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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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14.
Bakunin und Marx

Zuweilen könnte man denken, die göttlichen Gedanken gingen wie ein Sturm hoch über dem Lande hin, kaum die höchsten Wipfel der Bäume biegend, während tiefer unten der Wanderer nur sein Brausen hörte. Luther wollte die Lehre des Evangeliums wiederherstellen, und es entstanden unter seinem Namen die protestantischen Sonderkirchen mit ihrer deistischen Theologie; die Französische Revolution predigte Freiheit und Gleichheit, aber weder Freiheit noch Gleichheit erlebte man, sondern mehr Zentralisation, mehr Unterschiede, mehr Armut, mehr Haß und Neid. Jeder Widerspruch gegen eine einmal eingeschlagene Richtung dient scheinbar nur dazu, sie bewußter in ihrem Charakter zu machen und entschlossener vorwärtszutreiben. So sehr blendet der Zeitgeist selbst seine Gegner, daß sie, ohne es zu wollen und zu ahnen, ihm dienen, nicht dadurch, daß sie durch ihren Angriff einen Rückschlag hervorrufen, sondern dadurch, daß sie ihn in sich aufgenommen haben und ihn unvermerkt in ihre Kampfmittel einschlüpfen lassen. Der Sozialismus endete damit, daß er die Welt, die er haßte und stürzen wollte, in ihrem eigensten Wesen stärkte.

Von den Flüchtlingen, die nach der Niederlage der Revolution ins Ausland entkommen waren, setzte einer mit unbesiegbarer Entschlossenheit den Kampf fort: Karl Marx und mit ihm sein Freund und Anhänger Friedrich Engels. Ihn hielt das Bewußtsein, zu einer Aufgabe berufen zu sein, in der schwierigsten Lage aufrecht. Während er in London Feldzugspläne für die Zukunft ausbrütete, entfaltete ein verwegener junger Mann, Lassalle, das Banner des Sozialismus in Deutschland offen. Ritterlich und schwungvoll, wie er war, hätte sich Bakunin wohl mit ihm verstehen können; Marx war er ein Dorn im Auge, obwohl Lassalle ihn willig als Meister anerkannte. Seinen neuen Gedanken zwar, an Stelle der Selbsthilfe die Hilfe des Staates für die Arbeiter in Anspruch zu nehmen, hätte Bakunin nicht billigen können; aber er hatte Sympathie für Menschen, die handelten, die furchtlos waren und aufrichtig für das Wohl der Arbeiter eintraten. Schon im Jahre 1864, als Bakunin sich gerade in Italien einzuleben begann, starb Lassalle, als ein Opfer seiner leichtsinnigen, sinnlichen Genußsucht und Genußfähigkeit fallend. Bald nachher wurde in London die internationale Arbeiterassoziation gegründet. Lassalle hatte den ersten Schritt getan, die deutschen Arbeiter zu einer kampffähigen Armee zu organisieren; Marx verband sie mit denen aller anderen von London aus zu einer europäischen. Damit war zum ersten Male nach dem Untergang der mittelalterlichen Welt eine europäische Einheit geschaffen, die der europäischen Einheit der Dynastien und der der Bourgeoisie als dritte Macht entgegentrat, was die Monarchie und die liberale Bourgeoisie bewog, sich endgültig miteinander zu versöhnen. Die Wichtigkeit der Internationale und der hervorragende Anteil, den Marx an ihr hatte, mußten Bakunin eine Erneuerung seiner Beziehung zu Marx wünschbar erscheinen lassen; es war aber eine häßliche Angelegenheit zwischen sie getreten, die Bakunin zurückhaltend machte.

