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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 22
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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20.
Das Ende des Kampfes

Seit Cafieros Freundschaft ihm ein Eigentum beschert hatte, war der russische Grundherr in Bakunin erwacht, als der er geboren war. Er kaufte auf Kredit eine zwischen Lugano und Castiglione gelegene Villa von historischer Vergangenheit; denn sie hatte der Familie Nathan gehört, die in den italienischen Befreiungskämpfen eine Rolle gespielt hatte. Das nötige Geld hoffte er dadurch zu erlangen, daß er endlich in den Besitz seines väterlichen Erbes käme, zu welchem Zweck seine Schwägerin, eine praktische, tüchtige Frau wie ihre Schwester, nach Rußland zu seinen Brüdern reiste, um die Auseinandersetzung mit ihnen zu betreiben. Ihre Berichte klangen sehr zufriedenstellend, so daß Bakunin auf ein Vermögen von hunderttausend Rubeln zu rechnen begann. Um das Geld flüssig zu machen, sollten Wälder verkauft werden, was nicht so schnell vonstatten ging. Inzwischen wirtschaftete Bakunin in dem gigantischen Maße drauflos, das ihm eigen war. Er studierte Gartenbau und Chemie unter Anleitung eines Professors, er ließ Sämereien kommen, mit denen er den ganzen Kanton Tessin hätte unter Blüten setzen können, er pflanzte und düngte, daß ein Gewächs das andere erstickte. Da das erwartete Geld einstweilen ausblieb, kam er mitten in der Hoffnung auf eine endliche Befestigung seines äußeren Daseins oft in bittere Verlegenheiten, in denen die Freundschaft der benachbarten Familie Bellerio ihm auszuhelfen pflegte. Sie waren damals sein hauptsächlicher Umgang: der alte Bellerio war Republikaner, ein Gegner der Zustände, die sich damals in Italien herausbildeten, aber deshalb doch nicht mit Bakunin übereinstimmend, mit dem er stets im freundschaftlichen Streite lag. Wie immer hatte er auch hier ein besonders herzliches Verhältnis mit den Frauen und pflegte abends mit der alten Dame Domino zu spielen; die Söhne waren seine zuverlässigen Freunde. Es scheint in diesem Hause die harmonische, humane Kultur geherrscht zu haben, die für das Italien der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts charakteristisch war. Auch mit einem Flüchtling der Pariser Kommune, Arthur Arnould, verkehrte Bakunin häufig, der eine geistreiche Charakteristik des fabelhaften Russen, wie er damals erschien, aufgezeichnet hat. Trotz seines schäbigen Filzhutes und seines fragwürdigen Umhangs, trotz seiner zunehmenden körperlichen Gebrechlichkeit machte Michel noch immer den Eindruck eines Grandseigneurs, der durch seine Bildung, seinen Geist, seinen Humor, seine kindlich genialen Einfälle jede Gesellschaft schmückte und ein gern gesehener Gast war. Er versteckte nie seine Überzeugungen, aber da, wo er es nicht mit Borniertheit oder Egoismus zu tun hatte, schenkte er auch anderen Ansichten Gehör. Es wurde von ihm bemerkt, daß er einen triftigen Einwand sofort anerkannte und vor ihm die Waffen streckte, wer ihn auch erhob. Er verstand Spaß und hatte einen großen Sinn; Fanatiker und Doktrinäre wie Robespierre oder Savonarola waren ihm zuwider. In den Pausen des Gefechtes konnte er dem Gegner gerecht werden, der eine Überzeugung vertrat. Er glich darin den edeln Rittern der Vergangenheit, die sich herausforderten, um sich zu töten, aber wenn der Kampf ruhte, sich die Hand reichten und sich desto lebhafter anerkannten, je gefährlicher sie einander waren. Auch für ihn ruhte jetzt der Kampf.

