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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Und Michael? Nachdem er durch die Luft gehoben und unsichtbaren Händen übergeben worden war, die ihn durch eine enge, runde, in Messing eingefaßte Öffnung in einen erleuchteten Raum zogen, sah Michael sich um, in der Erwartung, Jerry zu sehen. Jerry aber lag in diesem Augenblick zusammengerollt neben Villa Kennans Hängematte auf dem schrägen Deck der Ariel, während das schöne Schiff den Archipel hinter sich ließ und auf Neuguinea losfuhr, unter dem frischen Passat, der es mit einer Schnelligkeit von elf Knoten vor sich hintrieb, seine Speigatten auf die Seite legte und mit den Wellen an seiner Seite flüsterte und schwatzte. Statt Jerry sah Michael Kwaque.

Kwaque? Ja, Kwaque war Kwaque, ein Wesen, das mehr von andern Menschen abwich, als Menschen sonst im allgemeinen voneinander abweichen. Eine seltsamere Existenz war sicher nie auf den wilden Wogen des Lebens umhergeworfen worden. Nach menschlicher Zeitrechnung war er siebzehn Jahre alt, sah aber aus, als wäre ein Jahrhundert über seine scharfgeschnittenen Züge, seine gerunzelte Stirn, seine eingefallenen Schläfen und seine tiefliegenden Augen dahingegangen. Seine dünnen Beine glichen gebrechlichen Stielen, ihre Knochen waren mit einer Scheide aus welker Haut überzogen, unter der es offenbar nirgends Muskeln gab. Aber auf diesen dünnen Stielen wuchs der Oberkörper eines dicken Mannes. Der riesige, vorstehende Bauch wurde kräftig von schweren, massiven Hüften gestützt, und die Schultern waren so breit wie die eines Herkules. Von der Seite gesehen, zeigte sich aber, daß diese Schultern und die Brust keine Tiefe hatten. Es schien fast, als wäre sein Knochenbau nach zwei verschiedenen Maßen angefertigt worden. Seine Arme waren ebenso dünn wie die Beine, und als Michael ihn das erstemal erblickte, fand er, daß er völlig einer dickbäuchigen schwarzen Spinne glich.

Kwaque begann sich anzukleiden, die Sache eines Augenblicks, da er sich nur ein Hemd und ein Paar Hosen anzog, die durch langen Gebrauch schmutzig und verschlissen waren. Zwei Finger seiner linken Hand waren dauernd geknickt und hätten einem Sachverständigen verraten, daß er aussätzig war. Obwohl er Dag Daughtry ebenso unbedingt gehörte, wie wenn der Steward eine Quittung für seinen Kaufpreis gehabt hätte, wußte sein Besitzer doch nicht, daß diese Verzerrung seiner Finger ein Symptom der furchtbaren Krankheit war.

Das eigentümliche Verhältnis war auf ganz einfache Art und Weise zustande gekommen. Auf der König-Wilhelms-Insel – einer der Admiralitätsinseln – hatte Kwaque, um im Südseejargon zu reden, einen Brückenkopfsprung gemacht. Er war sozusagen mitsamt seinem Aussatz und allem üblichen Zubehör Dag Daughtry geradeswegs in die Arme geplumpst. Der Steward hatte Kwaque aufgelesen, als er auf den Pfaden der Eingeborenen am Rande der Dschungel zum Strande schlenderte, was er zu tun pflegte, um zu sehen, ob er nicht auf irgend etwas stoßen würde. Und er hatte ihn in der äußersten Not aufgelesen.