Gleich im Anfange seines Aufenthalts in Deutschland hatte sich die Verleumdung an Bakunin geheftet, als sei er ein Spion der russischen Regierung. Sie war ausgegangen von der russischen Gesandtschaft, mit der Absicht, sein Ansehen zu untergraben. Gelang das auch nicht vollständig, so war doch so viel erreicht, daß der Verdacht ihm beständig nachschlich, lange von ihm selbst unbemerkt, um dann unversehens wie ein wucherndes Schlingkraut seine Schritte zu hemmen. Gerade unter den deutschen Liberalen, die Rußland als die Stütze der Reaktion verabscheuten, war es leicht, Mißtrauen gegen Russen zu erregen. Spione, die sich als Gesinnungsgenossen in die Kreise der Revolutionäre eindrängten, gab es ja genug; man mußte Bakunin schon gut kennen oder sich unbedingt auf sein eigenes Gefühl verlassen, um die aus ungewisser Quelle auftauchenden Verdächtigungen ohne weiteres abzulehnen. Die adlige Herkunft Bakunins, seine auffallende Persönlichkeit, sein sorgloses Auftreten bei der Unsicherheit und Dunkelheit seiner finanziellen Lage konnten ihnen Nahrung geben. Merkwürdigerweise wurde die Beschuldigung im Jahre 1853 wieder laut, als Bakunin in russischer Gefangenschaft war, und diese Tatsache allein hätte ihn schützen sollen, und zwar in einer Zeitung, die unter dem Einflusse von Marx stand und die Annahme erlaubte, sie gehe geradezu von Marx aus. Herzen machte jedenfalls Marx dafür verantwortlich und vermied jeden Verkehr mit ihm. Kaum war Bakunin frei und in Europa, wiederholte sich die Verleumdung, diesmal die französische Schriftstellerin George Sand als Quelle angebend. Von Herzen darauf aufmerksam gemacht, erwiderte Bakunin in temperamentvoller Weise und veröffentlichte eine Ehrenerklärung der George Sand, die er vor Jahren in Paris persönlich hatte kennengelernt. Unter Herzens Einfluß davon ausgehend, daß Marx der eigentliche Urheber der gehässigen Angriffe sei, suchte Bakunin diesen, wie sich von selbst versteht, nicht auf, und diese Zurückhaltung fiel ihm vermutlich nicht schwer, da er ihn wohl anerkannt, ja bewundert, aber durchaus nicht liebgewonnen hatte. Im Sommer 1864 indessen, als Bakunin von Florenz aus noch einmal nach Stockholm reiste und auf dem Rückweg London berührte, ließ er sich einen Anzug bei einem Schneider machen, der zugleich Anhänger und Freund von Marx war und eine Zusammenkunft vermittelte. Marx suchte Bakunin auf, versicherte ihm, daß er keinen Teil an den Verleumdungen gehabt habe, und das Zusammensein gestaltete sich sehr befriedigend. Gegenstand des Gespräches war natürlich die kurz vorher gegründete Internationale, über die sich Bakunin begeistert aussprach und in die er sich als Mitglied aufnehmen ließ. Marx bekam den besten Eindruck von Bakunin, der seinerseits, obwohl er sich im allgemeinen mit Bewußtsein auf sein Gefühl verließ, in diesem besonderen Falle die Anerkennung, die er dem hervorragenden Manne zollte, sein Gefühl überstimmen ließ. Dennoch hatte das Gefühl ebenso recht wie die Anerkennung; denn obwohl sie sich in einem Punkte trafen, gingen sie im wesentlichen vollständig auseinander, und sicherlich machte sich das in der unfaßbaren, unwägbaren Atmosphäre bemerkbar, die jeden umgibt und anziehend oder abstoßend wirkt. »Wir brauchen etwas anderes: Sturm und Leben und eine neue, gesetzlose und darum freie Welt!