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Michael Bakunin und die Anarchie

Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleMichael Bakunin und die Anarchie
publisherSuhrkamp
year1988
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2018019
projectid991b255e
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12.
Bakunins Ideen

In dem ersten Sommer, den Bakunin in London noch ohne seine Frau zubrachte, verfaßte er eine kurze Abhandlung unter dem Titel »Romanow, Pugatschew oder Pestel?«, die im September im Druck erschien. Daß eine vollständige Umwälzung der Verhältnisse in Rußland notwendig sei, war das Selbstverständliche, wovon er ausging; schließlich aber konnte sie in sehr verschiedenem Sinne und auf sehr verschiedene Weise herbeigeführt werden. Romanow hieß die in Rußland herrschende Dynastie, Pestel war der bedeutendste unter den Dekabristen, Pugatschew der Führer der aufständischen Bauern unter Katharina; die drei Namen bezeichneten verschiedene Möglichkeiten, die Bakunin näher untersuchte. Am 2. März 1861 hatte Alexander II. den denkwürdigen Ukas erlassen, durch welchen die Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Der Kaiser hatte sein ganzes Ansehen gebrauchen müssen, um gegen die widerstrebende Adelspartei seinen Willen durchzusetzen, immerhin hatte er Klauseln zugelassen, welche den Gutsherren den Übergang wesentlich erleichterten. Das Land, das die Bauern als Eigentum erhielten, war so mit Abgaben belastet, daß ihre Lage fast schwieriger wurde als zur Zeit ihrer Knechtschaft, und dies war der Grund, daß die revolutionären Führer nicht in den dankbaren Jubel einstimmten, der den Befreier begrüßte. Trotzdem erweckte natürlich dieser so langersehnte, so heftig bekämpfte Erlaß für den Herrscher, der sich mutig dafür eingesetzt hatte, Sympathie, wie sich das auch in Bakunins Schrift zeigte. So unbedingt er das System der Selbstherrschaft verdammte – er definierte sie als das unbestrittene Recht, Böses zu tun, und die Machtlosigkeit, etwas Gutes zu leisten –, war ihm die Anhänglichkeit des Volkes an den Zaren doch wohl bekannt, und jemand, der wie er das Volk als die Quelle einer organischen Entwicklung ansah, konnte nicht gleichzeitig Ideen bekämpfen, die so ausgesprochen im Volke lebten. Hatte ja auch Pugatschew es für nötig gehalten, sich für den Zaren Peter auszugeben, und in der Gegenwart traten die Revolutionäre wohl auch als Beauftragte des Zaren auf. Michel hatte über diese im Volke so fest wurzelnde Idee nachgedacht und war zu der Einsicht gekommen, daß es im Zaren die symbolische Vorstellung der Größe, der Einigkeit und des Ruhmes Rußlands verehrte. »Das Volk lebt in der Hoffnung, daß der Zar den Adel, die Obrigkeit und die Popen ausrotten werde, und dann werde für Rußland die Epoche der goldenen Freiheit anbrechen.« Es ist die dem Volke eingeborene Idee des Helden oder des höchsten Richters, der um der Harmonie des Ganzen willen die Schwachen stützt und die Übermütigen dämpft und die Frevler straft. Bakunin war Russe genug und volkstümlich genug, um diese Idee zu verstehen; die Frage war nur, ob ein moderner Petersburger Kaiser je zum Volkszaren im Sinne des alttestamentlichen Richters werden könne? In späterer Zeit hat Bakunin behauptet, er habe immer gewußt, daß die Dynastie Romanow nicht dazu imstande sei, und sie war es ja auch nicht; dazu gehört eine gesunde Kühnheit, die Glieder einer seit langem erblich regierenden Familie nicht mehr besitzen. Wie dem aber auch sei, er erwog die Möglichkeit zu einer Zeit, wo Alexander II. tatsächlich eine Reihe wichtiger Reformen durchführte, namentlich im Gerichtswesen und für die Selbstverwaltung. Trotz seines revolutionären Temperaments sah Michel ein, daß eine Revolution nicht das ist, was man sich zum Vergnügen anschafft. Blutige Revolutionen, sagte er, seien dank der menschlichen Dummheit zuweilen notwendig, aber immer ein Übel, ein ungeheures Übel und ein großes Unglück. Ließe sie sich in Rußland dadurch vermeiden, daß der Zar sie selbst in die Hand nähme, indem er das für notwendig Erkannte durch Reformen vollzöge, so wäre das am meisten zu begrüßen.