Von zwei sehr energischen jungen Leuten mit eisernen Speeren verfolgt, war Kwaque, der auf seinen zwei dünnen Stelzen unglaublich schnell angewackelt kam, Daughtry ermattet zu Füßen gefallen und hatte ihn mit flehenden Augen wie ein von Hunden gehetzter Hirsch angeblickt. Daughtry hatte die Angelegenheit untersucht, und die Untersuchung war etwas heftig gewesen; denn er hatte eine heilsame Angst vor Ansteckung und Bazillen, und als die beiden jungen Leute ihn mit ihren schmutzigen rostigen Speeren zu durchbohren suchten, nahm er den Speer des einen unter den Arm und versenkte den anderen durch einen bedauerlichen Schlag unter das Kinn in tiefen Schlaf. Einen Augenblick später schlief der andere junge Mann, dessen Speer er genommen hatte, ebenso fest. Der bejahrte Steward begnügte sich nicht mit den Speeren allein. Während der gerettete Kwaque weiter jammerte und Laute der Dankbarkeit zu seinen Füßen schnaufte, begann er die beiden bis auf die Haut zu entkleiden. Nun hatten sie zwar nichts, was man nach unserem Begriff Kleidung nennen konnte, aber von den Hälsen der beiden entfernte er je ein Halsband aus Delphinzähnen, das als Tauschgegenstand mindestens ein Goldstück wert war. Aus einer der merkwürdigen Locken der nackten jungen Leute zog er einen handgeschnitzten, feinzinkigen Kamm, dessen hoher Rücken mit Perlmutter eingelegt war, und den er später einem Antiquitätenhändler in Sydney für acht Schilling verkaufte. Nasen- und Ohrenschmuck aus Knochen und Schildpatt raubte er auch, ferner einen Brustmond aus Perlmutter, vierzehn Zoll im Durchmesser und überall seine fünfzehn Schilling wert. Die beiden Speere endlich brachten ihm bei Touristen in Port Moresby fünf Schilling das Stück ein. Es ist nicht leicht für einen Steward, einen Sechs-Liter-Ruhm aufrechtzuerhalten.

Als er sich umdrehte, um die energischen jungen Leute zu verlassen, die wieder zum Bewußtsein gekommen waren und ihn mit klaren, glänzenden Tieraugen beobachteten, folgte Kwaque ihm so dicht auf den Fersen, daß er ihn fast auf die Füße trat und zum Straucheln brachte. Dann belud Daughtry Kwaque mit seinem Fund und ließ ihn den Pfad zum Strande vorangehen. Und den ganzen Rest des Weges bis zum Dampfer gluckste und kicherte Dag Daughtry beim Anblick seiner Beute und Kwaques, der auf phantastische Weise stolperte und wie ein wanderndes Faß auf seinen dünnen Stelzen trabte.

An Bord des Dampfers – es war zufällig die Cockspur – überredete Daughtry den Kapitän, Kwaque als Untersteward für zehn Schilling den Monat anzuheuern. Und dann erfuhr er auch die Geschichte Kwaques.

Es war eigentlich die Geschichte eines Schweines. Die energischen jungen Leute waren Brüder, die in einem Dorfe in der Nähe des seinen lebten, und das Schwein hatte ihnen gehört – so erzählte Kwaque in seinem furchtbaren Trepang-Englisch. Er, Kwaque, hatte das Schwein nie gesehen. Er hatte nichts von seiner Existenz geahnt, ehe es tot war. Die beiden jungen Leute hatten das Schwein geliebt. Aber wenn schon! Das ging ja Kwaque nichts an, der von ihrer Liebe zu dem Schwein so wenig wußte wie von dem Schwein selbst. Das erste, was er gehört hätte, erzählte er, sei der Dorfklatsch gewesen, daß das Schwein tot sei, und daß irgend jemand dafür sterben müsse. Das sei ganz in Ordnung, sagte er als Antwort auf eine Frage des Stewards. So sei es Schick und Brauch. Jedesmal, wenn ein geliebtes Schwein stürbe, wäre der Besitzer nach dem Gewohnheitsrecht gezwungen, irgend jemand, einerlei wen, zu töten. Selbstverständlich sei es am besten, den zu töten, durch dessen Zauberei das Schwein krank geworden wäre. Könne man den aber nicht finden, so wäre jeder andere brauchbar. Daher sei Kwaque als blutiges Sühneopfer auserwählt worden.

Dag Daughtry trank, während er lauschte, einen siebenten Liter, so ergriffen war er von der düsteren Romantik dieser dunklen Dschungelbegebenheit, daß die Leute sogar fremde Menschen töteten, weil ein Schwein gestorben war.

Späher, die auf dem Dschungelpfad postiert waren, hatten, wie Kwaque weiter erzählte, gemeldet, daß die zwei trauernden Schweinebesitzer sich näherten, und die Bevölkerung des Dorfes war in die Dschungel geflüchtet und auf die Bäume geklettert – alle mit Ausnahme Kwaques, der nicht imstande war, auf Bäume zu klettern.