Im Spätherbst 1874, nach dem Bruch mit Cafiero, schrieb er an Ogarjew: »Ich, alter Freund, habe mich auch, und diesmal endgültig, von jeder praktischen Tätigkeit, von jeder Beziehung zu praktischen Unternehmungen zurückgezogen. Erstens weil die jetzige Zeit zu solchen Unternehmungen entsetzlich unbequem ist. Der Bismarckianismus, d. h. der Militarismus, die Polizeiwirtschaft und die Finanzmonopole, vereinigt in ein System, das den Namen des neuen Staatstums trägt, siegen überall. Vielleicht werden zehn oder fünfzehn Jahre vergehen, in welchen diese mächtige und wissenschaftliche Verleugnung der ganzen Menschheit siegreich sein wird.« Im ähnlichen Sinne schrieb er an alle seine Bekannten. Guillaume riet er, wieder als Lehrer in eine öffentliche Schule einzutreten, da man einsehen müsse, daß die Volksmassen gegenwärtig den Sozialismus, so wie er ihn auffaßte, nicht wollten. Es sei eine reaktionäre Epoche angebrochen, deren Ende voraussichtlich die gegenwärtige Generation nicht erleben werde.

Der Sieg der Reaktion war ihm widerwärtig; aber bitterer war ihm die Erfahrung, daß die Arbeiterbewegung überwiegend eine andere Richtung nahm, als er gewünscht hatte. Sie nahm mehr und mehr Staatsgedanken und Kapitalismus in sich auf, eben die Mächte, die er so leidenschaftlich bekämpft hatte. Sie bekämpften denselben Feind wie er, aber nicht sein Wesen, sondern ihn, um sich an seine Stelle zu setzen. Es schien Bakunin zuweilen so, als sei die Herrschsucht der Menschen so groß, daß, wie er zu einem Freunde sagte, wo drei beieinander wären, zwei sich zusammentäten, um den dritten zu unterdrücken. Das hätte nur aufgewogen werden können durch ein gemeinsames Ideal, den gemeinsamen Glauben an das Recht und die Brüderlichkeit, an die Freiheit, die keiner genießen kann, wo nicht alle frei sind.

Die Liebe zur Freiheit wurzelte in Bakunin so tief, daß er dieselbe bei allen Menschen voraussetzte. Es war ihm nie eingefallen, daß Knechtschaft nicht einreißen und bestehen könnte, wenn ihr nicht etwas in der menschlichen Natur, noch außer der Unterwürfigkeit, entgegenkäme, nämlich Trägheit und Gewinnsucht. In jeder Gemeinde, die sich selbst regieren will, müssen alle Glieder selbsttätigen Geistes sein. Die Freiheit erfordert nicht nur Mut, sondern Regsamkeit, Wachsamkeit, Bereitschaft zum Handeln und zur Übernahme der Verantwortung, ja Opferwilligkeit bis zum Tode. Knechtschaft ist bequem, Freiheit unbequem. Es muß ein jeder Zeit und Kraft für die allgemeinen Angelegenheiten übrig haben, die nichts einbringen als Freiheit und Ehre, anstatt sich ganz und gar auf geldtragende Privatgeschäfte werfen zu können. Als die Israeliten der Gottesherrschaft überdrüssig geworden waren und einen König verlangten wie die Heiden, zürnte Samuel, aber Gott sprach zu ihm: »Sie haben nicht dich, sondern mich verworfen.« Ihr gemeinsames Ideal war nicht mehr die göttliche Gerechtigkeit, sondern Macht und Reichtum. Hätte das, was man Staat nennt, ein fester Mittelpunkt, von welchem aus die allgemeinen Angelegenheiten geregelt werden, also nur von oben nach unten, statt von unten nach oben, entstehen können, wenn nicht eine Erschlaffung gegenüber den früheren Idealen, eine zunehmende Neigung zu dem neuen Ideal des Mammons, des Reichtums und Genusses, dem entgegengekommen wäre? Bakunin hatte als selbstverständlich angenommen, daß die unteren Schichten des Volkes, Arbeiter und Bauern, namentlich diese, von der Erstarrung oder Dekadenz des Abendlandes nicht mitbetroffen wären; nun mußte er sich die Frage stellen, ob die Bauern innerhalb eines hochzivilisierten Volkes so geblieben sind wie zu der Zeit, als das junge Volk nur bäuerlichen Charakter und als es seine Entwickelung vor sich hatte? Hätte selbst in Rußland ein Pugatschew heute noch aus Bauern ein Heer schaffen können, das den Staat in Atem hielte? Verlangten nicht vielleicht gerade Arbeiter und Bauern nach Ordnung, nichts als Ordnung, und waren nicht vielleicht die wenigen, die sich nach »Sturm und Leben« sehnten, unter der Bourgeoisie zu suchen? Mehrfach äußerte er sich dahin, daß der revolutionäre Gedanke und die revolutionäre Leidenschaft nicht in den Massen lebendig wären, daß man ohne diese nichts ausrichten könne und daß er sich in dieser Hinsicht getäuscht habe.

