Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
Schließen

Navigation:

15.
Netschajew

Vom Herbst 1867 an lebte Bakunin fast ein Jahr lang am Genfer See in der Nähe von Clarens und Vevey in einem Hause mit der ihm befreundeten Familie Joukowsky und in der Nachbarschaft einer Fürstin Obolenska, die er in Florenz kennengelernt und die ihn aus ihren reichen Mitteln unterstützte. Die Fürstin lebte getrennt von ihrem Manne mit ihren Kindern, die Joukowsky unterrichtete. Die glückliche Stimmung Bakunins um diese Zeit spiegelt sich in den Briefen, die er an seine immer gleichgeliebten alten Freunde schrieb.

 

An Adolf Reichel

26. Juli 1867

Alter Freund – ich will Dir doch französisch schreiben, da mir das Deutschschreiben schwer wird – wann kommst Du zu uns? Den ersten, den zweiten – für uns alle, für mich besonders ist es eine Lebensfrage. Der Gedanke, daß Du bald kommen wirst, freut uns so unendlich, daß Du nicht das Herz haben wirst, uns in unserer sehnsuchtsvoll heißen Erwartung zu betrügen. – Komm Du bald! Und nimm mit alle, aber alle Deine Sachen, ob Du sie Spieler nennst oder nicht – und Deine Epistel an die Korinther – und russische Lieder – und alles mögliche, denn ich will Dich auf eine unendliche Weise quälen –

 

3. April 1868

Meine Freunde – Ostern ist da, und das gute Versprechen meines ältesten und besten Freundes brennt mir im Herzen als unsägliche Freude –

 

An Frau Professor Vogt

29. März 1868

Liebe gute Freundin – Auguste und ich haben heute einen prächtigen Plan gefaßt – einen so schönen Plan, daß, als wir ihn den übrigen Mitgliedern, Herren und Frauen, unserer Gesellschaft mitteilten, das ganze Haus jauchzte vor Freude. Der Plan besteht nämlich darin, daß, sobald es etwas, aber nur etwas wärmer wird, Sie zu uns, um einige Tage mit uns zu verbringen, kommen: eine Woche, zwei, drei, vier Wochen – je mehr, desto lieber. »Ach, Mama ist so konservativ und reaktionär«, rief die Auguste aus, »sie wird sich dazu nicht entschließen können.« »Schweigen Sie still, Fräulein Stiefel«, antwortete ich erzürnt, »Mama ist revolutionärer als die Revolution, und da sie noch dazu guten, aufrichtigen, aber natürlicherweise ungezogenen demokratischen Kosaken eine gute Lehre schuldig ist – und vor allem, wenn sie von mir erfährt, wie glücklich hier alle sein werden, wenn sie zu uns kommt – so wird sie durchaus kommen!« Also – idem! wie Sie selbst sagen, liebe, liebe Freundin, im Namen aller beschwöre ich Sie, machen Sie, daß ich und nicht Fräulein Stiefel recht hat.

Sie bekommen hier ein Zimmer ganz apart von der lieben Sonne beschienen, mit einem unmittelbaren Ausgang in einen schönen Garten, wo Sie das Recht haben werden, den ganzen Boden umzuwühlen. – Sie werden unter uns eine absolute Freiheit und, wenn Sie deren bedürfen werden, eine absolute Ruhe und Einsamkeit in jeder Stunde des Tages genießen. Und so viele Menschen hier sind, so viel liebende und aufrichtige Herzen werden Sie finden. Kommen Sie, kommen Sie – ich rufe Sie im Namen eines jeden und aller – kommen Sie!

Ihr Freund
M. Bakounine

 

