fraglich, denn so schnell, wie seine Wohlbeleibtheit es zuließ, sprang er wieder auf, angespornt durch Michaels Zähne, die bereits in dem fleischigen Teil seiner Schulter saßen. Michael erwischte das Bein des aufstehenden Mannes nicht, zerriß aber dafür das andere Hosenbein und erhielt einen Tritt, der ihn drei Ellen weit sausen, einen halben Purzelbaum schlagen und rücklings auf dem Deck landen ließ.

Bis zu diesem Augenblick hatte der Kapitän eine grimmige Offensive geführt, und er wollte wieder treten, als Michael wieder auf die Füße kam und hochflog, nicht um das Bein, sondern um die Kehle des Mannes zu packen. Sie war jedoch zu hoch, und seine Zähne faßten nur die schwarze Krawatte und zerfetzten sie. Dann fiel er wieder auf den Rücken. Weniger das, sondern Michaels Schweigen war es, was Kapitän Duncan zu reiner Defensive übergehen und rückwärts retirieren ließ. Dieses Schweigen war unheilverkündend wie der Tod. Der Hund ließ weder Knurren noch drohende Kehllaute hören. Er sprang und sprang immer wieder, die Augen, ohne zu blinzeln, geradeaus gerichtet. Mit einem Schweigen, das an den Ernst des Todes gemahnte, griff er immer wieder an, selbst als der Kapitän sich unter Fußtritten zurückzog. Ein Matrose rettete Kapitän Duncan mit einem Schwapper. Er warf sich dazwischen, und es glückte ihm, Michael den Schwapper ins Maul zu stopfen und ihn beiseitezuschieben. Das erstemal schlossen sich seine Zähne automatisch über dem Schwapper. Als er ihn aber ausgespuckt hatte, biß er nicht wieder hinein. Denn jetzt wußte er, was das war: ein lebloses Ding, das seine Zähne nicht verwunden konnten.

Er interessierte sich auch nicht für den Matrosen, abgesehen davon, daß er ihm zu entgehen versuchte. Michaels Opfer war Kapitän Duncan, der den Rücken gegen die Reling lehnte und sich den perlenden Schweiß von der Stirn wischte. Die Ereignisse waren sich so schnell gefolgt, daß die Passagiere, die von ihren Deckstühlen aufsprangen und zur Walstatt eilten, erst herankamen, als Michael gerade glücklich wieder dem Schwapper entging und Kapitän Duncan anfiel. Diesmal hatte er Erfolg, denn er bohrte seine Zähne mit solcher Wildheit in einen runden Schenkel, daß der Besitzer des Schenkels in ein unzusammenhängendes Fluchen und ein Geheul erbitterter Überraschung ausbrach. Ein erfolgreicher Tritt schleuderte Michael beiseite und ermöglichte es dem Matrosen, noch einmal mit dem Schwapper zu intervenieren. Und jetzt tauchte auf der Szene Dag Daughtry auf, gerade früh genug, um seinen Kapitän zerfetzt, blutend und keuchend, Michael in unheimlichem Schweigen am Ende eines Schwappers wüten und eine große persische Katze sich mit zerbrochenem Rückgrat auf dem Boden krümmen zu sehen.

»Killeny-Boy«, rief der Steward gebieterisch.

Die Stimme seines Herrn kam Michael trotz dem Zorn und der Wut, die ihn erfüllten, zum Bewußtsein. Er wurde fast augenblicklich ruhig, seine Ohren, seine gesträubten Haare legten sich, und seine Lippen glitten wieder über die Zähne, während er den Kopf wandte, um Anerkennung zu ernten. »Hierher, Killeny!« Michael gehorchte – nicht kriecherisch und nicht in sklavischer Demut, nein, eifrig und froh trabte er zu Stewards Füßen.

»Hinlegen!«

Er machte eine halbe Drehung, ehe er sich mit einem befriedigten Seufzer niederlegte und mit seiner flammendroten Zunge Steward den Fuß leckte.

»Ihr Hund, Steward?« fragte Kapitän Duncan mit halberstickter Stimme, in der Wut und Atemlosigkeit miteinander kämpften.

»Ja, Herr Kaptän, mein Hund. Was hat er denn gemacht?«

Michaels Verbrechen raubten dem Kapitän die Sprache. Er konnte nur mit einer Handbewegung von der sterbenden Katze auf seine eigenen zerrissenen Hosen und blutenden Wunden und auf die Foxterrier zeigen, die zu seinen Füßen winselnd ihre Wunden leckten.

»Das ist ja arg, Herr Kaptän ...«, begann Daughtry.

»Zu arg, zum Teufel«, unterbrach der Kapitän ihn. »Bootsmann!

Schmeißen Sie den Hund über Bord.«

»Den Hund über Bord schmeißen, Herr Kapitän?« wiederholte der Bootsmann zögernd.

Dag Daughtrys Gesicht wurde unbewußt hart, während sein Wille sich gleichzeitig zu einem trotzigen Widerstand anschickte, den er nicht scheute, auf seine eigene ruhige Art auf die Spitze zu treiben, wenn es galt, etwas durchzusetzen. Aber er antwortete ganz ehrerbietig, während er sich, wenn auch mit einiger Anstrengung, wieder zu seinem gewöhnlichen liebenswürdigen Ausdruck zwang:

»Er ist ein guter Hund, Herr Kaptän, und ganz harmlos. Ich kann nicht begreifen, was in ihn gefahren ist. Er muß einen Grund gehabt haben, Herr –«

»Das hat er auch«, fiel einer der Passagiere, ein Kokosplantagenbesitzer vom Archipel, ein.

Der Steward warf ihm einen dankbaren Blick zu und fuhr fort: »Er ist ein guter Hund, Herr Kaptän, ein sehr gehorsamer Hund, Herr Kaptän. – Sehen Sie nur, wie er mitten im Kampf gehorchte, zu mir kam und sich niederlegte. Er ist der bravste Hund, den man sich denken kann, Herr Kaptän, tut alles, was ich ihm sage. Er soll Frieden schließen. Sehen Sie ...«

Er trat zu den hysterischen Foxterriern und rief Michael zu sich. »Er ist brav, Killeny. Verstanden, er ist brav«, murmelte er, während er gleichzeitig die eine Hand auf den einen Terrier und die andere auf Michael legte.

Der Terrier winselte und preßte sich an das Bein Kapitän Duncans, Michael aber kam mit ruhig wedelnder Rute und friedlich hängenden Ohren auf ihn zu, sah, um seiner Sache sicher zu sein, Steward an, beschnüffelte dann seinen früheren Widersacher und streckte sogar die Zunge aus, um zärtlich das Ohr des anderen zu lecken.

»Sehen Sie, Herr Kaptän, es ist keine Schlechtigkeit in ihm«, rief Daughtry triumphierend. »Er ist ein ehrlicher Gegner, Herr Kaptän. Er ist ein sauberer Hund, ein Menschenhund. – Hierher, Killeny-Boy! Und nun der andere. Der ist auch brav. Gib ihm einen Kuß und schließ Frieden mit ihm. Ist ja dummes Zeug.« Der andere Foxterrier, der mit dem verletzten Bein, ließ sich Michaels Schnüffeln ruhig gefallen, abgesehen von einigen hysterischen Knurrlauten, die ihm tief aus der Kehle kamen; als Michael aber die Zunge ausstreckte, wurde es ihm doch zuviel. Der verwundete Terrier explodierte und schnappte, wenn auch vergebens, nach Michaels Schnauze.

»Er ist brav, Killeny, er ist brav, ganz gewiß«, ermahnte ihn der Steward schnell.

Mit einem Schlag der Rute, zum Beweis, daß er die Situation verstand, und ohne ein Zeichen von Zorn, hob Michael eine Pfote und ließ sie scherzhaft und wie zufällig auf den Hals des andern fallen, so daß er kopfüber auf das Deck rollte. Der Terrier knurrte wütend, aber Michael wandte sich ruhig um und blickte dem Steward ins Gesicht, in der Hoffnung auf Anerkennung. Eine Lachsalve von den Passagieren begrüßte den Purzelbaum des Foxterriers und das liebenswürdige Auftreten Michaels.

»Jawohl, Herr Kaptän«, fuhr der Steward mit steigender Zuversicht fort. »Ich wette, daß die drei morgen um diese Zeit die besten Freunde sind ...«

»Um diese Zeit, in fünf Minuten ist er über Bord«, antwortete der Kapitän. »Bootsmann! über Bord mit ihm!«

Der Bootsmann trat einen Schritt näher, aber ein protestierendes Gemurmel erhob sich unter den Passagieren.

»Sehen Sie meine Katze und sehen Sie mich an«, rief Kapitän Duncan, um seine Handlungsweise zu rechtfertigen.

Der Bootsmann machte noch einen Schritt, aber Dag Daughtry starrte ihn drohend an.

»Wird's bald!« kommandierte der Kapitän.

»Halt!« ergriff der Plantagenbesitzer das Wort. »Seien Sie gerecht gegen den Hund. Ich habe alles gesehen. Er war ganz friedlich. Zuerst ging die Katze auf ihn los. Sie tat es zweimal, ehe er sich wehrte. Sie hätte ihm die Augen ausgekratzt. Dann gingen die beiden Hunde auf ihn los. Er hatte ihnen nichts getan. Dann gingen Sie selbst auf ihn los. Ihnen hatte er auch nichts getan. Und dann kam der Matrose mit dem Schwapper. Und jetzt wollen Sie, daß der Bootsmann ihn über Bord wirft. Seien Sie gerecht. Er hat sich nur verteidigt. Was wollen Sie von einem Hund, der nun einmal ein Hund ist? Soll er sich von jedem fremden Hund, von jeder fremden Katze verprügeln lassen? Das geht nicht, Schiffer. Sie haben ihm ein paar mächtige Tritte versetzt. Er hat sich nur verteidigt.«

»Ja, eine schöne Verteidigung«, lachte Kapitän Duncan mit einer Andeutung seiner früheren Liebenswürdigkeit, während er gleichzeitig behutsam seine Schulter befühlte und traurig an seinen zerfetzten Leinenhosen hinabsah. »Na schön, Steward. Wenn Sie ihn dazu kriegen, daß er in fünf Minuten mit mir Freundschaft geschlossen hat, darf er an Bord bleiben. Aber ein Paar neue Hosen müssen Sie mir kaufen, um es wieder gutzumachen.«

»Mit Freuden, Herr Kaptän. Vielen Dank, Herr Kaptän«, rief Daughtry. »Und eine neue Katze sollen Sie auch haben, Herr Kaptän – hierher, Killeny-Boy. Dies große fella Herr, er gut genug, darauf kannst du schwören.«

Und Michael lauschte. Aber er lauschte nicht besessen von der schwelenden, würgenden inneren Hysterie, unter der die Foxterrier immer noch litten, auch nicht mit zitternden Muskeln und bebenden, überspannten Nerven, sondern ruhig und gefaßt, als hätte nicht erst vor einem Augenblick ein regulärer Kampf stattgefunden, als brenne und schmerze sein Körper nicht mehr von Bissen und Tritten.

Als er das erstemal an den Hosenbeinen schnüffelte, die seine Zähne vor einem Augenblick zerfetzt hatten, konnte er es jedoch nicht lassen, zu knurren.

»Berühren Sie ihn, Herr Kaptän«, bat Daughtry.

Und Kapitän Duncan, der wieder zu sich gekommen war, beugte sich nieder und legte ohne Bedenken seine Hand fest auf Michaels Kopf. Ja, mehr als das: er streichelte und knetete ihm sogar die Ohren. Und Michael, der frohmütige Michael, der wie ein Löwe kämpfte und wie ein Mann vergab und vergaß, glättete sein Nackenhaar, wedelte mit dem Rutenstummel, lächelte mit Augen, Ohren und Maul und leckte die Hand, mit der er soeben erst gekämpft hatte.

Während des Restes der Reise war Michael der Mittelpunkt des ganzen Schiffes. Er war freundlich zu allen, aber seine Liebe war Steward allein vorbehalten, obwohl er mancher freundschaftlichen Anrempelung seitens der Foxterrier nicht aus dem Wege ging.

»Das ist der spaßigste Hund, den ich je gesehen habe, ohne daß er dabei albern wäre«, lautete Dag Daughtrys Urteil dem Plantagenbesitzer gegenüber, dem er gerade einen seiner Schildpattkämme verkauft hatte. »Sehen Sie, es gibt Hunde, die nie über das Spielstadium hinauskommen und nie etwas taugen. Killeny-Boy aber kann sich zusammennehmen und in einer Sekunde ernst sein. Ich werde es Ihnen zeigen, ich werde es Ihnen beweisen, daß er einen Kopf hat, der bis fünf zählen kann und sich auf drahtlose Telegraphie versteht. Passen Sie auf.«

Im selben Augenblick stieß er seinen schwachen Lippenlaut aus, so schwach, daß er ihn selber kaum hören konnte und fast im Zweifel war, ob er ihn überhaupt hervorgebracht hatte; so schwach, daß der Plantagenbesitzer nichts davon ahnte. In diesem Augenblick lag Michael gerade ein Dutzend Schritte entfernt auf dem Rücken und wand sich, alle viere in die Luft gestreckt, während beide Foxterrier ihn mit gut gespielter Grimmigkeit neckten. Mit einer schnellen Bewegung seiner vier Beine rollte er sich auf die Seite und spähte und lauschte mit forschenden Augen und gespitzten Ohren. Daughtry stieß wieder den Lippenlaut aus; der Plantagenbesitzer hörte und ahnte immer noch nichts. Michael aber sprang auf und war mit einem Satz neben seinem Herrn.

»Das ist ein Hund, was?« prahlte der Steward.

»Aber woher weiß er, daß er zu Ihnen kommen soll?« fragte der Plantagenbesitzer. »Sie haben ihn ja gar nicht gerufen.«

»Telepathie, Seelenverwandtschaft, oder wie Sie es nennen wollen. Sehen Sie, Killeny und ich sind aus demselben Stoff gemacht. Er würde vielleicht mein Bruder und ich der seine sein, wäre nicht irgendwo in der Schöpfungsfabrik ein Irrtum passiert. Und jetzt will ich Ihnen zeigen, daß er sich auch ein wenig aufs Rechnen versteht.«

Und die Papierkugeln aus der Tasche ziehend, führte Dag Daughtry zum Erstaunen und zur Genugtuung aller Passagiere Michaels Fertigkeit vor, bis fünf zu zählen.

»Jawohl, mein Herr«, sagte Daughtry, als die Vorstellung beendet war. »Wenn ich in einer Wirtschaft an Land vier Glas Bier bestellte und nicht bemerkte, daß der Kellner nur drei brächte: Killeny-Boy würde schon Lärm schlagen.«

Seit Michaels Anwesenheit auf der Makambo bekannt war, brauchte Kwaque sich nicht mehr mit seiner Maultrommel auf den Rosten über dem Heizraum zu belustigen, jetzt unternahm er, wenn er Gelegenheit dazu hatte, mit Michael in der Kabine Privatexperimente. Wenn die Maultrommel ihre barbarischen Töne erklingen ließ, war Michael hilflos. Er mußte, ob er wollte oder nicht, das Maul öffnen und sein widerstrebendes, gefühlvolles Geheul ausstoßen. Aber wie Jerry, heulte auch er nicht schlechthin. Die Töne glichen eher einem sanften Singen, und es dauerte nicht lange, so konnte Kwaque die Stimme Michaels auf und ab und innerhalb eines gewissen Registers in einer schurrenden Tonart und mit einem gewissen Takt dirigieren.

Michael liebte diese Stunden nicht, denn da er auf Kwaque hinabsah, haßte er es, dem Schwarzen gehorchen zu müssen. Aber alles das sollte sich ändern, als Dag Daughtry sie eines Tages beim Gesangunterricht überraschte. Er holte sofort die Harmonika hervor, mit der er sich, wenn er nicht die Wirtshäuser an Land besuchte, die Zeit zu vertreiben pflegte. Er entdeckte, daß Michael am schnellsten zum Singen zu bringen war, wenn er in Moll spielte; und hatte der Hund erst einmal angefangen, so sang er weiter, solange die Musik anhielt. Michael konnte auch ohne Instrument singen, nur angefeuert und begleitet von der Stimme des Stewards, der in diesem Fall zuerst ein langes, betrübtes »Kau-Kau« jammerte und später in ein altes Lied oder eine Ballade überging, die Michael nur höchst ungern mit Kwaque gesungen hatte, aber freudig mit dem Steward sang, sogar wenn Steward ihn mit an Deck nahm und ihn vor den Passagieren, die vor Lachen brüllten, auftreten ließ.

Am Ende der Reise hatte der Steward ernste Unterredungen mit Kapitän Duncan und mit Michael.

»Die Sache ist nämlich so, Killeny«, begann Daughtry eines Abends, als Michaels Kopf auf dem Knie seines Herrn ruhte, während er ihm bewundernd ins Gesicht starrte, außerstande, auch nur das geringste von dem Gesprochenen zu verstehen, aber begeistert über die Vertraulichkeit, die gewissermaßen im Klang der Worte lag. »Ich stahl dich für Biergeld. Und als ich dich damals auf dem Strande sah, wußte ich, daß ich jederzeit zehn Pfund für dich kriegen konnte. Zehn Pfund sind eine schauerliche Masse Geld. Fünfzig Dollar in amerikanischem Geld und hundert Dollar in chinesischer Münze.

