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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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3.
Der Einfluß deutscher Romantik auf Bakunin

Dieser Freund, der eine Rolle in Michels Leben spielen sollte, hieß Alexander Herzen. Der reiche Fabrikbesitzer Jakowlew hatte auf seinen Reisen in Deutschland eine junge Schwäbin, Luise Haag, kennengelernt und nach Rußland entführt, wo sie ihm einen Sohn schenkte, den der Vater, weil es ein Kind seines Herzens sei, Alexander Herzen nannte. Jakowlew, der seine Abkunft auf den sagenhaften slawischen Fürsten Weidewut zurückführte, wies viele Züge auf, die für den russischen Adel charakteristisch sind, der einerseits durch die unbedingte Herrschaft über die leibeigenen Bauern zu maßloser Selbstüberhebung und Herrschsucht neigte, anderseits, dem Zaren gegenüber Sklave und zu einer freien, würdigen Tätigkeit nicht befugt, entweder kriechend und ängstlich am Hofe lebte oder sich in einer barbarischen Einsamkeit vergrub. Zu den letzteren gehörte Jakowlew. Er hatte sich dem deutschen Bürgermädchen gegenüber von seinem Gefühl hinreißen lassen, doch aber nicht so weit, daß er sie zu seiner rechtmäßigen Frau gemacht hätte. Schon dieser Umstand und die Kälte und Menschenverachtung des Mannes machten ein geselliges Leben im Hause unmöglich. Die Frau lebte ziemlich abseits in ihrer zweideutigen Stellung und litt oft unter der ungebändigten Heftigkeit und Launenhaftigkeit Jakowlews. Neben Alexander wuchs noch der Sohn einer anderen Frau auf, vermutlich einer Untergebenen, da er eine weit geringere Rolle spielte. Allerdings zog Alexander frühzeitig durch sein sympathisches Äußeres wie durch seinen Verstand und Witz die Aufmerksamkeit auf sich. Der Vater war stolz auf ihn und verhältnismäßig schwach gegen ihn. Seine Mutter war eine sanfte, liebe Frau, doch besaß sie offenbar weder die Bildung noch die Persönlichkeit, ihrer Umgebung zu imponieren; die Dienerschaft war ihr ergeben.

Die Welt, in der ein Kind aufwächst, die Familie und das Haus, bilden unvermerkt seine erste, unwillkürliche Weltanschauung. Dem jungen Alexander Herzen drängten sich früh Widersprüche, Unwahrhaftigkeit, Ungerechtigkeit auf; weder seinem Vater noch seiner Mutter brachte er unbedingte Wahrhaftigkeit entgegen. Er litt unsäglich durch die trübselige Öde, die in seinem Vaterhause herrschte, und die einzig unendliches Bücherlesen erträglich machte. Das erste schöne, wärmende Licht ging ihm durch die Freundschaft auf. Nikolaus Ogarjew war es, der Sohn eines entfernten Verwandten des Jakowlew, der, schwärmerisch und weich veranlagt, den stolzen, ehrgeizigen Alexander ergänzte. Sie entdeckten mit wachsendem Glücksgefühl die Ähnlichkeit ihrer Neigungen und wie sie sich von den anderen Knaben ihres Alters unterschieden. Sie lasen zusammen Schiller und berauschten sich an seinem edlen Pathos; sein ganzes Leben hindurch bewahrte Herzen diese Vorliebe und wußte viele Verse des deutschen Dichters auswendig. Ogarjew selbst machte weiche, angenehm fließende Gedichte von wehmütigem Charakter. Gesellig und versöhnlich, war er das verbindende Element zwischen verschiedengearteten Menschen, in allen Verhältnissen der Nachgiebige und der Leidende. Früh sich seines Willens bewußt, lehnte Alexander es von vornherein ab, die militärische Laufbahn einzuschlagen, auf der er es trotz seiner illegalen Geburt durch die Verbindungen des Vaters zu Ehren gebracht hätte, und setzte es durch, an der Universität studieren zu dürfen. Der Zwang, der auf den Universitäten lastete, brachte die Studenten in einen selbstverständlichen Gegensatz zur Regierung. In Herzen bestand dieser ohnehin; er war dreizehn Jahre alt, als die Dekabristen fielen, und hatte sich mit Ogarjew gelobt, ihnen nachzueifern und sie zu rächen. Durch Ogarjew wurde er mit den Schriften des Saint-Simon bekannt, des ersten Verkünders sozialistischer Ideale, und dieser neuen Lehre schloß er sich an. Der Polizei wurde es bald bekannt, daß eine Gruppe von jungen Leuten diese Schriften las, die für höchst verwerflich und gefährlich galten; da es aber nicht anging, ihnen wegen des Lesens von Büchern den Prozeß zu machen, wurde eine andere Gelegenheit ergriffen. Bei Ogarjew pflegten sich die Freunde zu fröhlichen Gelagen zu versammeln; bei einem solchen wurde ein Spottlied auf Kaiser Nikolaus gesungen, das den erwünschten Anlaß zum Einschreiten gab. Das Urteil lautete für Herzen und einige andere auf Todesstrafe und wurde in Verbannung und Beamtendienst unter behördlicher Überwachung gemildert. Er wurde zuerst nach Perm und dann nach Wjatka verschickt.

