Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171125
projectidd16cab3e
Schließen

Navigation:

Tagelang sah Michael nur den Steward und Kwaque. Das kam daher, daß er in der Kabine des Stewards eingesperrt war. Kein anderer wußte, daß er sich an Bord befand, und Dag Daughtry hoffte, seine Anwesenheit geheimhalten und ihn, wenn die Makambo in Sydney anlegte, an Land schmuggeln zu können.

Der Steward merkte bald, wie ungewöhnlich gelehrig Michael war. Hin und wieder gab er ihm beim Füttern Kükenknochen. Nach zwei Unterrichtsstunden, die jedoch kaum Stunden genannt werden konnten, da sie beide im Laufe einer halben Stunde gegeben wurden und jede nicht länger als fünf Minuten dauerte, hatte Michael schon gelernt, daß er die Knochen nur in der Ecke der Kabine, hinter der Tür zerbeißen durfte. Bald trug er jeden Knochen, den er erhielt, unaufgefordert und wie selbstverständlich in die Ecke. Und warum auch nicht? Er hatte Verstand genug, um zu verstehen, was der Steward von ihm wollte, und für seine Seele war Dienen ein Glück. Steward war ein Gott, der freundlich war, ihn streichelte, ihm die Schnauze rieb oder die Arme um ihn schlang. Wie jede Willigkeit keimte auch die Michaels in dem Boden der Liebe. Hätte Steward ihm befohlen, den Knochen liegenzulassen, nachdem er ihn in die Ecke gebracht hatte, so würde er es getan haben. So ist nun einmal der Hund, das einzige Tier, das, vor Freude springend, sein Futter unberührt läßt, um nur seinen Herrn begleiten und ihm dienen zu dürfen.

Dag Daughtry beschäftigte sich tatsächlich alle freie Zeit, die er nicht verschlief, mit dem eingesperrten Michael, der schnell gelernt hatte, auf Kommando mit Winseln und Bellen aufzuhören. Und in diesen Stunden des Zusammenseins lernte Michael vieles. Daughtry merkte, daß er schon gewisse einfache Worte verstand und ihnen gehorchte, Worte, wie zum Beispiel: »Nein«, »Ja«, »Aufstehen« und »Hinlegen«, und dabei blieb er nicht stehen, sondern lehrte ihn Ausdrücke wie: »Geh in die Koje und leg' dich«, »Geh unter die Koje«, »Bring' einen Schuh«, »Bring' zwei Schuhe«. Und fast mühelos lehrte er ihn Purzelbäume schlagen, »Schön«-machen, sich »tot« stellen, mit dem Hut auf dem Kopfe auf den Hinterbeinen sitzen und Pfeife rauchen, und auf den Hinterbeinen nicht nur stehen, sondern sogar gehen.

Dann kam das Kunststück »Du darfst« und »Du darfst nicht«. Nachdem er einen duftenden, aufreizenden Bissen Fleisch oder Käse auf den Kojenrand gerade vor Michaels Nase gelegt hatte, sagte Daughtry einfach: »Du darfst nicht.«

Es fiel Michael auch nicht ein, den Bissen anzurühren, ehe er das willkommene »Du darfst« hörte. Zuweilen verließ Daughtry, ohne sein »Du darfst nicht« zu widerrufen, die Kajüte und war sicher, selbst wenn er eine halbe oder mehrere Stunden fortblieb, den Bissen unberührt und Michael möglicherweise in der ihm als Schlafplatz überlassenen Ecke am Fußende der Koje eingeschlafen zu finden. In der ersten Zeit, als dieses Kunststück geübt wurde, hatte Kwaque einmal, als der Steward die Kabine verlassen hatte und Michaels lüsterne Nase nur einen Zoll von der verbotenen Frucht entfernt war, gierig die Hand nach dem Leckerbissen ausgestreckt, aber dank dem schnellen Zuschnappen von Michaels Kiefern einen tüchtigen Riß in der Hand davongetragen. Für Kwaque wollte Michael keines der Kunststücke ausführen, die er so gern für den Steward machte, und das, obgleich nicht das geringste Böse oder Schlechte in ihm war. Michael war aber, solange er denken konnte, dazu erzogen worden, zwischen Schwarzen und Weißen zu unterscheiden. Schwarze waren immer die Diener der Weißen – das war jedenfalls seine Erfahrung; und Schwarze waren stets ein Gegenstand des Mißtrauens, sie heckten gemeine Streiche aus, und man mußte daher gut auf sie aufpassen. Die erste Pflicht eines Hundes war, seinem weißen Gott zu dienen, indem er jeden auftauchenden Schwarzen scharf im Auge behielt.