Für fünfzig Dollar in Gold könnte man Bier genug kriegen, um darin zu ersaufen, wenn man kopfüber hineinfiele. Aber ich will doch eine Frage an dich richten. Kannst du dir vorstellen, daß ich zehn Pfund für dich nähme? ... Los, sprich! Kannst du dir das denken?«

Und Michael schlug mit der Rute den Fußboden, stieß ein scharfes hohes Bellen aus und zeigte dadurch, daß er mit dem Vorgebrachten völlig übereinstimmte.

»Oder laß uns sogar sagen: zwanzig Pfund. Das ist ein schönes Angebot. Würde ich es tun? Was? Würde ich es? Was würdest du zu fünfzig Pfund sagen? Oder gar zu hundert? Ach, hundert Pfund, etwa in Bier angelegt, würden diesen alten Kasten schon zum Schwimmen bringen. Aber wer würde hundert Pfund bieten, Donnerwetter? Den möchte ich sehen, nur ein einziges Mal. Willst du wissen, warum? Schön. Ich will es dir flüstern. Damit ich ihn bitten könnte, sich zum Teufel zu scheren, jawohl!«

Michaels Liebe zu Steward war so groß, daß sie fast zur Verblendung wurde. Und Stewards Gefühle für Michael offenbarten sich deutlich in seiner Unterredung mit Kapitän Duncan.

»Ich versichere Ihnen, Herr Kaptän, daß er mir an Bord nachgelaufen sein muß«, so schloß Daughtry seinen lügenhaften Bericht, »und ich hatte keine Ahnung. Ich sah ihn das letztemal am Strande. Als ich ihn wiedersah, lag er fest schlafend in meiner Koje. Und nun frage ich Sie, Herr Kaptän, wie kam er dahin? Wie machte er gerade meine Kammer ausfindig? Die Lösung des Rätsels überlasse ich Ihnen, Herr Kaptän. Ich nenne es ein Wunder, ein reines Wunder.«

»So sehen Sie aus«, lachte Kapitän Duncan. »Als ob ich Ihre Kniffe nicht kennte, Steward. Es ist kein Wunder. Es ist ganz gemeiner Diebstahl. Ist Ihnen an Bord nachgelaufen? Der Hund ist nie über die Reling geklettert. Er kam durch eine Stückpforte, aber nicht von selber. Ihr Viech von Nigger hat die Hand im Spiel gehabt, darauf möchte ich wetten. Aber wir wollen uns nicht darüber streiten. Geben Sie mir den Hund, und ich werde nicht mehr über die Katze reden.«

Daughtry antwortete: »Wenn Sie glauben, was Sie sagen, würden Sie sich ja mitschuldig an dem Verbrechen machen.«

Und die trotzigen Runzeln, die seine Stirn furchten, zeigten seinen festen Willen. »Ich, Herr Kaptän, ich bin nur ein Schiffssteward, und mir würde es nichts ausmachen, wenn ich wegen Hundediebstahls eingesperrt würde; aber Sie, Herr Kaptän, Sie sind Schiffer auf einem feinen Dampfer – wie würde Ihnen das stehen, Herr Kaptän? Nein, Herr Kaptän, es ist schon am besten, ich behalte den Hund, der mir an Bord nachgelaufen ist.«

»Ich lege noch zehn Pfund drauf«, bot der Kapitän.

»Nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht, Herr Kaptän, Sie sind nun einmal Schiffer«, wiederholte der Steward, melancholisch den Kopf schüttelnd. »Außerdem weiß ich, wo es eine prachtvolle Angorakatze in Sydney gibt. Der Besitzer will aufs Land ziehen und kann sie nicht mehr gebrauchen, und es hieße der Katze einen Freundschaftsdienst erweisen, wenn man ihr ein so gutes und ordentliches Heim wie die Makambo verschaffte.«

 

Ein anderes Kunststück, das Dag Daughtry Michael beibrachte, hob den Hund derart in den Augen Kapitän Duncans, daß er dem Steward fünfzig Pfund bot und »auf die Katze pfeifen« wollte. Zuerst übte Daughtry das Kunststück ganz für sich mit dem ersten Maschinisten und dem Plantagenbesitzer ein. Eine öffentliche Vorstellung veranstaltete er erst, als er voll und ganz zufrieden war.

»Also wir wollen jetzt mal annehmen, daß Sie Schutzleute oder Detektive sind«, sagte Daughtry zum ersten und dritten Offizier, »und daß ich ein furchtbares Verbrechen begangen habe. Und wir wollen annehmen, daß Killeny-Boy der einzige Schlüssel ist, und daß Sie Killeny-Boy haben. Wenn er seinen Herrn – also mich – wiedererkennt, dann haben Sie Ihren Verbrecher erwischt. Sie führen ihn an der Leine das Deck entlang. Dann kommen Sie auf demselben Wege mit ihm zurück, wir tun, als sei es die Straße, und wenn er mich erkennt, verhaften Sie mich. Wenn er mich aber nicht erkennt, können Sie mich nicht verhaften. Verstehen Sie?«

Die beiden Offiziere führten Michael fort und kamen nach einigen Minuten das Deck entlang. Michael zerrte an der gespannten Leine, um Steward zu suchen.

»Was wollen Sie für den Hund haben«, fragte Daughtry, als sie sich näherten – das war das Stichwort, das er Michael beigebracht hatte.

Und Michael ging vorbei, an der Leine zerrend, ohne auch nur mit der Rute zu wedeln oder einen Blick auf Steward zu werfen. Die Offiziere blieben vor Daughtry stehen und zogen Michael zurück.

»Der Hund hat sich verlaufen«, sagte der Erste Offizier.

»Wir suchen den Besitzer«, fügte der Dritte Offizier hinzu.

»Ist es ein guter Hund? Was wollen Sie für ihn haben?« fragte Daughtry, während er Michael aufmerksam mit kritischen Blicken betrachtete. »Ist er gutartig?«

»Versuchen Sie es«, lautete die Antwort.

Der Steward streckte die Hand aus, um ihm den Kopf zu streicheln, zog sie aber schnell zurück, als Michael mit gesträubtem Haar und boshaft knurrend die Zähne fletschte.

»Keine Angst, er beißt Sie nicht«, sagten die begeisterten Passagiere. Diesmal wäre der Steward fast in die Hand gebissen worden, und er sprang zurück, als Michael wütend, soweit die Leine reichte, auf ihn losfuhr.

»Nehmen Sie ihn weg«, brüllte Daughtry wütend. »Das falsche Vieh! Ich will ihn nicht geschenkt haben!«

Und als sie gehorchten, bemühte Michael sich in einem Wutanfall, umzukehren, und sprang heftig gegen die gespannte Leine an, während er mit größter Wildheit Steward anknurrte.

»Nicht wahr? Wer wollte behaupten, daß er mich je im Leben gesehen hätte?« fragte Daughtry triumphierend. »Das ist ein Kunststück, das ich noch nie gesehen habe, aber ich habe davon gehört. Die alten Wilddiebe in England pflegten es ihren Hunden beizubringen, damit kein Förster sie mit Hilfe des Hundes überführen konnte.«

»Wissen Sie, er kann viel, der Killeny-Boy. Er kann Englisch. Meine Kabinentür steht offen, und drinnen sind Schuhe, Pantoffel, Mützen, Handtücher, Handschuhe, Tabaksbeutel und Haarbürste. Sagen Sie, was er davon holen soll.«

Die Passagiere antworteten sofort, gaben aber so verschiedene Antworten, daß jeder Gegenstand verlangt wurde.

»Lassen Sie nur einen von Ihnen den Gegenstand wählen«, riet der Steward.

»Pantoffel«, sagte Kapitän Duncan.

»Einen oder beide?« fragte Daughtry.

»Beide.«

»Hierher, Killeny-Boy«, begann Dag Daughtry und beugte sich zu ihm nieder, sprang aber zurück, um mit Mühe und Not einem Kieferpaar zu entgehen, das gerade vor seiner Nase zusammenschnappte.

»Meine Schuld«, sagte er. »Ich habe ihm nicht erzählt, daß das andere Spiel aus ist. Aber jetzt hören und sehen Sie genau zu, ob Sie den Wink entdecken können, den ich ihm gebe.«

Nicht ein einziger sah und hörte etwas, aber nichtsdestoweniger sprang Michael, vor Eifer und Freude winselnd, mit lächelndem Maul und den ganzen Körper verdrehend auf Steward los, leckte ihm in wahnsinniger Freude die Hände, drehte und wand sich, als er von den Händen umfaßt wurde, die er eben erst bedroht hatte, und versuchte in kurzen Sprüngen an ihm hochzuspringen, wobei er die Zunge ausstreckte, um das Gesicht seines Herrn zu erreichen. Es war für Michael eine Nerven- und Kopfanstrengung schwerster Art, sich so beherrschen, Komödie spielen und Zorn und Feindschaft gegen seinen geliebten Steward vorgeben zu sollen. »Es dauert etwas, ehe er sich nach solchen Kunststücken erholt«, erklärte Daughtry, während er Michael beruhigte. »So, Killeny-Boy: Jetzt geh und hol' Pantoffel! Halt, bring' einen Pantoffel, bring' zwei Pantoffel.« Michael spitzte die Ohren und sah mit großen, fragenden Augen auf.

»Zwei Pantoffel, schnell.«

Der Hund fuhr auf und schoß so blitzschnell davon, daß er flach auf dem Bauch zu liegen schien und seine Hinterfüße auf dem glatten Deck ausrutschten, als er auf dem Wege nach der Treppe um die Ruff fuhr.

Im Augenblick war er zurück und hatte im Maul beide Pantoffel, die er Steward zu Füßen legte.

»Je mehr ich von Hunden kennenlerne, desto unglaublicher und wunderbarer kommen sie mir vor«, vertraute Dag Daughtry am Abend vor Schlafenszeit nach seiner vierten Flasche dem Plantagenbesitzer unter vier Augen an. »Nehmen Sie Killeny-Boy. Er tut nichts rein mechanisch, nur weil ich ihn dazu dressiert habe. Es steckt mehr dahinter. Er tut es, weil er mich lieb hat. Ich kann es Ihnen nicht erklären, aber ich fühle es, ich weiß es.

Vielleicht ist es das, worauf ich hinziele. Killeny-Boy kann nicht sprechen, wie Sie und ich; daher kann er mir nicht erzählen, wie er mich liebt. Aber er ist lauter Liebe, vom Scheitel bis zur Sohle. Und da Taten lauter sprechen als Worte, erzählt er mir, wie er mich liebt, indem er diese Dinge für mich tut. Kunststücke? Selbstverständlich. Aber im Vergleich mit ihnen werden die schönsten Redensarten des Menschen zu nichts. Natürlich ist es Rede. Stumme Hunderede. Als ob ich das nicht wüßte. So gewiß ich ein lebendiger, zu Mühe und Arbeit geborener Mensch bin, ebenso gewiß ist es, daß ich ihn glücklich mache, wenn ich ihn Kunststücke für mich ausführen lasse, ganz wie es einen Mann glücklich macht, wenn er einem Kameraden in einer kitzligen Situation beisteht, oder wie ein Liebender glücklich ist, wenn er seinen Mantel um das Mädchen legt, das er liebt, damit sie nicht friert. Ich kann Ihnen versichern ...«

Hier konnte Daughtry nicht weiter; er war außerstande, den Vorstellungen, die in seinem vom Bier erregten und durchdünsteten Hirn rumorten, Ausdruck zu verleihen, aber nach einigem Stammeln und Schlucksen begann er von neuem.

»Sie wissen, die Sprache ist die Hauptsache, und Killeny kann nicht sprechen. Er hat Gedanken in seinem Kopfe – die können Sie aus seinen herrlichen braunen Augen leuchten sehen – aber er kann sie mir nicht mitteilen. Oh, ich sehe manchmal, wie er sich bemüht, mir etwas zu erzählen, so sehr, daß er beinahe platzt. Es ist ein großer Abgrund zwischen ihm und mir, die Sprache ist beinahe die einzige Brücke, und er kann nicht über den Abgrund gelangen, obwohl er Gedanken und Gefühle hat wie ich.

»Aber, wissen Sie, am nächsten kommen wir uns, wenn ich Harmonika spiele und er singt. Es ist ein wirkliches Singen ohne Worte. Und ... ich kann nicht erklären, wie ... aber einerlei, wenn wir mit unserm Lied fertig sind, fühle ich, daß wir uns ein ganz Teil erzählt haben, zu dessen Verständnis wir keine Worte brauchen.«

Dag Daughtry hielt in seinen Gedanken inne und schloß, um seine Verlegenheit zu verbergen, mit einer prahlerischen Lobrede auf Michael.

»Oh, glauben Sie mir, Hunde wie ihn gibt es nicht alle Tage. Jawohl, ich habe ihn gestohlen. Ich sah, daß er gut war. Und wenn es wieder dazu käme, und ich kennte ihn, wie ich ihn jetzt kenne, so würde ich ihn wieder stehlen, und wenn es mich ein Bein kostete. Solch ein Hund ist er.«

An dem Morgen, als die Makambo in den Sydneyer Hafen einlief, machte Kapitän Duncan noch einen Versuch, Michael zu erhalten. Die Barkasse des Hafenarztes war gerade längsseits gekommen, als er Daughtry, der das Deck entlangkam, zunickte: »Steward, ich gebe Ihnen zwanzig Pfund.«

»Nein, Herr Kaptän, vielen Dank«, antwortete Daughtry. »Ich könnte es nicht übers Herz bringen, mich von ihm zu trennen.«

»Also fünfundzwanzig Pfund. Weiter kann ich nicht gehen. Es gibt doch viele irische Terrier in der Welt.«

»Eben, Herr Kaptän. Und ich will Ihnen einen verschaffen, hier in Sydney, ohne daß es Sie einen Pfennig kostet, Herr Kaptän.«

»Aber ich möchte eben Killeny-Boy haben«, beharrte der Kapitän.

»Und ich auch, das ist das Schlimme. Und ich habe ihn zuerst bekommen.«

»Fünfundzwanzig Pfund sind ein hübsches Sümmchen ... für einen Hund«, sagte Kapitän Duncan.

»Und Killeny-Boy ist ein hübscher Hund ... für das Geld«, antwortete der Steward schlagfertig. »Wissen Sie, Herr Kaptän, wenn wir ganz nüchtern davon reden wollen, so sind seine Kunststücke allein mehr wert. Daß er mich nicht erkennt, wenn ich es nicht haben will, ist an sich schon fünfzig Pfund wert, und dazu kommen noch sein Zählen und Singen und all seine andern Nummern. Ich pfeife darauf, wie ich ihn gekriegt habe. Jedenfalls konnte er damals die Kunststücke noch nicht. Die Kunststücke gehören mir. Ich hab' sie ihm beigebracht. Er ist nicht derselbe Hund, als der er an Bord kam. Jetzt ist er ein ganz Teil von mir selbst, und ihn verkaufen, hieße ein Stück von mir selbst verkaufen.«

»Dreißig Pfund«, sagte der Kapitän entschlossen.

»Nein, Herr Kaptän«, sagte Daughtry ebenso entschlossen. Und Kapitän Duncan mußte gehen, um den Hafenarzt zu begrüßen, der in diesem Augenblick das Deck betrat.

Kaum war die Makambo durch die Quarantäne geschlüpft, als sie auf der Fahrt durch den Hafen zum Pier von einer schmucken Kriegsschiffbarkasse angelaufen wurde, und gleich darauf erkletterte ein schmucker Leutnant das Fallreep der Makambo.

Sein Auftrag war bald erklärt. Die Albatros, ein britischer Kreuzer zweiter Klasse, hatte Tulagi mit Depeschen vom Großkommissar der englischen Südseebesitzungen angelaufen. Das war zwölf Stunden nach Abfahrt der Makambo geschehen, und der Kommissar der Salomoninseln sowie Kapitän Kellar hatten beide gemeint, daß der vermißte Hund an Bord des Dampfers entführt worden war. Der Kapitän der Albatros, der wußte, daß sein Schiff die Makambo in Sydney treffen würde, hatte es übernommen, nach dem Hunde zu forschen.

Ob ein auf den Namen Michael hörender irischer Terrier an Bord sei?

Kapitän Duncan gab wahrheitsgetreu zu, daß er an Bord war, deckte jedoch weniger wahrheitsgetreu Dag Daughtry, indem er die Geschichte wiederholte, daß der Hund von selbst an Bord gekommen wäre. Die nächste Frage war, wie man den Hund Kapitän Kellar zurückschicken sollte? Denn die Albatros befand sich auf dem Wege nach Neuseeland.

Kapitän Duncan antwortete dem Leutnant: »In acht Wochen ist die Makambo wieder in Tulagi, und ich werde den Hund persönlich seinem Besitzer übergeben. Inzwischen werde ich gut auf ihn aufpassen. Unser Steward hat ihn sozusagen adoptiert. Er ist also in guten Händen.«

»Mir scheint, daß keiner von uns den Hund kriegt«, bemerkte Daughtry resigniert, als Kapitän Duncan ihm die Situation erklärt hatte.

Als Daughtry sich aber umdrehte und das Deck hinabschritt, runzelte er die Stirn in seinem angeborenen Trotz so, daß der Plantagenbesitzer, der es bemerkte, nachdachte, weshalb der Kapitän ihn wohl ausgescholten haben mochte.

Trotz seinen sechs Litern täglich und seiner leichtfüßigen Natur besaß Dag Daughtry gewisse gute Eigenschaften. Konnte er auch einen Hund oder eine Katze ohne Gewissensbisse stehlen, so tat er doch seine Arbeit gut, das lag nun einmal in seiner Natur. Er konnte seine Löhnung als Steward nicht beziehen, ohne treulich die Arbeit eines Stewards zu tun. Wenn sein Entschluß auch schon in den nicht wenigen Tagen, die die Makambo am Burns-Philp-Pier in Sydney lag, gefaßt war, so sorgte er doch dafür, daß die Kabinen gründlich aufgeräumt und für den Empfang der neuen Passagiere vorbereitet wurden, die sich Billetts für Reisen nach dem Korallenmeer und den Menschenfresserinseln gekauft haben mochten.