So bekam Herzen Gelegenheit, die russische Bürokratie gründlich kennenzulernen, die der Initiative des einzelnen keinen Spielraum ließ und aus jungen, dem Leben geöffneten Menschen bald schläfrige Pedanten, bald Betrüger machte. Die dumpfe Jämmerlichkeit des öffentlichen Lebens in einer kleinen Provinzstadt, der erzwungene Umgang mit Menschen, die er verabscheute, peinigten ihn so, daß er anfing zu trinken und ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau einging, dessen Geschichte er später in dem überaus witzigen, scharfsinnigen Roman »Wer ist schuld?« geschrieben hat. Trotzdem stand er bereits in herzlicher Beziehung zu seiner Cousine Natalie, die er nach Auflösung jener Liebschaft heiratete, die die große Liebe seines Lebens blieb, wie Ogarjew der Freund seines Herzens.

Auch diese junge Jakowlew war ein illegitimes Kind; viel schlechter gestellt als Alexander, mußte sie froh sein, von einer alten fürstlichen Verwandten ins Haus genommen zu werden, wo sie ein eingeengtes, freudlos eintöniges Leben führte. Ihrer durch die Einsamkeit gesteigerten Einbildungskraft erschien der geistvolle Vetter mit den blitzenden Augen, den Gefängnis und Verbannung mit der Glorie des Märtyrers umgab, wie ein Held, ja sein Bild verschmolz ihr mit Christus selbst, und ihre Liebe wurde eins mit Religion. Zwar wies er die Vergötterung, die das weltfremde Mädchen ihm weihte, zurück als etwas, das ihm nicht zukomme und das ihn beängstige, und doch konnte nur eine solche Liebe die übermäßige Spannung seines Innern ausgleichen. Seiner Unternehmungslust und einer Reihe von Zufällen, wie sie dem Mutigen zu Hilfe kommen, glückte es, die Geliebte, deren Besitz ihm von den Angehörigen verwehrt wurde, zu entführen und zu heiraten. In Wladimir, nicht weit von Moskau, verlebten sie einige Jahre überschwenglichen Glückes, dem allerlei Einschränkungen und Entbehrungen nur um so mehr einen abenteuerlichen Glanz und den Charakter des Außergewöhnlichen verliehen. Als sie im Jahre 1840 nach Moskau übersiedeln konnten, fanden sie vieles verändert, am störendsten für Herzen, daß auch Ogarjew sich verheiratet hatte und daß seine Frau nicht in den Freundeskreis paßte. Der arme, weichherzige Ogarjew, dessen Herz von zwei Seiten bekämpft, bestürmt, zerrissen wurde, litt unsäglich; vergeblich bemühte er sich, alle, die er liebte, untereinander zu vereinigen, nach einer Reihe von Jahren endete seine Ehe durch Scheidung. Seine Freundschaft mit Herzen war trotz dieser Verwickelung nicht erschüttert worden, überhaupt schränkte die Ehe sein Talent zur Freundschaft nicht ein. Sein Haus war wie einst der Treffpunkt für verschiedene Freunde; auch Bakunin lernte Herzen durch ihn kennen.

