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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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6.
Freundschaftliche Beziehungen und erste Berührung mit dem Kommunismus

In Dresden lebte ein junger Musiker namens Adolf Reichel. Er war der Sohn eines ostpreußischen Gutsbesitzers, den ausgesprochene musikalische Begabung früh auf eine bestimmte Laufbahn getrieben hatte, der er unentwegt treu blieb. Er war kein originelles, bahnbrechendes Genie, aber er hatte ein unbestechliches Gefühl für das Schöne und Große und war eine harmonische, sicher in sich ruhende Natur. Seine Persönlichkeit muß einen großen Reiz ausgeübt haben, denn er wurde, wohin er kam, sogleich beliebt. Heiter, witzig, liebenswürdig, auf alles eingehend, belebte er jede Geselligkeit, und seine Tüchtigkeit als Künstler wie als Mensch verlieh der Neigung das solide Fundament. Eines Tages überraschte diesen Reichel ein eigenartiger Besuch: Drei riesenhafte junge Männer, Russen, traten in sein Zimmer, um so überwältigender für ihn, als er selbst zierlich war; es waren Iwan Turgenjew, Michael Bakunin und sein jüngerer Bruder. Man kam schnell in eine lebhafte Unterhaltung und musizierte auch; das war für Michel, dem Musik über alles ging, eine starke Anziehung. Kurze Zeit darauf kam er allein und sagte zu Reichel: »Ich bin verwaist, Turgenjew und mein Bruder sind fort, nun müssen Sie mich aufnehmen.«

Dies war der Beginn einer Freundschaft, die ein schicksalvolles Leben durchdauerte bis zum Tode des einen und im Gedächtnis des anderen fortlebte, bis auch er starb. Sie schlug so blitzartig ein, wie die Liebe zuweilen tut; übrigens lag in Michels Freundschaftsgefühl immer etwas von der Zärtlichkeit der Liebe, und so wurde sie auch erwidert. Sucht man nach einer sachlichen Verbindung, so war wohl die Musik da; aber Michels politische und soziale Interessen teilte Reichel nicht. In bezug auf das Leben der Allgemeinheit hatte er keine bestimmten Überzeugungen und fühlte sich nicht berufen, in dasselbe einzugreifen. In jenem verbrüderten Menschenreiche ohne staatliche Grenzen, wo man keines Passes bedarf und nicht nach der Nationalität fragte, lebte er sowieso, Musik konnte er überall hören und überall ausüben.

In der ersten Zeit verkehrte Michel auch in Dresden in den offiziellen hohen Gesellschaftskreisen; er hatte durchaus noch die Allüren des adligen Artillerieoffiziers und wurde überall gern empfangen. Wie er aber allmählich mit Gesinnungsgenossen bekannt wurde, ließ er jene Beziehungen liegen. Die beiden bedeutsamsten Freunde, die er außer Reichel gewann, waren Arnold Ruge und Georg Herwegh. Beide waren jung, unternehmend, genußfähig. Der blonde Pommer Ruge, tatkräftig, eine saftige, sympathische Natur, war ein Jünger Hegels und Herausgeber der Halleschen Jahrbücher, in denen Hegel verherrlicht und ausgelegt wurde, natürlich vom Standpunkte der revolutionären Linken aus. Hier trat Bakunin als philosophisch-politischer Schriftsteller auf mit einem Artikel über die Reaktion in Deutschland, der mit den später oft angeführten Worten endete: »Laßt uns also dem ewigen Geiste vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er der unergründliche und ewig schaffende Quell alles Lebens ist. Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust.« Zum ersten Male erscheint hier die für ihn so charakteristische revolutionäre Trunkenheit und Todesberauschtheit, die mänadische Verschmelzung höchster Wonne und Vernichtung. Kein genialer Mensch ist ohne diese denkbar; denn was er Neues bringt, muß über überlebte Hindernisse hinweg sich Bahn brechen. Auch aus manchen Worten des Erlösers schlägt die Flamme, die wie eine Fahne des Triumphes über Trümmern weht, aus denen sie sich nährt; aber im damaligen Deutschland überhörte man diesen Geist in den offiziell heiligen oder klassischen Büchern und entsetzte sich vor ihm, wo er sich aufdrängte. Begeisternd wirkte der Artikel auf Herzen, der ihn in Moskau las, ohne zu ahnen, wie nah ihm der Verfasser stand; denn Bakunin hatte mit dem Namen Jules Elyzard unterzeichnet. Herzen war erstaunt, daß ein Franzose so viel Verständnis für deutsche Philosophie habe, und glaubte, aus dieser Verbindung Großes prophezeien zu können.

