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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171125
projectidd16cab3e
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Dag Daughtry schlenderte den Strand entlang, und Michael trottete ihm auf den Fersen nach oder tanzte vor Freude im Kreis herum, sobald der merkwürdige, leise Lippenlaut wiederholt wurde. Der Mann blieb vor dem kreisförmigen Lichtschein der Laternen stehen, in dem dunkle Gestalten die Ladung des Walbootes löschten und der Bevollmächtigte des Kommissars sich immer noch mit dem Superkargo der Makambo über das Konnossement stritt. Als Michael weitergehen wollte, hielt Daughtry ihn mit demselben fast unhörbaren Lippenlaut zurück.

Daughtry machte sich nämlich nichts daraus, bei einer solchen Hundediebstahlexpedition gesehen zu werden, er dachte vielmehr daran, wie er ungesehen an Bord kommen könnte. Er bog seitwärts ab und ging um den Lichtschein herum den Strand entlang nach dem Negerdorf. Wie vorausgesehen, waren alle arbeitsfähigen Männer am Landungsplatz, um zu löschen. Die Grashütten schienen ausgestorben, schließlich aber ertönte aus einer von ihnen in jammerndem, greisenhaftem Falsetton ein Ruf.

»Was Name?«

»Mich gehen herum viel zuviel«, antwortete Daughtry in dem Trepang-Englisch, das auf den westlichen Südseeinseln gesprochen wird. »Mich gehören zu Dampfer. Wenn du mich nehmen in Kanu und washee-washee (tüchtig rudern), mich geben dich fella Nigger zwei Stück Tabak.«

»Glaube, du mich geben zehn Stück stimmt bei mich,« lautete die Antwort.

»Mich geben fünf Stück«, feilschte der Sechs-Liter-Steward. »Wenn du nicht wollen fünf Stück, dann du fella Nigger gehen zur Hölle sehr gleich.« Eine Pause trat ein.

»Du wollen fünf Stück?« fragte Daughtry eindringlich ins Dunkel hinein.

»Mich wollen«, antwortete es aus dem Dunkel, und aus dem Dunkel näherte sich das Wesen, dem die Stimme gehörte, mit so merkwürdigen Geräuschen, daß der Steward ein Streichholz anstrich, um sehen zu können.

Ein triefäugiger alter Mann stand, auf einer Krücke balancierend, vor ihm. Seine Augen waren halb von einer krankhaften Hautwucherung überzogen, und was noch nicht verdeckt war, leuchtete rot und entzündet. Sein Haar war räudig und starrte fleckenweise in grauen Büscheln, seine Haut war zernarbt, runzlig und marmoriert, die Farbe blaurot mit einem grauen Überzug versehen, der fast aussah, als wäre er angestrichen, wenn es nicht unzweifelhaft gewesen wäre, daß er auf ihm wuchs und organisch zu ihm gehörte. »Ein armer Aussätziger«, dachte Daughtry, während er einen schnellen Blick von den Händen zu den Füßen gleiten ließ, um möglicherweise das Fehlen von Zehen und Fingergliedern zu entdecken. Aber in dieser Beziehung war der Alte intakt, wenn das eine Bein auch nur bis zur Mitte zwischen Knie und Schenkel reichte.

»Mein Wort! Was Platz bleiben das fella Bein«, sagte Daughtry und zeigte auf den Raum, den das Bein ausgefüllt hätte, wäre es nicht verschwunden gewesen.

»Groß fella Haifisch, das fella Bein bleiben bei ihm«, antwortete der Alte grinsend und zeigte dabei ein scheußliches, zahnloses Loch von Mund.

»Mich alt fella jetzt zu viel«, sagte der einbeinige Methusalem zitternd. »Lang Zeit so viel nicht rauchen Tabak. Wenn du groß fella weiß Herr geben mich ein fella Stück, sehr gleich mich washee-washee dich zu fella Dampfer.«

»Und wenn mich nicht geben?« sagte der Steward ungeduldig, um so billig wie möglich davonzukommen.

Statt einer Antwort machte der alte Mann halb kehrt und begann, seinen Beinstumpf in der Luft schwingend, auf der Krücke seitwärts in die Grashütte zu humpeln.

