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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 21
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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19.
Die Tragödie der Baronata

Unter den jungen Italienern, die sich Bakunin anschlossen, befand sich der junge Carlo Cafiero. Er war überzeugter Anarchist und Kollektivist im Sinne Bakunins und beschloß, sein beträchtliches Vermögen, in dessen Besitz er durch Erbschaft gelangt war, der ihm heiligen Sache zu widmen. Wie viele Italiener war er persönlich bedürfnislos; den Hang zum Luxus des Hauses mit bequem und geschmackvoll eingerichteten Wohnräumen kennt der im Freien lebende Südländer überhaupt weniger, sein zum Handeln drängendes Wesen macht ihn weniger abhängig von vielen Verführungen der Zivilisation. Trotzdem ist die Großartigkeit, mit der Cafiero sich seines Reichtums entäußerte, bewundernswert in einer Zeit, wo in Italien die Jagd nach dem Gelde alle anderen Interessen zu übersteigen begann. Er faßte für Bakunin schnell eine herzliche Zuneigung, die sich in dem Wunsche äußerte, dem alternden, erschöpften Kämpfer das Leben leichter zu gestalten. Es fiel ihm ein, daß er zugleich der Sache und der verehrten Person dienen könnte, wenn er nahe an der italienischen Grenze ein Haus kaufte, welches Bakunin mit den Seinigen bewohnte, wo die Gesinnungsgenossen jederzeit eine Zuflucht fänden und wo Waffen zum Zwecke von Revolutionen verborgengehalten werden könnten. Bakunins Bedenken ließ er nicht gelten; er zeigte die Sorgfalt eines Sohnes, dem es Bedürfnis ist, dem angebeteten Vater alles Schwere abzunehmen. Im Bewußtsein seiner Kränklichkeit und seiner Unfähigkeit, die Zukunft seiner Familie sicherzustellen, war Bakunin oft von Sorgen bedrückt; er liebte die Frau, die an seiner Seite so wenig ruhiges Glück genossen hatte, und ihre Kinder mit der väterlichen, gütigen Liebe, die er überhaupt für schutzlose Wesen empfand, und fühlte im höchsten Grade den natürlichen Trieb, über seinen Tod hinaus für sie zu sorgen. Cafiero kam ihm auch darin zartfühlend und großmütig entgegen; er versprach ihm, auch nach seinem Tode für die Seinigen zu sorgen, und ermächtigte ihn, das die abwesende Frau wissen zu lassen, damit sie über die Zukunft beruhigt sei.

Gemeinsam wurde nun das Haus, welches zu verkaufen war, die Baronata, in Augenschein genommen. Es lag auf einer steinigen Anhöhe und war eng und dumpfig, die Lage jedoch, zwischen Locarno und Bellinzona, war insofern günstig, als man von dort die Straße weithin überblicken konnte, und den übrigen Mängeln konnte durch Umbauten abgeholfen werden. Cafiero wollte, daß sein alter Freund gesunde, heitere Räume bewohnen und es in jeder Hinsicht behaglich haben sollte. Vor der Welt sollte Bakunin als der Besitzer des Hauses erscheinen, dessen doppelten Zweck natürlich niemand ahnen durfte, und dazu war notwendig, daß er den Eindruck eines ruhigen, wohlhabenden Bürgers machte. Er pflegte in einem uralten Anzug und Mantel einherzugehen, der übrigens dem Imponierenden seiner Erscheinung keinen Abbruch tat; aber man fand nun doch für gut, ihn neu auszustaffieren, damit er besser für die Rolle des Hausbesitzers passe. Er verbreitete überall die Mitteilung, daß er sich von jeder öffentlichen Tätigkeit zurückziehe, an seine Genossen vom Jura-Bunde richtete er einen Abschiedsbrief, der seinen Austritt begründete. Er sagte darin: »Durch meine Geburt und meine persönliche Stellung, sicherlich nicht durch meine Sympathien und Tendenzen, bin ich nur ein Bourgeois, und als solcher könnte ich unter Ihnen nichts leisten als theoretische Propaganda. Nun gut, ich habe die Überzeugung, daß die Zeit der großen theoretischen Reden, seien sie gedruckt oder gesprochen, vorüber ist. In den letzten neun Jahren sind im Schoße der Internationale mehr Ideen entwickelt worden, als nötig wären, um die Welt zu retten, wenn Ideen allein das könnten, und ich möchte den sehen, der noch eine neue erfände. Die Zeit gehört nicht mehr den Ideen, sondern den Taten. Die Hauptsache ist heute die Organisation der Kräfte des Proletariats; aber diese Organisation muß das Werk des Proletariats selbst sein.«

