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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 20
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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18.
Auseinandersetzung mit Mazzini

Das Erlebnis in Lyon und der Untergang der Kommune von Paris war eine zweite vollständige Niederlage in Michels Leben. Sie war als Tatsache nicht so grausam wie die erste; aber sie lähmte ihn mehr, weil er nicht mehr jung war und den Tod schon in sich trug. Solange man auf ein Ziel losgeht, fließen alle Lebensadern dem Hauptstrome zu, es mangelt nie an Kräften, die ebenso erregt werden, wie sie in Anspruch genommen werden; jenseits des Zieles aber, selbst wenn es erreicht ist, versiegen sie plötzlich, und das Herz, das so unerschöpflich schien, liegt wüst. Wieviel schlimmer, wenn das Erstrebte für immer entschwindet. Damals, 1849, war Bakunin von der Übermacht besiegt, oder die Unerfahrenheit und Torheit seiner Partei, konnte er denken, habe den Zusammenbruch verschuldet; würde er nur frei, so könnte der Kampf auf einer solideren Grundlage aufgenommen werden. Jetzt stellten sich ganz andere Zweifel ein, die seine Überzeugungen selbst betrafen.

Sehr schwer wurde es ihm zunächst, Frankreich ganz ausschalten zu müssen. Daß Frankreich immer das Land der Zentralisation par excellence gewesen sei, wie er jetzt sagte, diese Einsicht hatte er wohl auch früher schon gehabt und dennoch den Glauben an das revolutionäre Temperament und die freiheitliche Gesinnung der Franzosen nicht aufgeben können. Nun hatte er unwiderleglich erfahren, daß die überwiegende Mehrheit des Volkes die Revolution und Freiheit, wie er sie verstand, mehr haßte und fürchtete als die verhaßten Preußen. Die Preußen waren Zuschauer gewesen, wie die französische Armee, die ohne Ruhm, zum Teil schmachvoll aus dem Kriege zurückgekehrt war, als rachgieriger Sieger über die Kommune triumphierte. Mit einer Grausamkeit, wie nur der weiße Schrecken sie verhängt, wütete die Nation der Tiger-Affen gegen die eigenen Brüder, die ihre Automatenkultur angriffen. Vieles, was Frankreich an Idealismus besaß, hatte der Kommune angehört; das war bis auf den letzten Atemzug erstickt. War es auch einzelnen geglückt, sich ins Ausland zu retten, so konnte doch auf Jahrzehnte hinaus, vielleicht auf immer, im Sinne Bakunins nicht mehr auf Frankreich gerechnet werden. Die Franzosen, sagte er nun, wären gar nicht revolutionär; das Volk selbst wäre dort zu Doktrinären und Schwätzern, ebenso bourgeois wie die Bourgeois geworden. Frankreich zerfalle in acht verschiedene Nationen: die Bauern, die Arbeiter, die kleine Bourgeoisie, die große Bourgeoisie, die aus dem Jenseits kommenden Aristokraten, die ewigen Schatten, die Pfaffen, endlich die bürokratische Welt und das schreibende Proletariat. Zwischen allen diesen Nationen gebe es keine Solidarität als den gegenseitigen Haß und die patriotische Phrase.