Man könnte glauben, diesen Brief habe ein wohlhabender Mann geschrieben, der mit den Seinigen in ländlicher Zurückgezogenheit den Herbst seines Lebens genieße. Indessen war er mehr als je beschäftigt, Beziehungen anzuknüpfen und seine Ideen zu verbreiten. Im September 1867 tagte in Genf der Kongreß der Freiheits- und Friedensliga, deren Mitglied er geworden war und die ihn eigentlich in die Schweiz gezogen hatte. Wie bei den Freimaurern in Florenz versuchte er auch hier ohne Erfolg, seine Ideale einer im Grunde philiströsen Gesellschaft annehmbar zu machen, die nur in schönen Worten schwelgte. Daß Bakunin überhaupt mit der Friedensliga in Verbindung trat, zeigt, wie er zeitlebens trotz seiner anarchistischen Überzeugungen und Bestrebungen den Zusammenhang mit der Bourgeoisie, sagen wir mit den Gebildeten, fühlte und zu erhalten suchte. Seine Sympathie gehörte den Arbeitern und vornehmlich den Bauern; er konnte und wollte aber doch nicht seine Herkunft, seine Erziehung, seine Ideale verleugnen, und sehr gesellig, wie er war, bedurfte er der Menschen, die in einer ähnlichen Atmosphäre erwachsen waren. Glücklich gefühlt, getragen von einer gleichgestimmten Gemeinschaft, hatte er sich im Jahre 1848, und namentlich in Deutschland, wo er fast ausschließlich mit hochgebildeten Menschen verkehrte. Nun aber hatte sich die Gesellschaft, in die er hineingehörte, wesentlich geändert; die sehr wohlmeinende Friedens- und Freiheitsliga hatte nichts mehr von dem überschwenglichen Charakter des tollen Jahres. Was hatte Bakunin mit Pazifismus zu tun? Er, der sich nach »Sturm und Leben« sehnte, konnte nicht wohl ein Gegner des Krieges sein, wenn auch sicherlich des modernen Krieges, der, einbezogen in die allgemeine mechanistische Richtung, die Art der zentralistischen, von außen gemachten Einrichtung angenommen hat. Ich weiß nicht, ob es Bakunin zum Bewußtsein gekommen ist, wie wenig die Idee vom Ewigen Frieden in seinen Ideenkreis paßte, und daß es nur der moderne Obrigkeits- und Industriekrieg sein konnte, den er verabscheute. Jedenfalls sagte er auf dem Kongreß, daß die Kriege nicht aufhören würden, solange es zentralisierte Staaten gebe, daß vielmehr die Kriege desto verheerender werden würden, je mehr die Zentralisation und Stoßkraft der Staaten zunehme; nur bei einer radikalen Veränderung der bestehenden Gesellschaft könne auf Abnahme der Kriege gerechnet werden. Diese revolutionäre Tendenz lag der Mehrzahl der Kongreßteilnehmer aber ganz fern, weshalb Bakunin und seine wenigen Anhänger austraten und die Internationale Allianz der sozialen Demokratie bildeten. Diese Gesellschaft, im Grunde keine andere als die von Bakunin in Italien begründete, war nicht kommunistisch, sondern kollektivistisch. Auf dem Kongreß der Friedens- und Freiheitsliga erklärte Bakunin ausdrücklich, er hasse den Kommunismus, weil er die Vernichtung der Freiheit sei, weil er zugunsten des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzentriere, ebenso das Eigentum in den Händen des Staates. Er hingegen wolle Vergesellschaftung der einzelnen auf dem Wege der freien Assoziation. Ferner hatte er dort erklärt, daß er das falsche Nationalitätsprinzip verwerfe: Die Nationalität sei überhaupt kein Prinzip, sondern eine Tatsache wie die Individualität, und über den nationalen Interessen müsse die allgemeine menschliche Gerechtigkeit stehen. So sprach sich auch die Allianz gegen engherzigen Patriotismus aus zugunsten übernationaler Solidarität. Sie erklärte sich für republikanisch und atheistisch, wobei man nicht vergessen darf, wie religiös der Bakuninsche Atheismus beschaffen war. Die Ideen der Allianz fanden darum besonderes Verständnis in Spanien, Belgien, Italien, den Ländern einer brutalen und beschränkten Kirchlichkeit, wo das Volk sein Bedürfnis nach Glauben in der Form des Kampfes gegen die Kirche und die offizielle Religion erfaßte.