In der Hauptsache waren es drei Kreise, die sich jetzt vereinigten: die um Stankjewitsch, zu denen Bjelinski und Bakunin gehörten, die um Herzen und die Slawophilen. Diesen letzteren standen jene als die Westler gegenüber, unter sich wieder unterschieden als Deutsche und Franzosen. Stankjewitsch und seine Freunde standen auf dem Boden der deutschen Philosophen, vertreten namentlich durch Fichte, Schelling und Hegel, Herzen und die Seinigen gingen von Saint-Simon und den Ideen der Französischen Revolution aus, so wie derselbe sie erfaßt und ausgebildet hatte; die Slawophilen lehnten die westliche Kultur überhaupt ab und wünschten das wesentlich Russische in Rußland zur Herrschaft zu bringen.

Ich möchte zusammenfassen, was es wesentlich war, das Bakunin aus den deutschen Einflüssen schöpfte. Fichtes Anweisung zum seligen Leben, das erste deutsche Buch, welches er studierte, ist auf die Bibel, vorzugsweise auf das Evangelium Johannes gegründet und enthält demgemäß als Grundgedanken den Gegensatz zwischen Gesetz und Liebe, daß nämlich der Liebende über das Gesetz erhoben ist. Dieser Gedanke ist es wohl auch, der Michael die Schriften der Bettina von Arnim so lieb machte. Der vom natürlichen Freiheitsgefühl Durchdrungene schwang sich beglückt in den göttlichen Äther der Liebe, der das Gesetz tief unter sich läßt. Er begriff dies ohne weiteres durch seine Natur, die den Menschen nur durch Liebe oder Haß verbunden war. Nicht einmal sein Verhältnis zu den Eltern machte er von Gesetz oder Überlieferung irgendwelcher Art abhängig; er liebte seinen Vater, ja er betete ihn an, er liebte seine Schwester, seine Freunde so, wie sie waren, sofort sie als Ganzes, Unteilbares erfassend; wo er nicht liebte, hemmte ihn keine gesellschaftliche oder sittliche Betrachtung. Sein Gefühl war so stark und hatte so bestimmte Richtungen, daß es ihm gemäß war, sich mit Bewußtsein dem Gefühl zu überlassen. Merkwürdig ist es, daß sein Verstand ebenso groß war wie sein Gefühl, daß aber sein Verstand sich niemals hindernd zwischen sein Gefühl und dessen Betätigung drängte. Sein Gefühl war nie zerfasert und verzettelt: Es sprang gerade und unaufhaltsam wie das Licht aus seinem Herzen. Was übrigens aus Fichtes Werken in ihn einging, war die Entrüstung über den Zustand der Welt und der Wille, diesen Zustand gänzlich umzuwerfen und zu erneuern. Einen nicht ästhetischen, sondern ethischen Maßstab an die Welt anzulegen, das streitbare, unerschrockene Christentum, das, die Idee der menschlichen Brüderlichkeit im Herzen, unnachgiebig fordernd an die verteufelte Welt herantritt, diese Gesinnung Fichtes war es, die bei Michael Bakunin zündete, weil sie in ihm schlummerte. Das durchaus Fremde kann wohl auf den Kopf, nicht aber auf den ganzen Menschen wirken; das Wesentliche von dem, was Fichte sagte, war Michael nicht neu; aber es trat ihm hier, von einer abgeschlossenen Persönlichkeit getragen, übersichtlich entgegen und entrückte ihn mit einem Zauberschlage in eine hohe Geistergemeinschaft. Lange vorher schon hatte er an Natalie Beer geschrieben: »Meinem Herzen ist es eingegraben: dieser wird nicht für sich selbst leben.« Eben zum Bewußtsein erwacht, fühlte er sich schon berufen zu der Aufgabe eines jeden Helden, für die Schwächeren gegen die Übermacht, für die Freiheit gegen Ketten zu kämpfen.