Arnold Ruge freute sich, in dem jungen Russen einen geübten Philosophen gefunden zu haben, der den Altmeister durch und durch begriffen hatte und erklären konnte; aber er hatte auch Verständnis für das menschlich Liebenswürdige, wie für das Unberechenbare, Wilde in Michel. Nicht einmal, daß der stets Geldlose 2500 Taler entlehnte und nicht zurückgab, entfremdete ihn Ruge dauernd, dem es doch damals ein erhebliches Opfer bedeutete, die Summe zu missen. Noch ein Menschenalter später erinnerte sich Ruge, wie, wenn sie sich spät abends nach lebhaften Gesprächen auf der Dresdener Promenade trennten, Bakunin da, wo Rußland anfing und Deutschland aufhörte, wie er zu sagen pflegte, ihm mit seiner wohllautenden Stimme eine Lieblingsstelle aus den Hugenotten vorsang:

Er nahm den Säbel in die Rechte
Und eilte mutig zum Gefechte:
Es lebe der Vater Coligny!

Noch inniger als mit Ruge wurde das Verhältnis mit Herwegh, der heimlich nach Dresden kam und in Bakunins geräumigen Zimmern untergebracht wurde. Herwegh hatte, wie Michel, nicht nur revolutionäre Überzeugungen, sondern ein revolutionäres Temperament. Der Schwung in seinen Gedichten ist echt und hinreißend. Dazu kam, daß es sich bequem mit ihm leben ließ und daß er nichts Kleinliches hatte; es machte ihm Spaß, die Philister zu verblüffen, er war frei von Vorurteilen und ging nicht mit der Säge der Theorien und Systeme an die lebendigen Erscheinungen. Seine Sinnlichkeit erhöhte die Fülle des Menschlichen; erst später, als die Flamme des Geistes erlosch, setzte sie kaltes Fett an. Er war, als Michel ihn kennenlernte, verlobt mit Emma Siegmund, der Tochter eines reichen, konservativen Berliners, die womöglich noch revolutionärer war als er selbst. Sie sah in Herwegh nicht nur einen großen Dichter, sondern auch den Helden, der berufen war, Deutschland zu befreien, und hielt ihn von keinem draufgängerischen Unternehmen zurück, trieb ihn vielmehr noch an. Beide, Herwegh und seine Braut, standen auf Seiten der Polen in ihren Bestrebungen, sich von Preußen loszureißen, und das fiel für Bakunin ins Gewicht, der lebhafte Sympathie für die Polen hatte. Zu seinem Ärger wurde sie nicht von allen deutschen Freiheitsfreunden und Revolutionären geteilt, worin er eine unerhörte Unfolgerichtigkeit sah.

So war Michel nun das Glied eines Kreises von Menschen geworden, die auf ein Ziel hinarbeiteten, das, so verschieden es sich auch jedem im einzelnen vorstellen mochte, mit dem einen großen Namen der Freiheit benannt werden konnte. Was in Deutschland an hervorragenden jugendlichen Kräften lebendig war, gehörte dieser Verbrüderung an, fühlte sich fähig zu jedem Opfer, jeder Tat, und dies Gefühl war kaum von einem Zweifel, durchaus von zuversichtlicher Hoffnung begleitet. Was ihm seit seiner frühen Jugend vorschwebte, eine religiöse Bruderschaft, darin war er aufgenommen, und vor dieser beglückenden Tatsache schwanden die Zukunftspläne, die ihn nach Deutschland geführt hatten, ohne weiteres dahin. Vom Studium der Philosophie und der Professur in Moskau war nicht mehr die Rede: Der Augenblick regierte.

