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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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7.
Paris und Bekanntschaft mit Proudhon und Marx

Die große Revolution Deutschlands hat im Beginn des sechzehnten Jahrhunderts stattgefunden; wir haben uns gewöhnt, sie als eine kirchliche Bewegung zu betrachten, während wir die große Französische Revolution von 1789 eine politische nennen. Alfieri macht gelegentlich darauf aufmerksam, daß die Heiligen und Märtyrer die Freiheitshelden ihrer Zeit und als solche verehrungswürdig waren, und das ist richtiger, als er selbst annahm. Die Empörer gegen Druck und Gewaltherrschaft nennen sich mit verschiedenen Namen; aber sie wenden sich immer zugleich gegen Knechtschaft des Geistes und Knechtschaft des Leibes, da Geist und Leib nun einmal zusammenhängen. Luther stürzte die damalige geistige Autorität, die katholische Kirche, und war zugleich der Ausdruck der emporstrebenden Bürgerschaft, obgleich er persönlich ein Gegner der mit der Herrschaft des Bürgerstandes sich entwickelnden Geldherrschaft war. So seltsam ist die Verflechtung von Zeit und Menschen, daß Luther der neuen Zeit den Boden bereiten mußte, während er zu den Anfängen zurückkehren wollte, und daß er, obwohl arm und jedem Bittenden mitteilend, was er besaß, für seine Person ein Kommunist, die kommunistischen Prinzipien, die mit der Versenkung in die Bibel und der Erinnerung an die erste Zeit des Christentums auftauchten, durchaus bekämpfte. Mit dem Jahre 1500 etwa war das Selbstbewußtsein der europäischen Menschheit voll entwickelt, drang wie ein Keil in die kollektiv gegliederten Völker, löste sie auf und entband eine Masse von einzelnen. Aus dieser Masse von einzelnen schieden einzelne aus, welche die Führung, Regierung und Verwaltung übernahmen, und es wurden aus der Masse allmählich mehr oder weniger gut regierte, passive Untertanen. Erst die Geldwirtschaft machte den reinen Individualismus mit dem Privateigentum möglich. Als in Frankreich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts der Dritte Stand zum herrschenden wurde, tauchten auch hier gleichzeitig kommunistische, auf die Bibel gegründete Ideen auf; allein die siegreiche Bourgeoisie unterdrückte sie blutig. Kein Land war so wie Frankreich erstarrt in der Idee des Individualismus und der Zentralisation; bei allen Reden von Freiheit und Gleichheit kam es tatsächlich doch nur auf straffere Zentralisation heraus, und gerade der Umstand, daß die großen Ideale der Revolution nur Schlagwörter waren und auch nur sein konnten, solange nicht die ganze Gesellschaftsordnung und Wirtschaft geändert wurde, machte die Revolution einem Deutschen wie Goethe widerwärtig.

Der Saint-Simonismus ging jedoch nicht spurlos unter, sondern hatte verschiedene Nachfolger, und in den dreißiger Jahren wurde inmitten einer reichen, wohllebenden Bevölkerung doch das Erblühen verschiedener sozialistischer Systeme nicht verhindert. Alle diese Systeme gingen von dem Elend der untersten Klasse, der Arbeiter, aus und suchten dies zu beseitigen und die Ausgestoßenen wieder in lebendige Verbindung und Wechselwirkung mit der besitzenden Gesellschaft zu bringen.

Im Sommer 1843, ein Jahr also bevor Michel Bakunin nach Paris kam, schrieb Heinrich Heine: »Die Kommunisten sind die einzige Partei in Frankreich, die eine entschlossene Beachtung verdient. Ich würde für die Trümmer des Saint-Simonismus, dessen Bekenner unter seltsamen Aushängeschildern noch immer am Leben sind, sowie auch für die Fourieristen, die noch frisch und rüstig wirken, dieselbe Aufmerksamkeit beanspruchen; aber diese ehrenwerten Männer bewegt doch nur das Wort, die soziale Frage als Frage, der überlieferte Begriff, und sie werden nicht getrieben von dämonischer Notwendigkeit, sie sind nicht die prädestinierten Knechte, womit der höchste Weltwille seine ungeheuren Beschlüsse durchsetzt. Früh oder spät wird die zerstreute Familie Saint-Simons und der ganze Generalstab der Fourieristen zu dem wachsenden Heere der Kommunisten übergehen und, dem rohen Bedürfnis das gestaltende Wort verleihend, gleichsam die Rolle der Kirchenväter übernehmen.«