Die Solidarität aber war in Bakunins Auffassung das Absolute, wonach er schon in seiner Jugend gesucht hatte, sie war ihm Gott; und das stimmt ja mit dem biblischen Gott-Vater zusammen, dessen Wesen die Liebe ist, die das Vereinzelte zu einem Ganzen zusammenfassende Kraft. »Es gibt eine absolute menschliche Moral, das ist das allgemeine [universelle] Gesetz der Solidarität, die natürliche Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft. Nicht ein von oben fallendes Prinzip, sondern ein innewohnendes. Jedes existierende Wesen, sei es einfach oder kollektiv, jedes denkende, lebendige, organische oder anorganische, hat ein innewohnendes Prinzip, das sein Wesen bestimmt und sich in seiner Entwickelung mit Notwendigkeit offenbart.« Solange ein Volk ein solches, ihm innewohnendes Prinzip hat, ein gemeinsames Volksideal, seinen Gott, der vor ihm hergeht in Rauch und Feuer, so lange ist es entwickelungsfähig, wird es aus den furchtbarsten Kämpfen und Umwälzungen lebendig, verjüngt sogar, hervorgehen; sei aber kein solches Ideal mehr vorhanden, sagte Bakunin, dann sei es vergeblich, daß einzelne sich anstrengten und aufopferten, um irgendeine große Erneuerung des Volkes zu bewirken; wohl könne ein Machthaber es zusammenballen aus Staatsgründen, zum Zwecke eines Krieges, aber es werde keine organische, entwickelungsfähige Form mehr aus ihm herauswachsen.

Nun aber war ja gerade das Bakunins Ziel, was er oft wiederholt hat: »Wir sehen den Staat in seiner gegenwärtigen Entwickelung als ein versteinertes, anorganisches Produkt des Lebensprozesses der Völker an, als eine mechanische Absonderung vom lebendigen Volksorganismus. Die Kraft des Staates ist gegenwärtig eine rein und ausschließlich mechanische, direkt gegen das Volk gerichtete, nur auf Polizei und Armee gegründete, und daher richten sich alle Anstrengungen der revolutionären Kreise und Personen auf die Zerstörung des Staates durch die Organisation der elementaren Kraft des Volkes.«

Die Erfahrung, daß ein beständig von Freiheit und Gleichheit redendes, mit der Glorie revolutionärer Kraft prahlendes Volk diese organische, elementare Triebkraft nicht mehr hatte, mußte einen erschütternden Eindruck auf Michel machen. Es ging ihm wie Hamlet: »Aufzeichnen muß ich mir, daß einer lächeln und immer lächeln kann und doch ein Schurke ist.« Es gibt Dinge, die man oft gehört und gelesen hat und deshalb weiß und die man doch erst qualvoll lernen muß zu glauben, wenn man sie erlebt. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner, die die winterliche Jahreszeit und das Elend seiner wirtschaftlichen Lage verstärkte. Er war gewöhnt, von der Hand in den Mund zu leben und innerhalb eines gewissen Zuschnitts sich auf das Notwendige zu beschränken; jetzt trat die nackte Not in sein Haus ein. Den einzigen Überfluß, an dem er persönlich hing, Tee und Zigaretten, konnte er nicht mehr beschaffen. Dazu, rastlos tätig wie er war, belud er sich mit einer Aufgabe, die ihm schwer wurde: eine Schrift gegen Mazzini zu verfassen, der ein starres Verdammungsurteil gegen die Kommune von Paris geschleudert hatte. Er hatte niemals eigentlich übereingestimmt mit Mazzini, weder persönlich noch sachlich, dennoch aber ein gutes Verhältnis mit dem Manne zu erhalten gesucht, dessen Uneigennützigkeit über jeden Verdacht erhaben war, und der sich mit Leib und Seele für seine Überzeugungen eingesetzt hatte. Dies betonte er auch immer wieder; aber es war ihm Bedürfnis, hauptsächlich das Besiegte zu verteidigen und daneben, gerade weil er in engen Beziehungen zur italienischen Revolution stand, festzustellen, was ihn von Mazzini trennte.

Das war vor allen Dingen, daß Mazzini sich auf eine bourgeoise Minderheit im Volke gestützt und zur Befreiung der italienischen Bauern nichts getan hatte. Auch Marx sagte: »Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen Adel und ihren aufgeklärten Bürgern. Die materiellen Bedürfnisse des italienischen Landvolks – so ausgesogen und systematisch entnervt und verdummt wie das irische – liegen natürlich unter dem Phrasenhimmel seiner kosmopolitisch-neukatholisch-ideologischen Manifeste. Aber allerdings gehört Mut dazu, den Bürgern und dem Adel zu erklären, daß der erste Schritt zur Unabhängigkeit Italiens die völlige Emanzipation der Bauern und die Verwandlung ihres Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist.«