Da Herwegh, der aus Preußen ausgewiesen war, sich auch in Sachsen nicht sicher fühlte und es vorzog, nach der Schweiz zu gehen, schloß sich Bakunin ihm an. Von Zürich aus schrieb er an Emma Siegmund: »Es scheint mir jetzt, daß unsere Flucht aus Dresden, besonders die meinige, etwas überstürzt war, aber ich bereue es gar nicht – ich mag immer gern meine Existenz erneuern ... ich betrachte diese Ruhe, nach der man sich so sehnt, als das größte Unglück, das einem Menschen begegnen kann.« Er habe kein Vaterland mehr, fährt er fort, seit er das seinige aufgegeben habe, und gehe, dem Ewigen Juden ähnlich, folgsam dahin, wohin sein Schicksal und sein Glaube ihn riefen. Einige Monate später, im März 1843, war er Brautführer bei Herweghs Hochzeit in Baden, zusammen mit jenem Dr. Henle, dessen Liebes- und Heiratsgeschichte mit einem schönen Dienstmädchen, das er im Hause eines Freundes kennengelernt hatte, Gottfried Keller in einer Novelle der Sinngedichte verewigt hat.

Ungefähr um diese Zeit siedelte aus dem Waadtlande der merkwürdige Schneidergeselle Wilhelm Weitling nach Zürich über, dessen Bekanntschaft für Bakunin wichtig wurde. Weitling war der uneheliche Sohn eines französischen Offiziers und eines deutschen Mädchens aus dem Volke, wie so oft Kinder aus der Verbindung nationaler Gegensätze von genialer, aber hart am Rande des Irrsinns sich bewegender Begabung. Von großem Wuchs, mit feingeschnittenem, kühnem Gesicht, fiel er schon äußerlich auf; das Gefühl seines Wertes und seiner Abkunft ließen ihn unter dem Elend seiner Kindheit und der Zurücksetzung, die sein Stand mit sich brachte, doppelt leiden. In Frankreich nahm er kommunistische Ideen auf und verarbeitete sie selbständig; im Dezember 1842, also ganz kurze Zeit ehe Herwegh und Bakunin nach Zürich kamen, erschien seine bedeutendste Schrift: »Garantien der Harmonie und Freiheit«. Sie enthält die Kritik der bestehenden Gesellschaft und den Plan einer neuen, auf Geistesgemeinschaft begründeten, welche auf französische Art wie eine wohlgemeinte Zuchtanstalt gedacht ist und lauter wohlmeinende Menschen voraussetzt. Sieht man von diesen utopischen Vorschlägen ab und hält sich nur an den Grundgedanken des Buches und seine Form, so packt einen der energische Gang, mit dem er auf sein Ziel losgeht, die in Galle und Blut getauchte Feder. Da ist nichts von der Behutsamkeit, der Umständlichkeit, dem Einerseits-Andrerseits des gebildeten Gelehrten; er schreibt weniger, als daß er spricht, sein Gegenüber im Auge, mit Leib und Seele bei der Sache. Wie Saint-Simon und Proudhon geht er von der Bibel aus, die er scharfsinnig auslegt und benutzt, das Gefühl, berufen zu sein, hebt ihn, erinnert aber noch nicht an Größenwahn.

