Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
Schließen

Navigation:

5.
Deutschland um 1840

Frühlingsstürme rauschten um das Jahr 1840 durch Deutschland, durch Europa. Welche Schmach, daß wir Deutschen diese Blüte des Jahrhunderts, mit ihr die edelsten Namen, verleugneten, daß wir nicht etwa nur die Besiegten und Untergegangenen noch bekämpften und verschütteten, sondern sie dem Gelächter oder der Verachtung preiszugeben suchten. Wir, die wir mit dem Jahre 1870 begannen, nannten die großen Gedanken der Freiheit und Brüderlichkeit entweder lächerlich oder verbrecherisch, und während wir uns um Erfolg oder Geld oder, wenn wir ideal waren, um eine literarische Richtung ereiferten, spotteten wir oder entrüsteten wir uns über jene, die auf den Barrikaden der Revolution verblutet waren. Wir besaßen einst eine heroische Jugend, die bereit war, für ihre Götter zu sterben, und starb; nicht nur, daß ihre Zeitgenossen sie einsperrten, marterten und töteten, wir entehrten auch ihr Gedächtnis und zogen ihre Schatten noch in den Staub. Es sollte keine andere Tugend gelten, als vom gesicherten Throne des Besitzes aus die bestehende Macht zu verehren.

Es gibt zwei Geschlechter von Göttern und hat sie immer gegeben: die Götter des Tages und die der Nacht. Die griechischen Götter, welche lachend an der goldenen Tafel des Glückes saßen, waren nicht die einzigen, nicht die wahren, die Griechen wußten das wohl; die echten waren namenlos verborgen im Gewölk, aus dem zuweilen Blitze zuckten und die allmächtige Kraft verrieten, die einst das herrschende Geschlecht stürzen würde. Im Namen der echten Götter wurde immer gekämpft und gelitten; aber es begibt sich mit ihnen wie mit den Göttern des Tages eine seltsame, unheimliche Wandlung. Wenn diese besiegt sind und sich in Rauch aufgelöst haben, darf man die Perücke, die den Würdenträger früher als apollinische Lockenfülle umgab, getrost in die Ecke werfen oder den Zopf abschneiden und mit Füßen darauftreten, man darf sogar das Heilige Römische Reich verspotten, man darf Napoleon fluchen, ja, ein anständiger Mann darf sozialistisch wählen – so wechseln die Ideale.

Wer wüßte nicht, daß Gott die Liebe ist? Der von der siegreichen Kirche auf den Thron gesetzte Herrscher veränderte seine Züge vollständig, aber allmählich und so im Zusammenhange mit den Menschen, daß sie es größtenteils gar nicht bemerkten. Aus dem großen Jehova, dem Allvater, in dessen Händen Segen und Fluch liegt, aus dem ewig aus unerschöpflicher Fülle Schaffenden und Zerstörenden wurde ein Portier im Hotel Europa, der die Aufgabe hatte, für Ordnung zu sorgen in dem Sinn, daß die zahlungsfähigen Gäste es möglichst bequem hatten. Es war ein Portier mit Embonpoint und reicher Livree und so majestätisch, daß man sich ihm ohne ein reichliches Trinkgeld gar nicht zu nähern wagte; seine Witterung für die gesellschaftliche Stellung eines jeden war untrüglich, vor seiner unnahbaren Miene, wenn der Habenichts seinen Nachtsack hereintrug, kam auch der Keckste zum Gefühl seiner Bettelhaftigkeit. Zu einem solchen Portier war allmählich Gott geworden. Dafür, daß er gut gefüttert wurde, mußte er das Bestehende erhalten. Mit ganzen Strahlenbündeln von Heiligkeit wurde das Bestehende überschüttet; es gab kein größeres Verbrechen, keine größere Dummheit, keinen schauerlicheren Irrwahn, als das Bestehende erschüttern zu wollen, ohne noch zu wissen, wie die Geschichtsschreiber hinzuzufügen pflegten, was und wie man wieder aufbauen wollte.