»Mein Wort,« schloß Kwaque, »mich nicht machen ihr fella Schwein krank.«

»Mein Wort,« sagte Dag Daughtry, »du zaubern zuviel mit dies fella Schwein. Du sein wie Teufel. Du machen alle fella Dinge krank, wenn nur dich sehen. Du machen mich krank zuviel.«

Es wurde reine Gewohnheit, daß der Steward, ehe er sich in seine Koje legte, sich zu seiner sechsten Flasche Bier Kwaques Geschichte erzählen ließ. Sie rief ihm seine Kindheit wieder ins Gedächtnis, als er von Abenteuern, von wilden Menschenfressern in fernen Ländern erfüllt gewesen war und davon geträumt hatte, sie eines Tages mit eigenen Augen zu sehen. Und jetzt saß er hier – er konnte vor Freude darüber kichern – mit einem richtigen Menschenfresser als Sklaven. Denn Sklave, das war Kwaque ebenso unbedingt, wie wenn Daughtry ihn auf der Auktion erstanden hätte. So oft der Steward innerhalb der Flotte der Burns-Philp-Gesellschaft das Schiff wechselte, machte er zur Bedingung, daß Kwaque ihm folgen und brav und redlich mit zehn Schilling gelohnt werden sollte. Kwaque hatte nichts hiergegen einzuwenden. Selbst wenn er Lust gehabt hätte, in einem australischen Hafen auszureißen, hätte Daughtry keine Ursache gehabt, deshalb auf ihn aufzupassen. Australien mit seiner Politik »Nur für Weiße« paßte selbst auf. Kein Farbiger, weder Malaie noch Japaner oder Polynesier, konnte an seinen Küsten landen, ohne eine Kaution von hundert Pfund bar bei der Regierung zu hinterlegen.

Auch an den andern Plätzen, die die Makambo anlief, hegte Kwaque keinen Wunsch, auszureißen. Die König-Wilhelms-Insel war das einzige Land, das er je betreten hatte, sie war für ihn der Maßstab, den er allen andern Inseln anlegte. Und da die König-Wilhelms-Insel eine Menschenfresserinsel war, mußte er unweigerlich schließen, daß auf den andern Inseln dieselben Lebensgewohnheiten herrschten.

Die Makambo lief jede zehnte Woche die König-Wilhelms-Insel an. Aber die furchtbarste Drohung, die Daughtry für ihn hatte, war, daß er ihn an der Stelle, wo die zwei energischen jungen Leute noch über ihr Schwein trauerten, an Land setzen würde. Tatsächlich machten sich die beiden auch jedesmal das Vergnügen, um die Makambo herumzurudern und wilde Grimassen zu schneiden, die Kwaque durch ebenso wilde Grimassen von der Reling aus erwiderte. Daughtry ermunterte sogar dies Auswechseln physiognomischer Freundlichkeiten in der Absicht, in Kwaque die Hoffnung, je in sein Heimatdorf zurückzukehren, für immer zu ersticken. Übrigens hegte Kwaque auch gar nicht den Wunsch, seinen Herrn zu verlassen, der freundlich zu ihm war und nie die Hand gegen ihn erhob. Nachdem Kwaque den ersten Anfall von Seekrankheit überstanden hatte, war er, da er seine Füße nie mehr an Land setzte, ein für allemal gegen die Krankheit gefeit, und so meinte er, in einem Paradies auf Erden zu leben. Er erhielt regelmäßig sein Essen, und herrliches Essen obendrein! In seinem Dorfe ahnte keiner auch nur in seinen wildesten Träumen, in wie vielen leckeren Dingen er täglich schwelgte. Dank diesen guten Verhältnissen kam er sogar über einen leichten Anfall von Heimweh hinweg und war das zufriedenste Geschöpf, das je die See befahren.

Und Kwaque war es nun, der Michael durch die Stückpforte in Dag Daughtrys Kajüte zog und dann darauf wartete, daß dieser Ehrenmann auf einem Umweg zur Tür hereinkommen sollte. Nachdem Michael einen schnellen Blick durch die Kajüte geworfen, an und unter der Koje geschnüffelt und entdeckt hatte, daß Jerry nicht anwesend war, wandte er seine Aufmerksamkeit Kwaque zu.

