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Michael der Bruder Jerrys

Jack London: Michael der Bruder Jerrys - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJack London
titleMichael der Bruder Jerrys
publisherBüchergilde Gutenber
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Wir sprechen uns wieder«, sagte Del Mar am Ende des vierten Gesprächs, das er mit Daughtry über den Verkauf von Michael führte. Hierin irrte sich Harry Del Mar. Er sollte Daughtry nie wiedersehen, weil Daughtry vorher Dr. Emory sah.

Kwaques wachsende Unruhe des Nachts infolge der Schwellung in seiner rechten Armhöhle hatte begonnen, Daughtry zu wecken. Nachdem das einige Male geschehen war, hatte der Steward über die Sache nachgedacht und war zu dem Ergebnis gekommen, daß Kwaque genug krank war, um einen Arzt zu brauchen. Daher nahm er eines Vormittags gegen elf Uhr Kwaque mit, begab sich in Walter Merritt Emorys Klinik und wartete in dem dichtgefüllten Wartezimmer, bis er an die Reihe kam.

»Ich glaube, er hat Krebs, Herr Doktor«, sagte Daughtry, während Kwaque Hemd und Unterjacke auszog. »Er hat nie gejammert. So sind die Neger ja. Ich hab' es erst bemerkt, als er mich nachts mit seinem Hin- und Herwerfen und seinem Stöhnen aufweckte – da! Wie nennen Sie das? Krebs oder Tumor – oder bedeutet das dasselbe?«

Aber die schnellen Augen Walter Merritt Emorys hatten nicht die Klauenfinger an Kwaques linker Hand übersehen. Sein Auge war nicht allein schnell, es war geradezu ein »Lepraauge«. Als junger Assistenzarzt auf den Philippinen hatte er Aussatz studiert und Gelegenheit gehabt, so viele Aussätzige zu sehen, daß er, wenn die Krankheit sich nicht im frühesten Anfangsstadium befand, unfehlbar durch einen einzigen Blick imstande war, die richtige Diagnose zu stellen. Von den gekrümmten Fingern, die die anästhetische, durch Nervendestruktion hervorgerufene Form der Krankheit darstellten, und der gerunzelten Löwenstirn schweifte sein Blick zu der Schwellung in der rechten Armhöhle, die er als die tuberkulöse Krankheitsform diagnostizierte.

Ebenso schnell schossen ihm zwei Gedanken durch den Kopf: der erste war der Grundsatz, wann und wo man einen Aussätzigen findet, soll man nach dem zweiten Aussätzigen suchen. Sein zweiter Gedanke galt dem irischen Terrier, der Daughtry, Kwaques langjährigem Herrn, gehörte. Dann aber stellte Walter Merritt Emory auch alle seine schnellen, untersuchenden Blicke ein. Er wußte nicht, wieviel oder wie wenig Daughtry vom Aussatz kannte, und wollte keinen Verdacht erregen. Wie zufällig zog er seine Uhr heraus, um zu sehen, wie spät es war, und wandte sich dann zu Daughtry: »Ich möchte annehmen, daß sein Blut nicht in Ordnung ist. Es geht bergab mit ihm. Er ist sein jetziges Leben oder seine jetzige Kost nicht gewöhnt. Um meiner Sache sicher zu sein, werde ich untersuchen, ob er Krebs hat, obwohl es kaum wahrscheinlich ist.« Und während er nur einen kurzen Augenblick stotternd sprach, heftete sich sein Blick auf die Stelle über und zwischen Daughtrys Augen. Das genügte. Sein »Lepraauge« hatte das Löwenzeichen gesehen.

»Sie sind selbst angegriffen«, fuhr er freundlich fort. »Ich wette, Sie sind nicht so recht auf dem Damm, nicht wahr?«

»Das kann ich wirklich nicht behaupten«, gestand Daughtry. »Ich vermute, daß ich wieder auf die See und in die Tropen gehen und mir den Rheumatismus herausbrennen lassen muß.«

»Wo sitzt es?« fragte Dr. Emory, fast zerstreut, und er spielte seine Rolle so gut, daß es aussah, als wolle er sich gleich wieder näher mit Kwaque beschäftigen und dessen Schwellung untersuchen.