»Schon gut«, rief Daughtry schnell. »Mich geben dich Tabak schnell fella.«

Er suchte in einer Seitentasche nach diesem Zahlungsmittel der Salomoninseln und riß von einer Handvoll gepreßter Stücke eines los. Der alte Mann, der gierig nach dem Stück griff, war wie verwandelt. Er stieß abwechselnd kleine summende Laute und scharfe wie Schmerzgewimmer klingende Schreie aus, während er entzückt und mürrisch zugleich eine schwarze Tonpfeife aus einem Loch in seinem Ohrläppchen zog, mit zitternden Fingern die billigen Blätter des verdorbenen Virginiatabaks hineintat und den Pfeifenkopf stopfte. Nachdem er den Inhalt des gefüllten Pfeifenkopfes mit dem Daumen niedergedrückt hatte, ließ er sich plötzlich, die Krücken neben und das eine Bein unter sich, zu Boden fallen, so daß er einem beinlosen Torso glich. Aus einem kleinen, aus Kokosfasern geflochtenen Beutel, der von seinem Hals auf die welke, eingefallene Brust herabhing, zog er Feuerstein, Stahl und Zunder und schlug, gerade als der ungeduldige Steward ihm eine Schachtel Streichhölzer anbot, einen Funken, fing ihn mit dem Zunder auf, entfachte ihn durch Blasen und steckte sich seine Pfeife damit an.

Nach dem ersten vollen Zuge hörte sein Jammern und Kläffen auf, die Aufregung legte sich, und Daughtry, der wartend dastand, sah mit Befriedigung, wie seine Hände zu zittern und die hängenden Lippen zu beben aufhörten, der Speichel nicht mehr aus den Mundwinkeln floß und ein Schimmer von Ruhe und Zufriedenheit in die traurigen Reste seiner Augen trat. Welche Visionen der alte Mann in der Stille, die sich über ihn gesenkt hatte, sah, versuchte Daughtry nicht zu erraten. Er war zu sehr von seiner eigenen Vision in Anspruch genommen, denn er sah klar und deutlich vor sich die schmutzige Höhle eines Armenhauses, in der ein alter Mann, sehr ähnlich dem, was er selbst einmal werden würde, jammerte, lallte und sabberte, um eine Krume Tabak für seine alte Tonpfeife zu bekommen, und wo es, um allen Schrecken die Krone aufzusetzen, nicht möglich war, einen Schluck Bier, geschweige denn sechs Liter zu erhalten. Michael aber, der beim matten Schein der glimmenden Pfeife Zeuge der Szene zwischen den zwei alten Männern war, von denen der eine im Dunkel zusammenkroch, während der andere aufrecht dastand, ahnte nichts von der Tragödie des Alters, sondern war ausschließlich von der unermeßlichen Anziehungskraft erfüllt, die von diesem zweibeinigen weißen Gott ausstrahlte, der nur durch die Berührung seiner zauberhaften Finger mit Michaels Ohren, Rute und Rückgrat sein Herz gewonnen hatte.

Als die Tonpfeife ganz ausgeraucht war, erhob sich der alte Neger mit Hilfe seiner Krücke mit verblüffender Schnelligkeit auf das eine Bein und humpelte lächerlich hüpfend zum Strande. Daughtry mußte alle Kraft aufbieten, um das zerbrechliche Kanu aus der Felskluft ins Wasser zu schaffen. Das Kanu war ebenso alt und hinfällig wie sein Besitzer, und um ohne zu kentern hineinzukommen, mußte Daughtry sich dareinfinden, daß ihm das eine Bein bis über den Knöchel und das andere fast bis zum Knie durchnäßt wurde.

Der alte Mann wand sich an Bord, indem er seinen Körper mit solcher Eile über den Rand wälzte, daß sein Gewicht gerade in dem Augenblick, als das Kanu kentern wollte, drüben war, die Gefahr abwehrte und das Kanu ausbalancierte.

Michael blieb auf dem Strande und wartete auf eine Aufforderung, mitzukommen. Er hatte zwar noch keinen Entschluß gefaßt, war aber so weit, daß nur noch eines erforderlich war: dieser merkwürdige Lippenlaut. Dag Daughtry machte den Lippenlaut so schwach, daß der alte Mann ihn nicht hörte. Michael aber sprang vom Strand geradeswegs ins Kanu, ohne sich auch nur die Pfoten zu benetzen. Daughtrys Schulter als Trittbrett benutzend, sprang er über ihn hinweg auf den Boden des Kanus. Daughtry machte wieder den Kußlaut mit den Lippen, und Michael wandte sich um, so daß er ihm ins Gesicht sehen konnte, setzte sich nieder und legte seinen Kopf auf die Knie des Stewards.

»Ich glaube, ich könnte auf einen ganzen Stapel Bibeln schwören, daß du mir von selbst gefolgt bist«, grinste er Michael ins Ohr.

»Washee-washee schnell fella«, kommandierte er.