Kwaque versuchte liebenswürdig zu sein. Er stieß einen glucksenden Laut aus, um seine freundlichen Absichten zu erkennen zu geben. Aber Michael knurrte den Neger an, der gewagt hatte, ihn zu berühren – Michaels ganzer Erziehung zufolge ein Schimpf –, und der es jetzt wagte, sich zu ihm, der nur mit weißen Göttern verkehrte, zu wenden.

Kwaque schlug die Ablehnung mit einem dummen, unartikulierten Lachen in den Wind und begann sich der Tür zu nähern, um bereit zu sein, sie zu öffnen, wenn sein Herr kam. Kaum aber hatte er das Bein gehoben, als Michael darauflosfuhr. Kwaque blieb augenblicklich stehen, und Michael legte sich nieder, paßte aber scharf auf. Was wußte er von diesem fremden Nigger, als daß er eben ein Nigger, und daß es allen Niggern gegenüber geboten war, aufzupassen, wenn kein weißer Herr zugegen war! Kwaque versuchte langsam den Fuß vorzuschieben, aber Michael bemerkte den Kniff, knurrte und verhinderte ihn mit gesträubten Haaren.

Da trat Daughtry ein, und während er Michael in dem hellen elektrischen Licht höchlichst bewunderte, wurde er sich gleichzeitig über die Situation klar.

»Kwaque, du spazieren auf Bein gehören dir«, kommandierte er, um Gewißheit zu erhalten.

Kwaques ängstliche Blicke auf Michael waren überzeugend genug, aber der Steward blieb bei seinem Befehl. Kwaque gehorchte vorsichtig, hatte aber kaum den Fuß einen Zoll breit vorgeschoben, als Michael auf ihn losfuhr. Fuß und Bein blieben regungslos, während Michael hartnäckig in einem Halbkreis um ihn herumging und ihn in Schach hielt.

»Hat dich auf den Fußboden festgenagelt, he?« lachte Daughtry.

»Mein Wort, das ist ein Niggerjäger!«

»Los, du, Kwaque, geh holen zwei fella Flaschen Bier, sein in Eisschrank«, befahl er in seinem bestimmtesten Ton.

Kwaque sah ihn flehend an, rührte sich aber nicht vom Fleck. Nicht einmal, als der Befehl noch barscher wiederholt wurde, ging er.

»Mein Wort«, drohte der Steward. »Wenn du nicht bringen Bier sehr gleich, ich läuten die Glocken sehr lange. Wenn du nicht bringen sehr gleich, mich lassen dich gehen an Land spazieren auf König-Wilhelms-Insel.«

»Kann nicht«, murmelte Kwaque furchtsam. »Augen gehören Hund, sehen auf mich zuviel. Mich nicht mögen, Hund essen mich.«

»Du Furcht vor Hund?« fragte sein Herr.

»Mein Wort, mich Furcht vor Hund allzuviel.«

Dag Daughtry war begeistert. Da er aber nach seinem kurzen Landausflug durstig war, zog er die Szene nicht in die Länge.

»He, du Hund«, sagte er zu Michael. »Dies fella Nigger sein brav. Savvee? Sein brav.«

Michael wedelte mit der Rute und legte die Ohren an den Kopf, um zu zeigen, daß er verstand. Als der Steward dann dem Schwarzen auf die Schulter klopfte, schnüffelte Michael an den beiden Beinen, die er an den Boden genagelt hatte.

»Geh los«, kommandierte Daughtry. »Geh langsam, fella«, warnte er, obwohl es ziemlich überflüssig war.

Michael sträubten sich die Haare, aber er ließ den ersten furchtsamen Schritt zu. Beim zweiten sah er Daughtry an, um sich über die Situation klar zu werden.

»Stimmt schon«, lautete es zu seiner Beruhigung. »Das fella gehören jetzt mir. Er brav, jawoll.«

Michael gab mit lachenden Augen zu erkennen, daß er verstanden hatte, und wandte sich vorderhand ab, um einen auf dem Fußboden stehenden offenen Kasten mit Schildpattplatten, Sägen und Sandpapier zu untersuchen.