Bei Bakunins außerordentlicher Vorliebe für die Bauern, die nicht nur auf Einsicht, sondern auf tief innerlichem Zusammenhang beruhte und mit dem Kern aller seiner Anschauungen zusammenhing, beschäftigte ihn natürlicherweise dieser Punkt sehr. Er meinte, daß allen italienischen revolutionären Bewegungen die Teilnahme des eigentlichen Volkes gefehlt habe, weil sie als rein politische dem Volk hätten gleichgültig bleiben müssen. Im Zusammenhang damit bekämpfte er Mazzinis Lehre, daß der Fortschritt der Menschheit durch inspirierte Menschen, durch das Genie, herbeigeführt werde. Bakunin bestritt das zwar nicht, aber er faßte das Genie anders auf, als den Ausdruck nämlich des Volkes, aus dem es hervorgehe, und ohne welches es nicht gedacht werden könne. Der Hirt ist machtlos ohne die Herde, die seine Stimme hört. Die Eigenheit Mazzinis, vielleicht durch seine Schicksale verstärkt, sich ein wenig als das offizielle Genie zu drapieren, mißfiel ihm sehr, der sich beständig bemühte, seine auffallende Persönlichkeit zu dämpfen.

Es hat immer geniale Menschen gegeben; aber es waren Zeiten, wo zwar ihre Werke oder Taten, aber kaum ihre Namen überdauerten, weil sie selbst mit ihrem Werk zu einer Gemeinschaft gehörten, die an ihrem Werk und der Ehre ihres Werks teilnahm. Das Wesen dieser Zeit, das Bakunin als Kollektivismus dem Individualismus der Neuzeit entgegensetzte, glaubte er, sei wieder im Anzuge, und deshalb erbitterte ihn jedes Anzeichen von Ehrgeiz, Eitelkeit oder Ruhmsucht und übermäßiger Verherrlichung einzelner, das er wahrnahm. Er wollte, das muß immer wieder betont werden, durchaus nicht, daß die hervorragende Persönlichkeit unterdrückt werde, im Gegenteil; aber er war überzeugt, daß dem einzelnen erst aus der Gemeinschaft, die ihm mitwirke und der er verantwortlich sei, die volle Kraft zuströme. Er hielt es nicht für angebracht, vom hohen Katheder voll Überlegenheit zum Volke zu sprechen, da er vielmehr für die Aufgabe genialer Persönlichkeiten ansah, den Willen des Volkes zu vollziehen, der in ihnen natürlich lebendig wäre, von dem das Volk vielleicht noch kein Bewußtsein gehabt hätte, den es aber als seinen erkennte, wenn der Führer ihn ausspreche. Bakunin glaubte, daß Mazzini und Garibaldi zu ganz anderen Ergebnissen hätten kommen können, wenn sie nicht das Interesse einer kleinen, wohlhabenden Schicht, sondern das Interesse aller, auch des schwer arbeitenden Volkes, im Auge gehabt hätten; wenn nicht Mazzini sich einer religiösen Terminologie bedient hätte, die weder von Gebildeten noch von Ungebildeten als etwas Lebendiges verstanden wurde und nichts als den alten, deistischen Ich-Gott bedeutete. Wenn jetzt Mazzini auf allen Plätzen der italienischen Städte Standbilder errichtet sind, so ist es, weil er die Idee eines mächtigen, einheitlichen Italiens faßte, das alle Länder des Abendlandes überragte; Bakunin aber war nicht Zentralist, sondern Föderalist, weil es ihm auf den Reichtum mannigfaltigen Lebens ankam, nicht auf Macht und Reichtum eines Staates. Er verargte es Mazzini, daß er die Vorstellung von der lateinischen Rasse, welche edler und mehr zur Herrschaft geeignet sei als alle anderen Völker, in den ohnehin zur schönklingenden Phrase geneigten Italienern genährt hatte. So verstand er den Patriotismus nicht, als Posaune der eigenen Herrlichkeit und Wirtschaft für den eigenen, materiellen Vorteil. Wie fremd und entgegengesetzt er sich Mazzini fühlte, geht daraus hervor, daß er ihn gelegentlich, gerade was die Herrschsucht für das eigene Volk betrifft, mit Marx verglich; der eine sei Pangermanist, der andere Italianissimo. Obwohl er aber die historische Bedeutung von Marx höher anschlug als die von Mazzini, hatte er für diesen doch ein wärmeres Gefühl. Nicht mit leichtem Herzen griff er den Verbannten an, der das durch ihn geeinigte Vaterland nur heimlich, unter angenommenem Namen wie ein Verbrecher betreten durfte. Bei Gelegenheit eines solchen Besuches starb Mazzini im Frühling 1872, nicht lange nach dem Erscheinen von Bakunins Fehdeschrift.