Die Erfahrungen, die er gesammelt hatte, ließen sich vielleicht so zusammengefaßt ausdrücken, daß die Ideale, die in ihm lebendig waren, nur in einem wesentlich agrarischen Lande verwirklicht werden könnten, daß aber Europa sich unaufhaltsam zu einem Industrie-Massenstaat entwickelt. Bakunin hatte dieser Tatsache insofern Rechnung getragen, als er sich der Arbeiterbewegung selbst anschloß und unter Arbeitern für Arbeiter zu wirken suchte, er hatte also eigentlich den europäischen Übergang zur Industrie mitgemacht; aber seine Weltanschauung paßte nicht dazu, und er mußte mit ihr scheitern. Im Kerne blieb er immer derselbe Mensch, Sohn eines agrarischen, ja halb nomadischen Landes, wenn er sich auch der Zeit anzupassen suchte. Der russische Freund, der ihn lachend in bezug auf seine gigantische Körperlichkeit Mastodont nannte, hatte nicht unrecht: wie eine ausgestorbene Art, gewaltig, staunenerregend, aber schwer zu verwerten, ragte er in das moderne Leben. Im Grunde hätte sein Instinkt der Zerstörung sich gegen die Maschinen wenden müssen und den Geist, der sie hervorgebracht hat und benützt. Er jedoch hatte nicht das Gefühl, oder er hatte es nur vorübergehend, in einem unlösbaren Konflikte zu enden. Welche Fragen und Zweifel sich ihm auch aufdrängten, es geschah nicht mit dem Ergebnis, daß sie ihn an dem Grunde seiner Überzeugungen irregemacht hätten. Seine Beurteilung der Zukunft hat sich als erstaunlich zutreffend erwiesen: Er berechnete die Dauer des Bismarckianismus auf fünfzig Jahre, worauf er in einem Weltkriege zusammenbrechen würde. Versetzen wir uns in seine Lage, so werden wir, die wir diesen Weltkrieg erlebten, es nicht grausam finden, daß er ihn erhoffte. »Es bleibt noch eine Hoffnung: der allgemeine Krieg – die ungeheuren Militärstaaten müssen sich früher oder später untereinander zerstören und verschlingen. Aber welche Aussicht!« Die Ursache dieses Krieges sah er richtig in dem Wesen der Staaten selbst, von denen er keinem mehr den geringsten Vorzug vor dem anderen gab. Er sah deutlich, daß das siegreiche, mächtige Deutschland jetzt das Ideal aller anderen Staaten war und daß sie es nur haßten, um sich an seine Stelle zu setzen, es ihm gleich- oder zuvorzutun. Was er nicht ahnte, war, daß die Verdammungsurteile, die er in der Wut des Kampfes gegen Deutschland geschleudert und verbreitet hatte, als er noch hoffte, Frankreich zu einem Freiheitskampfe hinzureißen, von den neidischen Staaten gesammelt und als Waffe gebraucht werden würden, um den deutschen Koloß zu stürzen und zu beerben.

Nachdem er sein Leben lang selbst unter den Gladiatoren gewesen war, genoß es der müde Mann, nun auch einmal Zuschauer zu sein und andere für die Schürzung und Lösung der Knoten sorgen zu lassen. »Was für Schauspieler und was für eine Bühne! Im Hintergrunde, ganz Europa beherrschend, Kaiser Wilhelm und Bismarck an der Spitze eines Bedientenvolkes – in der Ferne England, das sich noch nicht entscheiden kann, wieder etwas zu werden, und noch weiter entfernt die Musterrepublik der Vereinigten Staaten von Amerika, die schon mit der Militärdiktatur kokettiert. Arme Menschheit.«