Durch das Buch und die persönliche Bekanntschaft Weitlings trat Bakunin der Idee der Gütergemeinschaft zum ersten Male näher. Ein Artikel über Kommunismus im »Schweizerischen Republikaner« ist ihm mit ziemlicher Sicherheit zuzuschreiben. Er sagt darin, daß er kein Kommunist sei, daß er in einem Staate, wie Weitling ihn wünsche, nicht würde leben können; denn das sei keine Gesellschaft von freien Menschen, sondern von Tieren, die nur das Materielle im Auge hätten und durch unerträglichen Zwang zusammengehalten würden. Trotzdem sei der Kommunismus eine Weltfrage, eine gefährliche Frage, gefährlich gerade deshalb, weil er Wahrheit enthalte und in den Mängeln des bestehenden Staates seine Ursache habe. Er entkräftete dann den Vorwurf, den man Weitling machte, daß er die Bedeutung der Nationalität verkenne, Kosmopolit sei. Jede große geschichtliche Erscheinung müsse zunächst einseitig auftreten, weil das Alte zur Zeit ihres Erscheinens seinen Begriff nicht rein erfülle; so sei das Christentum im Anfang der Kunst feindlich gewesen. Der jetzige Nationalismus erfülle seinen Begriff nicht, da die Nationen sich nicht als organische Blüten am Baume der Menschheit betrachteten, sondern sich engherzig der Idee der Menschheit entgegenstellten. Die Idee der Menschheit über den Nationen sei gerade das, was das Christentum Neues, Großes, ewig Wahres gebracht habe. Der Kosmopolitismus der Kommunisten habe übrigens nichts gemein mit dem des 18. Jahrhunderts, der kalt, reflektiert, ohne Boden und Leidenschaft gewesen sei.

Die Verwirklichung der freien und brüderlichen Gemeinschaft sei das hohe Ziel der Philosophie, die Verwirklichung einer ursprünglicher Gleichheit entsprossenen Gemeinschaft freier Menschen, der wahre Kommunismus mache das Wesen des Christentums aus. Nicht im einzelnen, nur in der Gemeinschaft sei Gott gegenwärtig. Kommunismus in diesem Sinne könne nicht mehr mit Gewalt unterdrückt werden. Ein revolutionärer Kampf stehe bevor, der keinen politischen, sondern prinzipiellen, religiösen Charakter habe; es handle sich um eine neue Religion.

Dieser Kommunismus werde aus dem Volke hervorgehen, wie alles Große aus dem Volke komme; wer dem Volke fremd sei, dessen Tun sei mit dem Fluche der Impotenz behaftet; auch Christus und Luther seien aus dem Volke gewesen.

Diese Betrachtung tritt nun zum ersten Male bei Michel auf. Dachte er an sich selbst, so mußte ihm zum Bewußtsein kommen, daß er durch Geburt und Erziehung der höchsten Schicht der Gesellschaft angehörte, und er mußte nach Berührung mit dem Volke streben.

Michel war, obschon vom Scheitel bis zur Sohle Aristokrat, mit seinen schöngeformten, weißen, ungeschickten Händen, seiner Unfähigkeit zu arbeiten, eine volkstümliche Natur. Standesunterschiede gab es für ihn tatsächlich nicht. Fast alle Menschen verraten im Verkehr mit Hochgestellten Anerkennung ihrer hohen Stellung, sei es nun, daß sie sich als Bewunderung oder Verachtung, als Neigung oder Hohn und Ironie kundgibt, im Verkehr mit Niedrigeren das Bewußtsein des niedrigen Standes entweder durch Herablassung oder durch besondere Höflichkeit oder zarte Rücksicht; bei Michel nichts davon, weil er es wirklich nur mit dem Menschen zu tun hatte. Der andere fühlte wohl die Kluft, er nicht. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, irgendwie von seinem Adelstitel Gebrauch zu machen; vielleicht wäre er wirklich lieber Bauer gewesen. Turgenjew erzählt, um diese Eigenschaft zu beleuchten, wie sie einmal in Paris zur Zeit der Revolution einem Arbeiter begegnet wären; der eigensinnig behauptet habe, das Gelingen der Revolution hänge davon ab, daß ein paar hundert Häuser demoliert würden. Michel habe sich mit diesem Manne, den jeder andere, jedenfalls Turgenjew selbst, als einen Narren hätte stehenlassen, auf einen Stein gesetzt und eine halbe Stunde lang auf ihn eingeredet, um ihn zu überzeugen, daß die Freiheit mit den fraglichen Häusern nichts zu tun habe.