Diese Arbeit wurde nur von einem frohen Abend und zwei freien halben Nachmittagen unterbrochen. Der frohe Abend war den Wirtshäusern gewidmet, die von Seemännern besucht werden, und wo man den neuesten Klatsch und die letzten Neuigkeiten über Schiffe und seefahrendes Volk hören kann. Bei mancher Flasche Bier zog er so eingehende Erkundigungen ein, daß er sich am nächsten Nachmittag für den Preis von zehn Schilling eine kleine Barkasse mietete und durch den Hafen nach der Jackson-Bucht fuhr, wo der hochgetakelte, feingebaute Schoner Mary Turner lag.

Als er an Bord geklettert war und erklärt hatte, was er wollte, wurde er in die Hauptkajüte geführt, wo er sich mit einem Quartett von Männern unterhielt, das Daughtry bei sich »eine komische Gesellschaft« nannte. Dank seiner langen Unterhaltung mit dem Steward, der das Schiff verlassen hatte, wußte Daughtry über die vier Männer Bescheid. Der, welcher zu hinterst und für sich saß und wasserblaue Augen von einer so blassen Farbe hatte, daß das Blau fast wie verblichenes Weiß aussah, mußte »der alte Seemann« sein. Lange dünne Zotteln silberweißen, ungekämmten Haares umrahmten sein Gesicht wie eine Glorie. Er war dünn, beinahe mager, hohlwangig, und Hautlappen, die nicht mehr Fleisch und Muskeln umspannten, hingen grotesk an seinem Hals herab und verbargen den Adamsapfel, der nur hin und wieder bei merkwürdigen Schluckbewegungen aus der mumienhaften Hautfülle hervorguckte, um gleich wieder in sein Versteck zurückzugleiten.

Ein richtiger alter Seebär, dachte Dag Daughtry. Er kann fünfundsiebzig, aber ebensogut hundertfünf oder hundertfünfundsiebzig Jahre alt sein.

Eine unheimliche Narbe, die an der rechten Schläfe begann, spaltete den Backenknochen, ging durch die hohle Wange, erstreckte sich über den Unterkiefer und verschwand zwischen den ungeheuren Hautfalten am Halse. Die welken Ohrläppchen waren wie bei Zigeunern von Goldringen durchbohrt. An den skelettartigen Fingern seiner Hand staken nicht weniger als fünf Ringe – keine Herren- und auch keine Damenringe, sondern »Stutzerringe« – die, wie Daughtry abschätzend bei sich sagte, »etwas einbringen konnten«. Auf der Linken staken keine Ringe, es waren nämlich keine Finger dafür da. Die Hand hatte nur einen Daumen; im übrigen war auch das meiste von der Hand selbst verschwunden, wie abgeschnitten von derselben schneidenden Klinge, die ihm von der Schläfe bis zum Kiefer, und, der Himmel allein wußte wie weit hinab, den hautbehängten Hals gespalten hatte. Die verblichenen Augen des alten Seemanns schienen Daughtry zu durchbohren, oder wenigstens hatte Daughtry dies Gefühl, was ihm so unheimlich war, daß er hin und wieder ein Stück zur Seite rückte. Das war angängig, weil man es für eine Selbstverständlichkeit hinnahm, daß er als Bedienter, der eine Stellung suchte, Angesicht zu Angesicht mit den vier Sitzenden dastehen sollte, als wären sie Richter am Richtertische und er der Verbrecher auf der Anklagebank. Aber das Auge des Alten schien ihn andauernd zu verfolgen, bis er nach genauerer Beobachtung zu dem Ergebnis kam, daß der Blick gar nicht ihm galt. Diese verblichenen, blassen Augen schienen von Träumen verschleiert zu sein, und der Verstand, der in diesem Schädel wohnte, schien zu flattern, gegen Traumbilder zu stoßen und nicht weiter zu können.

»Wieviel verlangen Sie?« fragte der Kapitän, nach Daughtrys Ansicht ein sehr wenig seemännischer Kapitän, eher ein tüchtiger kleiner Geschäftsmann oder ein soeben aus einem Modegeschäft gekommener Geck.

»Er soll keinen Anteil haben«, erklärte ein anderer von den vieren, ein großer, derbgebauter Mann in mittleren Jahren, in dem Daughtry wegen seiner lederartigen Hände den kalifornischen Weizenfarmer erkannte, den der frühere Steward ihm beschrieben hatte.

»Mehr als genug für alle«, erschreckte der alte Seemann Daugthry, in schrillem Ton quakend. »Massenweis, meine Herren, in Fässern und Kisten, in Fässern und Kisten, einen Faden tief unterm Sande.« »Anteil – woran?« fragte Daughtry, obwohl er sich gut erinnerte, daß der andere Steward an dem Tage, als er von San Franzisko abfuhr, über einen unsicheren Gewinn statt eines richtigen regulären Lohnes geflucht hatte. »Das macht nichts«, fügte er schnell hinzu. »Ich habe einmal eine Reise mit einem Walfänger gemacht. Drei Jahre dauerte sie, und als ich abgemustert wurde, kriegte ich einen Dollar. Lohn ist mir lieber, sechzig Goldstücke monatlich, weil Sie nur vier sind.«

»Und ein Steuermann«, fügte der Kapitän hinzu.

»Und ein Steuermann«, wiederholte Daughtry.

»Ausgezeichnet. Und keinen Anteil.«

»Aber wie steht es mit Ihnen«, sagte der vierte Mann, ein ungeheurer, fettig aussehender Fleischberg – der armenische Jude und San Franziskoer Pfandleiher, vor dem der frühere Steward ihn gewarnt hatte. »Haben Sie Papiere – Empfehlungen, Abmusterungsscheine?«

»Mit demselben Recht«, sagte Daughtry frech, »könnte ich nach Ihren Papieren fragen. Dies hier ist ebensowenig ein gewöhnliches Fracht- oder Passagierschiff, wie Sie, meine Herren, eine gewöhnliche Gesellschaft von Schiffsreedern mit wirklichen Bureaus und regulärem Geschäft. Wie kann ich wissen, ob das Schiff überhaupt Ihnen gehört, ob die Kompanie nicht längst aufgeflogen ist, und ob Sie mich nicht irgendwo auf einem wüsten Strand absetzen und mir keinen Pfennig geben. Aber meinetwegen« – selbst Komödie spielend, kam er dem Wutanfall des Armeniers zuvor, der, wie er wußte, auch nichts anderes als Komödie war – »meinetwegen, hier sind meine Papiere.«

»Ich frage nicht nach Ihren Papieren«, fuhr er fort. »Das einzige, wonach ich frage, ist: Bargeld am Ersten jedes Monats, sechzig Dollar monatlich in Gold.«

»Massenweis, Gold über Gold, und besseres als das, in Fässern und Kisten, in Fässern und Kisten, einen Faden tief unterm Sande«, versicherte der alte Seemann ihm, freigebig quakend. »Königskronen und Fürstentümer und Schätze! Für jeden, selbst für den geringsten von uns. Und noch viel mehr, meine Herren, noch viel mehr. Ich habe Längengrad und Breitengrad und die Peilung von den Eichenspanten auf dem Grunde bis zum Löwenkopf und die Kreuzpeilung von den unnennbaren Punkten, die ich allein kenne. Ich bin der einzige Überlebende von der tapferen, tollen, lumpigen Besatzung ...«

»Wollen Sie darauf eingehen?« fragte der Armenier, das Lallen des anderen unterbrechend.

»Von welchem Hafen ist es losgegangen?« fragte Daughtry.

»San Franzisko.«

»Dann will ich anheuern, unter der Bedingung, daß ich in San Franzisko wieder abgemustert werde.«

Der Armenier, der Kapitän und der Farmer nickten.

»Aber es sind noch verschiedene Dinge, über die wir uns einigen müssen«, fuhr Daughtry fort. »Erstens verlange ich sechs Liter täglich. Das bin ich gewöhnt, und ich bin zu alt, um meine Gewohnheiten zu ändern.«

»Schnaps, vermutlich?« sagte der Armenier sarkastisch.

»Nein, Bier, gutes englisches Bier. Sie müssen dafür sorgen, daß genügend Vorrat mitgenommen wird, ohne Rücksicht auf die Dauer der Reise.«

»Sonst noch etwas?« fragte der Kapitän.

»Jawohl«, antwortete Daughtry. »Ich habe einen Hund, der mitgenommen werden muß.«

»Sonst noch was –? Vielleicht Frau oder Familie?«

»Weder Frau noch Familie. Aber ich habe einen Nigger, einen durch und durch ehrlichen Nigger, der auch mit muß. Wenn er die ganze Zeit für das Schiff arbeiten soll, muß er zehn Dollar monatlich haben. Wenn er die ganze Zeit für mich arbeitet, können Sie ihn für zweieinhalb Dollar anheuern.«

»Achtzehn Tage in der Pinasse«, schrillte der alte Seemann zu Daughtrys Entsetzen. »Achtzehn Tage in der Pinasse. Achtzehn Tage in der Hölle.«

»Wahrhaftig«, meinte Daughtry. »Von dem alten Herrn kann man Delirium kriegen. Sie müssen durchaus dafür sorgen, daß massenhaft Bier vorhanden ist.«

»Die Stewards werden feine Herren, das muß ich sagen«, meinte der Weizenfarmer, ohne sich um den alten Seemann zu kümmern, der immer noch von der Hitze in der Pinasse erzählte.

»Wenn wir aber keinen Vorteil darin sehen, einen Steward anzuheuern, der auf diese Weise reist?« fragte der Armenier und wischte die Innenseite seines Kragens mit einem bunten Taschentuch. »Dann werden Sie nie zu wissen kriegen, welch ein guter Steward Ihnen entgangen ist«, antwortete Daughtry leichthin.

»Ich sollte mich sehr irren, wenn es nicht massenhaft andere Stewards im Sydneyer Hafen gibt«, sagte der Kapitän schnell. »Und ich habe nicht die alten Tage vergessen, als ich sie wie Dreck, ja, weiß Gott, wie Dreck anheuern konnte, so viele gab es.« »Vielen Dank, Herr Steward, daß Sie uns die Ehre erwiesen haben«, sagte der Armenier mit höhnischer Liebenswürdigkeit. »Wir bedauern außerordentlich, daß wir nicht in der Lage sind, Ihre Wünsche in dieser Beziehung zu befriedigen ...«

»Und dann geht es in den Sand hinunter, einen Faden tief in den Sand. Bei der unnennbaren Kreuzpeilung, wo die Mangroven verdorren und die Kokospalmen wachsen und das Land vom Strand bis zum Löwenkopf ansteigt.«

»Maul halten«, sagte der Weizenfarmer gereizt, nicht zu dem alten Seemann – sondern zu dem Kapitän und dem Armenier gewandt. »Wer bezahlt die Expedition? Habe ich nichts zu sagen? Wird gar nicht nach meiner Meinung gefragt? Mir gefällt der Mann. Ich glaube, er ist von der richtigen Sorte. Ich sehe, daß er ebenso höflich wie alle anderen ist, und ich kann sehen, daß er einen Befehl ohne Einwände entgegennimmt. Und ein Dummkopf ist er auch nicht. Im Gegenteil.«

»Das ist es ja gerade, Grimshaw«, antwortete der Armenier beruhigend. »In Anbetracht des Umstandes, daß unsere – Expedition ein bißchen ungewöhnlich ist, wäre uns besser mit einem Steward gedient, der etwas dümmer wäre.«

»Andererseits wollen Sie freundlichst nicht vergessen, daß Sie nicht einen roten Heller mehr in die Reise gesteckt haben als ich –«

»Und was würde das euch beiden nützen, wenn ich nicht mit meinen seemännischen Kenntnissen da wäre?« fragte der Kapitän gekränkt. »Gar nicht zu reden von der Hypothek auf mein Haus, das reizendste, rentabelste kleine Mietshaus, das es seit dem Erdbeben in San Franzisko gibt.«

»Aber wer muß immer blechen? Ich frage euch alle.« Der Weizenfarmer beugte sich vor und stützte die Hände auf die Knie, daß die Finger an seinen Schienbeinen entlang hingen, halb bis zu den Füßen hinab, wie es Daughtry schien. »Sie, Kapitän Doane, können nicht einen roten Heller mehr auf Ihre Grundstücke kriegen. Auf meinem Boden wächst immer der Weizen, der das Bargeld einbringt. Sie, Simon Nishikanta, wollen nichts mehr herausrücken, obgleich Ihre blutsaugerische Pfandleihe immer noch die alten Geschäfte mit besoffenen Seeleuten zu Gott weiß welchen Prozenten macht. Und Sie haben die Expedition in diesem Loch vermauert, um abzuwarten, daß mein Agent weiteres Geld telegraphiert. Nun, ich denke, wir tun am besten, wenn wir diesen Steward für sechzig monatlich und alles, was er sonst verlangt, anheuern, sonst lasse ich euch einfach sitzen und fahre mit dem nächsten Dampfer nach San Franzisko zurück.«

Er stand plötzlich auf und ragte so hoch empor, daß Daughtry erwartete, seinen Scheitel an die Decke stoßen zu sehen.

»Ihr hängt mir alle zum Hals heraus, jawohl«, fuhr er fort. »Macht schnell! Los! Mein Geld ist unterwegs. Morgen wird es hier sein. Laßt uns einen Steward anheuern, der ein wirklicher Steward ist. Mir ist es einerlei, und wenn er zwei Familien mitbringt.«

»Ich glaube, Sie haben recht, Grimshaw«, sagte Simon Nishikanta beruhigend. »Wir fangen an, ein bißchen nervös zu werden. Nichts für ungut. Selbstverständlich nehmen wir diesen Steward, wenn Sie ihn haben wollen. Ich dachte, er wäre Ihnen zu anspruchsvoll.« Er wandte sich an Daughtry. »Natürlich – je weniger an Land über uns gesprochen wird, desto besser.«

»Jawohl, Herr. Ich kann dicht halten, aber es ist wohl am besten, wenn ich Ihnen gleich erzähle, daß im Hafen allerhand über Sie gemunkelt wird.«

»Über das Ziel unserer Expedition?« fragte der Armenier schnell.

Daughtry nickte.

»Ist das der Grund, daß Sie mit uns fahren wollen?« fragte er ebenso eifrig.

Daughtry schüttelte den Kopf.

»Solange Sie mir jeden Tag mein Bier geben, interessiert mich Ihre Schatzgräberei nicht. Das ist nichts Neues für mich. Die Südsee wimmelt von Schatzsuchern –« Daughtry hätte fast darauf schwören mögen, einen Schimmer von Angst den Traumschleier, der die Augen des alten Seemanns verdunkelte, durchbrechen zu sehen. –

»Und ich muß Ihnen sagen, Herr«, fuhr er sehr beredt fort, obwohl er sagte, was er nicht gesagt haben würde, wäre er nicht fast sicher gewesen, soeben recht gesehen zu haben, »daß es Schätze wie Läuse in der Südsee gibt. Zum Beispiel auf den Keeling-Kokosinseln. Millionen und aber Millionen warten auf den glücklichen Mann mit der glücklichen Hand.«

Diesmal hätte Daughtry schwören mögen, einen veränderten, gleichsam befreiten Ausdruck in den Augen des alten Seemanns gesehen zu haben, die wieder von Träumen verschleiert wurden.

»Aber ich interessiere mich nicht für Schätze, Herr«, schloß Daughtry. »Was mich interessiert, ist das Bier. Sie können auf die Jagd nach Ihren Schätzen gehen, mir ist es gleich, wie lange es dauert, wenn ich nur jeden Tag meinen sechs Literflaschen den Hals brechen kann. Aber ich sage es Ihnen offen und ehrlich, ehe ich anheuere: Wenn das Bier auf die Neige geht, gedenke ich mich für das zu interessieren, wonach Sie aus sind. Ehrliches Spiel ist mein Wahlspruch.«

»Verlangen Sie, daß wir Ihnen das Bier bezahlen?« fragte Simon Nishikanta.

Das klang in Daughtrys Ohren fast zu herrlich, um wahr zu sein. Aber jetzt, da der Armenier sich mit dem Weizenfarmer vertragen hatte, dessen Agent immer wieder Geld schickte, war es Zeit, das Eisen zu schmieden.

»Gewiß, das ist eine unserer Vereinbarungen, Herr. Wann würde es Ihnen passen, den Vertrag beim Heuerbaas zu machen, morgen nachmittag?«

»Fässer und Kisten voll, Fässer und Kisten voll, massenweise, einen Faden tief unter dem Sande«, lallte der alte Seemann.

»Einen kleinen Nagel haben Sie alle«, grinste Daughtry. »Aber das geht mich nichts an, solange Sie mich mit Bier versehen, mir ehrlich am Ersten jedes Monats bezahlen, was ich zu kriegen habe, und mich schließlich in San Franzisko abmustern. Solange Sie Ihr Wort halten, fahre ich mit Ihnen bis ans Ende der Welt und wieder zurück und sehe Ihnen zu, wenn Sie Ihre Fässer aus dem Sande wühlen.«

Simon Nishikanta blickte die anderen an. Grimshaw und Kapitän Doane nickten.

