Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
Schließen

Navigation:

16.
Bakunin und Herzen

»Wenn Herzen lebte, wie würde er uns auslachen«, schrieb Bakunin an Ogarjew, als er sich von Netschajew getäuscht fand. Herzen war schon vorher, im Anfang des Jahres 1870, gestorben. Bakunin und seine Freunde befanden sich nun alle, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt, in jenem Abschnitt des Lebens, wo der Augenblick abzusehen ist, da die Flamme hienieden erlöschen muß, um jenseits unter die Sterne versetzt zu werden. Oft brennt sie schon geraume Zeit vorher kleiner und trüber. »Hat der Mensch das fünfzigste Jahr überschritten«, schrieb Turgenjew an Herzen, »so lebt er gleichsam wie in einer Festung, welche der Tod stürmt und früher oder später einnehmen wird.« Den jung Dahingeschiedenen folgte im Herbst 1869 Botkin, der Kaufmannssohn, der einst seine Augen zu Bakunins jüngster Schwester erhoben hatte und seit Jahren sein Vermögen im Westen verzehrte. »Es ist ärgerlich«, äußerte sich Bakunin dazu, »daß Botkin gestorben ist, man kann also auf nichts anderes mehr spucken als auf sein ausschweifendes, glatzköpfiges Andenken.« Bald hernach erkrankte Herzens älteste Tochter schwer; mit Genugtuung vernahmen die Freunde nach einiger Zeit, daß die Wolke an seinem Hause vorübergegangen sei. Ogarjew lebte damals in Genf, Herzen war in Paris. Schon seit der Zeit, als Bakunin aus der Gefangenschaft zurückkehrte, begierig, ein neues Leben zu beginnen, senkte sich Herzens Bahn abwärts. Das war zum Teil Bakunin selbst zuzuschreiben, der Herzen veranlaßte, für die polnische Revolution einzutreten, wodurch er es mit den russischen Patrioten verdarb. Schon vorher jedoch hatte Ogarjews Ankunft und Teilnahme an der »Glocke« dem Blatt eine andere Richtung gegeben, die die Mehrzahl der Leser abschreckte. Ogarjew nämlich teilte die radikalen Ansichten Bakunins mehr als Herzen und bewirkte, daß der Sozialismus stärker betont wurde, und zwar in Artikeln, die er selbst, schwerfällig und ermüdend, verfaßte. Vielleicht war Herzen nicht blind für Ogarjews schriftstellerische Schwäche; jedenfalls hinderte ihn seine Liebe und möglicherweise auch das Bewußtsein seiner Schuld, Kritik zu üben. Auch sonst indessen war die hohe Zeit der »Glocke« vorüber. Ihre Wirkung war mit den Reformen Kaiser Alexanders abgeschlossen; hernach bekam die Revolution einen anderen Charakter. Bis dahin waren ihre Träger wie die Dekabristen Aristokraten gewesen, letzte hochgebildete Geschöpfe einer Epoche, die sich selbst untergrub. Ihr Ruf war endlich von den unteren Schichten des Volkes vernommen worden, aus denen nun solche hervortraten, die unter dem Druck, den jene ersten verabscheuten, selbst gelitten hatten und nicht nur mit dem Schwung und der Großmut der Befreier, sondern auch mit der Wut der Verzweifelten kämpften, die zum Äußersten entschlossen sind. Es wiederholte sich, was zur Zeit der Französischen Revolution oft in Deutschland vorkam, daß manche, die die neue Freiheit begeistert begrüßten, sich erschreckt zurückzogen, als sie Blut sahen. Herzens Bewunderer hatten den hohen und höchsten Kreisen angehört, die Beifall riefen, solange es sich um Theorien handelte; als nun aber die ersten gewaltsamen Stöße der Revolution den Boden unter ihnen erschütterten, als die geheimnisvollen Brandstiftungen und Angriffe auf das Leben des Zaren stattfanden, bekam die Sache ein anderes Ansehen. Seine Worte fanden keinen Widerhall mehr, sein Ansehen nahm ab und war durchaus nicht wiederzubeleben. Mit der neuen Jugend aber, die rücksichtslos dachte und handelte, wollte er sich nicht einlassen. Hier zeigte sich, wie verschieden er und Bakunin waren, was man vergessen könnte, wenn man ihre Ansichten vergleicht. Auch Herzen war von der Notwendigkeit der Zerstörung überzeugt, wenn man will, daß Neues sich bilde; aber er hatte nicht Bakunins Temperament, auf wankendem Boden und von Flammen umlodert doppelt lebendig zu leben. Bakunin ermunterte Herzen, sich ein neues, ehrlicheres, treueres Publikum in der revolutionären Jugend zu schaffen. Er stellte ihm vor, daß der Zar und die Aristokraten, die seine »Glocke« gelesen, ihn bewundert und ihm geschmeichelt hätten, im Grunde niemals mit seinen sozialpolitischen Ansichten einverstanden gewesen wären. »Auch ich erwarte gleich Dir nicht den geringsten Nutzen von einem Zarenmorde in Rußland, ich bin sogar bereit zuzugeben, daß er positiv schädlich sei, da er zugunsten des Zaren eine zeitweilige Reaktion hervorbringt. Aber ich wundere mich keineswegs, daß nicht alle derselben Meinung sind und daß unter dem Druck der jetzigen, wie es heißt unerträglichen Lage sich ein weniger philosophisch entwickelter, aber dafür energischerer Mensch gefunden hat; dem es schien, man könne den gordischen Knoten mit einem Hieb durchhauen, und ich achte ihn dafür, daß er es getan hat.«