Für Pestel persönlich hatte Bakunin große Verehrung als für einen der ersten, der die Notwendigkeit einer Umwälzung ausgesprochen hatte und heldenmütig für seine Überzeugungen gestorben war; aber seine eigentliche Vorliebe machte sich fühlbar, als er auf Pugatschew zu sprechen kam. Gerade deswegen, weil Pugatschew ein Betrüger und nicht viel mehr als ein Räuber war, gefiel er Bakunin. Er wäre nicht wie die Graubündner gewesen, die sich beleidigt fühlten, weil Schiller ihr Land zum Aufenthalt für Räuber wählte.

Er liebte die Räuber als die unversöhnlichen Feinde des Staates und der ganzen vom Staat errichteten Ordnung. Natürlich meinte er nicht Einbrecher und Großstadtdiebe, sondern Banden, die frei in der Wildnis leben nach Art der Kosaken, bevor sie von der Regierung gefesselt werden. Ihre Wildheit und Grausamkeit faßte er auf als einen Gegenschlag gegen die schlimmere Grausamkeit des Staates, vor der sich Unzählige in die Freiheit unzugänglicher Gebirge und Steppen flüchteten. Er nennt das Räuberwesen eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Volkslebens, einen verzweifelten Protest des Volkes gegen die niederträchtige Ordnung des Staates. »Das Räuberwesen ist einzig und allein ein Beweis von der Leidenschaft, der Lebensfähigkeit und der Kraft des Volkes. Das Aufhören des Räuberwesens in Rußland würde entweder den endgültigen Tod des Volkes oder aber seine völlige Befreiung bedeuten.« Dieses Urteil Bakunins entsprang demselben Gefühl, aus welchem heraus Goethe seinen Götz und Schiller seine Räuber schrieb, aus welchem heraus Schiller die Soldaten des Dreißigjährigen Krieges als die einzig freien Menschen pries inmitten einer Welt, wo es nur Herren und Knechte gebe; es ist die Abneigung gegen den Staat zugunsten der persönlichen Initiative.

Man hat Bakunin den Vater des Anarchismus genannt, und er selbst bezeichnet den Zustand, den er im Gegensatz zum Staate wünscht, als Anarchie. Dies Wort gibt zu Mißverständnis Anlaß; bedient sich doch Michel selbst mehrmals des Wortes in dem abschätzigen Sinne, den man ihm gewöhnlich beilegt, wenn er z. B. schreibt: Dies und das würde zur empörendsten Anarchie führen; dies und das würde ein widerwärtiger Zustand von Anarchie sein, womit er mehr noch Willkür als Unordnung meint. Man solle nicht meinen, hat er einmal geradezu gesagt, er wäre für absolute Anarchie in Volksbewegungen. Eine solche Anarchie würde nichts anderes sein als die vollständige Abwesenheit von Idee, Ziel und gemeinsamem Verhalten und müßte notwendigerweise auf gemeinsame Ohnmacht hinauslaufen. Alles Wirksame geschähe in einer gewissen Ordnung, die ihm innewohne und offenbare, was in ihm sei. Am besten kennzeichnet er, welches Ideal ihm als Anarchie vorschwebt, in dem gelegentlichen Satze: »Alle diese unsterblichen Schöpfungen des deutschen Genies sind hervorgebracht nicht aus der Einheit, sondern aus der deutschen Anarchie ... Die politische Einheit wird unfehlbar die lebendigen Quellen des schöpferischen Geistes in Deutschland töten und beginnt schon, es zu tun.« Übersetzt er gelegentlich An-archie mit Herrschaftslosigkeit, strebt er die Vernichtung des Staates an, so ist das doch nur etwas Negatives. Daneben definiert er die Anarchie gelegentlich als »freie Initiative freier Individuen in freien Gruppen« oder »allseitige Entwicklung aller auf Grund der frei organisierten Arbeit«; ferner: das Erwachen des spontanen Lebens aller lokalen Leidenschaften auf allen Punkten, und: die vollständige Offenbarung des entfesselten Volkslebens, aus welcher Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, eine neue Ordnung hervorgehen wird.