Es genügte ihm nicht, daß er mit verschiedenen Arbeitern, Mitgliedern des Deutschen Arbeitervereins in Lausanne, in freundschaftliche Beziehung trat, er wünschte selbst ein Handwerk zu erlernen, und zwar wollte er Zimmermann werden. Ob ihn dabei die Erinnerung an Peter den Großen leitete, dem er äußerlich gleichen sollte, weiß ich nicht. Es wurde nichts daraus, und wir haben auch keine Ursache, zu bedauern, daß es keine Bakuninschen Schränke gibt, obwohl es sicherlich originelle Ungeheuer geworden wären.

Sonderbar berührt es zu denken, daß zu gleicher Zeit im Berner Oberlande der Pfarrer Bitzius lebte, der alles das, wonach Michel so leidenschaftlich strebte, mit derselben Leidenschaft bekämpfte, verwandte Naturen, die auch im Grunde ähnliches wollten, und dennoch Gegner auf Leben und Tod gewesen wären, wenn sie sich gekannt hätten. So können Menschen aneinander vorbeileben und vorbeisprechen; es wäre bitter zu denken, wenn man nicht an ein Geisterreich glaubte, wo die Hohen aller Zeit sich ohne Worte unmittelbar verstehen.

Inzwischen war Reichel auf dringende Rufe Bakunin in die Schweiz gefolgt, und die beiden Freunde unternahmen zusammen mit einem dritten, August Becker, eine Fußwanderung durch die Berge. Die Stationen waren Chamonix, Martigny, Rhônetal, Bad Leuk, Gemmi, Thuner See, Grindelwald, Meiringen, Haslital, Grimsel, Rhônegletscher, Furka, Bern, und wer je diese Gegend durchreiste, kann sich die Wanderer vorstellen und den Glanz ihrer Jugend und Hoffnung, widergestrahlt vom silbernen Spiegel grandioser Natur. August Becker, der Rotbart genannt, war mit Michel gleichaltrig, zum Kameraden sehr geeignet durch seine phantastische Munterkeit und Lust zu guten und schlechten Witzen. Es wurde verabredet, daß jeder einen Tag lang die Führung hätte; an Michels Tage lebte man en grand seigneur, an Reichels Tage en bon bourgeois, an Beckers als Kommunist, indem man Kartoffeln aß und auf Heuschobern übernachtete. Michels Tage verzehrten so viel, daß auf der Grimsel das Geld ausging, es konnte aber eine Anleihe von hundert Franken beim Führer gemacht werden, dessen Vertrauen sie augenscheinlich erworben hatten. In Bad Leuk war die Bekanntschaft einer schönen Dame gemacht worden, die Bakunin durch ein Ständchen auszuzeichnen wünschte. Auf seine Anregung schleppten sie ein Klavier unter ihr Fenster, auf welchem Reichel eine Verschmelzung von »Du, du liegst mir im Herzen« und der Marseillaise improvisierte. Die Fahrt endete in Bern, der schönen, stolzen Stadt, die für Michel und Reichel ein denkwürdiger Zufluchtsort wurde. Durch Follen, den Bakunin in Zürich kennengelernt hatte, waren sie an das gastliche Haus des Professors Karl Vogt empfohlen, das allen politischen Flüchtlingen, der schwarzrotgoldenen Fahne getreu, seine Türen öffnete. Die Seele des Hauses war die warmherzige, großgesinnte, humorvolle Frau Vogt, Follens Schwester, die die beiden Ankömmlinge, besonders Michel, bald als einen der ihren betrachtete. Ihre Gastfreiheit, die nie rechnete, ihre Unbekümmertheit, die nie an den Eindruck dachte, den sie selbst machte, wenn sie nur dem andern wohltun konnte, ihre Vorurteilslosigkeit, ihre Frische machten sie Michel vertraut und verehrungswürdig. Die Söhne, alle jünger als Michel, schlossen sich ihm an und blieben ihm und Reichel durch das ganze Leben befreundet, besonders der jüngste, Adolf.