Noch in einem anderen kleinen Gebiet wurde Bakunin mit seinen Ideen heimisch, nämlich im Neuenburger Jura. Die dortige Bevölkerung lebte herkömmlicherweise vom Uhrmachergewerbe, einer Beschäftigung, die Intelligenz und Aufmerksamkeit erfordert, und dies besonders zu einer Zeit tat, als sie noch im Hause, nicht fabrikmäßig betrieben wurde. Die jurassischen Arbeiter waren keine Fabrikarbeiter, keine nach Brot gehende Herde, sondern sie hatten Selbstgefühl und eigene Gedanken. Daß der Föderalismus in der Schweiz, und gerade in einem kleinen, abseitigen Gebiet, Anhänger hatte, kann nicht wundernehmen; die antiklerikale Richtung erklärt sich aus der Herrschaft einer engherzigen Orthodoxie in Genf und Neuenburg. Schließlich teilten die jurassischen Arbeiter Bakunins Abneigung gegen Parlamentarismus und politische Aktion, weil sie die Erfahrung gemacht hatten, daß sie dadurch nichts erreichten. Kaum irgendwo hätten größere Arbeitermassen so verständnisvoll auf Bakunin eingehen können wie die Uhrmacher in dem kleinen Schweizer Berglande. Seine Ideale: Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und nochmals Freiheit persönlicher Initiative, eingeschränkt nur durch den Glauben an die Gemeinschaft, die er als Göttliches, Absolutes auffaßte, waren nicht die der Gegenwart, weder bei den Gebildeten noch bei den Massen. Mochten auch die Massen sich hie und da einbilden, weil sie gegen einen Druck ankämpften, sie dürsteten nach Freiheit, eigentlich war es ihnen doch nur um Macht und Reichtum zu tun, gerade wie den Gebildeten auch, die ihre Besitzerlust Idealismus nannten. In der Schweiz konnte und kann man noch arbeitende, nichtbesitzende Schichten finden, die genug Bildung haben, um den Wert der Bildung und idealer Güter überhaupt, die Freiheit inbegriffen, hoch einzuschätzen. Ein Vortrag, den Bakunin im Februar 1869 in Le Locle im Kanton Neuenburg hielt, machte großen Eindruck und gewann die Herzen der Jurassier. Kurz vorher hatte er das Herz eines jungen Neuenburgers gewonnen, den man als Vertreter der Arbeiterschaft des Jura betrachten kann, obwohl er nach seiner Herkunft zu den Gebildeten zählte: James Guillaume. Er war 1844 geboren – also dreißig Jahre jünger als Bakunin – in London, wo sein Vater als Direktor eines Uhrengeschäftes sich niedergelassen hatte. Die Heimatliebe zog ihn aber nach Neuenburg zurück, das inzwischen Republik geworden war und wo er Richter, Bezirkspräfekt und schließlich Staatsrat wurde. James wurde in republikanischen und freisinnigen Ideen erzogen, besuchte das Gymnasium, dann die Zürcher Universität, wo er Hegelianer wurde. Gezwungen, das Studium zu unterbrechen, nahm er eine Stelle als Lehrer an der Industrieschule von Le Locle an, und hier erfuhr er durch die Bekanntschaft mit den notleidenden Arbeitern eine völlige innere Umwandlung. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft, die Bildungsideale der Bourgeoisie, die er als etwas Selbstverständliches angenommen hatte, genügten ihm nicht mehr, er machte sich mit den sozialistischen Schriftstellern bekannt und widmete sich praktisch der Arbeiterfrage. Dabei kam er zu Überzeugungen, die denen Bakunins ähnlich waren, so daß er gut vorbereitet war, als er ihn Anfang 1869 kennenlernte. Vielleicht weil die schweizerische Nation als solche nicht eingreift, sich immer betrachtend verhält, vielleicht auch infolge des Ideals republikanischer Gleichheit, das sie bekennt, ist dem Schweizer vielfach ein vornehmes Zurückhalten eigen, eine wohltuende Hochachtung vor dem Rechte der anderen Persönlichkeit. Niemand pflegt den anderen so aufmerksam, so achtungsvoll anzuhören wie ein Schweizer, mit niemandem läßt sich so gut disputieren in der Hoffnung, entweder zu überzeugen oder überzeugt zu werden oder einander bei verschiedenen Anschauungen zu respektieren. Diese Fähigkeit, dem anderen das Recht freier Entwickelung zuzugestehen nach eigenen Bedürfnissen, ist die Grundbedingung einer föderalistischen Organisation, wie sie Bakunins Ideal war. Er selbst war eine zu leidenschaftliche Natur, um sich immer demgemäß zu betragen, obwohl er es anstrebte, während Guillaume darin typisch schweizerisch war. Diesem tat wiederum das unbändige Wogen des Gefühls in Bakunin wohl. Er war, wie er selbst erzählt, bis dahin Stoiker gewesen, dessen höchstes Ziel die persönliche Vervollkommnung ist, und auch als er sich der sozialen Tätigkeit widmete, geschah es, damit er seinem Ideal näherkäme; das Vorbild Bakunins wirkte so auf ihn, daß er die Sorge um die eigene moralische Vollendung ganz wegwarf, um in der gemeinsamen Arbeit zur Verwirklichung der sozialen Ideen aufzugehen. Bakunin hat oft hervorgehoben, daß Selbstvergessen das schönste sei, was der Mensch erreichen könne. Obwohl hochgradig selbstbewußt, besaß er doch diese beneidenswerte Kraft in so hohem Grade, daß er im allgemeinen naiv erscheint. Das Kindliche, Hinreißende, Widerspruchsvolle Bakunins, den Teufel im Leibe hatte Guillaume nicht; aber er hatte die festgegründete Bildung, die schöne Sachlichkeit, die vernünftige Billigkeit, die Schlichtheit und Echtheit und die Kraft, gewonnener Überzeugung gemäß zu handeln, die den Schweizer auszeichnen und die zweifelsohne auf Bakunin so wohltätig wirkten wie seine Unbekümmertheit, seine Abgründigkeit und seine ungehemmte Herzlichkeit auf Guillaume.