»Also sagen wir morgen nachmittag um drei beim Heuerbaas«, sagte der Armenier. »Wann wollen Sie Ihren Dienst antreten?«

»Wann fahren Sie ab, Herr?« fragte Daughtry.

»Übermorgen früh.«

»Dann werde ich morgen im Laufe des Abends an Bord kommen und meinen Dienst antreten.«

Als er den Kajütsniedergang hinaufging, konnte er noch den alten Seemann lallen hören:

»Achtzehn Tage in der Pinasse, achtzehn Tage in der Hölle ...«

Michael verließ die Makambo genau so, wie er sie betreten hatte: durch eine Stückpforte. Ganz wie damals geschah es abends, und auch diesmal waren es Kwaques Hände, die ihn entgegennahmen. Es war ein schnelles, gewagtes Stück. Vom Bootsdeck hatte Dag Daughtry seinen aussätzigen Diener an einer unter den Armen hindurchgezogenen und an einem Pflock befestigten Bugleine in das wartende Boot hinabgefiert.

Auf der Treppe begegnete er Kapitän Duncan, der die Gelegenheit benutzte, um ihn zu warnen:

»Keine Dummheiten, Steward. Killeny-Boy muß mit uns nach Tulagi.«

»Gewiß«, antwortete der Steward. »Ich habe ihn der Sicherheit halber in meine Kabine eingesperrt. Wollen Sie ihn sehen, Herr Kaptän?«

Gerade diese freimütige Einladung kam dem Kapitän verdächtig vor, und ihm fuhr der Gedanke durch den Kopf, daß der Hundedieb von Steward Killeny-Boy schon irgendwo an Land versteckt hätte.

»Ja, ich hätte schon Lust, ihn zu begrüßen«, antwortete er.

Und er war wirklich überrascht, als er in die Kabine des Stewards trat und Michael erblickte, der sich vom Fußboden erhob, wo er zusammengerollt geschlafen hatte. Hätte der Kapitän aber durch die geschlossene Tür sehen können, was unmittelbar darauf geschah, so wäre sein Erstaunen unermeßlich gewesen. Durch die offene Stückpforte reichte Daughtry ein Stück nach dem andern vom Inhalt der Kabine hinaus. Sein ganzes Eigentum wurde hinausbefördert, einschließlich Schildpattschalen, Photographien und Wandkalender. Zuletzt kam Michael, dem strengstes Schweigen auferlegt war. Zurück blieben nur eine Schiffskiste und zwei Koffer, die ihrer Größe wegen nicht durch die Öffnung gegangen wären, und die deshalb vollständig geleert waren.

Als Daughtry einige Minuten später das Deck hinabschlenderte und an der Zollbrücke stehenblieb, um sich mit dem Zolloffizier und einem Quartiermeister zu unterhalten, ahnte Kapitän Duncan nicht, daß er seinen Steward, dem er zufällig einen Blick zuwarf, das letztemal sah. Mit leeren Händen und ohne Hund sah er ihn über die Laufbrücke und gemächlich den Kai unter den Bogenlampen entlang gehen.

Zehn Minuten, nachdem Kapitän Duncan seinen breiten Rücken hatte verschwinden sehen, saß Daughtry mit all seinen Besitztümern im Boot und hielt auf die Jackson-Bucht zu. Er beugte sich über Michael und streichelte ihn, während Kwaque, ganz leise vor Freude singend, weil er mit allem, was ihm auf der Welt teuer war, zusammen war, noch einmal in der Seitentasche seiner dünnen Jacke nachfühlte, um sich zu vergewissern, ob er seine geliebte Maultrommel nicht vergessen hatte.

Dag Daughtry hatte Michael nicht umsonst bekommen, er hatte gut für ihn bezahlt. Unter anderem hatte er keinen Verdacht erregen wollen, indem er seine Heuer bei der Burns Philp Company abhob. Sein Guthaben von zwanzig Pfund hatte er schießen lassen, und das war genau die Summe, die er in jener Nacht am Strande von Tulagi durch den Verkauf Michaels zu erhalten gedacht hatte. Er hatte ihn gestohlen, um ihn zu verkaufen, und jetzt bezahlte er den Preis für ihn, der ihn gelockt hatte. Und während das Boot sich unter den Sternen des südlichen Himmels über den stillen Hafen wiegte, fühlte Dag Daughtry, daß er selbst sein Leben aufs Spiel gesetzt haben würde, um im Besitz dieses Hundes zu bleiben, den er ursprünglich in soundso viele Flaschen Bier umzusetzen gedacht hatte.

Die Mary Turner wurde kurz nach Tagesanbruch von einem Schlepper hinausgeschleppt, und Daughtry, Kwaque und Michael warfen einen letzten Blick auf den Sydneyer Hafen.

»Noch einmal haben diese alten Augen den schönen Hafen gesehen«, plapperte der alte Seemann, der neben ihnen zurückschaute; und Daughtry bemerkte unwillkürlich, wie der Weizenfarmer und der Pfandleiher die Ohren spitzten, lauschten und beredte Blicke miteinander wechselten. »Es war zweiundfünfzig, im Jahre 1852, an einem Tage wie heute, als wir, alle Mann an Deck, trinkend und singend, an Bord der Wide Awake Sydney verließen. Ein schönes Schiff, meine Herren, ach, ein ungewöhnlich gutes und schönes Schiff. Eine Besatzung, eine brave Besatzung, lauter junge Leute, wir alle zusammen; vorn und achtern, keiner über vierzig, eine tolle, lustige Besatzung. Der Kapitän war ein älterer Herr von achtundzwanzig, der dritte Offizier war achtzehn, die Daunen, die noch nie ein Messer gesehen hatten, saßen wie feiner Samt auf seiner Backe. Er starb auch in der Pinasse, und der Kapitän hauchte sein Leben unter den Palmen auf der unnennbaren Insel aus, während die braunen Mädchen rings weinten und seinen brennenden Lungen Luft zufächelten.«

Dag Daughtry hörte nicht mehr, denn er ging nach unten, um sich seinen neuen Pflichten zu unterziehen. Als er aber die Kojen in Ordnung brachte, reine Laken auflegte und Kwaques Aufmerksamkeit auf die lange vernachlässigten Fußböden lenkte, schüttelte er den Kopf und murmelte: »Ein durchtriebener Bursche. Es ist nicht jeder so dumm, wie er aussieht.«

Die Mary Turner verdankte ihre schönen Linien dem Umstand, daß sie als Robbenfänger gebaut war, und aus demselben Grunde gab es auch mehr Platz als genug an Bord. Die Back, die zwölf Kojen enthielt, beherbergte nur acht skandinavische Seeleute. Die fünf Kabinen boten Schlafplätze für die drei Schatzsucher, den alten Seemann und den Steuermann, einen derben, gutmütigen russischen Finnen, der Herr Jackson genannt wurde, da seine Genossen den Namen, der in seinen Papieren stand, nicht aussprechen konnten.

Es blieb noch das Zwischendeck vor der Hauptkajüte, von dieser durch ein Schott getrennt, mit einem Niedergang zum Hauptdeck. Auf diesem Deck, zwischen Hütte und Kajütsniedergang, stand die Kombüse. Im Zwischendeck, das weit geräumiger als die Hauptkajüte war, befanden sich sechs große Kojen, jede doppelt so breit wie die Kojen in der Back, und jede mit Vorhängen versehen und ohne eine zweite Koje darüber.

»Ein prachtvolles fella Loch, nicht wahr, Kwaque?« sagte Daughtry zu seinem siebzehnjährigen braunhäutigen Papua mit dem welken, alten, an einen Hundertjährigen erinnernden Gesicht.

»Nicht wahr, Kwaque! Was meinen du fella?«

Kwaque aber, zu überwältigt von der Räumlichkeit, um reden zu können, gab seine Zustimmung nur durch ein beredtes Rollen seiner Augen zu erkennen.

»Du mögen dies Stück Koje?« fragte der Koch, ein kleiner alter Chinese, den Steward eifrig und demütig, indem er dem weißen Mann mit einer Armbewegung seine eigene Koje anbot.

Daughtry schüttelte den Kopf. Er hatte früh gelernt, daß es klug war, sich mit Schiffsköchen gut zu stellen, weil Schiffsköche allgemein für ihre Neigung bekannt waren, ihre Kameraden beim geringsten Anlaß mit Schlachtermessern und Fleischbeilen in Stücke zu hacken. Außerdem befand sich eine ebenso gute Koje an der gegenüberliegenden Wand, weit von der des Chinesen. Die Koje an Backbord, gleich achtern von der des Kochs, teilte Daughtry Kwaque zu. So behielt er für sich und Michael die ganze Steuerbordseite mit ihren drei Kojen. Die achtern von der seinen bezeichnete er als »Killeny-Boys Koje« und rief Kwaque und den Koch, um es ihnen begreiflich zu machen.

Daughtry hatte die Empfindung, daß der Koch, der sich schnell und unaufgefordert als Ah Moy vorgestellt hatte, mit dem Arrangement nicht ganz zufrieden war; aber das berührte ihn nicht weiter, außer daß er einen Augenblick ein gewisses neugieriges Interesse für diesen Chinesen spürte, dem es unangenehm war, daß ein Hund eine Koje im selben Raum wie er haben sollte.

Als er eine halbe Stunde später, nachdem er die Hauptkajüte aufgeräumt hatte, ins Zwischendeck zurückkehrte, um sich von Kwaque eine Flasche Bier geben zu lassen, bemerkte Daughtry, daß Ah Moy sein ganzes Bettzeug in die dritte Koje an Steuerbord geschafft hatte. So hauste er mit Daughtry und Michael auf derselben Seite und hatte Kwaque das halbe Zwischendeck für sich überlassen. Daughtrys Neugier wurde wieder rege.

»Was Name des fella Chinamann?« fragte er Kwaque. »Er nicht mögen, du fella Junge bleiben auf fella Seite bei ihm. Warum? Mein Wort! Was Name? Das fella Chinamann machen mich cross auf ihn zuviel.«

»Ich glauben, das fella Chinamann vielleicht er denken, mich kai-kai ihn«, grinste Kwaque, der hin und wieder einmal witzig sein konnte.

»Schön«, schloß der Steward. »Wir finden es schon heraus. Du bringen meine Koje weg, ich bringen Koje von Chinamann weg.«

Als das besorgt war, so daß Kwaque, Michael und Ah Moy an Steuerbord schliefen, während Daughtry allein eine Koje an Backbord hatte, begab er sich an Deck und nach achtern an seine Arbeit. Als er wiederkam, sah er, daß Ah Moy wieder nach Badebord gezogen war, diesmal aber in die letzte Koje achtern.

»Es scheint, daß der Kerl sich in mich verliebt hat«, lachte der Steward bei sich.

Er konnte auch nicht erraten, warum Ah Moy stets eine Koje auf der entgegengesetzten Seite von der Kwaques wählte.

»Ich umziehen«, erklärte der kleine alte Koch als Antwort auf Daughtrys direkte Frage und mit Augen, aus denen der Eifer leuchtete, ihm zu gefallen und ihn zu beruhigen.

»Alle Zeit mögen mich umziehen, viel umziehen, du savvee?«

Daughtry verstand nicht und schüttelte den Kopf, während Ah Moys schiefe Augen, ohne die Angst, die er fühlte, zu verraten, heimlich auf die zwei für alle Ewigkeit gekrümmten Finger an der Linken Kwaques und auf dessen Stirn starrten, deren Haut über der Nase einen Ton dunkler und eine Spur dicker war; er sah dort den ersten Anfang der drei kurzen senkrechten Falten, die ihm schon ein löwenartiges Aussehen verliehen, das Löwengesicht, wie die Dermatologen es nennen.

In der folgenden Zeit belustigte sich der Steward, wenn er fünf Liter seiner täglichen Ration getrunken hatte, damit, für sich und Kwaque andere Kojen zu nehmen, und unweigerlich zog dann auch Ah Moy um, aber Daughtry bemerkte nicht, daß er nie in eine Koje zog, in der Kwaque gelegen hatte. Er bemerkte auch nicht, daß, als der Zeitpunkt kam, da Kwaque abwechselnd alle sechs Kojen benutzt hatte, Ah Moy sich eine Hängematte verfertigte, die er zwischen den Deckenbalken aufhängte.

Daughtry gab es auf, über dieses Benehmen nachzugrübeln, und betrachtete es als eine der vielen Unergründlichkeiten der chinesischen Seele. Er bemerkte jedoch, daß Kwaque nie in die Kombüse kommen durfte, und noch etwas bemerkte er und drückte es in folgenden Worten aus: »Das ist der sauberste Chinese, den ich je gesehen habe. Sauber in der Kombüse, sauber im Zwischendeck, sauber überall. Er wäscht die Schüsseln immer in kochendem Wasser, wenn er nicht damit zu tun hat, sich oder sein Zeug zu waschen. Auf Ehre, er kocht tatsächlich seine Decken einmal wöchentlich.«

Es gab aber andere Dinge, die den Steward in Anspruch nahmen. Er brauchte viel Zeit, um die fünf Männer in der Kajüte kennenzulernen und die ganze Situation und das Verhältnis eines jeden der Männer zu dieser Situation und zueinander zu erfassen.

Dazu kam der Weg der Mary Turner übers Meer. Der Seemann ist noch nicht geboren, der nicht Bescheid wissen möchte über den jeweiligen Kurs seines Schiffes und den nächsten Hafen.

»Wir müssen eine Linie entlang fahren, die irgendeinen Punkt nördlich von Neuseeland schneidet«, erriet Daughtry im stillen, nachdem er hundert verstohlene Blicke ins Kompaßhäuschen geworfen hatte. Das war aber auch alles, was er über die Reise in Erfahrung bringen konnte, denn Kapitän Doane machte die Beobachtungen, arbeitete sie unter Umgehung des Steuermanns aus und hielt aus Prinzip Karten und Log stets unter Schloß und Riegel. Daß es heiße Diskussionen in der Kajüte gab, bei denen man sich über Breiten- und Längengrad stritt, wußte Daughtry; darüber hinaus aber wußte er nichts, denn es war ihm sehr bald eingeprägt worden, daß der einzige Ort, wo er bei solchen Beratungen nicht zu sein hatte, die Kajüte war. Er konnte daher nur den Schluß ziehen, daß diese Beratungen wirkliche Schlachten waren, in denen die Herren Doane, Nishikanta und Grimshaw alle durcheinanderschrien und auf den Tisch schlugen, wenn sie nicht geduldig und äußerst höflich den alten Seemann ausfragten.

»Er hat sie in der Tasche«, sagte sich der Steward schon bald; aber so sehr er sich auch bemühte, konnte er doch nicht hinter das Geheimnis kommen.

Der alte Seemann hieß Charles Stough Greenleaf. Soviel bekam Daughtry aus ihm heraus, mehr aber auch nicht außer Lallen und Phantasieren von der Hitze in der Pinasse und dem Schatz einen Faden tief unterm Sande.

»Die einen spielen das Spiel, und die andern sehen zu und bewundern es«, sagte der Steward eines Tages, als er etwas aus ihm herauslocken wollte. »Und ich bin sicher, daß in diesen Tagen manch schönes Spiel vorbereitet wird. Je mehr ich zusehe, desto mehr bewundere ich es.«

Der alte Seemann sah träumerisch dem Steward mit einem leeren, blinden Blick in die Augen.

»Auf der Wide Awake waren alle Stewards ganz jung, die reinen Kinder«, murmelte er.

»Jawohl«, sagte Daughtry entgegenkommend und liebenswürdig. »Nach allem, was Sie erzählt haben, ist die Wide Awake mit all ihren jungen Leuten ganz sicher ein herrliches Schiff gewesen. Nicht eine Sammlung von Altertümern, wie auf diesem Kahn hier. Aber ich zweifle, ob die jungen Leute je ein so feines Spiel spielten, wie es augenblicklich hier an Bord gespielt wird. Ich muß die Feinheit bewundern.«

»Ich will Ihnen noch etwas erzählen«, fuhr der alte Seemann mit einer so vertraulichen Miene fort, daß Daughtry sich beinahe vorbeugte, um zu hören. »Kein Steward auf der Wide Awake konnte so nach meinem Geschmack mixen wie Sie. Wir kannten damals noch keine Cocktails. Aber wir hatten Sherry und Bittern. Und auch einen guten, einen ganz ausgezeichneten Appetitanreger.«

»Ich will Ihnen noch etwas erzählen«, fuhr er fort, als er gerade ausgesprochen zu haben schien, und eben noch früh genug, um Daughtrys dritten Versuch, dem wirklichen Zusammenhang der Dinge und dem Anteil des alten Seemanns daran nachzuspüren, zu vereiteln. »Es muß jeden Augenblick fünf Glasen schlagen, und ich hätte sehr gern einen von Ihren herrlichen Cocktails, ehe ich zum Mittagessen hinuntergehe.«

Seit dieser Episode war er Daughtry verdächtiger als je. Mit der Zeit gelangte er aber zu der Ansicht, daß Charles Stough Greenleaf ein seniler Greis war, der aufrichtig an einen vergrabenen Schatz irgendwo in der Südsee glaubte.

Als Daughtry einmal das Messinggeländer des Kajütsniedergangs putzte, hörte er den Alten Grimshaw und dem Armenier erklären, wie er sich die furchtbare Narbe geholt und die Finger verloren hatte. Die beiden hatten ihn tüchtig unter Alkohol gesetzt, in der Hoffnung, ihm dadurch die Zunge zu lösen.