« hatte Bakunin im Jahre 1848 an Georg Herwegh geschrieben, und er hatte seine Ideale nicht gewechselt. Marx sah und suchte das Gesetz und war das Gesetz, er sah es nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Zukunft, die er gesetzmäßig vorherbestimmen zu können glaubte. Bakunin wollte gerade das Gegenteil: Raum schaffen für die zahllosen lebendigen Kräfte, die aus ihrer eigenen Tiefe heraus wirken sollten, damit aus ihrem Wettkampfe heraus das neue, stets wechselnde Leben entstehe. Er wollte in Fluß bringen und im Flusse erhalten, Marx dagegen noch mehr befestigen. Daß Bakunin für die Arbeiter eintrat, geschah, abgesehen von dem Mitgefühl, das ihre elende Lage ihm einflößte, aus dem Glauben, daß sie eine noch unbewußte Schicht wären, aus welcher heraus sich etwas Organisches entwickeln könnte, und es erregte deshalb schon im Jahre 1844 sein Mißfallen, daß Marx aus den Arbeitern bewußte, wissenschaftlich denkende Menschen machte. Bakunin hätte vielmehr das religiöse Gefühl in ihnen zu beleben gesucht, wenn er nicht aus den oben erörterten Gründen die religiöse Terminologie abgelehnt hätte. Bakunin haßte den Staat, den »alles bedrückenden, alles verschlingenden, alles demoralisierenden«, Marx wollte den Staat noch verstaatlichen. »Ihr glaubt«, schrieb er gelegentlich an Alexander Herzen, »man könne Alexander [den Zaren] bessern, ich hingegen bin der Meinung: sollte man uns auf seinen Platz setzen und ein Jahr oder zwei da festhalten, würden wir ebenso werden wie er.« Damit erklärte er, was er für den Grundfehler unserer Zeit hielt: daß das System stärker ist als der Mensch. Das Organische wächst nur aus dem freien, verantwortlichen Menschen herauf, das durch das System des modernen Staates unterdrückt ist. Zwischen System und Mensch stellte Marx sich auf Seiten des Systems, Bakunin auf die Seite des Menschen. Bakunins Vorliebe für das Räuberwesen, für die Deklassierten, für Putsche war in Marx' Augen unbegreiflich, eine lächerliche Kinderromantik, ernster Männer unwürdig. Er und sein Freund Engels, beide aus der rheinischen Industriegegend stammend, waren die geborenen Vertreter der Industrie; wenn sie auch die Arbeiter an die Stelle der Unternehmer setzen wollten, so war doch die Industrie die Grundlage, von der sie ausgingen und auf der sie weiterbauten. Bakunin dagegen, heimisch in einem Lande, wo die Industrie noch in den Anfängen war, stellte alles auf die Bauern ab und fühlte mit den Bauern, wenn er im Westen auch dazu kam, sich mit den Arbeitern und ihrem Leben zu befassen. Im Westen waren Bauern und Arbeiter einander feindlich entgegengesetzt, und Marx hatte dementsprechend wenig Sympathie für die meist reaktionären Bauern. Der industrielle, nationale, mächtige Großstaat, gerade das, was Bakunin verabscheute, war für Marx und Engels das Ideal. Marx und Engels mochten die Schweiz nicht leiden, in bezug auf Norwegen sprachen sie von der »brutalen, schmutzigen, seeräuberischen, altnordischen Nation«, die Magyaren nannten sie ein obskures, halbbarbarisches Volk; eben das, was Bakunin liebte, erregte ihre Verachtung. Als Lassalle sein Drama »Franz von Sickingen« an Marx schickte, entspann sich darüber eine lange Auseinandersetzung, in der Marx dartat, daß die Ritter und Bauern, die Lassalle verherrlichte und die er zu Trägern seines Freiheitsideals machte, eigentlich Räuber und dumme Reaktionäre gewesen wären. Sie waren es gewiß vom Standpunkte des modernen Industriestaates aus; aber gefühlsmäßig sympathisierte Lassalle mit ihnen, und vollends Bakunin hätte sie als den Ausdruck freier Initiative freier, in Gruppen lebender Menschen mit größtem Wohlwollen betrachten müssen. Wen nun aber Bakunin durchaus nicht leiden mochte, das waren die Juden, und Marx war ein Jude.