Karl Schurz erzählte eine hübsche kleine Geschichte aus der Zeit, wo er Kinkel befreite. Um die Tat auszuführen, bedurfte er der Hilfe von Gesinnungsgenossen, und unter anderen war er an einen Mecklenburger gewiesen, den er auch aufsuchte. Dieser teilte ihm zu seinem Erstaunen mit, daß er ein Vollblutreaktionär sei und von der Freiheit und Gleichheit gar nichts halte. Nach seiner Meinung würde die Menschheit am besten fahren, wenn sie recht bunt gegliedert sei mit Fürsten, Rittern, Kaufleuten, Handwerkszünften, Bauern, Geistlichen und Laien und verschiedenen Rechten und Pflichten. Doch sei er bereit, Schurz zu helfen, da es ein Skandal sei, einen Mann wie Kinkel ins Zuchthaus zu sperren. Er erwies sich auch als zuverlässig und hilfreich. Praktisch stellte er sich also auf die Seite derer, deren Motto Freiheit und Gleichheit war, vielleicht weil sie beide Gegner des modernen Staates waren, vielleicht in dem dunklen Gefühl, daß kein so großer Gegensatz zwischen ihnen bestand, wie es dem Worte nach schien.

Kein Mensch konnte mechanischer Gleichheit mehr feind sein als Bakunin. Einmal hat er sich ausführlich darüber ausgesprochen. »Die Mannigfaltigkeit der Menschen ist, wie mein geliebter Philosoph Ludwig Feuerbach gesagt hat, der Reichtum der Menschheit. Lieber Freund, lassen Sie es sich sagen, diese Harmonie ist nicht zu verwirklichen, und sie ist nicht einmal wünschbar. Diese Harmonie ist die Abwesenheit des Kampfes, die Abwesenheit des Lebens, es ist der Tod. Nehmen Sie die ganze Geschichte und überzeugen Sie sich, daß zu allen Zeiten und in allen Ländern, wo es Entwicklung und Überfluß an Leben, an Gedanken, an schöpferischer und freier Tat gegeben hat, es auch Streit, intellektuellen und sozialen Kampf, Kampf der politischen Parteien gegeben hat, und daß gerade inmitten dieser Kämpfe und dank ihrer die Völker die glücklichsten und mächtigsten im menschlichen Sinne des Wortes gewesen sind. Dieser Kampf hat nicht oder fast nicht in den großen asiatischen Monarchien existiert; aber es war dort auch eine vollständige Abwesenheit menschlicher Entwicklung. Sehen Sie auf der einen Seite die persische Monarchie mit ihren zahllosen disziplinierten Truppen und auf der anderen das freie Griechenland, nur lose verbündet, beständig durch die Kämpfe seiner Stämme, seiner Ideen, seiner Parteien erregt. Wer hat gesiegt? Griechenland. Welches war die fruchtbarste Epoche der römischen Geschichte? Diejenige des Kampfes zwischen den Plebejern und Patriziern. Und was hat die Größe und den Ruhm Italiens im Mittelalter gemacht? Sicherlich nicht das Papsttum noch das Kaisertum, sondern die freien Gemeinden und die inneren Kämpfe der Meinungen und Parteien. Napoleon dem Dritten ist es gelungen, die inneren Kämpfe in Frankreich einschlafen zu lassen, und gerade dadurch hat er es getötet. Möge das Schicksal Ihr schönes Vaterland vor einer Epoche bewahren, wo alle Geister beruhigt und einmütig wären; es würde die Epoche seines Todes sein.«