Immerhin erlaubte Michael, daß Kwaque ihm mit Wasser, Futter und andern Dingen aufwartete, anfangs nur, wenn Steward von seinen Pflichten an Bord in Anspruch genommen war, später aber jederzeit. Denn ohne darüber nachzudenken, war es ihm klar, daß, was Kwaque auch für ihn tat und welches Futter er ihm vorsetzte, dies alles nicht auf Kwaque, sondern auf Kwaques Herrn, der auch der seine war, zurückzuführen war. Dennoch trug Kwaque Michael nichts nach, sondern war selbst so besorgt um das Wohl und Wehe seines Herrn, daß er Michael um seines Herrn willen liebte. Als er sah, daß der Hund seinem Herrn ans Herz wuchs, begann Kwaque selbst wirkliche Sympathie für Michael zu hegen, wie er ja auch alles andere, was dem Steward gehörte, anbetete, mochten es nun die Schuhe sein, die er für ihn putzte, die Kleidungsstücke, die er für ihn klopfte und bürstete, oder die sechs Flaschen Bier, die er täglich für ihn in den Eisschrank stellte. Offen gestanden war Kwaque keine Herrschernatur, wohingegen Michael der geborene Aristokrat war. Michael war bereit, Steward zu dienen, weil er ihn liebte, dem kraushaarigen Kwaque gegenüber aber spielte er den Herrn. Kwaque war ganz und gar eine Sklavennatur, während Michael kaum mehr zum Sklaven geeignet war als die nordamerikanischen Indianer, die man vergeblich zu Sklaven auf den Plantagen von Kuba zu machen versucht hatte. Und dies alles konnte man ebensowenig Kwaque zur Last legen wie Michael zugute halten. Michaels Familienerbe, das der Mensch seit undenklichen Zeiten immer mehr entwickelt hatte, bestand hauptsächlich aus Wildheit und Treue. Und Wildheit und Treue erzeugen zusammen unweigerlich Stolz. Und Stolz kann man sich nicht ohne Ehre denken.

Das schwerste Kunststück, das Michael unter Daughtrys Leitung während der ersten Tage seines Aufenthalts in der Kabine zu lernen hatte, war, bis fünf zu zählen. Das erforderte viele Stunden Arbeit, trotz Michaels ungewöhnlicher Begabung. Denn er mußte ja erstens die Zahlen so lernen, wie sie ausgesprochen wurden und lauteten; zweitens mit seinen Augen und in seinem Hirn unterscheiden zwischen einem einzelnen Gegenstand und mehreren Gruppen von Gegenständen bis zu fünf und einschließlich fünf; und drittens in seinem Hirn einen Gegenstand oder eine Sammlung mehrerer Gegenstände mit der von Steward ausgesprochenen Zahl in Verbindung setzen.

Bei dem Unterricht benutzte Daughtry mit Bindfaden umwickelte Papierkugeln. Er konnte fünf Kugeln unter die Koje werfen und Michael beauftragen, drei zu bringen, und Michael brachte nicht zwei oder vier, sondern genau drei und legte sie ihm in die Hand. Wenn Daughtry drei unter die Koje warf und vier verlangte, lieferte Michael die drei ab und suchte vergebens nach der vierten, tanzte dann um Steward herum, wedelte mit der Rute und machte kleine Sprünge vor dem Manne, um schließlich in die Koje zu springen und die vierte unter einem Kissen oder zwischen den Decken hervorzuholen.

Ebenso ging es mit anderen bekannten Dingen. Ob es nun Schuhe, Hemden oder Kissenbezüge waren, bis fünf brachte Michael die verlangte Anzahl. Zwischen der mathematischen Begabung Michaels, der bis fünf zählte, und der des alten Tulaginegers, der Tabakstücke nach dem Mehrfachen von fünf zählte, war ein geringerer Gradunterschied als zwischen dem Neger und Dag Daughtry, der sowohl multiplizieren wie dividieren konnte. Ein noch größerer Unterschied auf der Rangleiter der mathematischen Tüchtigkeit bestand zwischen Dag Daughtry und Kapitän Duncan, der mit Hilfe der Mathematik den Kurs der Makambo leitete. Der größte Unterschied bezüglich mathematischer Tüchtigkeit bestand jedoch zwischen Kapitän Duncan und den Astronomen, die die Himmelskarte zeichneten und tausend Millionen Meilen entfernt zwischen den Sternen navigierten, und die von ihrem mathematischen Wissen ein paar Brocken Kapitän Duncan hinwarfen und ihn dadurch in den Stand setzten, von einem Tag auf den anderen zu bestimmen, wo die Makambo sich auf dem Meere befand. Nur in einem Punkt war Kwaque Michael überlegen. Kwaque besaß eine Maultrommel, und so oft das Leben auf der Makambo und das Dienstverhältnis zu seinem Herrn ihm zu langweilig wurden, konnte er sich nach der König-Wilhelms-Insel versetzen, indem er das primitive Instrument an den Mund setzte und ihm unheimliche Töne entlockte. Wenn er sich derart über Zeit und Raum hinwegsetzte, sang oder vielmehr heulte Michael, als hätte sein Heulen dieselbe sanfte Weichheit wie das Jerrys. Michael wollte nicht heulen, aber seine Natur war nun einmal, daß er auf Musik ebenso unbedingt reagierte, wie die Elemente im Laboratorium aufeinander reagieren.

Solange er in Stewards Kabine versteckt war, durfte seine Stimme sich auf keinen Fall hören lassen, und so war Kwaque genötigt, sich mit der Maultrommel in der schmelzenden Wärme auf den Rosten über dem Heizraum zu trösten. Das sollte jedoch nicht lange dauern – denn, ob es nun Zufall war, oder ob es seit Anbeginn der Welt im Buche des Schicksals geschrieben stand – Michaels wartete ein Ereignis, das entscheidend nicht nur in sein eigenes Schicksal, sondern auch in das Kwaques und Dag Daughtrys eingreifen und sogar Zeit und Ort für ihren Tod und ihr Begräbnis bestimmen sollte.

* * *

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.