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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Michael sollte Tulagi nicht als Niggerjäger an Bord der Eugénie verlassen. Alle fünf Wochen einmal lief der Dampfer Makambo, auf der Fahrt von Neuguinea und dem Archipel nach Australien, den Hafen von Tulagi an. Und als Kapitän Kellar sich eines Abends verspätet hatte, vergaß er Michael an Land. Das hätte nun an und für sich nicht soviel bedeutet, denn um Mitternacht kam Kapitän Kellar wieder und kletterte selbst das Steilufer zum Bungalow des Kommissars hinauf, während die Schiffsbesatzung vergeblich die Umgebung und die Kanuhäuser durchsuchte.

Michael war jedoch eine Stunde vorher durch eine Steuerbordstückpforte an Bord gekommen, gerade als die Makambo die Anker lichtete, während Kapitän Kellar über die Laufplanke an Land ging. Das kam daher, daß Michael die Welt noch nicht kannte, und daß er erwartete, Jerry an Bord dieses Schiffes zu treffen, da er ihn zuletzt an Bord eines Schiffes gesehen hatte, und es kam auch daher, daß er einen Freund gefunden hatte.

Dag Daughtry war Steward auf der Makambo, und er hätte es besser gewußt und hätte auch besser gehandelt, wäre er nicht von seinem eigenen besonderen Rufe erfüllt gewesen. Mit einem lebensfrohen, aber schwachen Charakter geboren, hatte er nämlich den Ruf erlangt, in den letzten zwanzig Jahren nichts gescheut zu haben, weder seine tägliche Arbeit noch seine täglichen sechs Liter Flaschenbier, und das nicht einmal, wie er stolz behauptete, auf den deutschen Inseln, wo jede Flasche Bier ein halbes Gramm Chininlösung als Gegengift gegen die Malaria enthielt.

Der Kapitän der Makambo, wie vor ihm die Kapitäne der Moresby, der Masena, der Sir Edward Grace und verschiedener anderer, auf ebenso merkwürdige Namen getaufter Dampfer der Burns Philp Company, pflegte ihn den Passagieren mit Stolz als einen in den Annalen der Schiffahrt ungewöhnlichen und einzig dastehenden Fall zu zeigen. Und bei derartigen Gelegenheiten warf Dag Daughtry, während er unten auf dem Verdeck unverdrossen seine Arbeit tat, verstohlene Seitenblicke auf die Brücke, von wo der Kapitän und sein Passagier auf ihn herabsahen, und dann schwoll seine Brust vor Stolz, weil er wußte, daß der Kapitän sagte: »Sehen Sie den dort, das ist Dag Daughtry, der menschliche Tank. Er ist zwanzig Jahre nie betrunken oder nüchtern gewesen und hat jeden Tag seine sechs Liter Bier gekriegt. Sie werden es vielleicht kaum glauben, wenn Sie ihn sehen. Aber ich versichere Ihnen, daß es stimmt. Ich verstehe es nicht, aber ich bewundere ihn. Tut stets seine Arbeit, ja, mehr als das, doppelte Arbeit. Ich versichere Ihnen, mir würde schlecht von nur einem einzigen Glas Bier; es würde mir den Appetit auf die nächste Mahlzeit verderben. Aber er gedeiht dabei. Sehen Sie ihn an! Sehen Sie ihn an!«

Dag Daughtry, der die Lobreden seines Kapitäns kannte, pflegte dann, schwellend vor Stolz über seine eigenartige Begabung, seine Arbeit mit noch größerer Energie fortzusetzen und sich nach dem siebenten Liter des Tages umzusehen, um einen weiteren Beweis für seine ungewöhnliche Konstitution zu liefern. Es war eine merkwürdige Art Ruhm, aber nicht merkwürdiger als der mancher anderer Leute. Dag Daughtry fand jedenfalls in diesem Ruhm seine Existenzberechtigung.

Er setzte deshalb seine ganze Energie und seine ganze Seele dafür ein, seinen Ruf als Sechs-Liter-Mann zu bewahren. Daher verfertigte er in seiner Freizeit Schildpattkämme und Haarschmuck zum Verkauf und ging auch einer Bagatelle nicht aus dem Wege, wie z.B. der, einem anderen Manne seinen Hund zu stehlen. Irgend jemand mußte ja für die sechs Liter bezahlen, die, mit dreißig multipliziert, ein hübsches Sümmchen monatlich ergaben, und da dieser Jemand Dag Daughtry war, hatte er es für nötig gehalten, Michael durch eine Steuerbordstückpforte an Bord der Makambo zu schmuggeln.