Der Verkehr mit den Arbeitern im Jura war eine sehr anziehende Periode in Bakunins Leben. Er fand den richtigen Ton, um als Freund und Berater mit ihnen umzugehen, und wurde bald eine volkstümliche Erscheinung. Als nach seinem Tode Fürst Krapotkin die Gegend bereiste, fand er das Andenken an ihn noch lebendig; man erinnerte sich namentlich, wie er stets für die Frauen eingetreten war und nicht gelitten hatte, daß man sie auch nur durch grobe Ausdrücke kränkte.

In Genf hielt sich damals ein russischer Flüchtling namens Netschajew auf, dessen Bekanntschaft in mehrfacher Hinsicht verhängnisvoll für Bakunin wurde.

Seit er denken konnte, hatte sich Bakunin unter Menschen bewegt, die über die Schäden der Zeit feurig und zum Teil tiefsinnig durchdacht zu reden wußten, die aber mit wenigen Ausnahmen nichts oder nichts Geeignetes unternahmen, um Änderungen herbeizuführen. Manche von diesen hatten überhaupt nicht den Willen, etwas zu ändern, sondern glaubten etwas Großes geleistet zu haben, wenn sie ihre Liebe zum Guten, Wahren und Schönen äußerten und im übrigen möglichst für ihre eigene Person sorgten. Solche Menschen nannte Bakunin Idealisten und verabscheute sie. »Je länger ich in der Welt lebe«, schrieb er an Ogarjew, »um so mehr überzeuge ich mich, daß es nichts Schmutzigeres gibt als einen Idealisten. Auch Granowski war Idealist, doch kein schmutziger; er war zu edel und zu sehr der Freund Nikolaus Stankjewitschs. Aber es floß kein Tropfen realen Diderotschen, Dantonschen real-humanen Blutes in ihm. Er lebte und starb in der Doktrin und in der sentimental-humanistischen Fiktion. Er liebte die Humanität, aber nicht die lebendigen Menschen. Wie alle Doktrinäre und Humanisten verachtete er, ohne sich dessen bewußt zu sein, und im Namen der Nation und schönen Humanität die dumme, ungelehrte und unschöne Masse des Volks, das gemeine Volk ... Welche Schöngeisterei, welche abscheuliche Sorge um sich selbst – und das alles in französischer Sprache – ein Zeichen der Lüge. Ewig besorgt für seine eigene Person, für sein Glück und Unglück, für seine Schönheit, seine Würde, seine Stellung und seinen Beruf.«

Rühmend hebt er dagegen Bjelinski hervor und auch den stets geliebten Stankjewitsch, der zwar Idealist gewesen sei, aber über seinen Idealismus geflucht, einen gesunden Sinn für das Reale gehabt habe. Das Ungewaschene und Abgerissene war ihm lieb als Zeichen des Nicht-Idealismus, Zeichen, daß man zugriff und handelte, ohne auf die äußere Erscheinung bedacht zu sein. Im Gegensatz zu den Schönrednern schätzte er die Handelnden, auch wenn sie fehlgriffen. Er war in beständigem Streit mit Herzen, der die gewaltsamen Mittel der russischen Revolutionäre, Brandstiftung, Bombenwerfen, Zarenmord, nicht billigte und oft starke, beschimpfende Ausdrücke über die Täter gebrauchte. »Sag, weshalb hast Du den Berezowski einen Fanatiker geheißen«, schrieb er an Herzen nach einem mißglückten Attentat auf Alexander II. »›Er ist rein, weil er ein Fanatiker ist.‹ Was für ein wunderbares und Deiner unwürdiges Wortspiel, und was soll der Fanatiker bedeuten? Einen Narren oder Verrückten vielleicht. Das, Bruder, ist im höchsten Grade ungerecht. Als ob außerhalb der erhabenen historisch-philosophischen Betrachtung der Ereignisse kein Leben, kein Recht, keine Leidenschaft besteht. Berezowski ist ein Rächer und der berechtigtste Rächer für alle Verbrechen, der Leiden und blutigen Beleidigungen, welche Polen und die Polen zu erdulden hatten. Ist es denn möglich, daß Du es nicht begreifst? Und doch, gäbe es keine solchen Ausbrüche der Empörung, man könnte an den Leuten verzweifeln.«