Daughtry streckte die linke Hand aus und machte eine drehende Bewegung mit dem kleinen Finger, um den Sitz des Leidens zu zeigen. Walter Merritt Emory sah mit scheinbar gleichgültigem Blick unter halbgeschlossenen Lidern, daß der kleine Finger leicht geschwollen und leicht gekrümmt war und einen glatten, fast schimmernden, seidenartigen Hautüberzug hatte. Während er sich der Untersuchung Kwaques zuwandte, ließ er seinen Blick wieder einen Augenblick auf Daughtrys Stirn ruhen.

»Rheumatismus ist immer noch das große Mysterium«, wandte sich Dr. Emory wieder an Daughtry, als lenke der Gedanke ihn ab. »Es gibt so viele verschiedenartige Formen, daß er fast individuell ist. Jeder Mensch hat seine besondere Form. Keine Steifheit?« Daughtry bewegte versuchsweise den kleinen Finger. »Ja«, sagte er. »Er ist nicht so beweglich wie sonst.«

»Aha«, murmelte Walter Merritt Emory mit einem Übermaß von Sicherheit und Selbstgefühl. »Seien Sie so freundlich und setzen Sie sich auf diesen Stuhl. Vielleicht bin ich imstande, Sie zu heilen, jedenfalls aber verspreche ich Ihnen, daß ich Ihnen den Ort anweisen werde, der für Ihre Krankheit am besten ist. Schwester Grace!«

Und während die junge Dame in Schwesterntracht Daughtry auf den Untersuchungsstuhl half und er sich, der Anweisung folgend, zurücklehnte, und während der Arzt seine Finger in die stärkste antiseptische Lösung tauchte, die er in seiner Klinik hatte, stand vor den Augen Walter Merritt Emorys im Zentrum seines Hirns das leuchtende Bild eines ersehnten irischen Terriers, der in den Kabaretts des Hafenviertels Vorstellungen gab, und dessen Name Killeny-Boy war.

»Sie haben noch an andern Stellen Rheumatismus als nur an Ihrem kleinen Finger«, versicherte er Daughtry. »Ich wette, hier, gerade auf Ihrer Stirn, ist auch ein bißchen. Einen Augenblick, wenn Sie erlauben. Wenn es weh tut, bewegen Sie sich. Wenn nicht, dann sitzen Sie still. Es ist nicht meine Absicht, Sie zu quälen. Ich will nur sehen, ob meine Diagnose richtig ist. – Da, da ist es. Bewegen Sie sich, wenn Sie etwas fühlen. Rheumatismus hat merkwürdige Launen. – Sehen Sie her, Schwester Grace, ich möchte wetten, daß Sie diese Form von Rheumatismus noch nie gesehen haben. Sehen Sie, er fühlt nichts. Er glaubt, ich hätte noch nicht angefangen ...«

Und während er ununterbrochen und eifrig weitersprach, tat er etwas, das Daughtry nicht ahnte, etwas, das Kwaque, der zusah, fast glauben ließ, daß er träume, so unwirklich und unmöglich erschien es ihm, denn Dr. Emory untersuchte mit einer großen Nadel den dunklen Fleck zwischen den senkrechten Löwenrunzeln, und er begnügte sich nicht mit einer einfachen Untersuchung der Stelle. Er stach die Nadel von einer Seite unter die Stirnhaut und ließ sie in ihrer ganzen Länge unter dem gefühllosen, verdickten Gewebe verschwinden. Kwaque sah mit Augen zu, die vor Erstaunen aus den Höhlen traten; denn sein Herr verriet nicht mit dem geringsten Zittern oder Beben, daß er spüre, was mit ihm gemacht wurde.