Was in Deutschland nur unterirdisch glimmen, in Katakomben ein verstecktes, gefährdetes Leben führen durfte, äußerte sich in Frankreich frei unter Teilnahme angesehener, einflußreicher Menschen; es ist kein Wunder, daß es den revolutionären Deutschen als das Paradies der Freiheit erschien. Heine und gleichzeitig auch andere bemerkten, daß die europäische Menschheit sich jetzt weniger in Nationen scheide als in zwei große Parteien, die den Christen und Heiden, den Protestanten und Katholiken von einst entsprächen. Auch die deutschen Protestanten waren »vaterlandslose Gesellen« und fühlten sich enger den protestantischen Franzosen oder Engländern verbunden als ihren katholischen Landsleuten, die ihrerseits keinen Anstand nahmen, die katholischen Spanier oder Polen auf die deutschen Protestanten zu hetzen. So fühlten sich in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts diejenigen zueinandergehörig, die auf der Menschheit großer Linken standen, wie Gottfried Keller die Freisinnige Partei nannte, ob sie nun Polen, Italiener, Ungarn oder Deutsche waren, eins im Kampfe gegen die herrschende Gewalt. Diese war nun nicht mehr an die Kirche gebunden, deren Macht durch Luthers große Revolution gebrochen war, sondern war auf den Staat und die ihm dienenden Kräfte der Bourgeoisie übergegangen. Das Bewußtsein, daß in ihnen das Christentum neu erstehe, war in den Sozialisten sehr stark. Sowohl Saint-Simon wie Proudhon gingen ja von der Bibel aus, und Heine nannte Christus den himmlischen Kommunisten.

Bakunin wurde in Paris bald mit den freiheitlichen Elementen der Gesellschaft bekannt: George Sand, Victor Hugo, Lammenais; aber tiefen Eindruck machte ihm nur ein einziger Franzose, das war Proudhon.

Im Jahre 1839 stellte die Akademie von Besançon eine Preisfrage über die Sonntagsfeier, welche der ehemalige Buchdrucker Proudhon in denkwürdiger Weise beantwortete. Als Ausgangspunkt nahm er dabei die Bibel und die Einheit, welche zur Zeit des Moses im Volk Israel herrschte und welche seitdem aus der Welt verschwunden zu sein scheine. Die Sonntagsfeier sei von Moses eingesetzt, so sagte er, damit die Gemeinsamkeit in einer ewig heiligen Feier wieder verwirklicht und allen zum Bewußtsein gebracht werde. Er führte dann das schöne Gleichnis Christi an von dem Hausvater, welcher zu verschiedener Zeit Arbeiter in seinen Weinberg berief und, nachdem er sie alle gleich bezahlt hatte, zu dem Tadler die göttlichen Worte sprach: »Siehest du scheel, weil ich so gütig bin?« Hier findet Proudhon die Gleichheit als Forderung trotz der Verschiedenheit der Kräfte und Leistungen, welche bei gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Lohn zur Harmonie gebracht werden. Als Bedürfnis der Zeit erschien es ihm, einen Zustand zu finden, der weder Gütergemeinschaft, noch Freiheitsdespotismus noch Anarchie sei, sondern Freiheit in der Ordnung und Unabhängigkeit in der Einheit.

Diese Auffassung war es, die Michel anzog.

Die französischen Sozialisten, welche nach Saint-Simon auftraten, Fourier, Cabet und andere, arbeiteten Systeme aus, nach welchen das Leben bis in alle einzelnen Akte: Heirat, Wiederverheiratung, Spiel, Erholung, Schlaf, vorgeschrieben und ein Soldaten- oder Jesuitenhimmel eingerichtet war, in welchem man bald nach einem Tröpfchen des einstigen freien Elends geschmachtet haben würde. Diese Propheten waren Tyrannen, welche ihren Tugendstaat glücklicherweise nur auf dem Papier verhängen konnten. Proudhon wollte die persönliche Freiheit innerhalb der Harmonie des Ganzen gewahrt wissen. Dem Deutschen Karl Grün, der im Anfang der vierziger Jahre Proudhon in Paris besuchte, fiel es auf, wie sehr dieser Mann aus Hochburgund sich von den Franzosen unterschied, wie leicht es war, sich mit ihm zu verständigen, wie deutsch er wirkte; stammte er ja doch auch aus altem deutschen Reichsland.