Diesem frohen Winter wurde dadurch ein Ende bereitet, daß der russische Gesandte Bakunin im Namen des Kaisers aufforderte, nach Rußland zurückzukehren, wo er wegen seines Umgangs mit berüchtigten Übeltätern vor Gericht gestellt werden sollte. Damit waren Weitling und seine Anhänger gemeint. Die Kommunisten wurden nicht nur in den eigentlich reaktionären Staaten, Rußland und Deutschland, verfolgt, sondern auch in der Schweiz. Die Regierung geriet in ernstliche Aufregung wegen des unglücklichen Weitling, der auch seinerseits immer hitziger wurde, und lieferte ihn zuletzt an Preußen aus. Sein späteres Schicksal war trübselig; er warf sich ganz auf die Erfindung einer Weltsprache, die er für das notwendigste Mittel zur Herstellung des allgemeinen Völkerglücks erklärte. Im Jahre 1871 ist er in Amerika gestorben.

Da Michel, wie er sich selbst einmal ausdrückte, die Geschmacklosigkeit hatte, den freien Aufenthalt im Westen Sibirien vorzuziehen, lehnte er die Aufforderung des russischen Gesandten ab, wodurch er endgültig von seinem Vaterlande getrennt war. Rückkehr gab es nun für ihn nicht, solange Kaiser Nikolaus lebte. Im Grunde freilich hatte sich diese Tatsache schon vorher vollzogen: Michel hatte sein Geschick bereits mit dem Schicksal des Westens, mit der europäischen Revolution, verflochten, in der Rußland keine unmittelbare Rolle spielen konnte. Deswegen hörte er doch nicht auf, das Schicksal seines Volkes im Herzen zu tragen. Sein nächstes Bestreben war, die polnische Revolution zu schüren und sich mit den russischen Revolutionären in Verbindung zu setzen. Da für beide die russische Regierung der gemeinsame Feind war, schien ihm ein Zusammenwirken natürlich, und keine Enttäuschung, die die Engherzigkeit der Polen ihm bereitete, konnte ihn von seiner Einbildung heilen. Gab der polnische Adel doch lieber die ersehnte Freiheit preis, als auf seine Vorrechte zu verzichten und die leibeigenen Bauern freizugeben, womit ihm dann die russische Regierung, um die Revolution zu lähmen, zuvorkam.

Es wurde Michel um so leichter, die Schweiz zu verlassen, als Reichel sich ihm anschloß. Sie begaben sich nach Brüssel, von wo es Michel, da es ihm dort nicht gefiel, nach dem nahen Paris zog. Auch dorthin mitzugehen, ließ Reichel sich bewegen, wenigstens für ein paar Wochen; anstatt dessen blieb er vierzehn Jahre dort, während Bakunin, der an einen dauernden Aufenthalt dachte, nach drei Jahren ausgewiesen wurde.

Aus der ersten Pariser Zeit gibt es einige charakteristische Briefe Michels, die ich anführe.

 

An August Becker

»Die Handlungsweise der Züricher Regierung mit Weitling ist infam, sie hat mich ganz traurig und wütend gemacht; das sind ganz eigentümliche Früchte der schweizerischen Eigentümlichkeit ... Aber die Schweiz ist doch ein lumpiges Land, sie handelt ungastlich gegen Schwache und Waffenlose und respektiert die Gesetze da, wo es heilige Pflicht ist, das Gesetz zu brechen. Wo ist jetzt Weitling? Ist er wirklich Preußen ausgeliefert worden? Dann ist er verloren, und nur eine allgemeine Erschütterung Deutschlands kann ihn retten. Es ist schade um ihn – schade für ihn und die Sache! Schreibe mir alles, was Du von ihm weißt.

