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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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13.
Bakunin in Italien

Das große Ereignis der Befreiung Italiens und ihre Führer, die er teils persönlich, teils aus Schilderungen Herzens kannte, lockten Bakunin nach Italien: Er ließ sich mit seiner Frau, die ihm inzwischen nachgereist war, in Florenz nieder. Hier lebte er in angenehmer Form wie irgendein fremder Reisender, im Grunde aber unablässig mit der Beförderung seiner Ziele beschäftigt. Ich bezweifle, ob er jemals die Kunstgenüsse aufgesucht hat, um derentwillen Florenz hauptsächlich besucht wird; dagegen knüpfte er soviel wie möglich persönliche Beziehungen an, obwohl er des Italienischen noch nicht mächtig war, das er auch nie so beherrschen lernte wie das Französische. Er wurde überall gut aufgenommen; ein Russe, mit dem er damals verkehrte, schildert den Eindruck, den er machte: Obgleich er nie von den Leiden sprach, die er durchgemacht hatte, erschien er als der Dulder und der Kämpfer, der sich nie ergibt. Man hätte ihn am ersten mit Ziska oder Mazeppa vergleichen mögen; aber trotz der Atmosphäre elementarer Wildheit, die ihn umgab, verleugnete sich nie die Überlegenheit des hochgebildeten Mannes; seine Stirn strahlte von Intelligenz und Persönlichkeit. Die Tiefe und Weite der Gedanken und der Bildung unterschied ihn wesentlich von Garibaldi, mit dem er übrigens manche Ähnlichkeit hatte. Er suchte ihn in Caprera auf und rühmte ihn als einen wackeren Mann, dessen anspruchslose Ritterlichkeit ihm viel mehr zusagte als Mazzinis bewußtes und etwas feierliches Wesen. Intimeren Verkehr unterhielt er mit dem Volksführer und Bäcker Dolfi, der bei der florentinischen Revolution eine Rolle gespielt und sich dann wieder ins Privatleben und seinen Bäckerladen zurückgezogen hatte. Er war in Bakunins Alter, ein schöner, kräftiger, imposanter Mann, der kein Hehl daraus machte, daß er erst mit dreißig Jahren hatte lesen und schreiben lernen, aber was ihm an Bildung abging, durch die dem Italiener eigene Urbanität und schnelle Urteilskraft ersetzte. Er bezeugte seine Liebe für alles Republikanische und Demokratische nicht nur dadurch, daß er seinen Sohn Guglielmo Tell nannte, sondern durch Unterstützung mit Geldmitteln, die er auch dem stets in Geldnöten befindlichen Bakunin zugute kommen ließ. Trotz der allgemeinen Hochachtung, die er dem Russen zollte als einem, der für die Freiheit gekämpft und gelitten hatte, fehlte ihm jedes Verständnis für das, was Bakunin eigentlich wollte. Überhaupt wurde es diesem bald klar, daß die große italienische Bewegung, die sich in ihren Taten und Führern so abenteuerlich, so naturgewaltig darstellte, in ihrem Wesen das Emporkommen der Bourgeoisie bedeutete und Italien einen Schritt weiter in allem dem führte, was Bakunin am meisten zuwider war: in der Zentralisierung, der Industrialisierung, dem Trachten nach Macht und Geld. Machten sich diese Folgen auch noch nicht erheblich geltend, so spürte Bakunin den kommenden Geist doch schon in den maßgebenden Menschen. Sie enttäuschten ihn alle, wie gut es sich auch mit ihnen leben ließ; von Agostino Bertani sagte er: er sei alles, was der Augenblick gerade erfordere, aber unveränderlich als Bourgeois; von Saffi: er sei ein verfehlter Gelehrter, der Melanchthon einer totgeborenen Religion; von Petroni: er sei ein dummer Jesuit. Durch Dolfi wurde er in die Gesellschaft der Freimaurer eingeführt, wo die freisinnigsten Elemente Italiens vereinigt waren; allein seine Bemühungen, sie in seinem Sinne umzugestalten, scheiterten vollständig. Hier wurden noch die alten Popanze, wie Papsttum und Jesuitismus, mit viel Pathos und großen Gebärden bekämpft, die bestehende Gesellschaftsordnung dagegen unbedingt anerkannt und die technischen und wissenschaftlichen Leistungen der Neuzeit als dankenswerte Errungenschaften begrüßt. Dies neue Italien wollte nun vor allen Dingen die Früchte seiner außerordentlichen Anstrengungen einheimsen und genießen, sich nicht schon wieder in neue, unabsehbare Wagnisse werfen. Das städtische und ländliche Proletariat hatte an der fast jahrhundertlangen Bewegung keinen Anteil gehabt; gerade deswegen war es so schwer gewesen, Erfolge zu erringen, weil das Volk sich gleichgültig dagegen verhielt, ob Österreich oder Italien regierte. Dazu kam die eigentümliche Art der italienischen Bildung, welche, in ausgetretenen Geleisen sich bewegend und ewig das gleiche wiederholend, den Geist verengt. »Wirklich«, schrieb Bakunin, »ich kenne kein anderes Land, wo die bourgeoise Jugend in den aktuellen Fragen so unwissend ist, so gleichgültig gegen die Bewegung des modernen Geistes. Ich wette, daß man an den meisten italienischen Universitäten noch immer Dante und die Geheimnisse der römischen Jurisprudenz erklärt; höchstens fügt man als notwendige Ergänzung noch Kommentare zum politischen System Machiavellis hinzu.« Vielleicht war hier wie bei den Polen die Fremdherrschaft Ursache zu dem einseitigen und eigensinnigen Zurückblicken in die Vergangenheit. Die Einbildung, allen anderen Völkern überlegen zu sein, verhinderte die Italiener, sich den Gedankenbesitz anderer anzueignen, wodurch gerade die Russen wie die Deutschen so reich und elastisch sind. Die Beschränkung auf sich selbst drückt ihrer geistigen Bildung den Stempel der Dürftigkeit und Trockenheit auf.