»Es war in der Pinasse«, quakte die alte Stimme. »Am elften Tage brach die Meuterei aus. Wir auf den Achtersitzen hielten zusammen gegen sie. Es war alles Wahnsinn. Der Hunger schmerzte und der Durst machte uns geradezu wahnsinnig. Wegen des Wassers fing es an. Denn, sehen Sie, wir pflegten den Tau von Riemen, Dollborden, Duchten und Innenplanken zu lecken. Und jeder von uns hatte sich das Eigentumsrecht an gewissen Teilen der tausammelnden Oberfläche vorbehalten. So gehörten Ruderpinne, Ruderkopf und der halbe Achtersitz auf Steuerbord dem Zweiten Offizier. Keiner von uns hatte so wenig Ehrgefühl, daß er das nicht respektiert hätte. Der Dritte Offizier war ein Bursche von nur achtzehn Jahren, ein braver, mutiger Junge. Er teilte mit dem Zweiten Offizier die Steuerbord-Heckplanke. Sie zogen einen Strich, um die Teilung zu markieren, und wenn sie sich an dem sparsamen Tau labten, der nachts gefallen war, fiel es keinem von ihnen ein, die Linie zu überschreiten und dem andern ins Gehege zu kommen. Dazu waren sie zu ehrlich.

Aber die Matrosen – die nicht. Die stritten sich um die Tauflächen, und gerade in der Nacht zuvor war einer von ihnen erdolcht worden, weil er Tau gestohlen hatte. Als ich aber in dieser Nacht darauf wartete, daß der sparsame Tau an den Stellen, die mir gehörten, reichlicher würde, hörte ich, wie jemand achtern an der Backbordreling – die von den hintersten Duchten bis zum Achterende mein Eigentum war – den Tau leckte.

Er näherte sich immer mehr meinem Gebiet, und ich konnte ihn leise stöhnen und wimmernde Laute ausstoßen hören, während er das feuchte Holz leckte. Es war, als lauschte ich einem Tier, das nachts auf einer Weide graste und immer näher kam.

Zufällig hielt ich eine Fußlatte in der Hand – um das bißchen Tau, das darauf fallen konnte, zu erhalten. Ich wußte nicht, wer es war, als er aber die Grenzlinie überschritt und stöhnend und wimmernd meine kostbaren Tautropfen aufleckte, schlug ich zu. Die Fußlatte traf ihn gerade auf die Nase – es war der Bootsmann –, und die Meuterei begann. Das Messer des Bootsmanns war es, das durch meine Backe fuhr und mir die Finger abschnitt. Der Dritte Offizier, der achtzehnjährige Bursche, kämpfte brav neben mir und rettete mich, und ehe ich ohnmächtig wurde, warfen wir beide den Leichnam des Bootsmanns über Bord.«

In der Kajüte begann Füßeschurren und Stuhlrücken, und Daughtry machte sich schnell wieder an seine vergessene Putzarbeit. Und während er das Messing rieb, sagte er ganz leise bei sich: »Der Alte kennt den Rummel. Solche Dinge sind wirklich vorgekommen.«

»Nein«, fuhr der alte Seemann als Antwort auf eine Frage mit seiner dünnen Fistelstimme fort, »es war so wenig Flüssigkeit in meinem Körper, daß ich nicht viel blutete. Am nächsten Tage nähte mich der Zweite Offizier mit einer Nadel, die er aus einem elfenbeinernen Zahnstocher gemacht, und einem Faden, den er aus einer zerfaserten Persenning gedreht hatte, zusammen.«

»Darf ich fragen, Herr Greenleaf, ob die abgehauenen Finger damals Ringe trugen«, hörte Daughtry Simon Nishikanta fragen. »Ja, und zwar einen ungewöhnlich schönen. Ich fand ihn später im Boot und schenkte ihn dem Sandelholzhändler, der mich rettete. Es war ein großer Diamant. Ich hatte einem englischen Seemann auf Barbados hundertachtzig Guineen dafür bezahlt. Er hatte ihn gestohlen, und er war selbstverständlich mehr wert. Es war ein prachtvolles Juwel. Der Sandelholzmann rettete für ihn nicht allein mein Leben. Er spendierte dazu noch über hundert Pfund für meine Ausrüstung und ein Billett von der Donnerstagsinsel nach Schanghai.«

»Ich kann die Ringe, die er trägt, nicht vergessen«, hörte Daughtry am Abend Simon Nishikanta in der Dunkelheit auf dem Hüttendeck zu Grimshaw sagen. »Solche Ringe sieht man heute nicht mehr. Sie sind alt, wirklich alt. Das sind keine Männerringe, sondern eher, was man in der guten alten Zeit Herrenringe genannt hätte. Wirkliche Herren, ich meine, vornehme Leute trugen solche Ringe. Ich möchte Pfänder wie die in meine Pfandleihe kriegen. Sie sind viel Geld wert.«

 

»Ich will dir nur sagen, Killeny-Boy, daß ich vielleicht doch, ehe die Reise vorbei ist, wünschte, ich wäre für einen Anteil am Schatz statt für richtigen Lohn mitgefahren«, vertraute Dag Daughtry abends zur Schlafenszeit Michael an, während Kwaque ihm die Schuhe auszog und er die halbwegs geleerte sechste Flasche einen Augenblick absetzte. »Glaub' mir, Killeny-Boy, der alte Herr weiß, wovon er redet, der ist seinerzeit ein toller Bursche gewesen. Man verliert nicht die Finger an seiner Hand und läßt sich nicht das Gesicht zerhacken für nichts und wieder nichts – oder läuft mit Ringen herum, die einem Pfandleiher das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.«

 

Ehe die Reise der Mary Turner zu Ende ging, taufte Dag Daughtry, als er eines Tages zwischen den langen Reihen von Wasserfässern im Raum saß, laut lachend den Schoner »Das Narrenschiff«. Aber das war einige Wochen später. Unterdessen besorgte er seine Arbeit so pflichteifrig, daß nicht einmal Kapitän Doane den geringsten Grund zur Klage finden konnte.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte der Steward dem alten Seemann, für den er jetzt eine hohe Bewunderung, um nicht zu sagen Ergebenheit, fühlte. Der alte Bursche glich nicht seinen Kajütsgenossen. Die liebten nur das Geld. Daughtry mußte, selbst großzügig, ob er wollte oder nicht, die Großzügigkeit des alten Seemanns schätzen, der offenbar selbst flott gelebt hatte und immer betonte, daß der Schatz, nach dem sie aus waren, geteilt werden sollte.

»Sie sollen Ihren Anteil haben, Steward, und wenn ich ihn Ihnen von dem meinen abgeben müßte«, versicherte er Daughtry oft, wenn der besonders liebenswürdig zu ihm gewesen war. »Es sind Millionen und aber Millionen, und ganz abgesehen davon, daß ich weder Verwandte noch Freunde habe, lebe ich wohl nur noch so kurze Zeit, daß ich nicht viel mehr davon brauche.«

Und so segelte denn das Narrenschiff dahin; genarrt und narrend, von dem gutmütigen finnischen Steuermann mit den ehrlichen Augen, dem aber die Fährte des Schatzes die Nase kitzelte, und der mittels eines Nachschlüssels die täglichen Ortsbestimmungen des Schiffes aus Kapitän Doanes verschlossenem Schreibtisch stahl, bis zu Ah Moy, dem Koch, der sich Kwaque vom Leibe hielt, nie aber einen anderen vor der Berührung mit dem Opfer der furchtbaren Krankheit warnte.

Kwaque selbst dachte an nichts und kümmerte sich um nichts. Schmerzen störten ihn kaum, und ihm kam nie der Gedanke in seinen Krauskopf, daß sein Herr nichts davon wüßte. Ebensowenig machte er sich Gedanken darüber, daß Ah Moy ihn sich so fernhielt. Auch andere Sorgen hatte Kwaque nicht. Er betete seinen Gott, den Steward, an, und da er selbst immer bei ihm sein durfte, lebte er im Paradiese.

Und ebenso erging es Michael. Ungefähr auf die gleiche Art und Weise wie Kwaque liebte er seinen Sechs-Liter-Mann und betete ihn an. Für Michael und Kwaque war die Anerkennung, die Dag Daughtry ihnen täglich, ja, stündlich erwies, dasselbe, wie wenn sie in Abrahams Schoß geruht hätten. Der Gott der Herren Nishikanta, Doane und Grimshaw war ein Götzenbild, namens Gold. Der Gott Kwaques und Michaels aber war ein lebendiger Gott, dessen Herzschlag man in tausend Schlägen und Stößen immer fühlen konnte.

Michael kannte keine größere Freude, als stundenlang neben Steward zu sitzen und mit ihm all die Lieder und Melodien, die er sang oder summte, zu singen. Michael, der sogar noch eine Spur mehr Talent oder Originalität als Jerry hatte, lernte schneller, und da er direkt im Singen ausgebildet wurde, sang er schließlich viel besser, als Jerry je unter der Anleitung Villa Kennans gesungen hatte.

Michael konnte jede Melodie heulen oder, richtiger ausgedrückt (weil sein Heulen so sanft und beherrscht war), singen, wenn sie nur nicht außerhalb des Registers lag, das Steward für ihn aufgestellt hatte. Außerdem konnte er allein und unverkennbar leichte Melodien wie »Home, Sweet Home«, »God save the King« und »The Sweet By and By« singen. Und wenn der Steward ihm aus einer Entfernung von mehreren Metern soufflierte, konnte er die Schnauze heben und sogar »Shenandoah« und »Roll me down to Rio« singen.

War Steward nicht zugegen, so konnte es geschehen, daß Kwaque verstohlen seine Maultrommel hervorholte und Michael mit Hilfe der Töne des primitiven Instrumentes zwang, die barbarischen, teuflischen Melodien der König-Wilhelms-Insel mit ihm zu singen. Und noch ein Gesangmeister, aber einer, von dem Michael sich angezogen fühlte, erhielt Macht über ihn. Der Name dieses Meisters war Cocky. So stellte er sich selbst Michael vor, als sie sich das erstemal trafen. »Cocky«, sagte er tapfer, ohne Furcht und Beben, als Michael ihn beim ersten Anblick angreifen und vernichten wollte. Und die menschliche Stimme, die Stimme eines Gottes, die aus der Kehle des schneeweißen Vögelchens kam, machte, daß Michael sich hinsetzte und mit Augen und Nüstern das Zwischendeck durchforschte, um den Menschen zu entdecken, der gesprochen hatte. Aber es war kein Mensch da – nur ein kleiner Kakadu, der ihn frech mit auf die Seite gelegtem Kopf anblinzelte und sein »Cocky« wiederholte.

Das Tabu eines Kükens hatte Michael in seiner Kindheit auf Meringe gut gelernt. Küken, auf die Herr Haggin und die weißen Götter, die ihn umgaben, Wert legten, waren etwas, das Hunde nicht angreifen, sondern im Gegenteil verteidigen mußten. Dieses Ding hier aber war kein Küken, sondern glich einem wilden gefiederten Ding aus dem Dschungel, der gesetzmäßigen Beute jedes Hundes, und doch sprach es ihn mit der Stimme eines Gottes an. »Mach', daß du wegkommst!« kommandierte die Stimme so gebieterisch und so menschlich, daß Michael wieder erschrak und im Zwischendeck umherspähte, um die Götterkehle, aus der die Worte kamen, zu finden.

»Mach', daß du wegkommst, sonst schmeiß ich dir die Knochen von Moses an den Kopf!« lautete das nächste Kommando von dem gefiederten kleinen Ding.

Dann kam ein chinesischer Mischmasch, derart an Ah Moys Stimme erinnernd, daß Michael sich wieder, jetzt aber zum letztenmal, im Zwischendeck umsah. Hierüber brach Cocky in ein so wildes, herzliches Lachen aus, daß Michael, mit gespitzten Ohren und den Kopf auf die Seite gelegt, die verschiedenen Stimmen, die er soeben gehört hatte, aus dem Gelächter herauszukennen vermochte.

Und Cocky, der nur einige wenige Gramm, kaum ein halbes Pfund wog und aus einigen gebrechlichen, von einer Handvoll Federn bedeckten Knochen bestand, die aber ein Herz umschlossen, das so mutig wie nur eines an Bord der Mary Turner war, Cocky wurde sofort Michaels Freund und Kamerad und zugleich sein Herrscher. So klein der freche, tapfere Cocky auch war, nötigte er doch Michael vom ersten Augenblick an Respekt ab. Und Michael, der mit einem einzigen, unvorsichtigen Schlag seiner Pfote Cockys dünnen Hals hätte brechen und den tapferen Glanz in Cockys Augen für immer erlöschen können, war von Anfang an um ihn besorgt und erlaubte ihm tausend Freiheiten, die er Kwaque nie erlaubt haben würde.

Das Verteidigen der Beute war ein in Michaels Natur wurzelndes Erbteil, das auf den ersten vierbeinigen Hund auf Erden zurückging. Er dachte nie darüber nach. Wenn er einmal seine Pfote auf die Beute gesetzt und seine Zähne hineingeschlagen hatte, war ihre Verteidigung für ihn etwas ebenso Automatisches und Unwillkürliches wie sein Herzschlag und sein Atem. Nur Steward konnte er mit Aufbietung seiner ganzen Selbstbeherrschung erlauben, sein Futter anzurühren, sobald er es erst selbst angerührt hatte. Selbst Kwaque, der ihn gewöhnlich auf Anweisung Stewards fütterte, wußte, daß die Sicherheit seiner Finger und seines Fleisches davon abhingen, daß er sich nicht einfallen ließ, das Futter anzurühren, wenn es einmal in Michaels Besitz gelangt war. Cocky aber, eine kleine, gefiederte Flocke, ein winziger Funke von Licht und Leben mit der Kehle eines Gottes, Cocky verletzte frech und dreist Michaels Tabu: die Verteidigung der Beute. Wenn er auf dem Rande von Michaels Schüssel saß, konnte dieser kleine Guck-in-die-Luft durch ein Heben seines lachsfarbenen Federschopfes, eine schnelle, heftige Erweiterung der perlenartigen Pupillen und ein heiseres, gebieterisches Schreien Michael veranlassen, ihm zu erlauben, daß er sich sorgfältig die leckersten Bissen aus seiner Schüssel fischte. Cocky hatte nämlich eine eigene Methode, oder vielmehr mehrere Methoden. Abgesehen davon, daß sein Wille wie Stahl war, konnte er schimpfen und schwadronieren wie ein Feldwebel oder sich schalkhaft und liebenswürdig einschmeicheln wie das erste Weib im Paradies oder das letzte Weib, das von Eva abstammt. Wenn Cocky, auf einem Bein balancierend und mit dem andern Michael im Nacken kraulend, sich zu dem Hunde hinabbeugte und ihm freundliche Worte ins Ohr sprach, konnte Michael nicht anders, er mußte die gesträubten Nackenhaare seidenglatt legen und mit dummblickenden Augen begeistert in alles willigen, was Cockys Laune forderte.

Cocky wurde bald noch enger in Michael geknüpft. Ah Moy hatte ihn in Sydney einem Seemann für achtzehn Schilling abgekauft und eine halbe Stunde um ihn gefeilscht. Als er aber eines Tages Cocky auf Kwaques linker Hand sitzen und die verzerrten Finger lecken sah, faßte er sofort einen solchen Widerwillen gegen den Vogel, daß er lieber auf die achtzehn Schillinge verzichten wollte, als ihn noch länger zu besitzen und möglicherweise zu berühren. »Du mögen ihn? Du wollen ihn haben?« fragte er.

»Tausch für Tausch?« fragte Kwaque, der es für gegeben hielt, daß ihm ein Tauschhandel angeboten wurde, und darüber nachdachte, ob der kleine alte Koch vielleicht in seine teure Maultrommel verliebt sei.

»Nicht Tausch für dich«, antwortete Ah Moy. »Du wünschen ihn, schön, gemacht.«

»Wie heißt gemacht?« fragte Kwaque, der außer seinem Trepang-Englisch auch schon ein wenig Pidgin-Englisch konnte. »Wenn mich fella nicht haben, was du fella mögen?«

»Kein Tausch«, wiederholte Ah Moy. »Du wünschen ihn, du mögen ihn, bleiben bei dir fella, schön, mein Wort.«

Und so ging die kleine, tapfere, gefiederte Seele mit dem mutigen Herzen, sterblich oder unsterblich wie jeder andere Lebensfunke auf dem Planeten, nachdem er Ah Moy, einem Schiffskoch, gehört hatte, der vor vierzig Jahren aus gewissen Gründen seine junge Frau in Macao getötet hatte und auf See geflüchtet war, auf Kwaque, einen aussätzigen schwarzen Papua über, der der Sklave eines andern, nämlich Dag Daughtrys, war, der selbst wieder andern Leuten demütig aufwartete.

Und noch einen Kameraden fand Michael, obwohl Cocky an dieser Freundschaft keinen Teil hatte. Das war Scraps, der ungeschickte junge Neufundländer, der niemandem gehörte – es hätte denn die Mary Turner selbst sein müssen –, denn keiner vorn oder achtern machte ein Anrecht an ihn geltend, und keiner wollte ihn an Bord gebracht haben. Man nannte ihn Scraps, und er wurde, da er ein Niemandshund war, ein Allerweltshund – und das in dem Maße, daß Herr Jackson Ah Moy drohte, ihm den Kopf abzuschlagen, wenn er dem Hündchen etwa nicht genug zu fressen gäbe, und Sigurd Halvorsen in der Back tat, was er konnte, um Henrik Gjertsen den Kopf abzuschlagen, wenn Scraps ihm in den Weg kam und er ihm einen Fußtritt versetzte. Ja, nicht genug damit. Wenn Simon Nishikanta, der große, derb gebaute Bursche, der immer fade, süßliche Aquarelle malte, seinen Liegestuhl nach ihm warf, weil er ungeschickt war und seine Staffelei umstieß, legte sich ihm Grimshaws Schinkenhand plötzlich schwer auf die Schulter, und er wurde halb herumgewirbelt, ja, fast aufs Deck geschleudert und war noch mehrere Tage hinterher braun und blau und lahm.