Diese Umwandlung des Herrn der Heerscharen in einen gewöhnlichen Portier erklärt viele Mißverständnisse. Man begreift, daß viele gerade ideal gesinnte Menschen sich lieber Atheisten als Anbeter dieses Gottes nannten. Menschen mit jenem Kinderblick, der erkennt, daß des Kaisers neue Kleider gar nicht vorhanden sind und das Opfer seiner Menschenfurcht im Hemde einhergeht, bemerkten, daß die Majestät am Schalter unmöglich Gott sein könne, der das Licht leuchten ließ und die Erde vom Himmel schied, empörten sich gegen ihn und sagten ihm laut ins Gesicht, sie seien ihm keine Achtung schuldig und könnten ihn sogar hinauswerfen. Je mehr die Anbetung des lebendigen Gottes sie erfüllte, durch dessen Reich die Hotelbewohner hindurchgingen, ohne ihn zu kennen, ohne ihn zu grüßen, ohne sich nach ihm zu sehnen, desto widerwärtiger war ihnen die Majestät an der Hoteltür, und da dieser nun einmal auf den Namen Gott hörte, wurde ihnen der Name verhaßt, und sie vermieden ihn auszusprechen, ja sie merzten ihn geradezu aus, um reine Bahn zu machen. So kam es, daß man von den russischen Nihilisten sagen konnte, ihre Logik sei gewesen: Der Mensch stammt von den Affen ab, darum liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Sie fanden ein trotziges Vergnügen darin, jede Erkenntnis aufzusuchen, die der Kirche, der Bibel, dem Katechismus zu widersprechen schien, und schrieben Gottlosigkeit auf ihre Fahne, womit sie eigentlich Portierlosigkeit meinten.

Der Philosoph, der im Sinne dieser ungläubigen Gläubigen mit der Religion aufräumte, war Ludwig Feuerbach, einer von den hochbegabten Söhnen des berühmten Juristen Anselm Feuerbach. Der Sinn seiner Lehre in kürzester Zusammenfassung war der, daß das, was die Menschen Gott nennen, das Ideal ist, das die Menschheit sich selbst gesetzt hat. Dies wäre höchst wahr gewesen, wenn Feuerbach betont hätte, daß das Ideal nicht etwas ist, was die Menschen machen, was umgekehrt die Menschen macht, so daß die Menschen Objekt sind und das Ideal Subjekt ist, etwas, was im innersten Kern der Menschheit lebt und zur Entfaltung drängt; wenn er hinzugefügt hätte, daß der christliche Glaube darin besteht, daß das in der Menschheit verborgene Ideal in der Person Christi Fleisch wurde so wie andere Ideale von Familien und Völkern in anderen Personen. Der selbstbewußt gewordenen Menschheit entsprach die Verwechslung, die schaffende Idee, von der sie abhängt, für das Geschöpf zu halten. Hatten nun die Theologen recht, den Irrtum, die Menschheit sei selbst Gott, für eine Verirrung zu halten, so übersahen sie ganz, daß, wie fundamental auch der Irrtum war, doch mehr Wahrheit auf Seiten der Irrenden als auf Seiten der herrschenden Theologie war. Denn befreiend wirkte die Feuerbachsche Lehre auf diejenigen, auf welche es überhaupt ankam, durch die Wahrheit, die sie mitteilte, die als sogenannter Pantheismus oder Spinozismus so oft den deutschen Geist magnetisch berührte, daß Gott eine Kraft ist, die nicht von außen, außerhalb der Natur und Menschheit, sondern von innen heraus auf den Menschen wirkt, wenn sie auch den Menschen über sich selbst hinausreißt.

Feuerbach sehnte sich danach, Einfluß zu gewinnen, aber er hatte bei einer leidenschaftlichen Seele die Natur eines Gelehrten. Der allgemeine Beifall hätte ihm vielleicht Schwung gegeben, aber erkämpfen konnte er sich nichts; es war ihm nur wohl in der Einsamkeit, in der Natur, am Schreibtisch. Von den Regierungen hatte er nichts zu hoffen, die öffentliche Meinung war gegen ihn; es war nur ein machtloses Häuflein, das sich um ihn scharte und ihn verstand. Die dreißiger und vierziger Jahre gehörten durchaus der wohlhabenden Bourgeoisie an, die ihren Sieg mit Behagen genießen wollte. Sie war gebildet und duldsam nach oben und unten, nach allen Seiten; sie verstand sich auf den verfeinerten Genuß des Lebens und wollte darin nicht gestört sein. Es war die Blütezeit des Theaters; die Helden der Bühne und ihre Darsteller befriedigten den Drang der Menschen nach dem Außerordentlichen. Man ertrug auch in Preußen den alten König Friedrich Wilhelm III., der sich keinen Dank und keine Anhänglichkeit seines Volkes verdient hatte, mit Hinblick auf seinen bevorstehenden Tod und den verheißungsvollen Nachfolger. Diese gemütliche Stimmung konnte nicht schwer und erstickend werden, weil das unterirdische Klopfen der revolutionären Elemente sie lockerte. Solange es noch fernher tönte, wurde es von vielen gelitten, die es heftig bekämpft hätten, wenn sie es durchschaut hätten. Was für eine lösende Kraft damals von Deutschland ausging, zeigt der Einfluß, den es auf den jungen Jakob Burckhardt ausübte; auch den zu Skeptizismus und Pessimismus neigenden Basler riß eine edle Trunkenheit zu Schwärmerei und Begeisterung hin, so daß es ihm zurückblickend scheinen wollte, als habe er nur damals, unter jungen Menschen, deren Überzeugungen er nicht teilte, gelebt. Es ist merkwürdig, daß der Schweizer den berauschenden Anhauch der Freiheit nicht weniger stark empfand als der Russe.