Während Herzen und Ogarjew sich an Schiller begeisterten, vertiefte Bakunin sich in Goethe. Es war das Romantische, was ihn stets am meisten anzog. Faust hatte er ganz in sich aufgenommen; auf einem Jugendbilde, in Aquarell gemalt, das er seinen Freundinnen Beer schenkte, hält er einen Zettel in der Hand, auf den er selbst geschrieben hat: »Nur der verdient sich Liebe und das Leben, der täglich sie erobern muß.« Ob er absichtlich oder versehentlich Liebe statt Freiheit setzte, weiß ich nicht. Die germanische Idee der persönlichen Freiheit, welche sich im Mittelalter geltend machte, wo immer germanisches Wesen durchschlug, bezauberte ihn im jungen Goethe wie in Luther. Die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, welche darauf beruht, tat es ihm vielleicht um so mehr an, als er in Rußland eine trostlose Monotonie verwirklicht sah und solche noch mehr angestrebt wurde. Vergleicht man italienische und deutsche Ortschaften mittelalterlichen Ursprungs, so überrascht einen die Fülle phantasiereicher Formen, welche in Deutschland Plätze, Straßen und Häuser schmückt, während die lateinische einförmige horizontale Linie in Italien zwar zuweilen den Eindruck der Größe hervorbringt, aber doch auf die Dauer ermüdet. Noch öder, abstoßend fast muß die Einförmigkeit russischer Ortschaften sein; es wird ja auch in dem ungeheuren großen russischen Reiche nur eine Sprache gesprochen.

Man kann die Romantik die Empörung des Unbewußten gegen das Bewußte nennen, des Elementaren, Volkstümlichen, Bodenständigen, Urwüchsigen gegen die Herrschaft des Selbstbewußtseins und des Verstandes, des organisch Gewachsenen gegen das Gemachte, der persönlichen Freiheit gegen Zentralisation. Daß die deutsche Romantik auf politischem Gebiet in das Lager der Reaktion, des Gottesgnadentums und Absolutismus, auf religiösem zu einem beschränkten, ultramontanen Katholizismus überging, war ein schnöder Bruch mit ihrem eigenen Wesen, der diese in ihren Anfängen so herrliche Bewegung in den Augen späterer Geschlechter verdientermaßen erniedrigte. Die ursprüngliche Idee der Romantik ist zwar dem modernen Verfassungswesen, Parlamentarismus und Konstitutionalismus entgegen, nicht minder aber dem fürstlichen Absolutismus und der Beamtenregierung, und im Grunde hat die spätere Romantik mit der anfänglichen so wenig zu tun wie der ultramontane Katholizismus mit dem ursprünglichen Christentum.

Auch Hegel, dessen Philosophie für Michael und seinen Kreis ein heiliges Buch war, war ausgegangen von einem romantischen Idealbild griechischer Kultur, um als Verteidiger des in Deutschland herrschenden preußischen Absolutismus, der Regierungsmaschine, zu enden. Den ungeheuren Einfluß Hegels erkläre ich mir dadurch, daß er nicht vom einzelnen ausging, sondern vom Ganzen. Die Sehnsucht der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, welche an sich und um sich her die Folgen der äußersten Vereinzelung erlebten, ging auf das Ganze, sowohl auf die ganzen Menschen wie auf die Volks- und Völkergemeinschaft. Ein Geschlecht, welches sich gestimmt fühlte, große Umwälzungen herbeizuführen, wurde mächtig angezogen durch Hegels Auffassung von Geschichte und Entwicklung. Der seltsame Sprung in Hegels Lehre entstand dadurch, daß er trotzdem das Wissen an die Spitze seines Systems stellte und eben deshalb überhaupt systematisch verfuhr. Der Verstand, durch welchen wir wissen, verfährt teilend und hat es mit Teilen zu tun, während das Ganze geglaubt wird. Irrtümlicherweise pflegt man das Wissen als das Sichere, das Glauben als das Unsichere anzusehen, während doch das Geteilte, welches man weiß, immer ein Ganzes, an welches man glaubt, voraussetzt, weswegen es auch eine Wissenschaft ohne sogenannte Hypothesen gar nicht geben kann. Willkürliche Einbildungen von einzelnen haben allerdings keinen Bestand; aber die Natur steht mit dem menschlichen Geiste in ewiger Verbindung, so daß der Zauber des Glaubens die Ideale aus ihrem Schoße steigen läßt, der dem Ungläubigen verschlossen bleibt. Der Zwiespalt, der in Hegel selbst war, daß es ihn nach Lebendigkeit und Ganzheit verlangte, während in ihm selbst der Verstand vorherrschte, spiegelt sich in seinem System, das er anstatt eines Weltbildes gab. Die Ehrfurcht vor der Wissenschaft war jedoch in Deutschland so allgemein, daß gerade die Überschätzung des Wissens keinen Anstoß erregte, außer bei einem Teile der Jugend, die sich denn auch von Hegel, obwohl von ihm ausgehend, abtrennte.