Es entrüstete ihn, wenn Menschen aus einem bequemen und gesicherten Leben heraus diejenigen beschimpften, die ihr Leben opferten, Entbehrungen und Martern ertrugen, um das zu verwirklichen, was auch jene anderen predigten. Er liebte diese jungen Menschen, die auf alle Güter des Lebens verzichteten, um Gefahren zu bestehen, eines fast unausweichlichen, schimpflichen Todes zu sterben, und nicht einmal durch die Hoffnung auf späteren Ruhm getröstet wurden. Denn es waren nicht wie die Dekabristen einzelne hervorragende Opfer, die den Nachkommenden voranleuchteten, sondern sie lebten und starben in Scharen namenlos, verflucht von allen, die zur guten Gesellschaft gerechnet werden wollten, ja auch von dem Volke, für das sie litten. Ihre Augen waren nur auf die Sache und die Tat gerichtet, die sie nüchtern, ohne jene unwillkürliche Theatralik ausführten, die das Bewußtsein verleiht, vor bewundernden Zuschauern zu wirken. Diese Jugend, die sich selbst ihrer Blüte beraubte, liebte Bakunin wie ein zärtlich stolzer, sorgender Vater; hatte er sie doch auch selbst auf diese Bahn gerufen. Es ist kein Wunder, daß ihn das Erscheinen Netschajews entzückte, dem es nach erstaunlichen Leiden und Abenteuern gelungen war, die Schweiz zu erreichen. Er gehörte, wie er sagte, einem Bunde an, dessen Ziel die Befreiung Rußlands war und dessen Mitglieder blind den Befehlen der obersten Leitung gehorchten. Hier schien es sich um eine solche Gesellschaft zu handeln, wie Bakunin sie erträumte, eine unsterbliche Schar, deren Glieder namenlos, unbelohnt sich in den Tod stürzen, stets durch neue ersetzt wie die Zellen in einem lebendigen Organismus.

Netschajew war der Sohn eines Popen, Lehrer an einer Dorfschule und später in Petersburg, wo er auch an der Universität hörte. Er gewann einige junge Leute für eine geheime Gesellschaft, von deren Macht und Bedeutung er eindrucksvoll zu erzählen wußte. Nach einer gewissen Zeit schöpfte einer von diesen den Verdacht, daß die Gesellschaft gar nicht existiere und nur eine Erfindung Netschajews sei, und wollte sich zurückziehen. Da Abtrünnige leicht zu Verrätern werden, ist es bei geheimen Gesellschaften dieser Art üblich, sie zum Tode zu verurteilen, und so wurde es auch in diesem Fall gehalten. Netschajew und seine Anhänger lockten den Betreffenden unter einem Vorwande in eine Höhle und töteten ihn. Infolge davon wurde Netschajew festgenommen, entkam aber auf abenteuerliche Weise, wie er wenigstens glauben machen wollte.

Netschajew war noch sehr jung und sah knabenhaft aus; um so mehr drängte es Bakunin, der alles Schwache und Hilfsbedürftige liebte, ihm beizustehen. Er sprach mit Zärtlichkeit von ihm, nannte ihn seinen Liebling, seinen Wilden, my boy, empfahl ihn angelegentlich allen seinen Freunden, namentlich dem guten Ogarjew, der damals in Genf lebte. Selbstverständlich nahm er ihn auch bei sich selbst auf und lauschte bewundernd seinen fabelhaften Erzählungen. Auf dem Boden der Schweiz war Netschajew trotz des Asylrechtes durchaus nicht sicher; die zaristische Regierung verlangte seine Auslieferung nämlich auf Grund des Mordes, der als gemeines Verbrechen dargestellt wurde, was der schweizerischen Regierung als Vorwand diente, nachgiebig zu sein. In der Angst um den Verfolgten nahm Bakunin seine Zuflucht zu den Professoren