»Ich werde nie müde werden zu wiederholen: Die Einförmigkeit ist der Tod. Die Mannigfaltigkeit ist das Leben.«

Und wiederum: »Aber die Einförmigkeit ist nicht die Einheit, sie ist die Abstraktion davon, das caput mortuum, der Tod. Die Einheit ist nur wirklich und lebendig in der breitesten Mannigfaltigkeit.«

Es ist demnach klar, daß Bakunin, wenn er sich zu dem Grundsatz »Freiheit und Gleichheit« bekannte, an nichts weniger als an mechanische Gleichheit dachte. Ist aber die Ungleichheit der modernen Gesellschaft, wo sich die Bourgeoisie und das Proletariat fremder gegenüberstehen als zwei verschiedene Völker, dasselbe wie die bunte Mannigfaltigkeit? Ist sie etwas Erfreuliches, Notwendiges? Ohne eine gewisse Gleichheit gibt es überhaupt kein Volk. Die Kultur eines Volkes beruht auf der Gleichheit aller seiner Glieder, wenn auch nicht auf einer mechanischen. Es kann weder Religion noch große Taten, noch große Kunst und Dichtung geben, wenn sie nicht aus dem ganzen Volke hervorgeht und vom ganzen Volke verstanden wird. Die Gleichmacherei, welche mit Recht gefürchtet wird, ist eine Folge der Zentralisation, wozu eine ausgesprochene Tendenz von jeher in Frankreich bestand. Herzen schildert ebenso abschreckend wie komisch, wie die Franzosen zu Tausenden nach einer Schablone produziert werden; wie in allen französischen Städten zur gleichen Stunde aus denselben Büchern unterrichtet wird, dieselben Fragen gestellt und dieselben Antworten erwartet und gegeben werden.

Zur Zeit, als diese Tendenz in Frankreich sich durchsetzte, gab es weder Sozialismus noch Monarchie; allerdings aber nahmen die sozialistischen Theorien in Frankreich auch den Charakter despotischer Gleichmacherei an. Gerade das ist es, was Bakunin bekämpfte. Die deistische Zivilisation unterscheidet Regierer und Regierte und will die Herde der Regierten möglichst groß und möglichst gleichartig. Dieser Spaltung stellte Bakunin die Forderung der Gleichheit oder, wie er auch sagte, Ebenbürtigkeit gegenüber. Er sprach auch von der Gleichheit des Ausgangspunktes. Es ist dasselbe wie die altgermanische Freiheit, die jedem eigen war, der sie nicht durch ein Verbrechen verwirkt hatte, in der der Geringste und Ärmste dem Höchsten gleich war, und die jeden berechtigte, sowohl seinen König zu wählen wie zum König gewählt zu werden. Allerdings forderte Bakunin auch eine gewisse Vermögensgleichheit, wenn auch nicht eine mechanische. Er betonte deshalb gern, daß er nicht Kommunist sei, sondern Kollektivist; unter Kollektivismus ist eine Bildung von Gruppen zu verstehen, die Grund und Boden und Arbeitsmittel gemeinsam besitzen und alle ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Was er wollte, war Gemeinsamkeit auf Grund gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Besitzes und zugleich Wahrung persönlicher Freiheit und persönlicher Initiative. Der Vergleich mit dem Mittelalter wird immer am ehesten ein Bild davon geben, welche Art von Gesellschaft ihm vorschwebte. Auch Hegel hatte ja gesagt, daß die alten Zunftkreise und Gemeinheiten in reformierter Gestalt wiederhergestellt werden müßten.