Was Michael betrifft, so war es nicht zuletzt die dialektische Methode, die ihm damals Hegel wert machte, denn er besaß die Fähigkeit, vom Konkreten zum Abstrakten und vom Abstrakten zum Konkreten überzuspringen in einem Grade, der das Staunen aller erregte, die ihn kannten. Manchen von seinen Freunden fiel diese Gabe an ihm mehr auf als seine Herzlichkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine Naivität, seine Traumseligkeit. Trotz der Verwandtschaft im Verstande kann man sich nicht zwei mehr entgegengesetzte Menschen denken als den Kathedermann Hegel und Michael Bakunin, den Abenteurer und Rebellen: Was bei Hegel nur eine Sehnsucht war, die Lebendigkeit, war Kern des Wesens bei Michel, dessen Verstand ihm nur als Gegensatz zur Spannkraft diente. Jetzt und noch auf viele Jahre hinaus machte es ihm außerordentliches Vergnügen, Laien und Neulinge in die Hegelsche Philosophie einzuführen, von denen manche ihm mit Neid und Bewunderung, andere, z. B. Bjelinski, nicht ohne Ingrimm und Grauen zu folgen versuchten. Es mag Bakunin auch das an Hegel gefesselt haben, daß er von der Religion ausging, wenn er auch nicht eigentlich eine religiöse Natur war. Das aber war Michel; er wußte seine Freunde ebenso vom Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Seele zu überzeugen wie von der Hegelschen Algebra. Die mathematische Begabung war ihm angeboren; es war ihm offenbar ein Bedürfnis, diese Kraft zu üben, wie Buben sich raufen oder Sportsmänner ihren Sport treiben.

Hegel war von der Sehnsucht nach schöner, organisch sich entwickelnder Menschheit ausgegangen und versöhnte sich als Mann mit der zerstückelten, widernatürlichen, häßlichen Wirklichkeit, die ihn umgab, so vollkommen, daß er die Stütze der Reaktion zu werden sich herbeiließ. Er machte die fast unbegreifliche Schwenkung der Romantik mit, die sich anstellte, als finde sie in den Territorialfürsten der Gegenwart die Idee von Kaiser und Reich wieder, die jene ja vielmehr mitsamt der alle Gegensätze harmonisch zusammenfassenden Freiheit und Mannigfaltigkeit des Mittelalters untergraben und vernichtet hatten. Da sich in der Welt der Begriffe aus einer Katze ein Pudel machen läßt, gelang es Hegel, seine Idealwelt mit der Welt des Tages zusammenzukleistern, ohne daß die verblüfften Zuschauer die Taschenspielerei durchschauten; aber auf die Dauer ersetzte die Kunstfigur doch das lebendig Gewachsene nicht, und so begann das Flickwerk zu verschrumpfen. Die Idee jedoch, die den jungen Philosophen einst ergriffen hatte, daß die Menschheit als Ganzes ihre Geschichte schafft, ging nicht verloren, sondern wurde fortgeführt von einer neuen Generation, die kühnere Folgerungen daraus zu ziehen wußte.

