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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hund erniedrigt den Menschen, wie das Pferd es tut. Da Walter Merritt Emory schon im voraus niedrig dachte, erniedrigte ihn der Wunsch, Michael zu besitzen, noch mehr. Wäre kein Michael gewesen, so würde sein Auftreten ein ganz anderes gewesen sein. Er würde Daughtry, um Daughtrys eigene Worte zu gebrauchen, wie einen weißen Mann behandelt haben. Er würde ihn auf seine Krankheit aufmerksam gemacht und ihm ermöglicht haben, sich nach den Südseeinseln, nach Japan oder einem andern Lande zu verheuern, wo die Aussätzigen nicht isoliert werden, und Daughtry und Kwaque wären nicht in die Hölle des San Franziskoer Pesthauses gekommen, in der sie, dank der Gemeinheit des Arztes, nun den Rest ihres Lebens verbringen sollten.

Wenn man zudem die Ausgabe für einen bewaffneten Posten, der das Pesthaus das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht zu bewachen hatte, in Betracht zieht, hätte Walter Merritt Emory den Steuerzahlern San Franziskos viele tausend Dollar ersparen können. Wenn Walter Merritt Emory so rücksichtsvoll gewesen wäre, würden aber nicht allein Daughtry und Kwaque übers Meer gesegelt sein, auch Michael hätte es getan.

Kein Wartezimmer voller Patienten ist wohl je schneller geleert worden als Dr. Emorys an diesem Tage. Und ehe er sich zu seinem Frühstück begab, fuhr Dr. Emory in seinem Auto nach der »Barbarenküste« und hielt vor der Tür von Bowheads Privathotel. Unterwegs war es ihm durch seine politischen Verbindungen geglückt, einen Inspektor der Geheimpolizei zu erwischen. Diese Maßregel erwies sich als notwendig, denn die Wirtin protestierte energisch dagegen, daß der Hund ihres Mieters entführt werde. Aber Milliken, der Inspektor der Geheimpolizei, war ihr nur allzu gut bekannt, und sie beugte sich vor dem Gesetz, dessen Symbol er war.

Als Michael an einer Leine aus dem Zimmer gezogen wurde, erklang ein kläglicher Mahnruf vom Fenster, wo ein schneeweißer kleiner Kakadu zusammengekrochen saß.

»Cocky«, rief der, »Cocky!«

Walter Merritt Emory sah sich um, zögerte aber nur einen Augenblick. »Den Vogel lassen wir später holen«, sagte er zu der Wirtin, die ihm immer noch milde Vorwürfe machte, während sie ihn die Treppe hinunterbegleitete. Sie hatte nicht bemerkt, daß der Inspektor der Geheimpolizei die Tür zu Daughtrys Zimmer nachlässig angelehnt ließ.

Aber Walter Merritt Emory war nicht der einzige niedrige Mensch, den die Begehrlichkeit nach Michael noch mehr erniedrigte. In einem tiefen Klubsessel, die Füße auf einem andern tiefen Klubsessel in einem Raum des Jachtklubs ruhend, gab Harry Del Mar sich der einschläfernden Beschäftigung hin, sein Frühstück zu verdauen, und guckte in die ersten Nachmittagszeitungen, als sein Blick auf eine große Überschrift mit fünf kurzen Zeilen darunter fiel. Augenblicklich zog er seine Füße vom Sessel und sprang auf. In einem Taxameter, der ihn nach der »Barbarenküste« trug, hatte Harry Del Mar goldene Visionen. Sie nahmen die Form von gelben Zwanzigdollarstücken, von offiziell gestempelten, angeräucherten Papierscheinen der Vereinigten Staaten, von Bankbüchern und fetten, für die Schere reifen Rentencoupons an – und den Hintergrund von alledem bildete ein rauhhaariger irischer Terrier, der eine Reihe strahlend erhellter Ränge mit offenem Maul und hochgehobener Schnauze ansang, sang, wie man noch nie einen Hund hatte singen hören.

Cocky selbst war der erste, der entdeckte, daß die Tür nur angelehnt war, und der Betrachtungen darüber anstellte (wenn man das Wort Betrachtung in bezug auf den Geistesprozeß eines Vogels anwenden kann, der auf irgendeine rätselhafte Weise einen neuen Eindruck von seiner Umgebung aufnimmt und sich vorbereitet, demgemäß zu handeln oder nicht zu handeln). Menschliche Wesen tun genau dasselbe, und manche von ihnen gebrauchen in dieser Verbindung den Ausdruck »Freier Wille«. Cocky, der auf die offene Tür starrte, wollte gerade entscheiden, ob er diese Öffnung, die in die weite Welt hinausführte, untersuchen sollte oder nicht, als seine Augen den hereinstarrenden Augen eines anderen Entdeckers begegneten.