»Und jetzt«, murmelte Dag Daughtry nachdrücklich, indem er sich mit der Flasche in der Hand auf seinem Sessel zurücklehnte, während Kwaque zu seinen Füßen kniete und ihm die Schuhe aufschnürte, »jetzt gilt es, einen Namen für dich zu finden, Herr Hund. Einen Namen, der deiner Abstammung und Erziehung entspricht und meiner Erfindungsgabe Ehre macht.«

 

Irische Terrier zeichnen sich, wenn sie erwachsen sind, nicht allein durch ihren Mut, ihre Treue und Ergebenheit, sondern auch durch ihre Besonnenheit, Selbstbeherrschung und Selbstzucht aus. Sie lassen sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen; sie können die Stimme ihres Herrn selbst in einem Handgemenge und in der Wut unterscheiden und ihr gehorchen, und nie brausen sie in nervösen, hysterischen Anfällen auf, die zum Beispiel bei Foxterriern so häufig sind.

Michael war nicht im geringsten hysterisch, wenn auch reizbarer als sein leiblicher Bruder Jerry, und wenn auch seine Eltern, mit ihnen verglichen, unweigerlich als ein gesetztes älteres Paar bezeichnet werden mußten. Der erwachsene Michael war weit verspielter und heftiger als der erwachsene Jerry. Sein aufbrausendes Temperament war stets im Begriff, bei dem geringsten Anlaß aufzukochen, und er konnte, wie sich später zeigte, selbst einen Welpen im Spiel ermüden. Kurz, Michael war eine lustige Seele. Das Wort »Seele« ist hier mit Wohlbedacht gebraucht. Wie man auch die Seele eines Geschöpfes bezeichnen will – als werdenden Geist, Identität, Persönlichkeit oder Bewußtsein –, jedenfalls besaß Michael diesen unbestimmbaren Begriff. Seine Seele hatte – nur mit einem Gradunterschied – dieselben Eigenschaften wie die menschliche.

Weder Liebe noch Kummer, weder Freude noch Stolz, Selbstbewußtsein oder Humor waren ihm fremd. Drei der wichtigsten Attribute der menschlichen Seele sind Erinnerung, Wille und Verstand; und Erinnerung, Willen und Verstand besaß Michael. Ganz wie ein Mensch stand er mit Hilfe seiner fünf Sinne mit der umgebenden Welt in Berührung. Wie bei einem Menschen bestand das Ergebnis dieser Berührung auch für ihn aus Sinneseindrücken. Und wie bei einem Menschen stiegen diese Sinneseindrücke auch bei ihm zuweilen zu Seeleneindrücken. Ferner vermochte er wie ein menschliches Wesen zu urteilen, und solche Urteile entwickelten sich in seinem Kopfe zu Begriffen. Oh, vielleicht nicht zu Begriffen, die so umfassend, tief und dunkel wie die eines menschlichen Wesens waren, aber doch zu Begriffen.

Um den Menschen ein wenig über diese entehrende Gleichartigkeit auf dem Gebiete der höchsten Seeleneigenschaften hinauszuheben, sollte man doch vielleicht einräumen, daß die Sinneseindrücke Michaels nicht ganz so scharf waren, wenn es sich um einen Nadelstich durch seine Pfote handelte, wie wenn es sich entsprechend um einen Nadelstich durch die Handfläche eines Menschen gehandelt hätte. Wir wollen auch einräumen, daß, wenn das Bewußtsein sein Hirn mit einem Gedanken erfüllte, dieser Gedanke doch unklarer und verschwommener als ein ähnlicher Gedanke in einem Menschenhirn war. Ferner wollen wir einräumen, daß Michael nie, und wenn er so alt wie Methusalem geworden wäre, eine geometrische Figur hätte konstruieren oder eine Gleichung zweiten Grades hätte lösen können. Immerhin war er imstande, zu begreifen, und zwar ohne einen Schatten von Zweifel, daß drei Knochen mehr als zwei waren, und daß zehn Hunde eine gefährlichere Streitmacht ausmachten als zwei.

Aber ein Zugeständnis können wir nicht machen, nämlich, daß Michael nicht imstande gewesen wäre, ebenso warm, aus ebenso vollem Herzen und ebenso uneigennützig, wahnsinnig und aufopfernd zu lieben wie ein Mensch. Denn so liebte er – nicht weil er Michael, sondern weil er ein Hund war.