Dies öffentliche Scheiden aus dem Kreise der früheren Tätigkeit sollte nicht ernstlich ein Aufhören derselben bedeuten, sein unterirdisches Wirken sollte vielmehr so lebhaft sein wie je zuvor; so verstanden es wenigstens Cafiero und die übrigen Freunde und Anhänger. Vielleicht aber war Bakunins Herz mehr bei jenem Schreiben, als seine Freunde ahnten und als er selbst sich zugestand. Er hatte damals, als im Sommer 1873 die Baronata gekauft wurde, noch drei Jahre zu leben, seine Kräfte waren am Versiegen; wie hätte sich das nicht fühlbar machen sollen? Er war sehr müde; es tat ihm wohl, daß die Jugend sich um ihn regte, für ihn eintrat, ihm die Last der Verantwortung abnahm; und er lebte sich, da er einmal nachgegeben hatte, nicht ohne Lust in die neue Rolle ein. Seine Überzeugungen hatten sich nicht geändert; aber der Glaube an die Möglichkeit der Verwirklichung seiner Ideen war erschüttert, und zum ersten Male lockte es ihn, sich selbst zu leben. Es waren gewiß frohe Tage, wenn man gemeinsam zur Baronata hinaufstieg, um über die neuen Einrichtungen in Haus und Garten zu beratschlagen. Es wurden Veranschlagungen gemacht und alles auf italienische Art, gemächlich und sorglos, betrieben. Einige Monate, so darf man annehmen, vergingen Bakunin fröhlich in Vorbereitungen und Vorfreude. Für den Sommer 1874 wurde Antonie aus Sibirien zurückerwartet in Begleitung ihrer Eltern. Für Russen und Italiener hat der Gedanke, die Familie durch Schwiegereltern und Geschwister erweitert zu sehen, nichts Erschreckendes; im Gegenteil, das erwärmende Gefühl von Weite des Zusammenhangs wird dadurch gesteigert. Anders als sonst wollte Bakunin diesmal die Seinigen empfangen. Er war immer der Unstete gewesen, den Schulden und revolutionäre Rücksichten von Ort zu Ort jagten, der ängstlich auf irgendeine entlehnte oder geschuldete Summe wartete, um die nächsten Tage zu fristen. Jetzt erwartete die nach zweijähriger Abwesenheit heimkehrende Frau ein eigenes, bequemes Heim, wo ein reichlicher Zuschnitt des Lebens herrschte, wo man endlich einmal ohne die drückende Sorge für die nächste Zukunft atmen konnte. Freudenfeuer sollten die erste Sommernacht erleuchten, die die Reisenden zu Hause erlebten. Gerade diese Stunde sollte dem unglücklichen Manne die bitterste Erfahrung seines Lebens bringen.