Florenz besonders hatte noch den Charakter des patriarchalisch regierten, satten und zufriedenen kleinen Musterstaates, der es unter der habsburgischen Herrschaft gewesen war. Im Sommer 1864 lernte Bakunin den jungen Angelo de Gubernatis kennen, dem der fremdartige, geistvolle Mann einen überwältigenden Eindruck machte. Er gab sich ihm ganz hin, ließ sich von ihm in seine Ideen und Pläne einweihen und wurde sein Jünger. Nach einigen schlaflosen Nächten aber entsetzte er sich vor der Gefahr, in die er sich begeben hatte, und zog sich zurück von der großen Schlange, wie er Bakunin nun nannte, die ihn mit ihren fatalen Ringen umschlungen hatte. Damals war auch ein verheirateter Bruder Bakunins in Florenz mit seiner Frau und einer jungen Cousine, die Gubernatis heiratete. Der einzige Fang, den der Seelenjäger gemacht hatte, entwischte ihm wieder.

Eine weit regere und kühnere Intelligenz fand Michel in Neapel, wohin er sich im Jahre 1866 wandte. Überhaupt setzte er trotz vieler Enttäuschungen große Hoffnung auf Italien. Es gab hier noch eine Überlieferung von geheimen Verbindungen nach Art der Karbonari, in denen die Mitglieder sich blind als opferwilliges Werkzeug von den Führern benützen lassen. Das war ganz nach Bakunins Sinn, der der Meinung war, da es sich um den Umsturz der bestehenden Gesellschaft handelte, ohne geheime Verbindungen nicht auskommen zu können. Wie lieb mußte ihm überhaupt ein Land sein, wo es Räuber gab, wo die öffentliche Sicherheit so viel zu wünschen übrigließ, wo die politische Leidenschaft nicht selten zu Morden und Duellen führte, wo einzelne und Parteien ihre Angelegenheiten selbst blutig oder unblutig erledigten, als ob es keine Regierung gäbe. Der Umstand ferner, daß das ländliche und städtische Proletariat der Befreiung und Einigung Italiens im ganzen ferngestanden hatte, ließ hoffen, daß es bereit sein würde, sich gegen die neugegründete Herrschaft der Bourgeoisie zu wenden. In Neapel lernte er nach und nach junge Leute kennen, die seine Ideen verständnisvoll aufnahmen und Mittelglieder zwischen ihm und dem Proletariat werden konnten. Diese jungen Leute hatten studiert, waren aber arm oder sonst aus irgendeinem Grunde mit der Schicht, der sie durch die Geburt angehörten, zerfallen und fürchteten nicht, ihre Laufbahn zu verderben, wenn sie ihre Zeit der Vorbereitung einer großen Revolution weihten. Mit ihrer Hilfe gelang es ihm wirklich, einen geheimen Bund mit anarchistischen Zielen zu gründen. Eigentümlich mußte es ihn berühren, daß er in Neapel einen Vorläufer gehabt hatte: jenen Pisacane, der mit wenigen Anhängern im Jahre 1857 von Genua aus nach Neapel gefahren war, um die verhaßte bourbonische Regierung mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung zu stürzen. Die Bevölkerung rührte sich nicht, und er fiel mit seinen Scharen teils auf dem Schlachtfelde, teils unter den Kugeln des Kriegsgerichtes. Drei Jahre später stand Garibaldi das Glück bei. Pisacane hatte einige Schriften hinterlassen, in denen er Gedanken ausführte, die denen Bakunins verwandt waren. Sie waren unbekannt und wirkungslos geblieben, weil ihnen gerade durch die Rückständigkeit Italiens in der spezifisch industriell-kapitalistischen Zivilisation der Untergrund fehlte, von dem sie sich abgehoben hätten. »Zu meinem Glück«, schrieb Bakunin an Herzen, »versteht die hiesige Regierung noch nicht die soziale Bewegung, und daher fürchtet sie dieselbe nicht und beweist dadurch ihre nicht unbeträchtliche Dummheit, da nach dem vollständigen Schiffbruch aller anderen Parteien, Ideen und Motive in Italien nur eine lebendige, allein mögliche Kraft übriggeblieben ist: die soziale Revolution.«

Er hätte also unbehelligt, unter aufmerksamen Schülern wirkend, in Neapel, in Ischia, wo er sich sehr wohl fühlte, leben können. Aber es war ihm nicht gegeben, irgendwo zu ruhen; gerade die ruheselige Stimmung, in die man in Italien so leicht versinkt, war ihm auf die Dauer unleidlich. Es drängte ihn immer dahin, wo die Gärung der Weltbegebenheiten sich prickelnd und brausend verriet. Das war in den vierziger Jahren Deutschland gewesen; und war es vielleicht immer noch Deutschland? Dort entwickelten sich die Mächte des modernen Lebens: Technik, Industrie, Kapitalismus, Wissenschaft, Geschäftsgeist, rasch zu erstaunlicher Blüte und bereiteten eine materielle Macht vor, die das bestehende europäische Gleichgewicht zur Entrüstung der alten Großmächte stören sollte; gerade von dort aus erhob sich aber auch energisch diejenige Bewegung, welche sich berufen fühlte, die alte Welt zu stürzen.

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