Die Geldwirtschaft ist mit dem modernen Industriestaat unzertrennlich verbunden und ebenso unzertrennlich von jeher mit dem Judentum; die Juden eigneten sich für das Geldwesen wie jedes dekadente Volk, das, weil es nicht mehr aus eigener Kraft wächst und gedeiht, das Bedürfnis fühlt, sich künstlicher Stützen zu bedienen. Wie die Wissenschaft ist auch das Geldwesen eine Abstraktion von der Natur und der lebendigen Persönlichkeit. Je mehr der Gegensatz zu Marx sich zuspitzte, desto mehr wurde sich Bakunin seiner Abneigung gegen die Juden und ihrer Bedeutung bewußt. Er schildert sie als unruhig, nervös, neugierig, indiskret, geschwätzig, intrigant, ausbeutend, Agenten des Handels, der Belletristik, der Politik und Journalistik, Literatur- und Finanzkommis.

»Nun gut«, so sagt er, »diese ganze jüdische Welt, die eine einzige ausbeuterische Sekte bildet, eine Art Blutsaugervolk, einen zehrenden Kollektivparasiten, der in sich organisch ist, nicht nur über die Grenzen der Staaten, sondern sogar über alle Unterschiede der politischen Meinungen hinweg, diese Welt ist jetzt, wenigstens zum größten Teil, zur Verfügung von Marx auf der einen, der Rothschild auf der anderen Seite. Ich weiß, daß die Rothschild, so reaktionär sie auch sind und sein müssen, das Verdienst des Kommunisten Marx hochschätzen, und daß seinerseits der Kommunist Marx sich durch instinktive Anziehungskraft und achtungsvolle Bewunderung unwiderstehlich zu dem Finanzgenie Rothschilds hingezogen fühlt.«

Der auffallenden Sympathie zweier scheinbar sich ausschließender Gegensätze nachgehend, kommt er zu folgendem Schluß: »Das erscheint sonderbar. Was kann es Gemeinsames geben zwischen dem Sozialismus und der hohen Bank? Die Sache ist die, daß der autoritative Sozialismus, der Marxsche Kommunismus die starke Zentralisation des Staates verlangt, und wo Zentralisation des Staates ist, muß es notwendigerweise eine zentrale Staatsbank geben, und wo eine solche Bank existiert, wird die parasitische jüdische Nation, auf die Arbeit des Volkes spekulierend, immer Mittel, sich zu erhalten, finden.«

Schon im Jahre 1849 hatte Herzen die neue, im Westen, namentlich in Frankreich herrschende Staatsform Bankokratie genannt. In den Straßen jeder modernen Großstadt kann man sehen, wie die Bankpaläste allmählich an die Stelle der Fürstenpaläste treten. Die Fürsten, welche sagten: der Staat bin ich, stützten sich auf die großen Geldlieferanten, die schließlich die purpurne Draperie zur Seite warfen und sich geradezu als Inhaber der Macht zeigen konnten; diese Geldlieferanten waren aber zum großen Teil Juden. In der Entschiedenheit, mit welcher Bakunin es mit den Bauern und gegen die Geldwirtschaft hielt, erinnert er durchaus an Luther.

Bakunin, der die Fülle vielfältiger und widerspruchsvoller Erscheinungen liebte, hatte naturgemäß mehr Sinn für Marx als umgekehrt. Obwohl er die Juden im allgemeinen nicht mochte, hätte er doch nie die Bedeutung oder Leistungen eines Juden grundsätzlich unterschätzt. Im Bewußtsein, kein herzliches Gefühl für Marx zu haben, betonte er bei jeder Gelegenheit, wie lebhaft er seine Verdienste schätze, und er zögerte nicht, es durch Eintritt in die von Marx geleitete Internationale zu bekunden. Marx' Hauptwerk »Das Kapital« machte einen so gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er sich sofort daranbegab, es ins Russische zu übersetzen. Er nannte sich brieflich Marx selbst gegenüber seinen Schüler mit Bezug darauf, daß Marx sich eher als er ganz von der Bourgeoisie losgesagt hatte und auf die Seite der Arbeiter getreten war. Herzen, der in Marx den Urheber der über Bakunin verbreiteten Verleumdungen sah, erklärte er die jenem unbegreifliche Tatsache, daß er Marx öffentlich rühmte, mit den außerordentlichen Verdiensten, die Marx um die Sache des Volkes habe. Marx habe seit fünfundzwanzig Jahren dem Sozialismus klug, energisch und treu gedient und sei darin ihnen allen voraus. Er, Bakunin, würde es sich nie verzeihen, wenn er den wohltätigen Einfluß von Marx aus persönlichem Rachegefühl vernichtete oder verringerte. Doch könne es dazu kommen, daß er sich in einen Kampf mit Marx einließe, nicht wegen der persönlichen Beleidigungen, sondern wegen des Staatssozialismus, den Marx verfechte.