Wenn Bakunin und Bjelinski, in das Hegelsche System vertieft, einige Schritte in seiner das Bestehende heilig erklärenden Richtung mitmachten, so brauchte doch Herzen sich nicht sehr anzustrengen, um zunächst Michel für die Opposition zu gewinnen. Herzen, obwohl ein ausgezeichneter Schriftsteller, was Bakunin nicht war, war viel weniger Dichter als dieser, und obwohl Sohn einer deutschen Mutter, vielleicht auch gerade deshalb, liefen seine Gedankengänge mehr in französischer Richtung als in germanischer. Verglich doch Bakunin ihn später gern mit Voltaire, während er in sich selbst Verwandtschaft mit Luther fühlte.

Schiller hatte die Französische Revolution begrüßt, Goethe sie abgelehnt. Herzen, der für Schiller schwärmte, war erfüllt von den Ideen der Französischen Revolution. Überhaupt ist Frankreich herkömmlicherweise russisches Ideal, obgleich der Russe im allgemeinen sich eher mit dem Deutschen als mit dem Franzosen versteht. Für Herzen war Paris mit den Erinnerungen an die große Revolution ein ebensolcher Magnet wie für Bakunin Berlin, von wo die Ideen Goethes und der Romantik ausstrahlten.

Die Französische Revolution, soweit sie offiziell war, hatte nur die herrschende Aristokratie verdrängt und das Bürgertum an ihre Stelle gesetzt; die Herrschaft des Grundbesitzes, die Stütze der alten Welt, war durch die Herrschaft des Geldes, die Stütze der neuen Welt, ersetzt worden. Inmitten der Bewegung aber tauchte etwas Neues, ganz anderes auf, die Idee des Gemeinbesitzes, verfochten von dem Träger eines uralten Adelsnamens: Saint-Simon. Wieder ging aus dem Adel ein Rächer des von ihm begangenen Unrechts hervor. Ein Grandseigneur, unternehmend, phantastisch, abenteuernd, wurde er nach vielen Schickungen und Würfen Prophet einer neuen Lehre, eines neuen Glaubens. Es war kein anderer als das Christentum, das nun endlich verwirklicht werden sollte. Wie Hegel empfand auch Saint-Simon die Sehnsucht nach organischem Leben, nachdem die kritische Periode, so nannte er sie, die im Zeitalter der Reformation begann, im Individualismus des achtzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte. Saint-Simon setzte ihr den Sozialismus, die Vereinigung aller menschlichen Interessen, entgegen. Den Nichtbesitzenden, den Arbeitern galt seine Sympathie, und um ihnen zu der ihnen gebührenden Stellung zu verhelfen, griff er namentlich die freie Konkurrenz und das Erbrecht an. Die Julirevolution, welche den Sieg der Bourgeoisie bedeutete, enthüllte zugleich den vollendeten Saint-Simonismus. Die Unbestimmtheit dieser Lehre, ihr Reichtum an neuen Ansichten, ihre Kühnheit, ihre Systemlosigkeit, der Schwung ihrer Gläubigkeit machten ihre Kraft aus und sicherten ihre Wirkung auf ideale Gemüter.

Namen bezeichnen oft geringere Gegensätze, als man meint. Was Herzen und Bakunin unterschied, waren nicht so sehr die Ideen, als daß Bakunin bis dahin sie in Beziehung auf den einzelnen gehegt hatte, während es Herzen um die Anwendung im öffentlichen Leben zu tun war. Sie verständigten sich bald, auch mit Bjelinski, und wurden engverbundene Kämpfer unter der gleichen Fahne.

Mit den russischen Romantikern, die sich später Slawophilen nannten, gab es mehr Gegensätze als Berührungspunkte; in der ersten Zeit aber erfreute man sich beider, da im Disput die Meinungen sich klärten und vertieften.