Die untersten, einfachen Zellen des Volksorganismus sollten sich zu immer größeren Einheiten gliedern, deren letzte das Vereinigte Europa oder die Europäische Republik sein würde. Ähnlich ist es ja auch im Mittelalter gewesen, so zwar, daß die deutsche Nation eine Art von Vorherrschaft hatte; aber das wäre ja auch nach Bakunin ein denkbarer Zustand, wenn er sich nur von unten nach oben wirkend, das heißt organisch herangebildet hätte, auf der Notwendigkeit der Tatsachen und auf Freiwilligkeit beruhend.

Was auf Freiwilligkeit beruht, kann nur bestehen durch Glauben an eine übermenschliche sittliche Macht, also durch Religion. Warum, so muß man sich fragen, sprach Michel nicht nur nicht von Religion und nicht vom Mittelalter, sondern griff beides mit den härtesten Worten an? Dies hatte einleuchtende Gründe. Es wurde Michel, als einer religiösen Natur, nicht leicht, öffentlich gegen Gott und den Glauben aufzutreten, er, der seine skeptischen Freunde so wirksam zum Christentum zu bekehren pflegte; dennoch tat er es nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ausdrücklich und bekannte sich zu Feuerbachs »religiösem Atheismus«. Was er bekämpfte, war der Deismus, der Gott, der als Portier für die zahlungsfähigen Gäste des Hotels zu sorgen hat, der als Uhrmacher die Uhr des Lebens aufzieht und möglichst gleichmäßig abschnurren läßt. Indem er sich über die Grundlagen des bourgeoisen Bewußtseins klarzuwerden suchte, fand er sie hauptsächlich in der deistischen Metaphysik, welche, wie er sagt, aus der protestantischen Idee Gottes als des absoluten Ich die Beziehungen aller menschlichen isolierten Ichs sowohl zu diesem absoluten Ich wie zu den anderen Menschen abgeleitet habe. Sie sei dabei nicht von der materiellen und sozialen Natur der Menschen, nicht von natürlichen Tatsachen ausgegangen, sondern von einer absoluten und fiktiven Idealität, welche die Verneinung der menschlichen Solidarität sei. Mit seinen Angriffen auf den Protestantismus zielte Bakunin nicht auf Luther, für den er eine lebhafte Sympathie und mit dem er sich verwandt fühlte, sondern auf die Entwicklung, die der Protestantismus genommen hatte. Tatsächlich wurde im ganzen westlichen Europa Gott nur im deistischen Sinne verstanden, nämlich als individueller Gott und erste Ursache einer Kausalkette, nicht als der dreieinige Gott der Bibel, der sich im unendlichen Ganzen, im erscheinenden Ganzen und in der Person offenbart. Um nicht auf das häßlichste mißverstanden zu werden, mußte man andere Ausdrücke als die üblichen wählen. Auf einem ganz neuen Wege, durch Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, durch exaktes Denken, Anschauung und Gefühl kamen ahnungsvolle Geister zur Gottheit zurück und benannten sie diesem Wege entsprechend mit anspruchslosen, nüchternen Namen. In dem Buche eines Professors Stein aus dem Jahre 1843 lese ich folgendermaßen: »Das ganze äußere Leben der Menschen ruht auf zwei Angelpunkten, die man gleichsam die beiden absoluten Tatsachen des menschlichen Lebens nennen kann. Diese sind die Selbständigkeit des Einzelnen, die einzelne Persönlichkeit, und die selbständige Einheit dieser Einzelnen, die allgemeine Persönlichkeit. Beide greifen fortwährend ineinander, beide bedingen, durchdringen, bekämpfen, erheben und tragen sich gegenseitig; beide sind gleichartig und dennoch auf das wesentlichste voneinander verschieden; keine kann ohne die andere sein, und dennoch sind beide stets im Begriff, sich einander zu unterwerfen und ineinander aufzuheben.« Diese Urtatsachen des Lebens, die zu gleicher Zeit Urkräfte sind, haben die Völker stets gefühlt und Gott genannt, ihre persönliche Wurzel begreifend. Der Zusammenhang des Ganzen mit dem einzelnen spiegelt sich in der Idee von Gott Vater und Gott Sohn; nur freilich kann man jenes als leeren Begriff fassen, während dieser Ausdruck die Fülle der sittlichen Kraft, natürlichen Schönheit und Geistesgröße ahnen läßt, die die unendliche Masse der Erscheinungen zu einem vernünftigen und wundervollen, unerschöpflichen und unergründlichen Kosmos machen. Michel wurde es um so weniger leicht, auf die weihrauchschweren alten Namen zu verzichten und sich der Sprache der Wissenschaft zu bedienen, als er das unfruchtbare Wesen derselben durchschaute und bekämpfte. Er bekämpfte sie als diejenige Macht, die immer vom Leben abstrahiert und folglich im Grunde ohnmächtig ist. »Nur das Leben schafft Dinge und wirkliche Wesen. Die Wissenschaft schafft nichts, sie konstatiert, erkennt die Schöpfungen des Lebens.« Noch schärfer sagt er, sie bedeute ständige Opferung des Lebens auf dem Altar der Abstraktion. Er nennt die Wissenschaftler eine besondere Kaste, die viel Ähnlichkeit mit der Priesterkaste habe; sie hätten weder Sinn noch Herz für individuelle, lebende Wesen, er spricht von ihrer größenwahnsinnigen Anmaßung, die nicht kleiner sei als ihre Unfähigkeit, von ihrem abstrakten Gelehrtenhauch, unter dem alle Lebensquellen austrocknen würden. Wenn er an anderer Stelle sagt, daß die Wissenschaft an die Stelle der Religion treten müsse, so ist es nach dem Vorhergehenden klar, daß er etwas anderes dabei im Sinne hat als die von ihm bekämpfte Gegnerin des Lebens. Er meinte damit jedenfalls jenes Ausgehen von den Urtatsachen des Lebens, kurz gesagt vom Leben, welches er der Abstraktion, er nennt es auch Idealität, entgegenstellt.