Erloschen war aber die Kampflust nicht, und das Vordringen der Klerikalen im Kanton Tessin erbitterte ihn so, daß er drauf und dran war, wieder in die Arena zu springen. Noch im Jahre 1873 belächelte er Garibaldi, der »ein Held auf dem Schlachtfelde, aber ein sehr schlechter Philosoph und Politiker«, die Pfaffen mehr als alles haßte und Bismarck wegen seines entschiedenen Auftretens gegen die katholische Kirche als Befreier Europas und der Welt feierte; denn die kirchliche Reaktion sei doch im Grunde machtlos und ungefährlich, nur die staatliche, die eben Bismarck vertrete, zu fürchten. Zwei Jahre später aber war er in die lokalen Kämpfe so weit hineingerissen, daß er den Standpunkt änderte und den Pfaffenkampf als dringend notwendig ansah.

»Und Du, mein alter Freund«, schrieb er am 19. Oktober 1875 an Reichel, »was machst Du? Wie bringst Du Deine innere Welt, Dein Heiligtum, mit der verpesteten Atmosphäre der überall triumphierenden Reaktion und mit den schweren Bedingungen des Lebens in Gesellschaft zusammen? Was mich betrifft, so bin ich vollständiger Einsiedler geworden und suche mein altes Ich vermittels der Kontemplation wieder zu fangen – ob es mir gelingt, weiß ich nicht. Eins nur muß ich Dir doch gestehen, von allem tätigen Leben entfernt, laufe ich die Gefahr, ein Bismarckianer zu werden – und doch hasse ich nicht den Bismarck selbst – er ist ein konsequenter Kerl –, sondern den Bismarckianismus wie früher von ganzem Herzen – aber ich hasse den nun wieder überall siegenden oder zu siegen scheinenden Katholizismus, Klerikalismus noch mehr. Es ist ein Schimpf für die Menschheit, ein Schimpf für alles, was in uns vernünftig, sittlich, menschlich ist – ich würde mich um die Pfaffen sehr wenig kümmern, wenn ihre Tätigkeit sich damit beschränken würde, alte Esel noch mehr zu vereseln –, aber in Frankreich, in Italien, in Spanien, in Belgien und auch in manchen schweizerischen Kantonen, z. B. nel Ticino – ziehen sie die ganze Erziehung der Kinder, der Zukunft, in ihre schmierigen Hände, und das ist ein wahres Unglück; denn sie machen nicht nur die Herzen und die Köpfe der Jugend voll Lüge – nein, sie verfälschen systematisch und gründlich sozusagen die organische Natur und die ganze natürliche Tätigkeit und Entwickelung beider – sie schaffen Lügner und Sklaven –; und obgleich ich sehr gut weiß, daß Bismarck die Religion des lieben Gottes nur mit dem Zweck bekriegt, an ihre Stelle die mir immer verhaßte Religion des Staates und der Staatsdienerei zu setzen – so muß ich doch anerkennen, daß, wenn es jetzt in Europa keine Bismarckianische Politik gäbe, wir alle in kurzer Zeit zu Pfaffenfraß würden. – Jetzt scheint es mir wieder nützlich und notwendig, den alten verschollenen Schrei der Enzyklopädisten zu erheben: ›Ecrasons l'infâme‹ – und wie in meiner alten guten fanatischen Zeit, wo ich zu sagen pflegte: ›Was redet ihr mir von Unparteilichkeit, wir wollen die Unparteilichkeit dem lieben Gott überlassen‹, ebenso fange ich wieder an, mich sehr wenig um abstrakte Gerechtigkeit zu kümmern: alles was das Pfaffentum und die Pfaffen zugrunde richtet, ist mir recht und gerecht – so übergehe ich unter die Fahne von Täuscher Täuscher ist der Name eines damaligen antiklerikalen Führers., und so bin ich für den Augenblick nolens volens selbst ein Bismarckianer geworden –«

Unversehens war der Einsiedler, der sich von allem tätigen Leben zurückgezogen hatte, wieder mitten im Kampfe. Er konnte wie Gustav Adolf sagen: »Ruhe gibt es für mich wohl erst in der Ewigkeit.«

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