Am Abend desselben Tages, wo Antonie ankam, es war der 13. Juli, traf auch Cafiero in der Baronata ein. Dieser Besuch hätte die allgemeine Freude vervollständigen können; allein es bemächtigte sich Bakunins ein seltsam unbehagliches Gefühl, als ihm der junge Freund verändert, wortkarg, düster gegenübertrat. Cafiero hatte sich im Laufe des Jahres mit einer Russin verheiratet, die er durch Bakunin hatte kennenlernen. Sie war eine strenge Revolutionärin und teilte, wie es scheint, das zärtliche Gefühl ihres Gatten für Bakunin nicht. Ihrem Einfluß mag es zuzuschreiben sein, daß Cafiero sein Verhältnis zu Bakunin in einem anderen Lichte zu sehen begann. An jenem Abend kam er, um die getroffene Vereinbarung aufzuheben und Bakunin anzukündigen, daß er das Haus, als dessen Eigentümer er sich fühlte, zu verlassen hätte. Die Notwendigkeit, Antonie und ihre alten Eltern zu verjagen, die auf seine Einladung gekommen waren, glücklich über die neue Heimat, wo sie Ruhe finden sollten, erschien Bakunin unerträglich, unannehmbar. Nachdem er für seine Lebenszeit der dringendsten Sorgen ledig zu sein geglaubt hatte, wurde er plötzlich in eine Lage gestoßen, die schrecklicher und aussichtsloser war als je zuvor, und durch denselben Mann, der ihm freiwillig ein Asyl angeboten, beinahe aufgedrängt hatte. Es schien unglaublich, unmöglich, es schien ein böser Traum, plötzlich ausbrechender Wahnsinn zu sein, daß der großmütig liebende Sohn ihm als grausamer Herr gegenüberstand, um ihn aus dem Paradiese zu vertreiben. Cafiero führte an, daß das Leben Bakunins auf der Baronata sein Vermögen zu verschlingen drohe, ohne daß es der Sache zugute komme, und daß es notwendig sei, den Überrest wenigstens zu retten. Allerdings war Bakunin unpraktisch und ein geborener Verschwender, gastfrei, immer umringt von Anhängern, die er reichlich bewirtete; aber er konnte geltend machen, daß Cafiero ihn selbst ermuntert hatte, sich nach Belieben einzurichten, und daß der Aufwand nicht nur ihm, sondern den Freunden der Sache diente, die sich vorübergehend auf der Baronata aufhielten. Es mochte Cafiero klargeworden sein, daß die Ankunft der Familie, die ihn nicht interessierte, die Kosten mehr als verdoppeln würde; aber diese Überlegung kam nun zu spät. Bakunin fühlte sich außerstande, Antonie die furchtbare Enttäuschung mitzuteilen, und hätte doch, so mißhandelt, am liebsten sofort den Staub von den Füßen geschüttelt. Wovon sollte die ganze Familie in der nächsten Zeit leben? Er sah sich gezwungen, denjenigen, der ihm das Unerhörte antat, um Geld zu bitten, und tat es, indem er es als sein Recht von ihm forderte. In der Tat war Bakunin durch Cafiero in diese Lage geraten, er hatte sich auf Cafieros Versprechen verlassen, daß dieser die Sorge für seine Familie auf sich nehmen wolle. Er fühlte sich entehrt und zugleich unfähig, die Last des Lebens, die sich unversehens verdoppelt über ihn wälzte, nachdem er sich befreit gewähnt hatte, wieder auf sich zu nehmen. Er sah für sich keinen Ausweg als den Tod. Wieder schwebte ihm sein Held vor, Simson, der geblendete, und winkte ihm, zur großen Auferstehung sich aufzuraffen. Hätte er jetzt auf den Barrikaden, umlodert von den Flammen der Revolution, kämpfen und fallen können!

Die Gelegenheit schien sich zu bieten. Die anarchistischen Bewegungen hatten in verschiedenen Teilen Italiens eine solche Kraft erlangt, daß die Führer glaubten, einen Aufstand wagen zu können, der an mehreren Orten zugleich losbrechen sollte. Es ist nicht unmöglich, daß dieser Plan an Cafieros unerklärlichem Betragen Anteil hatte. Für die jungen Revolutionäre war der alte Riese aus Rußland, der seit fünfundzwanzig Jahren ein Anführer ihrer Kämpfe und dann ein Märtyrer gewesen war, wie eine Fahne, die weithin sichtbar ist und mit ihrem bloßen Rauschen Begeisterung erregt und Jünger anzieht. Er hatte mancherlei Erfahrung gesammelt und war zugleich ein Symbol, das Gelingen gewährleistete. Daß in dieser Fahne, die sie schwingen wollten, ein Herz schlug, ein müdes, sterbendes Herz, daran dachten sie nicht. Vielleicht hatten sie bemerkt, daß Bakunins revolutionärer Schwung, der einst so unwiderstehlich gewesen war, nachließ, und sie schrieben es dem bequemen Leben zu, das aus dem Scheinbürger, den er spielen sollte, einen leibhaftigen Bourgeois machte. Das war ja Tatsache, daß er den Glauben an eine in der Gegenwart mögliche Revolution verloren hatte, ganz abgesehen davon, daß er wohl Ursache hatte, die angebliche Revolution in Italien für ungenügend vorbereitet zu halten. Er wünschte zu sterben; aber zugleich empörte es ihn, daß die jungen Männer, die noch wenig erprobt und gelitten hatten, ihn, den Alten, wie ein Stück Zündstoff hinwerfen wollten, gerade gut, für die allgemeine Sache verzehrt zu werden. Hätte das alte Feuer noch in ihm gebrannt, so daß er vorangegangen wäre und die anderen mitgerissen hätte, wäre es nicht so gewesen; weil der Drang zur Tat in ihm erloschen war, wurde er ein Gegenstand, den die anderen mitschleppten, um ihn auszuspielen wie einen Trumpf. Wunderbar ist es, daß die Jugend, die von Leben strotzt, das Leben unbedenklich wagt, und der Alternde, je näher er dem Tode ist, selbst wenn er den Tod ersehnt, desto mehr vor dem Sterben zurückschaudert. Bakunin reiste ab, Verzweiflung im Herzen, wie er sie noch nie gekannt hatte, ohne seinen Angehörigen mitzuteilen, wohin er ging. Am 29. Juli kam er in Splügen an, wo er im Hotel Bodenhaus abstieg, fuhr am folgenden Tage weiter und traf am Abend spät in Bologna ein. Hier war er fremd und konnte sich nur von den Eingeweihten hin- und herschieben lassen. Der Ausbruch der Revolution war auf einen bestimmten Tag im August festgesetzt; sie scheiterte in der Hauptsache daran, daß sich nicht genug Teilnehmer einfanden. In der verhängnisvollen Nacht erwartete Bakunin mit den Leitern des Unternehmens das Zeichen zum Aufbruch; er hatte einen geladenen Revolver bei sich, um, wenn er nicht im Straßenkampfe fiele, seinem Leben selbst ein Ende zu machen. Er hielt die Waffe in der Hand und erwartete einen gewissen Zeitpunkt, den er sich gesetzt hatte, um loszudrücken. Wenn er sich wirklich hätte töten wollen, was hätte ihn gehindert? Sicherlich wünschte er sich hinweg aus der Welt, die unerträglich auf ihm zu lasten anfing; aber es scheint doch, daß eine unbesiegliche Lebensanhänglichkeit ihn von dem letzten Schritt zurückhielt. Aus seiner tiefen Niedergeschlagenheit heraus spielte er das Zauberhorn, sein Wiegenangebinde; ein junger Italiener, den er eben erst kennengelernt hatte, bemühte sich liebevoll um ihn und redete ihm das Sterben aus. Daß wieder ein Herz für ihn schlug, mag tröstend auf ihn gewirkt haben; er fühlte sich nicht mehr nur verlassen und verraten und ließ es zu, daß man auf seine Rettung dachte. Als italienischer Landgeistlicher verkleidet, mit grüner Brille, auf einen Stock gestützt, ein Körbchen mit Eiern in der Hand tragend, verließ er am 12. August Bologna, ohne Verdacht zu erregen. Seine imponierende Erscheinung, sein gelassenes Wesen mögen ihn hier wie auch sonst beschützt haben. Es wird erzählt, daß er einmal bei einem Aufstande in Pisa gewesen sei und sich aus einem umstellten Hause gerettet habe, indem er mitten durch die Soldaten hindurchgegangen sei, von denen keiner ihn anzurühren wagte. Ist das eine Legende, so beweist sie, wie er wirkte und was man ihm zutraute.

