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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 19
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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17.
Der Deutsch-französische Krieg und die Kommune

Die freiheitliche Bewegung, welche Michel in Deutschland vorgefunden und miterlebt hatte, war vollständig erloschen; ihre Träger waren teils gestorben, teils geflüchtet, die übrigen hatten sich der neuen Strömung angepaßt. Das war deshalb möglich, weil von Anfang an das Streben nach Freiheit mit dem Streben nach Macht verbunden gewesen war, insbesondere als Ausdruck der durch die Industrie sich bereichernden Bourgeoisie. Nach Unterdrückung der idealen Elemente herrschte das Streben nach Macht und Reichtum vor. Allerdings auch eine Nation als solche kann ihre Freiheit verlieren, und mit diesem Schicksal hatte Napoleon I. die europäischen Nationen bedroht. Dadurch war das Wort Freiheit auch bei Fürsten gebräuchlich, welche es nur im Sinne einer Waffe gegen die großen, rivalisierenden Völker angewandt wissen wollten, und Kampf gegen Frankreich und Freiheit waren eine Zeitlang besonders in Deutschland, das mit Recht Frankreich seinen Erbfeind nannte, gleichbedeutend. Diejenige Freiheit, welche Bakunin als Ausübung der Gerechtigkeit definierte, kann nur mit Gleichheit verbunden bestehen, indem nämlich der Wachstumstrieb eines jeden an dem seines Nächsten seine Schranke findet. Die verschiedene Auffassung des Wortes Freiheit ermöglicht, daß gerade das Streben nach Macht und Reichtum sich zunächst als Freiheit darstellen kann.

Als Bismarck an Preußens Spitze trat, genial als Staatsmann, die prächtige Verkörperung eines öden, unfruchtbaren Prinzips, stieß er anfänglich auf Widerstand und Abneigung auf allen Seiten. Die Deutschen empfanden ihn als wesensfremd: Es fehlte ihm das Breite, Weltbürgerliche, Schweifende, Abenteuerliche und Tragische, das seine früheren großen Führer ausgezeichnet hatte. Er knüpfte zwar dem Buchstaben nach an die Ideale der Männer von Achtundvierzig an; aber es war nicht das Reich auf breiter Grundlage voll mannigfaltigen organischen Lebens, das er baute, sondern der Staat, die Maschine. Bakunin, als Fremder klarblickender, hatte schon 1848 durchschaut, daß, von persönlichen Ausnahmen abgesehen, Deutschland nach Zentralisation, nach Einheit und Macht, nicht nach Freiheit strebte. Hatte sein Haß früher vornehmlich Rußland und Österreich, das heißt den Regierungen dieser Länder gegolten, so wendete er sich jetzt gegen Deutschland als denjenigen Staat, der der straffsten Zentralisierung zueilte, der mehr und mehr das ihm allerverhaßteste Element in sich aufnahm, nämlich die Juden.

Ich fand neulich bei Heine eine Bemerkung ausgesprochen, die sich auch mir längst aufgedrängt hat, daß nämlich die Juden des Alten Testamentes die größte Ähnlichkeit mit den alten Germanen haben, insofern sie vorzugsweise sittlich und dichterisch gerichtet sind. Heine meint, daß die Bibel deshalb das Erziehungsbuch der Deutschen wurde, weil sie in ihrem Geiste geschrieben ist. In diesen Kreis gehört zweifelsohne auch das russische Volk.

Zwischen den Juden des Alten Testamentes und den Juden der Neuzeit steht trennend das Kreuz Christi. Indem sie ihr eigenes Ideal, zugleich das Ideal der Menschheit, aus ihrem eigenen Schoße hervorgegangen, verkannten und töteten, verleugneten sie ihre eigene Vergangenheit und sich selbst; sie waren nur noch Spreu. Wenn auch an einzelnen Juden das Siegel des auserwählten Volkes, die Anbetung der göttlichen Gerechtigkeit und die Ausübung der Brüderlichkeit, sichtbar wird, so sind sie doch im allgemeinen zu Dienern des Goldenen Kalbes geworden. Als entartetes, zerrissenes und entkräftetes Volk streben sie nicht nach der Freiheit, die beständige Anstrengung der eigenen Kraft und Nichtachtung der äußeren Güter erfordert, sondern nach der Freiheit von allen Schranken, die die Ausbreitung der eigenen Macht einengen, kämpfen sie nicht gegen die Welt, sondern streben nach einem guten Platz in derselben. Diese Art haßte Bakunin ebenso, wie ihm die Juden des Alten Testamentes und die Germanen, die sich im Kampf, im Abenteuer, umblitzt von entfesselten Leidenschaften, glücklich fühlten, sympathisch sein mußten. Gelegentlich fiel ihm die Tatsache auf, daß im ganzen Osten die Juden Deutsch sprechen und daß deshalb die Kosaken glaubten, die Deutschen wären getaufte Juden. Die enge Verquickung der deutschen Regierung mit der jüdischen Finanzwelt schien das verhängnisvolle Zusammenwachsen des Deutschtums mit dem Judentum zu bestätigen; was ihn aber noch mehr erschreckte, war der merkwürdige Umstand, daß auch die durch Marx geleitete moderne Arbeiterbewegung die Götzen der Bourgeoisie, nenne man sie nun Zentralisation, Macht, Kapital, nicht zu vernichten, sondern in die eigene Gewalt zu bringen suchte.

Beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges sah er den Augenblick gekommen, wo auf lange Zeit hinaus zum letztenmal ein Angriff auf den mächtig gewordenen Despotismus versucht werden könnte. In diesem Kampfe sollte Frankreich das Banner der Freiheit tragen; nicht das offizielle Frankreich, Napoleon III., die Regierung, die Bourgeoisie, die er ebenso verabscheute wie Deutschland, sondern das Volk der Arbeiter und Bauern, welche zugleich, so war seine Meinung, sich von den äußeren und inneren Feinden befreien und sich als unabhängige Gemeinden einrichten sollten. Zu einer so außerordentlichen Umwälzung getraute sich Michael Bakunin, ein einzelner, ein Fremder, ein Volk aufzurufen. Welche Kraft, welche Zuversicht, welche Leidenschaft muß er in sich gefühlt haben. Nicht als ob er allein gestanden hätte; er hatte, wie überall, so auch in Frankreich viele Beziehungen, besonders in Lyon, das er als Provinzialstadt überhaupt geeigneter zum Ausgangspunkte der Revolution fand als die Stätte der Zentralisation, Paris.

Das Jugendhochgefühl von Achtundvierzig kam wieder; daran, wie es damals geendet hatte, dachte er nicht. »Was glaubt Ihr, liebe Freunde«, schrieb er im August an die Reichels, »so oder so, die Revolution steht bevor – zuerst in Frankreich, dann in Italien, schließlich überall! Und es lebe die Revolution!« Das Reisegeld, welches natürlich fehlte, wurde zusammengebracht, und am 14. September reiste er nach Lyon ab. Es gelang, im ersten Anlauf das Stadthaus zu besetzen, aber nicht, es zu halten; eine Verständigung mit den Anführern der republikanischen Partei kam nicht zustande. Außer seinen Vertrauten, die zu jedem Opfer bereit waren, schreckten alle vor der Verantwortlichkeit, vor der Ungewißheit des Ausgangs zurück. Es zeigte sich, daß die Angst vor der Revolution größer war als die Angst vor den preußischen Waffen. Bei einer Begegnung Bakunins mit einem republikanischen Führer, Andrieux, fiel der Gegensatz der beiden Männer bedeutungsvoll auf: die feine, kalthöfliche Maske des Advokaten von Lyon, sein reservierter Blick, seine korrekte Haltung und das offene, entschlossene Gesicht Bakunins, sein feuriges Auge und seine Gleichgültigkeit gegen Äußerlichkeiten. Sie selbst fühlten den Gegensatz und daß sie zu Feinden, nicht zu Freunden geboren waren. Bakunin wurde durch die Behörden gefangengenommen und mußte froh sein, daß Freunde ihn befreiten und ihm zur Flucht verhalfen. Das Unternehmen hatte kläglich und zum Schaden seiner Anhänger geendet und gezeigt, daß seine Absicht keinen Widerhall in den Massen fand.

Trotzdem gab er noch nicht die Hoffnung auf: Kaum wieder zu Hause, warf er sein ganzes Ungestüm aufs Papier, um mit diesen überallhin fliegenden Funken das heilige Feuer in Frankreich zu entzünden. In fieberhafter Eile beschrieb er Bogen auf Bogen und bestürmte zugleich die Drucker zu beschleunigter Arbeit und die zögernden Franzosen, ihr Vaterland und die Freiheit zu retten. Er wußte, daß die letzte Stunde geschlagen hatte, wo vielleicht noch eine Wendung im Charakter der Zukunft herbeigeführt werden konnte, und er versuchte allen Franzosen das Bewußtsein davon und die Verantwortung dafür auf die Seele zu legen.