Die Ausdrücke, die Bakunin gebraucht, dürfen uns also nicht darüber täuschen, daß er eine Religion, einen Glauben verkündet; wenn er an die Freiwilligkeit der Menschen appelliert, handelt es sich durchaus nicht darum, daß jeder tue, was ihm beliebe. Er nennt den Mittelpunkt seines Glaubens die menschliche Solidarität, wie die Bibel das Ganze als Gott Vater über den Sohn, die Einzelperson, stellend. Jeder einzelne wird in eine Gemeinschaft hineingeboren, die vor ihm war und die nach ihm sein wird; nicht der einzelne, sondern die Gemeinschaft ist das Ursprüngliche, wovon ausgegangen werden muß. Der Grundsatz der deistischen Zivilisation sei gewesen: Jeder für sich und Gott für alle; der Grundsatz einer künftigen Kultur solle sein: Jeder für alle und alle für einen. Die Nächstenliebe in der deistischen Zivilisation bedeutete im besten Falle eine Art Wohlfahrtspflege, während es Bakunin auf gemeinsames Leben auf Grund gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Besitzes ankam. Diese erstrebte neue Lebensform ruht auf der weltumwälzenden Einsicht, daß der Mensch kein in sich vollendetes Einzelwesen ist, sondern erst in der Gemeinschaft mit anderen Menschen sich zum Ganzen vollenden kann.