Aus seinem Eintritt in die Internationale folgerte andrerseits Bakunin nicht, daß er deswegen seine bisherigen geheimen Verbindungen auflösen müsse, da ja in ihm selbst das Verschiedene sich nebeneinander vertrug; Marx aber mußte darüber ganz anders denken. Marx legte den Maßstab seiner individuellen Logik an alles; Bakunin schätzte die individuelle Logik gering ein, sehr hoch hingegen die Logik der Tatsachen. Ihm verschlug es daher nichts, allerlei Tatsachen nebeneinander sich herausbilden zu sehen, mochten sie dann auseinanderplatzen, irgendein Ergebnis erzeugen. Marx von seinem Standpunkt aus, der ein genau bestimmtes Ziel und einen bestimmten Weg sich gesetzt hatte, sah es für Verrat an, daß ein Mitglied der Internationale außerhalb derselben noch eine geheime Wirksamkeit hatte; denn wenn sie mit der seinigen übereinstimmte, weshalb betrieb er sie dann nicht öffentlich innerhalb der Internationale? Bakunin, der die Menschen als Kinder der Erde betrachtete, die auf jedem Punkte, von Sonne, Licht und Säften des Bodens anders genährt, andere Bedürfnisse haben, sah es als Anmaßung an, daß Marx die Arbeiter aller Länder von einem einzigen Punkt aus beherrschen wollte; er selbst regte nach allen Seiten hin an, wünschte aber, daß man in jedem Lande verführe, wie es dort angemessen sei, nur eine große Grundidee, die der Solidarität, festsetzend.

Marx, der viel methodischer war als Bakunin, hatte sich kaum von der grundsätzlichen Verschiedenheit ihrer Richtung überzeugt, als er Bakunin aus der Internationale hinauszudrängen suchte. Er hielt Bakunin nicht für nützlich, wie Bakunin ihn, sondern schlechtweg für schädlich. Bakunin wollte die Abschaffung des Erbschaftsrechtes in das Programm der Internationale aufgenommen wissen und trat, ganz gegen den Willen von Marx, öffentlich damit hervor.

Jede Vererbung eines Rechtes oder eines Besitzes ist das Bestreben, etwas dem einzelnen Übertragenes dem Ganzen dauernd zu entziehen. Nach der Theorie Bakunins werde jeder Mensch von Anfang an in irgendeine menschliche Gesellschaft hineingeboren, innerhalb welcher er sich jedes Recht und jeden Besitz erst zu erwerben habe. So ging man auch im Mittelalter von der Idee aus, daß aller Grund und Boden und alle Rechte dem Ganzen zukommen, als dessen Symbol und Vertreter später die Kaiser gewählt wurden. Von ihnen war aller Besitz und alles Recht nur zu Lehen und fiel unter gewissen Bedingungen wieder heim. Indessen der zunehmende Individualismus, die Sucht des einzelnen, sich über das Ganze zu setzen, bekämpfte diese Anschauung beständig, schob sich wie ein Keil in die mittelalterliche Gesellschaft und sprengte sie schließlich auseinander. Erst mit der Entstehung der Geldwirtschaft wurde der Sieg der Vereinzelung vollständig. Überall trat das Prinzip der Erblichkeit an die Stelle der Wählbarkeit oder der Übertragung zu Lehen. Seitdem bemüht sich die Menschheit vergeblich, einen Ausweg aus unhaltbaren Zuständen und schreiender Ungerechtigkeit zu finden. Wieviel man auch dem Staat gäbe und abträte als Zoll des einzelnen an das Ganze, das Staatsganze steht neben den einzelnen, die einzeln bleiben, wie sehr auch der Staat anschwillt. Das Streben nach Erblichkeit siegte bei den habsburgischen Kaisern und bei den Fürsten; eine Ansicht über fürstliche Gewalt kam auf, die der mittelalterliche Mensch nicht verstanden haben, die er als türkisch oder heidnisch bezeichnet haben würde. Die mittelalterlichen Kaiser und Herren standen in rechtlichen Beziehungen zu allen anderen Gruppen, sie blieben nie und nirgends ohne Gegenwirkung. Auf einmal glaubten Höhergestellte sich Menschen gegenüber zu befinden, denen sie nach Belieben befehlen könnten. Aus freien Menschen, die sich auch dem Höchsten in der Freiheit ebenbürtig fühlen durften, wurden Untertanen.