Der Brief an die Franzosen, wie er seine Schrift nannte, atmet einen wilden, maßlosen, erschreckenden Haß gegen die Deutschen, in denen er die Träger der Reaktion, die Vernichter der Freiheit, aller seiner Ideale sah. Sie kämpften für die Tagesgötter, die versteinerte, materielle Zivilisation, Frankreich sollte für Recht und Freiheit kämpfen. Nicht minder als Deutschland haßte er die kaiserliche Regierung Frankreichs; er stellte sich die doppelte Aufgabe, das Volk gegen sie und gegen die Deutschen zu entflammen. Stellt man sich vor, er hätte im Weltkrieg zu Deutschland anstatt zu Frankreich gesprochen, so wird man in Deutschland seine hohe Auffassung besser würdigen. Sich an die Arbeiter wendend, ermahnte er sie, nicht etwa gleichgültig beiseitezustehen und ihren Mangel an Anteilnahme damit zu bemänteln, daß es ihnen gleichgültig sein könne, wenn die verhaßte Regierung falle, daß die Feinde der kaiserlichen Regierung nicht ihre Feinde wären. Er suchte ihre Liebe zu ihrem Boden, den Überlieferungen ihrer Geschichte, den Idealen, deren Vertreter nach seiner Meinung Frankreich war, zu entflammen; dagegen charakterisierte er das moderne, dekadente Deutschland als die häßliche Vereinigung von Wissenschaft und Brutalität.

Besonderen Nachdruck legte er auf die Notwendigkeit, daß Arbeiter und Bauern sich vereinigten. Auf den Instinkt der Bauern, ihre Liebe zur Scholle, ihre Urkraft rechnete er besonders bei dem großen Verzweiflungskampfe gegen die deutschen Sieger, zu dem er begeistern wollte. Er ermahnte die Arbeiter, die Eigenart der Bauern zu beachten, ihr Mißtrauen gegen sozialistische Schlagworte, als wolle man sie zwingen, ihren Besitz aufzuteilen. Er hielt den Arbeitern vor, wie sie sich verfehlten, indem sie die Bauern als plump, unwissend, abergläubisch verachteten. Verliehe Bildung Wert, dann hätten ja die Bourgeois recht, ihrerseits die Arbeiter zu verachten. Man müsse vielmehr die Vorurteile der Bauern schonen, sich freundlich mit ihnen ins Vernehmen setzen. Vor allen Dingen dürfe man keine Dekrete erlassen und ihnen irgendwelche Organisationsformen aufnötigen, nicht von Kommunismus oder Kollektivismus reden, woraus höchstens ein Aufstand der Bauern gegen die Städte entstehen würde. Was man denn aber tun solle? Auf die intelligenten Individuen persönlich einwirken, damit die Bauern aus sich selbst so organisierten, wie es ihnen gemäß sei. Man dürfe nicht davor zurückschrecken, die sogenannten schlechten Leidenschaften zu entfesseln. Es müßten revolutionäre Tatsachen geschaffen werden; daraus würde sich etwas Lebensfähiges entwickeln, eben weil es aus dem Volke selbst und aus dem Drange der Umstände hervorgegangen sei.

Er schrieb ganz ohne Kunst, wiederholte sich, verließ eine angefangene Beweisführung, um einen neuen Gedanken zu verfolgen, so daß ein unförmliches Werk entstand; als gesprochenes Wort hätte es hinreißen müssen. Noch einmal schlug die große Leidenschaft seines Lebens Flammen aus seinem Sirenenmunde; ihnen antwortete der Brand von Paris, der das Ende der Kommune und das Ende der freiheitlichen Bewegung in Frankreich bezeichnete.

Die Kommune von Paris war das einzige Ereignis, das ihn nach den niederschlagenden Erfahrungen aufrichtete; es war ihm eine Gewähr, daß es Menschen gab, Männer, Frauen, Kinder, die für ihren Glauben und ihre Freiheit freiwillig in den Tod gingen. »Wie es auch enden mag«, schrieb er in bezug darauf, »sie schaffen doch eine ungeheure historische Tatsache. Für den Fall des Mißlingens aber trage ich zwei Wünsche: 1) Mögen die Versailler Paris nicht anders besiegen als mit offener Unterstützung der Preußen. 2) Mögen die Pariser bei ihrem Untergange wenigstens halb Paris mit ins Verderben reißen.« Der moderne Mensch liest bewundernd die Geschichten vom freiwilligen Untergange belagerter Städte im Altertum; aber ihm scheint es unmöglich, verbrecherisch, auch nur ein einziges seiner Häuser, geschweige denn seiner Denkmäler, eine ganze Stadt preiszugeben. Dafür fehlte Bakunin jedes Verständnis. Jedem entwickelungsfähigen Menschen schwebt das Ideal, das er von sich selbst bewußt oder unbewußt hat, in einem Bilde vor; so beherrschte Bakunins Phantasie neben der Gestalt des Prometheus die Simsons. Der Geblendete, Besiegte, der die verlorene Kraft noch einmal wiedergewinnt, um in einem letzten, göttergleichen Augenblick den verhaßten Feind zugleich mit sich selbst zu vernichten, war der brüderliche Schatten, der ihm lockend in die Unsterblichkeit voranging. Bei verschiedenen Gelegenheiten entringt sich ihm der Wunsch, wie Simson zu sterben. In diesem Gefühl wurde er eins mit der kämpfenden Kommune: Sollte sie unterliegen, so sollten die Trümmer der Stadt, in der sie sich heldenmütig verteidigte, ihr Grabmal sein.

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