In der Regel waren alle die Deutschen, die, angezogen vom Schall der französischen Freiheit und Humanität, nach Frankreich kamen, von den Franzosen bitter enttäuscht. Bei aller Geneigtheit, sich in französisches Wesen zu vertiefen, die Franzosen zu studieren und zu bewundern, konnten sie doch in kein Verhältnis kommen, da die Franzosen nicht ein Fünkchen Interesse für die Deutschen hatten, nur sich kannten und auch nichts anderes kennen wollten. Von der hochmütigsten Beschränktheit, hielten sie ihre kluge Gewandtheit innerhalb der Wirklichkeit für den Gipfel der Kultur, wie das nur dem Phantasielosen möglich ist. Auch Heine, obwohl er gut mit den Franzosen auszukommen wußte, empfand das und litt sehr darunter. Karl Grün nennt Proudhon den ersten vollkommen vorurteilsfreien Franzosen, der auch Sinn für die Deutschen besessen habe; er habe die Bildsamkeit und Entwicklungsfähigkeit der unteren Klassen besessen, denen er entstammte, habe nie an sich gedacht, nur mit Leidenschaft an die Sache, der er diente. Sein Äußeres war einnehmend, sein Gesicht offen, besonders auffallend die prachtvolle Wölbung der Stirn und die wunderbar schönen Augenbrauen. Der untere Teil des Gesichtes war energisch, massiv, der Wuchs groß und kräftig, der Eindruck im ganzen schön, heiter und sicher.

Welche Freude für Bakunin: Proudhon ließ sich von ihm in die Hegelsche Philosophie einführen. Sie wurden Freunde, und Proudhon besuchte ihn oft in der höchst bescheidenen Wohnung, die Michel mit Reichel teilte, und war unermüdlich, den einen Beethoven und den andern Hegel vortragen zu hören. Eines Abends wurde Karl Vogt, der damals auch in Paris war, der Phänomenologie überdrüssig und verabschiedete sich. Am anderen Morgen früh, er wohnte ebenfalls in der Rue de Bourgogne, kam er wieder, um mit Reichel, wie verabredet, in den Jardin des Plantes zu gehen; er hörte in Bakunins Zimmer sprechen, öffnete und sah zu seinem Erstaunen Bakunin und Proudhon wie am vergangenen Abend an dem nun erloschenen Kamin sitzen. Sie hatten die ganze Nacht dort gesessen und waren eben im Begriff, ihren Disput zu beenden.

Von allen Bekanntschaften, die Michel außerdem in Paris machte, war keine so wichtig für ihn wie die von Karl Marx. Marx ist 1818 in Trier geboren, also um vier Jahre jünger als Bakunin. Derselben Zeit angehörig, ist es nicht zu verwundern, daß er ähnliche Einflüsse erfuhr: Hegel und Feuerbach; merkwürdig ist, daß sie vielfach zu gleichen Ergebnissen kamen und daß doch die Essenz ihrer Ideen so entgegengesetzt war wie ihr Wesen. Marx, der Sprößling von Rabbinern, verfügte über den scharfen, zerteilenden, durchdringenden Verstand seiner Rasse. Alles, was er vornahm, unterwarf er seinem Verstande und machte es dadurch zum Leichnam; was er bearbeitete, wurde Vergangenheit, wenn es auch die Zukunft war. Seine Eltern, wohlhabend und gebildet, wünschten für ihren Sohn wieder Bildung und eine ansehnliche Laufbahn. Wie Michel betrübte und enttäuschte auch er seine Eltern dadurch, daß er seine außergewöhnliche Begabung nicht zur Erreichung der üblichen Ziele anwendete, sondern eigenwillig und scheinbar sinnlos damit wirtschaftete; gelegentlich warf ihm sein Vater Herzlosigkeit vor, gerade wie auch der alte Bakunin seinem Sohne gegenüber getan hatte. Die vernichtende Kritik, mit der Karl Marx sich als Jüngling gegen die Gesellschaft wendete, erwuchs nicht aus seiner Familie, es sei denn, daß sich der jüdische Geist seiner Vorfahren in ihm erhob, um die christliche Welt, die sie verachtet hatte, mit der gezähnten Säge ihres Verstandes zu zerfeilen, ihre innersten Eingeweide bloßzulegen und ihre Fäulnis nachzuweisen.