Der ausgewachsene, reife Michael war ein so lustiges Geschöpf, daß er am liebsten nur immer gespielt hätte. So stark war sein Spieltrieb und so stark zugleich sein Körper, daß er Scraps immer kläglich ermüdete, so daß der Kleine schließlich auf dem Deck lag, nach Luft schnappte, mit trockenen Lippen lachte und mit kraftlosen Vorderpfoten Michaels fortwährende Sturmangriffe abzuwehren versuchte, die furchtbar grimmig aussahen, es aber gar nicht waren. Und das trotz der Tatsache, daß Scraps ihn sowohl an Größe wie an Gewicht mindestens dreimal übertraf und sich der Macht seiner Beine und Schultern ebenso unbewußt war und ebenso ungeschickt mit ihnen umging wie ein Elefantenjunges auf einer Wiese voller Tausendschönchen. Sobald Scraps sich erholt hatte, war er aufgelegt wie nur je zu neuen Späßen, und Michael war es genau so. Alles das war ein glänzendes Training für Michael, denn es hielt ihn körperlich und geistig in bester Form.

 

So ging die Fahrt des Narrenschiffs – Michael spielte mit Scraps, respektierte Cocky und wurde von ihm tyrannisiert und umschmeichelt, sang mit Steward und betete ihn an; Daughtry trank seine sechs Liter Bier täglich, kassierte am Ersten jedes Monats seinen Lohn ein und bewunderte Charles Stough Greenleaf als den besten Mann an Bord. Kwaque liebte seinen Herrn, während seine Stirn von dem wachsenden Aussatz immer dicker, dunkler und faltiger wurde; Ah Moy ging dem schwarzen Papua wie der Pest aus dem Wege, wusch sich andauernd und kochte seine Decken einmal wöchentlich; Kapitän Doane lenkte das Schiff und machte sich Sorgen über sein Haus in San Franzisko; Grimshaw ließ seine Schinkenhand auf seinen riesigen Knien ruhen und forderte den Pfandleiher höhnisch auf, ebensoviel zu dem gewagten Unternehmen beizusteuern wie er selbst; Simon Nishikanta wischte sich den schweißigen Hals mit dem fettigen seidenen Taschentuch und malte unaufhörlich Aquarelle; der Steuermann stahl mit seinem Nachschlüssel geduldig Breiten- und Längengrad des Schiffes, und der alte Seemann tröstete sich mit schottischem Whisky, rauchte duftende Havannazigarren, die – drei Stück für einen Dollar – für Rechnung der Expedition eingekauft waren, und plapperte beständig von der Hölle in der Pinasse, von den unnennbaren Kreuzpeilungen und von dem Schatz, einen Faden unter dem Sande.

Sie durchfuhren eine Strecke des Ozeans, die, wie Dag Daughtry fand, allen andern Strecken des Ozeans glich. Kein Land brach den Rand des Meeres. Das Schiff war Zentrum des unveränderlichen, ewigen Horizonts. Die Magnetnadel des Kompasses war der Punkt, um den die Mary Turner immer schwang. Die Sonne ging unveränderlich im Osten auf und im Westen unter, selbstverständlich korrigiert und geprüft mit Bezug auf Deklination, Division und Mißweisung; Sterne und Sternbilder schritten weiter auf ihrem nächtlichen Weg über den Himmel.

Und in diesem Teil des Ozeans befand sich der Ausgucksmann auf der Saling von Morgengrauen bis zur Abenddämmerung, wenn die Mary Turner beigedreht wurde, um nachtsüber auf der Stelle zu bleiben. Und als mit den Tagen die Witterung, wie der alte Seemann sagte, immer schärfer wurde, gingen die drei Teilhaber selbst nach oben. Grimshaw begnügte sich damit, sich auf die Dwarssaling zu setzen. Kapitän Doane kletterte höher und setzte sich auf die Fockmaststenge, die Beine um das Ende der Vormarsstenge gekreuzt. Und Simon Nishikanta riß sich von seinen ewigen Malereien los, um in die Kreuzmastwanten zu klettern, oder vielmehr seinen ungeheuren Körper von zwei grinsenden, schlanken Matrosen hinaufheben zu lassen, die ihn schließlich an der Dwarssaling festzurrten, von wo aus er mit Augen, die von Golddurst funkelten, über das sonnenglitzernde Meer durch das feinste Glas starrte, das je auf seiner Pfandleihe versetzt und nicht eingelöst worden war. »Sonderbar,« murmelte der alte Seemann, »sonderbar, höchst sonderbar. Hier ist die Stelle. Zweifellos. Ich hätte dem jungen Burschen von Drittem Offizier überall geglaubt. Er war nur achtzehn, aber er konnte besser navigieren als der Kapitän. Fand er vielleicht nicht die Koralleninsel nach achtzehntägiger Fahrt in der Pinasse? Kein ordentlicher Kompaß, und Sie wissen, wie der Horizont in einem kleinen Boot auf schwerer See im Sextanten aussieht. Er starb, aber der Kurs, den er mir sterbend angab, war richtig, so daß ich genau einen Tag, nachdem ich seine Leiche über Bord geworfen hatte, die Koralleninsel erreichte.«

Kapitän Doane zuckte die Achseln und begegnete trotzig den mißtrauischen Blicken des Armeniers.

»Versunken kann sie nicht sein, bestimmt nicht«, sagte der alte Seemann. »Die Insel war nicht nur eine Sandbank oder ein Riff. Der Löwenkopf war dreitausendachthundertfünfunddreißig Fuß hoch. Ich sah, wie der Kapitän und der Dritte Offizier es triangulierten.«

»Ich habe die See hier geharkt und gepflügt,« rief Kapitän Doane, »und die Zähne meiner Harke sitzen nicht so weit auseinander, daß ein viertausend Fuß hoher Berg durchschlüpfen könnte.«

»Sonderbar, sonderbar«, murmelte der alte Seemann wieder, halb zu seiner eigenen grübelnden Seele, halb zu den Schatzsuchern gewandt. Dann klärte sich seine Miene plötzlich auf, und er fügte hinzu:

»Aber natürlich, die Mißweisung hat sich verändert, Kapitän Doane. Haben Sie die Mißweisungsveränderung in einem halben Jahrhundert in Betracht gezogen? Das macht natürlich einen großen Unterschied. Und soviel ich weiß, kannte man damals die Mißweisung noch nicht so genau wie heute.«

»Breitengrad ist Breitengrad und Längengrad Längengrad«, antwortete der Kapitän. »Mißweisungen und Deviation braucht man, wenn man den Kurs setzen und Berechnungen machen will.«

Alles das waren böhmische Dörfer für Simon Nishikanta, der sich gleich auf die Seite des alten Seemanns stellte.

Aber der alte Seemann war gerecht. Gab er in dem einen Augenblick dem Armenier einen Trumpf in die Hand, so gab er im nächsten Augenblick dem Schiffer einen.

»Es ist schade«, sagte er zu Kapitän Doane, »daß Sie nur einen Chronometer haben. Der ganze Fehler liegt vielleicht am Chronometer. Warum fahren Sie nur mit einem Chronometer?«

»Ja, ich wollte auch zwei kaufen«, verteidigte der Armenier sich. »Da haben Sie schuld, Grimshaw.«

Der Weizenfarmer nickte widerstrebend, aber der Kapitän fertigte ihn kurz ab. »Aber Sie wollten keine drei Chronometer kaufen.«

»Aber wenn zwei nicht besser wären als einer, wie Sie ja selbst sagten, was Grimshaw bezeugen kann, dann wären auch drei nicht besser als zwei, nur teurer.«

»Wie kann man wissen, welcher Chronometer falsch geht, wenn man nur zwei hat?« fragte Kapitän Doane.

»Da haben Sie's«, rief der Pfandleiher. »Wenn Sie bei zweien nicht sagen können, welcher falsch geht, wieviel schwieriger muß es dann sein, herauszukriegen, welcher von zwei Dutzend falsch geht?«

»Aber verstehen Sie denn nicht ...«

»Ich verstehe, daß dieses ganze gelehrte Seemannsgeschwätz Quatsch ist. Ich habe in meinem Kontor vierzehnjährige Lehrlinge, die Ihnen und Ihrer ganzen Navigation über sind. Fragen Sie sie, wieso zweitausend Chronometer besser als tausend sind, wenn zwei Chronometer nicht mehr nützen als einer, und sie werden Ihnen sofort sagen, daß, wenn zwei Dollar nicht mehr wert sind als ein Dollar, zweitausend Dollar auch nicht mehr wert sind. Das sagt der gesunde Menschenverstand.«

»Das ist ja Unsinn, Sie haben eben überhaupt unrecht«, unterbrach ihn Grimshaw. »Ich sagte seinerzeit, der einzige Grund, Kapitän Doane als Teilhaber mitzunehmen, sei, daß wir einen Navigator brauchten, weil Sie und ich nicht das geringste von der Geschichte verständen. Sie sagten: ›Ja, gewiß‹, wußten aber gleich besser Bescheid als er und wollten die drei Chronometer nicht spendieren. Die Ausgabe tat Ihnen leid, das war alles. Sie wollen eben zehn Millionen Dollar mit einem gebrauchten Spaten für achtundsechzig Cent ausgraben.«

Dag Daugthry mußte einige dieser Unterredungen mit anhören, die eher Zank als Beratung waren. Für Simon Nishikanta endeten sie unweigerlich mit einem Anfall von »Seemuffigkeit«, wie die Seeleute es nennen. Noch stundenlang hinterher wollte der mürrische Armenier mit keinem Menschen sprechen. Wenn er einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, zu malen, konnte er plötzlich in heftiger Wut auffahren, seinen Entwurf zerreißen, mit den Füßen darauf treten, sein schwerkalibriges automatisches Gewehr holen, sich auf die Back setzen und auf jeden vorbeikommenden Tümmler, jeden Boniten, jeden Delphin schießen. Es schien ihn in hohem Maße zu beruhigen, einem daherbrausenden, prächtiggefärbten Fisch eine Kugel in den Leib zu jagen, seine stolze, strahlende Fahrt für immer zum Stillstand zu bringen und ihn auf die Seite zu werfen, so daß er langsam dem Meer und dem Tod in die Arme sank.

Als sich einmal eine Herde Schwarzwale vorbeitummelte – jedes der Tiere war von respektabler Größe –, geriet Nishikanta außer sich vor Begeisterung, Böses tun zu können. Er traf vielleicht zwanzig Riesen aus der Herde; seine Kugeln brannten wie Peitschenhiebe, so daß sie alle wie junge Pferde, die von der Peitsche überrascht werden, in die Höhe sprangen oder mit einem Schwanzschlag unter die Oberfläche tauchten, in wahnsinniger Fahrt durchschossen und verschwanden.

Der alte Seemann schüttelte betrübt den Kopf, und Dag Daughtry, der auch empört war, fühlte mit ihm und brachte ihm unaufgefordert eine der teuren Zigarren, damit er sich beruhigte. Grimshaws Lippen schürzten sich zu einem höhnischen Lächeln, während er murmelte: »Der Lausigel. Kein Mann, der auch nur etwas von einem Mann ist, könnte unschuldige Tiere so behandeln. Er gehört zu denen, die, wenn man ihre Sprache oder ihre Rechenbegabung kritisiert, dem Hund des andern dafür einen Tritt versetzen. In der guten alten Zeit pflegten wir in Colusa Leute seines Kalibers aufzuhängen, nur um die Luft, die wir atmeten, rein und gesund zu erhalten.«

Kapitän Doane aber protestierte offen. »Hören Sie, Nishikanta«, sagte er, weiß vor Zorn und mit zitternden Lippen. »Sie haben kein Recht, auf diese Weise mit unserm Leben zu spielen. Ich weiß, was ich sage. Wurde vielleicht nicht das Lotsenboot Annie Mine direkt im Goldenen Tor von einem Wal versenkt? Und sank nicht der Walfänger Essex, ein Vollschiff, irgendwo an der Westküste von Südamerika, und die Boote mußten dreihundert Meilen rudern, ehe sie die nächste Küste erreichten, und das alles nur, weil eine verwundete große Walkuh sie zu Brennholz gehackt hatte?« Aber Simon Nishikanta, der so beleidigt war, daß er nicht antworten mochte, feuerte weiter auf den letzten Wal, bis seine Augen ihm nicht mehr zu folgen vermochten.

»Ich erinnere mich noch gut des Walfängers Essex«, sagte der alte Seemann zu Dag Daughtry. »Es war eine Kuh mit einem Kalb, die das Schiff erledigte. Zwei Drittel von ihren Fässern waren voll, in weniger als einer Stunde ging sie unter. Von einem der Boote hat man nie mehr etwas gehört.«

»Kam nicht eines von den Booten nach Hawaii, Herr?« fragte Daughtry mit schuldigem Respekt. »Ich traf jedenfalls vor dreißig Jahren in Honolulu einen Mann, eine alte Mumie, der behauptete, Harpunier auf einem Walboot gewesen zu sein, das von einem Wal an der südamerikanischen Küste versenkt worden sei. Das war das erste und das letzte Mal, daß ich von der Sache hörte, bis Sie jetzt davon sprachen. Es muß dasselbe Schiff gewesen sein, glauben Sie nicht?«

»Wenn nicht zwei Schiffe an der Westküste versenkt wurden«, antwortete der alte Seemann, »aber über das Schicksal des einen Schiffes, der Essex, herrscht kein Zweifel. Das ist historisch. Es ist indessen anzunehmen, Steward, daß der Mann, von dem Sie sprechen, zur Essex gehörte.«

 

Kapitän Doane hatte schwere Mühe, die Sonne auf ihrem täglichen Wege über den Himmel zu verfolgen, mittels Zeitgleichung die durch den Kreislauf der Erde verursachte Abweichung zu korrigieren und Ortsbestimmungen mit angenommenen Breitengraden zu machen, bis ihm der Kopf schwindelte.

Simon Nishikanta verlachte offen die Navigation des Kapitäns, malte weiter Aquarelle, wenn er ruhig war, und schoß nach Walen, Seevögeln, und was ihm sonst vor die Büchse kam, wenn er niedergedrückt und seekrank war, weil der Gipfel des Löwenkopfes auf der Schatzinsel des alten Seemanns immer noch nicht in Sicht kam. »Ich will zeigen, daß ich kein Knicker bin«, erklärte Nishikanta eines Tages, nachdem er sich, um Ausguck zu halten, fünf Stunden im Mastkorb hatte braten lassen. »Kapitän Doane, wieviel würde ein zweiter Chronometer in San Franzisko gekostet haben, ein gut erhaltener gebrauchter, meine ich.«

»Sagen wir: hundert Dollar«, sagte der Kapitän.

»Schön. Ich will jetzt ein Angebot machen, und nicht das eines Knickers. Die Ausgabe für einen Chronometer würde sich auf uns drei verteilt haben. Ich spende den ganzen Betrag. Wollen Sie so freundlich sein und den Leuten sagen, daß ich, Simon Nishikanta, dem ersten, der auf Herrn Greenleafs Breiten- und Längengrad Land sichtet, hundert Dollar in Gold bezahle.«

Aber die Matrosen, die die Mastkorbspitzen stürmten, mußten notgedrungen enttäuscht werden, denn nur zwei Tage winkte ihnen die Belohnung. Das war jedoch nicht ausschließlich Dag Daughtrys Schuld, trotz der Tatsache, daß sein Auftreten genügt hätte, ihre Aussichten auf längere Zeit zunichte zu machen.

Im Proviantraum, unter dem Fußboden der Hauptkajüte, nahm er zufällig die Bierkisten, die speziell für ihn an Bord gekommen waren, in Augenschein. Er zählte die Kisten, zweifelte, ob er im Vollbesitz aller seiner Sinne war, zündete mehrere Streichhölzer an, zählte wieder und durchsuchte dann vergebens den ganzen Proviantraum in der Hoffnung, irgendwo sonst weitere Bierkisten verstaut zu finden.

Er setzte sich unter die Luke im Kajütsboden und dachte eine geschlagene Stunde nach. Das war wieder dieser verdammte Armenier, dachte er – der Armenier, der die Mary Turner mit zwei Chronometern, aber nicht mit dreien hatte ausstatten wollen, der Armenier, mit dem das Abkommen getroffen war, daß Daughtry täglich seine sechs Liter bekommen sollte. Noch einmal zählte der Steward die Kisten, um seiner Sache sicher zu sein. Es waren drei. Und da jede Kiste zwei Dutzend Liter enthielt, und da seine Ration täglich ein halbes Dutzend Liter ausmachte, war es klar wie die Sonne, daß der Vorrat, den er vor Augen hatte, nur noch für zwölf Tage reichte, und zwölf Tage waren nicht viel für eine Fahrt in dieser unbestimmbaren, öden Ozeanregion bis zu dem nächsten Hafen, wo man Bier kaufen konnte.

Als der Steward seinen Entschluß gefaßt hatte, verlor er keine Zeit. Die Uhr war dreiviertel zwölf, als er aus dem Proviantraum herauskletterte, die Luke zuschlug und schleunigst den Tisch deckte. Er bediente die Gesellschaft während des Essens, wenn er sich auch kaum enthalten konnte, die große Schüssel mit gelben Erbsen Nishikanta auf den Kopf zu schütten. Was ihn am meisten zurückhielt, war der Gedanke an das, was er am Nachmittag im großen Raum, wo die Wassertonnen verstaut waren, zu tun gedachte; den Entschluß dazu hatte er im Proviantraum gefaßt.