»Warum fangen Sie nicht an?« fragte Daughtry ungeduldig. »Im übrigen spielt mein Rheumatismus gar keine Rolle. Es handelt sich um die Geschwulst des Niggers.«

»Sie brauchen eine Kur«, versicherte Doktor Emory. »Rheumatismus ist eine ernste Sache. Man darf ihn nicht einreißen lassen. Ich werde Ihnen eine Kur verschreiben, wenn Sie jetzt aber aufstehen wollen, werden wir uns Ihren schwarzen Diener ein bißchen ansehen.«

Bevor aber Kwaque sich auf den Stuhl zurücklehnte, warf Doktor Emory ein Laken über die Lehne, das roch, als wäre es fast bis zum Siedepunkt erhitzt worden. Als er sich anschicken wollte, Kwaque zu untersuchen, sah er mit einem leichten Stutzen auf die Uhr. Er erkannte, wie spät es war, stutzte noch mehr und wandte sich dann mit vorwurfsvoller Miene an seine Assistentin:

»Schwester Grace, Sie haben vergessen, mich zu erinnern. Sehen Sie, es ist zehn Minuten nach halb zwölf, und Sie wußten doch, daß ich pünktlich um halb zwölf mit Dr. Hadley konferieren wollte. Er wird schön geflucht haben! Sie wissen, wie brummig er ist.«

Schwester Grace nickte mit einem vollendeten Ausdruck von Reue und Unterwürfigkeit, als wüßte sie genau Bescheid, obwohl sie in Wirklichkeit bis zu diesem Zeitpunkt nie etwas davon gehört hatte, daß er um halb zwölf eine Konferenz haben sollte – sie kannte ihren Chef genau.

»Ich brauche nur durch den Vorraum zu gehen«, erklärte Doktor Emory Daughtry. »Es wird keine fünf Minuten dauern. Ich habe einen kleinen Streit mit ihm gehabt. Er hat einen Fall als Blinddarmentzündung diagnostiziert und will operieren. Ich habe Pyorrhöe, die vom Mund aus den Magen infiziert hat, angenommen und habe eine Emetin-Behandlung des Mundes vorgeschlagen. Das verstehen Sie natürlich nicht, aber jetzt habe ich Dr. Hadley überredet, den Zahn- und Pyorrhöe-Spezialisten Dr. Granville mitzubringen. Und die beiden haben jetzt zehn Minuten auf mich gewartet. Ich muß laufen.«

»In fünf Minuten bin ich wieder da«, sagte er, während er die Tür zum Vorplatz hinter sich schloß. – »Schwester Grace, seien Sie so gut und bitten Sie die Leute im Wartezimmer, etwas Geduld zu haben.«

Er ging auch zu Dr. Hadley, wenn auch niemand, der an Pyorrhöe litt oder operiert werden sollte, auf ihn wartete.

Statt dessen führte er zwei Ferngespräche: eines mit dem Vorsitzenden der Gesundheitskommission, das andere mit dem Polizeidirektor. Glücklicherweise traf er sie beide in ihren Bureaux an, nannte sie familiär beim Vornamen und sprach sehr eindringlich und vertraulich mit ihnen.

Als er sein Sprechzimmer wieder betrat, war er offenbar sehr stolz. »Ich habe ihnen Bescheid gesagt«, versicherte er Schwester Grace, zog aber in seiner Freude Daughtry mit ins Vertrauen. »Dr. Granville war derselben Ansicht wie ich. Nichts als Pyorrhöe natürlich. Mit der Operation ist es also Essig. Und jetzt sind sie schon dabei und behandeln ihm Zahnfleisch und Eiterbläschen mit Emetin. Ha! Es ist doch schön, wenn man recht behält. Ich habe eine Zigarre verdient. Haben Sie etwas dagegen, Herr Daughtry?«

Der Steward schüttelte den Kopf und Dr. Emory steckte sich eine große Havannazigarre an und schwelgte weiter in seinem erdichteten Triumph über den Kollegen. Über das Reden vergaß er das Rauchen, und indem er sich völlig zufrieden in seinen Sessel zurücklehnte, ließ er mit gespielter Nachlässigkeit die Glut seiner Zigarre auf einer von Kwaques krummen Fingerspitzen ruhen. Ein heimlicher Wink warnte Schwester Grace, die allein sah, was er tat.