Diese anderen Augen waren grausam, grüngelb, und die Pupillen weiteten sich und zogen sich, scharfsichtig, schnell zusammen, während sie die hellen und dunklen Winkel des Zimmers erforschten. Auf den ersten Blick ahnte Cocky Gefahr – äußerste Gefahr. Dennoch tat er nichts. Sein Herz klopfte nicht in panischem Schrecken. Er blieb unbeweglich sitzen und wandte nur das eine Auge nach dem Spalt, aber dieses eine Auge sah Kopf und Augen der mageren, herrenlosen Katze, die sich plötzlich, wie ein Gespenst, im Türspalt gezeigt hatte.

Die Katze untersuchte das Zimmer mit wachsamen Augen, die sich weiteten und zusammenzogen, mit Pupillen, die senkrechte, kohlschwarze Spalten in der furchtbaren, regenbogenschimmernden, gelbgrünen Iris bildeten. Die Augen sahen Cocky. Sofort verriet der Kopf, daß die Katze sich zusammengekauert hatte, vor Spannung erstarrt war. Fast unmerkbar erhielten die Augen der Katze einen spähenden Ausdruck, an den versteinerten Blick erinnernd, mit dem eine Sphinx über die ewigen Sandwüsten hinausschaut. Die Augen sahen aus, als hätten sie Jahrhunderte und Jahrtausende gestarrt.

Cocky saß ebenso starr und gespannt da. Er legte weder den Kopf auf die Seite, noch ließ er das Nickhäutchen über die Augen fallen, und ebensowenig sträubte ihm das Furchtgefühl, das ihn überwältigte, eine einzige Feder. Beide Tiere waren versteinert und versunken in dem gegenseitigen Starren, das charakteristisch für den Jäger und sein Wild, für den Räuber und sein Opfer, für das Raubtier und seine Beute ist. Das Starren dauerte viele lange Minuten, bis der Kopf mit einer leichten Drehung in der Türöffnung verschwand. Hätte ein Vogel seufzen können, so würde Cocky jetzt geseufzt haben, aber er regte sich nicht, lauschte nur auf einen Mann, der draußen vorbeiging, und dessen langsame, schleppende Schritte sich in der Vorhalle verloren. Mehrere Minuten vergingen, dann zeigte sich das Gespenst ebenso plötzlich wieder – und diesmal kam nicht der Kopf allein, der ganze biegsame Körper glitt ins Zimmer und legte sich mitten auf den Fußboden. Die Augen ruhten unabgewandt auf Cocky, der ganze Körper befand sich in Ruhe, mit Ausnahme des langen Schwanzes, der unregelmäßig und wild, aber eintönig von einer Seite auf die andere und wieder zurück schlug. Ohne den Blick von Cocky zu wenden, rückte die Katze langsam näher, bis sie, keine sechs Fuß von ihm, haltmachte. Nur der Schwanz ging hin und her, die Augen funkelten wie Juwelen in dem starken Licht vom Fenster, in das sie hineinsahen, und die senkrechten Pupillen zogen sich zu kleinen schwarzen Spalten zusammen.

Und Cocky, der vom Tode zwar nicht die klare Vorstellung eines Menschen hatte, verstand dennoch, daß das Ende entsetzlich nahe war. Cocky behielt die Katze im Auge, und als sie sich jetzt nach reiflicher Überlegung zum Sprunge krümmte, verriet er zum erstenmal seine verzeihliche Angst. »Cocky! Cocky!« rief er klagend den nackten, gefühllosen Wänden zu.