Seine mächtige Intelligenz stützte sich auf eine ebenso starke Willenskraft. Ein Russe aus Bakunins Kreise, der ihn in den vierziger Jahren in Paris kannte, schildert ihn folgendermaßen: »Marx stellte den Typus eines Mannes vor, der aus Energie, festem Willen und unerschütterlichen Überzeugungen zusammengesetzt ist, ein Typus, auch in seinem Äußeren höchst merkwürdig. Mit einer dichten, schwarzen Haarkappe auf dem Kopfe, haarbewachsenen Händen, schief zugeknöpftem Überzieher, hatte er dennoch das Äußere eines Mannes, der das Recht und die Macht besitzt, Achtung zu fordern, wie er auch auftreten und was er auch tun mag. Alle seine Bewegungen waren eckig, doch kühn und selbstbewußt. Alle seine Manieren widersprachen schroff den althergebrachten Sitten in gesellschaftlicher Beziehung. Sie waren jedoch stolz, gewissermaßen verächtlich, und seine grelle Stimme, die wie Metall klang, paßte merkwürdig zu seinen radikalen Urteilen über Personen und Dinge.«

Dieser unbeugsame, unnachgiebige Charakter war über die Möglichkeit jeder Bestechung irgendwelcher Art erhaben. Nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, die abendländische Welt könne nur durch das Proletariat erneuert werden, trat er dafür ein und hielt daran fest, ohne je zu schwanken. Er hatte ein Rechenexempel gelöst und demonstrierte es, wie man einen Befehl erteilt. Ein Zufall führte ihn zu gleicher Zeit wie Bakunin nach Paris. Die »Rheinische Zeitung«, deren Redakteur er gewesen war, wurde unterdrückt; dadurch brotlos geworden, begab er sich mit Arnold Ruge nach Paris, um gemeinsam mit diesem die »Deutsch-französischen Jahrbücher« als Fortsetzung der Halleschen herauszugeben. Durch Ruge, mit dem er seit Dresden befreundet war, wurde Bakunin mit Marx bekannt. Michel erfaßte die Bedeutung des Mannes für die gemeinsame Sache sofort, suchte seinen Umgang, hörte ihm zu und lernte von ihm. Schon die Gleichheit gewisser Überzeugungen war ein Band zwischen ihnen, der Scharfsinn, die Gelehrsamkeit, die Furchtlosigkeit, womit Marx sie vertreten hatte, imponierten Michel. Trotzdem wurden sie nicht eigentlich intim; beiden machte es sich fühlbar, daß sie nicht nur ganz verschieden waren, sondern im Grunde auch etwas ganz Verschiedenes wollten. Marx strebte Zentralisation an, noch mehr als schon da war, Bakunin Dezentralisation. Marx war ganz bewußt, Bakunin, eine religiös-romantische Natur, verehrte die unbewußten und unwillkürlichen Strömungen, die aus verborgenen Quellen im Menschen aufsteigen, auch wenn sie zerstören. »Er nannte mich«, so sagte Bakunin später, »einen sentimentalen Idealisten und hatte recht; ich nannte ihn einen finstern, treulosen und eitlen Menschen und hatte ebenfalls recht.« Bakunin war demokratisch, gesellig, Menschen waren seine größte, fast kann man sagen seine einzige Leidenschaft; Marx hatte außer Friedrich Engels, der sich ihm in allem anschloß und auch seine materielle Stütze wurde, keinen Freund. Der wissenschaftliche Begründer des internationalen Sozialismus war ein unvolkstümlicher, unwohlwollender Mensch; die breite, umfassende, chaotische Natur Michels war ihm unverständlich und stieß ihn eher ab.