Um drei Uhr, als der alte Seemann vermutlich in seiner Kabine ein Nickerchen machte und Kapitän Doane, Grimshaw und die Hälfte der Wache in Trauben an den Masten hingen, um, wenn möglich, den Löwenkopf in dem saphirblauen Meere zu entdecken, kletterte Dag Daughtry leise durch die Luke in den Lastraum. Hier lagen in langen Reihen, sicher verstützt, die Wasserfässer.

Der Steward zog eine Bohrleier aus seinem Hemd und versah sie mit einem halbzölligen Bohrer aus seiner Hosentasche. Auf den Knien liegend, bohrte er ein Loch in das erste Faß, bis das Wasser herausschoß und in den Schiffsraum lief. Er arbeitete schnell und durchbohrte Faß auf Faß. Als er das Ende der ersten Reihe erreicht hatte, hielt er einen Augenblick inne, um auf die vielen Ströme zu lauschen, die glucksend aus den halbzölligen Bohrlöchern liefen und verloren waren. Seine scharfen Ohren fingen ein ähnliches Glucksen auf, das rechts aus dem nächsten Gang zwischen den Fässern kam. Er lauschte genau und hätte schwören mögen, daß er das Geräusch eines Bohrers hörte, der in hartem Holz arbeitete.

Eine Minute später hatte er Bohrleier und Bohrer sorgsam beiseitegeschafft und legte seine Hand auf die Schulter eines Mannes, den er in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, der aber auf den Knien lag und schnaufend an einer Tonne bohrte. Der Verbrecher gab sich keine Mühe, zu entwischen, und als Daughtry ein Streichholz anzündete, starrte er in das ihm zugewandte Gesicht des alten Seemanns.

»Donnerwetter«, murmelte der Steward in seinem Erstaunen ganz leise. »Warum lassen Sie das Wasser auslaufen, zum Teufel?« Er spürte, daß der alte Mann vor Nervosität am ganzen Körper zitterte, und sein eigenes schlechtes Gewissen bedrückte ihn und machte ihn freundlich.

»Schön«, flüsterte er. »Haben Sie keine Angst vor mir. Wieviel haben Sie angebohrt?«

»In dieser Reihe alle«, lautete die geflüsterte Antwort. »Sie werden mich doch nicht ... den anderen angeben?«

»Angeben?« Daughtry lachte leise. »Ich kann Ihnen sagen, daß wir alle beide genau dasselbe vorgehabt haben, wenn ich auch nicht verstehe, welche Gründe Sie dazu hatten. Ich habe eben die ganze Steuerbordseite angebohrt. Aber, hören Sie, jetzt machen Sie, daß Sie verschwinden, während es noch Zeit ist. Sie sind alle oben auf den Masten und werden nichts merken. Ich werde dies Stück Arbeit fertig machen ..., daß wir nur noch Wasser auf zwölf Tage behalten.«

»Ich möchte gern mit Ihnen reden ..., um Ihnen alles zu erklären«, flüsterte der alte Seemann.

»Ja, Herr, und ich muß Ihnen sagen, daß ich einfach wahnsinnig neugierig bin, was Sie mir zu erzählen haben. Ich komme, sagen wir, in zehn Minuten, zu Ihnen in die Kajüte, dann können wir uns gemütlich darüber unterhalten. Auf jeden Fall aber stehe ich, was Ihre Pläne betrifft, auf Ihrer Seite. Weil es mir zufällig in den Kram paßt, schnell in einen Hafen zu kommen, und weil ich viel Sympathie für Sie hege. Jetzt machen Sie, daß Sie wegkommen. In zehn Minuten bin ich bei Ihnen.«

»Ich hab' Sie so gern, Steward«, sagte der alte Mann.

»Und ich Sie, Herr, und zwar ein ganz Teil mehr als die verfluchten Geldhaie achtern. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Machen Sie, daß Sie wegkommen, während ich den Rest des Wassers in die Speigatten laufen lasse.«

Eine Viertelstunde später saß Charles Stough Greenleaf in der Kajüte und nippte an einem Grog, und Dag Daughtry stand auf der anderen Seite des Tisches und trank Bier direkt aus einer Literflasche.

»Sie haben es vielleicht noch nicht erraten«, sagte der alte Seemann; »aber dies ist meine vierte Reise nach dem Schatz.«

»Sie meinen ...?« fragte Daughtry.

»Eben. Es gibt gar keinen Schatz. Es hat nie einen gegeben – ebensowenig wie den Löwenkopf, die Pinasse und die unnennbaren Peilungen.«

Daughtry schüttelte verwirrt seinen grauen Schopf, während er einräumte:

»Na, Sie haben mich schön auf den Leim gelockt, Herr. Ich hab' wirklich an den Schatz geglaubt.«

»Ich gestehe, Steward, daß es mich freut, das zu hören. Wenn ich sogar einen Mann wie Sie an der Nase führen kann, muß ich doch noch ganz gerissen sein. Es ist nicht schwer, Leute zu betrügen, deren Seelen nur vom Geld erfüllt sind. Aber so sind Sie nicht. Ich hab' das daran gemerkt, wie Sie mit Ihrem Hund umgehen, und ich hab' gesehen, wie Sie Ihren Nigger behandeln. Wessen Herz in Gier erstarrt ist, der ist erstaunlich leicht anzuführen. Der ist billig zu haben. Zeigen Sie ihm die Aussicht, an einem Dollar hundert zu verdienen, und er wird wie ein hungriger Hecht nach dem Köder schnappen. Ich bin ein alter Mann, ein sehr alter Mann. Ich möchte gern leben, bis ich sterbe – ich meine, anständig, gut und ordentlich leben.«

»Und Sie lieben lange Reisen? Ich fange an zu verstehen, Herr. Gerade, wenn Sie sich der Stelle nähern, wo der Schatz nicht ist, zwingt Sie ein kleines Unglück, zum Beispiel der Verlust des Wasservorrats, einen Hafen aufzusuchen und die Jagd wieder von vorn zu beginnen.«

Der alte Seemann nickte und blinzelte mit seinen verblichenen Augen.

»Sehen Sie, da war die Emma Louisa. Mit Wasserunfällen und ähnlichem hielt ich sie über achtzehn Monate unterwegs, und dazu wohnte ich über vier Monate in einem der besten Hotels von New Orleans, ehe die Reise wieder anfing, und bekam einen reichlichen Vorschuß, jawohl.«

»Aber erzählen Sie mir noch ein bißchen, Herr, es interessiert mich sehr«, sagte Daughtry und leerte seine Bierflasche. »Das ist eine gute Sache. Ich sollte sie vielleicht lernen und in meinen alten Tagen benutzen. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen nicht ins Gehege kommen werde. Ich werde mich erst darauf legen, wenn Sie von der Bildfläche verschwunden sind, so gut die Sache auch ist.«

»Zuallererst müssen Sie Leute mit Geld finden – mit sehr viel Geld, so daß ein Verlust ihnen nichts ausmacht. Die sind am leichtesten dafür zu bekommen –«

»Weil sie am schmutzigsten sind«, unterbrach der Steward ihn. »Je mehr Geld sie kriegen, desto mehr wollen sie haben.«

»Eben«, fuhr der alte Seemann fort. »Und sie werden ja auch wenigstens schadlos gehalten. Solche Seereisen sind ausgezeichnet für ihre Gesundheit. Alles in allem schädige ich sie nicht, sondern tue ihnen nur Gutes und verbessere ihre Gesundheit.«

»Aber die Narben – der Schmiß in Ihrem Gesicht – und all die Finger, die an Ihrer Hand fehlen? Das haben Sie nie beim Kampf in der Pinasse gekriegt. Aber wo haben Sie es sich geholt? Einen Augenblick, Herr. Lassen Sie mich erst Ihr Glas füllen.«

Und bei einem frischen Glase erzählte Charles Stough Greenleaf dann die Geschichte der Narben.

»Lassen Sie mich Ihnen erst sagen, Steward, daß ich – na ja, ein feiner Herr bin. Mein Name steht in der Geschichte der Vereinigten Staaten verzeichnet, sogar noch ehe sie vereinigt waren. Ich machte ein feines Examen an der Universität, was nebensächlich ist. Im übrigen ist der Name, unter dem Sie mich kennen, nicht mein eigener. Ich habe ihn sorgfältig aus den Namen anderer Familien zusammengestellt. Ich habe Pech gehabt. Als junger Mann habe ich das Schanzdeck betreten, wenn auch nie das der Wide Awake, das Schiff ist eine Ausgeburt meiner Phantasie und augenblicklich meine Erwerbsquelle.

Die Narben, nach denen Sie fragen, und die fehlenden Finger? Das ging so zu. Es war morgens in einem Pullman-Wagen, als das Unglück geschah; ich war ein bißchen spät aufgestanden. Da der Wagen überfüllt war, hatte ich mich mit der oberen Koje begnügen müssen. Vor ein paar Jahren. Ich war schon ein alter Mann. Wir kamen aus Florida. Es war ein mächtiger Zusammenstoß. Der ganze Zug ging in Stücke, und einige von den Wagen stürzten um und fielen dreißig Meter tief in einen ausgetrockneten Bach. Er war zwar ausgetrocknet, aber in einem Loch von zehn Fuß Durchmesser und einem halben Meter Tiefe war noch Wasser. Alles andere waren trockene Kiesel, und ich fiel gerade mitten in das Wasserloch. Das kam so: Ich hatte mir eben Schuhe, Hosen und Hemd angezogen und war im Begriff, aus der Koje zu kriechen. Ich saß auf dem Kojenrand und ließ die Beine herunterbaumeln, als die Lokomotiven zusammenstießen.

Ich kam natürlich aus der Koje heraus, flog wie ein Vogel durch den Gang, schoß kopfüber durch die Fensterscheibe auf der andern Seite, schlug bei dem dreißig Meter tiefen Fall so viele Purzelbäume, daß ich ungern daran zurückdenke, und fiel dann mitten in das Wasserloch. Das war nur einen halben Meter tief. Aber ich traf es flach ausgestreckt und so hart, daß es wie ein Kissen unter mir gefedert haben muß. Ich war der einzig Überlebende aus meinem Wagen. Als sie mich aus dem Wasserloch zogen, war ich durchaus nicht tot. Aber als die Ärzte mit mir fertig waren, hatte ich keinen Finger mehr an der Hand und die Narbe an der Backe ... und außerdem habe ich seit damals drei Rippen weniger, als ich eigentlich haben müßte. Aber ich hatte keinen Grund zu klagen. Denken Sie nur an die andern im Wagen – alle tot. Unglücklicherweise reiste ich auf ein Freibillett und konnte daher die Eisenbahn nicht haftbar machen. Aber hier sitze ich nun, der einzige Mensch, der je dreißig Meter tief hinunterfiel und in einen halben Meter Wasser tauchte, es aber überlebte und imstande ist, die Geschichte zu erzählen. – Steward, wenn Sie nichts dagegen haben, mir mein Glas wieder zu füllen –«

Dag Daughtry kam der Aufforderung nach und öffnete in der Erregung und Spannung noch eine Flasche Bier für sich selber.

»Weiter, weiter«, murmelte er heiser und wischte sich den Mund. »Und der Schatzsucherhumbug? Ich sterbe vor Neugier. Ihr Wohl, Herr!«

»Ich kann Ihnen sagen, Steward«, fuhr der alte Seemann fort, »daß ich mit einem silbernen Löffel geboren wurde, der mir im Munde schmolz, und daher endete ich als der typische ›Verlorene Sohn‹. Dazu war ich noch mit einer gewissen Portion Stolz geboren, der nicht schmolz. Meine Familie ließ mich sterben, nicht durch ein lumpiges Eisenbahnunglück, sondern wegen etwas, das lange vorher und nachher geschah. Ich winselte nie. Ich ließ mir nie etwas merken; ich schmolz das letzte Stückchen von meinem silbernen Löffel – Südseebaumwolle, Kakao in Tonga, Gummi und Mahagoni in Yucatan. Und zuletzt schlief ich in Logierhäusern in Bowery, aß Dreck in den Wirtschaften im Osten und stand mehr als einmal um Mitternacht an und dachte ohnmächtig zu werden, ehe ich was zu essen kriegte.«

»Und Sie haben nie vor Ihrer Familie gewinselt«, murmelte Dag Daughtry bewundernd, als der andere schwieg.

Der alte Seemann zuckte die Achseln, warf den Kopf zurück, beugte ihn wieder und sagte: »Nein, ich habe nie gejammert. Ich ging ins Armenhaus. Sechs Monate lang lebte ich wie ein Tier, dann aber nahm ich eine Gelegenheit wahr und entwischte. Ich begann die Wide Awake zu bauen. Ich baute sie Planke für Planke, beschlug sie mit Kupfer, suchte selbst ihre Masten und jedes Stück Holz an ihr aus, musterte die Besatzung vorn und achtern an, kaufte die Ausrüstung bei Altwarenhändlern und segelte mit ihr nach der Südsee, um den Schatz zu finden, der einen Faden unterm Sande begraben lag.

Sehen Sie«, erklärte er. »Das alles tat ich in Gedanken, denn ich war die ganze Zeit Gefangener in einem Asyl für Menschenwracks.«

Das Gesicht des alten Seemanns wurde plötzlich hart und grimmig, seine Rechte griff nach Daughtrys Handgelenk und umschloß es mit welken Stahlfingern.

»Es dauerte lange und war sehr schwer, aus dem Armenhaus herauszukommen, um mein klägliches Wide-Awake-Abenteuer zu finanzieren. Können Sie sich vorstellen, daß ich zwei Jahre lang für anderthalb Dollar die Woche mit meiner einen brauchbaren Hand und mit der andern auch, so gut es ging, in der Wäscherei des Asyls arbeitete, schmutziges Zeug sortierte und Laken und Kissenbezüge zusammenlegte, bis ich zum tausendsten Male glaubte, daß mein armer, alter Rücken zerbrechen sollte, und bis ich zum millionsten Male fühlte, wo in meiner Brust jeder Zoll meiner fehlenden Rippen saß.

Sie sind noch ein junger Mann –«

Daughtry grinste abwehrend, während er sich seinen grauen Schopf kratzte.

»Sie sind noch ein junger Mann, Steward«, fuhr der Alte leicht gereizt fort. »Sie sind nie vom Leben ausgeschlossen gewesen. Im Asyl ist man vom Leben ausgeschlossen. Da gibt es keine Achtung – nein, weder vor dem Alter noch vor Menschenleben überhaupt. Wie soll ich es ausdrücken? Man ist nicht tot, aber man ist auch nicht lebendig. Man ist ein Etwas, das einmal lebendig war und im Begriff ist, zu sterben. Aussätzige behandelt man so. Irrsinnige auch. Als ich jung und auf See war, wurde ein Kamerad, ein Leutnant verrückt. Zuweilen war er tobsüchtig, und wir kämpften mit ihm, verdrehten ihm die Arme, quetschten seinen ganzen Körper und fesselten ihn, daß er sich nicht rühren konnte, während wir uns verschnauften und ihn baten, uns, sich und dem Schiff nichts zu tun. Und dieser Mann, der immer noch lebte, war für uns tot. Können Sie das nicht verstehen? Er war nicht mehr einer von uns, nicht mehr wie wir. Er war etwas anderes. Das ist es – etwas anderes. Und ebenso sind wir im Asyl, wir sind noch nicht begraben – wir sind etwas anderes. Sie haben mich von der Hölle in der Pinasse schwatzen hören. Das war eine angenehme Zerstreuung im Vergleich mit dem Asyl.

Zwei Jahre lang arbeitete ich für anderthalb Dollar die Woche in der Wäscherei. Und denken Sie sich, ich, der ich einen silbernen Löffel – und einen recht ansehnlichen – in meinem Munde geschmolzen hatte, denken Sie sich, ich mit meinen alten, wehen Beinen, meinem alten Bauch, der sich noch der Freuden der Jugend erinnerte, meinem alten Gaumen, der immer noch kitzlig und noch nicht ganz von den verfluchten Raffinements verdorben war, die er in jüngeren Tagen kennengelernt hatte – wie gesagt, Steward, denken Sie sich, ich, der ich immer flott und verschwenderisch gewesen war, sparte die anderthalb Dollar wie ein Geizhals, verbrauchte nicht einen Cent davon für Tabak, kaufte mir nie die kleinste Delikatesse, linderte nie den traurigen Zustand meines Magens, der eine Folge unserer unangenehmen, unverdaulichen, schlechten Kost war. Ich erbettelte mir Tabak, elenden, billigen Tabak von armseligen, alten, zitternden Burschen, die mit einem Bein im Grabe standen. Ja, und als ich Samuel Merrivale morgens tot in dem Bett fand, das neben dem meinen stand, untersuchte ich zuerst die Taschen seiner elenden alten Hosen, um den Tabak zu finden, der, wie ich wußte, seine ganze Hinterlassenschaft ausmachte, und meldete erst dann das Geschehene.

Oh, Steward, ich hütete die anderthalb Dollar, können Sie das verstehen? – Ich war ein Gefangener, der sich mit einer winzigen Stahlsäge freisägte. Und ich sägte mich frei!« Seine Stimme stieg zu einem triumphierenden, schrillen Quaken. »Steward, ich sägte mich frei!« Dag Daughtry hob seine Bierflasche und sagte ernst: »Ihr Wohl, Herr!«

»Ich danke Ihnen – Sie verstehen mich«, sagte der alte Seemann mit ungekünstelter Würde, stieß sein Glas gegen die Flasche und trank mit dem Steward, während sie sich in die Augen sahen.