»Wissen Sie, Herr Daughtry«, fuhr Walter Merritt Emory begeistert fort, während er den Blick des Stewards mit dem seinen festhielt und die ganze Zeit die Glut der Zigarre auf Kwaques Fingern ruhen ließ. »Je älter ich werde, desto überzeugter werde ich, daß viel zuviel unbedachte Operationen vorgenommen werden.«

Glut und Fleisch waren immer noch in Berührung miteinander, und eine kleine Rauchspirale, anders als der Zigarrenrauch, begann von Kwaques Fingerspitzen aufzusteigen.

»Nehmen wir zum Beispiel Dr. Hadleys Patienten. Ich habe ihm nicht nur das Risiko einer Blinddarmoperation, sondern auch das Operationshonorar und die Ausgaben für die Klinik erspart. Ja, weiß Gott, ganz abgesehen von der Lebensgefahr und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten, habe ich dem Manne alles in allem tausend blanke Dollars für Operation, Krankenhaus und Pflege erspart.«

Während er noch sprach und Daughtrys Blick festhielt, begann ein Geruch von versengtem Fleisch die Luft zu durchdringen. Doktor Emory sog eifrig die Luft ein. Auch Schwester Grace bemerkte den Geruch, aber sie war gewarnt und ließ sich nichts merken.

»Was brennt hier?« fragte Daughtry, indem er die Luft einsog und sich umsah.

»Eine scheußliche Zigarre«, meinte Dr. Emory, der sie jetzt, nachdem er sie von Kwaques Fingern entfernt hatte, mit kritischer Mißbilligung untersuchte. Er hielt sie dicht an seine Nase, und sein Gesicht drückte Ekel aus.

»Das ist das Ärgerliche, eine gute neue Zigarrenmarke wird auf den Markt gebracht, man macht Reklame für sie, stopft den besten Tabak hinein, und wenn die Zigarre bekannt und beliebt geworden ist, stopft man schlechten Tabak hinein, so daß sie einem nicht mehr schmeckt. Von heute an kaufe ich mir eine andere Marke.« Mit diesem Wortstrom warf er die Zigarre in einen Spucknapf. Kwaque aber, der sich auf dem merkwürdigsten Stuhl, auf dem er je gesessen, zurücklehnte, wußte nicht, daß die Spitze seines Fingers einen halben Zoll tief ins Fleisch verbrannt und gebraten war. Er dachte nur, wann der Medizinmann wohl mit Schwatzen aufhören und sich die Geschwulst, die ihn an der Seite, unter seinem Arm schmerzte, ansehen würde.

Und zum ersten und letzten Male in seinem Leben fiel Dag Daughtry nicht auf die Füße. Es war ein Fall, von dem er sich nicht wieder erheben konnte. Das Leben in Freiheit, auf dem wiegenden Meere, von einem Hafen zum andern zu kommen und zu gehen, hörte für ihn hier im Sprechzimmer Walter Merritt Emorys auf.

Dr. Emory schwatzte weiter und versuchte eine neue Zigarre, und trotz der Tatsache, daß sein Wartezimmer überfüllt war, hielt er ihnen einen langen, lebendigen und interessanten Vortrag über Zigarren, Deckblätter und Füllungen sowie über ihre Pflege und Zubereitung.

»Und nun, was Ihre Schwellung betrifft«, sagte er, während er sich endlich an die Untersuchung von Kwaques Leiden machte, »so kann ich – wenn ich es nur ansehe – sagen, daß es weder Tumor noch Krebs, ja, nicht einmal eine Beule ist. Ich kann sagen ...«

Es klopfte an die Privattür, die zum Vorraum führte, und er richtete sich auf mit einer Ungeduld, die er nicht zu verhehlen trachtete. Er nickte Schwester Grace zu, sie öffnete die Tür, und herein traten zwei Schutzleute, ein Wachtmeister und ein Mann im Straßenanzug, mit einer Nelke im Knopfloch.