Der Alte senkte gehorsam seine Paddel ins Wasser und begann einen unregelmäßigen Kurs in der Richtung des Lichthaufens zu nehmen, der den Platz der Makambo bezeichnete. Aber er war zu schwach, schnaufte und stöhnte in einem fort vor Anstrengung und hielt zwischen den Paddelschlägen inne, um auszuruhen. Ungeduldig nahm ihm der Steward die Paddel fort und begann selbst zu rudern. Als sie den Dampfer halbwegs erreicht hatten, hörte der Alte mit seinem Schnaufen auf und begann zu sprechen, während er kopfnickend auf Michael wies.

»Das fella Hund ihn gehören groß fella weiß Herr auf Schoner ... du geben mich zehn Stück Tabak«, fügte er nach einer passenden Pause hinzu, um die Nachricht erst richtig wirken zu lassen.

»Ich geben dir bang auf Kopf«, versicherte Daughtry ihm heiter. »Weißer Herr auf Schoner guter Freund von mir sehr viel. Gerade jetzt er sein auf Makambo. Mich nehmen Hund zu ihm auf Makambo.«

Die Unterhaltung wurde von dem Alten nicht fortgesetzt, und obwohl er noch viele Jahre lebte, erwähnte er nie den nächtlichen Passagier im Kanu, der Michael mitgenommen hatte. Als er später in der Nacht die Verwirrung und den Aufruhr am Strande sah und hörte – Kapitän Kellar stellte bei seiner Suche nach Michael ganz Tulagi auf den Kopf –, verharrte der Alte in diskreter Schweigsamkeit. Warum sollte er sich hineinmischen in den Streit zwischen den Fremden, den weißen Herren, die kamen und gingen, schalteten und walteten, wie sie wollten.

In diesem Punkt verhielt sich der Alte keineswegs anders als die dunkelhäutige melanesische Rasse sonst. Die Weißen hatten unglaubliche, undenkbare Gewohnheiten und Einfälle. Sie bildeten eine andere Welt, traten als höhere Wesen in einem Schauspiel auf erhöhter Bühne auf, wo es keine Wirklichkeit gab, jedenfalls keine wie die, welche die schwarzen Männer kannten, wo sich aber die weißen Männer wie Traumbilder, wie auf den unermeßlichen, geheimnisvollen Teppich des Universums geworfene Scharten bewegten.

Da das Fallreep sich an Backbord befand, paddelte Daughtry nach Steuerbord und hielt das Kanu unter einer bestimmten Stückpforte an.

»Kwaque«, rief er leise, erst einmal und dann noch einmal. Nach dem zweiten Rufe verdunkelte sich das Licht in der Stückpforte, offenbar durch einen Kopf, der in dünnem pfeifenden Ton sagte: »Mich hier, Herr.«

»Ein fella Hund bleiben bei dir«, flüsterte der Steward. »Halt Tür geschlossen. Du warten auf mich. Paß auf! Jetzt!« Mit einem schnellen Griff packte er Michael, reichte ihn den unsichtbaren Händen, die sich ihm vom Schiff entgegenstreckten, und paddelte nach vorn zu einer offenen Ladepforte. Er griff in seine Tabaktasche, steckte dem Alten ein Päckchen in die Hand und stieß das Kanu ab, ohne weiter darüber nachzudenken, ob der hilflose Insasse je an Land kommen würde.

Der alte Mann berührte die Paddel nicht und bemerkte nicht die hohen Seiten des Dampfers, während das Kanu an ihnen vorbeiglitt und achteraus ins Dunkel trieb. Er war zu sehr damit beschäftigt, den Reichtum an Tabak zu zählen, der auf ihn herabgeregnet war. Sein Zählen war ein schwieriges Stück Arbeit. Fünf war die letzte Zahl, die er kannte. Als er bis fünf gezählt hatte, begann er wieder von vorn und zählte zweimal bis fünf. Alles in allem bekam er dabei dreimal fünf und noch zwei Stück dazu heraus; als er aber soweit war, wußte er über die Zahl der Stücke ebenso genau Bescheid, wie ein weißer Mann es mit Hilfe der einen Zahl siebzehn getan hätte. Das war mehr, weit mehr, als er in seiner Gier verlangt hatte. Und doch war er nicht überrascht. Nichts, was weiße Männer taten, konnte ihn überraschen.

Paddelnd, schnaufend, sich ausruhend und die Schattenwelt des weißen Mannes vergessend, legte der alte Schwarze langsam den Weg zum Lande zurück; er kannte nur die Wirklichkeit des Tulagiberges, der seine finsteren Zinnen in den matten Strahlenglanz des perlenübersäten Himmels reckte; nur die Wirklichkeit der See und des Kanus, das er so schwach über das Meer trieb, und die Wirklichkeit des Todes, in dessen Armen er mit seiner erlöschenden Lebenskraft sicher bald endete.

* * *

 

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