Soll ich noch einmal zusammenfassen, was Michel wollte, so war es Dezentralisation zugunsten von selbständigen Gemeinschaften und verantwortliche Persönlichkeit innerhalb der Gemeinschaft im Gegensatz zu der in unverantwortliche Individuen zersplitterten Masse. Dieses Ziel konnte natürlich nicht erreicht werden, indem man darauf hinarbeitete, die Macht des Staates zu verstärken, was Marx und schließlich auch Lassalle taten; Bakunin wollte ja den neben der Gesellschaft bestehenden Staat abschaffen, und da nicht daran zu denken war, daß er sich freiwillig auflöste, mußte er suchen, ihn zu zerstören. Er hielt es nicht für wünschbar, daß die Zerstörung vom Staate selbst aus geschähe, indem man sich einen Anteil an der Macht des Staates erkämpfte; sondern sie sollte von außen her, durch Elemente unternommen werden, die schon ganz andere Lebensgewohnheiten und Lebenskräfte mitbrächten. Ein Pugatschew mit seinen bäuerlichen Räuberbanden, das war es, wessen man seiner Meinung nach bedurfte. Den Jammer über den Untergang unserer Zivilisation verstand er nicht; er ging an den Museen und Kasernen und Palästen unserer Großstädte vorüber wie ein blonder Germanenkönig der Völkerwanderung oder wie Luther an den Herrlichkeiten Roms: Das sittliche Ideal, das er im Herzen trug, überleuchtete den Glanz der Welt und auch die edelste Schönheit. Noch mehr als Luther lebte er wesentlich durchs Ohr und nicht durchs Auge; Luther hatte Sinn für die bildende Kunst, während sich kaum eine Äußerung Bakunins findet, aus der man schließen könnte, daß Malerei oder Plastik irgend etwas für ihn bedeuteten. Wäre es aber auch der Fall gewesen, so würde die Art des modernen Kunstbetriebes seine Freude an der Kunst erheblich gestört haben, und in jedem Falle wertete er die Menschen und ihr Leben höher.

Woher aber sollte ein Pugatschew uns im Westen kommen? Er war wie Herzen der Meinung, daß für Europa eine neue Völkerwanderung bevorstehe und daß, um die Rolle der Germanen zu spielen, nur zwei Faktoren in Betracht kämen: die Slawen, insbesondere die Russen, oder die einheimischen Barbaren, das Proletariat. Beide, als noch unverdorben von der Zivilisation, hielt er für fähig, die Träger einer neuen Kultur zu werden; aber ein Einbruch der Russen, meinte er, würde mehr verwüsten und vernichten als eine Revolution des Proletariats, und darum sei die letztere vorzuziehen. Bei diesem Urteil kam gewiß auch in Betracht, daß er wirken wollte und, da er im Westen lebte, eher auf das westliche Proletariat wirken konnte als auf die Russen, sodann daß die elende Lage der Arbeiter sowieso eine gründliche Änderung notwendig machte. Aus dem Proletariat also sollten die Truppen hervorgehen, die im ungeordneten Ansturm die Welt, die bestehende Gesellschaft stürzen würden. Es war klar, daß dabei viel zugrunde gehen würde; das war in Bakunins Augen ein unvermeidliches Unglück; übrigens war er nicht für das jakobinische Köpfen der Feinde, das er für eine veraltete, nicht zweckentsprechende Methode hielt. Große Stücke hielt er auf das instinktive Vorgehen der Bauern zur Zeit der Französischen Revolution, die Pergamente zu verbrennen, auf welchen ihre Knechtschaft verbrieft war; man müsse bei einem Aufstand zuerst die Stadthäuser erstürmen, fand er, und die sämtlichen Papiere verbrennen, auf denen das Dasein der bürgerlichen Gesellschaft registriert ist. Er fühlte den Widerwillen des Naturmenschen gegen die papierene Grundlage der modernen Existenz mit. Und wer atmete nicht auf bei der Vorstellung, daß die unendliche Reihe muffiger Schreibstuben sich auftäte und die unendliche Reihe von fadenscheinigen Schreibern ins Freie entließe, die vom Morgen bis zum Abend unter Gähnen und Zähneknirschen sich bemühen, festzustellen, daß man ist, wer man ist, und hat, was man hat! Ein junger Russe, der Bakunin in seiner letzten Lebenszeit besuchte und ihn schon sehr leidend und schwerfällig fand, erzählt, wie der müde Rebell bei der Besprechung eines Putsches in Spanien sich belebte, als er erklärte, die Aufständischen hätten den Fehler gemacht, nicht zuallererst die amtlichen Papiere zu verbrennen; seine Augen begannen zu funkeln, er verjüngte sich in der Vorstellung einer Revolution, die die Spreu eines unnatürlichen Lebens fortwirbelt.