»Suchet ein neues Publikum in der Jugend, in den halbgebildeten Schülern Tschernyschewskis und Dobroljubows, in den Basarows, in den Nihilisten – hier ist Leben, hier ist Energie, hier ist ein ehrlicher und starker Wille vorhanden ... Predigt ihnen praktische Umsicht und Behutsamkeit, doch sagt ihnen die volle Wahrheit. – Macht Euch los, befreit Euch von der greisenhaften Furcht und von den gewissenhaften Bedenken, hört auf, Erasmus zu sein, werdet Männer wie Luther, und mit dem verlorenen Glauben an die Sache wird auch Eure alte Beredsamkeit und alte Kraft zurückkehren.«

Herzen setzte diesen Bestürmungen den wohlbekannten Einwand entgegen, daß er zwar die Ansichten Bakunins teile, daß die Masse aber noch nicht für sie reif sei, daß man deshalb mit ihrer Verbreitung vorsichtig sein müsse, bis die Masse zu ihrer Aufnahme vorbereitet sei. Damit war Bakunin nicht einverstanden. Ihre Ideen wären ja eben deshalb richtig, weil sie Grundtrieben entsprächen, die in der Masse lebendig wären; sie stände ihren Ideen näher als zum Beispiel dem liberalen Konstitutionalismus oder Mazzinis Republikanertum. »Du aber riefest noch im Jahre 1848 in allen Tonarten aus, daß alles, was außerhalb unserer Ideen stehe, tot sei. Wie soll man denn totes Zeug predigen? ... Ob wir, sei es auch den allermindesten Teil der Verwirklichung miterleben, ob wir wenigstens glücklich genug sein werden, wie Simson zu sterben, das sind selbstverständlich für uns persönlich interessante Fragen. Wenn wir auch nichts erblicken und erleben, nun wohl – wenn wir nur nicht ganz umsonst gelebt und irgendeine lebendige Spur hinterlassen haben werden.«

Mit freundschaftlicher Dringlichkeit suchte er sein eigenes Feuer auf den Freund zu übertragen. »Altere nicht, Herzen«, schrieb er ihm im Sommer 1867 aus Ischia, »was hat man davon, wenn man alt wird. Werde kein Doktrinär à la J. J. Rousseau, sondern bleibe unser mächtiger Voltaire. Hierin liegt Deine Wahrheit und daher auch Dein Recht. Altere nicht, Herzen, und fluche nicht den Jungen. Verspotte sie, wenn sie lächerlich sind, bestrafe und schilt sie, wenn sie schuldig sind, aber beuge Dich ehrfurchtsvoll vor ihrem redlichen Wirken und Streben, vor ihren Taten und Opfern.«

Das Gegenteil von dem, was Bakunin riet und wünschte, geschah: Die durch Herzens Haltung beleidigte russische Jugend richtete heftige Angriffe auf ihn, die seine Feindseligkeit vermehrten. Daß dieselbe Jugend, die ihn, ohne sich um seine früheren großen Verdienste zu kümmern, ablehnte, Bakunin als Führer verehrte, trat entfremdend zwischen beide. Um die Zeit, als Herzen, ein vereinsamter Stolzling, wie Bakunin ihn nannte, verbittert sich vom öffentlichen Leben zurückzog, betrat Bakunin einen ganz neuen Weg, indem er, jede Hoffnung auf die Bourgeoisie aufgebend, in die Internationale eintrat und sich ganz der Sache der Arbeiter widmete. Das schuf einen entscheidenden Gegensatz mehr zwischen ihnen.