Er kehrte nach Splügen zurück und blieb dort vierzehn Tage. Umringt von der Herrlichkeit der Berge, das titanische Spiel der Wolken vor Augen, einsam zwischen Gästen voll Ferienlust im glücklichen Müßiggange: Was für Gedanken, Zweifel und Qualen mag er in sich verborgen haben. Der Kampf seines Lebens, in den er sich so stolz, so übermütig gestürzt hatte, war kläglich versiegt. Es war ihm nicht gewährt wie Simson, unter den Trümmern der Burg seiner Feinde zu enden, neben ihren Leichen; er lebte ein armselig gespartes Leben, geringgeschätzt von seinen Anhängern, nicht mehr gefürchtet, kaum noch beachtet von seinen Feinden. Wie anders hatte er es einst geträumt! Vielleicht dachte er an die russischen Kerker und neidete sich seine eigenen Qualen. Auch dort hatte er sich oft den Tod gewünscht und sich ihn doch nicht gegeben. Wäre sein Freund Reichel bei ihm gewesen, er hätte auf dem klappernden Klavier, wie sie in den Gasthäusern im Gebirge zu sein pflegen, alte teure Weisen gespielt und den Schmerz beschworen. Der Alpdruck des Erdenlehens wäre gewichen, und der Befreite hätte aufatmend gefühlt: Dies alles ist nichts vor der Ewigkeit. Aber er war ohne Freund und alt, krank, besiegt, zertreten.