Es kam dazu, daß sie in ihrem Verhältnis zur slawischen Frage sehr voneinander abwichen. Michel war zugleich wahrer Russe und wahrer Kosmopolit; Marx, obwohl Jude, war deutsch, wenigstens im Sinne des damaligen legitimen Deutschland, gefühlsmäßig nicht kosmopolitisch. Es hängt mit der Zentralisation zusammen: Marx schwebte ein straffer, mächtiger Einheitsstaat vor, nur daß die Arbeiter am Steuer stehen sollten, während es Bakunin darauf ankam, daß die kleinen Einheiten frei würden, um sich nach Belieben und Bedürfnis zu entwickeln. Er wünschte für alle slawischen Stämme, ob sie nun unter russischer, preußischer, türkischer oder österreichischer Herrschaft standen, die Freiheit, einerlei, ob sie groß oder klein, bildungsfähig oder nicht erschienen. Marx dagegen gestand nur den Russen und Polen und allenfalls noch den türkischen Slawen die Möglichkeit einer Zukunft zu. »Jetzt aber«, so schreibt er, »ist die politische Zentralisation infolge der gewaltigen Fortschritte der Industrie, des Handels, der Kommunikation noch ein viel dringenderes Bedürfnis geworden als damals im 15. und 16. Jahrhundert. Was sich noch zu zentralisieren hat, zentralisiert sich. Und jetzt kommen die Panslawisten und verlangen, wir sollen diese halbgermanisierten Slawen ›freilassen‹ wir sollen eine Zentralisation aufgeben, die diesen Slawen durch alle ihre materiellen Interessen aufgedrängt wird.« Man sieht, daß sich da zwei Menschen gegenüberstanden wie etwa der moderne Westen und der Orient: dem einen kam es auf Organisation, Ordnung, Gütererzeugung, Betrieb an, dem andern auf natürliches Menschenleben. Marx konnte sich das Leben nur in mächtigen, reichen, wohlgeordneten Staaten denken, die Bakunin überflüssig, ja dem wahren Leben schädlich fand. Im Grunde mochte Marx die Russen überhaupt nicht, vielleicht gerade weil er für sie an die Möglichkeit einer Zukunft glaubte.

Das Mißtrauen gegen die Russen machte sich auch bei anderen zum Schaden Bakunins geltend, sei es, daß man sie für Anhänger des herrschenden Despotismus, sei es, daß man sie für Nihilisten oder Barbaren hielt.

Mit Ruge entzweite sich Marx auch bald; aber zwischen Ruge und Bakunin kam es gleichfalls zu störenden Auseinandersetzungen. Sie betrafen namentlich Georg Herwegh, an dessen Liederlichkeit Ruge Anstoß nahm. Er fühlte zwar das Schöne in Bakunins Entgegnung: »Freunde kritisiert man nicht, man liebt sie«; aber er war Herwegh nicht Freund genug, um ihm gegenüber danach zu handeln. Was Bakunin außer der persönlichen Zuneigung an Herwegh fesselte, war, daß er sowohl wie seine Frau die Bestrebung zur Befreiung Polens mit ihm teilten, die viele Deutsche von ihm trennte. Die Zerstörung Rußlands und Österreichs als Staaten bezeichnete er jederzeit laut als ein Ziel seines Lebens. Wenn er sich daran erinnerte, daß die Slawen im Mittelalter überall von den Deutschen waren unterworfen worden und daß das zum Teil deshalb geschehen konnte, weil die Slawen friedliche Naturen und nicht machtsüchtig waren; wenn er an die Verachtung dachte, mit der die Deutschen die Slawen gerade wegen ihrer Unterwürfigkeit betrachteten und behandelten, so stieg ein unbändiger Haß gegen Deutschland in ihm auf, dasselbe Deutschland, das ihn wie ein Heiligtum zu sich gezogen hatte. Daran sollte sich kein Deutscher ärgern; es ist ebenso natürlich wie der Haß der Italiener gegen die Österreicher war. Man sollte es als ein wunderbares Beispiel betrachten, wie das Entgegengesetzte aus einer Brust quellen kann, ohne sie zu zerreißen. Das dem Verstande Unbegreifliche löst der lebendige Mensch lebend. Man kann und soll sein Vaterland lieben und zugleich die Menschheit; es bleibt ein Widerspruch, der Raum hat im handelnden Menschen. Haßten doch auch die Christen der Urzeit das heidnische Rom und sehnten sich, es in Trümmer zu schlagen, obwohl sie den Verkünder der Menschenliebe anbeteten.