Seit dem Scheitern seiner revolutionären Ideale im Jahre 1848 glaubte Herzen nicht mehr an die Fähigkeit des Westens, die Ideale der Freiheit und Gleichheit, welche er proklamiert hatte, zu verwirklichen, sondern hielt dafür, daß diese Aufgabe Rußland vorbehalten sei. Bakunin dagegen, der Russe, sah die Keime des Neuen in der Arbeiterwelt des Westens, die Herzen nicht kannte und nicht kennenlernen wollte. Nur von der zivilisierten Gesellschaft, der Welt der Bourgeois, war Bakunin überzeugt, daß keine produktive Kraft mehr in ihr sei, wenn sie auch noch zur Genüge materielle Mittel und organisierte, routinierte Kräfte habe, um den Kampf gegen sie zu einem sehr schweren zu machen. Herzen, der sich von Marx, obwohl beide in London lebten, ganz fernhielt, sah den Untergang des ganzen Westens in Bausch und Bogen für bevorstehend an und kniete mystisch, nach einem Ausdruck Turgenjews, vor dem Schafspelz des russischen Bauern und rühmte Mir und Artel, den Gemeinbesitz des russischen Bauern und das russische Genossenschaftswesen, als die Keime einer neuen, besseren Welt.

Auch Bakunin rechnete auf die russische Bauernschaft; aber er verkannte nicht, daß die Dorfgemeinde, in »chinesischer Unbeweglichkeit« erstarrt, durchaus keine erfreulichen Zustände hervorgebracht hatte, und daß man aus ihrer Beschaffenheit eher Gründe gegen als für sie folgern könnte. Er hob hervor die »empörende Erniedrigung der Frau«, die »abscheuliche Verfaultheit und völlige Rechtlosigkeit des patriarchalischen Despotismus« und die Rechtlosigkeit des einzelnen der Gemeinde gegenüber, die gerade das, was Bakunin belebt wissen wollte, die persönliche Initiative, unterdrückte. Niedrige Fügsamkeit gegenüber den höheren Beamten, Bestechlichkeit, despotische Bedrückung der Ärmeren durch die Reicheren, das stellte er als den augenblicklichen Charakter der russischen Dorfgemeinde dar, zum Beweise, daß keine Organisation an und für sich allheilbringend sei. Zwei Tugenden des Mir jedoch anerkannte er: die völlige Abwesenheit des römischen sowie jedes anderen juristischen Rechtes und die dunkle Vorstellung vom Recht eines jeden Bauern auf Grund und Boden.

Das Wesentliche war, daß Herzen, reich, müde, Freund geistreicher Geselligkeit, im Grunde nur in die hochzivilisierte Welt hineinpaßte, die er verachtete und theoretisch vernichtete und deshalb weder im Vergangenen noch im Künftigen sich heimisch fühlte. Besser war Turgenjew daran, der sich frank für einen unverbesserlichen Individualisten erklärte, sich in Schopenhauer vertiefte und Bakunins Kollektivismus schlechtweg für unverständlichen Unsinn erklärte. Am alleranstößigsten waren ihm die Slawophilen mit ihrem Geruch von ranzigem Fastenöl, ihrem Kniebeugen und Kreuzschlagen vor verräucherten byzantinischen Madonnenbildern, den wunderlichen Mützen und Jacken, mit denen sie sich altrussisch ausstaffierten, und in allen seinen Werken machte er sich ausgiebig über sie lustig. Die westliche Kultur, namentlich die deutsche, liebte und bewunderte er, so wie sie war und nach den Lebensmöglichkeiten urteilend, die sie ihm gewährte. Aber auch Turgenjew war zu sehr Russe, um nicht durch die Bewegungen seiner Heimat mit erschüttert zu werden, ja vielleicht hat keiner von seinem Freundeskreise die Leiden seiner Zeit so mitgelitten wie er, wenn auch in besonderer, nicht leicht zu durchschauender Art. Die todesmutigen Jünglinge und Mädchen, die auf alle Freuden ihres Alters verzichteten, um für ein Ideal, das für sie keine Früchte tragen würde, Gefahren, Qualen und Schande auf sich zu nehmen, übten eine bezaubernde Wirkung auf ihn aus, gerade weil er nie imstande gewesen wäre zu tun, was sie taten, und obwohl er für das Ideal kein Verständnis hatte. Mit der Bauernbefreiung, deren Feier in einer russischen Kirche in Paris ihm Tränen entlockte, war für seine Begriffe die Revolution glücklich abgeschlossen, während sie tatsächlich nun erst recht begann. In seinen Werken rang er mit der jungen Generation und reichte ihr am Ende, halb wider Willen, die Krone. Er durfte gegen seine Angreifer mit Recht behaupten, daß Basarow, der Nihilist, der Held seines Romans »Väter und Söhne«, sei wie nur je einer: Er gewinnt unwiderstehlich das Herz des Lesers, wie er das seines Dichters gewonnen hatte. Auch mit seinen Freunden, namentlich mit Herzen, rang er; immer wieder suchte er die Verbindung mit ihm anzuknüpfen, die jener unwillig abbrach. Man wußte, daß Turgenjew öffentlich, der russischen Regierung gegenüber, seine nahen Beziehungen zu Herzen ableugnete, um sich die Vorteile eines gehorsamen Untertans zu wahren.