Immer wieder das Erlebte wiederholend, bohrte er sich in die Auffassung hinein, Cafiero habe ihn zum Mitbesitzer der Baronata gemacht und könne ihm das Recht, sie zu bewohnen, nicht einseitig nehmen; so suchte er sich die entsetzliche Lage gewaltsam günstiger zu gestalten. Von Splügen aus reiste er nicht heim, wo die Familie sich um ihn bangte, sondern zunächst ins Wallis, und hatte dort noch eine Zusammenkunft mit Cafiero. Wenn er sich an die Hoffnung geklammert hatte, Cafiero würde inzwischen sein Verhalten bereut haben, wenigstens insofern wieder der alte sein, als er einen geziemenderen Ton gegen den einst so verehrten älteren Mann anschlüge, so wurde er wiederum enttäuscht; Cafiero blieb trocken und starr, vielleicht weil es ihm nur so möglich war, seinen Standpunkt festzuhalten. Noch ein furchtbarer Augenblick folgte: Bakunins treuer Freund und Anhänger aus dem Jura, James Guillaume, stellte sich auf die Seite derer, die er für seine bittersten Feinde ansah. Der Widerstand, dem er begegnete, verstärkte ihn nur in seiner Ansicht, die Baronata gehöre ihm so gut wie Cafiero. In seinem strengen Rechtlichkeitssinn hatte Guillaume dafür kein Verständnis. Er war außer sich darüber, daß der, den man den Vater des Anarchismus nannte, der für die Abschaffung des Erbrechts gekämpft hatte, Eigentumsrechte an einem Vermögen geltend machte, an dem ihn der Besitzer lange freiwillig hatte teilnehmen lassen. Er drang mit Vorstellungen so lange auf den unglücklichen Mann ein, bis dieser zusammenbrach und sich nun selbst als einen Schuldigen anklagte, der sein Unrecht nur mit dem Tode sühnen könne. Die monatliche Unterstützung von dreihundert Franken, die die ehemaligen Genossen vom Jura ihm anboten, schlug er aus. Die Mächtigen der Erde belohnen diejenigen, die für sie gearbeitet haben, mit Reichtum, Gütern und Titeln; wer für die Armen kämpft, hat nichts zu erwarten als Armut und vielleicht einen schmählichen Untergang. Eine Summe zu leihen, um die Kosten des Lebens für die allernächste Zukunft zu decken, erklärte Cafiero sich bereit.

Unversöhnt gingen Bakunin und Cafiero auseinander. In der Tiefe seines Herzens behielt Bakunin das Gefühl, verraten zu sein. So unglücklich er war, war doch vielleicht Cafiero noch mehr zu beklagen. In ihm war ein großmütiger Hang wie nur in wenigen Menschen; aber es scheint, daß eine zweite Seele in ihm war, die sich gegen das Übermaß der Selbstlosigkeit auflehnte. Er war ein Heiliger, mit einem Alltagsmenschen zusammengekoppelt. Sein schöner Plan scheiterte an der Wirklichkeit; hätte er Bakunin weiter schalten lassen, so würde ein bedeutendes Vermögen in einigen Jahren verzehrt gewesen sein, das nach seiner Absicht in erster Linie dem Wohl des Volkes, wie er es auffaßte, dienen sollte. Er sowohl wie Bakunin hatten wie Kinder gehandelt. Das Seltsame und Schreckliche war, daß Cafiero, nachdem er sich entschlossen hatte, das Verhältnis aufzuheben, es in einer Form tat, die sein Recht zum Unrecht machte. Dies alles mußte Bakunin wie Wahnsinn erscheinen, und es war auch Wahnsinn darin verborgen.

Nachdem Bakunin die Baronata geräumt hatte, bezog sie Cafiero. Er lebte dort einsiedlerisch und asketisch; aber er vertrug dies Leben nicht lange und verkaufte die Besitzung für vierundvierzigtausend Lire. Schon bald darauf geriet er in Not und war in dem Jahre, wo Bakunin starb, vorübergehend Gehilfe in einem Irrenhause. Nach wechselnden Erlebnissen in verschiedenen Ländern, nachdem er auch begonnen hatte, eine Lebensgeschichte Bakunins zu schreiben, fielen im Jahre 1881 die ersten Zeichen von Verfolgungswahn an ihm auf; daneben quälte ihn die Wahnidee, er habe seine Kameraden verraten. Unter der Pflege eines Freundes erholte er sich noch einmal, mußte aber immer wieder in eine Irrenanstalt gebracht werden, wo er im Jahre 1892 gestorben ist. Zu seinen Wahnvorstellungen gehörte, man müsse die Fenster verhängen, damit er nicht zu viel Licht verbrauche, das allen gemeinsam gehöre. Dieser ergreifende Gedanke läßt einen Blick in sein reines, leidendes Gemüt tun. In eine individualistisch geordnete Welt hineingestellt, versuchte er die Idee, daß die Güter der Erde allen gemeinsam gehören sollen, für seine Person zu verwirklichen, und erfuhr, daß es über seine Kraft ging. Höchst unbilligerweise verlangen die Gegner von einem sozial denkenden Menschen, er dürfe nichts besitzen, während doch unter einem Volke, dessen Leben auf dem Privateigentum beruht, es nur einem Heiligen möglich wäre, ganz außerhalb der bestehenden Einrichtungen zu leben.

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