Die Slawophilen teilten den Abscheu der anderen gegen die in Rußland herrschenden Zustände, Leibeigenschaft und Beamtendespotie. In dem Zwiespalt zwischen der zwangsweise eingeführten Zivilisation Peters des Großen und dem barbarischen Volke stellten sie sich ganz auf die Seite des letzteren. Da nun Peter der Große die Zivilisation aus dem Westen geholt hatte, mußte der Westen Quell alles Bösen sein, woraus sie folgerten, daß im russischen Volke alles Gute daheim sei. Sie meinten, wenn man nur den deutschen und französischen Einfluß ausschalte und sich auf das Einheimische beschränke, so müsse Rußland ein harmonisches, glückliches und mächtiges Reich werden. Sie vergaßen, daß die Leibeigenschaft schon vor Peter dem Großen begründet und daß nicht er der erste Despot in Rußland war. Man kann vielmehr aus der Tatsache, daß in Preußen Zentralisation und Beamtenherrschaft weit stärker sind als im übrigen Deutschland und daß Preußen namhafte slawische Bestandteile hat, den Schluß ziehen, der Despotismus sei im Slawentum begründet, nicht im Deutschtum. Das väterlich wohlwollende Zarenregiment, von dem die Slawophilen träumten, hatte es tatsächlich in Rußland nie gegeben, außer in der Einbildung der russischen Bauern, die beharrlich daran festhielten. Wie die deutschen Romantiker vergnügten sich die russischen an dem erdichteten Bilde einer trauten Vergangenheit, die sie mit der widerwärtigsten und widersprechendsten Gegenwart zu verschmelzen wußten. Auch die starre byzantinisch-russische Kirche, die das in Rußland reichlich quellende religiöse Leben hart und verständnislos unterdrückte, verklärten sie und machten sich zu Helfershelfern Nikolaus' des Ersten, der die Sekten, welche bis dahin sich ziemlich ungestört hatten entwickeln können, zugunsten leichterer Beherrschbarkeit und Ordnung verfolgte. Die russischen Romantiker betätigten ihre Überzeugung durch die Beobachtung kirchlicher Zeremonien, Kreuzschlagen und Bücken vor Heiligenbildern sowie durch das Tragen verschollener altrussischer Trachten, in welcher Verkleidung das Volk sie für Perser hielt. Die bekanntesten unter ihnen waren die Brüder Aksakow, Söhne des Verfassers jener Familienchronik, in welcher allerdings das eigentümlich Russische in wundervollen Figuren und Bildern ausgeprägt ist.

Von allen denjenigen, die diesen Kreisen angehörten, ist im Westen keiner so bekannt geworden wie der Dichter Iwan Turgenjew. Er war eine beschauliche Natur, politische und soziale Probleme interessierten ihn nicht sehr; die Greuel der Leibeigenschaft aber drangen so sehr in das Leben aller ein, daß jeder sich damit auseinandersetzen mußte, und er verabscheute sie wie die übrigen. In seinem Leben spielte Frauenliebe die größte Rolle wie auch in seinen Romanen. Ein unbeschreiblicher Zauber geht von der Natur und von der Liebe aus, wie er sie darstellt, immer von Wehmut und Verzicht beschattet. Sein Schicksal wurde bestimmt durch die Sängerin Viardot-Garcia, die in glücklicher Ehe verheiratet war und deren Haushalt er sich anschloß. Aus einer früheren Verbindung mit einem russischen Mädchen in untergeordneten Verhältnissen hatte er eine Tochter, für die er auch pflichtgemäß sorgte; aber sein Herz gehörte den Kindern der Frau Viardot-Garcia. Wie Michel hatte er eine hohe, mächtige Gestalt, auf die seine Leibeigenen stolz waren, wenn sie ihn die Menge überragen sahen; aber er besaß nicht dieselbe strotzende Gesundheit, sondern litt frühzeitig an Podagra und hatte überhaupt trotz ängstlicher Pflege immer über irgend etwas zu klagen. Seine großen, dunklen, traurigen Augen waren von unwiderstehlicher Schönheit; in ihnen las man vielleicht, daß er nicht an das Glück glaubte, überhaupt nicht glaubte und eben darum nie glücklich war.

Worin die Westler und die Slawophilen, die Herzen »unsere Freunde, die Feinde« zu nennen pflegte, einander begegneten, das war die Verehrung der russischen Bauerngemeinde, des Mir. Und nun komme ich auf das zu sprechen, was Michael Bakunin aus seiner eigenen Heimat an bildenden Einflüssen zugeströmt war.

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