Turgenjew konnte geltend machen, daß er ja in Wahrheit nicht so dachte wie Herzen; nach seiner Ansicht waren die Menschen nicht zur Freiheit geschaffen und verlangten auch gar nicht danach, und mit der westlichen Kultur war er durchaus zufrieden. Die Hartnäckigkeit, mit der er sich trotzdem an Herzen festklammerte, der ihn streng zurückwies, hat etwas Ergreifendes. Er wollte, der auch ein Heimatloser war, wenn auch durch eigenen Willen, die Heimat im Herzen der alten Freunde nicht ganz verlieren; er wollte in irgendeiner Form auch teilhaben an dem heroischen Kampfe der russischen Revolution. Vielleicht gibt nichts so sehr Aufschluß über den leidensvollen Zustand seines Innern als der merkwürdige, herrliche Vortrag, den er im Jahre 1860 über »Hamlet« und »Don Quichotte« hielt. Er faßte diese beiden ungefähr gleichzeitig auftauchenden Typen als die Erscheinung der beiden Gegenpole des menschlichen Wesens, dessen, der einem außer ihm liegenden Ideale nachfolgt, Don Quichotte, und dessen, der sich selbst das Ideal ist, des Gläubigen und des Skeptikers. Er schildert den furchtlosen, geduldigen, unbeugsamen Don Quichotte, der, obwohl immer besiegt und verhöhnt, doch nie unglücklich ist, weil er nie an sich denkt, sondern nur an die Wahrheit und Gerechtigkeit, deren Reich er begründen will; dagegen Hamlet, der den Gedanken an sich selbst nie loswird, sich selbst aber ebensowenig lieben kann wie irgend jemand anders, dem das Leben schal und flach erscheint, weil er an das Gute und Große nicht glaubt und der doch sein eigenes Leben zu opfern sich nicht entschließen kann. Dürfen wir aus der unheimlichen Bekanntschaft mit den Untiefen der Seele Hamlets nicht schließen, daß er sich selbst zergliederte, in sich selbst die Unfähigkeit der Hingabe an ein Ideal haßte? Und hat ihm, als er von dem armen, kampfesfreudigen, stets begeisterten spanischen Ritter sprach, nicht das Bild Michael Bakunins vorgeschwebt, der, stets besiegt, unerschütterlich wieder dastand, die Glut des Glaubens in dem alles Irdische gleichgültig überfliegenden Blick? Man erzählt, er habe noch auf dem Totenbette geflüstert: und es wären doch große Menschen, die kämpfenden Nihilisten.