Was Bakunin vorschwebte, läßt sich mitfühlen: eine innigere Verbindung zwischen Volk und Führer in der Einsicht, daß das Wesen des Genies eben in der Vertretung des Volkes liege. Was er nicht klar einsah, war, so scheint es mir, daß das Genie auch vom Volke verlassen sein kann, ebenso wie das Genie sich einbilden kann, fern vom Volke etwas Großes zu sein und zu wirken. In einer Zeit sodann, wo sich Vereinzelte und Massen gegenüberstehen, wo eine völlige Spaltung zwischen Stadt und Land sich vollzogen hat, kann man da von Volk in Bakunins Sinne reden als von einem organischen Ganzen, das Taten aus sich hervorbringt? Wird ein Volk von Bauern sich je gegen einen anderen Feind erheben als den äußeren, der ihm seinen Boden entreißt, oder den inneren, der ihm heilige Namen angreift?

Einige Volkserhebungen sind in der neueren Geschichte vorgekommen, die Bakunins Ideale in dieser Hinsicht waren: der Aufstand der Vendée gegen die Revolution, der Aufstand Spaniens gegen Napoleon und der Aufstand der Russen gegen denselben. Es mußte Bakunin selbst auffallen, daß alle diese Volkserhebungen, die ihm so nachahmungswürdig erschienen, reaktionäre Ziele hatten, die selbstverständlich nicht die seinen waren. Woran lag das? Das Volk, das im Kerne bäuerlich ist, erhebt sich in Masse nur für eine heilig gehaltene Vergangenheit, für Gott-Vater. Diese Vergangenheit ist die Mauer, an die es sich lehnt, sein Rückgrat. Auch Pugatschew hatte nicht als Pugatschew, sondern als Zar Peter Erfolge. Wer Zukunft schaffen will, muß den todesmutigen Sprung ins Bodenlose wagen. Er steht allein mit wenigen, die von vornherein zum Untergange verurteilt sind, deren Blut erst jene Vergangenheit wieder bilden muß, in der gläubige Massen wurzeln können. Auch die ersten Christen waren ein armseliges Häuflein, verachtet, kaum beachtet. Der Tod der Erstlinge ist in Schmach und Dunkel verborgen, lange, nachdem sie gelitten, erst beginnt er zu leuchten, umgeben ihn Gewölk, Blitz und Donner, die Himmel und Erde zerreißen.

Solche Gedanken hatte Bakunin damals nicht, sondern er sah sich, nachdem Frankreich versagt hatte, nach einem anderen Volke um, das seine Ideen verwirklichen könnte, und dazu schienen ihm die Italiener am meisten geeignet.