Eine andere Frage ist die, ob die Russen wirklich das friedliche, zu Eroberungen gar nicht geneigte Volk sind, als welches Bakunin sie betrachtete. Custine sah in Rußland einen scheinbar schlummernden Koloß, welcher sich, sobald er genug Kraft gesammelt hätte, auf das westliche Europa werfen würde, um es zu beherrschen. Unterworfene Völker glauben immer friedfertig oder edel zu sein; auch die Italiener behaupteten, solange sie unter Österreichs Herrschaft waren, daß sie nie so verbrecherisch sein würden, andere Nationen zu vergewaltigen. Dem sei, wie ihm wolle: Michel glaubte an die Friedfertigkeit der slawischen Völker im allgemeinen, und daß er sie überall in gedrückter Lage sah, schien ein Beweis dafür zu sein. Sein Herz war aber so beschaffen, daß er ohne weiteres für die Gedrückten und Leidenden Partei nahm, so für das russische Volk gegen die herrschende Klasse, obwohl er selbst zu dieser gehörte, so für die Polen gegen die Russen, obwohl er selbst Russe war.

Die Anwesenheit polnischer Emigranten in Paris ermöglichte Michel die Anknüpfung vieler Beziehungen. Ebenso verkehrte er, wie sich von selbst versteht, im Kreise der Russen, die sich für kürzere oder längere Zeit in Paris aufhielten. Im Jahre 1847, Michel ging gerade dozierend neben einem Freunde auf der Straße, die Zigarre in der schönen weißen Hand, begegnete ihm Alexander Herzen, der eben angekommen war. Durch den Tod seines Vaters war er unabhängig und reich geworden und hatte unter Überwindung vieler Schwierigkeiten erreicht, einen Paß ins Ausland zu bekommen. Ihn begleiteten seine Mutter, seine Frau und seine Kinder und als Gesellschafterin eine junge, befreundete Russin, Maria Kasparowna Ern, die später Reichels zweite Frau werden sollte. Auch mit Bjelinski fand ein Wiedersehen statt, der im Sommer 1847 nach Paris kam. Die ehemaligen Streitigkeiten waren vergessen, die alte Liebe war unversehrt, und Michel faßte sofort den Plan, Bjelinski müsse im Auslande bleiben. Bjelinski indessen wollte nicht; er sei kein Kosmopolit wie Michel, trotz aller Hemmungen und Gefahren, die dort drohten, könne er nur in Rußland leben. So war der Freundeskreis von Moskau noch einmal versammelt; denn auch Turgenjew und Botkin waren in Paris, der glatzköpfige Botkin, dessen gebildete Gemütlichkeit Bjelinski so sympathisch fand, der Michels jüngste Schwester Alexandra liebte, aber nicht die Energie hatte, sie trotz des Widerstandes der Eltern, die den unebenbürtigen Kaufmannssohn ablehnten, zu erkämpfen. Bjelinski reiste zuerst wieder ab, den Tod schon sichtbar in der Brust, der ihn vor dem Ende im Kerker oder in Sibirien bewahrte, das die Regierung ihm schon bereitete. Wie einst in Moskau, wird Michel ihm den Kopf gestreichelt und gesagt haben: »Uns allen wird es schwer, sehr schwer, Wissarion, mein Täubchen, uns von dir zu trennen«, und wird ihm mit zärtlicher Traurigkeit nachgesehen haben, mit dem Taschentuch winkend, den er diesmal wirklich zum letztenmal gesehen hatte.