Vogt, welche auch versprachen, die liberale Partei für den Fall zu interessieren, ja er griff selbst zur Feder, was er nur tat, wenn eine Sache ihm ganz besonders am Herzen lag. Er nannte die Schrift, in welcher er die Schweiz schwächlicher Gefälligkeit gegen die reaktionären Großstaaten anklagte, »Die Bären von Bern und der Bär von St. Petersburg«, sich für einen Schweizer ausgebend, dessen freiheitliche Gesinnung dadurch verletzt wäre. Er erinnerte daran, daß die Schweiz schon einmal sich zum Büttel des Zaren erniedrigt habe, als der Fürst Obolensky seiner von ihm getrennt in Vevey lebenden Frau ihre Kinder entführte, wobei schweizerische Behörden ihm behilflich waren. Er erinnerte an die Ausweisung Mazzinis, die noch nicht einmal von der italienischen Regierung verlangt worden war. Wie reimt es sich, daß ein Volk, dessen Nationalheld Wilhelm Tell ist, der Mörder Geßlers, einen Mazzini ausstößt? Wer so fragte, vergißt, daß die schweizerische Freiheit eine hübsche blanke Rüstung ist, welche bei Gelegenheit von Gedenkfeiern mit Pomp getragen wird, dann aber wieder in die Gerümpelkammer wandert. Den Verfall der schweizerischen Demokratie führt Bakunin auf die Zentralisation zurück, die um die Mitte des Jahrhunderts an die Stelle der ehemaligen Autonomie der Kantone getreten ist. Mit überzeugender Lebhaftigkeit und Schärfe führt er aus, daß die demokratischen Einrichtungen der Schweiz, welche die Teilnahme des ganzen Volkes an der Regierung bezwecken sollen, nichts als Lüge sind. Die Schweiz, sagt er, sei genauso wie alle übrigen Länder ein Staat, in welchem die Bourgeoisie regiere, da das eigentliche Volk, die Arbeiter und Bauern, weder die Zeit noch die Bildung hätten, von den Einrichtungen, die ihnen die Beaufsichtigung der Regierenden gewährleisten sollten, in richtiger Weise Gebrauch zu machen. Er kommt schließlich zu seinem Lieblingssatze, daß es im Wesen jedes Staates liege, unmoralisch zu sein, da er nach Macht strebe, und zwar auf Kosten anderer Staaten und auf Kosten der Freiheit im Innern. Davon sei keiner auszunehmen. »Was Staaten betrifft«, so hat er an anderer Stelle gesagt, Freud vorwegnehmend, »sind nur die kleinen Staaten tugendhaft, und die sind sehr verbrecherisch in ihren Träumen.« Den Grundsatz, daß dem Staat alles erlaubt sei, was dem einzelnen als Verbrechen angerechnet werden würde, hält er für eine Vergiftung des moralischen Gefühls der einzelnen. Sehr fein charakterisiert er die Heuchelei der Staaten, wenn sie zum Beispiel Krieg führen. »Jedesmal wenn ein Staat einem anderen den Krieg erklären will, fängt er damit an, ein Manifest zu erlassen, das nicht nur an die eigenen Untertanen, sondern an die ganze Welt gerichtet ist, und in dem er sich bemüht, alles Recht auf seine Seite häufend, zu beweisen, daß er voll von Menschlichkeit und Friedensliebe ist, daß er, durchdrungen von edlen und friedlichen Gefühlen, schon lange schweigend gelitten hat und daß nur die zunehmende Ungerechtigkeit seines Feindes ihn endlich gezwungen hat, das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Gleichzeitig schwört er, daß er nicht an Eroberungen denkt und keinen Gebietszuwachs wünscht und den Krieg beendigen werde, sowie die Gerechtigkeit wiederhergestellt sei. Sein Gegner antwortet darauf mit einem ähnlichen Manifest ...«