»Guten Morgen, Dr. Masters«, begrüßte Emory letzteren. Dann wandte er sich zu den andern: »Guten Morgen, Wachtmeister! Hallo, Tim! Hallo, Johnson! Seit wann sind Sie nicht mehr auf der Station im Chinesenviertel?«

Dann aber sagte Walter Merritt Emory, indem er seinen unterbrochenen Satz beendete und unabgewandt Kwaques Schwellung betrachtete:

»Ich kann sagen, was ich schon vorher sagte, daß dies die größte und bestentwickelte Beule des Bazillus Leprae ist, die je ein Franziskoer Arzt die Ehre gehabt hat, der Gesundheitskommission vorzuführen.«

»Aussatz!« rief Dr. Masters.

Und alle stutzten, als er das Wort aussprach. Der Wachtmeister und die beiden Schutzleute rückten ängstlich von Kwaque ab; Schwester Grace griff sich, einen halb erstickten Schrei ausstoßend, mit beiden Händen ans Herz; und Dag Daughtry fragte erschüttert, aber zweifelnd:

»Was sagen Sie, Herr Doktor?«

»Stehen Sie still! Rühren Sie sich nicht!« sagte Walter Merritt Emory in gebieterischem Ton zu Daughtry. »Wollen Sie bitte aufpassen«, wandte er sich zu den andern, indem er behutsam das glühende Ende seiner Zigarre über und zwischen die Augen des Stewards setzte.

»Rühren Sie sich nicht«, befahl er Daughtry, »warten Sie einen Augenblick. Ich bin noch nicht fertig.«

Und während Daughtry verwirrt und verlegen wartete und sich wunderte, daß der Arzt ihm nichts weiter tat, verbrannte die Glut ihm Haut und Fleisch, bis alle den Rauch und den Geruch spürten; mit einem harten, triumphierenden Lachen trat Dr. Emory zurück.

»Fangen Sie nur an mit dem, was Sie tun wollen«, knurrte Daughtry. Die Ereignisse waren sich zu schnell gefolgt und waren zu dunkel gewesen, als daß er sie hätte verstehen können. »Aber wenn Sie fertig sind, möchte ich doch um eine Erklärung bitten. Sie sagten etwas von Aussatz. Der Nigger gehört mir, und Sie können nicht derartige Beschuldigungen gegen ihn ... oder gegen mich aussprechen.«

»Meine Herren, Sie haben es gesehen«, sagte Dr. Emory. »Zwei unzweifelhafte Fälle, Herr und Diener, der Fall des Dieners vorgeschrittener, mit einer Kombination beider Krankheitsformen, der des Herrn nur in der anästhetischen Form – ein bißchen davon hat er auch am kleinen Finger. Schaffen Sie sie fort. Ich rate Ihnen eindringlich, Dr. Masters, die Ambulanz hinterher gründlich desinfizieren zu lassen.«

»Hören Sie ...« begann Daughtry kriegerisch.

Dr. Emory aber warf einen warnenden Blick auf Dr. Masters, und Dr. Masters sah gebieterisch den Wachtmeister an, der seinerseits wieder den beiden Schutzleuten einen Blick zuwarf. Aber sie gingen nicht auf Daughtry los. Statt dessen traten sie noch etwas weiter zurück, zogen ihre Stäbe und blickten ihn barsch an. Das Auftreten der Schutzleute wirkte überzeugender als alles andere auf Daughtry. Sie fürchteten offenbar eine Berührung mit ihm. Als er einen Schritt vorwärts tat, stießen sie ihm die ausgestreckten Stäbe in die Rippen, um ihn von sich fernzuhalten.