Wenn liberal denkende Russen die deutsche Grenze überschritten hatten, pflegte sie alles, was sie wahrnahmen, zu entzücken, obwohl der Unterschied in Preußen zunächst noch nicht so augenfällig ist. Gewöhnlich hatte es unendliche Schwierigkeiten und Umschweife gekostet, den Paß zu erlangen, bis zum letzten Augenblicke fürchtete man irgendein Hindernis, nun atmete man endlich frei und leicht. Auch Michael Bakunin empfing von Berlin den angenehmsten Eindruck. Er litt nicht wie Jakob Burckhardt unter dem schlechten Essen und dem beschränkten Raum, in dergleichen Dingen war er leicht zufriedenzustellen: Er rühmte die Theater, die Universität, die Cafés, das billige Leben. Es kam ihm zugute, daß er die deutsche Sprache schon ziemlich beherrschte, bald sprach er sie fließend, wenn auch mit fremdem Akzent. In der Gesellschaft wurde er gut aufgenommen; der alte Varnhagen, der jeden seiner Besuche in seinem Tagebuche vermerkte, verliebte sich fast in den eigenartigen Fremdling. Professor Werder jedoch, der Dozent der Philosophie, an den Bakunin durch Stankjewitsch empfohlen war, enttäuschte. Werder hatte gute Einfälle und konnte die Dinge von einer neuen Seite betrachten, auch in eine gewisse Tiefe gehen, so daß man sich durch seine Vorträge angenehm erregt und erhoben fühlte; aber das befriedigte Michel nicht, wie liebenswürdig und auszeichnend der Professor ihn auch behandelte. Überhaupt gewann er Deutschland gegenüber einen ganz anderen Standpunkt, als er in Rußland gehabt hatte.

Er kannte Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, E. T. A. Hoffmann: Sie bedeuteten eine Welt von Schönheit und Freiheit für ihn, in die er sich aus der Welt der Alltäglichkeit und des Zwanges, die ihn umgab, gerettet hatte. Es schien ihm selbstverständlich, daß er den Gehalt dieser deutschen Dichtung im deutschen Leben finden würde; anstatt dessen sah er zahme, vorsichtige Menschen in sauber gepflegter, hübsch verzierter Umgebung, irgendwelchen vorgeschriebenen Beschäftigungen oder einem geordneten, unschädlichen Müßiggang ergeben; vor einer pedantischen, uniformierten, leicht gereizten und knurrenden Regierung sich duckend. Die Gebildeten schwärmten für Goethes Götz und Schillers Räuber, für griechische Freiheit und römische Republiken; aber wenn ihre Ideale ihnen im Leben begegnet wären, so hätten sie sie der Polizei angezeigt oder wären vor ihnen davongelaufen. »Die Deutschen«, schrieb Michel deshalb, »sind schreckliche Philister; wenn der zehnte Teil ihrer reichen geistigen Erkenntnis ins Leben übergegangen wäre, wären sie prächtige Leute; aber bis jetzt sind sie leider ein sehr lächerliches Volk.« Herzen äußerte sich später über die Deutschen, daß sie sich gewöhnt hätten, zu meinen, es sei mit der bloßen Erkenntnis schon etwas gewonnen. Diese Wut, die Dinge zu formulieren und dann befriedigt zu sein, als wären sie schon getan, hat seitdem noch zugenommen. Auch fand er, daß ihr Sybaritismus ihnen im Wege stehe, der nur wegen ihrer geringen Mittel weniger auffalle. In der Tat hängt der Deutsche sehr an seiner häuslichen Gewohnheit und Behaglichkeit, und wenn diese auch nicht in Sekt und Austern, sondern in Kaffee und Butterbrot gipfelt, so ist der Genuß dieser Mittelstands-Sybariten ebenso groß und ebenso einschläfernd als der des lukullischen Schlemmers, ja vielleicht folgenschwerer, weil er das tägliche Leben beherrscht. In keinem Volke ist die Klasse der Spießbürger so zahlreich wie in Deutschland und in keiner Stadt so ausgeprägt wie in Dresden. »Dresden, das Land der Kuchenfresser«, so schilderte es Robert Prutz, »die verwaschenste, farbloseste, butterweichste Generation, die es in Deutschland gibt; Volk wie nasser Schwamm, nicht Welf, nicht Gibelline, bloße träge Maulaufsperrer, die immer noch glauben, das alles geschehe bloß ›draußen‹ und bloß damit sie zu ihrem schlechten dünnen Kaffee alle Morgen eine interessante Zeitung zu lesen haben.« Dahin ging Bakunin, als er von Berlin genug hatte, ohne zu ahnen, wie verhängnisvoll die gemütliche Residenz ihm einst werden sollte.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.