Am Strande von Tulagi war Michael nachts, als er vergebens darüber nachdachte, was aus dem Walboot geworden war, dem untersetzten, dicken, grauhaarigen Schiffssteward begegnet. Die Freundschaft zwischen ihnen wurde fast augenblicklich geschlossen, denn Michael hatte sich aus einem lebhaften Welpen zu einem lebhaften Hunde entwickelt. Ohne sich auch nur im entferntesten mit Jerry messen zu können, war er ein umgänglicher, braver Bursche, und das trotz der Tatsache, daß er sehr wenige weiße Männer gekannt hatte. Die ersten waren Herr Haggin, Derby und Bob in Meringe gewesen; dann Kapitän Kellar und Kapitän Kellars Steuermann auf der Eugénie, und schließlich Harley Kennan und die Offiziere auf der Ariel. Ausnahmslos hatte er sie alle verschieden, und zudem prachtvoll verschieden, von den schwarzen Gestalten gefunden, die er seiner Erziehung gemäß verachtete, und als deren Herr er sich fühlte. Und Dag Daughtry hatte keine Ausnahme gemacht, als er ihn das erstemal mit einem »Hallo, du Hund eines weißen Mannes, was machst du hier im Niggerland?« begrüßte. Michael hatte verschämt mit angenommener würdevoller Zurückhaltung wiedergegrüßt, der jedoch das eifrige Spitzen seiner Ohren und die aus seinen Augen leuchtende Freundlichkeit widersprachen. Nichts davon entging der Aufmerksamkeit Dag Daughtrys – er verstand einen Hund abzuschätzen, wenn er ihn sah –, und er betrachtete Michael genau beim Schein der Laternen, mit denen die Schwarzen am Löschplatz der Walboote standen.

Zweierlei bemerkte der Steward gleich an Michael: er war ein gutmütiger Hund mit einem liebenswürdigen Ausdruck, und er war ein wertvoller Hund. Als Dag Daughtry diese Entdeckung gemacht hatte, sah er sich schnell um. Niemand beobachtete ihn. Augenblicklich waren nur Schwarze in der Nähe, und deren Augen richteten sich auf das Wasser, wo das Geräusch von Riemen aus dem Dunkel kam und ihnen das Zeichen gab, daß sie sich bereit halten sollten, um das nächste beladene Boot zu empfangen.

Etwas weiter rechts konnte er unter einer anderen Laterne den Bevollmächtigten des residierenden Kommissars und den Superkargo der Makambo in eifriger Diskussion über irgendeinen Fehler im Konnossement erkennen.

Der Steward warf noch einen schnellen Blick auf Michael und faßte dann seinen Entschluß. Wie zufällig ging er weiter und schlenderte den Strand entlang, bis er aus dem Bereich des Laternenscheins kam. Ein paar hundert Meter weiter setzte er sich in den Sand und wartete.

»Mindestens zwanzig Pfund wert«, murmelte er vor sich hin. »Wenn ich nicht zehn Pfund oder so und noch ein Dankeschön dazu für ihn kriege, dann bin ich ein Wickelkind, das einen Terrier nicht von einem Windhund unterscheiden kann. – Zehn Pfund, bestimmt, in jeder Kneipe im Sydneyer Hafen.«

Und zehn Pfund erzeugten, in Bierflaschen umgesetzt, in seinem Kopfe eine mächtige, strahlende Vision, die fast einer ganzen Brauerei glich.

Füßescharren im Sande und ein leises Schnaufen rüttelten ihn wach. Es ging, wie er gehofft. Der Hund hatte gleich Gefallen an ihm gefunden und war ihm gefolgt.

Dag Daughtry hatte nämlich eine besondere Art, was Michael bald heraus hatte, als der Mann die Hand ausstreckte und ihm halb um den Kiefer, halb in die Halsgrube unter dem Ohr griff. In diesem Griff lag keine Drohung, kein Tasten und keine Angst. Er war herzlich, durch und durch vertrauensvoll, was wiederum Michael Vertrauen einflößte. Er war derb, aber gut gemeint, fest, aber ohne Drohung, beruhigend, ohne schmeichlerisch zu sein. Für Michael war es das Natürlichste von der Welt, auf diese vertrauliche Art und Weise von einem völlig Fremden gepackt und geschüttelt zu werden, während eine joviale Stimme murmelte: »So ist's recht, Hundchen. Komm nur mit, du wirst vielleicht noch mal mit Gold aufgewogen werden.«