Nach Bakunins Meinung werde Europa in dauerndem Kriegszustande bleiben, bis an die Stelle politischer Machtstaaten wirtschaftliche Bünde getreten wären.

Bakunin hatte keine günstige Meinung von der Schweiz. »Wenn die menschliche Gesellschaft unterginge«, hat er gelegentlich einmal ausgerufen, »würde es gewiß nicht die Schweiz sein, durch die sie wieder auferstände.« Besonders die Genfer Atmosphäre empfand er als eng und drückend. Man könnte meinen, das Land, in welchem die Ausläufer der Anarchie des Heiligen Römischen Reichs sich erhalten hatten, müßte einen sympathischen Eindruck auf ihn gemacht haben; aber in der Erstarrung und mit dem modernen Aufputz mochte er sie nicht wiedererkennen. Man braucht übrigens nur an seine Vorliebe für das Räuberwesen in Rußland und für die Banditen Italiens und das italienische Lumpenproletariat zu denken, um zu verstehen, was ihn von der Schweiz und die Schweiz von ihm trennte. Die durchgängige Ordnung, Gepflegtheit und Wohlhabenheit, die dem Auge des in der Schweiz Reisenden sich aufdrängt, hat etwas Erfreuendes und Beruhigendes, manchmal aber auch etwas, was das Gemüt des Unglücklichen oder auch das Gemüt des Jugendlichen, Tatenfrohen erbost. Hier scheint alle Leidenschaft, die lebenschaffende wie die zerstörende, zugunsten eines vernünftigen Lebensgenusses unterdrückt zu sein, der maßvoll betrieben wird, um desto länger gekostet werden zu können. Daneben aber finden sich gerade in der Schweiz Eigenschaften, die Bakunin hoch hätte schätzen müssen, so das Ebenbürtigkeitsgefühl im Volke, das Gefühl für persönliche Würde, verbunden mit einem wahren Gemeinschaftsgefühl, das nicht nur in Worten, sondern in Taten zum Ausdruck kömmt. Ist auch das Einstehen aller für einen und eines jeden für alle nicht mehr so lebendig wie zur Zeit, als die Eidgenossenschaft sich bildete, so hat es sich doch im Bewußtsein und in der Ausübung erhalten mehr als in irgendeinem andern Volke. Wer weiß, ob Bakunin sich anderswo so lange so wohl gefühlt hätte wie namentlich im Kanton Tessin, den er allerdings schlechtweg als Italien betrachtete. Im Oktober 1868 war Bakunin nach Locarno übergesiedelt, wozu ihn zum Teil der Umstand veranlaßte, daß er dort billig leben konnte. Man hat gemeint, Bakunin habe keinen Sinn für landschaftliche Schönheit gehabt, weil er sich nie bei Schilderungen, und besonders nicht von Einzelheiten, aufhält; aber sein Wohlgefühl beim Einzug in Locarno beweist, wie empfänglich er für den Einfluß der Natur war. »Nun, Freund Aga«, schreibt er an Ogarjew, »bin ich einfach ins Paradies übersiedelt. Stelle Dir vor, nach der trockenen und eng prosaischen Atmosphäre Genfs Italien mit all seiner anmutigen Wärme, Schönheit und primitiven, kindlich-lieblichen Einfachheit.« Selbst den Bourgeois vermöge man hier nicht zu zürnen, so einfach und harmlos, unabgetrennt vom Volke lebten sie noch, dessen Interessen sie teilten. Hier herrschte keinerlei spionierende Neugier und Argwohn, und Bakunin konnte ohne Scheu seine oft so ungemütlichen Gäste empfangen. Seine Absicht war gewesen, zunächst alle Kraft und Zeit auf die Übersetzung des »Kapitals« von Marx zu verwenden, das im Jahre vorher erschienen war; dazu bewog ihn einerseits seine hohe Bewertung des Werkes und dann die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Er schloß einen Vertrag mit einem russischen Verleger ab, der ihm einen Teil der Summe im Vorschuß zahlte, und begab sich fleißig an die Arbeit; aber der revolutionäre Sturmwind, der ihm mit Netschajew ins Haus wehte, blies die schon beschriebenen Blätter auseinander. Die Aussicht, in dem großen Geheimbunde mitzuwirken, als dessen Vertreter Netschajew sich ausgab, lockte ihn viel mehr als die Schreibtischarbeit an einem wissenschaftlichen Werke, die ihm ohnehin nicht lag. Die Schwierigkeit, daß Bakunin den Vorschuß, den er schon erhalten hatte, nicht zurückzahlen konnte, ließ Netschajew nicht gelten, nahm es vielmehr auf sich, die Angelegenheit mit dem Verleger zu erledigen. Es war zweifelsohne leichtsinnig von Bakunin, darauf einzugehen, ja mehr als das; er war froh, eine Sache, die ihm lästig geworden war, abzuschütteln, auch aus seinem Gedächtnis. Die frische Empfänglichkeit und Hingabe, mit der er jedem Tage jünglingshaft gegenüberstand, konnte nur um den Preis eines Vorrats von Erinnerungen erkauft werden, die sein elastisches Gedächtnis ausstieß. Das Vergangene bestand nur insofern für ihn, als es sich in seine Anschauungen und Taten verwandelte, sein Bewußtsein belud er nicht sonderlich damit. Noch in einem anderen Falle rächte sich sein Mangel an Ordnung in Geschäften und sein unbegrenztes Vertrauen in Netschajew. Vor Jahren hatte ein emigrierender Russe Alexander Herzen eine Summe von 20 000 Franken übergeben, damit sie nach seinem Gutfinden für revolutionäre Zwecke verwendet würde. Auf Bakunins Verlangen übergab Herzen einen Teil der Summe Netschajew, und nach seinem Tode wurde ihm von Herzens Sohne auch der Rest ausgeliefert. Obwohl dies feststand, so konnte doch bei den engen Beziehungen zwischen Bakunin und Netschajew und bei Bakunins trostloser finanzieller Lage der Verdacht entstehen, Bakunin habe auch seine Privatbedürfnisse aus dieser Quelle bestritten. Zwar wäre das im Grunde gerechtfertigt gewesen, da ja Bakunin alle seine Kraft und Zeit der revolutionären Propaganda widmete und für sich selbst etwas zu erwerben gar nicht in der Lage war; aber in seiner heiklen Stellung, so angefeindet von allen Seiten, wie er war, kam es für ihn darauf an, daß er der Verleumdung, als sorge er bei seinen Angriffen auf die Gesellschaft gut für sich selbst, keinen Anhaltspunkt gab. Ogarjew hatte einmal an Bakunin geschrieben: »Vertraulichkeit aus Herzensgüte, kindliche Sorglosigkeit im Leben und eine ewige Unruhe des Charakters, das stört Dich im Leben und in Deiner Tätigkeit. Dazu hast Du keinen Plan und unterordnest Dich fremdem Einfluß.