Bakunin war in Paris zu dem Schlusse gekommen, daß es nicht nur in Deutschland Philister gäbe; Frankreich schwärme davon wie von Maikäfern. Trotzdem aber, trotz der Phrasenhaftigkeit der Franzosen, die die Russen ebenso abstieß wie die Deutschen, trotz der nüchternen Behaglichkeit der Bourgeoisie verdichtete sich die Stimmung immer mehr zur Revolution. Am 6. September schrieb Michel an Herweghs, man fühle l'approche de l'orage. »Glaubt mir's, bald wird es gutgehen, unser Leben fängt bald an, und wir werden doch noch einmal so zusammen leben und wirken, breit und heiß, wie wir es alle drei nötig haben. Reichel ist verheiratet, zudem nicht gesetzlich, aber desto menschlicher. Ich aber warte auf meine oder, wenn ihr wollt, auf unsere gemeinschaftliche Frau, die Revolution. Nur dann werden wir wirklich glücklich, das heißt wir selbst sein, wenn der ganze Erdboden im Brande steht.«

Am 18. Oktober, nachdem die Russen ein Abschiedsfest für den abreisenden Botkin gefeiert hatten, schrieb er an Frau Herwegh: »Soll ich Ihnen auch diesen Abend beschreiben? Müssen die Russen Sie noch aus Paris bis nach Berlin verfolgen, selbst bis in diese traurige Stadt, wo die rohe russische Luft so herbstlich und unmenschlich weht? Sind Sie nicht der Russen müde und haben Sie nicht genug von der fruchtlosen Begeisterung, der platonischen Freiheitsliebe, dem schönen Grübeln ins Blaue hinein und allen den Sympathien und Bestrebungen, welche nur da weit in der Türkei und nach zwei oder drei Jahrhunderten ihre Realisierung finden, haben Sie nicht genug diese alte, abgenutzte Musik genossen, und soll ich Ihnen wieder das widerwärtige Lied vorsingen?«

So echt russisch Michel selbst in unendlichen Gesprächen war, verabscheute er doch das tatenlose Reden an seinen Landsleuten, und sein Hang zur Tat war vielleicht eigentümlich gefärbt durch das Bewußtsein der angeborenen Neigung, sich an Worten genügen zu lassen.

Bald darauf ergab sich ihm zum ersten Male die Gelegenheit eines öffentlichen Auftretens: am Jahrestage der polnischen Revolution, den die Polen feierten, hielt er eine Rede, in welcher er die Polen aufforderte, denjenigen Russen vertrauensvoll die Hand zu reichen, welche, wie sie selbst, den russischen Zaren, die gegenwärtige russische Regierung, als Feind der Freiheit bekämpfen.

Herwegh berichtet seiner Frau, die damals in Berlin war, Bakunin habe eine gute Rede leidlich abgelesen und großen Sukzeß gehabt. »Im Lager der liberalen Russen ist große Freude, sie haben wieder für einige Tage ein neues Steckenpferd und einen neuen Gegenstand der Unterhaltung. Denn au fond spielen sie doch nur, wenn sie auch die ernsthaftesten Gesichter schneiden, und die wirkliche Energie und Tatkräftigkeit geht im Schlampampen unter.«

Die Polenrede, eine durchaus vergebliche Aktion, da es Michel niemals gelang, die Abneigung der Polen gegen die Russen zu überwinden, wurde der Anlaß, daß Michel Paris verlassen mußte. Der russische Gesandte nahm Bakunins öffentlich ausgesprochene Kriegserklärung gegen die russische Regierung zum Vorwande, um seine Ausweisung aus Frankreich zu verlangen, und die französische Regierung war nicht weniger nachgiebig als die schweizerische. Er begab sich nach Brüssel, wo es ihm auch diesmal nicht gefiel und von wo aus er an einem der letzten Tage des Jahres einen langen, schönen, sehr charakteristischen Brief an den russischen Freund Annenkow schrieb, aus dem ich einige Stellen anführe.

»Brüssel ist nicht das, was Paris ist; bis jetzt ist es mir hier immer etwas leer und kalt, ungeachtet der sehr freundlichen Aufnahme. – Das Leben ist ein ganz anderes, eng, privat, von Begeisterung gar nicht zu reden. Hier gibt es kein Hingerissenwerden und kann es auch nicht geben, weil es nicht dies unsichtbare Milieu, diese unsichtbaren Kräfte gibt, welche in Paris jeden durchdringen und aufrechterhalten, ihn mit allen vereinigen, wie isoliert er auch leben möge. Schade um Paris, schade um Euch alle, ich erkannte erst hier, wie ich Euch alle lieb habe. Gott weiß, wann und wie ich Euch wiedersehen werde, aber wir wollen einer den andern nicht aus dem Gesicht verlieren, wollen nicht aufhören, voneinander zu hören – nicht wahr, Annenkow? Wir werden die alten bleiben, unser Kreis wird sich nicht so leicht ausbreiten wie in der Jugend, und Vereinsamung ist furchtbar.