»Kommen Sie nicht näher«, sagte der eine warnend zu ihm und schwang seinen Stab, um ihn verstehen zu lassen, daß er Gefahr liefe, auf den Kopf geschlagen zu werden. »Bleiben Sie stehen, wo Sie sind, bis Sie weiteren Bescheid bekommen.«

»Ziehen Sie sich Ihr Hemd an und stellen Sie sich neben Ihren Herrn«, sagte Dr. Emory gebieterisch zu Kwaque und klappte den Stuhl so plötzlich hoch, daß der Schwarze ausrutschte.

»Aber was in aller Welt ...« begann Daughtry, aber sein früherer Freund überhörte ihn und sagte zu Dr. Masters:

»Die Pestbaracke ist seit dem Tode des Japaners nicht belegt worden. Ich rate Ihnen, Ihren Leuten diese Desinfektionsmittel hier mitzugeben, damit sie die Lokalitäten desinfizieren können, wenn sie hingehen.«

»Um Gottes willen«, bat Daughtry, den alle kriegerischen Gelüste verlassen hatten, und der jetzt, als er sich überzeugt hatte, daß er von der entsetzlichen Krankheit ergriffen war, verwirrt dastand. Er berührte die gefühllose Stirn mit dem Finger, roch daran und erkannte den Geruch seines verbrannten Fleisches, das er nicht brennen gefühlt hatte. »Um Gottes willen, übereilen Sie sich nicht. Wenn ich es bekommen habe, dann habe ich es eben bekommen, aber deshalb können wir einander doch als weiße Männer behandeln. Geben Sie mir zwei Stunden Zeit, und ich verlasse die Stadt und bin im Laufe von zwanzig Stunden aus den Staaten heraus. Ich lasse mich anheuern ...«

»Und bleiben eine Gefahr für die Öffentlichkeit, wo immer Sie sich befinden«, warf Dr. Masters ein, der im Geist bereits eine Spalte in den Abendzeitungen mit fetten Überschriften sah, in denen er als Held, als der St. Georg von San Franzisko auftrat, der sich mit erhobener Lanze zwischen die Bevölkerung und den Drachen des Aussatzes gestellt hatte.

»Führt sie ab«, sagte Walter Merritt Emory und vermied es, Dag Daughtry in die Augen zu sehen.

»Fertig, Marsch!« kommandierte der Wachtmeister, und die beiden Schutzleute näherten sich mit ausgestreckten Stäben Daughtry und Kwaque.

»Kommt uns nicht zu nahe, und geht ruhig weiter«, knurrte einer der Schutzleute barsch. »Und tut, wie wir sagen, sonst zerschlagen wir euch den Schädel. Also los, raus mit euch. Sagen Sie dem Nigger, daß er dicht neben Ihnen bleibt.«

»Herr Doktor, wollen Sie mich nicht einen Augenblick anhören«, sagte Daughtry flehend zu Emory.

»Es ist keine Zeit mehr zum Reden«, lautete die Antwort. »Jetzt ist es Zeit, abgesondert zu werden. – Dr. Masters, denken Sie an die Ambulanz, wenn Sie sie abgeliefert haben.«

Angeführt von dem Arzt der Gesundheitskommission und dem Wachtmeister und mit den Schutzleuten mit ihren schützenden, ausgestreckten Stäben als Nachtrab ging die Prozession hinaus.

Trotz der drohenden Gefahr, einen Schlag auf den Kopf zu bekommen, drehte Dag Daughtry sich auf der Schwelle schnell um und sagte:

»Herr Doktor! Mein Hund! Sie kennen ihn.«

»Ich schicke ihn Ihnen«, sagte Dr. Emory entgegenkommend. »Wie ist die Adresse?«

»Zimmer siebenundachtzig. Clay-Straße, Bowheads Privathotel, Sie kennen den Ort, der Eingang ist um die Ecke durch das Bowhead-Café. Schicken Sie ihn mir, wohin ich auch komme – wollen Sie?«

»Gewiß«, sagte Dr. Emory, »und haben Sie nicht auch einen Kakadu?«

»Natürlich, Cocky! Schicken Sie mir beide, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

* * *

 

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