« Diese Charakteristik traf gerade in diesem Falle zu, wenn man an Pläne im einzelnen und nicht an die Richtung im großen ganzen denkt, welche Bakunin sein Leben lang unentwegt festgehalten hat. Seine Empfänglichkeit aber für Einflüsse aller Art, das ist wahr, war außerordentlich; darin lag viel Kraft und Reichtum, aber es erschwerte auch ein unmittelbares Gelingen. Daß ein Mann von fünfundfünfzig Jahren so unbedingt einem jungen Menschen von vierundzwanzig vertraute, ist zum Teil durch Bakunins Charakter, zum Teil durch seinen Wunsch zu erklären, an das Vorhandensein eines jungen revolutionären Helden und einer revolutionären Gesellschaft in Rußland zu glauben; aber es kann doch auch Netschajew kein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen sein. Augenscheinlich war er pathologisch; darauf deutet namentlich seine Art und Weise, sich durch erfundene Abenteuer interessant zu machen, doch wohl ebensosehr Neigung wie Methode. Was er an Erlebnissen bei Gelegenheit von Gefangennahme und Flucht auftischte, waren ziemlich öde Flunkereien; Bakunin hätte sie aber sicherlich, auch wenn er sie als Lüge durchschaut hätte, um des Zweckes willen hingehen lassen. Über den jesuitischen Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige, ist viel disputiert worden. Ich halte diesen Grundsatz in der Tat für richtig mit der Einschränkung, daß der Schaden, welcher durch das Mittel angerichtet wird, nicht schwerer wiegen darf als das Gute, das Zweck ist. Die Entscheidung wird also in das Gefühl des Handelnden gelegt und ist deshalb sehr gefährlich. Jeder kann den Grundsatz ungestraft handhaben, dessen Gewissen eine unzerstörbar richtige Waage ist; aber diese Waage ist etwas Lebendiges und kann durch willkürlichen Eingriff leiden. Bakunin hatte das untrügliche Gefühl, was man tun kann, ohne die eigene Seele zu zerstören; Netschajew dagegen vergriff sich, und daß und wie er es tat, beweist, daß er sich von Anfang an nicht ganz im Gleichgewichte befand. Bakunin hatte immer, auch in Schweden, als er für die polnische Revolution warb, für nötig gefunden, die Aussichten des Gelingens günstiger hinzustellen, als sie waren, namentlich hatte er die Zahl und Macht der revolutionären Partei in Rußland übertrieben. Herzen hatte das mißbilligt, ohne daß Bakunin sich irremachen ließ. Er hätte auch kaum Netschajew daraus einen ernstlichen Vorwurf gemacht, daß das revolutionäre russische Komitee, als dessen Beauftragten er sich darstellte, nicht existierte, außer in Netschajews eigener Person. Wenn es gelungen wäre, der Sache, die er für die gute hielt, dadurch viele Mitglieder zu gewinnen, so wäre dadurch die Stärke der Partei geschaffen, die anfänglich nur vorgespiegelt war, und alle hätten zufrieden sein dürfen. Auch daß die Leiter des Geheimbundes das Recht hätten, die Mitglieder ais Werkzeuge zu benützen und sogar in den Tod zu schicken, hätte Bakunin nicht beanstandet, vorausgesetzt, daß es im Dienste der Revolution geschähe. Etwas anderes war, daß Netschajew sich in den Besitz von Geheimnissen seiner Anhänger zu setzen suchte, die sie womöglich bloßstellten, damit sie in seine Gewalt kämen und ein Abfall unmöglich wäre. Zu diesem Zwecke hielt er sich für berechtigt, in verschlossene Zimmer zu dringen, Kästen zu öffnen, Briefe zu öffnen und zu lesen und etwa auch zu behalten, wenn ihr Inhalt für den Empfänger oder Schreiber gefährlich werden konnte. Kein Mensch setzt sich ungestraft Gott gleich. Indem das Vertrauen zerstört wurde, auf das jede Gemeinschaft unter Menschen gegründet ist, schadete Netschajew seinem Unternehmen mehr, als er ihm durch zwangsmäßiges Festhalten der Mitglieder nützen konnte. Nie wäre es Bakunin in den Sinn gekommen, daß Netschajew, sein Wilder, sein Liebling, während er väterlich für ihn sorgte, ihn beobachtete und auskundschaftete, um seine Schwächen kennenzulernen und sich in Besitz von Geheimnissen zu setzen, durch die er ihn beherrschen könnte. Tatsächlich gelang es Netschajew, seinem Beschützer Papiere zu entwenden, deren Verlust ihm im höchsten Grade peinlich war. Viel schrecklicher aber war die Erkenntnis, von einem Menschen, auf den er so große Stücke hielt und von dem er so viel erwartete, verraten zu sein; denn so sah er es im ersten Schmerz und Zorne an. Augenblicklich beschwor er alle Freunde, die auf seine Empfehlung hin Netschajew ihr Vertrauen geschenkt hatten, mit derselben Dringlichkeit, alle Beziehungen zu ihm abzubrechen. Gerade um diese Zeit brach der Deutsch-Französische Krieg aus und überschwemmte dies Erlebnis mit allen seinen Verwirrungen und Bitterkeiten. Es zeigte sich, daß die Schwungkraft von Bakunins Gefühl nicht gelitten hatte und daß er sich ihm mit derselben Unbedenklichkeit hingab wie je.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.