Die Forderung, daß der Mensch den Teufel im Leibe haben müsse, war ein wesentlicher Punkt in Michels Weltanschauung. Menschen, die, wie Elisée Reclus oder Fürst Krapotkin, nur mit sanfter Überredung und Edelmut wirkten und wirken wollten, erkannte er wohl an, aber nur mit einem gewissen Vorbehalt und Achselzucken. Er liebte die Revolte, die er im Satan personifizierte. Im Grunde nannte er gerade diejenigen Satan, die die Bibel Göttersöhne oder Propheten nennt, eine Verwechslung, die sich leicht wieder aus der herrschenden Auffassung aller göttlichen Dinge erklärt. Er fühlte die göttliche Notwendigkeit der Zerstörung und die Notwendigkeit der Gegensätze und Widersprüche überhaupt im ganzen Menschen und im Leben. Es war ihm wohl, wenn die Erde wankte und auch der Himmel verhängt war, er verließ sich auf das Gefühl in seiner Brust. Nicht nur auf das seine, sondern ebensosehr auf das Gefühl des Volkes. Deshalb richtete er an die russische Jugend in der Schrift »Romanow, Pugatschew oder Pestel?«, von der ich ausging, die Aufforderung, die denkwürdig geworden ist, ins Volk zu gehen, nicht um es zu beherrschen oder zu belehren, sondern um ihm zu helfen und von ihm zu lernen, sein berechtigtes Mißtrauen zu überwinden und mit ihm zur Beförderung seines innersten Wollens einig zu werden. Darauf kam es ihm ja gerade an, daß nicht die Willkür eines einzelnen, sondern der Wille der Gesamtheit verwirklicht werde. Allerdings gab es da Schwierigkeiten und Probleme. Er wußte, wie das Volk, das in die tatsächliche Lage wenig eingeweiht war, an der Idee des Zaren hing; es mußte also doch über manche Dinge belehrt werden. Er wußte auch, daß ohne Führer eine Vielheit von Menschen nicht handeln kann; es mußte also Führer, mit einer gewissen Machtvollkommenheit ausgerüstet, geben. Das war ihm klar; ihre Macht sollte nur nicht offiziell sein, sie sollten Vertrauensmänner, Vertreter des Gesamtwillens sein, die sich zum offiziellen Oberen etwa wie der Prophet zum Priester verhalten. Eine unsichtbare Kirche, einen nichtamtlichen Einfluß überlegener Geister hat es immer gegeben; bei Bakunin bekam sie mehr und mehr den Charakter einer geheimen Gesellschaft, denn es handelte sich nicht nur um Verbreitung von Ideen, sondern um Taten. Innerhalb der geheimen Gesellschaft sollte es Führerschaft und strengste Disziplin geben, die er doch im allgemeinen bekämpfte; allerdings unterstanden ihr nur solche, die sie durch ein freiwilliges Gelübde, um eines Ideals willen, auf sich genommen hatten.

Die Aufforderung, ins Volk zu gehen, fand Anklang in der russischen Jugend, der neuen Generation, die, des Redens müde, endlich handeln wollte. Sie sagten Herzen ab und folgten Bakunin, eine begeisterte Schar, die sich dem dionysischen Propheten als Opfer anbot.

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