Was Herzen mit Bakunin verband, glich der Blutsverwandtschaft: Sie konnten wohl aneinandergeraten und auch sich vorübergehend trennen, ihre Zusammengehörigkeit hing nicht von ihrer Wahl ab, sondern war eine Tatsache. Aus Herzens Äußerungen spricht immer das feine Verständnis für seinen kindlichen, dämonischen Freund, die Freude an seiner Jugendfrische, während er Turgenjew schon im Jahre 1861 altersschwach und greisenhaft nannte; gehörte er doch selbst mehr zu den Skeptikern als zu den Gläubigen und suchte Feuer auf, an dem er sich wärmen konnte. Bakunin behielt die tätige Freundschaft, die Herzen ihm von jeher erwiesen hatte, in dankbarer Erinnerung, auch bewunderte er ihn als Schriftsteller. Bakunin war sich seiner schriftstellerischen Schwäche, nämlich des Mangels an Architektur, wohl bewußt. Seine Schriften schließen sich nie, sie bleiben immer Fragmente, ein künstlerischer Fehler, aber ein Zeichen ihrer unendlichen Lebendigkeit. Meistens brach er ab, wenn ihm ein neuer Einfall kam, der die eben angeschlagene Gedankenkette durchbrach und auf etwas Neues, anderes hinwies. Er pflegte seine Ergüsse Herzen vorzulegen, damit er die plumpen Bärenkinder belecke und gesellschaftsfähig mache. Den Reiz seiner eigenen, ganz persönlichen, drastischen, naiven, humorvollen Ausdrucksweise schlug er wahrscheinlich gering an; aber Herzen schätzte ihn sicherlich. Liest man die Briefe, die sie wechselten, so bleibt trotz aller Gegensätze der Eindruck eines brüderlichen Verhältnisses, und der Aufschrei des Schreckens, den Bakunin auf die Kunde von Herzens Tode erwiderte, atmet reine Aufrichtigkeit: »Ogarjew, ist es wirklich wahr? Ist er wirklich tot? Wie es scheint, ist es so? Denn das entsetzliche Telegramm kann nichts anderes bedeuten. Du Armer – Freund, für solche Unglücksfälle gibt es keine Worte. Es sei denn eines: Laß uns für die Sache sterben!« Sein erster Gedanke war die Idee, die ihre Freundschaft geheiligt hatte, und die Gemeinsamkeit bis in den Tod. Aus seinen Briefen an den vereinsamten Ogarjew spricht von nun an eine weiblich zarte Fürsorglichkeit neben der kameradschaftlichen Offenheit. Ogarjew war schon seit langer Zeit epileptischen Zufällen unterworfen und hatte, wohl infolge dieses Unglücks, zu trinken angefangen, was seine Gesundheit noch mehr untergrub. Er verfiel mehr und mehr in Melancholie und scheint zeitweise kaum zurechnungsfähig gewesen zu sein. »Wie ist Deine Gesundheit?« schreibt Bakunin ihm bald nach Herzens Tode. »Was machst Du? Hast Du das Trinken gelassen? Laß es doch, bezähme um der Sache willen Dein ungestümes Herz!« Und ein andermal: »Schreibe bald, alter Aga, und im Namen unserer Freundschaft, unserer gemeinsamen Ehre, um der Sache selbst willen bitte ich Dich: trinke mit Maß!« Auf einen augenscheinlich in sehr niedergedrückter Stimmung geschriebenen Brief Ogarjews antwortet er: »Du gibst Dich umsonst der Wehmut hin, vergebens wühlst Du in Deiner Seele, um verschiedene Abscheulichkeiten darin zu entdecken. Zweifelsohne wird jeder ohne Ausnahme, der ebenso in seiner Seele wühlte, ebenso Unreines in sich finden. Wer fünfzig Jahre gelebt hat, der darf seufzend die russische Redensart wiederholen: Wer vor Gott nicht gesündigt hat, ist vor dem Zaren unschuldig!

Weshalb aber solltest Du Dich dem übermäßigen Wühlen in Deiner Seele hingeben? Das ist doch auch eine vollkommen unnütze Beschäftigung der Eigenliebe. Reue ist wohl gut, wenn sie nur etwas verändern und bessern kann. Nicht bereuen und bedauern sollen wir, sondern alles sammeln, was in uns an Kraft, Geist, Verstand, Gesundheit, Leidenschaft und Willen von unseren Fehlern und Drangsalen noch verschont geblieben ist; das alles müssen wir konzentrieren, um dem einzig ersehnten letzten Ziele zu dienen, der Revolution. Warum fragst Du, ob wir sie erleben oder nicht? Das vermag niemand zu erraten. Wenn wir sie auch erleben, Ogarjew, so wird sie uns persönlich geringen Trost bringen, andere Leute, neue, kräftige, junge, werden uns von der Erde verdrängen und uns überflüssig machen. Dann werden wir ihnen den Platz räumen. – Damit es uns aber behaglicher wird, schließen wir uns fester aneinander an, Ogarjew, auch zwei alte Leben vermögen Licht und Wärme hervorzubringen und Kraft zu schaffen, wenn sie sich aneinanderschmiegen. Willst Du? Ich bin bereit.«

Das ist die Gesinnung des Helden, die Gustav Adolf in die Worte kleidete: »Was tut es, wenn ich falle! Gott wird einen anderen Kavalier auferwecken ...« Bakunin, obwohl noch krafterfüllt, war bereit, vor der jungen Generation zurückzutreten. Ogarjew gegenüber stellte er sich liebevoll als ebenso alt, ebenso erschöpft, ebenso bedürftig hin, während er doch damals in voller, aussichtsreicher Tätigkeit war und sich bald mit jugendlicher Hoffnung in einen Kampf der Völker und der Ideen werfen sollte.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.