Was Dich betrifft, so wird mich kein Zeitungsartikel, von wem er auch geschrieben sei, und noch sonst was anderes, irremachen können. Wen ich kenne, den kenne ich, und wen ich liebe, den liebe ich, ohne mich nach anderen zu kehren. Meine Liebe zu einem Menschen ist mir der beste Beweis seiner edlen menschlichen Natur, andere Beweise brauche ich nicht. Dennoch freue ich mich, daß Du Dich entschlossen hast, die alten Klatschweiber, welche an der Spitze der deutschen Zeitungen stehen, zum Schweigen zu bringen; Gott segne Dich und gebe Dir die Kunst, ohne Schimpfereien energisch zu sein. Grüße Schmidt von mir – sage ihm, daß ich an meinem unsterblichen Werke immerfort arbeite ...

Das weiß ich nur, daß einer der deutschen Kommunisten – ich glaube der Pariser Korrespondent – die sonderbare Mission zu haben glaubt, allen und besonders den deutschen Radikalen bis in den kleinsten Punkten ihres Lebens und Wirkens aufzupassen. Dies wäre noch nichts; aber was das Lächerliche ist, daß er das Ruge und andern feierlich erklärt hat; Ruge hat ihn beinahe zur Tür hinausgeworfen und hatte dazu nach meiner Meinung vollständiges Recht; daß die Leute noch so wenig Sinn für die ersten Forderungen der menschlichen Würde und der menschlichen Freiheit haben. Die französischen Kommunisten sind in dieser Hinsicht viel weiter, viel humaner, viel stolzer und freier. Sie sind voll Würde und Selbstgefühl, und darum haben sie auch Sinn für Würde und Freiheit anderer.«

 

An Reinhold Solger

»Ein gewisser Herr Börnstein, dessen Bruder Redakteur des ›Vorwärts‹ ist, und der mir hier ein Zimmer gemietet, schickt seine Frau, welche Theatersängerin ist, nach Bern, wo sie den Winter zu bleiben die Absicht hat, um sich recht viel Geld zu ersingen. Als er hörte, daß ich mit Dir bekannt und befreundet bin, ließ er mich nicht eher ruhig, bis ich ihm einen Empfehlungsbrief zu Dir versprochen hatte. Er selbst ist kein besonders interessanter Mensch – seine Frau scheint das Edle der Weiblichkeit noch nicht recht begriffen zu haben – vielleicht aber hat sie eine schöne Seele, ich kenne sie nicht und überlasse Dir das weitere Studium dieses Frauenzimmers. Sieh sie einmal an. Wenn sie Dir gefällt oder interessant erscheint, beschäftige Dich mit ihr, im entgegengesetzten Falle aber laß sie laufen. Das ist die einzige Empfehlung, die ich ihr nach meinem Gewissen geben kann. Sie singt wie eine Katze auf dem Dache, für das Theater in Bern ist sie aber gut genug.

... Du weißt, daß ich verurteilt, meiner Adelstitel unwürdig erklärt und als Gemeiner nach Sibirien geschickt worden bin. Nun habe ich die Geschmacklosigkeit, die Pariser Luft der sibirischen vorzuziehen ...

Der Kleine [damit ist Reichel gemeint] hat große Fortschritte gemacht; ich habe auch viel gelernt, bin Franzose geworden und arbeite sehr fleißig an einem Exposé et développement des idées de Feuerbach. Studiere viel politische Ökonomie und bin Kommunist von ganzem Herzen. Der Kleine hat schon Stunden zu zehn und zwölf Franken; mir sind auch Stunden in russischer Sprache bei russischen Familien auch zu zehn und siebeneinhalb Franken versprochen worden. Außerdem hat man mir von Rußland aus etwas Geld geschickt mit dem friedlichen Versprechen, meiner trübseligen Lage ein entscheidendes Ende zu setzen. O Gott, o Gott! da werde ich meine Schulden bezahlen und ein freier Mensch werden! Es geht gut mit uns, wir arbeiten viel, hoffen und erwarten viel und sind fröhlich und mutig. Willst Du uns nicht Gedichte von Dir für den ›Vorwärts‹ schicken? Der ›Vorwärts‹ ist noch ein lumpiges Blatt, aber es wird bald gut werden.«

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