Marx beurteilte das Erbschaftsrecht ebenso wie Bakunin; aber er war dagegen, daß man sofort mit der Abschaffung desselben hervorträte, obwohl er sie auch anstrebte. Wie er aber überhaupt für langsame Entwickelung war, so wollte er auch in diesem Falle mit allmählicher Einschränkung des Erbschaftsrechtes beginnen, nicht zum wenigsten mit Rücksicht auf die Arbeiter selbst. Diese nämlich haben den Trieb, etwas zu besitzen und es auf ihre Angehörigen zu vererben ebenso wie andere Menschen, weswegen Marx fürchtete, man würde mit einer unvorbereiteten Erklärung der Aufhebung des Erbschaftsrechtes sehr bei ihnen anstoßen. Dies war auch wirklich der Fall, und die meisten Menschen werden das Verfahren von Marx als verständig loben. Bakunin stand aber auf einem ganz, ganz anderen Standpunkte, von dem aus es ihm gar nicht darauf ankam, Freunde und Feinde zu erschrecken und abzuschrecken. Die bourgeoisen Neigungen der Arbeiter waren ihm ein Ärgernis, und er suchte ihnen von Anfang an entgegenzuarbeiten. Er war überzeugt, daß, wenn die Arbeiter erst zu Parlamentariern und Teilhabern der Staatsgewalt gemacht wären, sie von Aufhebung des Erbrechtes vollends nichts mehr würden wissen wollen.

Nachdem Marx einmal begriffen hatte, wie verschieden Bakunins Ziele und Wege von den seinigen waren, hatte er recht, ein Zusammenarbeiten abzulehnen; aber die gehässige Art und Weise, in der er ihn auszustoßen suchte, als gälte es, einen Verbrecher zu brandmarken und unschädlich zu machen, wird niemand billigen können. Erklären läßt es sich aus seiner Herrschsucht und aus seiner Engherzigkeit, die einen Menschen wie Bakunin und seine Ideen nicht begreifen konnte.

Ein hauptsächlicher Wesenszug Bakunins war sein Humor; Marx hatte überhaupt keinen. So leidenschaftlich sich Bakunin für seine Überzeugungen einsetzte, konnte er sich doch vollständig über sie erheben und sie wie von hoch oben ansehen. Das Wort, das er gern gebrauchte: Vor der Ewigkeit ist doch alles gleich, beweist, daß er ein Jenseits kannte, an dem gemessen die irdischen Dinge unendlich klein sind, obwohl sie für das Ewige vorbereiten und darin münden. Das beständige Gefühl von der Relativität alles Irdischen verlieh ihm eine Leichtigkeit, eine Nachsicht, eine Gemütlichkeit und Überlegenheit, die Marx bei aller Intelligenz und Charakterstärke nicht besaß. Michel schimpfte oft in der ausschweifendsten Art auf seine Gegner; aber er vergaß es leicht und konnte sie etwa auch wieder gern haben und schätzen. Er haßte mit Inbrunst, ohne gehässig zu sein. Einmal, so erzählt Reichel, sagte ihm dieser in der Meinung, ihm eine Schlinge zu legen, was er denn tun würde, wenn er die Welt so eingerichtet hätte, wie er es für gut hielte. »Dann würde ich alles wieder zusammenwerfen«, antwortete Michel. Und er fügte hinzu: »Rede nicht, spiele und laß mich zuhören.« Dieser liebste Freund Bakunins, Adolf Reichel, stand seiner sozialrevolutionären Tätigkeit ganz fern. Was sie verband, war ein Gefühl, welches stärker ist als Worte und selbst Taten und die Seelen mit unmittelbarer Magie zueinanderzieht. Dem sind nur Menschen zugänglich, die nicht in erster Linie vom Kopfe aus leben.

Es ist eigentümlich und bedeutungsvoll, daß Bakunin wie früher durch die russische Regierung jetzt durch Marx von Spionen beobachtet wurde, die in diesem Falle Stoff liefern sollten, ihn aus der Internationale auszustoßen. Die kindliche Sorglosigkeit Bakunins, seine Unordnung in Geschäften, sein Aufgehen im Augenblick boten dazu manche Handhabe.

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