Diese dumme und heldenmütige Nation, wie er sie nannte, hatte sich von jeher durch eins ausgezeichnet, was zur Ausführung seiner Ideen notwendig war, ja worauf er eigentlich hinzielte: persönliche Initiative. Überblickt man die beinahe hundertjährige Zeit des Risorgimento, so setzt die Fülle von Persönlichkeiten, die aus eigener Initiative handelnd hervortraten, in Erstaunen. War Frankreich das Land der Zentralisation, so waren Deutschland und Italien Länder der Dezentralisation par excellence gewesen; in Deutschland aber hatte schon seit längerer Zeit das aufstrebende Preußen einen alles an sich saugenden Mittelpunkt vorbereitet. Die heroische Schar, die das neue Italien gründete, verkündete noch einmal durch ihr Erscheinen die Glorie der mittelalterlichen Anarchie. Im Nachklang dieser Zeit der Verschwörungen gab es noch allerhand Elemente in Italien, die sich unwillig der neuen Staatsordnung fügten. Unter den Deklassierten, jungen Leuten, die, nach einem Ausspruch Bakunins, es müde waren, sich in die mystische Größe Dantes zu versenken, fand er die Anhänger, die er brauchte, Temperamente, denen es um Sturm und Leben zu tun war und die entweder nichts besaßen oder das, was sie besaßen, aufs Spiel zu setzen bereit waren. Es gab ferner in Italien ziemlich viel Lumpenproletariat, worauf Bakunin zur Entrüstung von Marx und Engels große Stücke hielt; die Deklassierten und das Lumpenproletariat ersetzten ihm ein wenig die Räuber, indem sie die einzigen waren, die kein Interesse an der vielbelobten Ordnung des Staates hatten.

Auch von Spanien, wo er starken Anhang hatte, erwartete er viel; sein Zutrauen zu Rußland dagegen nahm ab, besonders seit er mit einem Kreise russischer Studenten und Studentinnen in Zürich in Berührung gekommen war. Dort hielten sich viele junge Leute auf, die bei Studentenverfolgungen in Rußland hatten flüchtig werden müssen und im Auslande sogleich nach russischer Art Genossenschaften bildeten, innerhalb deren sie alles gemeinsam besaßen. Bei der persönlichen Begegnung versagte die Zauberkraft der alten Schlange nicht, obwohl seit den Vorfällen mit Netschajew Mißtrauen unter der russischen Jugend gegen Bakunin herrschte, als wolle er sie, so wie es jener getan hatte, hinterrücks vergewaltigen. Bald jedoch ergaben sich Mißhelligkeiten, veranlaßt namentlich durch die Eifersucht der jungen Leute auf einen Kollegen namens Armand Roß, den Bakunin bevorzugte und immer um sich hatte. Mit diesem wiederholte sich ein Erlebnis, das für Bakunin charakteristisch war: Er vertraute dem gewandten, praktischen jungen Manne ganz und gar, bis er bemerkte, daß dieser dadurch anmaßend wurde und ihn beherrschen zu können glaubte. Etwas Weiches und Nachgiebiges, ein Mangel an Stahl und Wachsamkeit, ferner Gleichgültigkeit gegen alles Geschäftliche und Weltliche lag in seiner Natur und verschuldete manche Geringschätzung, die ihm zuteil wurde. Einer von den Bekannten, mit denen er in der letzten Zeit Umgang hatte, sagte von ihm, er sei zugleich ein Kind, ein Wilder und ein Gelehrter; aber weder ein Kind noch ein Wilder, noch ein Gelehrter imponiert der Welt, die sich nur vor dem Herrschsüchtigen und dem Geschäftstüchtigen beugt. Er, der Lobredner des Satan, erkannte oft den eigentlichen Satan im Menschen nicht, nämlich die Sucht, wo sich eine Spalte zeigt, die eigene Person einzuschieben, damit sie vorherrsche. Dieser Sucht entspricht die andere, sich einem festen Willen bedingungslos unterzuordnen, und beide Triebe, Herrschsucht und Knechtssinn, sind im russischen Charakter besonders stark ausgeprägt. Für einen offenen Despoten großen Stils, wie Nikolaus I. war, hatte Bakunin bei allem Hasse Verständnis und sogar eine gewisse Sympathie; an den jungen russischen Intellektuellen stieß ihn etwas ganz anderes ab: der Mangel an Natur, an elementarer Kraft, an Überraschungen, das Doktrinäre, Engherzige, Schematische. Er konnte an diesen Revolutionären, die auf alle seine Lehren eingeschworen waren, nichts aussetzen, aber er mochte sie im Grunde nicht und erwartete nichts Großes von ihnen. »Was kann man mit diesen Kellerasseln tun?« sagte er. »Was für Konspiratoren sind doch die Russen! Stets zeichneten sie sich durch Herdeneigenschaften aus! Die Mode fiel auf die Anarchie: jetzt sind sie alle Anarchisten. Aber in einigen Jahren wird es vielleicht keinen einzigen Anarchisten geben!«