»Ich hätte hundertsechsundfünfzig Dollar haben müssen, als ich das Asyl verließ«, fuhr der Alte fort. »Aber zwei Wochen verlor ich durch Influenza und eine Woche durch Brustfellentzündung, so daß ich dies Haus der lebendigen Toten nur mit hunderteinundfünfzig Dollar und fünfzig Cent verließ.«

»Ich verstehe, Herr«, unterbrach Daughtry ihn mit aufrichtiger Bewunderung. »Die winzige Säge war zu einem Brecheisen geworden, und mit dem wollten Sie nun wieder ins Leben einbrechen.«

Das narbige Gesicht Charles Stough Greenleafs mit seinen verblichenen Augen strahlte, als er jetzt das Glas hob.

»Ihr Wohl, Steward! Sie verstehen mich. Und Sie haben sich gut ausgedrückt. Ich ging, um ins Haus des Lebens einzubrechen. Sie war ein Brecheisen, die klägliche Summe, die ich unter zweijährigen Leiden gesammelt hatte. Denken Sie! Eine Summe, die ich in alten Tagen in der leichtsinnigen Laune eines Augenblicks im Kartenspiel wagte. Ich kehrte zurück wie ein Einbrecher, um ins Leben einzubrechen, und ich kam nach Boston. Sie verstehen sich glänzend auszudrücken, Steward, Ihr Wohl.«

Flasche und Glas klirrten wieder aneinander, die beiden tranken und sahen sich in die Augen, und jeder von ihnen war sich klar darüber, daß er in ein ehrliches, verständnisvolles Auge blickte.

»Aber es war ein dünnes Brecheisen, Steward. Ich durfte nicht mein ganzes Gewicht darauflegen. Ich mietete mir ein Zimmer in einem kleinen, aber anständigen Hotel. Es war in Boston, wie ich wohl sagte. Oh, ich war vorsichtig mit meinem Brecheisen. Ich aß kaum genug, um das Leben zu fristen. Aber ich hielt andere frei, einen sorgsam gewählten Kreis – gab aus mit der Miene eines wohlhabenden Mannes, um meiner Geschichte Vertrauen zu verschaffen; und wenn ich berauscht war (scheinbar berauscht, Steward!), spann ich alter Mann ein Ende von der Wide Awake, der Pinasse, den unnennbaren Peilungen und dem Schatz unterm Sande. – Einen Faden unterm Sande; das war literarischer Stil, ein psychologischer Trick; das schmeckte nach dem salzigen Meer, nach kühnen Freibeutern und Plünderungen im Karaibischen Meer.

Sie haben wohl den Goldklumpen bemerkt, den ich an der Uhrkette trage, Steward? Damals konnte ich mir keinen leisten, aber ich sprach statt dessen von Gold, von kalifornischem Gold, von Klumpen und wieder Klumpen, von unendlichen Massen Gold aus den Goldgräbereien in den Jahren neunundvierzig und fünfzig. Das war literarischer Stil. Das gab Farbe. Später, nach meiner ersten Reise von Boston aus, erlaubten mir meine Finanzen, einen Goldklumpen zu kaufen. Das war ein Köder, der die Leute wie die Fische anbeißen ließ. Diese Ringe waren auch – Köder. Solche Ringe sehen Sie heute nicht mehr. Als ich zu Geld gekommen war, kaufte ich auch die. Sehen Sie zum Beispiel den Goldklumpen. Ich schwatze. Ich spiele zerstreut mit ihm, während ich von dem großen Goldschatz schwatze, den wir im Sande begruben. Plötzlich schießen mir beim Anblick des Goldklumpens neue Erinnerungen durch den Kopf. Ich erzähle von der Pinasse, von unserm Durst und Hunger und vom Dritten Offizier, dem blonden Jungen, dessen jungfräuliche Wange nie ein Rasiermesser gesehen hatte, und der Goldklumpen als Senkbleie benutzte, als wir Fische fangen wollten. Geschichte auf Geschichte erzählte ich, scheinbar betrunken, diesen Männern, die scheinbar meine guten Freunde waren – die ich aber als Dummköpfe verachtete. Aber der Klatsch ging weiter, und eines Tages versuchte ein junger Mann, ein Reporter, mich über den Schatz und die Wide Awake zu interviewen. Ich war beleidigt, böse. Innerlich aber strahlte ich vor Freude, als ich es dem jungen Mann abschlug, denn ich wußte, daß er schon verschiedene Einzelheiten von meinen guten Freunden wußte. Und die Morgenzeitungen opferten zwei ganze Spalten und fette Überschriften für die Geschichte. Viele Leute besuchten mich. Ich studierte sie genau. Die meisten, die auf die Schatzsuche ausgehen wollten, hatten kein Geld. Ich wich ihnen aus, wartete ab und aß noch weniger als zuvor, weil mein kleines Kapital auf die Neige ging.

Und dann kam er, mein heiterer junger Doktor – er war Doktor der Philosophie und sehr reich. Mir hüpfte das Herz im Leibe, als ich ihn sah, ich hatte nur noch achtundzwanzig Dollar, und ich wäre lieber gestorben, als wieder Mitglied der traurigen Gesellschaft lebendiger Toter im Asyl zu werden. Aber ich kehrte nicht zurück, und ich starb auch nicht. Dem heiteren jungen Doktor lief das Wasser im Munde zusammen, wenn er an die Südsee dachte, und ich fächelte ihm alle Düfte des fernen Landes in die Nase und rollte vor seinen inneren Augen abenteuerliche Bilder von den Passatwolken, dem Monsunhimmel und den Palmeninseln im Korallenmeer auf.

Er war ein lustiger, toller Bursche, prachtvoll freigebig, furchtlos wie ein junger Löwe, geschmeidig und schön wie ein Leopard und ein bißchen verrückt von all den Tollheiten, die in seinem feinen Kopfe spukten. Aber hören Sie zu, Steward. Der Doktor hatte die Gloucester gekauft, einen schönen Fischerschoner, der wie eine Lustjacht aussah und segelte.«

»Und wie benahm sich der junge Doktor, als der Versuch, den Schatz zu finden, fehlschlug?« fragte Dag Daughtry.

Das Gesicht des alten Seemanns erhellte sich.

»Er nannte mich einen herrlichen alten Schwindler, und als er das sagte, legte er seinen Arm um meine Schulter. Ich versichere Ihnen, Steward, ich hatte den jungen Mann wirklich liebgewonnen wie einen Sohn. Und den Arm um meine Schulter geschlungen – und ich weiß, daß mehr als bloße Freundlichkeit in der Bewegung lag –, erzählte er mir, daß er schon, als wir kaum den La Plata erreicht hatten, hinter meine Schliche gekommen war. Und lachend und mir immer wieder auf die Schulter klopfend, machte er mich auf Widersprüche in meiner Erzählung aufmerksam (später habe ich es besser gemacht, Steward, dank ihm, viel besser!) und erzählte mir, daß die Reise ein großer Erfolg gewesen sei und er für ewig in meiner Schuld stehe.

Was sollte ich machen? Ich sagte ihm die Wahrheit. Ihm vertraute ich sogar meinen Familiennamen an und die Schande, die ich diesem Namen erspart hatte, indem ich ihn ablegte.

Er legte mir den Arm um die Schulter – ich versichere es Ihnen – und ...«

Der alte Seemann konnte nicht weitersprechen, der Hals war ihm rauh geworden, und etwas Nasses rollte aus seinen Augen über beide Wangen.

Dag Daughtry trank ihm schweigend zu, und nach einem Schluck aus seinem Glase beherrschte der alte Seemann seine Bewegung. »Er bot mir an, heimzufahren und mit ihm zusammen zu leben, und nahm mich auch an dem Tage, als wir in Boston landeten, mit in sein großes, einsames Haus. Er erzählte mir, daß er mit seinen Rechtsanwälten reden und mich adoptieren wollte – der Gedanke kitzelte seine Phantasie.

Und so war ich denn also wieder ins Leben zurückgekehrt und sollte gesetzmäßig adoptiert werden. Aber das Leben ist dumm und tückisch. Achtzehn Stunden später fanden wir ihn tot im Bett. Herzfehler, irgendein Blutgefäß im Gehirn war geplatzt.

Seine Kusinen und Tanten ließen mir eine Woche Zeit, um zu verschwinden. Ich ging, bevor eine Stunde verflossen war, und ehe sie mich fortließen, untersuchten sie mein bescheidenes Gepäck.

Ich ging nach New York. Die Komödie wiederholte sich, nur daß ich mehr Geld hatte und sie besser zu spielen verstand. Ebenso ging es in New Orleans und in Galveston. Dann kam ich nach Kalifornien. Dies ist meine fünfte Reise.

Es war ein schweres Stück Arbeit, diese drei Leute zu interessieren, und ich setzte mein ganzes Geld zu, ehe ich sie so weit hatte, daß sie das Abkommen unterschrieben. Sie waren sehr knickerig. Vorschuß? Der bloße Gedanke daran wäre töricht gewesen. Aber ich wartete ab, machte eine größere Hotelrechnung, bestellte mir zuallerletzt meine eigene, ordentliche Auswahl an Spirituosen und Zigarren und ließ ihnen den Betrag in Rechnung stellen. Welch ein Spektakel! Sie rasten alle drei und wollten sich – und mir – die Haare raufen. Sie sagten, das ginge nicht. Ich wurde augenblicklich krank. Ich erzählte ihnen, daß sie mich nervös und krank machten. Je mehr sie rasten, desto kränker wurde ich. Da gaben sie nach, und mir ging es sofort besser. Und jetzt sind wir hier, haben kein Wasser mehr und setzen bald den Kurs auf die Marquesas, wahrscheinlich, um unsere Fässer zu füllen. Dann werden sie wiederkommen und weitersuchen.«

»Glauben Sie wirklich, Herr?«

»Ich werde noch viel wichtigere Daten aus meinem Gedächtnis ausgraben, Steward«, lächelte der alte Seemann. »Zweifellos werden sie wieder herfahren, oh, ich kenne sie genau. Es sind armselige, kleinliche, gierige Narren.«

»Narren! Alles Narren! Ein Narrenschiff!« jubelte Dag Daughtry. Und er kicherte über seine Entdeckung, daß der alte Seemann dasselbe Spiel spielte wie er.

Früh am nächsten Morgen entdeckte die Morgenwache, die den täglichen Wasservorrat für Kombüse und Kajüte zu holen pflegte, daß die Fässer leer waren. Herr Jackson war so erschrocken, daß er augenblicklich Kapitän Doane rief, und wenige Minuten später hatte Kapitän Doane Grimshaw und Nishikanta herausgepurrt, um ihnen das Unglück mitzuteilen.

Das Frühstück war eine dramatische Szene, die der alte Seemann und Dag Daughtry heimlich genossen, während die drei Teilhaber wüteten und jammerten. Namentlich Kapitän Doane jammerte. Simon Nishikanta schmiedete teuflische Pläne, wie das Scheusal, das die Untat begangen – wer immer es auch sein mochte –, sie entgelten sollte, während Grimshaw immer wieder seine großen Fäuste ballte, als ob er einen an der Kehle gepackt hätte.

Es sollte ein Tag reich an Überraschungen werden. Kapitän Doane erwischte den Steuermann dabei, wie er mit Hilfe des Nachschlüssels die Ortsbestimmung des Schiffes von seinem Schreibtisch stahl. Es gab eine Szene, mehr aber auch nicht, denn der Finne war zu riesenstark, als daß ein persönlicher Kampf mit ihm gereizt hätte, und Kapitän Doane versuchte sein Benehmen nur mit einer ununterbrochenen Wiederholung von »Ja«, »Nein« und »Tut mir sehr leid« zu brandmarken.

Am bedeutungsvollsten war vielleicht eine Entdeckung Dag Daughtrys, wenn er sich auch jetzt noch nicht klar darüber war. Nachdem der Kurs geändert und alle Segel gesetzt waren, und nachdem der alte Seemann ihn unter vier Augen davon unterrichtet hatte, daß ihr Ziel Taichae, eine der Marquesas, war, schritt Daughtry heiter dazu, sich zu rasieren. Aber eine Sorge bedrückte ihn doch. Er war nicht ganz sicher, ob an einem so entlegenen Ort wie Taichae gutes Bier aufzutreiben sein würde.

Als er, fast das ganze Gesicht weiß eingeseift, den ersten Strich mit dem Messer machen wollte, bemerkte er einen dunklen Fleck auf seiner Stirn, gerade über den Augenbraunen. Nach dem Rasieren berührte er den Fleck und wunderte sich, daß er gerade hier von der Sonne verbrannt war. Aber er hatte die Berührung nicht gespürt, der dunkle Fleck war gefühllos.

»Merkwürdig«, dachte er, trocknete sich das Gesicht und vergaß es wieder.

Sowenig er wußte, welches Grauen sich hinter dem dunklen Fleck barg, sowenig ahnte er auch, daß Ah Moys schiefe Augen ihn längst bemerkt hatten und von Tag zu Tag mit heimlichem, immer wachsendem Entsetzen beobachteten.

Hart am Südostpassat begann die Mary Turner ihre lange Kreuzfahrt nach den Marquesas. In der Back war alles glücklich. Nur Seeleute mit der Löhnung von Seeleuten, empfingen sie die Botschaft, daß sie eine von den Tropeninseln anlaufen sollten, um die Wasserfässer zu füllen, mit Begeisterung. Achtern waren die drei Teilhaber schlechter Laune, und Nishikanta lachte offen und höhnisch über Kapitän Doane und bezweifelte seine Fähigkeit, die Marquesas zu finden. Im Zwischendeck waren alle glücklich – Dag Daughtry, weil seine Löhnung sich ansammelte und weil er eines weiteren Biervorrats sicher war; Kwaque, weil er glücklich war, wenn sein Herr glücklich war; und Ah Moy, weil er bald Gelegenheit finden sollte, von dem Schoner und den zwei Aussätzigen, mit denen er zusammen wohnte, zu desertieren.

Michael teilte die allgemeine Glückseligkeit im Zwischendeck und begann mit großem Eifer, ein fünftes Lied mit Steward auswendig zu lernen. Es war »Lead, kindly Light«. In seinem Singen, das alles in allem nichts als abgerichtetes Geheul war, suchte Michael nach etwas, er wußte nicht was. Tatsächlich war es das verschwundene Rudel, das Rudel der Urzeit, ehe der Hund sich je an die Feuerstätten des Menschen gewagt, und übrigens auch, ehe die Menschen Feuerstätten errichteten, und ehe die Menschen überhaupt Menschen waren.

Er war erst zwei Jahre auf der Welt, so daß er aus eigener Erfahrung nichts vom Rudel wußte. Viele tausend Generationen lagen dazwischen, und doch lebte tief in seinem Innern eine unauslöschliche, vage Erinnerung an die Zeiten in der Wildnis, wo ferne Vorfahren mit dem Rudel jagten und ihre eigene Kraft und gleichzeitig die des Rudels mehrten. Wenn Michael schlief, stiegen die Erinnerungen an das Rudel an die Oberfläche seines Unterbewußtseins. Diese Träume waren, solange sie dauerten, Wirklichkeit, wachend aber erinnerte er sich ihrer kaum. Im Schlaf aber, wenn er mit Steward sang, fühlte er die unsichtbare Verbindung zwischen sich und dem verschwundenen Rudel, nach dem er sich brennend sehnte, und er spürte gleichsam den Trieb, es auf den längst vergessenen Wegen zu suchen.

War Michael wach, so hatte er ein anderes, wirkliches Rudel. Das bestand aus Steward, Kwaque, Cocky und Scraps, und er tummelte sich mit dem Rudel, wie es seine Vorfahren auf der Jagd mit ihrem eigenen Geschlecht getan. Das Zwischendeck war die Höhle dieses Rudels, und draußen lag die große, weite Welt, das heißt, die Mary Turner, die beständig auf dem unbeständigen Meere schaukelte, krängte und schlingerte.

Aber das Zwischendeck und seine Bewohner bedeuteten für Michael mehr als das Rudel. Es war der Himmel selbst, wo Gott thronte. Der Mensch schuf sich früh seinen Gott, oft aus Stein, Erde oder Feuer, dachte ihn sich in Bäumen und Bergen und zwischen den Sternen. Der Grund war die Entdeckung, daß der Mensch verschwand und verlorenging für den Stamm oder die Familie, oder wie er nun die Gruppe nannte, zu der er gehörte, die aber, alles in allem, nur ein Rudel von Menschen war. Und der Mensch verließ sein Rudel nur ungern. Daher schuf er in seiner Phantasie ein neues Rudel, das ewig dauern und mit dem er ewig jagen konnte. Da er die Finsternis fürchtete, in die er alle Menschen verschwinden sah, schuf er hinter der Finsternis eine lichtere Welt, ein glücklicheres Jagdgebiet, eine schönere und größere Festhalle, eben seinen »Himmel«.

Ganz wie manche der ersten, am niedrigsten stehenden, primitiven Menschen, träumte Michael nie davon, ein Schattenbild seiner selbst in seiner Seele aufzunehmen und es als Gott anzubeten. Er betete keinen Schatten an. Was er anbetete, war ein wirklicher, unzweifelhafter Gott, der nicht nach seinem eigenen, vierbeinigen Bilde, sondern aus Fleisch und Blut im Bilde Stewards geschaffen war; einen zweibeinigen, unbehaarten, aufrechtgehenden Gott.

* * *

 

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