Michael hatte Kapitän Kellar mehr geliebt als sein Leben. Wie Jerry für Schiffer nicht gezaudert hätte, sein Leben zu geben, so würde er willig das seine für Kapitän Kellar gewagt haben. Und als es ihm mit der Zeit klar wurde, daß Kapitän Kellar in das unumgängliche große Nichts von Meringe und den Salomoninseln eingegangen war, wurde es seine Bestimmung, ebenso voll und ganz diesen Sechs-Liter-Steward mit seiner einschmeichelnden Art und den unwiderstehlichen zärtlichen Lippenlauten zu lieben. Kwaque? Nein; denn Kwaque war schwarz. Kwaque nahm er nur hin als ein Zubehör, als einen Teil des menschlichen Milieus, als einen Besitzgegenstand Dag Daughtrys.

Aber er kannte diesen neuen Gott nicht als Dag Daughtry. Kwaque nannte ihn »Herr«; aber Michael hatte andere Weiße ebenso von den Schwarzen nennen hören. Kapitän Duncan nannte den Steward »Steward«. Michael hörte ihn, seine Offiziere und alle Passagiere seinen Herrn so nennen; für Michael wurde daher der Name seines Gottes »Steward«, und sein ganzes Leben kannte er ihn und dachte er an ihn nur als »Steward«.

Im übrigen erhob sich die Frage, wie er selbst heißen sollte. Dag Daughtry hatte das an dem Abend, als er an Bord gekommen war, mit ihm erörtert. Michael saß da, die Schnauze auf Daughtrys Knie, und während seine Augen sich weiteten, wieder zusammenzogen und glühten, spitzte er die Ohren, um zu lauschen, und klopfte mit dem Rutenstummel begeistert auf den Boden.

»Siehst du, mein Junge«, sagte der Steward zu ihm, »dein Vater und deine Mutter waren Irländer, doch, leugne es nicht, du Schlingel.«

Weiter kam er nicht, denn Michael, von der unverkennbaren Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit in der Stimme des Mannes ermutigt, wand den ganzen Körper vor Begeisterung und verdoppelte das Klopfen mit der Rute. Nicht, weil er ein Wort verstand, aber er verstand das unerklärliche Etwas, das hinter den Worten lag, und das dieser Kette von Lauten die ganze unerklärliche Gutmütigkeit der weißen Götter mitteilte.

»Schäm' dich nie deiner Eltern und vergiß nicht, daß Gott die Irländer liebt. – Kwaque, hol' mir zwei fella Flaschen Bier – stehen im Eisschrank! – Ja, ja, mein Junge, man kann es dir an der Nase ansehen, daß du ein Irländer bist.« (Michaels Rute schlug einen förmlichen Zapfenstreich.) »Na, versuch' nicht, dich bei mir einzuschmeicheln. Ich muß aufpassen, daß du kein Speichellecker wirst. Laß dir nur sagen, daß mein Herz undurchdringlich ist. Es ist zu lange von Bier durchtränkt worden. Ich habe dich gestohlen, um dich zu verkaufen, nicht, um Schoßhündchen mit dir zu spielen. Ich hätte dich vielleicht einmal liebgewinnen können; aber das war, ehe das Bier und ich uns kennenlernten. Ich würde dich auf der Stelle für zwanzig Pfund bar verkaufen, wenn ich soviel für dich kriegen könnte, darauf kannst du Gift nehmen. Aber, was wollte ich dir noch sagen, als du mich so unerzogen mit deinen fidelen Manieren unterbrachst –« Er brach ab, um die aufgezogene Flasche, die Kwaque ihm reichte, an den Mund zu setzen. Er seufzte, wischte sich den Mund mit dem Handrücken und fuhr fort: »Es ist komisch mit dem dummen Bier, mein Sohn. Du kannst mir glauben, Herr Hund, ich beneide dich, wie du so dasitzt mit einem guten Magen, der nie einen Schluck Alkohol gesehen hat. Du bist kein Sklave des Bierteufels, du bist doch ein freierer Mann als ich, Herr Hund, obwohl ich deinen Namen nicht kenne. Ja, sag' mal, es ist wahr, wir wollten ja –«

Er leerte die Flasche, schleuderte sie Kwaque zu und machte ihm ein Zeichen, die letzte zu öffnen.