Es war sein Notschrei an die ganze Welt, an alle Mächte und Dinge und zweibeinigen Menschenwesen und im besonderen an Steward, an Kwaque und Michael. Sein Notschrei bedeutete soviel wie: »Ich bin es, Cocky! Ich bin sehr klein und zart, und hier ist ein Ungeheuer, das mich vernichten will, aber ich liebe die helle, klare Welt, und ich möchte so gerne leben – weiterleben in dem klaren Tageslicht; ich bin ja nur so klein, und ich bin ein guter kleiner Bursche, mit einem guten, kleinen Herzen, aber ich kann nicht mit diesem Ungeheuer, diesem zottigen Ding kämpfen, das mich fressen will, und ich muß Hilfe haben, Hilfe, Hilfe. Ich bin Cocky. Alle kennen mich. Ich bin Cocky!«

Aber es kam keine Antwort von den nackten Wänden, von der Vorhalle oder der übrigen Welt, und als sein Angstanfall vorüber war, wurde Cocky wieder tapfer und ganz der alte. Unbeweglich saß er auf dem Fensterbrett, den Kopf auf die Seite gelegt, und sah mit einem festen Blick auf den Fußboden, wo der ewige Feind seines Geschlechts in so gefahrdrohender Nähe lag.

Seine menschliche Stimme hatte die Katze erschreckt, so daß sie den Sprung aufgab; statt dessen legte sie ihre gespitzten Ohren an den Kopf und drückte den Bauch fester auf den Fußboden. Und in der jetzt folgenden Stille summte ein blauer Brummer gegen ein Fenster in der Nähe und stieß hin und wieder hart gegen die Scheiben mit einem lauten Stoß, der erzählte, daß auch er seine Tragödie hatte und gefangen war, daß ihm von etwas Boshaftem, Durchsichtigem der Weg in die helle Welt, die so nahe auf der anderen Seite strahlte, versperrt war.

Auch die Katze war nicht unberührt von den Plagen und Widerwärtigkeiten des Lebens. Der Hunger peinigte sie und schmerzte in ihren mageren Zitzen, die voll hätten sein sollen zu Nutz und Freude ihrer sieben miauenden, schwachen kleinen Jungen, die ihre Ebenbilder waren, wenn sich ihre Augen auch noch nicht geöffnet hatten, und die noch so lächerlich unsicher auf ihren weichen zarten Beinchen standen. Sie dachte an sie dank der Qual in ihren Zitzen und kraft ihres Instinktes. Infolge der feindurchdachten Zusammensetzung ihres Hirns konnte sie sie durch den zerschlagenen Schirm über dem Ventilatorloch hindurch in dem dunklen Schmutzwinkel unter der Kellertreppe sehen, wo sie sich in aller Heimlichkeit ihr Lager bereitet und ihren Wurf geboren hatte.

Und diese Vision sowie ihr quälender Hunger erregten sie wieder, so daß sie ihren Körper straffte und die Weite des Sprunges maß. Aber Cocky war wieder der alte.

»Teufel noch mal! Teufel noch mal!« schrie er so laut und kriegerisch wie möglich und schalt die Katze wie einen rechten Spitzbuben aus, so daß sie erschrocken auf dem Fußboden zusammenkroch, die Ohren flach an den Kopf legte, mit dem Schwanze schlug und den Kopf durch das Zimmer wandte, um das menschliche Wesen zu suchen, dessen Stimme gerufen hatte.

In der eingetretenen Stille stieß der Brummer noch einmal gegen seine unsichtbare Gefängniswand. Die Katze bereitete ihren Sprung vor, führte ihn mit einem plötzlichen Entschluß aus und landete dort, wo Cocky den Bruchteil einer Sekunde zuvor gesessen hatte. Cocky warf sich zur Seite, aber im selben Augenblick, als die Katze auf dem Fensterbrett landete, schoß ihre Pfote vor und warf Cocky hoch, daß er mit seinen Flügeln, die des Fliegens so ungewohnt waren in der Luft flatterte. Die Katze erhob sich auf den Hinterbeinen und schlug mit der Pfote in die Luft, etwa wie ein Kind, das mit einem Hut nach einem Schmetterling schlägt. Aber es lag Wucht in der Katzenpfote, und alle ihre Krallen waren wie Haken gespreizt.

Cocky fiel, in der Luft getroffen, wie ein kleines Flugzeug, dessen feine Maschinerie in Unordnung geraten und gesprengt ist, zu Boden, in einem Regen weißer Federn, die wie Schneeflocken langsam auf die Katze niederwirbelten. Die Katze war wie ein Stück Blei niedergefallen, und einige von den Flocken legten sich auf ihren Rücken, wo sie durch ihren schwachen Druck bewirkten, daß ihre Nerven sich wieder anspannten und sie mehr zusammenkroch, während sie einen schnellen Blick um sich warf, um jeder Gefahr, die ihr drohen mochte, zu begegnen.

* * *

 

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