... Beinahe mein ganzes Leben wurde bis jetzt nur durch unfreie Wendungen bestimmt, unabhängig von meinen eigenen Voraussetzungen; wohin es mich führen wird, weiß ich nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht umkehren kann und daß ich meine Überzeugungen nie ändern werde. Darin liegt meine ganze Kraft und mein ganzer Wert, darin auch die ganze Wirklichkeit und die ganze Wahrheit meines Lebens, darin mein Glaube und meine Pflicht, das übrige bekümmert mich nicht, es soll werden, wie es will. Das ist meine Beichte. Sie werden wohl sagen, in all dem stecke viel Mystizismus – wer ist denn kein Mystiker? Gibt es denn eine Spur von Leben ohne Mystizismus? Nur dort ist Leben, wo es einen unbegrenzten und daher etwas mystischen Horizont gibt. Wahrlich, wir alle wissen fast nichts, wir leben in einer lebendigen Sphäre, von Wundern und Lebenskräften umgeben, und jeder unserer Schritte kann sie ohne unser Wissen und oft sogar unabhängig von unserem Willen zutage fördern ... Sie sind Skeptiker, ich bin gläubig ...

Marx treibt hier dieselbe eitle Wirtschaft wie vorher, er verdirbt die Arbeiter, indem er Räsoneurs aus ihnen macht, derselbe theoretische Wahnsinn und die unbefriedigte, mit sich selbst unzufriedene Selbstzufriedenheit. Sie können sich kaum vorstellen, wie ich mich nach Reichel sehne ...«

Auf der Schwelle des verhängnisvollen Jahres, den Hauch des tragischen Schicksals spürend, das sich dunkelwolkig ansammelte, blickte er, obwohl entschlossen, dem Wink zu folgen, noch einmal liebevoll zurück auf die von Freundschaft und Hoffnung geschmückten Jahre.

Ich will aus jener Zeit noch eine charakteristische Anekdote erzählen, die der Naturforscher Karl Vogt uns aufbewahrt hat. Dieser brachte im Jahre 1847 einige Herbstwochen in St. Malo zu, um die Meerfauna zu beobachten, und die Herweghs und Bakunin hatten sich zu ihm gesellt. Zum Frühstück, das die Freunde zusammen einzunehmen pflegten, wurden Garnelen, eine Krabbenart, verzehrt, wobei Bakunin großen Appetit zu entfalten pflegte. Eines Tages kam Bakunin in sehr aufgeregter Stimmung vom Baden zurück und erzählte, er habe ein Tier entdeckt, wie er noch nie eins gesehen habe, ein höchst wunderbares, krokodilartig, aber mit Hörnern versehen. Da Karl Vogt begierig wurde, diese Ausgeburt kennenzulernen, holte Bakunin seinen Fund herbei, den er in seiner Wohnung in einem Glase aufbewahrt hatte. Zur allgemeinen Heiterkeit wurde in dem Fabeltier dieselbe Krevette erkannt, die Bakunin beim Frühstück so gut schmeckte, wovon dieser sich aber erst überzeugen ließ, als er es gekocht und zum Speisen hergerichtet vor sich sah.

Fühlt man, welche tiefe Wesenseigentümlichkeit sich in dieser kleinen Geschichte offenbart? Ein kindliches Hingegebensein an die lebendige Erscheinung und zugleich ein Fernsein von der Wirklichkeit, das man Blindheit nennen könnte. Er geht, in eine Wolke eingehüllt, mit seinem Traum; aber er bleibt nicht allein, sondern greift mit Leidenschaft nach diesem und jenem, was ihn umgibt, und erkennt es überraschend klar und genau, aber im Zauberlichte seines Traumes.

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