»Einen Namen für dich zu finden, ist nicht leicht, mein Sohn. Ein irischer muß es natürlich sein, aber was für einer? Paddy? Ja, du magst den Kopf schütteln. Der ist weder geschmackvoll noch vornehm. Wer würde dich mit einem Steinträger verwechseln? Ballymena könnte gehen, aber das klingt zu sehr nach einer Dame, mein Junge. Und ein Junge bist du ja. Warte mal: wie wäre es mit Banshee Boy? Ausgeschlossen. Knabe von Erin!«

Er nickte beifällig und streckte die Hand nach der zweiten Flasche aus. Er trank, überlegte, trank wieder.

»Jetzt hab' ich's«, meldete er feierlich. »Killeny-Boy ist ein hübscher Name. Du sollst Killeny-Boy heißen. Wie gefällt das Euer Hochwohlgeboren? – Prachtvoll, würdevoll wie ein Graf. Oder ... wie ein früherer Brauer. Manchem von der Sorte habe ich dazu verholfen, daß er sich vom Geschäft zurückziehen konnte.«

Er leerte die Flasche, packte plötzlich Michaels Schnauze, lehnte sich vor und rieb seine Nase an der des Hundes. Michael starrte, plötzlich losgelassen, mit leuchtenden Augen dem Gott ins Gesicht und wedelte mit der Rute. In den Augen des Hundes leuchtete eine entschlossene Seele, ein Wesen, ein Gemüt, das bereits zärtliche Ergebenheit für diesen grauhaarigen Gott hegte, der zu ihm, er wußte nicht wovon, sprach, dessen Rede allein aber seiner Seele herrliche, wenn auch unfaßbare Dinge verkündete.

»He, Kwaque!«

Kwaque, der auf dem Boden hockte, hielt in seiner Beschäftigung, einen von seinem Herrn gezeichneten und geschnitzten Schildpattkamm zu polieren, inne und blickte diensteifrig auf.

»Kwaque, du fella diesmal nicht savvee, Name bleiben dies Hund. Sein Name, gehören ihm, Killeny-Boy. Du machen Name bleiben in Kopf gehören dir. Allzeit du sprechen mit dies fella Hund, du sagen ihm Killeny-Boy. Savvee? Wenn du nicht savvee, ich nehmen viertel Lohn gehören dir. Killeny, savvee, Killeny-Boy.«

Während Kwaque Daughtry beim Ausziehen half, betrachtete der Steward Michael mit schläfrigen Augen.

»Ich hab' ihn gefunden, mein Junge«, erklärte er, während er sich erhob und nach der Koje schwankte. »Ich hab' deinen Namen gefunden, und ich habe auch herausgekriegt, wie du bist. Stolz, aber vernünftig. Ja, das bist du.«

»Stolz, aber vernünftig, das bist du, Killeny-Boy, stolz, aber vernünftig«, murmelte er weiter, während Kwaque ihm half, sich in seine Koje zu wälzen.

Kwaque polierte weiter. Stotternd sprach er hin und wieder mit nachdenklich gerunzelten Brauen, fast lautlos flüsternd, zum Steward.

»Herr, was Name bleiben bei das fella Hund?«

»Killeny-Boy, du wollköpfiger Menschenfresser, Killeny-Boy«, murmelte Daughtry schläfrig. »Kwaque, du schwarzer Blutsäufer, lauf und bring' ein fella Flasche, stehen in Eisschrank.«

»Nicht bleiben eine, Herr«, sagte der Schwarze zitternd und mit wachsamen Augen, ängstlich, daß ihm etwas an den Kopf geworfen würde. »Sechs fella Flaschen, er alle fertig.« Die einzige Antwort des Stewards war ein Schnarchen. Mit der aussätzigen Klauenhand und dem gerade sichtbar werdenden Beginn der Lepra, der Verdickung der Stirnhaut zwischen den Augen, beugte der Schwarze sich über seine Arbeit und wiederholte, die Lippen bewegend, immer wieder: »Killeny-Boy.«

* * *

 

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