Michael war noch nie einem Manne begegnet, der ihm so unmittelbar gefallen hatte. Dag Daughtry verstand zweifellos ganz instinktiv, Hunde zu behandeln. Von Natur aus war keine Grausamkeit in ihm. Er ging nie zu weit, weder in Festigkeit noch in Zärtlichkeit. Er bemühte sich nicht allzusehr um Michaels Wohlwollen; ein wenig tat er es vielleicht, aber nicht zu offensichtlich. Kaum hatte er Michael zur Einleitung die Schnauze geschüttelt, als er ihn auch schon wieder losließ und augenscheinlich ganz vergaß. Er machte sich daran, seine Pfeife anzustecken, und brauchte dazu verschiedene Streichhölzer, da der Wind sie immer wieder ausblies. Während sie ihm aber bis auf die Finger herabbrannten und er tat, als paffte er tüchtig, betrachteten seine scharfen, kleinen blauen Augen unter den borstigen grauen Brauen Michael gespannt. Und Michael starrte mit gespitzten Ohren und Augen diesen Fremden an, der ihm schließlich, wie ihm schien, nie ein Fremder gewesen war.

Michael fühlte sich fast enttäuscht, daß dieser freundliche zweibeinige Gott ihn nicht mehr beachtete. Er forderte ihn denn auch zu näherer Bekanntschaft heraus, indem er mit einer plötzlichen Bewegung seine ausgestreckten Pfoten vom Boden hob und niederschlug, während der Körper von der Rute in einem Bogen abwärts ging, daß seine Brust fast den Sand berührte. Und während sein Schwanzstummel, als Zeichen seiner freundschaftlichen Gesinnung, eifrig wedelte, stieß er ein scharfes, herausforderndes Bellen aus. Aber der Mann zeigte kein Interesse, paffte nur in dem Dunkel, das auf das dritte Streichholz folgte, träumerisch seine Pfeife.

Nie war jemandem wohlüberlegter und mit gemeineren Absichten der Hof gemacht worden als Michael seitens dieses ältlichen Sechs-Liter-Stewards. Als Michael, dem es nicht ganz an Verständnis für die Zurechtweisung fehlte, die hinter dem Mangel an Interesse des Mannes lag, als Michael sich unruhig bewegte und sich zu entfernen drohte, wurde ihm ein barsches »Also, komm mit, komm mit!« hingeworfen.

Dag Daughtry triumphierte innerlich, als Michael sich näherte und lange und eifrig an seinem Hosenbein schnüffelte. Er benutzte die Gelegenheit, um ihn genauer zu untersuchen, und ließ, während er sich die Pfeife ansteckte, seinen Blick über den prachtvollen Bau des Hundes schweifen.

»Was für ein Hund, was für eine Rasse!« sagte er laut und beifällig. »Weißt du, Hund, du würdest auf jeder Hundeausstellung prämiiert werden. Der einzige Fehler, den du hast, ist das Ohr, aber das kann ich wohl selber absteifen. Ein Tierarzt kann es jedenfalls.«

Er berührte mit der Hand nachlässig Michaels Ohr und begann mit den Fingerspitzen, die von fühlbarer Teilnahme beseelt waren, den Ansatz, wo das Ohr in die straffe Schädelhaut überging, zu bearbeiten. Und das gefiel Michael. Noch nie war die Hand eines Mannes seinem Ohr so nahe gewesen, ohne ihm wehe zu tun. Diese Finger riefen ein so kräftiges körperliches Wohlbefinden hervor, daß er seinen ganzen Körper zum Dank drehte und wand. Die nächste Bewegung war ein langer, fester Zug am Ohr nach oben, das langsam bis zur äußersten Spitze durch die Finger glitt, während ein feines Kribbeln ganz in der Ohrwurzel zu spüren war. Diese Behandlung wurde bald dem einen, bald dem anderen Ohre zuteil, und unterdessen murmelte der Mann Worte, die Michael zwar nicht verstand, von denen er jedoch wußte, daß sie an ihn gerichtet waren.

»Dem Kopf fehlt nichts, der ist gut und wie er sein soll«, meinte Dag Daughtry, indem er zuerst seine Finger darüber hingleiten ließ und dann ein Streichholz anzündete. »Keine Runzeln, ein guter, kräftiger Kiefer und die Backen nicht im geringsten zu dick oder zu hohl.«

Er ließ seine Finger in Michaels Maul gleiten und bemerkte die starken, regelmäßigen Zähne, maß Schulterbreite und Brusttiefe. Hob eine Pfote hoch. Beim Schein eines neuen Streichholzes untersuchte er alle vier Pfoten.