Von Netschajew, der zu gleicher Zeit in Zürich war, hielt er sich vollständig fern, und als der Verfolgte im Oktober 1872 der Polizei verraten und von der Schweiz an Rußland ausgeliefert wurde, erhob er seine Stimme nicht wieder, um ihn zu schützen; aber in seinem Herzen hatte er ihn nicht vergessen. »Er wird als Held zugrunde gehen«, schrieb er an Ogarjew, »und diesmal niemand und nichts verraten. Mir tut es sehr leid um ihn. Niemand hat mir so viel Böses und dabei mit Absicht getan wie er, und doch tut es mir leid um ihn. Er war ein Mann von seltener Energie, und als wir ihn kennenlernten, flackerte in ihm die helle Flamme der Liebe zu unserem armen, verlassenen Volke. Damals war er noch bloß von außen unsauber, aber sein Inneres rein.« Sein Gefühl trog ihn nicht; das standhafte Benehmen Netschajews während des Prozesses und im Kerker tilgte die Erinnerung an die moralischen Ausschreitungen während seiner unglücklichen Laufbahn.

In dieser Zeit trauriger und bitterer Erfahrungen fand der Kongreß der Internationale im Haag statt, wo Marx, zum ersten Male persönlich erscheinend, es erreichte, daß Bakunin und mit ihm Guillaume ausgeschlossen wurden. Der Beschluß, der auf diesem Kongreß gefaßt wurde, daß die Arbeiter sich als politische Partei konstituieren müßten, widersprach so durchaus den Anschauungen Bakunins, daß ein weiteres Zusammengehen ohnehin unmöglich gewesen wäre. Tief kränkend aber war die Art und Weise, wie die Internationale gegen den ehemaligen Kampfgenossen verfuhr, als handle es sich nicht um eine sachliche Meinungsverschiedenheit, sondern um schwere moralische Verfehlungen Bakunins.

Er war damals ohne Familie; seine Frau war mit ihren Kindern nach Rußland zu ihren Eltern gefahren, die der Tod eines Sohnes in Trauer versetzt hatte, um sie zu trösten und mit sich in die Schweiz zu nehmen. Bakunin hauste inzwischen im Albergo di Gallo, dessen Wirt er, wenn er um die Bezahlung bangte, mit den Worten: corraggio, speranza, perseveranza zu vertrösten pflegte, die er wie eine Zauberformel gebrauchte. Es bedurfte viel, um den gigantischen Körper zu ernähren, der immer massiger, immer schwerfälliger wurde. Die prangende Gesundheit seiner Jugend war in den Jahren der Gefangenschaft untergraben; zuerst hatte er gegen beginnende Gebrechlichkeiten ankämpfen können, aber nun begann der zerrüttete Organismus unaufhaltsam sich aufzulösen. Bei seinen Unternehmungen, die das Verknüpfen so vieler Beziehungen und Anregen zur revolutionären Betätigung mit sich brachten, trug ihn seine Körperkraft nicht mehr wie einst, sondern er mußte die Schwäche und Ermüdung, die ihn hemmte, überwinden. Es kamen Augenblicke, wo die Aufgabe, in deren Dienst er sein Leben gestellt hatte, über seine Kräfte ging.

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