»Schwarz, alle schwarz, jede Kralle«, sagte Daughtry, »und so hübsche Pfoten, wie je ein Hund besessen, gerade Zehen, nur soviel gebogen, wie sie sollen, und klein, aber nicht zu klein. Ich möchte wetten, daß deine Eltern viele Prämien heimgebracht haben.«

Bei dieser eingehenden Besichtigung begann Michael unruhig zu werden. Plötzlich aber hielt Daughtry mitten in der Untersuchung von Form und Bau der Schenkel und Flechsen inne, faßte mit seinen gewandten Fingern Michaels Rute, betastete die Muskeln an der Rutenwurzel, preßte und drückte das angrenzende Rückgrat, dem die Rute entsprang, und bog es auf die zudringlichste und vertraulichste Art und Weise. Und Michael war begeistert und stemmte bald den einen, bald den anderen Hinterbacken gegen die kosenden Finger. Die flachen Hände halb um die Flanken des Hundes, halb unter seinem Bauche, hob Daughtry ihn plötzlich vom Boden auf. Ehe der Hund aber Zeit hatte, ängstlich zu werden, stand er wieder.

»Sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig – du wiegst jetzt schon über fünfundzwanzig Pfund, darauf will ich jede Wette eingehen, und mit deinem vollen Gewicht wirst du auf dreißig kommen«, erzählte ihm Dag Daughtry. »Aber was macht das? Viele Sachverständige legen gerade Wert auf ein Gewicht von dreißig Pfund. Und wenn es sein muß, kannst du dir immer ein paar Gramm herunterlaufen. Du bist ein erstklassiger Hund und gerade so, wie du sein sollst. Bau und Gewicht stimmen, und deine Beine sind tadellos.

Nein, verehrter Herr Hund, dein Gewicht ist gut und das Ohr kann von dem ersten besten Hundedoktor in Ordnung gebracht werden. Ich wette, daß es in diesem heiligen Augenblick Hunderte von Menschen in Sydney gibt, die zwanzig Pfund bar auf den Tisch legen würden, um dich ihr eigen nennen zu können.« Damit Michael sich aber nicht einbildete, daß man zuviel mit ihm hermachte, lehnte Daughtry sich plötzlich zurück, zündete sich wieder seine Pfeife an und vergaß die Anwesenheit des Hundes offenbar ganz. Statt selbst um Freundschaft zu betteln, beschloß er, Michael dies tun zu lassen.

Und Michael tat es, stieß seine Flanken gegen Daughtrys Knie, rieb seinen Kopf an Daughtrys Hand, als eine Art Bitte, die beseligende Ohrenmassage und Schwanzgymnastik fortzusetzen. Statt dessen packte Daughtry ihn um die Schnauze und schob ihm, während er mit ihm redete, den Kopf langsam vor und zurück. »Wem gehörst du? Vielleicht einem Nigger, aber das ist ja Unsinn. Vielleicht hat dich irgendein Nigger gestohlen, aber das wäre Sünde und Schande. Denk' nur, welch grausames Schicksal einem Hunde begegnen kann! Es ist eine verfluchte Schande. Kein Weißer würde es sich gefallen lassen, daß ein Nigger einen Hund wie dich hat. Hier jedenfalls ist ein weißer Mann, der es sich nicht gefallen lassen will. Soll ein Nigger dich besitzen, ohne zu ahnen, wie er dich erziehen soll? Natürlich hat dich ein Nigger gestohlen. Wenn ich ihn in diesem Augenblick erwischen könnte, würde ich ihn zum Leierkastenmann prügeln. Das kannst du mir glauben. Du brauchst ihn mir nur zu zeigen, dann wirst du sehen, was ich mit ihm tue. Sollst du einem Nigger gehorchen und apportieren? Nein, verehrter Herr Hund, das wirst du nicht mehr tun. Du wirst mich begleiten, und ich glaube nicht, daß ich dich erst lange darum bitten muß.«

Dag Daughtry stand auf und schlenderte gleichgültig den Strand entlang. Michael sah ihm nach, folgte ihm aber nicht. Er wollte furchtbar gern, hatte aber keine Aufforderung dazu erhalten. Schließlich brachte Daughtry einen leisen, kosenden Laut mit den Lippen hervor. Dieser Laut war so gedämpft, daß er ihn selber kaum hören konnte, da er aber die Lippen bewegt hatte, verließ er sich darauf, daß er ihn hervorgebracht hatte. Kein Mensch hätte ihn in der Entfernung hören können. Michael aber hörte ihn und sprang dem Manne in weiten, begeisterten Sprüngen nach.

* * *

 

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